Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Du singst, waaßt eh, dei Schmoizmelodie

with one comment

Update zu Walgesang in seiner Sprache:

Auf geht’s, mitten in’ Himmel eine,
In a neiche Zeit, in a neiche Welt. […]
Nicht traurig sein, naa naa, is kaa Grund zum Traurigsein.
I wer’ singen, ich wer’ lachen, ich wer’ “des gibt’s net” schrei’n,
i wer’ endlich kapiern, ich wer’ glücklich sein.

Wer hätte das geglaubt, dass Ludwig Hirsch sterben kann? Der Mann war doch selber der Todesengel.

Man konnte viel gegen ihn einwenden. Das Sonderbare ist: Niemand hat es getan. Er passte nicht in die Zeit, in gar keine. Für einen Liedermacher zu schmalzig, für einen Schnulzensänger zu gemein. Sein Gesamtwerk besteht aus hinterkünftig hereinschleichenden Engelsmelodien mit Texten, aus denen nie alle lebendig rauskommen.

Seine erste Platte sollte aus elf Watschn bestehen, die er denen zurückgab, die es verdienten. Was folgte, war federbettweiche Gemeinheit, zugleich knüppelharter Trost. Jeder erinnert sich, wann und unter welchen Umständen er Ludwig Hirsch begegnet ist, diese Samtstimme war so eindeutig wie eindrucksvoll. Vielleicht ist ihm nicht jeder verfallen, aber keiner ist ihm ausgekommen.

Man lernte von ihm: Nein, du musst nicht cool bleiben, wenn dein Gefühl stärker wird als du; du musst nicht stark tun, wenn du etwas Größeres triffst. Du darfst dich einlullen lassen von einem, der das drauf hat, du darfst sogar zusammenzucken, wenn er dich hinterher zwickt. Dann schau genau nach, ob er das böse meint oder ob du ein Stück Weisheit davon mitnehmen kannst. Du darfst weinen. Du darfst lachen. Wenn dir danach ist, auch gleichzeitig. Aber wenn du kannst, sollst du deine Worte wählen. Wer eine Platte von Ludwig Hirsch besitzt, braucht keine andere mehr, die eine trägt bis zum Tod. Woanders endet sowieso keiner.

Hat schon mal jemand Ludwig Hirsch hergegeben, ohne ein Backup davon zu behalten? Man braucht sie alle, glaubt man alsbald. Ungestützt fällt mir genau ein Lied von ihm ein, in dem keiner der Handelnden gewaltsam zu Tode kommt, das ist sein Gel du mogst mi — sein breitenwirksamer Hit, ein Elvis-Cover, 1983 (na gut, in erkennbaren Watschnliedern wie I kann auf meiner Wampn Motorradl fohrn stirbt auch nicht direkt einer). Es war das zum Anfixen allzu lebenszugewandter Jünglinge und vor allem Madln, denen noch nicht klar ist, worauf das alles hinausläuft. Eins zum Tanzen, Anfassen und Flachlegen. Wer erst mal weiterhörte, begriff unmittelbar den Zusammenhang von Liebe und Tod, und dessen Schönheit gleich mit: Es tut nicht weh. Sowas können nur Österreicher.

Ja, das kann nerven, diese ewige Todessehnsucht im Wiener Lied, dieses ständige mondsüchtige Taumeln auf ein Seidenkissen zu, um nur ja nicht mehr mühsam aufstehen zu müssen. Junge Leute sollten mit ihrer besten Lebenszeit etwas anderes vorhaben als sie mit luxuriösem Totentanz und morbidem Getändel hinzubringen. Der Flirt mit der eigenen Gruft findet immer zur Unzeit statt, die wird einen schon auffinden — und wer schon mal jemanden erlebt hat, der sterben muss, obwohl er leben will, kann sich schwer etwas noch Frivoleres ausdenken, als den Tod mit seiner Poesie zu besingen. Sich mit der eigenen Endlichkeit abfinden, ist das nicht am Ende — und vor allem so lange davor — schon zynisch?

Kann sein; es gibt Argumente. Bei Ludwig Hirsch haben die Leute wenigstens ernsthafte Sorgen, gestorben muss werden. Meistens wissen sie es lange vorher und haben viel Zeit, es verdammt noch mal hinzunehmen, die unvermittelten verdienen es nicht anders. Ein Problem schien er immer mit Vätern zu haben — die den Kindern im Tode vorausgehen, für die hörbar eine große Liebe in ihm lebte (wofür es würdigere Belege gibt als Spuck den Schnuller aus). Wenn das Gras hoch steht, muss es geschnitten werden, damit das junge nachwächst. Daran ist nichts Befremdliches, es lässt sich in ein Schlaflied fassen, und es sitzt alles und stimmt und ist so wahr wie das Leben selber.

