Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

10.000 Steps Away. Es gibt mich. Vom Grölen von Shantys

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Christina Dichterliebchen blickt rück, so weit sie kann,
und macht ein Update zu Pretty Good Kunitzburger Eierkuchen:

Wenn nur die Zeit nicht so verginge, aber sie vergeht so wahnsinnig.

Franziska Gräfin zu Reventlow.

Christina DichterliebchenDas war Silvester 1998, das ich mit der erweiterten Verwandtschaft in Nürnberg verbringen musste.

Die Generation 60+ in einem Vertrieb für Torten und Filterkaffee, wir Junggemüse in der Meisengeige vorm Laufer Tor. Ein einzelner Laden hätte nicht gereicht, und von der Meigei kam man um Mitternacht leicht auf die Burg. Zeitweise wäre ich lieber zu den Alten umgezogen, aber ich hatte die Bedienung auf meiner Seite. Deshalb hab ich keine Ahnung, wie wir pünktlich zur Burg raufgekommen sind.

Das Feuerwerk weiß ich noch. Die Sebaldus- und die Lorenzkirche in wechselndes Licht getaucht, im fernen Südosten mein ehemaliger Haus-, der Moritzberg. Das ist schon Provinz, da zündet die Dorfjugend zu Silvester ihr eigenes Lichtlein an, damit man jedes Kaff auf der Nürnberger Burg wahrnimmt. Und ich hatte dort einen privilegierten Platz erwischt, in erster Reihe vorn an der Brüstung. Da überfiel mich hinterrücks der Drang zu singen.

Misconception Photography, I Refuse to Sink, 1. September 2011Und ich holte Luft und besann mich auf ein schottisch überliefertes Shanty, das von Sehnsucht und Menschen zur falschen Zeit am falschen Ort handelt, peilte die Christuskirche in der Südstadt an und fing an zu grölen:

Then blow ye winds and blow,
and a-roving I will go.
I’ll stay no more in England shore
to hear them fiddles plaaa-aaa-aay!
But I’m on the move
to me own true love
ten thousand miles away.

Vier Strophen. Ich plärrte allen Schmerz einer Seemannsbraut über Nürnberg hin, die zusehen muss, wie ihr Geliebter als Strafgefangener nach der australischen Bottany Bay verschickt wird. Ich rief damit: So geht Musik, sowas hält mich am Leben! Ich schrie, dass sie es bis runter in die Meisengeige hören sollten: Dass ihr mir ja mein Bier auf der Theke stehen lasst! Vor allem aber sang ich: Hört gut hin, es gibt mich!

Viel mehr als das hatte ich nie zu sagen.

Ich kannte alle vier Strophen auswendig, worauf ich immer stolz war, von einer alten Vinyl von den McCalmans, die mir was bedeutet, und musste mir in dieser Einsamkeit in all dem Menschengewirr beweisen, dass ich es noch draufhatte. Wenn man in einem der sieben Standardwerke von Stan Hugill nachschaut, hätte es wahrscheinlich sogar fünf oder fünfzehn Strophen, deswegen schau ich schon gleich gar nicht; ich hab drei davon.

Nachdem ich alle mir überlieferten Strophen fehlerfrei abgesungen hatte, kam ich wieder zu mir und zu allen anderen und schaute auf. Um mich hatte sich ein Halbkreis aus silvestertrunkenen Menschen gebildet, und sie applaudierten in ihre Sektflaschen und geklauten Biergläser. Als hätte ich nie etwas anderes zu tun gehabt, verbeugte ich mich souverän nach allen Seiten. Von meiner Verwandtschaft waren auch welche dabei, vor allem die 60+. Die schüttelten nachsichtig die Köpfe. Spätestens seitdem gelte ich bei Jung und Alt als das verrückte Viech, das ganze Lieder auswendig kann.

Als ich die Meisengeige wieder betrat, stand tatsächlich noch mein Bier da, wo ich es 1997 verlassen hatte.

“Um Gottes willen, schaust du runtergekommen aus”, begrüßte mich meine Bedienung und stiftete einen Sekt.

“Klar bin ich runtergekommen”, parierte ich, “hätt ich da droben übernachten sollen?” Darauf war ich kurzzeitig noch ein bisschen stolzer als auf das Lied, das ich leider nicht geschrieben hab.

Meine Vergangenheit in und über der Meisengeige holte mich etwa fünf Jahre später ein.

Inspire Me, 18. Januar 2011Da bestellte mich jemand aus der Verwandtschaft als Geburtstagsgeschenk für einen anglophilen Studienrat in die fränkische Provinz, nördlicher als Nürnberg, aber durchaus Süddeutschland, man muss das nicht verstehen, wohin ich überall so lose verzweigt bin. Für den Studienrat sollte ich das Lied singen, das ich damals auf der Nürnberger Burg so schön gekonnt hatte, und dafür Freibier und Unterschlupf für eine Nacht kassieren.

