Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Vom Ungeheuren, kein Österreicher zu sein

with 6 comments

Not like me now, I’m so busy with everything,
that I don’t look at anything, but I’m sure I’ll look when I am older.
And it’s funny how I imagined that I could be that person now,
but that’s not what I want, but that’s what I wanted,
and I’d be giving up somehow.
How strange to see
that I don’t want to be the person that I want to be.

Amanda Palmer: In My Mind, in: Amanda Palmer Goes Down Under, 2011 (“I still have a tattoo to get”).

Liebe Gemeinde — und damit meine ich vor allem die — hüstel, hüstel! — aktiven Mitsegler auf der P.E.Q.U.O.D. — liebe Gemeinde, es fällt schon auf. Und dass es überhaupt noch auffällt, das ist gut, denn es spricht vom Interesse unseres — um nicht zu sagen: eures — sehr wohl vorhandenen Publikums.

Sollte es jemandem entgangen sein: Der Poor Richard hat kommentarweise feinsinnig beobachtet und zusammengefasst:

Österreich scheint neben mutigen Verlagen auch mutige Theater zu unterhalten.

Moby-Dick fühlt sich zwischen den weißen Alpenbuckeln offensichtlich wohl. Radio Bayern 2 landet regelmäßig seit dem Hörspiel Interessantes zu Herman an, mare hat in Bayern deutschlandweit die meisten Abonnements und München liegt bekanntlich am Meer.

Stimmt alles. Und die Bundesmarine ist voller Schwaben, die Schiffswerften voller Sachsen, dafür praktizieren die Hafenjungen in Wien.

Wer am Freitag, den 17. Juni 2011, in Wien ist und noch nichts für den Abend vorhat, sollte ruhig mal ins Burgtheater. Da gibt’s nur an diesem einen Tag:

Gregory Peck als Captain Ahab, in Moby-Dick, 1954, 1956

Moby Dick Revisited # 1

Eine Soirée und Grundlagenforschung in 135 Kapiteln
zum 160. Geburtstag des Romans von Herman Melville

Es geht an Bord…

Herman Melvilles Roman „Moby-Dick; or, the Whale“ aus dem Jahre 1851 war zu Lebzeiten seines Autors kein großer Erfolg beschieden. Heute ist die Geschichte der Jagd nach dem weißen Wal längst in das kollektive Gedächtnis unserer Kultur eingegangen und gilt als Zeugnis einer geradezu seismographischen kulturellen Selbstbeobachtung.

Der weiße Wal kann als Symbol für globale Machtansprüche einer Supermacht gelten, aber auch für die leere Besessenheit einer von Gott verlassenen Welt stehen, als letztes Aufbäumen einer von der Ausrottung bedrohten Gattung. Die Künste, die Wissenschaften und auch die Religion kennen den Wal als Riesen der Weltmeere, als den Leviathan, auf den urzeitliches Wissen, eine ozeanische Sehnsucht, monströse Besessenheit und romantische Leidenschaft projiziert werden. Melville konstruierte seinen Roman aus 135 ästhetisch unterschiedlichen Kapiteln: vom Abenteuerroman bis hin zur Chronik, von actiongeladenen Szenen bis zu hochwissenschaftlichen Abhandlungen. Und nie kann Melville das Auge von ihm abwenden, Moby Dick.

An diesem Abend wird das Burgtheater zum Walfangschiff „Pequod“: Unter Führung von Kapitän Jonathan Meese als Ahab alias Dr. Eiahab (SCHNABBELDISCHNAPP-AHAB RÄUMT AUF) und dem wachen Blick von „Ismael“ Eugen Drewermann („Moby Dick oder Vom Ungeheuren, ein Mensch zu sein“) macht sich die Mannschaft auf die Suche nach „Mocha Dick“. Mit an Bord: Jörg Diernberger (Gitarre), Nils Röller (Medientheoretiker, „Das Ich als Schiff – Ahabs Steuer“), Erich Lessing (Fotograf u.a. bei den Dreharbeiten von John Hustons Filmklassiker), Judith Schalansky („Atlas der abgelegenen Inseln“), Johannes Stüttgen (Autor, Mitstreiter von Joseph Beuys, Gesellschafter des Omnibus für direkte Demokratie), Axel Hein (WWF Österreich), Ronald Düker (Kulturwissenschaftler, „Die Geschichte des amerikanischen Walkampfs“), Thomas Ernst Brunnsteiner („Jonah, der Finnwal“), Dietrich Kuhlbrodt (Filmkritiker und Staatsanwalt a.D.) und Martina Wimmer (Autorin).

Die Fahrt beginnt um 19.30 im Vestibül („Nantucket“), ab 21.30 Uhr weitet sich die Expedition auf das ganze Burgtheater aus, im 1. Pausenfoyer werden ebenfalls ab 21.30 Uhr Ensemblemitglieder des Burgtheaters einzelne Kapitel für einzelne Zuschauer lesen und mit vereinten Kräften alle 135 Kapitel des Romans zu Gehör bringen.

In der Offiziersmesse: Seemannsmusik, im Frachtraum: Maritime Köstlichkeiten.

„Moby Dick stellt Dir nicht nach. Du bist’s, der ihm in Deinem Wahne nachstellt.“

Ich fass es einfach nicht. Kann man es kürzer und knackiger sagen, kann man gewinnender einladen, kann man kompetentere Leute in einem würdigeren Rahmen versammeln — kann man ein sinnvolleres und erschöpfenderes Event ausrufen?

So dicke Bretter wollten wir immer bohren, und da wartet man und verschiebt und lässt alle Flotten, Schwärme, Mannschaften und Strömungen an sich vorbeiziehen — und das Burgtheater trommelt in ein paar Stunden durch, was wir in fünfzig Jahren nicht schaffen werden.

