Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Wie werde ich Dichter? Bei Lehmkuhl auf dem Flügel liegen. Drei Antworten mit drei Links und drei Bildern.

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Update zu Zu schusslig für die Metadaten, aber am Copyright-Symposium La Paloma pfeifen:

Alle Menschen in Deutschland, die vom Schreiben belletristischer Bücher leben können — ohne Nebenjob, ohne Taschengeldfortzahlung, ohne Hartz IV — passen in den Atzinger (Ecke Schelling/Amalien, wer’s kennt). Mit Sitzplatz. Und da sind zwei Thekenkräfte und zwei Germanistikstudentinnen als Bedienung, die eigentlich auch einen Sitzplatz wollten, noch nicht mal überfordert. Wer noch einen Platz an der Theke will, abonniert seit einigen Jahren die Newsletters der Federwelt und von Sandra Uschtrin, das kommt der einzig sinnvollen berufsbildenden Maßnahme zum Schriftsteller noch am nächsten.

Im aktuellen Newsletter der Federwelt befragt deren Betreiber Andreas Wilhelm den Betreiber des Literaturcafé Wolfgang Tischer. Fünfzehn Jahre wird dieser hochverdiente Laden schon — für Internetverhältnisse schon gar nicht mehr fossil, sondern nachgerade vintage. Ich kopiere den Text des Drei-Fragen-Interviews ungekürzt ab, weil Sie, wenn Sie hier weiterlesen müssen, erst die nächste Ausgabe bekommen.

Ich hab noch nie so luzid auf dem Punkt gehört, was junge Menschen, die “Schriftsteller werden” wollen, hören sollten. Wo immer ein Browser installiert ist, gehört das Literaturcafé seit jeher in die Bookmarks, und wer halbwegs dem Lesen und Schreiben etwas abgewinnen kann, abonniere Federwelt und Uschtrin.

3 Fragen an … Wolfgang Tischer (literaturcafe.de)

Underwood. Boss and Sexy Legs. Typewriter MuseumDeine Website literaturcafe.de betreibst du inzwischen seit fast 15 Jahren. Was sind die auffälligsten Veränderungen, die du in den letzten Jahren festgestellt hast, welche Schwerpunkte haben sich ergeben, hinsichtlich der Themen, aber auch hinsichtlich des Feedbacks und der Kommentare deiner Leser?

Als ich literaturcafe.de im Jahre 1996 eröffnet habe – damals noch nicht unter der eigenen Domain, denn Domainnamen waren noch verdammt teuer – war das Internet dank der großen Provider erstmals für Nicht-Studenten und andere Menschen erreichbar.

Damals musste man noch HTML beherrschen, um im Web zu veröffentlichen, und so war das literaturcafe.de am Anfang mehr oder weniger eine reine Veröffentlichungsplattform.

Ich erinnere mich noch an Projekte wie ein Online-Reisetagebuch, das damals unglaublich aufwändig und schwierig zu realisieren war. Das hat sich natürlich mit Blogs und Facebook und zig anderen Anwendern geändert und überholt. Wer einen Browser bedienen kann, der kann einen Text ins Netz stellen. Also haben wir diesen Bereich reduziert.

Traditionell besitzen wir eher eine kritische Herangehensweise und so wurde das Angebot von literaturcafe.de immer journalistischer. Malte Bremer beleuchtet Prosa und Lyrik kritisch und gibt Tipps. Gleichzeitig finden sich viele Berichte, Tipps und Warnungen für Autoren, Leser und Verlage im literaturcafe.de. Wir versuchen auch immer wieder, Autoren aufzuzeigen, wie die Branche funktioniert und welche realistischen Möglichkeiten ich habe, auf mein Buch auch mithilfe des Internet aufmerksam zu machen. Und wir haben natürlich seit jeher einen kritischen Blick auf all diejenigen, die “Autoren suchen”, angefangen bei den Zuschussverlagen.

Das Feedback der Leser war und ist immer hoch, gerade auch was per Mail reinkommt. Das kann mittlerweile nicht mehr alles individuell beantwortet werden. Allerdings erkennen wir so recht gut, was von Interesse ist, und wir versuchen diese Themen dann in Artikeln aufzugreifen.

Underwood. Sexy Legs. Typewriter MuseumNicht nur das literaturcafe.de, auch viele andere Websites bieten inzwischen Informationen rund ums Schreiben und die Branche. Man sollte meinen, im Internet sei alles zu finden, was man wissen muss, um ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen, um in der Branche Fuß zu fassen. Hast du das Gefühl, es ist tatsächlich einfacher für Autoren geworden, als früher, oder ist das ein Trugschluss?

