Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Ich war nicht dabei

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Update zu Vom Ungeheuren, kein Österreicher zu sein:

Ich war dabei.

Franz Schönhuber, 1981 (in anderem Zusammenhang).

Man sieht, dass Sie mein Buch nicht gelesen haben.

Thilo Sarrazin, 2010 ff.

r8r, Figure 1047. Life drawing on found cardboard. Model Reading Bible, 1 of 4, 11. Juni 2011Und — waren Sie dort, wie empfohlen? Letzten Freitag, den 17. Juni, hat ja das Wiener Burgtheater mit der umfassenden Soiree Moby Dick Revisited # 1 die 160 Jahre Moby-Dick gefeiert.

Ich Stubenhalbgelehrter komm ja nie raus; die Rezension, die mich dazu erreicht, stammt von Ulrich Weinzierl aus dem Feuilleton der Welt vom Montag, 20. Juni 2011: Auf der Jagd nach Wal und Wahnsinn. Herr Weinzierl war offensichtlich anwesend, und gefallen hat’s ihm.

Ganz zu Recht beklagt er das alte Problem solcher Multiplex-Abende egal welchen Themas: Einer Veranstaltung beizuwohnen bedeutet alle anderen zu versäumen. München zum Beispiel ruft in ebenso kulturell engagierter wie einträglicher Tradition zu “Langen Nächten” der Musik und der Museen auf: Die sind offiziell nachts um drei beendet, und in den paar Stunden zwischen 20 und 3 Uhr soll man dann ein paar hundert Musiker oder ein paar Dutzend Museen abgeklappert haben. Himmel, in sieben Stunden schafft ein Kulturbeutel mit mitteleuropäischem Fassungsvermögen maximal drei Konzerte oder zwei Museen, und wenn’s gut (oder schlecht) war, ist ihm spätestens um halb elf alles Hören und Sehen vergangen. Die Langen Nächte sind für eine lange Nacht zu kurz — außer für die Kneipenbedienungen und Securities — und für Musik und Museumsbesuche zu lang.

r8r, Figure 1049. Life drawing on found cardboard. Model Reading Bible, 2 of 4, 11. Juni 2011Für Moby-Dick finde ich es passend: Wer ein Buch feiern will, so groß und so reichhaltig wie das Leben und die Welt, sollte durch schiere Fülle überfordern, das entspricht dem Thema, so voll kann man das Burgtheater gar nicht stopfen. Und wie Herr Weinzierl berichtet, haben sie alles gegeben: Eine Lesung, ja: “Massenzitation” aller 135 Kapitel (Besserwisserfrage: einschließlich der Präliminarien mit Etymologie und Auszügen?), immerhin in der Jendis-Übersetzung, die ihrerseits vor — auch schon wieder — zehn Jahren die 150 Jahre Moby-Dick feierte und für einen im Brechtschen Sinne kulinarischen Vortrag besstimmt süffiger ist als Rathjen, einen Vortrag von Eugen Drewermann (dessen tiefenpsychologische Moby-Dick-Interpretation bei uns bislang viel zu kurz kam, weil von vergleichbarem Umfang wie der Primärtext — kriegen wir aber noch), einen Raum des World Wildlife Fund zur Information über die bedrohte Spezies der Wale, einen Bericht über ausgestopfte Wale als Jahrmarktsattraktion, einen als Ahab kostümierten Theaterdirektor (Matthias Hartmann heißt er), Seemannsmusik, Seemannsfutter und was nicht alles. Eine szenische Darstellung mit schwankender Bühne, “Da bläst er”, “Aye, aye, Sir”, “Ahoi” und “Arrr” hat sich das Haus der Mimen dankenswert verkniffen. Alles angemessen üppig.

Mich hätte ja interessiert, was Herr Drewermann nach den Jahren seit seiner dickleibigen Interpretation seinen Erkenntnissen zuzufügen oder an ihnen zu ändern hat, oder etwas angenehm Unaufgeregtes wie Judith Schalansky mit ihrem bestechend schönen Atlas der abgelegenen Inseln oder Ronald Düker mit der Geschichte des amerikanischen Walkampfs — Herr Weinzierl hat wohl hauptsächlich den in den Kommentaren zu unserer Ankündigung bemeckerten Jonathan Meese besucht. Hm.

