Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Of the Monstrous Pictures

with 3 comments

Update zu Berkshire Athenaeum and Their Daguerreotype:

Consider! Most of the scientific drawings have been taken from the stranded fish; and these are about as correct as a drawing of a wrecked ship, with broken back, would correctly represent the noble animal itself in all its undashed pride of hull and spars. Though elephants have stood for their full-lengths, the living Leviathan has never yet fairly floated himself for his portrait. The living whale, in his full majesty and significance, is only to be seen at sea in unfathomable waters; and afloat the vast bulk of him is out of sight, like a launched line-of-battle ship; and out of that element it is a thing eternally impossible for mortal man to hoist him bodily into the air, so as to preserve all his mighty swells and undulations.

Chapter 55: Of the Monstrous Pictures of Whales.

Die Älteren unter uns werden sich erinnern: Vor elf Jahren, da stellte die Old Dartmouth Historical Society am New Bedford Whaling Museum von Juni 1999 bis Januar 2000 Maritime Prints from Herman Melville’s Collection of Art aus. Der Kurator Robert K. Wallace, Regents Professor an der Northern Kentucky University (besuchet seine MOBY page!), regte damit eine Zusammenarbeit zwischen dem ausstellenden Whaling Museum, der Melville Society und dem Center for Teaching and Learning an der UMass Dartmouth an.

So weit die Fakten. Setzen wir voraus, dass die angestrebte Zusammenarbeit funktioniert, denn die Melville-Forschung erfährt in Amerika den meisten, gerade auch finanziellen Rückhalt unter allen Literaturforschungen über Einzelautoren; die Melville Society ist als florierend und publikumswirksam sehr umtriebig vorzustellen. Außerdem gibt es den Ausstellungskatalog immer noch für zwei Dollar im New Bedforder Museumsshop, woher ihn mir der liebe Mäuserich mitgebracht hat.

Joseph Mallord William Turner, The Whale Ship, ca 1845, oil on canvasSo wie unsereins .jpg-Dateien zur eigenen Erbauung und Belehrung auf einer Festplatte versammelt, trug Melville Drucke von Holz- und Kupferstichen der Gemälde seines Interesses zusammen. Stiche von Gemälden im Druck waren zu Melvilles Zeit die übliche Technik, visuelle Information zu verbreiten, und Melville investierte für einen Literaten überdurchschnittlich viel Aufwand und Geld in seine private Galerie. Über 400 Drucke aus seinem Besitz sind überliefert — zuerst von seiner Witwe Elizabeth Shaw Melville bewahrt, an beider Tochter Frances Melville Thomas vermacht, von derselben an ihre vier Töchter verteilt, von diesen wiederum an die Sammler und Institutionen weitergegeben, von denen Kurator Wallace sie für die Ausstellung 1999 zusammenlieh, darunter die in jeder Hinsicht vorbildliche Stadtbibliothek Berkshire Athenaeum (mit dem Melville Memorial Room!) und das Mystic Seaport Museum (mit unserem musikalischen Kollegen Hulton Clint als Nachbarn).

Wallace gilt mit Veröffentlichungen in Essays in Arts and Sciences, Melville Society Extracts und dem Harvard Library Bulletin als führender Experte für die Beziehungen zwischen Literatur und darstellender Kunst, vor allem als die Koryphäe für Melvilles Bildersammlung. In Melville and Turner hat er Melville als Fan von William Turner ausgemacht, worauf man angesichts Turners Seemotiven in der Darstellungsweise aus einer Welt, die man bei Melville ständig antrifft, hätte kommen können. Ein eingegrenztes Thema oder einen bestimmten Maler sammelte Melville nicht, sein Schwerpunkt liegt aber auf Landschaften, Meeresbildern, Portraits und Historienszenen, aus unterschiedlichen Perioden und Stilen, von italienischen, französischen und holländischen Alten Meistern bis zur damals modernen Kunst — wie Manet und eben Turner. “All of them depict scenes he had visited with his eyes and in his mind”, findet Wallace als roten Faden.

