Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Mein kaltes Herz (I’ll be back to stay)

with one comment

Update zu Entschluss, Amerikas Goethe zu werden und Leben im Konjunktiv:

Sehr geehrter Herr Wolf,

Sie erhalten dieses Schreiben, weil Ihr Ruf zu uns gedrungen ist. Den Weg, auf dem dies geschehen ist, vermuten Sie ganz zu Recht in Ihrem Weltruhm.

Wir sind eine kleine, aber in klimatischer und strategischer Hinsicht überdurchschnittlich günstig gelegene, außerdem autarke Inselkolonie im Westen von Irland, von der Sie noch nie gehört haben sollten. Ob Sie in uns Elysion, Fiddler’s Green, Avalon, Walhall, Nirwana, Shangri-La, Arno Schmidts Gelehrtenrepublik, die Res Publica Literaria oder etwas anderes erblicken, obliegt Ihnen selbst; alles davon ist richtig, wenn Sie es so wollen. Haben wir doch Verträge mit sämtlichen geographischen Instituten und Herstellern kartographischer Werke auf der Welt, uns in ihren Atlanten und Globen unerwähnt zu lassen.

Bei uns finden jene weltweit tätigen und bekannten Künstlerinnen und Künstler aller Ausrichtungen ihr Zuhause, die den Rummel um ihre Person satt geworden sind. Für einen Jahresbeitrag, der bei dem Status unserer Siedler als unerheblich gelten muss, bieten wir ihnen ideale Lebensumstände, absolute Diskretion sowie die schlüssige Legende ihres Ablebens.

Gegründet wurden wir Ende 1791 von Wolfgang Amadeus Mozart, der mit 35 beschloss, sein Lebenswerk für diesmal abzuschließen und sich nicht länger mit Freimaurern und Neidern herumzuschlagen. Eben das ist der Grund dafür, dass sein Grab unbekannt blieb. Auf dem Seeweg zu uns schrieb er „La Paloma“ und starb Mitte des 19. Jahrhunderts betagt und zufrieden.

Wilhelm Hauff, Kreidezeichnung von J. Behringer, Wikimedia Commons1827 holte Mozart den deutschen Schriftsteller Wilhelm Hauff zu sich, dessen Werke er auf dem irischen Festland in englischer Übersetzung kennen und schätzen gelernt hatte. Wie Sie sich erinnern, lautet die offizielle Version, dass Hauff im Alter von 24 Jahren den Folgen eines “Nervenfiebers” erlag. In Wirklichkeit übte er noch direkten, ja freundschaftlichen Einfluss auf James Macpherson, den Herausgeber der Gedichte von Ossian, der ebenfalls hier seinen Lebensabend verbrachte. Sein Spät- und Hauptwerk wird ausschließlich bei uns auf dem wahrscheinlich sichersten Server der Welt gespeichert. Und das wird auch so bleiben.

Als erste Siedler begaben sich Jane Austen und eine Generation später alle sechs (sic) Brontë-Geschwister in derart gute Gesellschaft: Schicksale wie die unserer Siedler sind ein Frauenmagnet.

In jüngerer Vergangenheit haben sich Zeitgenossen wie Marilyn Monroe, James Dean, Grace Kelly, Jimi Morrison, Jimi Hendrix, Mama Cass, Brian Jones, Janis Joplin, Jörg Fauser, Jacques Brel, Peter Rohland, Keith Moon, Sid Vicious, Freddy Mercury, River Phoenix, Frank Zappa, Douglas Adams, Kurt Cobain, Sandy Denny und natürlich John Lennon angesiedelt.

Alle der Genannten führen hier das Leben, das sie sich wünschten, als sie erst noch berühmt werden wollten; ihr Wunsch erfüllt sich jetzt, hier bei uns. Referenzen darüber erhalten Sie unter bestimmten Vorkehrungen zur Diskretion, die wir seit dem Zuzug von Elvis Presley einhalten müssen, der sich leider heute noch regelmäßig in seinem Herkunftsland sichten lässt.

