Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

A Riddle to Unfold, a Wondrous Work in One Volume

with 5 comments

Update zu Absurd and Nonprofit, Bei Lehmkuhl auf dem Flügel liegen und Of the Monstrous Pictures:

Melville Ponders Sperm-Whale Vision

The sperm whale’s eyes sit
sideways on his head
looking the other way.

On second thought,
what other way
when only double-consciousness

can hope to apprehend
reality?—Both/And—
not Either/Or.

I mean, one eye faces right,
the other left, and the front
of his head is a dead blind wall.

The whale butts his head
against your boat
because he cannot see.

When ships get in his way,
they sink: the whale regards them
as mere jeux d’esprit.

Laurie Robertson-Lorant: The Man Who Lived Among the Cannibals.
Poems in the Voice of Herman Melville
,
Spinner Publications, Inc., New Bedford, Massachusetts 2005.

Laurie Robertson-Lorant ist die Autorin von Melville: A Biography, dem einbändigen Konkurrenzprodukt zu Hershel Parkers zweibändigem Opus 1998, promoviert über Melville und die Rassenfrage — siehe auch: Sklaverei, Amerikanischer Bürgerkrieg, Benito Cereno, Queequeg, den Negerjungen Pip et al.

Die Bücherliste weiß schon länger davon, jetzt auch wir: Aus der Beschäftigung mit Melville erwuchs Frau Robertson-Lorant ein schmaler Gedichtband — in der Originalfassung gerade mal 56 Seiten –, der biographische Fakten in Fiktion einspinnt. Das verbindet mit dem Genre des Dokutainments, dass es Historie geradezu sangbar macht. Auch wenn es freie Rhythmen sind: Solange “Gedicht” von “Verdichtung” kommt, hilft das Wirklichkeit verstehen.

Die “Biographie” hangelt sich an Melvilles literarischem Werk entlang, aber nicht lückenlos, was einer anfangs gar nicht bemerken kann, der nicht zuvor mit seinen obskuren Sachen wie den Fragments from a Writing-Desk, Mardi, den Encantadas oder den Rose Poems vertraut war, und ich möchte keine großen Summen darauf wetten, ob sich da im deutschen Sprachraum mehr als ein Hundert Leute finden. Oben ist die Meditation übers Chapter LXXIV: The Sperm Whale’s Head—Contrasted View in Moby-Dick zitiert.

Sie beobachtet einen Herman Melville, der weder genau so 1:1 existieren konnte noch als reale Person bei genau dem dargestellten Tun dingfest gemacht werden konnte — am deutlichsten in seinen lyrischen Auseinandersetzungen mit einem ebenfalls hypothetischen George Orwell und Salman Rushdie. Dadurch wird die Person Melville ein auktorialer Erzähler, jener allwissende Märchenonkel mit übergeordneter Erzählperspektive aus dem Deutsch- und Englischunterricht. Das heißt auch: Er fordert mit seiner Erfinderin Robertson-Lorant einen denkenden Leser, einen mit Vorwissen und Belesenheit, je mehr schon vorhanden, desto bereichernder: für Einsteiger ungeeignet. Wer dann schon mal so weit ist, sich darauf einzulassen, merkt dann schon, wo die biographische Wirklichkeit steckt und wo sie ins Spiel mit der Fiktion kippt.

Laurie Robertson-Lorant by Guido RögerDie Gedichtform — ich hab’s absichtsvoll misstrauisch gegen den Strich gelesen — ist angemessen: Frau Biographin verrät keine Fakten um der gesuchten Form willen und verschwafelt kein Wort zuviel — ganz, was man dichte Sprache nennt. Und vor allem kriegt sie es hin, einen Gedichtzyklus mit Konzept zu liefern, keine Sesamstraße-Texte, aus denen man “spielerisch lernen” soll. Das war noch meine größte Sorge — aber bitte: Es sitzt doch.

A Riddle to Unfold, A Wondrous Work in One Volume heißt das Vorwort von Elizabeth Schultz. Damit beschreibt Ismael im Chapter CX: Queequeg in his Coffin Queequeg. Das klingt deutsch von Rathjen: “[…] so daß Queequeg in eigener ganzer Person ein Rätsel aufzulösen gab; ein wundersames Werk in einem Band.” Die einbändigen Referenzen ziehen sich durch bei Frau Robertson-Lorant.

Demnächst: Wäre eigentlich die Zeit nicht reif für einen deutschen Verlag, der “Spinnerveröffentlichungen” heißt?

Bilder: Spinner Publications, Inc.; Guido Röder photograph.

Schauderhaft alberner und bezugsloser Soundtrack, der den ganzen Versuch eines wissenschaftlichen Anstrichs wieder runterzieht, dafür aber von Amanda Palmer ist:
Oasis, aus: Who Killed Amanda Palmer, 2008.

Written by Wolf

14. May 2011 at 12:01 am

Posted in Moses Wolf

5 Responses

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  1. ” …because he cannot see.” Hmmm!

    Uiii… so fix verbloggt. :o)
    Poesie aus Wissen. Ich mag die. Ja, Frau Laurie weiß, wie das geht – ‘in the voice of Herman Melville’. Und wir inzwischen: der ist doch wie gemacht zum Wieder(er)finden. Hach, und ‘Spinner’ sind uns ja sowieso seelenverwandt, oder? ;o)

    hochhaushex

    16. May 2011 at 1:12 am

  2. > ” …because he cannot see.” Hmmm!

    Ei freilich: Wie schon vor Jahren nachgewiesen:

    Was den Walfisch allerdings sehr eng mit meinem Wellensittich verbindet: Beide können nicht geradeaus gucken. Beider Augen sind nämlich denkbar unzweckmäßig links und rechts an den Köpfen angebracht.

    Was mein Wellensittich zum Ausgleich wiederum besser kann als der Walfisch: den Kopf drehen, um eben doch geradeaus zu gucken.

    > Uiii… so fix verbloggt.

    Da kommt sogar noch einer. Watch out for more, fans :o)

    Wolf

    16. May 2011 at 1:27 pm

  3. Du hast einen Wellensittich???
    Wusste ich das? Und was sagen denn Moritz’ Nerven dazu? Fragen über Fragen… ;o)

    – Go, go, gooooo! The fans are all on edge, countdowning and watching out for more. :o)

    hochhaushex

    18. May 2011 at 12:34 am

  4. Der Wellensittich ist mehr eine Jugenderinnerung. Moritz duldet nicht mal Nebenkatzen :o)

    Die Fortsetzung ist fertig und veröffentlicht sich am 20. Sollte ich vielleicht gar nicht verraten, jetzt kommt am 19. keiner .ò)

    Wolf

    18. May 2011 at 12:41 pm

  5. […] zu A Riddle to Unfold, a Wondrous Work in One Volume: Melville Hitches Old Charlie to the […]


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