Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for July 2011

Das nächste Leben geht aber heute an

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Update zu Powerpoint zur teutschen Litteratur des 19. Jahrhunderts
und Mein kaltes Herz (I’ll be back to stay):

Es ist wie bei Martin Luther King, Mama Cass, Janis Joplin, Sandy Denny und neuerdings Amy Winehouse: Bei der jung gebliebenen Frau Günder(r)ode fällt einem immer als erstes ein, dass sie gestorben ist.

Meine Ansicht vom Sterben ist die ruhigste. Ein Freund ist mir bei seinem Leben was mir die Gramatik ist, stirbt er so wird er mir zur Poesie. Jch wollte lieber von meinem besten Freund nicht wissen als irgend ein schönes Kunstwerk nicht kennen.

Aus: Karoline von Günderrode: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien, 1990, Band 1, Seite 438.

Karoline von Günderrode, Kopfstudien, ca. 1805

Karoline Friederike Louise Maximiliane von Günderrode (* 11. Februar 1780 in Karlsruhe; † 26. Juli 1806 in Winkel (Rheingau)): Kopfstudien im Zusammenhang mit [Studienbuchkategorie] M Physiognomik. SUF: A 4, Bl. 228v. Zeichnungen mit Bleistift, Beschriftungen mit brauner Tinte, ca. 1805.

Cirtassierin [richtig: Cirkassierin]
Jndier
Russe

Karoline von GünderodeAus: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien, 1990, Band 2, Seite 478.

Bild groß.

Immer noch die aufschlussreichste, dabei höchst süffige Fachliteratur: Bettina von Arnim: Die Günderode 1840, bei btb von Elisabeth Bronfen herausgegeben, bei insel mit dem Essay von Christa Wolf: Nun ja! Das nächste Leben geht aber heute an, Dezember 1979.

 

 

 

 

 

Soundtrack, den nicht mehr zu hören eine ruhige Ansicht vom Sterben verleiht:

Written by Wolf

26. July 2011 at 7:31 am

Posted in Rabe Wolf

Amanda, Evelyn, and Sienna in Sandy Fishnets

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Update zu Here’s one for Moby Dick:

Herrschaften, ich will uns ja nicht andere Leute als Vorbild hinstellen, nur mal darauf hinweisen, wie anderswo gearbeitet wird:

Sienna Mooney, 3. Januar 2008

01/03/08
i have to read 55 chapters of moby dick by monday! ch. 35-80!

Sienna Mooney, 3. Januar 2008.

55 Kapitel in 1 Woche. Wir könnten längst unsere eigenen Romane, Platten und Ausstellungen machen.

and now is probably an excellent time to tell you the story behind this song.
long before the discovery of the evelyn twins, the dresden dolls played a show in asbury, new jersey at a joint called the stone pony.
some of you were probably there. a bunch of fans and me and jason all traipsed over to the beach.
jason stood shaking his head at the hilarity of my barefooted-in-fishnets fans.
and after the crowd has dispersed and it was just us standing there, gazing over the gray new jersey sea, jason said, “sandy fishnets is an EXCELLENT name.”
and i said, “yes….yes it is.”
and then, years later, she became the sad little canary in the coal-mine for the ill-fated evelyn sisters.

Amanda Palmer: dressing up amanda fucking palmer, and a new sandy fishnets video, 16. Juni 2011.

Written by Wolf

25. July 2011 at 12:01 am

Posted in Reeperbahn

Weil er da ist: Madness Affecting One Train of Thought

with 5 comments

Wolf hat Kapitel 41: Moby Dick gelesen:

I’m mad, I’m bad, like Jesse James.
They gonna tie yo’ hands,
They gonna tie yo’ feet,
They gonna gag your throat,
Where you can’t holler none,
And crying won’t help you none.
Set you in the water,
Yeah, the bubbles coming up.
Whoa,
Rrrrrrr,
Rrrrrrr.

John Lee Hooker: I’m Bad Like Jesse James, 1966.

