Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Der Drang zum Sturm

with one comment

Update zu The Little Lower Layer,
And then dreams he of cutting foreign throats,
Die einen sagen so, die andern so und
Sapir, Whorf, Bernstein, Jean Paul, Scoresby, Hakluyt, Poe, Linné und Gott (und Uma Thurman):

Alberich Mathews, Enter Titania, With Her Train, 17. November 2008Letztes Jahr, unverzeihlich genug, haben wir den 160. Jahrestag jenes Picknicks mit Melville und Nathaniel Hawthorne verpasst, dessen Tragweite für die Weltliteratur nur unter Gewaltstrengung überschätzt werden kann. Was hat Melville fortan in Nathaniel Hawthorne gesehen? — Nicht weniger, eher mehr, als den amerikanischen Shakespeare (ausgeführt in Hawthorne and His Mosses, 1850). — Und was in Shakespeare? — Da sehen Sie schon, man kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen, wenn man das mal zu überlegen anfängt.

Holen wir mal ganz weit aus und nehmen uns viele Beiträge lang Zeit, wie wir’s gewohnt sind. Zuoberst sind absichtlich viele ältere Einträge verlinkt, die an unserer ganzen fröhlichen Wissenschaft den wissenschaftlicheren Aspekt betonen und ihrerseits gehaltvolle Links bringen; einige davon hab ich nachgebessert. Mein guter Vorsatz ist sowieso, hier wieder sehr viel mehr nutzbaren Gehalt hereinzutragen. Zudem sind mir in den letzten Wochen lauter Schreiber zwischen 1750 und 1850 zu Händen und Kenntnis gelangt, die auffallend oft Shakespeare in alle Himmel heben. Die wenigsten entstammen dem Schulstoff oder dem Kanon der Allgemeinbildung, sind also halb apokryph. Aber gerade diese krausen Figuren mit ihren abgelegenen Schriften machen allesamt Spaß.

Davon verspreche ich mir eine Annäherung an die Gründe und die Weise der Entstehung von Moby-Dick aus deutscher Sicht, da schadet dieses weiträumige Umkreisen aus der interkulturellen Geistesgeschichte gar nichts. Fangen wir zu Hause an, in Deutschland.

Alberich Mathews, Faery Dance #3, 4. November 2006Shakespeare höchstselbst ist schon fast kein toter Schriftsteller mehr, der einst auf Erden wandelte, einem Gewerbe nachging und nach seinen Fähigkeiten Spuren hinterließ, sondern eine Art Naturgewalt. Die Diskussion darüber, welche von seinen Zuschreibungen tatsächlich auf ihn selbst gehen, hält an. Gestorben ist er 1616, seine große Zeit hatte er allerdings erst ab etwa 1762. Da ging nämlich die wichtige Zeit in der Literatur los: In Deutschland Aufklärung, Sturm und Drang, Klassik, Romantik; in England und Amerika die Entsprechungen dazu, jeweils ein paar Jahre vorgezogen. Alles davor war Barock und noch Antikeres, und da oblagen die Geistesgrößen dem christlichen Glauben, der seine kulturelle Berechtigung hat, und die Kunstschaffenden dem Ehrgeiz der gottgefälligen Erbauung, jedenfalls weder einer Wissenschaft noch einem Qualitätsbegriff im heutigen Verständnis. — So grob dürfen wir vereinfachen, solange wir uns bewusst bleiben, dass wir grob vereinfachen.

Deutschland ist ja nicht in seinen paar Metropolen, sondern in der Provinz am stärksten und ganz bei sich. Christoph Martin Wieland, den wir zur Aufklärung rechnen, übersetzte ab 1762 tief im Schwäbischen als erster Shakespeare ins Deutsche. Fürs Gesamtwerk ist er zu früh gestorben, aber er hat die meisten Dramen geschafft, noch nicht die Gedichte und Sonette, und zwar etliche Jahrzehnte vor Schlegel, Tieck und Kollegen, von deren allgemeingültig gewordener Gesamtübersetzung man gerade erst im jungen Jahrtausend zaghaft abrückt. Die Kuriosität dazu: Das erste Shakespeare-Stück auf Deutsch wurde 1761 in Biberach aufgeführt: Wielands Übertragung von Shakespeares ausgerechnet letztem, zugleich maritimsten Stück Der Sturm im Komödienhaus.

