Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Ahoi, Goethe

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Update zu O Mädchen mein Mädchen
und Sophokles’ Bruder ab orbe Britannis:

Frolic April, 25 cents, Sirens in Silk via retro-space, 20. August 2011Alles Gute zum 262., Herr Geheimrat. — Woran erinnern wir uns bei Ihrem Namen? Dass Sie’s sehr mit dem Weybervolck hatten, lieber eine brave Zeitlang weit und gründlich untergetaucht sind, bevor Sie sich einem Problem stellen, und da am liebsten in die Provinz statt unter zu viele Ihresgleichen, die Ihnen den Rang als einsames Genie streitig machen könnten — damit verbunden Ihre Italienische Reise, ferner Ihre Erfindung des Bestsellers in Gestalt des Werther, Faust, der Tragödie erster und zweyter Theil, Wanderers Nachtlied (das war wirklich gut!), Wilhelm Meister, die Lehr– und Wanderjahre sowie Theatralische Sendung, die erlesenen Ferkeleien in den Römischen Elegien, das Zurückzucken davon in der Marienbader, die ganz drogenfrei wundersam weggedriftete Farbenlehre, ein bisschen Grundschulstoff (Erlkönig, Zauberlehrling), ziemlich viel Dichtung, allerhand Wahrheit — und dann noch der Versuch einer Seemannsgeschichte.

Alles kann man ihm zutrauen, dem Goethe, nur keine Seefahrergeschichten. Es gibt eine. Reise der Söhne Megaprazons heißt sie, ist Fragment geblieben und sehr spärlich dokumentiert. Die Textmenge, mit Nachweis eines früher entstandenen Kapitelschemas als umfangreicher Roman angelegt, umfasst 4652 Wörter, das entspricht einem neunseitigen Word-Dokument in durchschnittlich hässlicher Arial 12-Punkt, die Frankfurter Goethe-Gesamtausgabe braucht 15½ Druckseiten. In den meisten Gesamtausgaben fehlt sie; mir liegt sie in der praktisch nur für große Bibliotheken erschwinglichen Frankfurter Ausgabe vor, und auch das nur, weil die inzwischen teilweise als Taschenbuch bei Insel gemacht wird: im Band TB 11: Die Leiden des jungen Werthers [beide Fassungen als Paralleldruck!]/Die Wahlverwandtschaften/Novelle/Kleine Prosa/Epen. Herausgegeben von Waltraud Wiethölter in Zusammenarbeit mit Christoph Brecht.

Fiesta, Women Love to Read, Volume 17, Number 4, via retro-space, 27. April 2011Das ist eine ganze Menge auf den 1245 Seiten, dazu noch wegweisend durchkommentiert. Und im Teil mit der Kleinen Prosa finden sich die Söhne Megaprazons. In der Amalienausgabe, der geradezu sprichwörtlich vollständigsten von allen, müssten sie noch drin sein, in der meinigen, der Hamburger, sind sie nicht. Online komme ich auf genau zwei Volltexte: beim Gutenberg-Projekt und bei Wissen im Netz. Wer weitere Fundstellen ausmacht — ich zähle eventuell auf die Münchner Ausgabe –, kann sie gern in den Kommentaren vermelden.

Goethe selbst hat sich genau einmal zu seinem Seemannsversuch geäußert: in der Campagne in Frankreich: Pempelfort, November 1792:

Ich hatte seit der Revolution, mich von dem wilden Wesen einigermaßen zu zerstreuen, ein wunderbares Werk begonnen, eine Reise von sieben Brüdern verschiedener Art, jeder nach seiner Weise dem Bunde dienend, durchaus abenteuerlich und märchenhaft, verworren, Aussicht und Absicht verbergend, ein Gleichnis unseres eignen Zustandes. Man verlangte eine Vorlesung, ich ließ mich nicht viel bitten und rückte mit meinen Heften hervor; aber ich bedurfte auch nur wenig Zeit, um zu bemerken, daß niemand davon erbaut sei. Ich ließ daher meine wandernde Familie in irgend einem Hafen und mein weiteres Manuskript auf sich selbst beruhen.

Eine ganz ungewohnt selbstkritische Haltung Goethes: Auf der ersten Lesung hat sein jüngstes geistiges Kind nicht so den Erfolg, und darum lässt er es absichtlich, ohne Not liegen. Die erhaltenen Fragmente stehen auf dem Papier einer Mühle nahe bei Trarbach, wo Goethes Compagnie auf dem Weg in die Champagne durchkam. Demnach schrieb er es wohl im November 1792 — in Zelt- und Zivilstenquartieren auf dem Feldzug des Weimarer Herzogs. Kann sein, dass sich unter solcherlei Erlebnissen, wenn man Seidenkissen gewohnt ist, manches relativiert.

Fiesta Vol. 4, No. 6, via retro-space, 27. April 2011Woher und zu welchem Ende nun eine Goethische Seegeschichte? Lesen wir dazu tiefer in den “dicht[en], bestechend[en] und rücksichtslos formuliert[en]” (Süddeutsche Zeitung) Kommentar der Frankfurter Ausgabe hinein:

Wie mit zahlreichen anderen Werken der 1790er Jahre bemühte sich Goethe mit der Reise der Söhne Megaprazons um eine literarische Antwort auf die Französische Revolution, wobei sich das Genre des satirischen Reiseromans für ein solches Unternehmen durchaus anbot, hatten sich doch in der Gattungstradition sowohl Verfahren einer grotesken Transformation zeitgenössischer Konstellationen als auch Möglichkeiten einer Distanzierung vom unmittelbar politischen Anlaß herausgebildet. Beides, die Analyse des Geschehens und eine kritische Stellungnahme, ließ sich auf dem Wege allegorischer Verfremdung formulieren. Goethes Referenztext erwies sich als in dieser Hinsicht als besonders einschlägig: François Rabelais’ (1483–1553) Romanwerk Gargantua et Pantagruel, erschienen in fünf separaten Büchern zwischen 1534 und 1564.

Halten wir fest: Es sollte ein Reiseroman werden, und zwar ein satirischer, und zwar um aus sicherer Distanz das Zeitgeschehen aufzuarbeiten. Und sofort sieht es Goethen viel ähnlicher: Das große Vorbild Rabelais war auch 1792 schon lange genug verstorben, um dem gegenwärtigen Universalgenie keinen Abbruch zu tun, und mit zeitkritischen Aussagen will man sicher bei niemandem anecken, wenn man bequem beim Herzog haust.

Goethe kommt sichtbar nicht richtig in die Gänge, das Gargantua-Remake kommt reichlich behäbig daher: Die Hauptfiguren heißen allen Ernstes Epistemon, Panurg, Euphemon, Alkides, Alciphron und Eutyches, von deren mythologisch nicht belegten Vater Megaprazon aus dem Titel ganz zu schweigen. Was wird das? Ausweichen in eine aufgekochte Kritik an der jahrhundertealten Lutherischen Reformation statt an der brenzligen Franzosenrevolution? Mit Verlaub: Rabelais hätte diesem Breitarsch von Roman eines Feudalistenschätzchens ein ganzes saftstrotzendes Kapitel voller französischer Vokabeln eingeflochten, die bis heute nicht im Micro Robert vorkommen.

Nun stimmen Goethes satirisch gemeinte Zuweisungen weder dramaturgisch noch in der Sache:

Ist schon die räumliche Koexistenz des reformatorischen mit dem revolutionären Streitfall nicht unbedingt historisch einleuchtend, so zeigt sich im weiteren auf das deutlichste, daß es der Allegorie aus strukturellen Gründen nicht gelingt, den ‘Ort’ der Revolution im Europa des ausgehenden 18. Jahrhunderts zu bestimmen. Die Insel der Monarchomanen habe sich “auf und davon gemahct”, heißt es. Tatsächlich ist dieses Land im Umsturz seiner alten Ordnung zu einem vagierenden, einem effektiv ortlosen Gebilde zerfallen. Zwar lassen sich, indem das alte Märchenmotiv der schwimmenden Insel allegorisiert wird, an dem dreigeteilten Territorium aktuelle politische Prozesse um den Interventionskrieg illustrieren: Die ‘steile Küste’ — der Adel — nähert sich gleich nach der Katastrophe dem Land der Papimanen, orinetiert sich dann aber doch “etwas mehr Nordwärts”, ohne — in der Orientierung auf Habsburg — “festen Stand gewinnen” zu können; später zeigt sich noch einmal die ‘Residenz’ und schließt sich beinahe wieder mit der ‘steilen Küste’ zusammen.

bezeichnend für Goethes Konstruktion ist allerdings, daß die “Ebene” als der dem dritten Stand zugeordnete Landesteil ganz außer Sicht geraten und anscheinend verschollen ist. Gerade an diesem Bruchstück der alten Ordnung — dem nachrevolutionären Frankreich selbst — wäre jedoch zu studieren, ob es nicht auch ohne ‘Residenz’ und ‘steile Küste’ geht. Der allegorische Modus der Übersetzung politischer Ereignisse in eine räumliche Topik widerstreitet ganz offensichtlich der politischen Geographie des zeitgenössischen Europa. Durch die Revolution war die staatliche Integrität des französischen Territoriums keineswegs angefochten — das hatte Goethe im Zuge der ‘Campagne in Frankreich’ ja hinlänglich erfahren. […] Dieser Konsequenz seiner eigenen Konstruktion zu folgen, ist der Autor der Reise offensichtlich nicht bereit. Statt dessen setzt er sich dem Verdacht aus, er wolle den Mythos gottgegebener und zeitloser Herrschaft affirmieren.