Die Frage ist doch: Was hat jemals einen Menschen dazu getrieben, die Nordwestpassage überhaupt zu suchen? Wenn sie schon mal da ist, wird ihr Nutzen klar, aber warum wollte jemand durch eine Stelle segeln, die für niemanden existiert?

Dorothy Lamour, ca. 1953Auf den unvollständigen Landkarten des amerikanischen Doppelkontinents bis ins neunzehnte Jahrhundert wies nichts darauf hin, dass Kap Horn eine nördliche Entsprechung haben könnte, und wie man nach abgeschlossener Forschung weiß, sieht es da oben nicht wesentlich anders aus, als die damaligen weißen Flecken nahelegten: Der arktische Archipel von Kanada war bis zu seiner Auffindung nicht bekannt, das Verhalten von Packeis schon.

Die draufgängerische Bergfexantwort: “Weil sie da ist!” funktioniert also nicht. Aber Kap Horn, das gibt’s, einen Panamakanal bohren wir auch noch in die Mitte, und die Welt ist eine bessere, wenn es eine Nordwestpassage gibt. Besser funktioniert also: “Weil es sie geben muss!”

Also wird gesucht. Das ist etwas, das Menschen tun, so sind sie halt. Ein bestimmter Schlag jedenfalls. Über Logik ist das nicht zu fassen, es wäre denn die Logik eines Siebenjährigen, der begründen soll, aus welchem Anstoß heraus das Christkind eine Playstation bringen soll: “Weil ich dann spielen kann.” Erst die Ursache, dann die Wirkung — so weit konnten sich Aristoteles, Newton und Heisenberg immer einigen.

Nicht so die George Mallorys, Robert McClures, John Franklins, Christoph Columbus’, James Cooks und wie sie alle heißen, und am allerwenigsten die Ahabs.

Kapitel 41 heißt so wie der ganze Roman, bis auf den Bindestrich, scheint also eins der wichtigen, bedeutungs- und staatstragenden. Einmal mehr hat sich Melville “seinen Leser geschaffen”, indem er ein retardierendes Moment von vier Kapiteln einschob. “Ich, Ismael, war einer aus dieser Mannschaft” knüpft nicht an Kapitel 40 an, sondern an 36, dazwischen herrscht stimmungsbildender Hexensabbat. Zuletzt hat Ahab auf dem Achterdeck seine Dublone angenagelt und frech zum erweiterten Selbstmord motiviert: “Befehlen tue ich’s euch nicht; ihr wollt es so.”

Ecuador's 8 Escudos Coin in Moby DickWenn das kein Anreiz ist: die ungeheure Summe von sechzehn Dollar, wow, o danke, Herr Kapitän — und wer braucht einen Auftrag von der Reederei, die doch gefälligst ihren eigenen Kopf und Glieder hinhalten soll, und “profitabl[e] Fahrten” voller “Gewinn […], den sie in frisch gemünzten Dollars zählen konnten” (so noch in Kapitel 41), wenn er einen Weißen Wal (ab sofort als Eigenname mit Groß-W] haben kann? Der letzte, der solche kleinmütigen Weltlichkeiten anmahnt, war Starbuck — und der ist moralisch von den Guten, aber dramaturgisch ein böser Gegenspieler, weil der irre, verwerfliche Ahab in einem modernen Roman — hallo, Hannah — der Zweitheld hinter dem Ich-Erzähler ist, Moral Schmoral. Denn

Nun ahnte Ahab tief in seinem Herzen dies: All meine Mittel sind vernünftig, all meine Gründe und mein Zweck verrückt.

Gut erkannt, Captain — ver-rückt sind sie (im Original: mad), miteinander vertauscht. So blöd ist er also nicht, seinen eigenen Irrsinn zu verkennen, aber “er wußte, daß er ohnmächtig sei, diesen Umstand zu beseitigen”, a man’s gotta do what a man’s gotta do, die Welt kann keine gute sein, wenn er sich nicht an diesem vieldeutigen Zustand von Monsterwal rächen kann, und ohne den psychologischen Begriff der monomania kommt jetzt nicht mal mehr Melville aus. Moby Dick muss erlegt werden, weil er nun mal da ist und deshalb weg muss.

