Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

We are 65

with 6 comments

Update zu Walgesänge mit Begleitung:

Als ich mal auf Acid war, habe ich Gott gesehen. Er ist größer, als ich gedacht habe.

Ian Fraser “Lemmy” Kilmister, 1996, nach:
Harry Shaw: Lemmy Talking, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2010.

Man hat mich schon Gott oder Jesus genannt, aber nicht Santa Claus. Hm, allerdings habe ich mich schon als Santa verkleidet. Einmal fürs Fernsehen. Und einmal für das Cover unseres Albums „Ace of Spades“.

Ders., in: Jörg Scheller: Lemmy Kilmister: Der Geist der bösen Weihnacht,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Interview 24. Dezember 2010 (empfohlenes Interview!).

Da wird der alte Krawallbruder, den man mit so gedämpftem Respekt Lemmy anredet (was er unterstützt), am 24. Dezember auch schon 65. Das Christkind hat man sich immer anders vorgestellt.

Lemmy KilmisterNun ist dem Guten manches vorzuwerfen — zum Beispiel, dass ein Vorbild für so viele junge Menschen weltweit nicht mehr Zeit findet, als sich seinen Fans immer nur einzeln zuzuwenden: Nach seinen eigenen Berechnungen war er, der lebenslange Junggeselle, mit gar nicht so vielen Frauen zusammen: “Es waren nur 1000. Und wenn du die auf all die Jahre umrechnest, ist das auch nicht mehr als eine pro Woche.”

Die Rechnung stammt von 2010, und wenn wir wohlwollend ansetzen, dass Herr Kilmister seine diesbezüglichen Bemühungen mit 18 Jahren aufgenommen hat, kommen wir auf eine pro drei Wochen. Immer noch genug, um einen vielbeschäftigten Musiker vom Heiraten abzuhalten.

Motörhead hat er 1975 gegründet, mit 30. Von Anfang an bestand die Band aus drei Mann (Lemmy Kilmister: Bass; anfangs Larry Wallis: Saitenmoped; Lucas Fox: Schießbude), die zusammen einen wirklich ganz erstaunlichen Lärm zustande brachten. Mit Verlaub: Im Vergleich zu dem, was von neueren Death, Speed, Trash und sonstigen Metal-Bands in Mikrophone gekotzt wird (jedes andere Wort wäre untertrieben), wirken Motörhead heute zahm. Was von den wenigsten erreicht wird, ist Motörheads, allen voran Lemmys entwaffnende Credibility, nein: Trueness.

Als ob man den Umzugskarton mit dem Besteck und Geschirr das Treppenhaus runterschmeißt, klingen sie alle, bei Motörhead lohnt sich das wiederholte Hinhören. Lemmy benutzt ein einschüchterndes Werkzeug von Rickenbacker-Bass, der unzweifelhaft größer ist als manche seiner Frauen und zuverlässiger dazu, und mit dem er einen der ganz wenigen Frontleute mit Bass abgibt. Und er spielt darauf Bluesschema; viel komplizierter sind Metalsongs nicht. Das macht sonst erst wieder Ringsgwandl, und der besteht aus Parodie.

Als Lyriker gibt er nicht viel her: Motörhead-Texte sind engagiert stimmungsvoll, mehr nicht. Saufen, Weiber, Leiden an der Welt, was denn sonst. Durchaus große Themen, die selten an eine große Wahrheit rühren. Aber hey. Wenigstens verschaffen sie sich Luft.

Ehrfurcht kriegt man erst vor dem Typen Lemmy außerhalb einer Bühne. Die Rolle des knorrigen, schrottigen Saufprolls, der außer auf stete Whiskyzufuhr alles scheißt und die besten Mädels kriegt, mag erfunden sein, aber es fällt schwer, Lemmy irgendetwas nicht zu glauben: Der Kerl ist echt. Jedenfalls soll sich jemand anders mit der Grugahalle voller tätwowierter Bierbäuche mit Harley-Schlüsseln in der Kuttentasche anlegen.

Lemmy Kilmister Live at Reds, Edmonton, May, 2005 Langsam gehört Lemmy zu den letzten Überlebenden seiner Generation mit Vorbildwirkung: Frank “It’s fucking great to be alive” Zappa, der Lemmy entfernt ähnlich sah, wäre in diesen Tagen, am 21. Dezember, 70 geworden, weilt aber seit 1993 nicht mehr unter uns und verstand sich sowieso mehr als launiger Retter der großen Oper und betont biederer Familienvater; Captain Beefheart, den immerhin Tom Waits als Vorbild angibt, ist 1982 unter die Kunstmaler gegangen und soeben, am 17. Dezember, mit 69 an MS gestorben. Bob Dylan lebt noch, hat aber nie besonders gern mit Leuten geredet. Außerdem konnte man sich anhand Fotos von denen allen nie so unmittelbar vorstellen, wie sie riechen.