Ich habe immer geglaubt und gehofft, dass das Internet den Prozess der Veröffentlichung demokratisiert und transparenter macht. Leider merke ich nicht viel davon und erlebe auch jetzt, wie einige Bauernfänger nach wie vor Leute abzocken, die dann Tausende von Euros für ein Buch ausgeben, das auf leeren Versprechungen beruht. Dabei hätten Sie nur einmal googeln müssen.

Ja, man muss immer und immer wieder die Grundthemen durchkauen. Zum 3.294 Mal erklären, dass ein Verlag ein Wirtschaftsunternehmen ist und niemanden ein “ironischer Roman, der die Probleme unserer Zeit mit einem Augenzwinkern beleuchtet” interessiert. Man muss die Normseite erklären und und und und … Immer die Basisdinge, das ist wichtig. Insofern freue ich mich, dass derzeit Tom Liehr für das literaturcafe.de eine Miniserie schreibt, in der er der Frage nachgeht: Warum werde ich nicht veröffentlicht?

Ich sage es mal ganz offen, auch wenn das überheblich klingen mag, aber man muss es so deutlich sagen: Früher gab es die Schreibgruppen in der VHS, in denen man sich gegenseitig lobte. Dann war auch noch die Oma vom Manuskript begeistert und so glaubte die Enkelin, sie sei die kommende Nobelpreisträgerin für Literatur und machte sich auf eine zweifelhafte Verlagssuche.

Heute finden diese Lobeszirkel nicht mehr zur Abendstunde in muffigen Schulräumen statt, sondern auf Facebook und Co. “Hey, ich finde deine Vampirstory echt mega cooler als Stephenie Meyer. Solltest du mal einem Verlag anbieten.”

Und dann bekommt man eine Mail: “Wie finde ich einen passenden Verlag?” Und man stellt fest, dass die vermeintliche Autorin selbst noch nie eine Buchhandlung von innen gesehen hat. Da würde sie ähnliche Bücher am laufenden Meter finden.

Aber so sarkastisch möchte ich eigentlich gar nicht klingen, wie das jetzt vielleicht rüberkommt. Es macht nach wie vor Spaß, Aufklärungsarbeit zu leisten. Und manchmal ist den Leuten mehr geholfen, wenn sie einmal ordentlich vor den Kopf gestoßen werden, als wenn sie mit Pseudotipps hingehalten und falsche Hoffnungen geschürt werden. Und ich möchte auch nichts Negatives über VHS-Kurse gesagt haben. Da gibt es ganz großartige Kursleiter.

Underwood. Nude Standing. Typewriter MuseumDas Internet stellt sich als immer interaktiver dar, die technischen Möglichkeiten für aufstrebende Autoren, sich an die Öffentlichkeit zu wenden, werden immer vielfältiger. Man kann seine Kurzgeschichten oder Exposés in Portalen von anderen Nutzern beurteilen lassen, man kann seine Bücher als eBooks selbst herausbringen oder auf Bestellung gedruckt per Print-on-Demand anbieten.

Es gibt viele Wege in der Hoffnung, von Verlagen entdeckt zu werden. Was hältst du von dieser scheinbaren Zerfaserung, und was bedeutet es für den traditionellen Weg in einen Verlag zu einer klassischen Veröffentlichung? Ändert sich da etwas, oder ändert sich in Wahrheit gar nichts?

Diese ganzen Dinge, diese Portale und Print-on-Demand-Dienstleister, sind eine feine Sache. Man kann bei wirklich seriösen Dienstleistern für 0 Euro sein Buch bestellbar machen, das der Leser dann gedruckt in den Händen hält. Alles was ich machen muss, ist zu wissen, wie ich bei Open Office ein Dokument als PDF speichere und im Web hochlade.

Aber wenn du mit den meisten Leuten sprichst, dann wollen die das nicht. Alle wollen doch gleich die Hardcover-Ausgabe ihres Werkes sehen, die in jeder Buchhandlung steht und die die Bestsellerlisten erklimmt und über deren Autor auch schon mal RTL Exklusiv eine Homestory bringt. Der Bucherfolg über Nacht.

Dass das aber so selten passiert, liegt nicht an den bösen Verlagen, die keine Manuskripte mehr lesen und nur noch Bücher von B-Promis veröffentlichen. Nein, es liegt nun einmal daran, dass es zu wenig gute Manuskripte gibt, die wirklich Verkaufschancen haben. Und wenn diese Bücher nun bei einem Print-on-Demand-Dienstleister oder als eBook über eine Web-Plattform zu haben sind, dann ist das toll. Wieder ein paar Bäume gerettet. Aber schlechte Manuskripte finden auch dort keine Leser. Es ist schwierig, das dem Autor zu vermitteln: Es liegt nicht am Verlag, es liegt an deinem Manuskript.

