Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Lass irre Hunde heulen

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… und außerdem muss noch schnell jemand “Ich hatt’ einen Kameraden” auf die Melodie von “Es waren zwei Königskinder” einsingen und es zugänglich machen. Wo die Leute ihre Lieder sowieso nur noch einzeln saugen, muss es ja nicht gleich eine ausgewachsene CD werden. Obwohl — wieso denn nicht?

Celeste Tumulte, Three Girls and Their ViolinsEigentlich erstaunlich, was für eine unterschätzte Sportart das Durcheinanderwirbeln von Musik und Text ist, dabei funktioniert das mit der Volksliedstrophe geradezu universell. Die eingängigen Teile der abendländischen Poesie bestehen doch flächendeckend aus vierhebigen, paar- oder kreuzgereimten Vierzeilern; alles, was davon abweicht, ist schon ein erklärungsbedürftiger Sonderfall. Es bildet einen Wesenszug der deutschen Volksseele, zumindest bildet es ihn ab: Das gleichmäßige, eindeutige Eins-zwei hört man gern und kann man sich merken, so vielfältig man es auch durchvariieren kann.

Ein wie hochstehendes Kunstwerk das schlichte Lied “Es waren zwei Königskinder” überhaupt ist, wurde mal in einem DDR-Spielfilm aus den 70ern erklärt: Vier Zeilen hat die erste Strophe, wie alle seine Strophen, wie in den meisten einfachen Liedern. Die erste Melodiezeile fängt an mit einer Quart auf die Exposition der Handlungsträger: eben “Es waren zwei Königskinder” mit einem Tonschritt von C aufs darüberliegende F. Ansteigende Melodie: macht aufmerksam und reißt mit.

Und jetzt, keine Zeit zu verlieren, kommt der Trick: Die zweite Melodiezeile fängt an mit einer Quint, der Tonschritt geht wieder vom C der ersten Zeile aus und landet einen Ton höher auf dem G — eine noch schärfe ansteigende Melodie, und zwar auf den Text: “Die hatten einander so lieb.” Das sagt: Aufgemerkt!, weil der weitere Verlauf genau von dieser Liebe handelt: Bitte merken, das brauchen wir jetzt das ganze Lied lang.

Die dritte Melodiezeile bestätigt, dass es kein Zufall war: Sie fängt an mit einer Sext — abermals vom alten C aus noch eins höher aufs A — und zwar auf den Text: “Sie konnten zusammen nicht kommen”: die Katastrophe! So haben sich die ersten drei Zeilen unauffällig höher geschraubt und dabei ihre Spannung aufgebaut. Eigentlich schon eine vollständige Geschichte, allen Schnickschnacks entkleidet und derart straff erzählt, dass sie noch vor dem Strophenende fertig dasteht. Fehlt noch die vierte Melodiezeile.

Sie fängt an wie die erste: mit der alten Quart C bis F, auf den Text: “Das Wasser war viel zu tief.” Da begibt sich der Text schon in erklärende Ausschmückung, der spannende Teil lag schon in der Sext, die erste Strophe endet schon in Resignation.

Aus derart schlichten Stoffen, die praktisch nur einem Musiklehrer in einem DDR-Spielfilm auffallen, ist die Qualität höchstselbst gestrickt. Schön, wenn sie sich wenigstens so plastisch nachweisen lassen, in den meisten Fällen kann ja niemand so recht den Finger auf die Gründe legen, warum ein Lied volkstümlich werden konnte (oder nicht). Die “Königskinder” bestehen aus ewig alten, ewig jungen Menschheitsthemen — Liebe, Tod, Liebeskummer, Todeskampf — die, wenn man sie so herzählt, ihrerseits sehr klischeedeutsch wirken: Es muss weh tun, sonst stimmt was nicht.

Auch ohne Boshaftigkeit gegenüber dem Volkstum beweist aber, wie tragfähig diese Strickweise ist: Es funktioniert sogar in der Parodie. Wenn man die vierte Zeile, wie in Klassenzimmern und Bierschwemmen verflossener Jahrzehnte vieltausendfach geschehen, austauscht mit: “Der Prinz kam immer zu früh”, so gerät das Melodie-Text-Gefüge ins Wackeln, weil der neu dazuentwickelte Gedanke veralbernd hineinstört — aber die Mechanik geht davon nicht kaputt. Zeitlos, schön und kunstvoll ist das — muss ich es eigens dazusagen? — deswegen, weil es den Menschen an natürlicherweise dafür vorgesehenen Stellen seiner Seele anrührt, und er muss davon nicht wissen und kann es dennoch begründen.

(Anmerkung 1: Die zotige Abwandlung dürfte erst nach 1960 aufgekommen sein, weil ich “kommen” als Begriff für eine menschliche Körperfunktion für eine sehr junge Verbvariante halte.)

(Anmerkung 2: Der DDR-Film handelte übrigens von einem Musiklehrer und seiner Unzucht mit Schutzbefohlenen: seiner wahnsinnig blonden, gut entwickelten Schülerin. Erinnert sich jemand an den Namen? Von dem Film jetzt, nicht von der Schülerin?)

Vor allem wenn man den Text, der so konstituierend mit der Melodie verwachsen ist, komplett austauscht, kann nur eine noch weitergehende Parodie entstehen. Der Ernst, der in diesem Fall die Schönheit ausmacht, wird stiften gehen, es wird holpern, sich reiben und fremdeln.

Aber es ist kein Verlust: Das Königskinderlied durfte so lange wachsen und sich festigen, dass es keinen nachweisbaren Urheber mehr hat. So entsteht bei manchen Volksliedern, je genauer man ihnen hinterherspürt, der Eindruck, sie seinen irgendwie auf dem Baum gewachsen, bis einer kommt, sie erntet und singt. Richtige Volkslieder sind Naturereignisse im engsten Sinne. Sie werden nicht geschrieben, sie manifestieren sich durch jemanden, der sie zu Musik spielt.

