Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Zweimal Zweitausendzehn

with 6 comments

Update zu Er bläst wieder (und wieder):

Weit ist es gekommen mit den literarischen Weblogs: empfehlen mehr Fernsehsendungen als Bücher. Heute, hat unser Leser und Kontributor Klaus Jost bemerkt, könnte sich’s richtig lohnen: Da bringt ARTE im Rahmen seines Filmfestivals den Spielfilm Kapitän Ahab, im Original Capitaine Achab. Der kommt in der Donnerstagnacht um 00.10 Uhr, also in den frühen Freitagmorgenstunden, typisch, Sie verstehen. Und das ist heute. Was ARTE als für einen kommerziell orientierten Fernsehsender ziemlich dickes Brett dazu bohrt, klingt durchaus raffiniert und verlockend:

Dijana Tolicki, 25. Juli 2010Philippe Ramos erzählt in “Kapitän Ahab” die fiktive Geschichte über die Kindheit des berühmten Kapitäns aus Herman Melvilles Roman “Moby Dick”. In fünf Kapiteln berichten fünf Figuren aus der Kindheit, den Jugend- und Erwachsenenjahren des Ahab.

1840, im Nordosten der USA: Noch ahnt niemand, dass aus dem zehnjährigen Ahab einst der wohl berühmteste Schiffskapitän und Waljäger der — literarischen — Welt werden würde. Der Junge wächst, nachdem sein Vater bei einem Duell ums Leben kommt, bei seiner gottesfürchtigen Tante Rose und deren strengem Ehemann Henry auf. Doch als der kleine Ahab genug von dessen Züchtigungen mit dem Stock hat, inszeniert er seinen Tod und zieht alleine in die Welt hinaus.

Nach einem kurzen Zwischenstopp bei einem Pfarrer beschließt er, in die Seemannsschule einzutreten. Für ihn gibt es nur noch eines im Leben: den Ozean. Als der erwachsene Ahab schließlich bei der Jagd nach einem großen weißen Wal beinahe getötet wird, lassen ihn Rachegedanken nicht mehr los. Bevor er jedoch wieder mit neuem Schiff und neuer Mannschaft in See stechen kann, muss er sich von seinem Beinverlust erholen.

Inspiriert von der Heldenfigur aus “Moby Dick” von Herman Melville, schildert der französische Regisseur Philippe Ramos seine eigene Interpretation dieser unverwechselbaren Gestalt der US-amerikanischen Literatur. Fünf Menschen, die Ahab kannten, erzählen aus dem Off sein tragisches Schicksal und lassen einen bestimmten Abschnitt im Werdegang des Helden wieder aufleben: eine Vielzahl an Erzählperspektiven, die sich auch in der jeweils unterschiedlichen Begleitmusik widerspiegelt.

Philippe Ramos, geboren 1964 in Vaucluse, Frankreich, dreht bereits in frühen Jahren als Autodidakt Super-8-Filme und realisiert drei Kurzfilme in Folge sowie die beiden langen Filme “L’Arche de Noé” (1999) und “Adieu pays” (2002). Alle seine Filme wurden auf zahlreichen internationalen Festivals gezeigt. Beim Festival von Locarno 2007 erhielt er für “Kapitän Ahab” den Preis für die beste Regie. Für ARTE realisierte der Regisseur bereits 2003 einen gleichnamigen Kurzfilm zum Thema.

Gut, der ist nicht von 2010, sondern schon 2007. Wie anders könnte er unserem Jürgen 2008 schon mal aufgefallen sein.

Ahab war anno 1840 zehn Jahre alt? und kriegt schon 1851 den Roman über seinen Untergang als älterer Herr, verursacht von einem Wal, der außerhalb der Literatur bis 1838 Untergänge verursacht hat? Holla, da muss einer der Historienschaffenden wohl nochmal den Zeitstrahl geradebiegen.

