Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Walnachrichten

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Das wird heuer nichts mehr, also raus mit dem Zeug, alle in einen Eintrag. Geplant war es anders: jeden in einen eigenen, kompetent und beweiskräftig verlinkt und hübsch bebildert. Nun geht schon das nächste Jahr den Bach runter und immer noch ist nichts getan. Die Zettelwirtschaft auf meinem Schreibtisch besteht aus Zeitungsmeldungen, die Wale oder Sprachwissenschaft betreffen, einer davon sogar beides, alle zufällig aus der Süddeutschen Zeitung, die ich gar nicht regelmäßig lese, die restlichen vier entstammen dem “Wissen”-Teil. Lesen wir sie chronologisch.

1.
Leserbrief der Grundschule Maria Ward, Klasse 4a, München in: Süddeutsche Zeitung, Mittwoch, 15. Juli 2009:
Gut für Möwen, schlecht für Wale
Wale werden neuerdings von Vögeln angegriffen

Wir fanden Artikel “Vögel auf Walfang” vom 27./28. Juni sehr interessant. Wir haben ihn im Unterricht besprochen und kamen zu folgendem Ergebnis: Die Menschen fischen die Meere so leer, dass die Möwen nicht mehr genügend Nahrung finden. Im Laufe der Zeit lernten sie, dass es viel einfacher ist, den Schnabel in den nahrhaften Rückenspeck der Wale zu hacken, als mühsam und zeitaufwändig im leergefischten Meer Futter zu suchen. Im Sinn der Evolutionstheorie nach Charles Darwin ist das eine Weiterentwicklung der Möwen, aber eine Bedrohung für die Wale.

Ohne den Originalartikel, den die Klasse 4a mir voraus hat, gelesen zu haben, fand ich gegen ihre Einschätzung nie etwas einzuwenden. Zur Beförderung unserer Meinungsbildung:

1 a)
Tina Baier in: Süddeutsche Zeitung, Samstag/Sonntag, 27./28. Juni 2009:
Vögel auf Walfang
Vor Argentinien reißen Möwen immer häufiger Fleisch aus den Körpern von Walen — und werden damit neben dem Menschen zur ernsten Bedrohung für die Meeressäuger.

In den meisten Ozeanen der Welt haben Wale außer dem Menschen nur wenige Feinde. Vor der argentinischen Halbinsel Valdés ist das anders. Dort machen Dominikanermöwen Jagd auf den Südlichen Glattwal. Sobald die bis zu 18 Meter langen Säuger zum Luftholen an die Oberfläche kommen, landen die Vögel auf ihren Rücken und reißen große Fleischstücke aus ihrem Körper. Die Wunden sind Zentimeter tief und bis zu einen halben Meter lang.

Nach Angaben von Walforschern des Instituto de Conservación de Ballenas in Buenos Aires hat die Zahl der Attacken dramatisch zugenommen. Im Jahr 2008 hatten 76,8 Prozent der Wale von Valdés Spuren von Möwenangriffen auf dem Rücken. 1974 waren es lediglich ein Prozent.

Anfang der siebziger Jahre beobachteten Forscher erstmals, wie Möwen auf den Walen landeten. Doch damals gaben sich die Vögel noch damit zufrieden, Parasiten von den Rücken zu picken und ab und zu einen Fetzen loser Haut. Irgendwann haben sie dann begonnen, ihren Schnabel in den nahrhaften Speck zu schlagen. Am häufigsten greifen die Möwen Walmütter mit ihren Kälbern an. Die kleinen Wale müssen öfter zum Luftholen auftauchen als erwachsene Tiere.

Mittlerweile sind die Vögel zur ernsten Bedrohung geworden. Die Region ist eine Kinderstube für den Südlichen Glattwal. Die Mütter säugen dort ihre Jungen bis sie groß genug sind, in den Ozean hinauszuschwimmen und sich selbst zu versorgen. Die Mütter fressen während dieser Zeit nichts. Um Energie zu sparen, bewegen sie sich unter normalen Umständen kaum und dümpeln an der Wasseroberfläche. Seit dort die Möwen lauern, hat sich das geändert.

