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Leben mit Herman Melville

Heinrich Heine: Seraphine

with 10 comments

Christian Johann Heinrich Heine (* 13. Dezember 1797 in Düsseldorf als Harry Heine; † 17. Februar 1856 in Paris):

X

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

„Mein Fräulein! Sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.“

XI

Mit schwarzen Segeln segelt mein Schiff
Wohl über das wilde Meer;
Du weißt, wie sehr ich traurig bin,
Und kränkst mich doch so schwer.

Dein Herz ist treulos wie der Wind
Und flattert hin und her;
Mit schwarzen Segeln segelt mein Schiff
Wohl über das wilde Meer.

In: Neue Gedichte: Seraphine.

F. Mende nimmt als Entstehungsdatum des ganzen Zyklus Ende August 1832 an. Demnach wären die 15 Gedichte eine unmittelbare Antwort auf die polizeiliche Verfolgung und gerichtliche Verurteilung der saintsimonistischen Führer Barrault, Enfantin, Chevalier und Duveyrier seit Januar 1832 (Verurteilung 27. August 1832). […]

Für die Aufnahme der neuen Lyrik H[eine]s in den Kiritken im Deutschland der dreißiger Jahre ist es typisch […], daß diese beiden Gedichte oft genannt, aber gegeneinander ausgespielt wurden. Man glaubte zum Greifen nahe den Widerspruch aufdecken zu können, dessentwegen man H. bekämpfte oder zurückzudrängen versuchte: das eine Ged. wurde als Beispiel für H.s Frivolität zitiert, hinter der man mehr oder weniger deutlich und unbehaglich den Politiker, den Doktrinär versteckt glaubte, das andere als Ausdruck des poetischen Genies, das man fördern, von dem man entzückt werden wollte. […] Mit schwarzen Segeln: Tod der befreiten Geliebten, Ariachne/Theseus-Mythos.

In: Heinrich Heine: Sämtliche Schriften, Vierter Band, herausgegen von Klaus Briegleb, 1971.

Das ist nicht die Sonne die untergeht, sondern die Erde die sich dreht: Tomte: Die Schönheit der Chance aus: Hinter all diesen Fenstern, 2003.

Written by Wolf

13. December 2009 at 10:34 am

Posted in Laderaum

10 Responses

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  1. Aber Heine hat ja sehr viel von Seufzern lang und bang geschrieben, eine Art Parodie der Gelegenheitsdichterei, misslaunige Verse, auch feierlich à la Goethe die Eigenschaftswörter in die Länge gezogen:
    seewassersaufende — mondscheingefütterte

    Vielleicht hat er selten oder nie revidiert, etwa WYSIWYG gedacht oder dass das Publikum bessere Ware nicht verdiene.

    cantueso

    14. December 2009 at 10:49 am

  2. Mich stört bei Heine gern, dass er meistens nur Zeile auf 3 auf 1, aber kaum 4 auf 2 reimt, das ist geradezu Methode bei ihm. Hier tut er das aber, und auch sonst kann man ihn doch wirklich lieb haben.

    Wolf

    14. December 2009 at 5:39 pm

  3. Aber nein! Soll nicht stören, ist anti-Harmonie, ist wie Dylan’s

    “I am a poet
    and I know it”

    a joke of a rhyme, and Heine’s greatest things, the Matratzengruft ballads, don’t rhyme at all or (I remember vaguely), rhyme for just a while until rhyming falls into a pattern and then — ¡Bang! ¡Bangbang! — there comes a line that goes that goes all the way to the margin.

    Have you read Yehuda Ben Halevy recently? That is part of the Hebräische Melodien.

    To show you an example of how he destroys in this case a rhythm:

    “Fast mit Bitterkeit bemerkt sie
    Dass ein Ehemann, der wahrhaft
    Religiöse sei, das Kästchen
    Gleich zu Geld machen würde”

    Siehst Du die letzte Zeile?

    Yehuda Ben Halevy ist sehr lang aber ist pure Heine, the ultimate Heine, the Heine that beat Goethe’s greatest…maybe.

    I believe Yehuda is in the Romanzero, but can’t tell because the damned thing has fallen apart and the first part is where I read it last night, which is not near this computer, weisch.

    The four lines quoted are not supposed to be an illustration of great verse!

    cantueso

    15. December 2009 at 9:41 am

  4. Hm. Wie sag ich’s dem Kinde. The Yehuda is really long, but there are several parts to it and one, light and funny, is the fairy tale of a kleine güldne Truhe and Juwelen that Alexander gave to his friends

    Nach der Schlacht von Arabella
    Hat der grosse Alexander
    Land und Leute des Darius,
    Hof und Harem, Pferde, Weiber,

    Elefanten und Dariken,
    Kron’ und Zepter, goldnen Plunder,
    Eingesteckt in seine weiten
    Mazedon’schen Pluderhosen

    (No rhyme at all!) And he goes on telling you the complete story of the little Truhe all the way up through the Middle Ages and maybe even the French Revolution only to end up saying that, if the little Truhe were his, he would use it to keep in it the verses of Yehuda B.H.

    It is a great story.

    cantueso

    15. December 2009 at 9:54 am

  5. Well, now I looked at your two Heine poems. There the rhyme and the lack of it is not anti-Harmonie but in both poems a somewhat tired or sad playing with conventions. Both of these poems are Heine brought low.

    As other people would doodle, Heine wrote little poems of this kind since people seemed to enjoy them. Of course many are really sweet in spite of their shocking Auswegslosigkeit:

    “Mein schwarzes, gefiedertes Grossmütterlein!
    O komm mich im Turme besuchen!
    Komm, fliege geschwind durchs Gitter hinein

    .

    cantueso

    15. December 2009 at 10:11 am

  6. Whee, so many books snd so little time. Lyrik sollte idealerweys schon daran erinnern, wo sie herkommt: aus der Musik — oder wenn nicht, eine Entschuldigung dafür haben. Eins davon scheint der ungereimte Hebraicus ja zu leisten, wenn nicht sogar beides gleichzeitig. So much poetry, so little to dance.

    Wolf

    15. December 2009 at 2:28 pm

  7. It’s only a question of priorities.
    Somebody called it “hit-or-miss” rhyme.
    But not Entschuldigung.Have you seen his prophecy about Germany’s future? He was sometimes a rapper.

    cantueso

    16. December 2009 at 11:59 am

  8. Zufällig fand ich dies: Heine auf Schottisch. Die Uebersetzung ist von Edwin Morgan.

    Hat man viel, so wird man bald….

    Some hae mickle, and to thaim
    Mickle soon sall grow to muckle.
    He that hasna but a maik
    Sall tine his puckle’s hinmaist pickle.

    Yince ye’ve tint the last bawbee,
    Ach man, hang yersel on a widdie!
    Nane but thaim as has, can hae;
    Life, ye gowk, life disna need ye.

    mickle: a lot;
    muckle: a really big lot;
    maik: a halfpenny;
    tine: lose;
    puckle: a little bit;
    pickle: a really little bit;
    yince: once;
    tint: lost;
    bawbee: halfpenny;
    widdie: a rope;
    gowk:fool)

    cantueso

    19. December 2009 at 10:45 am

  9. Das ist ja eh so ein typisches Thema für Folksongs aus kargen Gegenden…

     

     

     

     

     

     

     

    Wolf

    19. December 2009 at 10:54 am

  10. […] Update for Seraphine: […]


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