Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Like the Starfish on the Beach, on cherchait le même port (Schwöckorie!)

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Update zu Wief la Schohsoh:

Reife Menschen ermutigen mich, auch mal was für Senioren zu bringen. Das war anlässlich einer endlich mal verwendbaren Transkription von Jacques Brel: Ne me quitte pas. Man sollte viel mehr auf reife Menschen hören.

Vor allem zu Allerheiligen, wo man seiner Toten gedenkt und sich in der Folge davon seiner eigenen Endlichkeit bewusst wird — und das meine ich nicht halb so sarkastisch, wie solche morbide Lebensfreude geradezu klingen muss; sarkastisch werd ich dann später, damit Sie den Unterschied sehen.

Wer heute anfängt, sich mit der Begrenztheit seines Erdenlebens auseinanderzusetzen, hat ziemlich sicher an den Lagerfeuern seiner Jugend Seasons in the Sun zur Wanderklampfe gesungen. Vielleicht kam es sogar in der Schule dran, weil der Englischlehrer das auch kannte und es ein ernstes Thema war, dazu noch für Elftklässler einwandfrei verständlich gesungen.

Französische Lieder kamen an den Lagerfeuern niemals zu Aufführung und Gehör. Das kommt, weil immer die Jungs singen mussten und das Französische auf eine viel zu weibliche, wenn nicht: weibische Weise als schön gilt. Seine Coolness zu verteidigen war an damals noch unbeleuchteten Baggerseen mit damals noch ungewohnten zwei Promille in einem Schädel, der sich bis in die frühen Morgenstunden auf Liedertexte und die zugehörigen Gitarrengriffe besinnen musste, anstrengend genug, auch ohne schwule Schlager zu näseln.

So entging dem jugendlichen Bewusstsein Jacques Brel. Wie affig sein Gesäusel in deutschen Ohren immer klang, so nahe kommt der Mann in Thematik und Qualität an, sagen wir, den amerikanischen Großlyriker Bob Dylan, dessen Kompetenz in Coolnessfragen man ja bis heute fraglos hinnimmt. Das war, wie man heute weiß, ein Fehler, mindestens ein Verlust. Junge Französinnen geraten selbst bei so befremdlichen Gestalten wie Serge Gainsbourg heute noch in kleine Ekstasen, und gegen den wirkt Jacques Brel fast schon wieder nachvollziehbar.

In Frankreich, so viel Einigkeit herrscht damals wie heute, leben die schönsten, liebsten und zugänglichsten Mädchen der Welt (außer in Irland, Norwegen, Polen, Russland und Schweden natürlich. Und Österreich). Ein Wissen, das mit der vergehenden Zeit immer wertvoller wird, denn in jedem französischen Film kann man meist sehr detailliert sehen, dass die alle schon mit 15 auf Kerle im Alter ihrer Großväter stehen. Gar nicht alt, hässlich, arrogant und begriffsstutzig können sie sein, offenbar wird das als Zeichen der Männlichkeit begriffen (siehe: Godard, Rohmer, Truffaut et al., 1945 ff.).

Etwas Wichtiges scheinen wir also von diesen exaltierten Oh-là-là-Säcken lernen zu können, weil die Französin an sich nicht lange fackelt. Vielleicht hört sie, wie auch wir wenige Absätze weiter oben beschlossen haben, auf reife Menschen. So wenig Skrupel sie haben wird, sich in Frage kommende Sexualpartner aktiv vom Boulevard oder vom Lavendelfeld zu pflücken, so unmissverständlich wird sie einen wissen lassen, dass ihr sa gueule nicht passt. Das spart allen Beteiligten sehr viel Herzschmerz und Lebenszeit — womit wir wieder bei der Vergänglichkeit menschlichen Lebens wären.

Seasons in the Sun, hieß es, handelt von ernsten Dingen: Es handelt von nichts Geringerem als vom Sterben aus der Sicht des Sterbenden. Das Original zu dieser Nachdichtung von Terry Jacks — Le moribond von Jacques Brel, hat schon die prinzipell gleiche Handlung, nennt sie aber schon unverhohlener im Titel: Gegen Der Moribunde nimmt sich Zeiten in der Sonne reichlich weichgespült aus.

Auch sonst ist Brels Vorlage zu einem nicht vollends uncoolen, bei näherem Hinhören jedoch ängstlich mehrheitsfähig zurechtgebogenen Welthit weit knorriger und von einem viel trotziger entschlossenen Lebenshunger. Jacks leidet (wenngleich aus Gründen), Brel lacht unter Tränen.