Auf die Idee komme ich, weil es eine modernere Version von “Ich hatt’ einen Kameraden” gibt, die am Ende einer Strophe spielerisch den Anfang der “Königskinder” einflicht. Melodisch funktioniert das überraschend flüssig und bringt einen künstlerischen Effekt hinein, der von kulturbeschlagenen Hörern — wir sind alle welche — einwandfrei erfühlt und verstanden wird. Auch wenn “Der gute Kamerad“, so der kanonische Name, kein genuines Volkslied, sondern von Ludwig Uhland ist — wieso sollte sich das nicht mit dem ganzen Lied fügen?

Weil Uhland fünfzeilige Strophen gedichtet hat, so ein Schwindel — da passt der Vierzeiler freilich nur als angehängter Zitatschnipsel rein. Und da sind wir noch lange nicht bei so offensichtlich überzogenen Melodiegebilden wie “Kein Feuer, keine Kohle“. Das soll immer noch zu den Volksliedern rechnen, Respekt.

Celeste Tumulte, Lady and PianoMusste da die Welt wirklich erst auf mich und meine Amateurvorschläge warten, mit solchen Rohstoffen sinnstiftend umzugehen? Funktioniert hat das meines Wissens nur einmal: Die Melodie von “Üb immer Treu und Redlichkeit” ist auch die von “Wenn alle Brünnlein fließen“, und Emanuel Schikaneder hat für Mozart “Ein Mädchen oder Weibchen” draufgesetzt — also ganz und gar keine Idee von Amateuren.

Suchen wir mal im Gesamtwerk von Friedrich Silcher, der den guten Kameraden vertont hat. Den Mann nicht zu kennen bedeutet heutzutage keine Bildungslücke mehr, in der Schule lernen sie heute ja nicht mal mehr Schillerballaden — aber als Faustregel lässt sich ausgeben: Was an bekannten Volksliedern keine eingedampfte Melodie für alle Strophen aus einem durchkomponierten Kunstlied von Schubert ist, stammt meistens von Silcher. Auf den können Sie bei allen Einzelliedern wetten, die irgendwie nach 19. Jahrhundert klingen, da gewinnen Sie langfristig.

Die halbe Musikproduktion einer ganzen Kulturepoche aus dem einzigen Kopf, da werden sich doch ein paar einheitliche Stilelemente feststellen lassen. — Silchers Smashhit Ännchen von Tharau, ein zugehauener Textfindling aus Ostfriesland in durchgehenden Daktylen, wenn man sich’s zurechtdefinieren wollte, wär’s am Ende noch ein Hexameter, daher ein Dreivierteltakt, von mir aus auch ein Sechsachtel, jedenfalls würde man nicht danach marschieren, sondern Walzer tanzen; das katexochene Kunstlied dagegen, Gute Nacht, M.: Schubert, T.: Müller, “ein für die Winterreise typisches Gehlied, da sie die Schritte des lyrischen Ichs darstellt, welches ziellos umherwandert”. Aha. Zu deutsch: Vierhebig sind die meisten, aber sonst sagen die einen so, die andern so. Ob das eine Lied mit dem anderen mendelt, weiß keiner vorher.

Es macht zwar nichts einfacher, aber beim metrisch-melodischen Versuch erhellt: “Es waren zwei Königskinder” mag sich wegen dessen Fünfzeiligkeit nicht auf “Ich hatt’ einen Kameraden” singen lassen, wohl aber “Ich hatt’ einen Kameraden” auf “Es waren zwei Königskinder” — weil “Es waren zwei Königskinder” nämlich die letzte, vierte Melodiezeile wiederholt.

Das wäre ein Job für Hannes Wader, weil etwas in mir gern glauben will, dass Volkslieder zur Zeit des deutschen Idealismus im Krug zum grünen Kranze viel eher erklangen wie von der Biermösl Blosn gejauchzt oder wenigstens von Wolf Biermann geschmettert und nicht wie unter Moderation von Günter Wewel.

Was das so entstehende fünfzeilige Strophenmuster mit dem Lied anstellt, hat der Musiklehrer aus der DDR nicht erklärt, aber ich finde, die Wiederholung klingt, wie wenn der alte Friedrich Silcher an der Zither an einem altfränkischen Wirtshaustisch sitzt, sachte das idealistisch glattrasierte Musikpädagogenkinn wiegt und sinnt: “Auf was man für Sachen kommen kann…”

Bilder: Celeste Tumulte: Three Girls and Their Violins, 10. November 2009;
Lady and Piano, 12. Juli 2009 (“I think the lady may be pregnant”).

Hannes Wader: Gute Nacht by Schubert/Müller: Winterreise, 1827.

Written by Wolf

10. April 2011 at 12:01 am

Posted in Rabe Wolf

3 Responses

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  1. Mehr!

    Tsss… aber auf was für Sachen bringst du mich denn!? ;o) – Guckstu hier.

    Frühlinxgrüße und Schokolade für dich.

    hochhaushex

    17. April 2011 at 4:36 am

  2. Schön, dass einer aus diesem krausen Delirat noch sinnvolle Assoziationen ziehen kann :o)

    Wolf

    17. April 2011 at 2:03 pm

  3. […] mir das nun wieder sagen soll, dass ich die ganze Zeit so einen inneren Drang wahrnehme, meine Ausführungen über Es waren zwei Königskinder auf die Melodie von Ich hatt’ einen Kameraden von Grund auf neu zu formulieren. Hab ich doch […]


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