Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Oktobergewinnspiel: Drei Fremde

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Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.

Karl Valentin.

Moby-Dick™ unterstützt das photographische Projekt 100 Strangers. Es wird über die gleichnamige Gruppe auf Flickr gestaltet. Da ist jeder, der eine Kamera festhalten und den Mund aufmachen kann, in ganz unbeuysischem Sinne ein Künstler. Und du jetzt auch.

Kat Colorado, Bella im Starbucks in Basel, 1. März 2008Die Vorgehensweise vereint die von mir hoch geschätzten Disziplinen Personenphotographie, Street Art und Happening in einer sozial förderlichen, den Künstler und sein “Objekt” unmittelbar erbauenden, um nicht zu sagen: lustigen Weise, die sich durch eine kindlich schlichte, menschlich natürliche Verhaltensweise ergibt. Die Welt wird spürbar ein Stück besser davon. Was bitte soll man von der Kunst, die das Leben ist, noch mehr verlangen? Weil ich dergleichen von dir und dir und dir und besonders von dir sehen will, schenke ich jedem ein Buch, der dabei mitmacht.

Deine Aufgabe ist ab sofort: Mach ein Bild von jemandem, den du nicht kennst — daher “Strangers”. “100” daher, weil du das hundertmal machen sollst. Bei mir genügt dreimal. Du gewinnst also ein Buch, wenn du drei Photos von dir fremden Menschen mir zugänglich machst.

Du sollst deine drei Beiträge eigens erstellen, also keine alten Bilder verwenden, die irgendwie passen könnten. Und du musst die fremden Leute zuvor um Erlaubnis fragen, also keine Candids ergaunern. Und du musst ein Gespräch mit ihnen führen, aus denen wir dein Model kennen lernen, also mindestens den Namen und die Situation, in der du es angetroffen hast. Wünschenswert ist Aufschluss über “Und was machst du so?” oder “Warum läufst du denn so rum?” oder für ganz Mutige: “Bist du glücklich?”

Wer ist der fremde Mensch? Was stellt er im Leben vor? Warum hast du genau ihn angesprochen? Worüber habt ihr geredet? Und: Wie war’s? Die Binse stimmt immer: Die allermeisten Leute reden gerne über sich selbst. Damit kennen sie sich nämlich aus.

Die Originalgruppe formuliert es so:

The One Hundred Strangers project is a learning group for people who want to improve the social and technical skills needed for taking portraits of strangers and telling their stories. The method is learning by doing.

The project is lots of fun and improves photojournalistic skills. During the process you might expand your every day living experience — and who knows, maybe you will even get a couple of new friends during the process.

Cynthia Plett, Ashley, 11. Juli 2010Doch, das traust du dich. Sogar ich hab das schon geschafft, und ich falle nicht gerade als öffentlichkeitswirksames Muster eines Club-Animators auf. Deshalb werde ich so frei sein, mich selbst zu beteiligen. Es wird funktionieren an einem Tag, an dem du rund läufst; Mädchen allen Alters und Geschlechts sagen Good Hair Day dazu.

Such jemanden aus, der seinerseits gut drauf ist, der es nicht sichtlich eilig hat und vor dem du dich auch ohne deine Absicht nicht geradezu fürchten würdest: Es geht um Selbstbewusstseinstraining, nicht um Selbstverletzung. Möglicherweise wendest du dich an jemanden aus einer Gruppe, denn in freundlichen Gruppen sind die Menschen zugänglich, weil sie sich geschützt fühlen. Zulässig — und klasse Bildmotive — sind Leute, die etwas verkaufen wollen, Straßenmusiker, auffallend zurechtgemachte Gestalten, denn die sind unterwegs, um mit anderen Leuten zu reden. Du hast jeden lieben Tag 21 Stunden: Kein Mensch will zwischen 4 und 7 Uhr morgens angesprochen werden.

Günstig ist es in belebten Stadtgegenden, typischerweise im Café, weil dort niemand Angst haben muss. Gern auch jemanden, der in der Öffentlichkeit liest oder schreibt. Als Tipp: Einer, der im Getümmel Ruhe sucht, ist an menschlichen Kontakt gewöhnt, rechnet zumindest damit. Und du kommst in freundlicher Absicht, zeigst Wertschätzung und Interesse, du bist ein angenehmer Umgang und bietest ein beglückendes Erlebnis.