Einmal, ungefähr mit siebzehn, hab ich angefangen, einen Brief an ihn zu schreiben. Bei mir muss da schon was kommen, ich bin nicht so der Groupie-Typ, und jetzt wäre es Fanpost geworden; ich war besoffen. In meinem Jungszimmer saß ich bei einem Kasten Bier, Kulturgut draufschaffen, was Siebzehnjährige halt so mit ihren Samtagabenden machen. Da ging mir — ich glaube, es war unter dem Eindruck der Landluft und der Traurige Indianer — unfreundliche Kellner — die enorme, dabei lebensnützliche Schönheit dieses selbst im Österreichischen monolithisch dastehenden Schaffens auf sowie eine Ahnung, dass ich mir mit diesem Manne was zu sagen haben könnte. In dieser Nacht drehte sich mein Weltverständnis ein Stück weiter, dafür war die Sauferei in Wechselwirkung mit der psychogenen Musik gut. Im Morgenlicht fand ich auf meinem Schreibtisch ein schlimmes Gekrakel, das ich am allerwenigsten jemandem zumuten mochte, dem ich Respekt aussprechen wollte. Es wäre um die Bedeutung seiner Musik für die Welt und speziell für mich gegangen — nichts, was er von anderen noch nicht genügend und nüchterner erfahren hätte.

So ist es mal wieder der Todesfall eines mir persönlich unbekannten Menschen, der mir mehr ausmacht, als er müsste: Wenn dieser Mann sterben kann, dann meinen sie’s ernst. Er hat uns gewarnt, mit allen seinen fünfundzwanzig Platten, mit seinen Büchern und seinen Auftritten in seltenen Filmen, öfter am Theater, immer wie der Tod persönlich, leicht zerzaust, aber sobald er den Mund aufmachte, mit einer echten Botschaft, und bei dieser Stimme konnte man nun wirklich nicht mehr weghören. Bei ihm war Lage nie ernst, aber nicht hoffnungslos — bei ihm war die Lage immer hoffnungslos, aber hey, noch lange nicht ernst.

Das darf man jetzt nicht falsch auffassen, wenn wir es mal so formulieren, dass es eigentlich schon immer so war, als sei dieses Lebenssinn stiftende, quicklebendig anwesende Mannsbild schon immer tot gewesen. Dafür wird es immer so sein, als ob er noch lebt. Die Frage von oben bleibt: Hat schon mal jemand Ludwig Hirsch hergegeben, ohne ein Backup davon zu behalten? Es zählt zu den besten Sachen in dieser vom Stirb und Werde gezeichneten Welt, dass er da war.

Den Teufel werd ich tun und zum Nachrufen auf den Freund Hein unter den Musikpoeten Raffelvideos seiner eigenen Lieder herbeizerren, so passend viele — die meisten — auch wären: Wie viele Menschen haben aufgehört, den Tod, vor allem den eigenen, als fernes, ungreifbares Gespenst zu betrachten, sobald sie I lieg am Ruckn kannten? Wie viele Menschen haben über seine Sichtweise im skurrilsten aller Kurzwestern Billy, Bobby und Jack erst verstanden, was in jedem Western erzählt wird? Wie viele haben über sein Konzeptalbum Bis zum Himmel hoch erkannt, was die Mordgeschichten im Alten Testament mit dem verständigen Heranwachsen von Kindern zu tun haben — und zwar erst, dafür dann umso schlagender, wenn das letzte Lied ins Schloss schnappt? Wie selbstverständlich ist es nach der Kenntnis einer beliebigen ganzen Platte von ihm geworden, eigentlich nur noch unter Tränen zu lachen? Ist ein Glück ohne das heilige Flennen, das man von Komm, großer schwarzer Vogel kriegt, überhaupt denkbar? Wie viele Menschen haben sich genau damit schon über einen Todesfall getröstet? Wie viele davon erfolgreich?

Und wie nah hat er sich selber an dem interpretationsbedürftigen, nur mutmaßlich todessehnsüchtigen Anstaltsinsassen aus dem traurigsten und hoffnungsfrohesten Vogellied der Welt orientiert, und wie viel sagt uns das über den Ernst makabrer Späße und wie viel über die Nähe der Poesie zu tödlichen Vorgängen, als er sich gestern, mit 65, aus dem Krankenhausfenster gestürzt hat?

Man muss auch mal merken, wann es Zeit ist, die Klappe zu halten. Herrgott, Ludwig Hirsch ist tot. Kann danach noch jemand sterben?

~~~\~~~~~~~/~~~

A geh, weil’s eh scho wurscht is: Nochmal sein alttestamentarisches Waltriptychon Jonas I/In deiner Sprache/Jonas II, bis jetzt legal anklickbar in: In meiner Sprache, 1991.

Written by Wolf

25. November 2011 at 8:23 am

Posted in Meeresgrund

One Response

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  1. Zeige mir einer einen besseren Nachruf auf den Hirschen! Konnt’ keinen finden.
    Und glaubs oder nicht, hab wirklich zwei echte heimliche Tränen weggewischt – über einem noch heimlicheren verklungenen Lächeln… ja, diesmal andersrum. Er hat es ja wohl tatsächlich gelebt – und gestorben, nicht nur gesungen.

    Aber wir soll’n net traurig sein, wenn wir dem großen schwarzen Vogel nachschaun. Das hat er gewollt, der Ludwig.
    Und wir werden’s behalten, das Lächeln unter Tränen…

    [Und ich hab noch (du weißt?) das Tape mit dem Vater-Sohn-Zeugs – gefährlich zum Hörn beim Fahren auf der Autobahn. ;o) ]

    hochhaushex

    25. November 2011 at 9:11 pm


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