Dorothy Lamour, ca. 1953“Monomanie” taucht zuverlässig in allen Charakterisierungen Ahabs auf, in den neueren auch “narzisstische Kränkung”. Daniel Göske, nach dessen Ausgabe ich die deutschen Stellen zitiere, weil sie üppiger als die Rathjensche kommentiert ist, meint zu dem Begriff ausführlich:

Monomanie: das Wort war damals [1851] recht neu. Der französische Seelenarzt Jean Esquirol hatte es 1823 geprägt, und James C. Prichards Cyclopedia of Practical Medicine (1833) wurde es als “madness affecting one train of thought” spezifiziert und er althergebrachten Bezeichnung “Melancholie” vorgezogen. Melville nennt Ahab nie melancholisch, oft aber “morbid” (“krankhaft”) oder “obsessive” (“besessen”). Die populäre Penny Cyclopedia von 1843, aus der er auch andere informationen bezog, lehrte, daß mit dem Wahn des “Besessenen” auch eine “krankhafte” Veränderung des “moralischen Empfindens” einhergehe.

“Melancholie” war mir bislang als altes Wort für Depression geläufig, also das schiere Gegenteil einer wie auch immer gearteten Manie — aber die Einschätzung, dass Depressiven moralisch nicht über den Weg zu trauen sei, hat sich gehalten.

Besessenheit im Sinne des Wortes dagegen sollte sich außerhalb betont religiös normativer Erklärungssysteme überlebt haben; so muss die römisch-katholische Kirche bis heute an den Teufel glauben, weil man ihn exorzieren kann. Was uns lehrt, dass diese siebenjährige Ahab-Krankheit gegen alle aristotelische Logik und Newtonsche samt Heisenbergsche Physik gar kein so abseitiges Ausnahmegebrechen ist. Widerleg this, Starbuck.

Jessica Gingerherring, The joys of the home library, 16. September 2008Ob diese Deduktion polemisch war oder nicht, hat Melville Recht: “Jene unfaßbare Arglist, welche von Anbeginn aller Zeiten in der Welt gewesen; welcher selbst die Christen der heutigen Zeit die Herrschaft über eine Hälfte der Welt zubilligen; welche die Ophiten des alten Orients in ihren Teufelsstatuen verehrten”, kurz: der Teufel — er bleibt, sagt Göske,

für das Verständnis von Melvilles Ahab wichtig. [Die Ophiten] beteten den Teufel in Gestalt der Schlange an, da diese, als Werkzeug des wahren Gottes, Adam und Eva im Paradies die Erkenntnis ermöglicht hatte, die ihnen der Schöpfergott verweigert hatte. Außerdem verehrten sie die großen Gegenspieler des altestamentlichen Gottes und seines auserwählten Volkes: Kain, die Stadt Sodom, Ägypten.

Das muss natürlich grundböse sein, aus Sicht aller, die den Monogott des Alten und den dreifaltigen des Neuen Testaments verehren: dessen Antagonisten anbeten, weil er ihnen das einzige schenkt, was ihnen der Schöpfer verweigert: die Erkenntnis im wohlüberlegten, ja kultischen Tausch gegen die Erlösung.

Das ist eine ganz andere Schuhnummer des Satanismus als spaßeshalber Heavy-Metal-Platten rückwärts anzuhören — und die teuflische, bei ewichter Höllenverdammnuß verbotene Erkenntnis bringende Schlange war sogar noch das Werkzeug dessen, der sie bekämpft. — Auch so ein altes Paradoxon: Wer hat den Antichristen in die Welt gesetzt, wenn nicht ausgerechnet Gott? (Und kann Gott so einen großen Stein erschaffen, dass er ihn nicht mehr werfen kann?)