Nach meiner eigenen Erfahrung mögen einen die Leute, die man auf den ersten Blick mag, umgekehrt ebenfalls auf den ersten Blick. Psychologisch ist das ein Effekt aus Balance und Spiegelung, stimmt aber trotzdem. Man macht tatsächlich fast ausschließlich bessere Erfahrungen, als man erwartet. Sollten dich unter den vorgesehenen hundert Leuten — als realistischer Prozentsatz —: zwei anranzen, bist du eben versehentlich an einen Deppen geraten, den du gar nicht kennen lernen wolltest — oder an einen sonst umgänglichen Menschen in einem ungünstigen Moment. Beides ist kein Grund, dir oder anderen etwas übel zu nehmen. Verbuch es unter Erfahrungsgewinn. Unter den dreien, die ich von dir sehen will, erwischst du exakt einhundert Prozent nette Leute, so viel kann ich schon fast versprechen.

Sprich gleich aus, was du von dem Menschen willst: ein Photo. Am besten mit einem Kompliment zur Begründung — etwa: “Sie haben so einen toll bunten Schal um, darf ich da ein Bild machen?” Verschweig nicht, dass es ins Internet soll; das hat außer mit dem juristisch bedeutsamen Persönlichkeitsrecht am eigenen Bild mit Respekt zu tun. Verrate die Adressen 100strangers.com und ismaels.wordpress.com und betone, dass es da harmlos zugeht. Biete die fertigen Bilder per E-Mail oder als Papierabzüge an.

Sei ganz allgemein großzügig, vielleicht übernimmst du den Cappuccino oder kannst ein Geschenk machen: Zigarette, Haargummi, Ü-Ei-Figur, Postkarte, Bleistiftstummel, kommt drauf an. Du und dein Model schenken einander sowieso Zeit; Zeit ist etwas verdammt Wertvolles, weil sie von selber weniger wird. Ihr sollt einander bereichern. Hilf dem Fremden dabei. Ihr gewinnt beide.

Messy!, Lucy and JJ Crash from Lucy's Diary, 1. April 2008Leg dir um Himmels willen kein Interview zurecht, um es abzuspulen, nur damit es “was zu reden” gibt, sondern lass kommen, was geschehen soll. Die Menschen wollen interessiert gefragt und nicht mit Fragebögen beballert werden. Sei nicht “gut vorbereitet”, sei ein freundliches Haus. Sei neugierig. Das ist bis zu einer gewissen Schwelle eine nützliche und einnehmende Eigenschaft. Wenn du sie überschreitest und indiskret wirst, erfährst du davon. Dann entschuldige dich kurz und mach mit etwas Unverfänglichen weiter.

Es ist ein Ritual — ein kleines, unspektakuläres, aber jedenfalls kein alltägliches. Darum werden mindere Unsicherheiten von der Situation selbst verziehen. Du darfst schüchtern sein. Stottern, Verhaspeln und nervöses Flackern der Hände und des Blickes sind erwartbar und voll okay. Nochmal: Fremde Leute sind gemeinhin sehr viel freundlicher und kooperativer, als man glaubt.

Wer die Fragen stellt, ist momentan der Chef. Nimm deshalb als Faustregel für dein Unterfangen wie fürs ganze Leben: Sei kein Arschloch. Wenn dir das schwer fällt, hast du ein tiefer gehendes Problem. See a doctor.

Geh davon aus, dass du willkommen bist. Nur wenn du merkst, dass es deinem Model auch nur ansatzweise nicht recht ist, abgelichtet zu werden und gar “ins Netz” zu kommen, pack deine Kamera ohne Diskussion bereitwillig und demonstrativ weg und bleib freundlich. Das richtet sich nicht gegen deine Person. Dir bleiben dann immer noch die Aktion und das bewusste Stück Leben.

Vielleicht machst du eine ganze Serie Bilder, dann ist der Vorteil der Digitalkamera, dass du dich sofort mit deinem Model zusammensetzen und das beste auswählen kannst. Die meisten Menschen kennen ihr eigenes Bild grundsätzlich spiegelverkehrt, da ahnt man nicht, wodurch sie sich dargestellt fühlen.

Abschiede sind immer heikel. Geht auf jeden Fall im Guten auseinander. Das untrüglichste Zeichen dafür ist, wenn ihr eigentlich lieber noch länger weitermachen und mehr unternehmen wolltet. Und wenn ihr lacht; Lachen ist immer gut, das verbindet. Renn nicht einfach auf und davon, dreh nicht die Wertschätzung ab, sobald du dein Bild und ein paar verwendbare Sätze rausgequetscht hast. Du hast eine ausgefallene soziale Situation herbeigeführt und gestaltet, dafür hast du Verantwortung, also sei lieb zu ihr. Sei sorgfältig, nicht abrupt. Dein Model loszulassen muss euch beiden ein bisschen weh tun.

Mir hilft der Trick, bloß nicht nachzudenken. Lies meine oberweisen Ratschläge und vergiss sie in der Praxis — einmal aufmerksam durchgelesen, werden sie latent in dir schlummern, das reicht. Nicht denken — tu’s einfach. Fortgeschrittene Teilnehmer an den 100 Strangers berichten, dass es süchtig machen kann. Das glaub ich denen: Es macht kurzfristig euphorisch, langfristig vielleicht sogar glücklich.

