Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Zwei Windjammer für eine Wasserleiche

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oder: Seefahrt ist not!

Elke feiert den und die Gorch Fock vermittelst eines Updates zu ihrem Kapitel 35: You hear of no domestic afflictions; bankrupt securities; fall of stocks:

Elke Hegewald“Denn nehm ik den Jungen mit no See, Mudder, dat weest du jo, dor is all genog ober snackt worden” […] “Un ik segg di soveel, Klaus Mees, du kriegst den Jungen ne mit no See! … Is genog, wat ik em soveel oppe Ilw loten mütt: no See schall he noch ne!” […] »Geef di, Gesa… De Jung kummt düssen Sommer mit no See, dat is so gewiß as de Heben. He schall bitieds seefast warrn!”

Aus: Gorch Fock. Seefahrt ist not!

Eigentlich sollte die Geschichte ja mit einer Quizfrage anfangen:

Wie alt ist Gorch Fock?
a) 77 Jahre
b) 52 Jahre oder
c) 130 Jahre?

Doch umgehend geriet ich ins Grübeln: zum einen, ob man nicht eine ausgewachsene Meuterei anzettelte, auf dem Achterdeck des allgewaltigen Käpt’ns eigenmächtig Ratespiele auszusingen [Ach, woher denn. Die Preise müssen eh weg .ò) Der gewaltige Käpt’n]. Zum anderen, ob das überhaupt so eine glückliche Idee wäre. Schließlich sind neben dem Kerl im Ausguck auch zwei Damen beteiligt, und dass die nicht so gern auf ihr Alter angesprochen werden, weiß man ja. — Na gut, nur für die Passagiere auf dem Sonnendeck, die nicht weiterlesen wollen: richtig gewesen wäre c). Und a). Und b).

Für alle Leicht- und Vollmatrosen unter uns Hobby- und Mobyschiffern nochmal alles auf Anfang.

Gorch FockFast jeder lütte Jong im Norden träumt davon, zur See zu fahren. Erst recht, wenn er auf Hamburgs damals noch Elbinsel Finkenwerder mitten zwischen Fischern und Netzen und Kuttern zur Welt gekommen ist. Das Meer ist Abenteuer und Sturm und Wind und das Gegenteil von hinterm Ofen hocken. So wollte auch lütt Johann zur See, mehr als alles andere. Und die Zeichen standen gut: Er sprach ein lupenreines Inselplatt, kannte die gängigen Shanties und jeden verdammten Schullengrieper in der Gegend, handwerkliches wie familiäres Umfeld stimmten und als ältester Spross des Hochseefischers Kinau würde er sicher dereinst das Ruder von dessen Ewer übernehmen. Doch das Schicksal in Gestalt des Fischervadders wollte es anders. Selbiger befand nach kurzem Ausprobieren seinen Johann für seeuntüchtig und zu schwächlich und musterte ihn ab, kaum dass der auf dem Kahn angeheuert hatte.

So kam es, dass aus dem Jong kein Seewolf, sondern ein Bürohengst wurde. Was tut so einer mit seinen Träumen? Er gab sich einen Namen, der klang, als hätte er ihn vom vordersten Mast eines Seglers statt aus der buckligen Verwandtschaft gezerrt, und schrieb sich die Sehnsucht aus dem Leib.

Bald kannte jeder zeitgenössische lütte Hein und Kutteldaddeldu da oben Gorch Focks Gedichte und Geschichten über die See und das Fischerleben auf Hochdeutsch oder in munterem Platt oder beidem in eins und vorbei waren die Zeiten vom schmächtigen Johann. Erst in lokalen Blättern, schnell und erfolgreich bald mit eigenständigen Werken auf dem Markt, verströmte er, was die Leute lesen wollten. Das alles verpackt in eine kräftige Dosis Pathos, Nationalismus und Überschwangspatriotismus, die den heute Nachgewachsenen sicher weniger bekömmlich vorkommen. Aber womöglich erklären, warum späterhin nicht nur von einer auf tausend Jahre hochgetakelten Reichskriegsflotte, sondern auch einer anschließenden Friedensmarine Johanns Künstlername gleich zwei Windjammern auf den Bauch gepinselt ward, in deren Wanten mittlerweile Generationen von Seekadetten Zucht und Schliff und Segelhandwerk lernten.

Sein Bestsellerroman “Seefahrt ist not!” (beiläufig mit einem norddeutschen Father Mapple als Einstieg) brachte es dann gar zur norddeutschen Schulpflichtlektüre. In der statt des vergessenen Bürohengstes zudem ein raffiniert verfockter Schimmelreiter galoppiert, bisweilen sogar irgendwie rückwärts.

Das allerdings fand erst runde achtzig Jahre später sein Hamburger Stadt- und Landsmann Robert Wohlleben heraus. Was einen wiederum auch nicht sonderlich zu wundern braucht, wo man von dem ja schon ähnlich gefärbtes Entdeckertum inmitten Arno Schmidts “Caliban über Setebos” kennt. Wohlleben (dessen selbstverlegerte Abhandlung über den “Schimmelreiter von Finkenwerder” vielleicht hier mal einen extra Beitrag wert ist) sortiert den Johann nicht nur – aus Gründen – in eine Reihe mit uns’ allgelesenem Karl Mayen:

Literatur-Ikone wie Karl May ist auch Gorch Fock […]. An die Vielmillionen-Auflagen Karl Mays kommt sein eines Erfolgsbuch SEEFAHRT IST NOT! nicht ran, dazu ist es wohl zu wasserkantig. Aber mit etwa einer Million dürfte die Gesamtauflage nicht gar so falsch geschätzt sein. Inklusive der leicht gekürzten Schulausgabe aus der Nazizeit…

sondern verwahrt sich auch gegen dessen schnellschlichte und -schlüssige Einsortierung in deren braunes Gedankengut:

“Und nein: Ich lehne es strikt ab, Gorch Fock auf solcherlei Vereinnahmungen hin als »Vordenker nationalsozialistischer Ideologie« verstehen zu wollen. Soll ich denn die Faschisten in ihrem literarischen Urteil ernstnehmen?! So was passiert aber! Recht kürzlich erst durch KD im Nachschlageband zum Hamburger Liederbuch AN DE ECK STEIHT ’N JUNG MIT’N TÜDELBAND (Hamburg, Dölling und Galitz 1993). Wie auch immer bei Gorch Fock die deutsche Flagge weht und in den Briefen aus den Vernichtungsschlachten des ersten Weltkriegs bald etwas wie Chauvinismus aufgischtet … es fehlt der Kern todkalten Hasses. So führt die Gorch-Fock-Lektüre nicht zum Anblick dieser Gorgo Medusa, wie sie uns durch Faschismus bekannt sein sollte, sondern allenfalls zum Jammerbild der blind sich an Moden und »Zeitströmungen« ankuppelnden Ich-Schwäche. (Ach…!)

Zitate aus: Robert Wohlleben. Der Deichgraf blieb im Skagerrak, fulgura frango.

***

Gorch Fock setzt Segel, marine.deDer Vollständigkeit und der rhetorischen Quizfrage halber und natürlich, um unsere Windjammersammlung im Moby-Blog aufzubrezeln: Die Namenscousinen des nordischen Seestückschreibers, beide bei Blohm & Voss in Hamburg gebaut, haben ein ähnlich bewegtes Schicksal wie seine Helden vorzuweisen.

Die erste, 1933 getaufte, ging unter, zusammen mit einem tausendjährigen Reich, wenn auch – wie dieses – nicht ganz freiwillig. Sie wurde im Strelasund versenkt, um nicht in Feindeshand zu fallen.

Doch Totgesagte leben ja sprüchwörtlich länger. Die “Gorch Fock” I wurde mit Kosten und Mühen gehoben, um dann als Kriegsreparation an die Russen zu gehen. Aus ‘Gorch Fock’ wurde ein “Towarischtsch” (dt.: Genosse oder Kamerad), der als Segelschulschiff der Sowjet- und später der ukrainischen Marine jahrzehntelang alle sieben Meere kreuzte, bevor er 2003 nach Deutschland zurückgekauft wurde. Heute liegt die immer noch stolze Dreimastbark wieder unter ihrem alten Namen in Stralsund an der Ostsee vor Anker, Wiederflottmachung noch nicht ausgeschlossen. Bis dahin verdient die alte Dame die Mittel dafür oder ihr Gnadenbrot als Museum und Standesamt.

Warum das von der Bundesmarine 1958 bei Blohm & Voss in Auftrag gegebene und weitgehend baugleich gebaute neue Segelschulschiff wieder Gorch Fock heißt, blieb für mich im Dunkeln und vielleicht will man auch gar nicht so genau um seekriegspatriotische Traditionen wissen. Der Stapellauf war am 23. August 1958, einen Tag nach Johann Gorchs 78. Geburtstag. Die Bark ist über alles 89,32 Meter lang, 12 Meter breit und hat einen Tiefgang von 5,35 Metern. Ihr höchster Mast misst fast 45 Meter; sie verfügt über 10 Rah-, 6 Stag- und 4 Vorsegel, 2 Besane und ein Besantoppsegel. Und ihr Anblick unter vollen Segeln lässt nicht nur alte Seebärenherzen erbeben. Ein bisschen kurios ist die Geschichte ihrer Galionsfigur, ein stilisierter Albatros, und zwar schon der sechste. Vier gingen auf See verloren, was eigentlich seemännischen Aberglauben in blanke Panik stürzen müsste. Eine wurde 1969 wegen der Schwere des Holzes gegen eine polyesterne ausgetauscht und kam ins Museum. Eine weitere zerbrach bei der Schiffsüberholung 2001. Die aktuelle Galionsfigur ist aus Kohlefaser und wir wollen ihr ein langes Leben und feste Verbundenheit mit dem Bug ihres Seglers wünschen.

***

Was es mit dem ganz weit oben erwähnten Kerl im Ausguck auf sich hat? Na, von dem schnack ich doch die ganze Zeit! — Lütt Johanns Traum von der Seefahrt erfüllte sich nämlich am Ende doch noch. Allerdings war er von kurzer Dauer: der in den Weltkrieg Nr. 1 eingezogene Soldat Johann Kienau, dessen Versetzungsgesuch zur Marine entsprochen wurde, weil er Gorch Fock war, ging als Ausguck auf dem vorderen Mast des Kreuzers “Wiesbaden” bei seinem ersten Einsatz für Kaiser, Gott und Vaterland im Skagerrak unter. Die See spülte ihn Wochen später an einer schwedischen Insel an Land. Auf einer ebensolchen, Stensholmen, ruht er heute noch. Unter einem schlichten Grabstein, auf dem steht: Seefahrt ist not!

Vor ein paar Tagen wäre er 130 geworden.

Gorch Fock vor den Azoren, marine.de

Bilder: Gorch Fock: Sämtliche Werke, Verlag M. Glogau Jun., 1916; Marine.

Written by Wolf

18. September 2010 at 12:01 am

Posted in Krähe Elke

2 Responses

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