Allein die Interpretation: Wenn einer auf dem Totenbett liegt und Abschied von allem Liebgewonnenen nimmt — wird der um sein Leben aus sich pressen, soviel noch geht, oder wird der sich an einem sphärischen Streichersatz entlangsäuseln? Na also.

Was ich Terry Jacks fast übel nehme, seit ich von dem Unterschied weiß: Brel verabschiedet sich von seiner Frau und von deren Liebhaber, wobei er klar Schiff macht und ihnen leider unbequeme Wahrheiten sagen muss. Die “Michelle” bei Terry Jacks dagegen war bestimmt seine Erste und Einzige, und angestellt hat sie anscheinend auch nicht Großes. Was man im außerlyrischen Leben sich und jedem anderen wünschen will, scheint mir für ein Sterbelied zu knochenlos. Michelle, you gave me love and helped me find the sun, pff. Wahrscheinlich trägt sie weiße Rüschenkleider mit rosa Schnallenschühchen und Margeritenkränze und singt amerikanische Pendants zu “Heile, heile, Gänschen” — was sie gerne soll, aber dann will ich es erfahren, Mister Feet-back-on-the-ground. So — und von welchem der zwei ist jetzt der schwule Schlager? (Was die zwei Kollegen, die sich meines Wissens nie getroffen haben, verbindet: Brel stammt als echter Franzose aus Belgien, Jacks stammt als echter Amerikaner aus Kanada. Doch, das ist ähnlicher Effekt.)

Niemand will das Verdienst von Seasons in the Sun mindern. Das ist ein nett zurechtgeschnulztes Späthippieliedchen, das man immerhin seinem Englischlehrer und seinen Eltern anbieten konnte, ohne dass es gleich wieder “Negermusik” war. Und dabei behält es das ganze Zeug zum jahrzehntelang haltbaren Ohrwurm und zum Lieblingslied. Das ist enorm viel. Selbst als Nachdichtung geht es in seiner musikalischen Leistung über eine Cover-Version hinaus; zum Vergleich: Adieu Emile von Klaus Hoffmann 1974 (auf LP 1975), das war eine Cover-Version. Außerdem entstammt Seasons in the Sun immer noch keiner Schlagerfabrikation, sondern dem Songwriting: Ich will Terry Jacks unterstellen, dass er nicht aus kommerziellen Erwägungen, sondern aus persönlicher Neigung den Text entschärft hat, er wollte das eben so und hat es getan. Das rettet ihn.

Beide Versionen sind ausgesprochene Allerheiligenlieder, auch wenn in beiden ausdrücklich im Frühling gestorben wird, weil’s so trauriger ist. Und als Weltpremiere bringe ich unten beide in Transkriptionen, die man endlich einfach ablesen und singen kann, ohne sich zuvor im Englisch- oder schlimmer: Französischunterricht einen abzubrechen (die Stelle mit dem Sarkasmus liegt übrigens schon lange wieder hinter uns; haben Sie ihn bemerkt?). Oder wie es mein Vater ausdrückt, der seit mindestens vierzig Jahren mit seiner Endlichkeit herumkokettiert: “Kammer des ned af Deidsch soong?!”

Fällt Ihnen was an der Form der Strophen auf? Die sind fünfzeilig, also ähnlich getaktet wie Limericks. Das ist selten und hohe Schule, wenn es auf eine Melodie passen soll, und eindeutig Jacques Brels Leistung. Chapeu, Monsieur.

Schack Brell: Lö Morriboooh (1961)

1.: Adjölemiel schötemme bjeh,
adjölemiel schötemme bjeh tüsäh.
Onnaschohteh lehmähm Wäh,
onnaschohteh lehmähm Vieh,
onnaschohteh lehmähm Schagräh.

Pong: Adjölemiel schöwäh murier!
Se dürdmurier opräntoh tüsäh,
mähschpahr oflöhr labäh dohlahm.
Karwück tüwä boh kommdü Pähbloh,
schßähk tüprohdra swoäd Mafamm.

Röfräh: Schwöckorie! Schwöckodohs!
Schwöcko samühs kommdefuh!
Schwöckorie! Schwöckodohs!
Koh säckomö mettra doltruh.