Der Wieland-Shakespeare existiert heute nur noch in ein paar besserwisserischen Studienratsausgaben. Natürlich hatte ich nach Neuausgabe als erster so eine, und ich finde ihn stellenweise schöner als Schlegel/Tieck. Seine Leistung war, Shakespeare erfolgreich in Deutschland zu verbreiten. Für Erscheinungen ab dem Werther-Roman 1774 wird der moderne Begriff des Bestsellers gebraucht, in die gleiche Zeit fällt die deutsche Entdeckung Shakespeares. Den machte Wieland zum Allgemeingut.

Man mag sich das spaßeshalber auf heutige Verhältnisse übertragen vorstellen: Ein vor einem geschlagenen Vierteljahrtausend verstorbener Wanderschauspieler wird Bestsellerautor. Schlagen Sie heute mal einem Verlag vor, er soll jetzt Wieland hypen. Der stellt Ihren ganzen Provider auf Spam.

1780 erreichte das immerhin eine ungestüme, in künstlerischem Aufbruch begriffene Jugend, die Bewegung des Sturm und Drang (ja, es war keine organisch entstandene Fortführung vorangegangener Epochen, sondern eine absichtsvoll herbeigeführte Bewegung mit Theorie, Organisation und Agenda): Goethe vor seiner Italienreise, den untauglichen Militär Schiller, Lenz, Gerstenberg, Herder (ebenfalls vor seiner Italienreise). Halten wir als Stoffsammlung fest:

Alberich Mathews, Botticelli's Dream, 13. November 2005und bleiben wir vorerst beim letzteren. Das ist der II. Aufsatz in der Sammlung Johann Gottfried Herder/Johann Wolfgang Goethe/Paolo Frisi/Justus Möser: Von Deutscher Art und Kunst. Einige fliegende Blätter, einer der maßgeblichen Programmschriften für den Sturm und Drang, in der dritten Fassung und im Gegensatz zum Volltext bei Zeno in ursprünglich belassener Orthographie bei Reclam greifbar, original Hamburg: Bode, Mai 1773. Der fängt an:

Wenn bei einem Manne mir jenes ungeheure Bild einfällt: “hoch auf einem Felsengipfel sitzend! zu seinen Füssen Sturm, Ungewitter und Brausen des Meers; aber sein Haupt in den Stralen des Himmels!” so ists bei Shakespear! — Nur freilich auch mit dem Zusatz, wie unten am tiefsten Fusse seines Felsenthrones Haufen murmeln, die ihn — erklären, retten, verdammen, entschuldigen, anbeten, verläumden, übersetzen und lästern! — und die Er alle nicht höret!

Große Worte; darunter machen es die Stürmer und Dränger nicht — und schon ganz nebenbei mit dem ersten Seitenhieb auf Shakespeare-Übersetzungen, dafür mit — Druckfehler? — Pronomen-Kapitale für das Genie wie sonst nur für GOtt. Und welches “ungeheure Bild” vom thronenden Shakespeare eigentlich? — Aufschluss gibt L.M. Price: Herder and Gerstenberg or Akenside, in: Modern Language Notes 65, 1950, Seite 175–178: Das entnimmt Herder einem Lehrgedicht von Mark Akenside: The Pleasures of the Imagination, 1744.

Hence when lightning fires
The arch of heav’n, and thunders rock the ground ;
When furious whirlwinds rend the howling air,
And ocean, groaning from his lowest bed,
Heaves his tempestuous billows to the sky ;
Amid the mighty uproar, while below
The nations tremble, Shakspear looks abroad
From some high cliff, superior, and enjoys
The elemental war.

Das wiederum weiß Hans Dietrich Irmscher in der Reclam-Ausgabe der Deutschen Art und Kunst 1968, ausgebaut 1988 — ein grandioses Heft übrigens, gerade wegen der originalen Rechtschreibung. Damit ich hier nicht rein alles zusammenguttenberge, gebe ich die Stelle von Akenside nach einem Scan des Originals von 1744 korrigiert wieder, weil die Volltexte alle die selben paar Tippfehler übernommen haben.

Was steht sonst noch drin? Shakespeare als Originalgenie, das rechtmäßig dem deutschen Sturm und Drang angehören sollte, was sonst. Was ein Originalgenie ist und in welchem erstaunlichen Sinne Herder das Wort “deutsch” verwendet, kriegen wir noch. Ich seh schon, das wird ein weiter weg bis zu Hawthorne und Melville.

Bilder: Alberich Mathews: Enter Titania, With Her Train, 17. November 2008;
Faery Dance #3, 4. November 2006;
Botticelli’s Dream, 13. November 2005;
Soundtrack: Shakespears Sister: Hello (Turn Your Radio On), aus: Hormonally Yours, November 1992.

Written by Wolf

15. April 2011 at 12:01 am

Posted in Reeperbahn

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