“Man” wartet und verschiebt? Nein, Quatsch, das sind wir schon selber, allen voran ich. Liebe Gemeinde (siehe oben), hier weht in Kürze ein anderer Wind, das will ich so dümpelig nicht mehr haben.

Sagt auch Poor Richard im obigen Atemzug:

Nebenbei: Wann geht es denn eigentlich hier weiter? Während die Ösis Moby-Dick an einem Abend zur Strecke bringen, dümpelt München in einer Flaute?

Da hat der Mann schon recht. Danke fürs Anschubsen, Herr Nachbar. Was wir hier in den Meta-Beschreibungen äußern, ist unter anderem ein Versprechen, und ich beabsichtige es zu halten, auch wenn ich weder dafür bezahlt noch davon unsterblich werde. Moby-Dick™ hat immer noch um die 300 Besucher am Tag — das ist plenty für eine gleich fünf Jahre alte Präsenz aus Second-hand-Inhalten, die selber nie so genau wusste, wo sie eingeordnet sein will, und seit deutlich mehr als einem Jahr aus Lückenbüßern besteht, deren Halde eher wächst als schrumpft — und ich bin dankbar und froh darum, dass sich meistens nur die wohlwollenden zu Worte melden. — Ist das ein Ansporn?

Nicht dass hier je etwas Wahrnehmbares passiert wäre, nachdem ich meine Worte aufrüttelnder gewählt hab, aber man kann es nicht einfach ungesagt lassen.

Nochmal Poor Richard:

Es darf gerne auch weiter thematisch passend oder unpassend mit Amanda Palmer garniert werden.

Machen wir doch glatt. Zur Feier des pfingstlichen Tages mein so ziemlich liebstes von ihr, “fuck yes“:

Pfingsten, das liebliche Fest: Amanda Palmer: In My Mind, aus: Amanda Palmer Goes Down Under, 21. Januar 2011;
siehe Frau Palmers eigenen Weblog.

Bild: Gregory Peck als Captain Ahab in Moby Dick 1954, veröffentlicht 1956, via Burgtheater Wien.

Written by Wolf

8. June 2011 at 12:01 am

Posted in Reeperbahn

6 Responses

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  1. Ach, Zeit, Kraft, Geld und Geduld! Angesichts dieser doch recht einschränkenden Faktoren hat es das Blog doch schon weit gebracht.

    John Hustons Ahab hatte in den Kalmen doch noch andere Möglichkeiten die Pequod voranzubringen. Kann man ja heute als Kapitän nicht mehr machen. Aber vielleicht wird’s ja bald doch noch was.

    Aber diese wiener Veranstaltung ist schon arg reizvoll. Wäre auch nur knappe drei Stunden im Auto und im Winter in das New Bedforder Whaling Museum schaffe ich es eh wieder nicht.

    In Wien könnte ich mir den Moby-Dick immerhin von der Minichmayr vorlesen lassen. Wobei sie den Meese zuhause hätten lassen können. Dann soll lieber gleich Christian Brückner den Ahab geben.

    Der wohnt zwar in Berlin, ist aber ein schlesischer Rucksackdeutscher. Vielleicht lassen wir die weißgebuckelte Schneekuppe als sein Greylock und subalpinen Grund für seine Melvillebegeisterung durchgehen?
    Dem Mann gebührt wirklich auch einmal ein großes Lob. Spricht den kompletten Moby-Dick ein und publiziert in seinem feinen Parlando-Verlag eine Reihe sehr hörenswerter Melville-Lesungen. Bartleby, Ich und mein Kamin, Melville zum Gruß, Billy Budd und zuletzt Benito Cereno.
    Ob das alles gekauft wird oder nur eine Liebhaberei von ihm ist? Egal, mich freut es jedesmal.

    Poor Richard

    8. June 2011 at 6:36 pm

  2. Alles schön und gut, aber dieser zwanghaft pubertierend/provizierende Jonathan Meese, muss das sein?
    Nicht, dass der nun als Ahab wieder hochrevulotionär mit dem Hitlergruss ach so provozierend auf die saturierte Wiener Gesellschaft wirken will…….
    Hab irgendwo gelesen, dass Meese schon wieder auf dem Weg nach unten ist. Die Preise purzeln……

    Klaus Jost

    8. June 2011 at 8:57 pm

  3. Ist dann also wohl sowas wie “Moby Dick kam nicht bis Massachusetts” in Ösisch? Nur in weit größerer Besetzung, mit weit größeren Namen, größerem Publikum – und ungleich größeren Gagen? ;o)
    (N u r ‘erfunden’ haben sie’s nicht. ;o) )

    hochhaushex

    9. June 2011 at 2:54 am

  4. Christian Brückner vermittelt so hintereinander weg den ganzen Melville? Von Billy Budd wusste ich, Moby-Dick liegt mir vor. Schon klasse, die einzig passende Stimme. Und es hält mich davon ab zu goggeln, wer dieser ominöse Jonathan Meese sein soll…

    Dass Moby Dick nicht bis Massachusetts kam, weiß man auch schon wieder seit 2009? Wie machen die das alle? Und wie kann jedes Theater auf der Welt jedes Jahr eine neue Saison ausrufen, Verlage sogar zwei? Wir sitzen seit fünf Jahren an unserer ersten :o)

    Wolf

    9. June 2011 at 3:49 pm

  5. […] zu Vom Ungeheuren, kein Österreicher zu sein: Ich war […]

  6. […] leave a comment » Die Ösis mal wieder und ihre nicht genug zu preisenden Verlage (aber das hatten wir ja schon einmal). […]


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