Allein Ace of Spades vom gleichnamigen vierten Album 1980 ist heilig. Auf den ersten Blick auch nicht viel anders als der ganze Lärm drumherum, mit einem Text von geringem Erkenntnisgewinn, aber in seiner stilistischen Schlichtheit der Inbegriff eines Rockfetzens. Ein Lied wie ein sehr großer, sehr kraftvoller und wahrscheinlich schwarzer Lkw.

Schon in den 1980ern hat sich Lemmy interviewweise darüber verwundert, wie es doch “immer noch Idioten gibt, die sich unsere Musik anhören wollen”, 2010 ist das zwanzigste Motörhead-Album erschienen, The Wörld Is Yours — übrigens auch auf Vinyl, wie sich das gehört —, und angeblich leitet er Konzerte immer noch mit der hingeranzten Formel ein: “We are Motörhead, and we play Rock and Roll” — mit sämtlichen Silben in britisch sorgfältiger Präsenz. Was passieren würde, wenn sie dann tatsächlich mit Rock and Roll anfangen wollten, will ich ebenfalls lieber nicht erleben, aber nach einer Dosis Motörhead fühlt man sich immer noch nicht genervt wie von auf Kasper geschminkten Posern wie Accept oder Iron Maiden, die nach 1980 ja auch als Heavy Metal durchgehen wollten, sondern wie frisch geduscht. Qui habet aures audiendum, audiat oder soll sich weiter seine Metallicaschnulzen bei iTunes runterholen.

Wie man hört, gedenkt sich Lemmy zu seinem Geburtstag am Heiligen Abend wie jedes Jahr in einem Hotel in Las Vegas einzuquartieren, das sich vornehmlich an alleinstehende Herrschaften richtet. 65 und erst tausend Frauen? Himmel, der Mann hat mehr Beziehungen geführt, als unsereiner je Gutenachtbussis erhalten wird, und könnte jetzt schon unser aller Vater sein.

Alles Gute und schöne Weihnachten, du alter Sack.

Heiliges Lied: Ace of Spades, aus: Ace of Spades, 1980;
Fachliteratur: Jörg Scheller: Lemmy Kilmister: Der Geist der bösen Weihnacht, Interview Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Dezember 2010;
Harry Shaw: Lemmy Talking, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2010;
Bilder: Blastwaves: Quid Me Anxius Sum? nach Metal Library;
Lemmy Live at Reds, Edmonton, May, 2005: Wikimedia Commons.

Written by Wolf

24. December 2010 at 12:01 am

Posted in Moses Wolf

6 Responses

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  1. Die Abhandlung empfehle ich mal meinem nachgeborenen Bassisten weiter. Er wird entzückt sein.
    *

    hochhaushex

    24. December 2010 at 10:53 am

  2. Und umgehend sein Equipment gegen ehrbares Rickenbacker austauschen :o)

    Wolf

    24. December 2010 at 12:26 pm

  3. Also, von der völlig unzutreffenden (und vermutlich aus gnädiger Unwissenheit erwachsenen) Bemerkung über Accept und Iron Maiden abgesehen ein hervorragender Beitrag zum Weihnachtsfest :)
    Auch mag man sich darüber streiten, ob ausgerechnet das mittlerweile von Millionen von Alkohol und Zigaretten dahingerafften Stimmbändern totgejodelte Ace of Spades (welches laut eigener Aussage nicht mal mehr der Meister persönlich ertragen kann) das beste Beispiel für das [räuspern] künstlerische Schaffen der hässlichsten Band aller Zeiten ist.
    Frohe Weihnachten, Kapitän Wolf! Auch von der Chefin, Frl. P.

    Was noch hinzuzufügen wäre:

    doodlez

    24. December 2010 at 2:48 pm

  4. Meine Bemerkungen über Accept und Iron Maiden erwachsen aus Kenntnis der “Metal Heart” und dem Kaspeltheater, das mir Iron Maiden wahrscheinlich als stylish oder sowas verkaufen wollen .ò)

    Mehr D’accord mit dem strapazieren Ace of Spades: vielleicht auch eine Art Pawlowscher Hundeversuch des Metal-Repertoires — was aber auch sagt: Ein gescheites Lied hält’s aus.

    Frohe Weihnachten, wollt ich ja auch sagen, falls das bislang allzu unerwünscht blieb. Hab ich nicht? Wünsch ich aber :o)

    Wolf

    24. December 2010 at 3:52 pm

  5. (Pscht, nix mehr jetzt über Iron Maiden, Herr Kapitän! Ich muss mir doch sonst das Geschimpfe hier anhören. ;) ) Frohe Weihnachten!

    phrixuscoyote

    24. December 2010 at 5:09 pm

  6. Zweifel am Rock´n´Roll???
    Wenn Motörhead nicht grade Blues sind, dann eben Rock´n´Roll… und wer Lemmy mal Buddy Holly singen hören möchte und sich ein echtes Rock´n´Roll-Album mit ihm antun mag, dem empfele ich “Lemmy, Slim Jim & Danny B”

    Steamboatwillie

    17. May 2011 at 11:48 am


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