Frolic Dezember, 35 cent, via retro-space, 27. April 201. Does It Pay To Be A Wolf?; What's Wrong With Redheads? (Answered With Full Color)Was einen desto wahrscheinlicher ankommt, wenn man weiß, wie dicke sich Goethe nachmals mit Napoleon vertragen sollte. Da unternimmt Kommentatorin Wiethölter einen Versuch, Goethe in Schutz zu nehmen, den ich ihr in seiner engagierten Ausgewogenheit hoch anrechnen möchte:

Es hieße die kargen Fragmente zu einer zweifellos umfänglich konzipierten Erzählung überfordern, wollte man jeden einzelnen Zug er Allegorie auf eine politische Konzeption hin durchleuchten. […] Man würde auch dem Fragment der Einleitung nicht gerecht, in dem dialogisch der Konnex zum Roman Rabelais’ hergestellt wird. In beiden Textstücken dominiert das komödiantische Spiel mit dem Genre des Seeabenteuers über die satirische Absicht. […] Die Reise der Söhne Megaprazons scheitert vielmehr — auf instruktive Weise — an den strukturellen Prämissen der gewählten Gattung: Der Text ist als ein literarischer Kommentar zum Zeitgeschehen angelegt, aber zugleich ist er gegen diese Aktualität als Versuch einer poetischen ‘Zerstreuung’ zu lesen. So fehlt dem Kommentar die Entschiedenheit der polemischen Stellungnahme, jene Eindeutigkeit, mit der die auf Rabelais’ klarer Antithetik beruhende Allegorie politisch zu fundieren wäre. Daß sich Goethe dieser Nötigung entzogen hat, zeigt der Text in Form von Widersprüchen; so ist nur konsequent, daß kein Erzählfluß zustande kommt und das Projekt schließlich abgebrochen wurde.

Ja, eben: Alles kann man ihm zutrauen, dem Goethe, nur keine Satire. Selbst für seinen Kriegsbericht hat er sich den Kalauer “Campagne in der Champagne”, der sachlich richtig gewesen wäre, fürnehm verkniffen. Zu Deutsch: Da hat sich der Dichterfürst an der Satire verhoben.

Für solche philologischen Einsichten, ja: Höhenflüge wie Waltraud Wiethölters Kommentar hab ich die teuren Ausgaben der Dead White Males wirklich lieb und lasse die Kaufhofauswahlen leichten Herzens da, wo sie hingehören: bei den fehlerbehafteten, unmöblierten Plain-Text-Gratisdownloads für Kindle. Die beiden o.a. Volltexte sind übrigens ebenfalls voller Tippfehler. Ein nach der Frankfurter Ausgabe korrigierter wird möglicherweise an dieser Stelle nachgereicht.

Kommt denn der Einwand, Goethe konnte nicht lustig sein, einem Vorwurf gleich, dass Mutter Theresa keine Pferde malen konnte und die Inneren Mongolen nichts von Käse verstehen? Ein satirischer Seebärenroman, jetzt bitte mal. Ist Goethe vielleicht Melville? Stevenson? Conrad? Gut, er hat es eingesehen, das rettet ihn. “Aussicht und Absicht verbergend”, sagt er selbst, und legt den netten Versuch bereitwillig zu den Akten.

Sollte ich’s vergessen haben zu erwähnen? — : Wanderers Nachtlied war dafür wirklich gut.

Meilensteine via retro-space: 1.: Sirens in Silk, Frolic April;
2.: Women Love to Read: Fiesta Volume 17, Number 4;
3.: Lenin is Watching You, Fiesta Vol. 4, No. 6, und
4.: Does It Pay To Be A Wolf?; What’s Wrong With Redheads? (Answered With Full Color), Frolic December, mid-novecento.

Written by Wolf

28. August 2011 at 12:01 am

Posted in Rabe Wolf

2 Responses

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  2. […] zu Ahoi, Goethe und The Watercolors of the […]


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