Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Neues von Christina Dichterliebchen (Christina’s Big O)

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Update zu Einige schlechte Eigenschaften Christina Dichterliebchens:

Christina Dichterliebchen hat kurze, heftige Orgasmen, auf die sie heimlich ein bisschen stolz ist.

Alltags hat Christina Dichterliebchen ein für alle Geschlechter einnehmendes Wesen, kann schrill und melodiös durch die Vorderzähne pfeifen und durch die gerollte Zunge Kuckuck rufen, beängstigend schielen, die Zehen spreizen und mit ihnen schnipsen, mit der Zungen- die Nasenspitze berühren, auf allem, was jemals einem Betrunkenen als Musikinstrument gedient hat, Musik machen, jedes klassische Zitat mit einem besseren einschließlich der korrekten Quelle parieren, sich flüssig in spontan und sauber gedrechselten Reimen unterhalten und in einem Zimmer, in dem sich nichts außer ihr selbst und einer Flasche Bier befindet, die Flasche Bier öffnen und auf ihren Knallerbsenbrüsten abstellen. Sie hält.

Ganz früher hat ihr Pflegevater einige Male versucht, sie zu missbrauchen. Sie berichtet, das Schwein sei bald vor seinen widernatürlichen Ansinnungen zurückgeschreckt, weil von selbst klar ist, dass man das mit ihr nicht machen kann. Als immer noch sehr junges Mädchen malträtierte sie sich jahrelang mit täglichen kilometerweiten Dauerläufen zu nachtschlafender Zeit, nach denen sie sich in der Badewanne mit einem aufgelesenen Holzpflock befriedigte, lange bevor sie wusste, was ein Dildo ist.

Schon ihren Ersten, der sie entjungfern durfte, hat sie sich selber geschnitzt, formuliert sie es heute und lacht glaubwürdig herzlich darüber. Das macht sie zu einer von denen, die nie Jungfrau waren; überdies ist sie groß gewachsen, wodurch sie selbstbestimmt, ja wehrhaft wirkt, weshalb wiederum sich nie jemand um ihre Unversehrtheit gesorgt hat. Das Ritzen lag ihr allerdings nie, sie macht sich ihr Leben lieber schön. Die Geheimnisse, aus denen ihre Vergangenheit zu weiten Teilen besteht, behält sie, weil sie gelernt hat, mit ihnen umzugehen.

Beim Liebesakt lässt sie freudig alles mit sich anstellen und bereitwillig in alle Richtungen biegen und wenden und drehen, solange sie überhaupt bei ihrem Partner den guten Willen erkennt, ihr Schönes anzutun. Sie will gelenkt, geführt werden; ihre erogenen Lieblingszonen teilt sie in einer fließenden Abfolge kleiner Bitten und stummer Angebote mit, dann tritt ihr höchster Moment schnell und unkompliziert ein. Ihren Aggregatzustand wechselt sie immer unversehens und abrupt und immer restlos. Ihre Partner und, soweit das geht, sie selbst danken es ihr.

Christina Dichterliebchen liebt es zu küssen. Der erste Kuss mit ihr macht süchtig, denn sie hat außergewöhnlich glatte Haut, feinsamtene Lippen und eine verspielte Zunge. Sie lässt sich gern berühren und kann deshalb überall und jederzeit erregt werden. So sind weder verschwiegene Ecken der Stadt inner- wie außerhalb von Gebäuden noch idyllische Stellen der Landschaft sicher vor ihrem Bedürfnis nach Nähe. Erwischt zu werden verbucht sie als fröhliche Erlebnisse, sie hat sich nie ihrer Nacktheit noch ihrer Lust geschämt. Oft überkommt sie der kindliche Impuls, Menschen auf ihr tiefrotes Schamhaar, ihre linke Zehe Nummer 4, deren letztes Glied, das mit dem rosig schimmernden Nagel, fast unmerklich nach außen verdreht ist, und die falben Körperregionen hinzuweisen, auf die nur in solchen Momenten die Sonne scheint. Ihm nachzugeben macht sie nachhaltig glücklich.

In ihrer Studentenwohnung hatte sie einmal einen Voyeur, wahrscheinlich ein amtlicher harmloser Spinner, sogar mit Stativfernrohr. Als sie in sich bemerkte, dass ihr das nichts ausmachte, im Gegenteil sogar auf eine kribbelnde Weise schmeichelte, machte sie ihm die Freude und nutzte ihr Heim die meiste Zeit nackt. Bei ihrer für eine junge Frau auffallenden Körperlänge lagen ihre für die Jugendwacht spannenden Teile schon immer ohne Anstrengung über dem Sichtschutz des Fensterbretts; beim Kochen muss sie sich breitbeinig an Tisch und Herd stellen, um auf die Arbeitsfläche zu reichen, was in ihrem Naturzustand von ferne ordinär wirken mag.

