Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Demogorgon Needs a Green

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Wolf hat Kapitel 37, 38, 39 und 40 gelesen:

(Eine hochgewölbte, gotische Kajüte; bei den Fenstern auf den Gehsteig; Wolf auf und ab prokrastinierend)

“Hinter mir lass ich ein weißes, trübes Kielgewässer; bleiche Wasser, bleichre Wangen, wo auch immer ich nur segle”, aber das ist von Ahab. Ach, dass ich gar keinen eigenen Gedanken mehr fassen kann — Monate über Monate sind’s mittlerweil. Äußere mich in Zitaten, den Reliquien aus meinen Bücherpyramiden und von DVDs — geliehenen! — und doch: Hat nicht einer vor drei Jahrtausenden gesagt, da geschehe nichts Neues unter der Sonne mehr?

Müsst ich’s dann nicht wissen, wie ich meine P.E.Q.U.O.D. ans Ziel führ’; wie wir, verbunden durch Pech, Schwefel und Social Media, die Tiefen dieser See ausloten, das uns der Melville eingelassen, das Walgerippe zu vermessen, das er uns gezeichnet?

Horch! neigt sich schon ein weiteres Jahr, ohne dass wir den Wal gesichtet, nur faul auf Deck gelegen, und weiß kaum einer mehr vom anderen, auf welcher Stenge er heut seine Segel kalfatert. Wenn wir nicht selbst genugsam mit den Blättern rascheln, so tut’s die Zeit für uns.

Jürgen

Alles nur Theater…?, 7. März 2010.

Tim Winton: Atem, 9. Juli 2010.

(Verstummt.)

Elke

Bleibe ruhig, alter Grauer, sei nur getrost. Hetzt uns doch niemand. Stehen nicht die Buchstaben gedruckt für die Ewigkeit, wölbt sich der Himmel nicht da droben, steigt und fällt nicht das Meer, hebt und senkt sich der Wind, der uns weiterträgt, und hängen wir unser Segel nicht nach ihm, wie uns selbst beliebt? Ging’s nicht bis jetzt immer irgendwie voran, haben wir nicht ein Kapitel nach dem anderen abgefrühstückt und sind uns darüber die Geschmacksnerven empfindsamer geworden, damit uns auch das nächste mundet?

Mag der Wind flau sein, wir sind es nicht. Es geht nur ein Kapitel nach dem anderen, und für diesmal hast du, unser liebender, sorgender Kapitän, gar viere aufgegeben — und dir wird bang ums Fortkommen?

Nein, nicht das stubengelahrte Aufentern in der papiernen Takelage ist’s, das uns abhanden kommt; alles andre außerbords ist es. Steht doch da oben immer noch “Leben mit Herman Melville” — das einzige an unserm ganzen Weblog, das du nie mit neuer Farbe übertünchen wolltest. Und heißt demzufolge nicht, dass wir je zu dir gekommen sind, dass wir da bleiben, wir nähmen’s uns vor oder nicht?

Hannah

Potz Bassgewitter und Drommeten, jetzt mal langsam mit den jungen Stichlingen hier. Kann man nicht mal in Ruhe fertig studieren und mit Anstand die Probezeit in seinem neuen Job rumkriegen, ohne dass einem gleich die Weisheiten aus den Fledermausärmeln purzeln sollen? Hey, ich hab mir gerade erst die Rathjen-Übersetzung gekauft und lange nicht so weit gelesen wie ihr, und jetzt kommen sie einem gleich mit vier Kapiteln auf einen Sitz. Was soll das überhaupt mit den geschwollenen Reden in verteilten Rollen? Ich hab eine Reise gebucht durch einen Roman, keine Operette.

Wolf

Na schön, meine Marlspiekerchen, wie geht’s dann weiter?

Daniel Göske

Ich, Ismael, war einer aus dieser Mannschaft: gemeint ist die im 36. Kapitel auf dem Achterdeck in Ahabs Bann gezogene Mannschaft, nicht die unbändig feiernde Schar auf der Back in dem (vielleicht früher abgefaßten) operettenhaft-szenischen Kapitel 40, das Melville zusammen mit den Monologen der Kapitel 37 bis 39 offenbar nachträglich einfügte.

Thomas Carlyle: Sartor Resartus, 3. Buch, 18. Kapitel

Picasso's Woman, 11. Dezember 2009Was ist Irrsinn […]? Der Irrsinn wird wie einst so auch in Zukunft etwas Grausig-Rätselhaftes bleiben, ein ganz und gar infernalisches Brodeln der untergründigen, chaotischen See, das durch dies hübsch bemalte Oberflächenbild der Schöpfung dringt, das auf ihr schwimmt und das wir die Wirklichkeit nennen.

Wolf

Jaja, ist gut, das unterstellt der Göske, dem Carlyle folgend, dem Ahab und dem Melville mit zugleich, und redet damit keinen von beiden besser als die Freizeit-Konstruktivisten im Ausguck. Vielleicht kaufen sich alle noch einen schwarzen Rollkragenpullover, was doch sowieso Hannahs allererster Vorschlag war, dann kriegen sie den ganzen Tag das ganze Jahr frischen Kaffee hingefahren und müssen nie mehr Wasser anschauen, als was in der Seine vorbeiplätschert.