So ein unverkrampfter Umgang mit dem vorgefundenen Material geht aber, liebe De- und sonstige Konstruktivisten, noch ganz anders. Unser anderer Leser und erklärter Fan Poor Richard weiß von einer ganzen Fernsehserie Moby Dick von 2010 und kommentiert uns darüber:

Lissy Laricchia Elle, , Armada, 13. Mai 2009Der Stoff wurde behutsam modernisiert. Moby Dick ist jetzt statt aus Holz und Leinwand aus Computer und ein prähistorischer Riesensaurierwal, der Ölbohrinseln, U-Boote und Kreuzfahrtschiffe versenkt und Buckelwale am Stück schlucken kann.

Kapitän Ahab kommandiert jetzt ein hochmodernes U-Boot, wird von Rocky-Horror-Barry Bostwick dargestellt und stelzt auf einer Terminatorbeinprothese einher.

Ismael hat ein ordentliches Paar Brüste bekommen, ist jetzt Meeresbiologin und hört auf den Namen Dr. Michelle Herman. Sie wird zusammen mit ihrem coolen schwarzen Sidekick Pip an Bord genommen, der es durchaus mal okay findet, dass das Böse mal weiß ist.

Queequeg schießt jetzt Atomtorpedos statt Harpunen und Ahab hat seinen Spezialtorpedo “Fedallah”.

Und um zusätzlich noch ein paar Explosionen unterzubringen, wird Ahab, anstatt einige Quäker in den Bankrott zu reiten, von der halben US-Navy gejagt.

Man sieht: Viel hat sich also nicht verändert. […]

Die Action-Version muss man ja nicht unbedingt gesehen haben. Hat halt ihren eigenen Ed-Wood-Charme. Auf Youtube ist noch ein Best-of zu finden. Die Szenen von Ismael im Bikini fehlen leider, ansonsten fasst es den Film präzise zusammen. Wenn man sich aber ‘nen schön doofen Filmabend machen will, kann man sich Moby Dick 2010 als Silly Fun durchaus anschauen. Dauert ja keine 90 Minuten und man kann sich einen Spaß daraus machen die kleinen, liebevoll verstreuten Melville-Bezüge zu suchen und finden. Allein schon die Schiffsnamen: Acushnet, Essex, Coffin.

Und das hat er doch wahrlich schön gesagt. Danke an unsere Jungs in den begleitenden Ausgucken (“Ausgücken”…?)!

Bilder: Dijana Tolicki, 2010;
Lissy Laricchia Elle: Armada, 13. Mai 2009.

Written by Wolf

25. November 2010 at 7:53 am

Posted in Moses Wolf

6 Responses

Subscribe to comments with RSS.

  1. Hoppla hopp, du verrücktes Internet, du! Kaum schreibt man einmal einen freundlichen Leserbrief, schon wird man publiziert.

    Wenn unser lieber Herman doch nur diese Möglichkeiten gehabt hätte. Dann wäre er wahrscheinlich jetzt ein entspannter New Yorker Poetry Slammer mit eigenem Lyrik-Blog. Schade eigentlich.

    Poor Richard

    25. November 2010 at 9:53 pm

  2. Hab ich auch schon gedacht: Melville mit einem Myspace-Account in der “Musiker”-Ecke mit Hörbeispielen, dann hat sich’s ausgezöllnert — wenigstens seine Zeit hätte er mit künstlerischen Umtrieben rumgekriegt. Außer, seine liebe Elizabeth hätte ihm was anderes nahe gelegt.

    Wolf

    26. November 2010 at 5:30 pm

  3. Öha, Myspace? Das ist doch dieses digitale Berlin, wo tausende hippe Künstler auf einem Haufen sitzen und niemand interessiert sich für sie.

    Wenn Herman allerdings heute Musik machen würde, würde sich das anhören und aussehen wie bei den immer und ewig aufrechten und großartigen Eels: http://www.youtube.com/watch?v=CNtlGwYJCUQ

    Lizzie hätte sich wahrscheinlich schon lange scheiden lassen und H. würde immer noch bei der Port Authority arbeiten (kein Bildschirmarbeitsplatz; die Augen). Malcolm, nur um Daddy zu ärgern, hätte sich als Freiwilliger in den Irak gemeldet und Stan, Betty und Fran hätten wahrscheinlich alle regelmäßige Sitzungen bei ihren Shrinks, wären aber als New Yorker Liberale heimlich stolz auf ihren alten Herren, der, freundlich durch eine dicke Hornbrille blinzelnd, auf einer kleinen Bühne Gedichte über 9/11, Irak und Afghanistan vortragen würde.