“Für das Verständnis von Melvilles Ahab wichtig” (Göske): “Ahab fiel nicht vor ihr [jener unfaßbaren Arglist pp.] auf die Knie und betete sie an, wie jene es taten” (Melville),

doch indem er die Vorstellung davon wahnhaft auf den verhaßten Weißen Wal übertrug, warf er sich ihr entgegen, verstümmelt, wie er war. Alles, was uns am stärksten quält und in den Wahnsinn treibt; alles, was im Bodensatz des Lebens rührt; alle Wahrheit, die Arglist einschließt; alles, was die Sehnen zerreißt und das Hirn verhärtet; all das kaum merklich Dämonische am Leben und Denken; alles Böse schien dem irrsinnigen Ahab in Moby Dick sichtbar verkörpert und leibhaftig angreifbar. Er türmte auf des Wales weißen Buckel des angehäuften Zorn und Haß, den sein Geschlecht seit Adam je verspürt, und ließ, als wäre seine Brust ein Mörser, sein heißes Herz, das feurige Geschoß, an ihm zerbersten.

Ahab gegen das Böse in der Welt, gegen alles, das die Mühseligen und Beladenen von der Erquickung abhält; Ahab, der sich gegen die Erbsünde opfert. Bin ich wirklich der einzige, der gerade jetzt auf das Bild von Ahab am dritten Kampftag vorausschaut, wie er von den Harpunenleinen an den Bauch des Leviathan gekreuzigt untergeht? Eben war Ahab der Gottseibeiuns, wenigstens ein direkter Nachkomme des Satans mephistophelischer Prägung aus Paradise Lost oder allerwenigstens sein williges Gefäß, und plötzlich ist er auch noch Jesus. Gleichzeitig.

Jessica Gingerherring, Backyard and Beyond, 16. September 2008Es ist ein Paradox, kein Widerspruch (haben Sie das, Eckermann…?), und es ist “im 41. Kap., wo Ismael eine Diagnose von Ahabs Wahn versucht” (abermals Göske, schon auf Seite 963 zum 36. Kapitel), und zur theologischen Erörterung, was gut, was böse, was beides auf einmal ist, hilft uns einfachen Ismaels, Starbucks “mit seiner rechtschaffenen Tugend ohne Tatendrang, durch die unangreifbare, gutgelaunte Wurstigkeit eines Stubb und die alles durchdringende Durchschnittlichkeit eines Flask” schon, die theorielastigen Kapitel ohne blutig zugerichtete Mönche in Der Name der Rose ausnahmsweise nicht zu überblättern. Wenn wir geistigen Mannschaftsgrade, die wir weder gelahrte Jesuiten noch Professoren der Semiotik sind, uns mal eingelesen haben, werden wir da richtig spürbar schlauer. — In diesem Sinne mein Lieblingssatz aus 41:

Die Männer wandten ein, daß sie zwar andere Leviathane erfolgreich jagen mochten, daß es jedoch dem Menschen nicht gegeben sei, eine Erscheinung wie den Pottwal zu hetzen und mit der Lanze aufs Korn zu nehmen — daß schon der Versuch bedeuten würde, unweigerlich und unvermittelt in die Ewigkeit hinweggerissen zu werden. Zu diesem strittigen Punkte liegen einige bemerkenswerte Unterlagen vor, die eingesehen werden können.

Zu Deutsch: Man soll sich nicht anlegen, aber nachschauen kann man mal. Eine angenehm entspannte Nachsicht Melvilles, die er in seinem Schlüsselkapitel 41 schön beiläufig versteckt. Hach.

Was jetzt noch fehlt — Elke, alles für dich! — : Die Coverage zu

Man kommt nicht, wenn man weder Melville noch Göske heißt, spontan darauf, dass die beiden letzteren Posten ganz ähnliche Phänomene wie die Entdeckung der Nordwestpassage beschreiben, die bis 1853 nur den wandernden Walen bekannt war: den portugiesischen Serra da Estrêla, auf dessen Bergsee versunkene Schiffswracks auftauchen, und die sizilianische Fonte Aretusa, die von Wassern aus dem Heiligen Land sprudelt. McClures — die erfolgreiche — Expedition der arktischen Walwanderung hinterher lief noch, als Moby-Dick erschien.

Ahab sucht heute noch.