Was Irrsinn, was Verwirrung! Wenn ihr schon die Auswahl habt, was ihr von der Welt wahrnehmt — was sucht ihr euch nicht was Gescheites aus? Das heißt auch Respekt, das heißt Verantwortung — vor euch selber und vor jedem, der euch zuhört. Wenn ihr weinen müsst, was lacht ihr nicht unter euern Tränen? Ihr habt Schauen und Schreiben gelernt — wohlan, gebraucht es, hier und jetzt!

Französischer Seemann

Beat thy belly, then, and wag thy ears. Jig it, men, I say; merry’s the word; hurrah! Damn me, won’t you dance? Form, now, Indian-file, and gallop into the double-shuffle? Throw yourselves! Legs! legs!

Wolf

Aye, mates. So will ich euch sehen.

Bild: Picasso’s Woman, 11. Dezember 2009.

Written by Wolf

1. December 2010 at 12:01 am

Posted in Steuermann Wolf

8 Responses

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  1. Ein Blätterrascheln mit Herz(klopfen). Danke.

    Ich stell mir grad das Bild vor, was geschähe, baute man sich dem in seiner hochgewölbten, gotischen Kajüte hinter den Fenstern vor sich hin prokrasti… nein, eher meditierflanierenden Kapitän in den Weg: würde der mit in die Ferne schweifendem, entrückten Blick ‘nen kleinen Bogen um das gestikulierende Hindernis schlagen und gedankenverloren murmelnd weiter pendeln? ;o) – Eine herzerwärmende Szene. Und das Lächeln dazu nistet sich im Augenwinkel fest…

    Das Missliche an unserm allgegenwärtigen Außenbords ist wahrscheinlich, dass unsre gegenwärtig ausufernde Maloche bisweilen das “Leben mit Melville” – oh, nein, nicht verhindert, nur retardiert. :o) (Gehört die am Ende mehr zum Ganzen, als man jemals – so – wollte?) Er ahnt ja doch, was er murmelt, der Käpt’n! Und die vier Kapitel schwirren halbgewandet einem schon viel länger irgendwo herum, eh sich eins aufrafft, sie in Blöggchen aufzustapeln. Und es braucht’s wieder nur, dass *räusper* der “Alte” wieder ein Licht anzündet…? Und wird nun Zeit.

    —Ach, weißt du, Zitate sind manchmal m e h r eigene Gedanken als man glauben mag. Was kann Einer denn dafür, dass Andere, meist mit der eigenen Geburt Vorauseilende, den Vorsprung genutzt haben, sie einfach früher auszusprechen?! J e d e r (auch du, Kapitän Seewolf!) geschieht als Neues unter der Sonne, alles in ihm drin sowieso. (Auch wenn dus oft nicht glauben willst. ;o) )

    …Und manchmal denk ich: vielleicht w o l l e n wir ja gar nicht den großen alten Wal allzu bald erlegt zu unseren Barfüßen liegen sehen? Leben mit Melville… fühlt sich doch sooo schlecht nicht an, oder? ;o)

    Hey, Recht hast: “Mag der Wind flau sein, wir sind es nicht.” Und bleiben da.

    hochhaushex

    2. December 2010 at 5:03 am

  2. Na dann mal auf mit dem Starbuck und dem Milton-Satan-Ahab. Is gar nicht so schwer, wenn man mal angefangen hat. Sollen ja keine zwanzig Seiten Seminararbeit werden :o)

    Wolf

    2. December 2010 at 4:43 pm

  3. Hunderttausend heulende Höllenhunde! Ich kann mich nur selbst bekräftigen, ich lese ja, doch was soll ich tun, bin ja Mensch und Pirat, nicht Scanner und Bot. Das Hirn wird auch nicht jünger. Muss ja auch erst meinen eigenen Kahn mal wieder flott kriegen, liege jedoch momentan krank darnieder – sucks. So viel zu tun! Immerhin gibt’s wieder Internet in meinen Breitengraden, also kann es auch getan werden. Und was ein anständiger Freibeuter ist, greift sowieso überraschend an.

    phrixuscoyote

    10. December 2010 at 10:06 pm

  4. Ha! Check-boxes: check!

    phrixuscoyote

    10. December 2010 at 10:08 pm

  5. Hei, wie meine Jungs alle aus den Kojen kommen! Und was für pirateske Ausreden sie haben — allein die schon einen ganzen Eintrag wert .o)

    Wolf

    12. December 2010 at 12:59 pm

  6. Jawohl, Herr Kapitän. Wie Sie meinen, Herr Kapitän. (Pfff, Ausreden nennt er das.) :P

    phrixuscoyote

    12. December 2010 at 2:47 pm

  7. … und bei der Arbeit wird gesungen, nicht passiv-aggressiv in sich hineingemault .ò)

    Wolf

    12. December 2010 at 2:57 pm

  8. Das sieht meine unzureichende Rumration aber anders, Herr Kapitän. ;)
    Kann aber auch passiv-aggressiv singen, wenn’s gewünscht wird, Herr Kapitän! *das gesamte Repertoire von Nachtwindheim anstimmend*

    phrixuscoyote

    12. December 2010 at 3:18 pm


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