Natürlich beginnen die Verlage zu verstehen, dass es durchaus Manuskripte gibt, bei denen sich vielleicht der Druck nicht lohnt, die man jedoch günstig als eBook verkaufen könnte und auf diesem Wege ein finanzieller Gewinn zu erzielen ist. Der Droemer Verlag eröffnet demnächst so eine Plattform, und ich denke, darum geht es für die Verlage: Die haben erkannt, dass gerade im eBook eine Chance liegt, neue, kleinere Zielgruppen zu erreichen und “Kleinstauflagen” zu verkaufen. Und – hey – vielleicht ist ja da sogar die Perle darunter, die es dann ins Hardcover schafft.

Ich kann auch so eine Erfolgsgeschichte erzählen, dass eine Autorin, die im literaturcafe.de veröffentlicht hat, aufgrund dieser Geschichte nun bei einem großen Verlag untergekommen ist. Das wird es natürlich immer geben. Aber die Wahrscheinlichkeit ist fast genauso groß wie die, dass eine Sozialhilfeempfängerin mit einer Jugendbuchserie zu einer der reichsten Frauen der Welt wird. Man sollte die Hoffnung nicht verlieren. Es spielen ja auch viele Menschen Lotto.

1998, zwei Jahre nach dem Literaturcafé, hab ich mich mit zwei literarischen Websites bei Geocities unters literarisch tätige Internetvolk gemischt — die Domainnamen wolfstory.de und schilderbilder.de waren über freedoms.de übrigens umsonst zu haben — und unterstützte bereitwillig aufstrebende Schreiber auf junges-lektorat.de. Aus meiner anhaltenden Eigenwahrnehmung muss ich einst wie jeder Siebzehnjährige mit einem großmächtigen Gedichtband, der auf Unverständnis stieß, bei den Verlagen Klinken geputzt haben, wollte aber nie ernsthaft bei Lehmkuhl auf dem Flügel liegen, und war zu meinem Internetanfängen gefestigt genug und froh, in Ausbildungen für Werbetext und Lektorat gelernt zu haben, dass Dinge wie o.a. ironische Romane, welche die Probleme unserer Zeit mit einem Augenzwinkern beleuchten, nichts taugen können, weswegen man das meiste lieber sofort kaltherzig und unaufgefordert wegschmeißt. Das ist eine Weise, seine Würde zu bewahren. Und schauen Sie mal: Heute gibt es weder Geocities noch Freedoms noch das Junge Lektorat noch die Wolfstory noch die Schilderbilder noch meine erste Werbeagentur mehr, was ganz schön viel ist, wenn man’s so herzählt — aber mich gibt’s noch. Das HTML für die Weblog-Einträge schreibe ich weiterhin von Hand, die Thekenplätze beim Atzinger sind ganz ordentlich.

Trotzdem bin ich so frei, die Gelegenheit zu nutzen, mal wieder ein paar Bilder herumzuzeigen, die nur sehr peripher mit dem Thema zusammenhängen, auf denen jedoch mein kunstverständiges Auge wohlwollend ruht, denn wo soll man sie denn bitte sonst herumzeigen. Es ist eine Lust, im einundzwanzigsten Jahrhundert zu leben.

yyellowbird, diamondsandgold, 15. März 2008

Bilder: Typewriter Museum: Typewriter Erotica, Underwood 1920s, courtesy by Typistries collection;
Cari Ann Wayman: Diamonds and Gold featuring an Underwood, 15. März 2008.

Written by Wolf

3. September 2010 at 7:52 am

Posted in Reeperbahn

3 Responses

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  1. Oh, was für charmanter Kontext, sich hier zu lesen. Bis auf die Kleinigkeit, dass Titus Müller die redaktionelle Betreuung des Federwelt Newsletters seit Anfang 2009 an mich weitergegeben hat:
    http://www.uschtrin.de/titus_106.html
    Was der Trefflichkeit der Antworten keinen Abbruch tut!

    Andreas Wilhelm

    5. September 2010 at 10:37 am

  2. Danke für Anerkennung! Den Titus Müller netnehme ich dem Mailkopf, ein anderer Name fällt da überhaupt nicht auf. Ist verbessert.

    Wolf

    5. September 2010 at 11:03 am

  3. […] zu Absurd and Nonprofit, Bei Lehmkuhl auf dem Flügel liegen und Of the Monstrous Pictures: Melville Ponders Sperm-Whale […]


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