Michael Raso, Erin Russ in Ringwood State Park Graveyard, North New Jersey, 2. November 2009

Bilder: Ecuador’s 8 Escudos Coin in Moby Dick;
Dorothy Lamour 1 und 2, ca. 1953: via The Tag;
Jessica Gingerherring: The Joys of the Home Library und Backyard and Beyond, 16. September 2008;
Michael Raso: Erin Russ in Ringwood State Park Graveyard, North New Jersey, 2. November 2009.

Written by Wolf

21. July 2011 at 12:01 am

Posted in Steuermann Wolf

Christina Dichterliebchens Zeichenschule

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Du bist immer dann am besten,
wenn’s dir eigentlich egal ist.

Die Ärzte.

Hi, liebe Leser, ich bin’s wieder, euer erfrischendes Dichterliebchen, habt ihr mich vermisst?

In den letzten Wochen hab ich ja viel gezeichnet und kann’s schon fast. Das ist besser als Sex, bloß billiger. Also jetzt nicht, weil man da so gut durchblutet wird und jeder, der mitmacht, gleich zu stöhnen anfängt. Sondern weil das ein so sinnliches Erlebnis ist. Ganz ernsthaft: Da haben Sie ein Stück Graphit oder gar Holzkohle in der Hand, und wenn Sie sich das mal richtig geben, ist das Ding ein paar Millionen Jahre alt. Das ist archaisch! Und Sie machen damit, was den Homo sapiens von der Graugans unterscheidet: Kunst. Sie schaffen Schönheit. Sie tun etwas Wertfreies um seiner selbst willen, ziemlich weit oben auf der Bedürfnispyramide. Weil es Spaß macht, weil Sie hinterher glücklicher sind. Und weil Sie damit ein Stück von sich mitteilen. Weil etwas davon übrig bleibt. Damit sich jemand darüber freut. Und Sie benutzen Ihre Sinne dazu, Augen und Finger mindestens. Und Sie sprechen die Sinne von dem Anderen an. Sinnliche Sachen, mit denen Sie Ihre wertvollste Zeit ausfüllen, um sich auszudrücken und mit Schönheit Freude zu machen. Sehen Sie? Wie Sex, stimmt’s? Verstehen Sie, was ich meine?

Ich seh schon, jetzt wollen Sie auch.

Merke: Zeichnen ist gar nicht so schwer. Zeichnen ist die Fortsetzung des Schreibens von Hand mit gar nicht mal so anderen Mitteln. Und Schreiben hat doch jeder mal gelernt, mit Füller und Bleistift und so. Da hat man sich auch eine Handschrift zugelegt, und mit der Handschrift malt man jetzt eben keine Buchstaben mehr, sondern ein Bild. Einfach die Striche dahin malen, wo sie sein müssen. Simpel, oder?

Wenn Sie schreiben, sollen Sie nicht zu viele Wörter benutzen. Gerade so viele, dass es reicht. Keine Füllwörter. Wenn Sie einen Satz hinschreiben und es kommt ein Adjektiv, immer erst aufstehen, in die Küche gehen, was Gesundes futtern, dann ins Schlafzimmer, mit Ihrem Lieblingsmenschen eine, zwei Runden richtigen Sex vollziehen, dann eine Runde um den Block joggen, dann erst wieder hinsetzen. Wenn Ihnen das zu blöd ist, das Adjektiv weglassen.

Wenn Sie ein Bild zeichnen, geht’s nicht anders: Erst überlegen, dann einen Strich ziehen. Sie können schon, wenn es einem Effekt dient, ein Adjektiv hinschreiben oder einen Extrastrich malen. Kann man machen. Muss man aber wollen.

Sie brauchen Papier und irgendwas, das Papier färbt — ta-daa. Bei Kaut-Bullinger verkaufen sie riesige Bögen Büttenpapier in tausend Körnungen und Tönungen, die sind schön zu streicheln. Wenn Sie am Monatsende zuviel übrig haben, kaufen Sie sich so einen. Den bekommen Sie für den Transport in einen noch viel größeren Bogen Packpapier gerollt. Schmeißen Sie den bloß nicht weg, auf dem malt sich’s um Klassen besser als auf dem überteuerten Büttendings. Nehmen Sie Reißkohle, die schmutzt nicht so wie Holzkohle. Zum Färben Rötel und nach ein paar Monaten Übung einen Weißstift, mehr brauchen Sie nicht. Ein paar Monate lang sollten Sie aber schon so sparsam wie möglich bleiben, denn auch hier ist es wie beim Schreiben und beim Sex: Man muss es oft tun.

