Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Christina Dichterliebchen macht das Mai-Gewinnspiel und stellt was klar

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Update zu Die Welt als Wille und Vorstellung und Christina’s Big O:

Meine beste Freundin Alexandra hat ein Guckloch zwischen den Zehen.

Sang Noir, 26. Juli 2010Das ist jetzt wieder eine tolle Aussage. Abgesehen davon, dass die deutsche Sprache weder ein Wort für die immerhin acht Körperstellen “zwischen den Zehen” noch eindeutige Bezeichnungen für die fünferlei Zehen selbst kennt, muss eigens klar gestellt werden, dass damit keineswegs die Stelle zwischen ihren beiden großen Zehen gemeint ist, zwei Stockwerke höher, die auch mit “Guckloch” in jeder Hinsicht zu lieblos bezeichnet wäre. Nochmal:

Meine beste Freundin Alexandra hat je ein Guckloch zwischen ihren jeweils ersten beiden Zehen beider Füße.

Das ist eine verbreitete Mikrovariante an menschlichen Körpern, die Alexandra im Leben nicht an sich aufgefallen wäre. Es ist ungefähr wie mit der Lücke zwischen Schneidezähnen, für die es allerdings wenigstens ein Wort gibt: Man meint damit keineswegs die Lücke zwischen den oberen und unteren Schneidezähnen, und man sieht sie nie auf Fotos.

Die Sonderstellung ihrer Zehen wäre Alexandra sogar reichlich egal, wenn ich mich nicht umgehend so sichtbar in ihr Guckloch zwischen ihrem großen und Zeigezeh (welche Ausdrucksweise ich für einen reichlich albernen Ausweg halte) verliebt hätte. Den Moment des Verliebens sieht man mir immer an, wahrscheinlich fange ich dann an zu schimmern. Wir saßen gerade auf dem Wiesenhügel über dem Dorf ihrer Eltern, nachts, mit einem Vorratsbeutel Bierflaschen hinter uns, für ein paar Stunden vor ihren Eltern geflohen, und konnten die scharf geschnittene Mondsichel über der spitzigen Dorfkirche gar nicht fassen. Als sie sich auf die Ellenbogen lehnte und die Ferse aufs andere Knie stützte, fiel es mir auf. Der Mond blitzte durch ihre Zehen Nummer 1 und 2.

“Du hast da ein Guckloch”, sagte ich.

“Selber Guckloch”, sagte sie, “komm lieber her zu mir.” Dann lehnten wir aneinander, mein rechter Arm an ihrem linken, stützten unsere Füße hoch und hielten die Innenseiten zusammen, meinen linken an ihren rechten, und peilten durch die Zehen auf die Kirchturmspitze. Es sah aus wie ein sehr ungleiches Paar Füße, meine schmale blasse, ungelenk lackierte Banshee-Flosse gegen ihren sonnenbraunen, ehrlichen Landmädeltreter, wie von einem barfüßigen Mädchenwesen aus zwei sehr verschiedenen Freundinnen. Wir probierten einen Kuss.

“Du schmeckst nach Bier”, sagte ich.

“Selber nach Bier”, sagte sie und stieß mit mir an. Als das Dorf unter uns in der Finsternis nicht mehr zu erkennen war, machten wir, was angesoffene Mädchen unseres Alters nachts auf Wiesenhügeln statt Liebe machen. Die Bierflaschen in unserem Stoffbeutel klimperten leise dazu. Jetzt waren wir “richtig” zusammen, dezentes Klirren von Glas hieß bei uns fortan Bierflaschenorakel.

Ich mag Füße, besonders den ausdrucksvollen Blick von Zehen; mit den meinigen war ich immer recht zufrieden. Alexandra mag Arme, besonders tätowierte Oberarme; sie hat selbst welche: Glaube, Liebe, Hoffnung links, den Stecken-Pegasus von Wilhelm Busch rechts. Mein Traummann ist eigentlich eine Frau, in der Nähe des frisch wachgeküssten Schneewittchens. Alexandras Traummann ist Queequeg, erstens wegen der reichen Bebilderung und zweitens, weil er gar nicht unnötig dreinquatschen kann, und wenn er spricht, seiner Botschaft mit Mitteln Bedeutung verleiht, auf die man in seiner Muttersprache gar nicht kommt. Eine Begründung, die mir sehr zusagt.

Alexandra und ich machen deshalb das Gewinnspiel für den Mai: Du gewinnst, wenn du ein Guckloch zwischen den Zehen hast — wenn du ein Mädchen bist. Oder du gewinnst, wenn du am Oberarm tätowiert bist — wenn du ein Kerl bist. Oder wenn du einfach irgendwas bist, gewinnst du vielleicht, wenn du wie im New Yorker Museum of Modern Art den Satz auf eine Weise, die uns sowas von vom Stuhl weht, vervollständigst:

Gestern war ich im Buchladen und

In den ersten beiden Fällen bitten wir um visuelle Dokumentation, im dritten Fall reicht ein Kommentar hier drunter bis Dienstag, den 31. Mai 2011, Mitternacht.

Du kannst Der Gesang der Wale von Dyan Sheldon und Gary Blythe 1990 gewinnen. Obwohl nur auf Deutsch und aus langem, liebevollem Gebrauch, ist das ein Schatz, den ich sehr umsichtig verlosen werde, schau doch allein mal die Illus. Oder als Stiftung vom Wolf: Der Schwarm von Frank Schätzing 2004, ebenfalls gebraucht. Alexandra verlost ihre Anerkennung und Zuneigung, sagt sie, ungebraucht.

Bei der Vielzahl der zu erwartenden Gucklöcher, Tätowierungen und vollständigen Sätze entscheidet das Bierflaschenorakel. Es hat sich noch nie geirrt.

Gary Blythe, The Whales' Song, They leapt and jumped and spun across the moon, 1990

Bonus Tracks: Die besten Tattoo-Seiten der Welt sind:

Bilder: Sang Noir: Moby Dick, 26. Juli 2010;
Gary Blythe: The Whales’ Song: “They leapt and jumped and spun across the moon” via Plum Leaves, 1990.

Reich bebilderte Musik: Gogol Bordello: Pala Tute, aus: Trans-Continental Hustle, 2010.
Am 9. August 2011 im Nürnberger Hirschen, am 17. in Jena!

Written by Wolf

1. May 2011 at 12:01 am

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