Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Bounty Day, Wal in Lee, Fayaway

with one comment

Elke erzählt wahre Geschichten aus der Südsee:

Sailors are the only class of men who now-a-days
see anything like stirring adventure; and many things
which to fire-side people appear strange and romantic,
to them seem as common-place as a jacket out at elbows.

Herman Melville: Typee, Preface.

Elke HegewaldJedes Jahr am 23. Januar brennt die Bounty. Lichterloh, vor der Küste von Pitcairn.

Wie damals, vor 220 Jahren, als die neun vielleicht berühmtesten Meuterer ever auf der Flucht vor dem Strang der britischen Admiralität mit ihrem gekidnappten Dreimaster an diesem winzigen i-Punkt in der unendlichen Südsee gestrandet sind. An dem Tag, an dem sie unwiderruflich Insulaner wurden. An dem einer aus ihrer Mitte sie in den Stand von Isolatos erhob, als er das Fluchtfahrzeug ansteckte, um ihre Spur aus der Welt – und in sie – zu tilgen.

Am 23. Januar brennt die Bounty. Die Pitcairnier, deren kleine Gemeinde nicht einmal ein halbes Hundert Köpfe zählt, werden wie all die Jahre zuvor ein Vehikel dieses Namens hinaus aufs Meer schleppen und in die Flammen schauen, bis sie verlöschen und das Geheimnis des einstigen Verstecks ihrer geächteten Vorväter wieder ins Dunkel der Nacht taucht. Wenigstens das sind die Nachfahren Fletcher Christian alias Clark Gable alias Marlon Brando alias Mel Gibson, seinen Männern und deren polynesischen Frauen, die ihre Urmütter wurden, schuldig. Und John Adams, dem letzten der Meuterer und geläuterten frommen Guru († 1829), der sie in den Schoß der Kirche zurückführte. 23. Januar ist Feiertag auf Pitcairn. Bounty Day.

Was für unsereinen und den Rest der Welt nur ein zerlesener Dreiteiler von Nordhoff und Hall und ein paar kultige Monumentalfilme in Starbesetzung sind, ist für die Siedler des kleinen Eilands in der Südsee ihre Historie, eine Geschichte von Leben und Tod. Es hat nicht geklappt, wie man weiß, mit dem glücklichen Isolatodasein der Bountymannschaft, jedenfalls nicht gleich. In Tubuai, dem ursprünglich Auserkorenen, gab es Unfrieden und Dahingemetzelte statt Wahlheimat. Und auf dem bei ihrer Ankunft unbewohnten Pitcairn im Crash von europäischen mit polynesischen Werten und Mentalitäten, Inselkoller und Frauenmangel bald nichts als Suff, Mord und Totschlag. Ein Eldorado und Versuchsgehege für Tiefenpsychologen. – Dazu Robert Merles “Die Insel” lesen!

Die gerade noch rechtzeitige Alphabetisierung des letzten Bountyman Adams mit Hilfe der Schiffsbibel (die heute ehrenvoll im Inselmuseum aufbewahrt wird) vor der gegenseitigen Ausrottung bescherte der gebeutelten Nachkommenschar endlich doch noch alkoholische Abstinenz, Gottesfurcht und Menschenliebe. Und ihrem frommen Obervater seine Begnadigung, Verewigung im Namen der einzigen Inselsiedlung (Adamstown) sowie ein romantisch verwittertes Grab mit Seeblick im Kreise seiner Frauen hoch über der Bountybay, dem dermaleinstigen Landeplatz.

Und jeden 23. Janaur brennt die Bounty. Wegen alledem.

***

Die Gegend da mit den spärlich in die Weiten der See gestreuten Inselperlen hat es sowieso in sich, was Strandungen, menschliche Dramen und berühmte Geschichten angeht. Die in Januartagen schicksalhaft kumulierten. Denn der selige John Adams lebte noch, als fast genau 30 Jahre später, im Dezember 1820, zwanzig Männer in drei mit Segeln aufgerüsteten Walbooten durch Sturm und Wasser nebenan die Nachbarinsel Henderson erreichten. – Das waren die Schiffbrüchigen des Nantucketer Walfängers Essex, den Wochen vorher ein Pottwalbulle versenkt hatte, der das literarische Vorbild für Herman Melvilles Moby Dick werden sollte. Nebenan heißt in diesem Fall: nur 400 Meilen entfernt. Ein Klacks, in Südsee- und Schiffbruchdimensionen gedacht. Die lebten damals auch alle noch, die Whalemen der Essex. Und sie ahnten nicht, wie nah sie ihrer Rettung waren, als sie – bis auf drei – wieder ablegten. Ahnten nicht, wie gern und liebevoll der alte Inselvater von Pitcairn samt seiner Großfamilie sie wieder aufgepäppelt hätte.