Hängen Sie Ihre ersten Bilder ruhig vorläufig an die Wand, das ist gut fürs Ego. Aber Sie müssen den Moment erkennen, sie wieder abzuhängen. Scheuen Sie sich nicht, die Meinung über Ihr Schaffen zu ändern, und sägen Sie die Rückseiten leichtherzig zu Schmierpapier. Keine Wechselrahmen und schon gar nicht fest aufziehen lassen. Gekaufte Rahmen sind was für Meisterwerke von Horst Janssen — ein grandioser Schmierfink übrigens — für Ihre eigenen Sachen schafft das die falsche Art von Respekt.

Im Vergleich zu Schreiben wäre gerahmtes Bütten: Geschwollenes Rumsabbeln. Im Vergleich zu Sex: David Hamilton nachstellen. Späten David Hamilton.

Und ein Geheimnis ist noch dabei. Soll ich’s sagen? Okay, weil wir unter uns sind:

Es muss einem wurscht sein.

Moment, das muss ich glaub ich illustrieren. Aufgemerkt.

Beweisstück A: Doofes Bild.

Christina Dichterliebchen lümmelt auf dem Sofa. Mit Tinte und Füllfeder auf FlickrSchauen Sie nur gerade hin. Ist es nicht grauenhaft? Ätz, ätz, Hornhautverkrümmung, kotz und kübel? Fassen Sie Mut und erkennen Sie die ganze Malaise. Ich verstehe jede Flickr-Gruppe, die das angewidert rausschmeißt, und Ihnen zeig ich das aus dokumentarischen Gründen, ich genier mich auch gebührend dafür, Sie dürfen einmal kurz mit mir schimpfen, nur Auslachen mag ich nicht so gern, das ist entwürdigend.

Das hab ich in mein teures Skizzenbuch gemalt, richtig tolles Papier, nur das angeblich aquarellgeeignete ist teurer, auf dem Scan sieht man noch die Struktur im Papier, wenn Sie den Monitor richtig einstellen. Mit schwarzer Tinte aus einem Kolbenfüller von 1960, voll nobel alles. Bei meinem Monatseinkommen, das Sie nicht kennen wollen, ist das eine Materialschlacht.

Und jetzt das Ergebnis: Vor lauter Angst, dass es auch ja was wird, die Striche verzogen. Zaghaft angesetzt, auf der Suche nach einer Linie überall in der Fläche rumgefuhrwerkt. Vor allem Rücken und Hintern von keinerlei anatomischer Rücksicht beleckt, die sichtbare Hand die typische Anfänger-Affenkralle, Wasserkopf, von der Brust fang ich gar nicht erst an.

Das Gegenteil von gut gemacht, wie Ihnen schon Ihr Deutschlehrer beigebracht hat, ist nicht schlecht gemacht, sondern gut gemeint. Sehen Sie, genau davor wollte der Mann warnen. Oder anders: Das Bild war mir nicht wurscht genug.

Im Vergleich zu Schreiben ist das: der Entwurf zu einer Sonntagsrede, noch nicht mal die Sonntagsrede selbst. Im Vergleich zu Sex: der erste Versuch mit einem BWL-Frettchen, das man schon während der ersten Runde nicht mehr leiden kann.

Beweisstück B: Schönes Bild.

Christina Dichterliebchen lümmelt immer noch auf dem Sofa. Mit Bleistift in Moleskine auf FlickrNa, ist das ein Unterschied?

Dass die Wimpern zu lang sind, finde ich nicht störend — dafür ist schon fast das Bildthema, wie die linke Hand, weil sie fehlt, überall sein könnte: vor der Figur auf die Bettdecke gestützt, auf ihrem Schenkel ruhend, vielleicht spielt sie verdeckt mit ihrer Halskette. Wünschen Sie sich was, es stimmt alles.

