Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

But while yet all a-rush to encounter the whale, could see naught in that brute but the deadliest ill.

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Das Meer ist tief,
die Welt ist schlecht,
wie ihr’s auch dreht —
der Wal hat recht.

Robert Gernhardt: Dreh es o Seele, 2002.

Elke hat Kapitel 41 gelesen (und hol’s der Klabautermann: verstanden):

Elke HegewaldWieder ein Kapitel, groß wie der Wal und Melville. Was man, wenn nicht schon an der Anzahl der umzugrabenden Seiten, mindestens am Kapiteltitel merkt, wumm. Und daran, dass ein Naturtalent eher auf den Planken eines alten Seglers und Walfängers als in Schreib-Workshops schreiben lernt und sich einen Scheiß um welche Regeln auch immer scheren muss, sei es noch lebendig oder inzwischen tot — weil es sogar tot noch lebendig ist.

Zur Kompensierung des hochphilosophelnden Teils und des wandelnden Monomanen nehm ich mich mal der gejagten Kreatur an, auf deren “weißen Buckel den angehäuften Zorn und Hass, den sein Geschlecht seit Adam je verspürt” (Ahab), türmt. Und der Mädchenthemen: der wildromantisch auf Mocha Dicks weißem Buckel rankenden Blüten von Mythos und Aberglauben und geheimnisvoller Naturgewalt, aus denen Melvilles Moby Dick entspross. Der ihm noch viel mehr als zum Wal “zum Symbol des Phantoms des unbegreiflichen Lebens” geraten ist (Jendis, Seite 36). Und als solches dem vom Wahnsinn besessenen Ahab via Kapitel 41 zu seiner eigenen Antwort “42” gerät, nicht durchs Weiterzählen, vielmehr als die Mr. Douglas Adams vorausahnende ultimative Antwort auf madness, “life, the universe and everything”. Zu der kein rasender Monomane noch friedlicher Anhalter weiß, was eigentlich die Frage ist.

WalbuckelMeine erste Begegnung mit dem Wal — ich habs hier wohl schon mal erzählt — war eine traumatische. Also für mich jetzt, der Wal hatte es da schon hinter sich. Er lag still und stumm und nur noch präparierte Hülle unter einem bierzeltähnlichen Pavillon von pottwalischen Ausmaßen, den Blicken der sensationsarmen Gaffer auf dem Marktplatz einer ebensolchen Kleinstadt ausgesetzt. In der ich, ich war neun oder zehn, bis dato in kindlicher Unschuld aufgewachsen bin. Die Geschichte des Erlegens, die dazu nützlichen Werkzeuge sowie die Stelle des Todesstoßes wurden lang und breit illustriert. Der zutiefst getroffenen Kinderseele blieb eines mit Ahab gemeinsam: sie hat diesen Moby Dick nie verwunden. Aus ungleichen Gründen.

Drum kann sie, wenn auch längst den Kinderschuhen entwachsen, dem Einwand der Jäger aus den frühen Tagen des Walfangs durchaus folgen, dass “to chase and point lance at such an apparition as the Sperm Whale was not for mortal man. That to attempt it, would be inevitably to be torn into a quick eternity.” Und es ist ihr vollkommen wurscht, dass Herman-Ismael es vielleicht anders meint und die abergläubische Furcht der Seeleute im Sinn hat: eine solch grandiose und gewaltige Schöpfung der Natur verdiente ihr seit jenem morbid-makaberen Whale Watching nichts anderes als Ehrfurcht und das Gegenteil von Metzeln und Meucheln.

Dem (Weißen) Wal “jene beispiellose, vernunftbegabte Arglist” zu unterstellen, sieht man vielleicht noch einem traumatisierten, im Kleinholz seines Schiffes schwimmenden Owen Chase nach. (Die paar von Melville herbeizitierten Naturforscher, die ihre diesbezügliche Weisheit werweißwoher hatten, zählen hier nicht.) In ihm die “incarnation of all those malicious agencies which some deep men feel eating in them, till they are left living on with half a heart and half a lung. That intangible malignity which has been from the beginning; to whose dominion even the modern Christians ascribe one-half of the worlds; which the ancient Ophites…” zu sehen — darauf konnte nur ein entmasteter Ahab in seinem gepäppelten Wahn kommen.