    Und als frisch angemusterter Ausguck, möchte ich noch diesen dicken Fisch aussingen: http://www.amazon.de/Schlachtst%C3%BCcke-Battle-Aspekte-Krieges-Aspects/dp/3902373563/ref=sr_1_26?ie=UTF8&qid=1290846713&sr=8-26 . Damit nicht nur trüber Trash-Tran angelandet wird und der literarische Anspruch des Käptn’s gewahrt bleibt.

    Poor Richard

    27. November 2010 at 9:40 am

  4. Die Myspace-Definition trifft ungefähr, aber unter den dortigen Musikern rumstöbern macht mehr Spaß als sich in illegalen “Clubs” auf die Lichter hauen lassen.

    Melville würde klingen wie Eels? So hab ichs nie gesehen, aber was genau will uns der Bartmichel aus dem Video vermitteln?

    Das war aber mal Zeit, dass die Battle Pieces übersetzt werden; kann ja nicht alles ich machen. Und wer kommt wieder daher und macht’s einfach? Die Österreicher — und keineswegs die selben alten, die uns Kulturvolk schon den Clarel vor die Nase gesetzt haben. Steht samt Verlagsseite in der Bücherliste! “Mit historischen Abbildungen”, mjamm…

    Wolf

    27. November 2010 at 3:18 pm

  5. Ts, ts, ts. Bartmichel! Also wirklich. “Eine von Pierres geringeren Ambitionen war es stets gewesen, einen wallenden Bart zur Schau zu tragen, der, so dünkte ihm, das vornehmste körperliche Abzeichen des Mannes und erst recht eines berühmten Schriftstellers sei.”

    Nun, was will uns Mark Oliver Everett denn mitteilen? Wahrscheinlich das gleiche wie Herman: Wenn dir das Leben Steine in den Weg legt, mach Limonade draus.

    Beide hatten es schon in der Kindheit schwer und beide suchten ihr Heil in der Kunst. Beide sprechen mit vollem Herzen zu dem, der zuhören will. Und beide haben bei allem Ernst doch einen charmant-augenzwinkernden Humor, der immer wieder goldig-glänzend funkelt.

    Wenn Everett, dessen Autobiografie “Things the grandchildren should know” wohl neben der Miles Davis’ eine der wenigen wirklich lesenswerten Musikerautobiografien ist, in dem Song aus dem Video von Verlangen singt, dann glaube ich ihm, dass es ihm ernst damit ist.
    Wenn er im video dann nicht mal seinen Hund aus dem Feld schlagen kann, dann ist das so lustig wie traurig. Seine Kunst kann ihm dann auch nur kurze Linderung verschaffen.

    Ähnlich ist es doch auch bei H. In “Ich und mein Kamin” zum Exempel kann er noch so lange rumwitzeln über seine Frau und seine Restfamilie, am Schluß bleibt doch nur ein Mann, der von seiner Verwandschaft nicht mehr ernst genommen wird. Und der dabei doch seine Würde wahrt.

    Poor Richard

    29. November 2010 at 6:00 pm

  6. Wohl gesprochen. Die Everett-Biographie hab ich dieses Jahr geschenkt bekommen, und das von noch jemandem anders als der Dame, die ihn mir in selten von ihr gehörter Begeisterung empfahl: “Ich hab noch nie so was Mutiges gelesen”. Liegt natürlich auf dem SUB, aber jetzt weiß ich endlich, wie ich einen Melville-Bezug herstellen kann: Einfach den Kommentar über mir abkopieren, Bildchen dazu und tadaa. Ganz im Ernst: Es wird einen Grund haben, dass mir genau solche Lebensthemen dauernd zulaufen.

    Wolf

    29. November 2010 at 7:20 pm


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: