Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Christina Dichterliebchens Zeichenschule

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Du bist immer dann am besten,
wenn’s dir eigentlich egal ist.

Die Ärzte.

Hi, liebe Leser, ich bin’s wieder, euer erfrischendes Dichterliebchen, habt ihr mich vermisst?

In den letzten Wochen hab ich ja viel gezeichnet und kann’s schon fast. Das ist besser als Sex, bloß billiger. Also jetzt nicht, weil man da so gut durchblutet wird und jeder, der mitmacht, gleich zu stöhnen anfängt. Sondern weil das ein so sinnliches Erlebnis ist. Ganz ernsthaft: Da haben Sie ein Stück Graphit oder gar Holzkohle in der Hand, und wenn Sie sich das mal richtig geben, ist das Ding ein paar Millionen Jahre alt. Das ist archaisch! Und Sie machen damit, was den Homo sapiens von der Graugans unterscheidet: Kunst. Sie schaffen Schönheit. Sie tun etwas Wertfreies um seiner selbst willen, ziemlich weit oben auf der Bedürfnispyramide. Weil es Spaß macht, weil Sie hinterher glücklicher sind. Und weil Sie damit ein Stück von sich mitteilen. Weil etwas davon übrig bleibt. Damit sich jemand darüber freut. Und Sie benutzen Ihre Sinne dazu, Augen und Finger mindestens. Und Sie sprechen die Sinne von dem Anderen an. Sinnliche Sachen, mit denen Sie Ihre wertvollste Zeit ausfüllen, um sich auszudrücken und mit Schönheit Freude zu machen. Sehen Sie? Wie Sex, stimmt’s? Verstehen Sie, was ich meine?

Ich seh schon, jetzt wollen Sie auch.

Merke: Zeichnen ist gar nicht so schwer. Zeichnen ist die Fortsetzung des Schreibens von Hand mit gar nicht mal so anderen Mitteln. Und Schreiben hat doch jeder mal gelernt, mit Füller und Bleistift und so. Da hat man sich auch eine Handschrift zugelegt, und mit der Handschrift malt man jetzt eben keine Buchstaben mehr, sondern ein Bild. Einfach die Striche dahin malen, wo sie sein müssen. Simpel, oder?

Wenn Sie schreiben, sollen Sie nicht zu viele Wörter benutzen. Gerade so viele, dass es reicht. Keine Füllwörter. Wenn Sie einen Satz hinschreiben und es kommt ein Adjektiv, immer erst aufstehen, in die Küche gehen, was Gesundes futtern, dann ins Schlafzimmer, mit Ihrem Lieblingsmenschen eine, zwei Runden richtigen Sex vollziehen, dann eine Runde um den Block joggen, dann erst wieder hinsetzen. Wenn Ihnen das zu blöd ist, das Adjektiv weglassen.

Wenn Sie ein Bild zeichnen, geht’s nicht anders: Erst überlegen, dann einen Strich ziehen. Sie können schon, wenn es einem Effekt dient, ein Adjektiv hinschreiben oder einen Extrastrich malen. Kann man machen. Muss man aber wollen.

Sie brauchen Papier und irgendwas, das Papier färbt — ta-daa. Bei Kaut-Bullinger verkaufen sie riesige Bögen Büttenpapier in tausend Körnungen und Tönungen, die sind schön zu streicheln. Wenn Sie am Monatsende zuviel übrig haben, kaufen Sie sich so einen. Den bekommen Sie für den Transport in einen noch viel größeren Bogen Packpapier gerollt. Schmeißen Sie den bloß nicht weg, auf dem malt sich’s um Klassen besser als auf dem überteuerten Büttendings. Nehmen Sie Reißkohle, die schmutzt nicht so wie Holzkohle. Zum Färben Rötel und nach ein paar Monaten Übung einen Weißstift, mehr brauchen Sie nicht. Ein paar Monate lang sollten Sie aber schon so sparsam wie möglich bleiben, denn auch hier ist es wie beim Schreiben und beim Sex: Man muss es oft tun.

Hängen Sie Ihre ersten Bilder ruhig vorläufig an die Wand, das ist gut fürs Ego. Aber Sie müssen den Moment erkennen, sie wieder abzuhängen. Scheuen Sie sich nicht, die Meinung über Ihr Schaffen zu ändern, und sägen Sie die Rückseiten leichtherzig zu Schmierpapier. Keine Wechselrahmen und schon gar nicht fest aufziehen lassen. Gekaufte Rahmen sind was für Meisterwerke von Horst Janssen — ein grandioser Schmierfink übrigens — für Ihre eigenen Sachen schafft das die falsche Art von Respekt.