Ein Drittel des Tages sind Mütter und Kälber auf der Flucht vor den Luftangriffen. Statt sich auszuruhen, tauchen sie unter und schwimmen mit großer Geschwindigkeit davon. Die argentinischen Walforscher befürchten, dass sie dabei zu viel Energie verbrauchen, die die Mütter eigentlich in die Milchproduktion, und die Kälber in ihr Wachstum stecken sollten. Tatsächlich haben Meeresbiologen beobachtet, dass die Kälber dünner sind als noch vor einigen Jahren.

Dergleichen wird sicher gern in Nymphenburger Grundschulen besprochen.

2.
Christian Weber in: Süddeutsche Zeitung, Dienstag, 4. August 2009, Seite 14, “Wissen”:
Die Gesetze der Schwanzflosse
Delfine schwimmen nach linguistischen Regeln

Ein bislang nur Linguisten bekanntes Gesetz scheint auch bei Delfinen zu gelten. Wie ein britisch-spanisches Forscherteam im Fachblatt Complexity (Bd. 14, S. 23, 2009) jetzt zum ersten Mal berichtet, neigen die Meeressäuger dazu, sich möglichst ökonomisch durch das Wasser zu bewegen. Am häufigsten vollführten die Tiere einfache Schwimmfiguren, die sich mit wenigen Flossenschlägen zustande bringen lassen. Je komplexer die Bewegungsmuster, desto seltener seien sie zu beobachten.

Dieses Verhalten entspreche einem Gesetz, das nach Angaben der Autoren der Harvard-Linguist George Kingsley Zipf bereits in den 1930er Jahren mathematisch formuliert hatte. Es besagt in vereinfachter Form, dass die am häufigsten benutzten Wörter in einer Sprache in aller Regel auch die kürzesten sind. Im Deutschen ist zum Beispiel “der” das meistgebrauchte Wort.

Für ihre Delfin-Studie beobachteten der Computerwissenschaftler Ramón Ferrer i Cancho von der Universität Politècnica de Catalunya in Spanien und der Meeresbiologe David Lusseau von der schottischen Universität Aberdeen das Verhalten Großer Tümmler (Tursiops truncatus) an der Meeresoberfläche vor der Küste Neuseelands. Dabei kodierten sie die Bewegungen der Tiere nach kleineren Einheiten wie “Klaps”, “Stop”, “Schwanz”, “Kopf” oder “Sprung”. So ergaben sich insgesamt 30 Bewegungsmuster, die aus einer bis maximal vier Einheiten bestanden. Die statistische Analyse der ermittelten Daten ergab tatsächlich eine Häufigkeitsverteilung, wie sie Sprachwissenschaftler von den Wortlängen her kennen. “Die Verhaltensmuster der Delfine gehorchen dem gleichen Gesetz der Kürze wie die menschliche Sprache, wo ebenfalls die einfachsten und effizientesten Codes gesucht werden”, sagt Ferrer i Cancho.

Diese Parallelität sei mehr als ein Zufall, schreiben die Autoren. Sie zwinge vielmehr zu einer grundlegenden Einsicht: Wenn Sprache nach ähnlichen Prinzipien aufgebaut sein sollte wie biologische Systeme, müsste sie in Zukunft auch vermehrt nach den Prinzipien der Lebenswissenschaften untersucht werden. Anders gesagt: Zoologen sollten auch Bücher zu Objekten ihrer Forschung erklären.

