Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Gestern sank die Sonne hin und ging doch wieder auf

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Obligates Update zu Teach me to heare Mermaides singing und Wiser Far Than I:

Wie meiner werten Auftraggeberin Hille Perl bei Lieferung der Übersetzungen für die Dowland-Vertonungen für ihre eigene Präsenz versprochen, hab ich mich an einen Extended Remix — das ist: eine Übersetzung aller fünf Strophen des Song II statt nur der üblichen und für die CD eingesungenen drei gesetzt. Und siehe: Es verträgt die Länge ganz gut. Meines Wissens ist das jetzt die einzige einigermaßen zugängliche deutsche Version des vollständigen Gedichts. Man korrigiere mich notfalls, aber die Reste von Vordtriede bringen es gar nicht und Koppenfels dreistrophig.

Heute vor 380 Jahren ist John Donne (21. Januar 1572 bis 31. März 1631) gestorben. Wie lebendig er ist, zeigt spätestens die Perl-Santana-Mields-Sirius-Viols-Sammlung über John Dowland Loves Alchymie, eingespielt vor ziemlich genau einem Jahr. Da wird er sich wohl noch wünschen dürfen, dass eins seiner schönsten Gedichte wenigstens einmal vollständig irgendwo steht. Zu Diensten, Exzellenz.

John Donne: Song II

Sweetest love, I do not go,
     For weariness of thee,
Nor in hope the world can show
     A fitter love for me;
          But since that I
At the last must part, ’tis best,
Thus to use myself in jest
     By feigned deaths to die.

Yesternight the sun went hence,
     And yet is here to-day;
He hath no desire nor sense,
     Nor half so short a way;
          Then fear not me,
But believe that I shall make
Speedier journeys, since I take
     More wings and spurs than he.

O how feeble is man’s power,
     That if good fortune fall,
Cannot add another hour,
     Nor a lost hour recall;
          But come bad chance,
And we join to it our strength,
And we teach it art and length,
     Itself o’er us to advance.

When thou sigh’st, thou sigh’st not wind,
     But sigh’st my soul away;
When thou weep’st, unkindly kind,
     My life’s blood doth decay.
     It cannot be
That thou lovest me as thou say’st,
If in thine my life thou waste,
     Thou art the best of me.

Let not thy divining heart
     Forethink me any ill;
Destiny may take thy part,
     And may thy fears fulfil.
          But think that we
Are but turn’d aside to sleep.
They who one another keep
     Alive, ne’er parted be.

John Donne: Lied II

Liebste mein, Süßeste, nein,
     Ich scheide nicht aus Überdruss
Und Hoffnung, dass die Welt mir ein
     Besseres Lieben bieten muss;
          Doch weiß ich, dass
Ich sterbe im Ernst,
Und übe vorerst, damit du’s lernst,
     Das Sterben nur zum Spaß.

Gestern sank die Sonne hin
     Und ging doch wieder auf:
Ganz ohne Ziel, ganz ohne Sinn,
     Mit halb so weitem Lauf.
          Drum gib nicht verloren
Die schnellere Reise, die ich begann,
Denn im Vergleich lege ich an
     Viel schnellere Flügel und Sporen.

Ach, wie schwach der Mensch, der ringt,
     Bleibt, wenn ihm auch das Glück zufällt,
Und keine Stunde wiederbringt
     Noch ihrer eine zugesellt.
          Doch wenn es sich wendet,
Machen wir uns mit Macht und Dauer
Unser Unglück doppelt sauer,
     Bis es noch schlimmer endet.

Wenn du seufzest, seufzt kein Wind –
     Meine Seele seufzt da im Entschweben;
Wenn du weinst, unseliges Kind,
     Versiegt all mein Blut und mein Leben.
          Doch glaub ich dir,
Dass du mich, so wie du sagst, liebst –
Denn wenn du in deinem mein Leben hingibst,
     Dann bist du das Beste an mir.

Glaub nie in deinem ahnungsvollen
     Herzen an die Gefahr,
Ich könnte je etwas Böses uns wollen,
     Sonst macht dein Schicksal Ängste wahr.
          Glaub lieber, dass die,
Die nur schlafend anderweitig
Sich kehren und durch sich gegenseitig
     Leben, die trennen sich nie.

Dieses Luminarium rockt ungemein. Was allein im Donneschen Song II für Lieder drinstecken, von denen der teure Verstorbene nichts wissen konnte.

Der Anklang am Anfang ist seinerseits schon wieder in Vergessenheit, weil es ein mittelaltes von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung ist (Neppomuk’s Rache, 1990):

Arrivederci, ciao, ciao, mon amour,
wie konnte ich mich nur erdreisten.
Du bist mir zu kostbar, zu gut eine Spur,
ich kann mir dich nicht mehr leisten.
Arrivederci, ciao, ciao, mon amour,
ich weine nicht, wenn ich scheide.
Arrivederci, ab jetzt wein ich nur
noch, wenn ich Zwiebeln schneide.