Dabei war das nie zum Herzeigen gedacht. Extra gemessen: Das Original misst vier auf vier Zentimeter. Es ist im Bus mit dem Druckbleistift auf eine benutzte Seite ins Moleskine gekritzelt, weil ich die Idee für ein Bild festhalten wollte, und bevor ich seitenlang Wörter verschwende, was drauf soll, hab ich’s eben schnell hingemalt. Oder anders: Es war mir wurscht.

Im Vergleich zu Schreiben ist das: die unprätenziös hingeworfene, funkelnd richtige Antwort auf ein philosophisches Problem in einem Kneipengespräch, nach der alle erst mal kurz die Luft anhalten, um sie geistig zu notieren und am nächsten Tag weiterzuverwenden. Im Vergleich zu Sex: sich zu zweit in der Umkleidekabine gegenseitig hastig die Unterhose unterm Rock wegreißen (bei Karstadt ging das immer), flüssig vereinigen, schön leise bleiben, und es reicht bis zum Freitag.

So, und jetzt könnte ich Sie noch feste neidisch machen, indem ich mich an dieser Stelle bei meinem zauberhaften Model bedanke. Find ich aber so unpersönlich, lieber leg ich mich nochmal mit ihr hin.

Schalten Sie auch nächstes Mal ein, wenn es wieder heißt: Zeichenschule mit Christina Dichterliebchen! Falls mir noch was einfällt.

Soundtrack: Die Ärzte: Lied vom Scheitern,aus: Jazz ist anders, 2008.

Written by Wolf

17. July 2011 at 12:01 am

Posted in Galionsfigur

The world depends on us

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Update for Three Lives and Still Counting:

“What kind of music do you usually have here?”
“Oh, we got both kinds. We got country and western.”

John Van Noate, Six From Greensboro, 1/11/06 # 6The Blues Brothers was released on June 20, 1980. Its original length is 133 minutes, the modernized DVD version is 142 minutes.

Still, there are approximately 45 minutes lost forever. In the mid-80s, when not even Universal Studios cared about bonus materials for DVD, deleted film scenes were routinely destroyed. The scene in „Bob’s Country Bunker“ features, as far as is remembered, at least three Country and Western songs — which would cover the complete C&W works by The Blues Brothers. Stand by Your Man and Theme From Rawhide are in the movie — only Sink the Bismarck is not even on the Blues Brothers Complete CD.

John Van Noate, The One Coming LaterExactly twenty years before, Sink the Bismarck was deleted from another film. Originally by Johnny Horton (the guy mainly famous for North to Alaska), the song was in the 1960 cinema trailer for the film of the same name (with an exclamation mark added: Sink the Bismarck!, German Die letzte Fahrt der Bismarck), but eliminated from the film. It seems like even after the war the Bismarck should have no appearances whatsoever in American public — not to mention Unsinkable Sam.

Learn about navigation and martial strategies alongside the Bismarck, the Hood, and Unternehmen Rheinübung:

John Van Noate, Snapshot. Girl With Guitar And Big HatWe give the proofread lyrics as used by the Blues Brothers in their surviving soundtrack of a destroyed movie clip:

In May of nineteen forty-one
the war had just begun.
The Germans had the biggest ship,
They had the biggest guns.
The Bismarck was the fastest ship
that ever sailed the seas.
On her decks were guns as big as steers,
And shells as big as trees.

Out of the cold and foggy night,
Came the British ship the Hood,
and every British seaman
he knew and understood
they had to sink the Bismarck,
the terror of the sea.
Stop those guns as big as steers,
and those shells as big as trees.

We’ll find that German battleship
that’s making such a fuss.
We gotta sink the Bismarck,
’cause the world depends on us.
They hit the decks a-running, boys,
and spin those guns around.
When we find the Bismarck,
we gotta cut her down.

The Hood found the Bismarck,
and on that fatal day
the Bismarck started firing
fifteen miles away.
We gotta sink the Bismarck!,
was the battle sound.
But when the smoke had cleared away,
The mighty Hood went down.