r8r, Figure 1048. Life drawing on found cardboard. Model Reading Bible, 3 of 4, 11. Juni 2011Mir sagte der Mann bis gerade eben, was nicht an ihm liegt, gar nichts. Als Aufmacher-Bild fürs Welt-Feuilleton prangt er jetzt mit Hitlergruß vor dem Burgtheater. Was bitte soll mir das für einen Eindruck vermitteln? Dass in Wien den Schulbuben, die mit Nazisymbolen die Oberlehrer provozieren wollen, sogar schon ein Vollbart wächst? — Hach nein:

Den Höhepunkt und die strapaziöse Herausforderung des Abends bescherte naturgemäß Jonathan Meese, wer sonst? Denn das haltbarste Enfant terrible der deutschen Kunstszene hielt auf einer der beiden Feststiegen unter den Deckenfresken der Gebrüder Gustav und Ernst Klimt eine Rede, deren epische Ausmaße mit denen des Melville-Romans mühelos mithalten konnten. Freilich ist der Begriff Rede eine unverzeihliche Untertreibung für die zweieinhalb Stunden dauernde Ein-Mann-Performance. Meese braucht sich nicht wie Intendant Hartmann seemännisch zu verkleiden, er trägt stets Uniform, innerlich wie äußerlich. […]

Kein Zweifel: Peter Handkes “Publikumsbeschimpfung” ist, gemessen an Meeses Verbalaktionismus, ein Schmarren gewesen. Unermüdlich zog der Schmähredner wider die “Kackärsche”, “Pottsäue” und “Ich-Versauten” zu Felde, als unfromm barocker Bußprediger ein Abraham a Sancta Unclara. Das zur freien Entnahme kopierte Rddemanuskript, angekündigt unter dem fulminanten Titel SCHNIBBELDISCHNAPP-AHAB RAEUMT AUF, war bloß das Sprungbrett für eine Unzahl Variationen von Meeses Leib-Themen: Die “Diktatur der Kunst” als einzige Rettung vor der “Weltdiktatur der Demokratie”, absoluter Gehorsam und totaler, bei Meese “totalster” Dienst an der Sache. Hitler und Stalin, Nero und Caligula sind seine Leitmotive und Lieblingsfiguren, akustisch verstärkt durch Heil-Geschrei und zackige Gestik.

In anderer Arena würden schon zwei Minuten dieser fulminanten Kunstreichsparteitagsrhetorik fürs Einschreiten des Verfassungsschutzes genügen. Da nützten wohl auch die Huldigungen an Ahab als den “strammen Max” kaum. Schade, dass der Meister des martialischen Vokabulars brüllend vor dem falschen Auditorium auf und ab marschierte. In Galerien wäre er dafür begeistert beklatscht worden, im Burgtheater verscheuchte er die meist jungen Zuhörer bis auf ein Dutzend Unentwegter, die Sinn für den finsteren Aberwitz, die taghelle Ironie und das Selbstparodistische hatten. Meeses Mischung aus genialisch und meschugge gebührt ein Kompliment: Seine verrückte, rohe Radikalität ist — Aye, aye, Sir! — derjenigen Herman Melvilles ebenbürtig.

Aus: Ulrich Weinzierl: Auf der Jagd nach Wal und Wahnsinn, in: Die Welt, 20. Juni 2011.

r8r, Figure 1050. Sharpie life drawing on found cardboard. Model Reading Bible, 4 of 4, 1. Juni 2011Ach so, na dann, wenn’s zweieinhalb Stunden fulminante, geniale, meschuggene Kunstreichsparteitagsrhetorik ist, hab ich nix gesagt, da wär ich ja ohnehin das falsche Auditorium ohne Sinn für finsteren Aberwitz gewesen. Ist so ein haha-ist-doch-alles-ironisch hingedrehter “Political Incorrect”-Quark in Österreich eigentlich strafbar?

Es bleibt die echte Frage, was dieses selbstherrliche Geschäume auf einer Feier für ein Buch verloren hat, das keineswegs jemand geschrieben hat, der den Arm in die Höhe zu heben für Kunst und “total” für ein steigerbares Adjektiv hält — aber seit 160 Jahren manchen Leuten immer noch was bedeutet. Zweieinhalb Stunden. Nicht auszudenken, was man in dieser Zeit im restlichen Theater verpassen konnte. Egal, das Seemannsbuffet war bestimmt gut, in Wien verstehen sie was vom Essen.

Und: Gab’s Stroh-Rum? Schon achtzigprozentigen, oder? Und war jemand bei Judith Schalansky?

Auch schön: r8r: Model Reading Bible 1, 2, 3 und 4, sharpie life drawings on found cardboard, 11. Juni 2011.

Written by Wolf

23. June 2011 at 12:01 am

Posted in Reeperbahn

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