In gewisser Weise war der einstige Bestsellerschreiber und Titan des Moby-Dick in seiner Bildersammlerzeit in einer finanziellen Situation wie ein Schulbub: Seine deutsche Biographie Ein Leben von Daniel Göske verortet ihn in 1877–85 bis auf weiteres in seiner so langen, aufreibenden wie prekären Anstellung als Zöllner im New Yorker Hafen, die nur deswegen noch gerade genug zum Leben abwarf, weil er mit seinen 58 Jahren noch einmal verlängerte Arbeitszeiten in Kauf nahm.

Da erbte seine Frau Elizabeth im September 1878 von einer ihrer Bostoner Tanten den enormen Geldsegen von 10.000 Dollar, von denen sie ihrem Herman ein Taschengeld von 25 Dollar monatlich gewähren konnte. Er verwendete sie für Bücher — und eben Stiche.

Dann kamen die Einschläge um ihn herum näher: Seine Tochter Elizabeth erkrankte an Arthritis, sein Sohn Stanwix in Kalifornien an Tuberkulose, sein gerade drei jahre älterer Freund und Verleger Evert Duyckinck, die letzte Verbindung zu seinen ehemaligen Literatenkreisen, starb 1878 und sein Bruder Thomas im März 1884. Melville flüchtete sich in Bücher, schrieb an seinem lyrischen Werk — zum Beispiel den lange verschollenen Burgundy Club Sketches mit Portraits alternder Sonderlinge –, während sein ehrgeiziges Versepos Clarel schon wieder eingestampft wurde, sammelte seine Bilder und fing sogar an, Rosen zu züchten.

Am 31. Dezember 1885 quittierte er, 66-jährig nach 19 Arbeitsjahren, den ungeliebten Dienst als New Yorker Hafenzollinspektor — bewusst, um seine verbleibenden Kräfte für seine anstehende Spätlyrik zu behalten. Ohne seine Frau Elizabeth und deren tote Tante aus Boston gäbe es diese Sammlung nicht, und immerhin hat die nachmalige Witwe noch über sie verfügt. Über die elegische Dimension davon, mit welchen Mitteln Melville seine Bildersammlung zusammentrug, wusste der liebe Mäuserich 2010 nichts, als “er” mir den Ausstellungskatalog schenkte; Robert K. Wallace 1999 bestimmt schon. Dergleichen gehört viel offener gewürdigt.

Na gut, es ist ja auch ein dünner Katalog (20 Seiten, 2 Dollar).

Stanka mit dem Ausstellungskatalog, 10. November 2010

Bilder: Joseph Mallord William Turner: The Whale Ship, oil on canvas, ca 1845:
Metropolitan Museum of Art, New York;
Claude Lorrain: Seaport with the Embarkation of the Queen of Sheba, 1638: National Gallery, London.

An den lieben Mäuserich und die bezaubernde Stanka: Danka!

Written by Wolf

11. November 2010 at 12:01 am

Posted in Moses Wolf

3 Responses

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  1. Hach, da stürz ich doch immer von einer Ehrfürchtigkeit in die nächste Verzückung darüber, was für Seiten man an unserm Mr. Herman wieder noch nicht kannte, und darüber, was der alles für Kunstzeugs um sich rumversammelt hat. Und du erst mal! :o)

    —Bei soviel lürüscher Befindlichkeit kriegt man ja glatt wieder Lust, endlich doch nochmal das Clarel-Theater zurechtzubloggen… hmmm?

    hochhaushex

    15. November 2010 at 2:45 am

  2. Zum Einjährigen dann .ò)

    Wolf

    15. November 2010 at 2:17 pm

  3. […] zu Absurd and Nonprofit, Bei Lehmkuhl auf dem Flügel liegen und Of the Monstrous Pictures: Melville Ponders Sperm-Whale […]


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