Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Moby Dick, du schwimmendes Gehirn im schwarzen Pulli…

with 4 comments

Hannah ist ja jetzt neu auf der P.E.Q.U.O.D.. Was sie letztendlich zu diesem Schritt qualifizieren konnte, war ihre Bewerbungsvorlage Moby Dick, du schwimmendes Gehirn im schwarzen Pulli…. Was sie zu diesem Schritt bewegen konnte, hat sie selber sofort wieder verdrängt.

Hannah BayerUnd er bürdete dem Buckel des weißen Wals die Summe der Wut und des Hasses der ganzen Menschheit auf.

Mal ehrlich, wenn man studiert hat, kann man sich natürlich in Strickjacke und schwarzem Rollkragenpolluver hinsetzen und sich bei einem Glas Rotwein gegenseitig erzählen, wie vielschichtig die Bedeutungsebenen diverser Romane sind. Man kann über Philosophie sprechen und Soziologie und „die Gesellschaft“ und „das System“ analysieren. Man kann sich darüber unterhalten, dass man ja eigentlich kein Fernsehen schaut, sondern eher mal Kant liest, oder Chomsky. Achja, die Werke zur Universalgrammatik, oder eher die Globalisierungskritik?

Kann man machen. Wir hatten aber unsere Rollkragenpullover nicht dabei.

Abends. Ein Café in einer malerischen Altstadt. Vor uns zwei heiße Schokoladen.

„Mann, das zog sich ja so hin, das Scheißbuch. Und ich denk ja, am Schluss kriegt der Scheißwal endlich mal die Platte! Nix gibt’s! Der stirbt ja nichtmal! Alle anderen sterben! Nur der Ismael, der schafft’s. Das sind mit Sicherheit wieder so ganz viele Schichten und Ebenen, die ich nicht verstehe, weil ich wieder nur die Oberfläche raffe, echt.“ Ihre blauen Augen blitzen wütend.

„Naja, das alles soll ja sagen, dass Rache sinnlos ist und dich nur selbst in den Untergang treibt und alle anderen mit dir. So viel weiß ich zumindest ohne das Buch gelesen zu haben.“ So viel weiß ich zumindest durch Star Trek: First Contact. Danke, Captain Picard. Wieder einmal lässt du mich gebildeter wirken als ich bin.

„Das soll das bedeuten? Kannste mal sehen.“

„Und zum Beispiel ist ja auch eine Deutung die homosexuelle Ebene.“

„Was?! …Na gut, am Anfang schlafen alle zusammen im Bett und so.“ Sie streicht sich das Haar aus dem hübschen Gesicht, nimmt noch einen Schluck heiße Schokolade und wechselt gedanklich wieder zum Erzählstrang. „Aber da kommt so ein Bekloppter vor! Also eigentlich drei. Und der erste an Land, der kommt auf die zu und lässt die ganze Zeit finstere Prophezeiungen los und ich hatte dermaßen Schiss beim Lesen! Ich hab gedacht, hoffentlich taucht der nicht nochmal auf! Naja, eigentlich dachte ich, wär cool, wenn der nochmal auftauchen würde. Und der Wal, der ist intelligent, praktisch ein schwimmendes Gehirn, und richtig bösartig.“

„Am liebsten würde ich das alles aufnehmen und veröffentlichen.“

„Was? Warum das denn?“

„Na, das ist mal Moby Dick für Nicht-Literaturwissenschaftler.“

„Klar, Mann!“

Mit Hannah, in diesen heil’gen Hallen neugeboren im Sternzeichen SCH.W.A.R.Z.W.A.L. (SCHaurig Witzige Aber Reichlich Zerzauste Wal-Affine Literatin), ist ab sofort zu rechnen. Hat sie schon mal für jemand, der nichts anderes als Linguist gelernt hat, nicht schlecht gemacht, stimmt’s?

Moby Dick. Ugliest Tattoos, the Gallery of Regrets

Bild: Ugliest Tattoos, the Gallery of Regrets: Or, the Fail, 16. August 2010.

Written by Wolf

5. September 2010 at 12:01 am

4 Responses

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  1. Na, da ist ja mein teures Bewerbungsfoto endlich für was gut! Ich bin extrem stolz, hier mitzumachen. Und jetzt kann ich alles.

    Aber echt, “nichts anderes als Linguistik gelernt”?! Was glaubst du denn, womit ich mir meine Pflichtwochenstunden im Studium zusammengemogelt habe? Auch beim Schlafen in Literaturvorlesungen bleibt gelegentlich was hängen, zumindest nicht deutlich weniger als bei Literaturwissenschaftlern üblich. Und außerdem hab ich auch noch dick Keltologie im Magisterzeugnis stehen, ich werde also mein Bestes geben, den Moby Dick auf irgendwie auf obskure altirische, wenn nicht gar präindoeuropäische Quellen zurückzuführen!

    Herzlichst
    Serviertochter H.
    (Wenn schon noch nicht interstellare Küchenhilfen, dann ja immerhin das.)

    phrixuscoyote

    6. September 2010 at 1:07 pm

  2. Mein Vater formulierte seine Fragen zu meinem beruflichen Fortkommen so, ob ich endlich lang genug zum Lesen und Schreiben in die Schule gegangen wär. Meine Frage insinuiert wenigstens noch, dass du überhaupt irgendwas gelernt hast .ò)

    Au ja, Melvilleische Keltika und keltische Melvilleana. Die zwei offiziellen anderen müssen noch zustimmen — nicht dass ich an ihrer Begeisterung zweifelte; verkündet hab ich dich am Samstag. Wahrscheinlich jubeln sie noch…

    Wolf

    6. September 2010 at 4:22 pm

  3. […] im Ausguck. Vielleicht kaufen sich alle noch einen schwarzen Rollkragenpullover, was doch sowieso Hannahs allererster Vorschlag war, dann kriegen sie den ganzen Tag das ganze Jahr frischen Kaffee hingefahren und müssen nie […]

  4. […] schreibt denn Phrixus tatsächlich nun über Ahab und den weißen Wal… I, Ishmael, was one of that crew; my shouts had gone up […]


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