2.: Adjöküreh schötemme bjeh,
adjöküreh schötemme bjeh tüsäh.
Onnetäh bah dümähm Bohr,
onnetäh bah dümähm Schömäh,
mäsong scherschäh lömähm Bohr.

Pong: Adjöküreh schöwäh murier!
Se dürdmurier opräntoh tüsäh,
mähschpahr oflöhr labäh dohlahm.
Karwück tüwötä song Kongfidong,
schßähk tüprohdra swoäd Mafamm.

Röfräh: Schwöckorie! Schwöckodohs!
Schwöcko samühs kommdefuh!
Schwöckorie! Schwöckodohs!
Koh säckomö mettra doltruh.

3.: Adjölongtwann schöttmäh bah bjeh,
adjölongtwann schötmäh bah bjeh tüsäh.
Schong kräft kröweh oschurdwüi,
aloch ktwa tüwä bjehwiwong,
emähm plüssolied klennüi.

Pong: Adjölongtwann schöwäh murier!
Se dürdmurier opräntoh tüsäh,
mähschpahr oflöhr labäh dohlahm.
Karwück tüwötä song Among,
schßähk tüprohdra swoäd Mafamm.

Röfräh: Schwöckorie! Schwöckodohs!
Schwöcko samühs kommdefuh!
Schwöckorie! Schwöckodohs!
Koh säckomö mettra doltruh.

4.: Adjömafamm schötemme bjeh,
adjömafamm schötemme bjeh tüsäh.
Mäschbrohl Träh purl Bohdjöh,
schbrohl Träh kijett awohltjäh,
mäsongbrong dull Träh kong böh.

Pong: Adjömafamm schöwäh murier!
Se dürdmurier opräntoh tüsäh,
mähschpahr oflöhr Lesjöhfermeh Mafamm.
Karwück schlesähfermeh suwong,
schßähk tüprohdra swoäd Monamm

Röfräh: Schwöckorie! Schwöckodohs!
Schwöcko samühs kommdefuh!
Schwöckorie! Schwöckodohs!
Koh säckomö mettra doltruh.

Terri Tschex: Siesen Sinser Sann (1973)

1.: Gubeitujumei Trastepfrend,
wiff nounitschawwer sinzwiewer neinotenn.
Tugewwer wickleim Hilsentries,
lörnbaut lafen Äibisiehs,
skindau Harzen skindau Nies.

Britsch: Gubeimei Frenditz hatudei,
wenolzer Börza singen ihnzerskei,
nausetzer Springi sinzi Her.
Priddi Gölza ewriwehr,
finkof miehen eilbisehr.

Kohrus: Wiehe Tscheu, wiehe Pfann,
wiehe Ziesens inzersann,
batzer Hilsetwi kleim
wörtschas Ziesen sautofteim.

2.: Gubei Papaplies präifomieh,
eiwoser Bleckschiep ofser Fähmilie.
Jutreitu tietschmi Reitfromrong.
Tumatsch weinen tumatsch Song,
wonder Hauei gatterlong.

Britsch: Gubei Papahitz hatudei,
wenolzer Börza singen ihnzerskei,
nausetzer Springi sinzi Her.
Liddl Tschildren ewriwehr,
wenju sisem eilbisehr.

Kohrus: ||: Wiehe Tscheu, wiehe Pfann,
wiehe Ziesens inzersann,
batzer Weinenzer Song
leixer Ziesen hewolgonn. :||

3.: Gubeimi Schelma liddelwann,
jugäfmi Lafen helpmifein zersann,
enewri Teimenei wosdaun
juwudowes Kammeraund
engetma Fitbeck onzergraund.

Britsch: Gubeimi Schelitz hatudei,
wenolzer Börza singen ihnzerskei,
nausetzer Springi sinzi Her,
wiffer Flauers ewriwehr,
Eiwischset wikudboff bisehr.

Kohrus: ||: Wiehe Tscheu, wiehe Pfann,
wiehe Ziesens inzersann,
batzer Stah swikudrietsch
leixer Stafisch onzerbietsch. :||

Fäidaut: Wiehe Tscheu, wiehe Pfann,
wiehe Ziesens inzersann,
batzer Weinenzer Song
leixer Ziesen hewolgonn.

Ohlau Leif wiehe Pfann,
wiehe Ziesens inzersann,
batzer Hilsetwi kleim
wörtschas Ziesen sautofteim.

Written by Wolf

1. November 2010 at 12:01 am

Posted in Rabe Wolf

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