Im Vergleich zu Schreiben wäre gerahmtes Bütten: Geschwollenes Rumsabbeln. Im Vergleich zu Sex: David Hamilton nachstellen. Späten David Hamilton.

Und ein Geheimnis ist noch dabei. Soll ich’s sagen? Okay, weil wir unter uns sind:

Es muss einem wurscht sein.

Moment, das muss ich glaub ich illustrieren. Aufgemerkt.

Beweisstück A: Doofes Bild.

Christina Dichterliebchen lümmelt auf dem Sofa. Mit Tinte und Füllfeder auf FlickrSchauen Sie nur gerade hin. Ist es nicht grauenhaft? Ätz, ätz, Hornhautverkrümmung, kotz und kübel? Fassen Sie Mut und erkennen Sie die ganze Malaise. Ich verstehe jede Flickr-Gruppe, die das angewidert rausschmeißt, und Ihnen zeig ich das aus dokumentarischen Gründen, ich genier mich auch gebührend dafür, Sie dürfen einmal kurz mit mir schimpfen, nur Auslachen mag ich nicht so gern, das ist entwürdigend.

Das hab ich in mein teures Skizzenbuch gemalt, richtig tolles Papier, nur das angeblich aquarellgeeignete ist teurer, auf dem Scan sieht man noch die Struktur im Papier, wenn Sie den Monitor richtig einstellen. Mit schwarzer Tinte aus einem Kolbenfüller von 1960, voll nobel alles. Bei meinem Monatseinkommen, das Sie nicht kennen wollen, ist das eine Materialschlacht.

Und jetzt das Ergebnis: Vor lauter Angst, dass es auch ja was wird, die Striche verzogen. Zaghaft angesetzt, auf der Suche nach einer Linie überall in der Fläche rumgefuhrwerkt. Vor allem Rücken und Hintern von keinerlei anatomischer Rücksicht beleckt, die sichtbare Hand die typische Anfänger-Affenkralle, Wasserkopf, von der Brust fang ich gar nicht erst an.

Das Gegenteil von gut gemacht, wie Ihnen schon Ihr Deutschlehrer beigebracht hat, ist nicht schlecht gemacht, sondern gut gemeint. Sehen Sie, genau davor wollte der Mann warnen. Oder anders: Das Bild war mir nicht wurscht genug.

Im Vergleich zu Schreiben ist das: der Entwurf zu einer Sonntagsrede, noch nicht mal die Sonntagsrede selbst. Im Vergleich zu Sex: der erste Versuch mit einem BWL-Frettchen, das man schon während der ersten Runde nicht mehr leiden kann.

Beweisstück B: Schönes Bild.

Christina Dichterliebchen lümmelt immer noch auf dem Sofa. Mit Bleistift in Moleskine auf FlickrNa, ist das ein Unterschied?

Dass die Wimpern zu lang sind, finde ich nicht störend — dafür ist schon fast das Bildthema, wie die linke Hand, weil sie fehlt, überall sein könnte: vor der Figur auf die Bettdecke gestützt, auf ihrem Schenkel ruhend, vielleicht spielt sie verdeckt mit ihrer Halskette. Wünschen Sie sich was, es stimmt alles.

Dabei war das nie zum Herzeigen gedacht. Extra gemessen: Das Original misst vier auf vier Zentimeter. Es ist im Bus mit dem Druckbleistift auf eine benutzte Seite ins Moleskine gekritzelt, weil ich die Idee für ein Bild festhalten wollte, und bevor ich seitenlang Wörter verschwende, was drauf soll, hab ich’s eben schnell hingemalt. Oder anders: Es war mir wurscht.

Im Vergleich zu Schreiben ist das: die unprätenziös hingeworfene, funkelnd richtige Antwort auf ein philosophisches Problem in einem Kneipengespräch, nach der alle erst mal kurz die Luft anhalten, um sie geistig zu notieren und am nächsten Tag weiterzuverwenden. Im Vergleich zu Sex: sich zu zweit in der Umkleidekabine gegenseitig hastig die Unterhose unterm Rock wegreißen (bei Karstadt ging das immer), flüssig vereinigen, schön leise bleiben, und es reicht bis zum Freitag.

So, und jetzt könnte ich Sie noch feste neidisch machen, indem ich mich an dieser Stelle bei meinem zauberhaften Model bedanke. Find ich aber so unpersönlich, lieber leg ich mich nochmal mit ihr hin.

Schalten Sie auch nächstes Mal ein, wenn es wieder heißt: Zeichenschule mit Christina Dichterliebchen! Falls mir noch was einfällt.

Soundtrack: Die Ärzte: Lied vom Scheitern,aus: Jazz ist anders, 2008.

Written by Wolf

17. July 2011 at 12:01 am

Posted in Galionsfigur

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