Das ist jetzt mein Liebling in dieser Sammlung. War es doch schon im Studium meine Rede, dass die Fähigkeit zur Sprache im Lauf der Menschheitsgeschichte ins Erbgut vorgedrungen ist; jeder Phänotyp des Menschen erlernt nur noch ein Sprachsystem, ohne die Veranlagung dazu wurde schon sehr lange niemand mehr geboren. Sollte diese Forschung fortgesetzt werden, verspreche ich mir endlich Aukunft darüber, ob leicht zu produzierende Wörter öfter benutzt werden, oder ob sie erst durch den häufigen Gebrauch handlich zurechtgeschliffen werden — also eine Unterscheidung von Ursache und Wirkung. Und ob die Delfine vor Neuseeland andere Bewegungsmuster ökonomisch finden als die zum Beispiel im Nürnberger Delfinarium — also ob sie quasi in verschiedenen Dialekten schwimmen.

3.
Gustav Seibt in: Süddeutsche Zeitung, Donnerstag, 24. Juni 2010, Seite 14:
Nicht parodierbar
Skizzen und Notizen des Büchner-Preisträgers Walter Kappacher

Klappentexterin, Sinn und Sinnlichkeit, 30. August 2010Walter Kappacher, als Stilist der Meister einer eindringlichen Unaufdringlichkeit, hat ein Heft mit Notizen, Fundstücken und Fotografien vorgelegt. Auch diese Kürzesttexte blenden nicht, zeigen keinen blitzenden Witz, sondern eher stille, abgründige Komik: “Mai 1986. Der in Berlin-Spandau inhaftierte 92jährige Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess sorgt sich wegen der radioaktiven Wolke aus Tschernobyl; er gesteht dem Pastor Gabel, dass er seit Tagen frische Milch und frischen Salat meidet.” Der Titel des Bändchens bezieht sich auf ein berühmtes Foto, das Marilyn Monroe im Badedress bei der Lektüre des “Ulysses” von James Joyce zeigt, es ist offensichtlich die Erstausgabe, also wohl das Exemplar ihres Ehemannes Arthur Miller: “Es wäre leicht, darüber zu schmunzeln, aber wie viele von den ‘Intellektuellen’ haben das Buch zu Ende gelesen?” Anderes liest sich wie eine Kürzestgeschichte, ein Eheroman in fünf Sätzen: “Der Metzger in der Linzergasse tritt vors Geschäft mit blutiger Schürze, Feierabend, und wischt sich die Hände ab, zündet sich eine Zigarette an. Ein Touristenpaar kommt vorbei, feist beide; der Mann grüßt halbmilitärisch, zwei Finger zur Schläfe: Er sei Kollege, habe in Duisburg eine Fleischhauerei. Ist froh sich mit dem Metzger über Berufliches unterhalten zu können. Die Ferientage, die Stadt Salzburg, das dauernde Zusammensein mit seiner Frau öden ihn sichtlich an.”

Kappachers eigene Sprachmaxime steht schon auf der zweiten Seite: “Wäre nicht jener Stil der beste, der nicht parodierbar ist?” Die wachsende Kappacher-Gemeinde wird sich auch über die Fotos freuen, die das Uferschilf eines bei Salzburg gelegenen Sees so nah zeigen, dass geometrische Muster daraus werden, wie eine stumme Schrift der Natur.

Walter Kappacher: Marilyn Monroe liest Ulysses. Notizen, Fundstücke und Fotografien. Verlag Ulrich Keicher, Warmbronn 2010. 40 Seiten, 15 Euro.

Die Artikel von Gustav Seibt gehören immer zum Aufschlussreichsten in der Süddeutschen, man kann danach gehen, der Mann ist dort zuständig für Goetheforschung und die richtig dicken literarischen Bretter. Der wiedergegebene Artikel stand unter “Kurzkritik”, war daher gerade mal eine halbe Spalte lang und besteht da noch großenteils aus Zitaten. Ein Buch, das Rudolf Hess, die Monroe, einen österreichischen Metzger, Entschuldigung: Fleischhauer und Fotos von sehr beschaulichen Landschaften zusammenbringt und darin an Arno Schmidt im Twitterformat erinnert, wollte ich mir trotzdem merken.

Überdies hab ich mir das auch schon mal gedacht, dass man möglichst schreiben sollte, was sich der Parodie entzieht. Am besten parodiert man gleich selber, und zwar mit Respekt. Dann kommt Moby-Dick™ raus und alle haben was zum stillvergnügten Grinsen. Mehr geht nicht.

