Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Fauststoff: Eine ungeheure Menge Mumpitz

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Update zu Ahoi, Goethe:

So wie bei allen großen Genies findet man bei Goethe eine ungeheure Menge Mumpitz und im entsprechenden Ausmaß meiner Beziehung zu ihm, eine monströse Menge davon bei mir.

Herman Melville an Nathaniel Hawthorne, Juni 1851, Übs. Alexander Pechmann.

Heute vor 85 Jahren, 14. Oktober 1926: Uraufführung Faust — eine deutsche Volkssage.

Es ist denkbar, daß Melville erst über eine Erklärung Goethes zur Figur des Faust auf die Idee kam, die biblische Gestalt des Königs Ahab als Vorbild für den Kapitän der Pequod zu nehmen. Eine Anspielung auf die Beschreibung von Goethes Leichnam in Kapitel 86 des Moby-Dick beweist, daß Melville Eckermanns Gespräche mit Goethe gelesen hatte; die Übersetzung von Margaret Fuller, einer Anhängerin des deutschen Dichters aus dem Kreis der Transzendentalisten um Ralph Waldo Emerson, war 1839 erschienen.

Alexander Pechmann: Herman Melville. Leben und Werk, Böhlau Verlag 2003,
11. Kapitel: Ahab und der Wal, Seite 150.

Kurz darauf — keine hundert Jahre später — unterschrieb Friedrich Wilhelm Murnau auf seiner ersten Amerikareise einen Vertrag mit dem Produzenten William Fox. Bevor Murnau endgültig nach Kalifornien auswanderte, drehte er als letzten Film in Deutschland den Faust mit Emil Jannings als Mephistopheles.

Murnaus Vermächtnis in und für Deutschland, die für einen jetzt 85-jährigen Film außerordentliche Länge von 106 Minuten, ist angefüllt mit einer Ausstattung und technischen Finessen, die in ganz erstaunlicher Weise state of the art gewesen sein müssen. Die Kulissen erreichen nur aus dramaturgischen Gründen nicht die Opulenz wie die in Fritz Langs Nibelungen (1924) oder Metropolis (1927), weil sie (ähnlich wie in seinem eigenen Nosferatu) eher durch eine ungefähre mittelalterliche Glaubwürdigkeit wirken müssen — dafür arbeitete Murnau mit Doppelbelichtungen. Bis vor ein paar Jahren, seit praktisch alle Großproduktionen wie eine Art animierte Excel-Tortengraphik gebaut werden (“cgi-ed”), war das die Methode der Wahl, um Geisterwelten darzustellen.

Wie der volle Filmtitel sagt, orientiert sich Murnau für seinen Faust-Film weit mehr am originalen Volksbuch Historia von Doktor Johann Fausten – dem weitbeschreyten Zauberer und Schwarzkünstler von 1587 als an den durchgesetzten Bearbeitungen von Christopher “Kid” Marlowe und Goethe. Es gibt also auch für den postmodernen Filmverbraucher einige Neuentdeckungen gegenüber dem Fauststoff aus der Schule. Und zeitbedingt, worüber man in weiter beschleunigenden Zeiten nicht zu lange höhnen sollte, durchaus eine ungeheure Menge Mumpitz.

Amerikanisches Filmplakat F.W. Murnau, Faust -- eine deutsche Volkssage via Cinemalane

Amerikanisches Filmplakat via Zoë Walker: The Big Parade, 19. Januar 2010.

Written by Wolf

14. October 2011 at 12:01 am

Posted in Rabe Wolf

2 Responses

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  1. Wonderful film. Melville was steeped in Fauststoff for sure, as his reading notes from the translation of “Docotor Faustus” in Roscoe’s German Novelists show. Notes in one of Melville’s’ Shakespeare volumes on Cain as “a godless froward boy” and “A formal compact – Imprimus – First – Second / The aforesaid soul. said soul &c” are verbatim from “Doctor Faustus” as translated in Roscoe. For more on the notes from “Faustus” (and one from the intro to “Howleglass” or Till Eulenspiegel) you might like my Leviathan article from a few years back:

    http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1750-1849.2008.01309.x/abstract

    On the literary side, Pechmann is on to something important about the influence of Eckermann’s Conversations and especially about the role of Margaret Fuller. I want to learn more about Margaret Fuller. For instance, was she the medium for Melville’s Mumpitz about living “in the all”?

    Und so empfangt mit Dank das schönste Leben
    Vom All ins All zurück.

    Scott Norsworthy

    14. October 2011 at 4:53 pm

  2. Whoa, thank you for this. I’m still considering whether to edit the article from your material, or make an extra one.

    “Es kommen verschiedene Zeitungen, und wir sehen in den Berliner Theaternachrichten, daß man Seeungeheuer und Walfische auf dortige Bühne gebracht.” (Eckermann’s Conversations With Goethe)

    Wolf

    15. October 2011 at 8:32 am


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