Ich rate davon ab zu erwarten, dass das jetzt der Anfang deiner großen Liebe oder einer wunderbaren Freundschaft wird. Damit frustrierst du dich. Such am besten nicht mal jemanden aus, der dich erotisch anspricht, das macht dich nur befangen. Du bist auf nicht weniger, aber erst recht nicht mehr als eine freundliche Begegnung aus. Und lass dich vor dem Losziehen nicht bei Kapazitäten wie Juri Gottschall “inspirieren”, das lähmt. Der Mann macht das seit Jahren täglich, außerdem hat er professionelle Ausleuchtung gelernt, natürlich kann der das besser als du. Bei uns genügt ein erkennbares Bild mit der zugehörigen Geschichte, von mir aus in lausiger Lomo- oder Handy-Qualität, von mir aus eine glaubwürdige Skizze mit klecksendem Werbekugelschreiber nach realem Vorbild. Es geht um die dokumentierte Aktion.

Schon klar: Das ist eine ziemlich große Nummer für ein Moby-Dick™-Gewinnspiel. Darum lass ich dir (und mir dazu…) viel Zeit und verspreche was Größeres dafür. So bekommt jeder, der bis Sonntag, den 31. Oktober 2010 um Mitternacht drei solche Bilder bei mir einreicht, ein richtig anständiges Buch von mir. Kann auch eine CD werden. In der Auswahl sind:

  • Charlotte Brontë: Jane Eyre. Im Original bei Penguin;
  • Jonathan Franzen: Die Korrekturen. Gebraucht, aber das Hardcover;
  • Rudolf Herfurtner: Rita Rita (“Am Flipperautomaten ist Rita unschlagbar. Da lernt sie Franz kennen, einen, der anders ist. Rita bleibt nicht länger die coole, überlegene Flipperqueen.”);
  • Dr. Heinz Küpper: Handliches Wörterbuch der deutschen Alltagssprache. Deutsche Buchgemeinschaft 1968 (Rezension im Spiegel: Schlick und Schlunz, 8. Juli 1968);
  • Reimut Reiche: Sexualität und Klassenkampf. Zur Abwehr repressiver Entsublimierung, Probleme sozialistischer Politik, Verlag Neue Kritik;
  • Friedrich Wencker-Wildberg: Raubritter des Meeres. Die Weltgeschichte der Seeräuber;
  • private Eigenbrände von The Muffs, Tom Waits und/oder Hille Perl & Cie;
  • und als Trostpreis: Frank Schätzing: Der Schwarm. Hardcover!

Besondere Leistungen in Schönheit, Beherztheit und Kunstsinn belohne ich mit einem Buch, das ich extra kaufe. Ich bin bei der Flickr-Gruppe, die schon eine ganze Weile läuft, selber erst frisch eingeschrieben und weiß noch nicht, ob ich mir das volle Hundert zutrauen soll, keinesfalls werde ich deine Bilder zum Aufstocken meiner eigenen missbrauchen, ermutige dich aber ausdrücklich zum Mitmachen: Kostet nix und ist die rundum erfreulichste Kunstform, die mir einfällt. Nur wer glaubt, mit 1 Bild mit 3 Leuten drauf durchzukommen, muss mir ein Buch kaufen. Überrascht mich einfach. Das macht Spaß und dient dem Karma aller Beteiligten. Und jetzt raus mit dir!

Friendly Joe, Sea Ray Cap'n, 17. August 2008

Bildbeispiele: Kat Colorado: Bella im Starbucks in Basel, 1. März 2008;
Cynthia Plett: Ashley, 11. Juli 2010;
Messy!: Lucy and JJ Crash from Lucy’s Diary, 1. April 2008;
Friendly Joe: Sea Ray Cap’n, 17. August 2008.

Ungeheuerlich passender Soundtrack: Pulp: Common People, aus: Different Class, 1995.

Written by Wolf

1. October 2010 at 7:04 am

Posted in Kommandobrücke

3 Responses

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  1. […] <h1 align="center"Oktobergewinnspiel […]

  2. […] auch, sei penibel oder gedankenschnell, es ist dein Bild. Im Gegensatz zu der Aufgabe aus dem Oktobergewinnspiel mit den drei Fremden musst du diesmal nicht vorher fragen, aber sei dir bewusst: Fragen ist anständiger und dient dem […]

  3. […] du ein harmloseres Wort?) aus dem Vorbildpojekt 100 Strangers und aus dem hiesigen letztjährigen Oktobergewinnspiel, die allesamt darauf hinauslaufen, dass du freundlich sein und Anstand zeigen […]


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