Mit Verlaub und whalemännischer Broterwerb hin oder her, worüber wundern die sich? Eine Kreatur, die ihre ‘Vernunft’ im besten Falle aus diversen Begegnungen mit auf sie losgehenden Harpunenwerfern aufgesammelt hat, tobt und kämpft um ihr Leben, das die wilden Jäger ihr nehmen wollen. Wer täte das nicht und wo nähme wohl für ein derart vernunftbegabtes Tier das Böse seinen Anfang? Hat solch Szenario nicht auch was Paradoxes? — : Gerade denjenigen für die Schlechtigkeit der Welt verantwortlich zu machen, der so geworden ist, weil ihn diese Welt gnadenlos hetzt, auf Leben und Tod. Die Geister, die ich rief…

Beluga Whale WatchingWohlwollender und zugleich relativierender kommt uns da ein Exemplar der Zeitungsschreiberzunft und Melville-Zeitgenosse, der hier schon des öfteren umschlichene Mr. Jeremiah Reynolds, in seiner Seemanns(garn)geschichte über das Moby-Vorbild Mocha Dick daher. In der er es sich dankenswerterweise neben allem anderen zur Aufgabe macht, “to inform the reader who and what Mocha Dick was; and thus give him a posthumous introduction to one who was, in his day and generation, so emphatically among fish the “Stout Gentleman” of his latitudes.

Jeremiah Reynolds: Mocha Dick: Or The White Whale of the Pacific: A Leaf from a Manuscript Journal.
Knickerbocker Magazine, 1839. Deutsch im Rathjen-Moby-Dick:

Obwohl von Natur aus wild, war Dick wenig dazu geneigt, eine bösartige Veranlagung zu offenbaren, wenn er unbelästigt blieb. Ja im Gegenteil, manchmal pflegte er in aller Ruhe an einem Schiff voerbeizuschwimmen, und gelegentlich trieb er faul und harmlos zwischen den Booten dahin, die vollbemannt zur Vernichtung seiner Rasse ausgezogen waren. Diese Nachsicht brachte ihm jedoch keine Gunst ein, denn wenn kein anderer Anlass zur Beschuldigung übrigblieb, schworen seine Feinde, sie hätten in dem langen, unbekümmerten Schwung seiner Schwanzflosse eine lauernde Untat erblickt. Wie dem auch sein mag, nichts ist sicherer, als daß all diese Gleichgültigkeit mit dem ersten Stich der Harpune verschwand; während das Kappen der Fangleine und der hastige Rückzug aufs Schiff häufig die einzigen Mittel waren, sich vor der Vernichtung zu retten, die seinen geschlagenen Angreifern verblieb

wusste er von einem Nantucketer Waljäger, der Mocha Dick erlegt haben wollte — was ziemlich sicher allerdings erst 1859 durch einen schwedischen Walfänger geschah — siehe Verweis in der englischen Wiki auf Whipple, A. B. C. Whalers in the South Pacific. Doubleday, 1954: 72 und Bezug im Göske-Nachwort zu Moby-Dick. Daher der vorsichtige Einwand hinsichtlich des Seemannsgarns.

Und der dem Melvilleschen Sinnbild des “unbegreiflichen Lebens” angemessene und munter durch seine Romanseiten schwimmende Hiobswal verkörpert mitnichten das Böse in der Welt, sondern zuvörderst die Größe der Schöpfung des Überuns — behaupte ich jetzt mal, so als heidnische Bibelamateurin. Denn gebühren solche Worte etwa der Finsternis und dem Bösen?:

Kannst du seine Haut mit Spießen füllen, und seinen Kopf mit Fischharpunen? Lege deine Hand an ihn — gedenke des Kampfes, tue es nicht wieder!

Hiob 40,31—32.

In seinem Halse wohnt Stärke, und die Angst hüpft vor ihm her. Die Wampen seines Fleisches schließen an, sind ihm fest angegossen, unbeweglich. Sein Herz ist hart wie Stein, und hart wie ein unterer Mühlstein. Vor seinem Erheben fürchten sich Starke, vor Verzagtheit geraten sie außer sich. Trifft man ihn mit dem Schwerte, es hält nicht stand, noch Speer, noch Wurfspieß, noch Harpune. Das Eisen achtet er für Stroh, das Erz für faules Holz. Der Pfeil jagt ihn nicht in die Flucht, Schleudersteine verwandeln sich ihm in Stoppeln. Wie Stoppeln gilt ihm die Keule, und er verlacht das Sausen des Wurfspießes. Unter ihm sind scharfe Scherben; einen Dreschschlitten breitet er hin auf den Schlamm. Er macht die Tiefe sieden wie einen Topf, macht das Meer wie einen Salbenkessel. Hinter ihm leuchtet der Pfad, man könnte die Tiefe für graues Haar halten. Auf Erden ist keiner ihm gleich, ihm, der geschaffen ist ohne Furcht. Alles Hohe sieht er an; er ist König über alle wilden Tiere.

Hiob 41,14—26.

Soviel zur Ehrenrettung von Moby Dick und Ahabs Widerpart. Doch der Mann braucht einen Feind, dem er das Elend der Welt auf den Buckel laden kann, a man’s gotta do what a man’s gotta do — solang der da ist.

Sleeping WhaleriderBliebe noch der vielzitierte Aberglaube der harten Kerle. Man denkt ja gar nicht, was diese Legenden webende Mentalität aus solchen gestandenen Meistern ihres blutigen Handwerks macht — und aus ihrem Gegenstand, Moby Dick.

Allgegenwärtig soll er sein, unsterblich und wiederauferstehend, weiß wie ein Leichentuch und von tückischer Bosheit, die den Tod bringt. Wenn man das mal so in Worten zusammenreimt, könnte man glatt wieder mal unserm algegenwärtigen Meister Goethe Recht geben, der grad erst stolze 262 Lenze jung geworden ist. Der hat den Aberglauben die Poesie des Lebens genannt. Somit wären unsere Waljäger direktemang wahre Poeten desselbigen. Weniger glimpflich kommen sie beim alten Hume weg, der den Aberglauben und den menschlichen Verstand in die Tiefe studiert hat:

Die Hingabe eines Menschen an den Aberglauben wächst in dem Verhältnisse, in dem sein Leben vom Zufalle regieret wird; dies kann man besonders bei Spielern und bei Seeleuten beobachten, welche von allen Menschen am wenigsten zu ernsthaftem Nachdenken fähig sind, aber am stärksten vom Aberglauben und von unbegründeten Befürchtungen heimgesuchet werden.

David Hume: Natural History of Religion, 1757. Vgl. Göske-Nachwort, Seite 965.

Woher der kommt, wissen wir immerhin auch. Was dagegen als Allheilmittel hilft, will wieder der Hume wissen:

Ein wichtiger Gewinn, welcher aus der Philosophie kommt, besteht darin, dass sie das allein wirksame Gegengift gegen Aberglauben und falsche Religion liefert. Alle übrigen Heilmittel gegen diese verderbliche Krankheit sind vergeblich oder wenigstens unsicher. Schlichter gesunder Verstand und Weltkenntnis, welche für die meisten Vorfälle des Lebens ausreichen, erweisen sich hier als unwirksam…”

David Hume: Of Suicide, 1757.

Sei es wie es sei, versuchen wir es dennoch mal mit einem bisschen schlichtem gesunden Verstand, mit Welt- und Bücherkenntnis und dem berüchtigten menschlichem Entdeckerdrang.

Zur vornehmen walischen Blässe hörten wir 2007 schon mal und auch wie es zu der vermutlich kam: aus Gerüchten und Seemannsgarn um eine weiße Narbe auf Mocha Dicks Stirn, die am Ende den ganzen Wal weiß gerüchteten.

Die angedichtete Unsterblichkeit ist auch erklärbar — wo doch Hinz und Kunz mit und ohne Seemannsgarn den Wal vom Leben zum Tode befördert haben wollten — bis zum nächsten Crash mit dem weißen Buckel. Die “Arglist” hatten wir oben schon. Und die Allgegenwart hat sich endlich auch mit der durch menschliches Entdeckertum der Mythenwelt entrissenen Nordwestpassage in Wohlgefallen aufgelöst.

ArethusaWomit man immer noch nichts gegen die Mythologie gesagt haben will, vor allem angesichts einer so romantisch schönen Quelle derselbigen wie die der Arethusa, bei Melville als weiteres Beispiel für rätselhafte Strömungen angeführt. Die schöne Nymphe Arethusa wurde auf ihrer Flucht (denn sie war kein tollkühner Wal) vor dem liebestollen Flussgott Alpheios von ihrer Schutzgöttin Diana vom Peloponnes nach Sizilien versetzt und in eine Quelle verwandelt. Die Wasser des Alpheios, des alten Schwerenöters, aber suchen im Meer noch immer nach der Nymphe. Es gibt sogar Behauptungen, dass er sie gefunden habe, denn als man auf dem Peloponnes einen Weißen Wal… öh, Quatsch, eine Schale in den Fluss warf, soll sie in der Quelle wieder aufgetaucht sein.

Zum irren Walkapitän, der hier bewusst etwas kurz kam, verweise ich zuvörderst auf des Wolfes höchst erbauliche und erleuchtende Abhandlung von Kapitel 41, womit wir summa summarum einen erklecklichen Part der Ergründlichkeit desselbigen abhaken können. Obwohl — diesen Melville können wir nie “abhaken”, du findest immer wieder was. Auch dass, wie ich finde, der Ahab in seinem ganzen offenbaren Wahnsinn aus dem Zeug ist, aus dem einschlägig bekannte Rattenfänger und Verweser gemacht sind, die ihre Gemeinde mit Versprechungen des Blauen vom Himmel und Fanatismus einschwören und in den Untergang reißen.

Soundtrack des Wahnsinns heute: Blood and Thunder von den Mastodonten (die gabs hier auch schon mal blogwert), ziemlig metallic (und nochmal mit Text):

Bilder: Walbuckel;
Sleeping Whalerider;
Beluga Whale Watching;
Arethusa.

Written by Wolf

1. September 2011 at 12:01 am

Posted in Steuerfrau Elke

4 Responses

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  1. Stimmt eigentlich: Zu einem “Leben mit Melville” hätte wahrscheinlich zeitgemäßerweise schon viel früher & prominenter reingehört, dass der Schadwal eigentlich auch nur tut, what a whale’s gotta do, wenn er ein solcher bleiben will. Was kann denn der Wal dafür, dass in New Bedford irgendwelche Seemannswitwen bei künstlichem Licht Häubchen stricken wollen und ausgerechnet seinen Bauchspeck dazu verfunzeln müssen. Oder anders: Wer hat denn angefangen?!

    Schön gemacht, find ich. Dreiteilig, wie sich das für bedeutungstragende Medien gehört, und so, dass es einer versteht, der zufällig entlanggesurft kommt, ohne die 40 Kapitel davor auswendig gelernt zu haben. Dochdoch :o)

    Wolf

    1. September 2011 at 2:45 pm

  2. Ja, nicht wahr? A whale’s gotta do what a whale’s gotta do, man hätt’s nicht besser sagen können. (Was können wir dafür, dass wir nicht prominenter sind? ;o) ) Und: Der hat aber angefangen! ist sowieso das entwaffnende Verteidigerargument zur Klärung der Schuldfrage seit der ersten Klopperei um die Schippe im Buddelkasten. Und plädiert für Notwehr, wenn eins das Bein an- oder abbeißt, das ihm in die Intimdistanz oder noch ganz woandershin tritt. –Was die reichen Seemannswitwen von New Bedford angeht, so glaub ich ja, dass die auf ihren Strick– und Häkelabenden statusgemäß eher die teure Luxusausführung in Form protziger Walrat-Kerzen verfunzeln. Und die hält dito kein Moby, erst recht im Kopp, nich aus, nä.

    Dreiteilig? Huch, das muss irgendwie aus Versehen passiert sein. Hmmm… hab i c h eigentlich schreiben gelernt? Falls ja, jedenfalls niemalsnicht in einem Workshop, ich schwörs. ;o)

    Was wollt ich gleich sagen? – Dankewolf, wollt ich sagen. *

    hochhaushex

    3. September 2011 at 2:41 am

  3. […] Quellen zur Quelle in Madness Affecting One Train of Thought und Elkes But while yet all a-rush to encounter the whale, could see naught in that brute but the deadliest il…: Hier also, in der wirklichen, lebendigen Erfahrung lebender Männer, werden die wundersamen […]

  4. […] zu Elkes Kapitel 41: Dreh es o Seele: Es sind wohl die ersten Fotos und Videoaufnahmen eines solchen Meeressäugers überhaupt. […]


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