Das hört erst auf mit The only thing that looks good on me is you (irgend so ein Bryan Adams), „all mein Blut und mein Leben“ ist selbstverständlich das Ännchen von Tharau, Anfang dritte Strophe ist „When you’re smiling“ – Louis Armstrong, späterhin als Dixieland-Standard missbraucht – und die letzte Strophe riecht mir stark nach Love Me Tender. Das Allerbeste an dem ganzen Extended Remix ist der Anfang zweite Strophe. Herrschaften, hoffentlich ist das ein Original von mir. Das hat fühlbar — durch Donnes Verdienst — die Qualität von „Das ist nicht die Sonne, die untergeht, sondern die Erde, die sich dreht“, der Sokrates-Zuschreibung durch Tomte. Das will ich singen können.

Die Überschrift heißt aus gleichen Gründen wie beim ersten Song (“Goe and catch a falling star”) Lied statt Song, klar.

Musik: John Dowland auf John Donne: Sweetest Love I Doe Not Goe,
aus: Hille Perl, Lee Santana, Dorothee Mields, Sirius Viols: Loves Alchymie, 2010.

Written by Wolf

31. March 2011 at 12:01 am

Posted in Laderaum

10 Responses

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  1. Hab ich des jetz richtig verstanden: Das hast du übersetzt?

    phrixuscoyote

    31. March 2011 at 1:57 pm

  2. In meiner grenzenlosen Bescheidenheit, ja :) (Den Artikel hab ich schon vor Wochen vorveröffentlicht, um den mittelrunden Todestag abzufeiern. Inzwischen kommt er mir reichlich rumgeprotzt vor. Anscheinend war ich stolz und froh, dass ich den Job endlich abgeschlossen hab…)

    Wolf

    31. March 2011 at 2:25 pm

  3. Also ich muss dazu ehrlich sagen, dass ich deine Übersetzung sehr, sehr gelungen finde und ich werde sie gern propagieren. :)

    phrixuscoyote

    31. March 2011 at 2:39 pm

  4. Hui, danke, das ehrt mich — grade von der anglistischen Kollegin :) Ich bin ja dafür, dass die Gesamtheit der CD-Texte endlich ins Hillenet zu stehen kommt, aber die Dame tourt wohl derzeit und geigt verschiedene Fastenzeitpassionen auf.

    Ein paar Donne-Texte hab ich noch übrig. Kann ich noch nach und nach verballern, wenn sich ein hübsches Mermaid-Bildchen zu gar keinem anderen Thema fügen will :)

    Wolf

    31. March 2011 at 2:57 pm

  5. Ich hab schon auf der Hille-Seite spioniert, da würd ich ebenfalls gern die Texte lesen, und anhören muss ich mir das wohl auch mal, ich mag ja derlei fast schon unbesehen. :)
    Und mehr hübsche Übersetzungen von dir: ja, gern! Sowas kann man nicht genug lesen.

    phrixuscoyote

    31. March 2011 at 8:02 pm

  6. Du bist sowieso Zielgruppe, wie man hört: Außer dem Abo-Publikum um die achtzig verirren sich zu der immer auch ein paar Goten in den Konzertsaal. Der gern auch mal eine gotische Kirche ist. Ich hab sie ja nur mal im Münchner Herkulessaal und einmal in der Plattenabteilung vom Beck am Rathauseck erlebt :)

    Wolf

    1. April 2011 at 6:00 am

  7. Hab mir gestern noch glatt das Dowland-Album gekauft. Hach, ist das schön! :D

    phrixuscoyote

    1. April 2011 at 6:16 pm

  8. So ist es recht. Da pack auch gleich das Prequel mit ein: In Darkness Let Me Dwell, noch ohne meine Reinpfuscherei ins Booklet. Oder wie die Wölfin es ausdrückt: “Personen, die sich für Gejammer interessierten, interessierten sich auch für Gegreine.” Kunstverständnis ist nicht jedem einfach so mitgegeben :)

    Wolf

    2. April 2011 at 11:08 am

  9. Hach, und ich hab daraufhin gleich mal wieder deine Abbruzzelung desselben (*umguck* Pscht! Hab ich was gesagt? ;o) ) vorgekramt, versink darin und in seiner Melancholie und der Abend ist für alles andere verloren. Weil: von wem wissen wir gleich noch, es “sind diejenigen Tränen dennoch zweifellos angenehm, die die Musik weint”?
    Und schämen uns dessen mitnichten, denn von wem wissen wir gleich noch

    “Gestern sank die Sonne hin
    Und ging doch wieder auf…” ?

    Go Wolf, go.* :o)

    hochhaushex

    2. April 2011 at 7:50 pm

  10. Siehstä mal, sogar gebruzzelt hab ich das schon mal. Gut, dass wir hier eine reine Privatveranstaltung sind. Eine geöffnete .ò)

    Wolf

    3. April 2011 at 9:40 am


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