4.
Süddeutsche Zeitung, Donnerstag, 1. Juli 2010, Seite 24, “Wissen”:
Wal! Da beißt er!
Fossiler Pottwal mit Riesenzähnen

Die Vorfahren des Pottwals gingen einst mit imposanten Reißzähnen auf die Jagd nach anderen Walen. Das berichtet ein europäisches Forscherteam um den belgischen Paläontologen Olivier Lambert im Fachjournal Nature (Bd. 466, S. 105, 2010). Die Wissenschaftler entdeckten im November 2008 nahe der Stadt Ica an der Küste Perus die Überreste eines Urzeit-Pottwals. Der etwa 13 Millionen Jahre alte Schädel des Säugetiers war mit einem kräftigen Unterkieferknochen sowie mächtigen Zähnen ausgestattet. Diese waren bis zu 36 Zentimeter lang und hatten einen Durchmesser von mehr als zwölf Zentimetern. Der Fund ist das größte jemals entdeckte Gebiss eines Landwirbeltiers. Außerdem beweise das Fossil die räuberische Vergangenheit der Pottwal-Familie, berichten die Wissenschaftler. Die urzeitlichen Pottwale waren demnach gefährliche Jäger, die in ihrem Beute-Verhalten heutigen Schwertwalen ähnelten. Wahrscheinlich habe sich dieses bis zu 17 Meter lange Raubtier von mittelgroßen Bartenwalen ernährt. Zusammen mit dem Megalodon, dem größten bekannten Hai der Erdgeschichte, standen die räuberischen Pottwale vermutlich an der Spitze der einstigen Nahrungskette im Meer. Die Entdecker tauften den Pottwal aus dem Erdzeitalter des Miozän auf den Namen Leviathan melvillei — ein Urzeit-Seemonster also, das Herman Melville, dem Autor des Romans “Moby Dick”, gewidmet wurde.

Das war die erste Meldung, durch die uns der Melvillei auffiel. An dieser Stelle nochmal zur individuellen Vollständigkeit, zur Erinnerung, und falls doch noch was Neues drinsteht. Das Wichtigste: dass Wale von Landtieren abstammen und gegen alle Evolution ins Meer zurückgekrabbelt sind, geht im Nebensatz etwas unter.

5.
cwb in: Süddeutsche Zeitung, Donnerstag, 14. Oktober 2010, Seite 16, “Wissen”:
Die Zahl

9800 Kilometer weit muss ein Buckelwal-Weibchen mindestens geschwommen sein, das zuerst vor der Ostküste Brasiliens und zwei Jahre später vor Madagaskar gesichtet wurde. Experten haben es anhand von Flossenform und Fleckenmuster eindeutig identifiziert. Es wäre die längste Reise eines Säugetiers, die je beobachtet wurde. Vermutlich war die Strecke sogar noch länger, berichten die Forscher um den Meeresbiologen Peter Stevick vom College of the Atlantic in Bar Harbor, USA (Biology Letters, online): Das Tier habe wahrscheinlich nicht die Direktverbindung genommen, sondern zuvor einen Abstecher in die Antarktis gemacht, wo reiche Fischgründe locken. Unklar sei allerdings, ob der Buckelwal gezielt neue Lebensräume erkunden wollte, oder ob er sich schlicht verirrt hat.

Was auch mal wieder gesagt werden muss: Besuchet regelmäßig die Walnachrichten auf Cetacea sowie kulturelle Nachrichten bei Arts & Letters Daily!

Bild: Klappentexterin: Sinn und Sinnlichkeit, 30. August 2010.

Soundtrack gegen all die Trockenheit: Die Ärzte: Westerland, aus: Das ist nicht die ganze Wahrheit… — von 1988 und für meinen Begriff immer noch “ihre neue”.

Written by Wolf

16. December 2010 at 12:01 am

Posted in Moses Wolf

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