So fuhren sie mit vollen Segeln nicht nach Westen, sondern gen Osten Richtung Festland – ‘die Küste hinauf’, wie sie es im Walfängerjargon lakonisch nannten. Nur, dass zwischen ihnen und dieser Küste tausende Seemeilen lagen. Es folgte eine Tragödie, an deren Ende sie kannibalisch ihre toten Kameraden aufaßen und die nur fünf Männer überlebten. Ironie des Schicksals: ihren verhängnisvollen Kurs bestimmte die Angst vor menschenfressenden Polynesiern auf den ihnen unbekannten Inseln. Zum einen. Zum anderen waren es ihre Nantucketer Sturschädel.

Nantucketer misstrauten grundsätzlich allem, was über ihren persönlichen Erfahrungshorizont hinausging.

schrieb Nathaniel Philbrick in seinem preisgekrönten Dokumentarroman ‘Im Herzen der See’.

Ihr im wahrsten Sinne des Wortes weit reichender Erfolg im Walfang gründete weder auf radikalen technischen Fortschritten noch auf möglichem Mut zum Risiko, sondern auf einem tief verwurzelten Hang zum Althergebrachten… Jede Neuigkeit, die sie nicht aus dem Mund eines anderen Nantucketers erfuhren, war ihnen suspekt.

Nathaniel Philbrick: Im Herzen der See. Karl Blessing Verlag München, 2000, 1. Auflage, Seite 135.

Und Melville selbst kritzelte an seine eigene Ausgabe des Owen-Chase-Berichts:

All the sufferings of these miserable men of the Essex might, in all human probabiltity, have been avoided had they, immediately after leaving the wreck, steered straight for Tahiti, from wich they were not very distant at the time, & to wich, there was fair Trade wind. But they dreaded cannibals, & strange to tell knew not that… it was entirely safe… to touch at Tahiti. But they chose to stem a head wind, & make a passage of several Thousand miles… in order to gain a civilized harbor…

In: The Loss of the Ship Essex, Sunk by a Whale. Penguin Books. NY 2000, p. 78/79.

Was alles uns wieder mal lehrt: Wissen kann Leben retten. Und es hätte schon geholfen, wenn der Essex-Captain Pollard oder sein Erster Maat Owen Chase 1819 vor dem Auslaufen ihres Schiffes ordentlich Zeitung gelesen hätten, statt nur volle Walölfässer im Kopf zu haben. Das nahegelegene Lokalblatt New Bedford Mercury zum Beispiel, in dem ein Captain Townsend sich im April brühwarm über die Nahrungsumstellung der Typees auf dem marquesischen Nuku Hiwa von Menschenfleisch auf gastfreundlichere Kost ausgelassen hatte (siehe Philbrick, a.a.O., Seite 133/134).

***

Womit wir auch noch die dritte Örtlichkeit dieser wasserreichen Gegend ausgemacht haben, in der das Leben Verbüchertes über kultige Realisolatos schrieb. Die Heimat von Fayaway, dem Inselmädchen des “Typee”-Helden. – In dem bekanntermaßen der eine oder andere Liter lebendigen Herzblutes unseres Moby-Vaters aus eigenen Abenteurer- und Walfängertagen pulst. Wie immer sie hieß, er hat sie selbst gekannt, vielleicht sogar geliebt, seine Fayaway, die Inselblume von Nuku Hiva.

––– Und irgendwo hier am Spreestrand, vielleicht im Pankower Café Garbáty, feierte dieser Tage Einer seinen 73. Geburtstag, dem wir – neben ungezählten anderen – eine der schönsten und lehrreichsten Illustrierungen von Melvilles ‘Typee’ und Fayaways Welt verdanken. Für die erhielt er 1979 den Grand Prix der Biennale Bratislava: Klaus Ensikat. Der soll sich inzwischen zur Ruhe gesetzt haben. Vielleicht irgendwo hier in Berlin am Flussufer mit Zugang zum Meer, wo er gerade ein Moleskine vollkritzelt. Denn wir hoffen ja immer noch, dass der seine Drohung nicht ernst meint…

Bilder: Exercise Bounty Bay; HMS Bounty; Kirche von Adamstown, Pitcairn; Flickr; Elke.

Written by Wolf

23. January 2010 at 12:03 pm

Posted in Smutjin Elke

One Response

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  1. […] zu Moby-Dick – The True Story und Bounty Day, Wal in Lee, Fayaway (beide von Elke und mit den nötigen […]


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