Sie gewöhnte sich an, zu festen Uhrzeiten das Fenster für ihn zu öffnen. Dafür ersparte sie sich und ihm aus Respekt, offenkundig unnötig auf der Leiter zu ihrem überhohen Bücherregal herumzuklimmen, und sonstige künstlich gestellte Leibesübungen. Das war ihre innigste Beziehung zu einem Mann, den sie gar nicht kannte. Er sprach sie nie an, schon gar nicht nachdem sie anfing, einem fortgeschrittenen Germanisten das letzte Semester an diesem Studienort zu versüßen. Das Sofa, ihr bevorzugtes Liebeslager in dieser Beziehung, stand ausgerechnet unter dem Fenster.

Beim einzigen Mal, da sie sich dem Germanisten über das Sofa aufs Fensterbrett gestützt von hinten gab, ließ sie sich hinreißen, offen ins Auge des Fernrohrs zu grinsen und kurz zu winken. Daraufhin verschwand das Fernrohr bis auf weiteres. Dabei ließ sie sich danach noch mit einer drallen schwarzhaarigen Lesbe ein; diese stolzen Brüste, die zu wogen vermochten, und den Drang, sich politisch zu engagieren, kannte sie nicht an sich, da war die Sache mit der Lesbe ihre Art, diese Frau zu verstehen. Ihren Voyeur aus Übermut verscheucht zu haben, bereute sie nicht stark, aber lange, manchmal vermisste sie ihn. Sie mag Leute mit Macken.

Christina Dichterliebchens Zuneigung gilt Menschen mit offenem Blick, am liebsten aus grünen Augen. Sie schaut jedem auf die Füße, denn Füße lügen nicht, weil man sie nicht unkenntlich schmücken oder begradigen kann, und sind sie einmal verborgen, denkt sie bei seinem Gesicht immer das andere Körperende mit. Eine Schwäche hat sie für gerade gewachsene, ausdrucksvolle Zehen, Haare in allen Rotschattierungen, wenn die Flanke zwischen Brüsten und Taille, wo sich die flächenmäßig größte ihrer eigenen erogenen Zonen erstreckt, die sofort anspringen, eine S-Kurve beschreibt, die man beim Streicheln spürt, Flaum entlang des Rückgrats und hervortretende Mittelhandknochen bei Frauen, durchaus auch ihre eigenen; bei Männern für Brillen, Schlüsselbeine, Hüftknochen, ungekämmte Haare, nicht übertrieben ausgeprägte regionale und internationale Sprachfärbungen und das selten verteilte Talent, mit selbstverständlicher Unbefangenheit barfuß zu gehen, und bei allen Menschen für das, was sie “ein gewisses Lachen am Leib” nennt.

Wer auf ihre Anerkennung aus ist, sollte eindeutig den Finger auf seine kulturellen Vorlieben legen können, nicht etwa angeben, Musik “querbeet” zu hören, dann ist das Genre zweitrangig. Als Frage des adäquaten Ausdrucks gilt ihr, Autos nicht als Wagen, unabhängige Arbeit nicht als Projekte, ihre Zehennägel nicht als Fußnägel und ihre weiblichste Stelle weder als Scheide noch mit Babywörtern wie Mumu zu bezeichnen, ansonsten erlaubt sie zwischen Möse, Vagina und gewachsenen Dialektwörtern das meiste. Als erklärtes Lieblingsbuch ist vor ihr Moby-Dick zulässig, Der Zauberberg, Jane Eyre, Faust und unter Angabe einer schlüssigen Begründung sogar Jane Austen oder Mickey Spillane, auch abstruse Sachen wie Halldór Laxness oder Der kleine Konz, nicht jedoch Der kleine Prinz oder Der Schwarm. Mit unentschiedenen, schwammigen Dingen kann sie, was wenig verwundert, nichts anfangen.

Am zuverlässigsten gewinnt man sie auf seine Seite, indem man ihr eigene oder fremde Texte hersagt, vorsingt, vorspielt, idealerweise ein Lied für sie schreibt. Das Verschenken von Schnittblumen betrachtet sie als gedankenlose Beihilfe zum Genozid an Pflanzen, Tanzen als Musikmissbrauch. Unzweifelhaft ist sie der einzige Mensch auf Erden, mit dem man ernsthaft und durchaus gewinnbringend nie erspähte Aspekte davon diskutieren kann, warum John Lennon 1980 an seinem 8. Dezember (einen Tag nach dem 31. Geburtstag von Tom Waits!) ausgerechnet erschossen wurde, statt mit einem Barbarazweig erstochen zu werden.