Wenn Sie, Herr Wolf, sich in unsere Bevölkerung einreihen wollen, bitten wir Sie um Ihre Nachricht. Wir unterrichten Sie hiermit darüber, dass Sie ab sofort in unserer Kartei potentieller Siedler geführt sind, und werden uns jederzeit an Sie erinnern. Ihre Akte wird garantiert noch am selben Tag gelöscht, an dem Sie in realiter versterben. Die Werke, die Sie als unser Staatsbürger hervorbringen, bleiben Ihrem Urheberrecht unterworfen. Unsere Regierung leistet sich diese Caprice, weil sie in unserer Geschichte noch nie missbraucht wurde: Die Vorteile, wenn Sie ausschließlich bei uns veröffentlichen, überwiegen.

Ihr Fehlen in der Gesellschaft wird sehr gut begründet sein. Wir haben die besten Erfahrungen damit gemacht, unseren Siedlern Automobilunfälle oder Erstickungen am eigenen Erbrochenen anzudichten. Sollten Sie eine bestimmte, mehr oder weniger spektakuläre Todesart wünschen, sprechen Sie uns an. Unsere Agenten und Mediengestalter sind weltweit führend in Nachrichtenlancierung und Public Relations.

Was Sie bei uns erwartet, ist ein Leben nach Ihren eigenen Vorstellungen. Unser Großklima wird vom Golfstrom bestimmt und ähnelt daher dem Irlands und der Azoren, wenngleich mit deutlich geringerer Regenwahrscheinlichkeit. Luft- und Wasserqualität sind weltweit beispiellos.

Unsere Regierungsform ist die Basisdemokratie. In unserem Falle hat sich dieses soziale Experiment als tragfähig erwiesen, weil wir bei unseren Einwohnern mit einer gewissen sittlichen Reife und verwandten Interessen rechnen können. Der einzige Fehler, den einer der immer nur nach Bedarf durchwechselnden Opinion Leaders je begangen hat, war das Erheben von Steuern; er wurde noch vor Ende des ersten Erklärungszeitraums korrigiert. Seitdem lebt jeder einzelne Siedler so autark wie die gesamte Kolonie.

Als Residenz können sich Ihr Traumhaus einrichten oder eine Wohngemeinschaft mit Künstlern nach Ihren Absprachen eingehen. Ihr Lebensunterhalt wird sich wie bisher aus dem bestreiten, was Sie ohnehin am besten können.

Unsere Industrie und Landwirtschaft arbeiten praktisch ohne Zukäufe von außerhalb, was bedeutet, dass Sie sich fortan von rückstandsfreien Lebensmitteln ernähren werden. Schnapsbrennerei und Brauereiwesen sind zu einer Blüte gelangt, an welcher in der restlichen Welt noch nicht einmal geplant wird. Es gedeihen alle gängigen natürlichen Drogen. Der nordöstliche Teil unserer Insel ist der Besiedlung durch eine Frauensekte vorbehalten, die sich als Gemeinschaft von Tempelhuren versteht.

Warten Sie nicht zu lange mit Ihrer Antwort!

Mit freundlichen Grüßen,
(Schnörkelstrich)
Population Key Manager

Dieses Schreiben vernichtet sich bei Luftkontakt nach sieben Minuten selbst.

Bild: Wilhelm Hauff, * 29. November 1802 in Stuttgart; † 18. November 1827 ebenda:
Kreidezeichnung von J. Behringer 1826, in: Helmut Hornbogen: Tübinger Dichter-Häuser.
Verlag Schwäbisches Tagblatt, Tübingen, 1989, Seite 94.

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Sommerliedchen: New World Trio: Kara Kara Kimbiay, 1971.

Written by Wolf

29. November 2009 at 12:01 am

Posted in Wolfs Koje

One Response

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  1. […] Update zu Powerpoint zur teutschen Litteratur des 19. Jahrhunderts und Mein kaltes Herz (I’ll be back to stay): […]


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