For six long days and weary nights,
they tried to find her trail.
Churchill told the people:
Put every ship a-sail,
’cause somewhere on that ocean,
I know she’s gotta be.
We gotta sink the Bismarck
to the bottom of the sea.

We’ll find that German battleship
that’s making such a fuss.
We gotta sink the Bismarck,
’cause the world depends on us.
They hit the decks a-running, boys,
and spin those guns around.
When we find the Bismarck,
we gotta cut her down.

The fog was gone the seventh day,
and they saw the morning sun.
Ten hours away from homeland,
the Bismarck made its run.
The Admiral of the British fleet said:
Turn those bows around.
We found that German battleship,
And we’re gonna cut her down.

The British guns were aimed,
And the shells were coming fast.
The first shell hit the Bismarck,
they knew she couldn’t last.
That mighty German battleship
is just a memory.
Sink the Bismarck! was the battle cry,
That shook the seven seas.

We found that German battleship
was making such a fuss.
We had to sink the Bismarck,
’cause the world depends on us.
We hit the deck a-running, boys,
we spun those guns around.
We found the mighty Bismarck,
and then we cut her down.

We found that German battleship
was making such a fuss.
We had to sink the Bismarck,
’cause the world depends on us.
We hit the deck a-running,
we spun those guns around.
We found the mighty Bismarck,
and then we cut her down.

Images: John Van Noate: Six From Greensboro, 1/11/06 # 6; The “One Coming Later”; Snapshot: Girl With Guitar And Big Hat.

… and featuring one fine German-American-Scottish discovery by Elke:

Brew Dog, Sink the Bismacrck beer

Written by Wolf

12. July 2011 at 12:01 am

Posted in Laderaum

Applied Orthographics

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Update for Campfire Tape:

I gunned it down to San Pedro Bay,
Watched my ship sail in, watched it sail away.
The sun was sinking into the sea,
But a ball of fire inside of me
Was burning my motor and driving me hard
Past the big hair on the Boulevard.

Lyrics and video: Michelle Shocked: Come a Long Way, from: Arkansas Traveler, 1992.

Harry Furniss, Sylvie and Bruno Concluded, 1893Other critics have objected to certain innovations in spelling, such as “ca’n’t”, “wo’n’t”, “traveler”. In reply, I can only plead my firm conviction that the popular usage is wrong. As to “ca’n’t”, it will not be disputed that, in all other words ending in “n’t”, these letters are an abbreviation of “not”; and it is surely absurd to suppose that, in this solitary instance, “not” is represented by ” ‘t”! In fact “can’t” is the proper abbreviation for “can it”, just as “is’t” is for “is it”. Again, in “wo’n’t”, the first apostrophe is needed, because the word “would” is here abridged into “wo”: but I hold it proper to spell “don’t” with only one apostrophe, because the word “do” is here complete. As to such words as “traveler”, I hold the correct principle to be, to double the consonant when the accent falls on that syllable; otherwise to leave it single. This rule is observed in most cases (e.g. we double the “r” in “preferred”, but leave it single in “offered”), so that I am only extending, to other cases, an existing rule. I admit, however, that I do not spell “parallel”, as the rule would have it; but here we are constrained, by the etymology, to insert the double “l”.

Lewis Carroll [sic]: Sylvie and Bruno Concluded, Preface, 1893.

Image: Harry Furniss: Illustration for Lewis Carroll: Sylvie and Bruno Concluded, 1893,
scanned by Ignacio Fernández Galván from “The Complete Illustrated Works of Lewis Carroll”,
Chancellor Press, ISBN 978-0-907486-21-3.

Written by Wolf

8. July 2011 at 12:01 am

Posted in Moses Wolf

Happy Independence Day, Neighbors! (Being a Juligewinnspiel!)

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Update for Brush your teeth for America! and Heute vor…:


The mouse that built America: Ben and Me, 1953.

The Gewinnspiel part: Und wer mir jetzt wirksam herdeduzieren kann, welch brunnentiefen Sinn das ergibt, dass der Film in zwei Teilen daherkommt, gewinnt wieder was Schönes.

Written by Wolf

4. July 2011 at 6:33 am

Posted in Rabe Wolf