Ihr Körper ist voller heimlicher Knöpfe, die sich leicht finden lassen: Legt man ihr eine Hand in den Nacken, kennt sie kein Halten mehr. An jenen Tagen, an denen es praktisch nichts bedarf, um sie in ihre schmelzend kuschelige Stimmung zu heben, bleibt ihr Blick ständig leicht glasig wie mitten in einem Liebesspiel, ihre Haut elektrisch. Gerade dann wird sie in der Stadt im Minutentakt von Menschen angesprochen, auch in Begleitung und auch von solchen, die sonst nie Fremde ansprechen; nicht zwingend in anzüglicher Absicht, es liegt einfach an ihrer Ausstrahlung. Ein vertraulicher Umgang mit ihr kann jeden Moment brandgefährlich ausarten: Küsst man ihre oberen Lippen, werden ihre unteren feucht, denn ihr Körper und ihre Seele bilden ein Ganzes, und sie tut den Teufel, zu geizig oder zimperlich mit diesem Bewusstsein ihrer selbst umzuspringen. Die anschließenden Nächte sind lang, laut und in allen Sinnen des Wortes erschöpfend.

Sie ist musikalisch, weiß um ihre angenehm feste, sichere Singstimme und kann deshalb einen vorgegebenen Rhythmus einhalten. Männer schwärmen verblüfft von ihrem Vermögen, mit ihrem überaus beweglichen Kreuz in alle Stellungen mitzugehen, ohne den Kontakt loszulassen, Frauen von einer Sorte der Einfühlsamkeit, durch die sie tatsächlich mit ihren Schamlippen zärtlich küssen kann.

Als biegsame, aufmerksame Spielkameradin versieht sie eine angemessene Spanne lang still, geradezu introvertiert ihre Rolle auf der Lotterstätte, um sehr plötzlich und jedes Mal unerwartet in ein großes Stöhnen, oft auch ein irres Lachen und Jubeln, ein Winden und Zucken ihres gesamten Körpers auszubrechen. Das dauert wenige Sekunden, in denen sie in einem Schwall von Lust alles in ihrer Reichweite vollschwitzt und in der Art einer Signatur einen riesigen klatschnassen Fleck unter ihrem Schoß hinterlässt. Es ist ihr liebstes Spiel, das sie ernst nimmt, und ihre am besten beherrschte Arbeit, die ihr auf ansteckende Weise Spaß macht. Rückblickend waren es nie weniger als drei Tempo- und Stellungswechsel, die sie überraschend kurz hintereinander durchdeklinierte.

Absurd wäre es zu glauben, sie hätte jemals einen Höhepunkt simuliert, dafür fehlt ihr schon das gedankliche Konzept. Ein aufmerksamer Liebhaber erinnert sich daran, wie ihre Schamlippen um seine Erektion herum eine Art Plappern vollführt haben: Sie quasselt und gnickert mit den Lippen, die keine Stimme haben, sie lutscht und knabbert mit ihnen wie an einer Leckerei. Auch beobachtete der bewusste Liebhaber “dort unten” einen distinkten Sog.

Noch nie hat Christina Dichterliebchen mit einem Mann, auch mit keiner Frau, öfter als siebenmal geschlafen. Jede allzu sinnliche Begegnung mit meiner bescheidenen Person, die über freundschaftlich vertraute Zungenküsse hinausgeht, hat sie immer ausgeschlagen, indem sie gerade ihre liebevoll zugeneigte Verweigerung als das Besondere zwischen uns hinstellte, mochte sie noch so dankbar meinen Liedern an sie lauschen und körperlang an mich geschmiegt mit meiner Hand im Genick, daher schon mit brünstigem Atmen, durch verwinkelte Bierhallen, lauschige Antiquariate und über das Moos des Waldes hinschreiten; es könne dabei zu viel kaputt gehen, sagt sie, und dazu sei ich ihr zu wert.

Ihr angestammtes Element ist die Erde, das ihrer Sehnsucht und ihres inneren Strebens das Wasser. Eine sexuellere Kombination gibt es nicht. Die sich an sie erinnern, vergleichen es mit dem Entkommen aus einem Mahlstrom.

Christina Dichterliebchen probiert ihren neuen Freund aus.

Bild: Christina Dichterliebchen probiert ihren neuen Freund aus, 10. April 2010. Mit dem könnt’s was Längeres werden.

Soundtrack: Tom Waits: Watch Her Disappear, from: Alice, 2002.

Weblog-Empfehlung: Sara Otterstätter, 25. November 2009.

Written by Wolf

8. December 2010 at 7:41 am

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