In Telefongesprächen bin ich hilflos, darum sagte die Person an meinem Ende der Verbindung zu, bevor ich es mir anders überlegen konnte. Am nächsten Wochenende fand ich mich von Lampenfieber geschüttelt in einer stark übervölkerten Lehrerwohnung, in der man die Schuhe ausziehen musste, fremdelnd in einer Ecke sitzen und panisch ein mir zustehendes Freibier nach dem anderen unter meiner Nase verklappen, damit ich zu niemandem was sagen musste. Es gab ausgewiesenen Irischen Abend, viel Guinness, aber wenigstens Kilkenny für mich; man musste um die Wette je einen Limerick dichten, die Lehrerskinder organisierten eine Runde Bingo, und ich hoffte, dass der Herr Studienrat nicht so penibel zwischen irischem, schottischem und australischem Volksgut unterschied. Entwarnung: Das CD-Programm sah die Dubliners, Tossers und Flogging Molly einträchtig hintereinander vor.

Man hatte mir eine Gitarre gestellt, ein angemessen lausiges Gerät, wie aus Spekulatius gebacken, mit dem ich unwillig herumprobierte, ob es nicht doch halbwegs zu stimmen sei. Das brachte mir ein Publikum von zwei, drei Menschen wie mich zur falschen Zeit am falschen Ort, die immerhin einen Takt halten und Knocking on Heaven’s Door intonieren konnten und wussten, warum man da in den letzten Jahren immer das vollständig undylaneske “Hey-ey-ey” mit reinsingt.

Rund fünf Kilkenny später war Bescherung, ich musste was tun für mein Geld. Ich ließ mich auf ein Podest aus vier Bierkisten stellen (Schübel Bräu). Die Laubsägeklampfe war nur dazu gut, sie mir um den Hals zu hängen, damit ich wusste wohin mit den Händen, die Hosenbeine hatte ich aufgekrempelt, um einen vage irisch abgerupften Look zu erzielen.

Anscheinend schaffte ich meine vier Strophen a cappella. Nach dem letzten Refrain schrubbte ich auf meiner Klampfe genau einen G-Dur runter und stoppte sofort die Saiten mit den Fingern ab, das kam unerwartet cool. Dann machte ich, dass ich von den Bierkisten runterkam. Ich erinnere mich an Applaus und brauchte den Kilkennyvorrat auf.

Vor ein paar Tagen, “zwischen den Jahren”, holte mich meine Vergangenheit ein weiteres Mal ein.

Inspire Me, 18. Januar 2011Da musste ich mich in der fränkischen Provinz nach mehreren Jahren mal wieder blicken lassen, weil jemandes Oma siebzig wurde. Im TSV-Sportheim des erfolgreichsten und einzigen Fußballvereins der, nun ja, Stadt.

Aus der noch entfernteren Verwandtschaft hatte man einen Zu-zweit-Unterhalter rekrutiert, der sein tristes Beamtendasein mit Shows im Stil von Max Raabe verkürzt. Gar nicht mal schlecht, so in überzogener Cabaret-Conférence, Ölfrisur und Schwalbenschwanz. “Am Klavier: der Wladimir!”

Als er Nummern mit Publikumsbeteiligung einzuflechten begann, versuchte ich mich unauffällig nach hinten zu verdrücken. Zuerst ließ er die Leute Geräusche zu seinen Liedern nachmachen, teilte Gruppen ein, die jeweils Meeresrauschen, Küsse und Pistolenschüsse markieren sollten. Ich war in der Gruppe für die Küsse. Neben einer sechzehnjährigen Verwandten, deren Namen ich wahrscheinlich einst in ihrer dreijährigen Gestalt gekannt hatte, und die aussah wie eine Kirsche. Besonders ihr Mund.

Als die Stelle mit den Küssen zum ersten Mal rumkam, einigte ich mich mit ihr stumm darauf, dass wir einander nicht küssen, sondern lieber gleichzeitig was trinken wollten. Max Raabe ließ Wladimir das Lied Mein Bruder macht beim Tonfilm die Geräusche unterbrechen, um das gesamte Publikum einzubeziehen und in meine Richtung zu quatschen:

“Naaa, ihr zwei da hinten? Wollt ihr erst noch üben?”

Auch das noch, ich musste was sagen. Womöglich noch was Schlagfertiges, häh?

“Mir selber wär’s ja wurscht”, maulte ich aufs Geratewohl mit extrafränkischem Charme, “aber die Frau Nachbarin hustet mir was.”

Ich bekam einen Lacher, einschließlich von Max Raabe. Klavier-Pick-up.

Als wir wieder dran waren, schnellte ich einfach den Kopf zu meiner sechzehnjährigen Verwandten herum und schmatzte sie feucht auf feuchten Kirschenmund. Sie schmeckte tatsächlich nach Kirsche.

“Geht doch!” freute sich die Conférence und sang zu Ende. Die Kirsche versank mit rot glühendem Gesicht in einer Cherry-Cola.

Das Lied Tanze mit mir in den Himmel hinein, in den siebenten Himmel der Liebe nahm Max Raabe zum Anlass, über die ersten sechs Himmel zu philosophieren, und leitete eine spontane Umfrage ein, was den Anwesenden denn zum Beispiel einer der Himmel bedeute, außer der Liebe. Die Omas schauten ihn ratlos an.

Natürlich fragte er wieder mich.

“Weiß nicht”, sagte ich, wie jeder andere auch. Dann fiel mir ein: “Kirschen vielleicht?”

Max Raabe zeigte sich begeistert.

“Kirschen!” erzählte er es allen weiter und zeigte mit dem ganzen Arm auf mich, “Kirschen! Und der wievielte Himmel wäre das dann für dich?”

“Du meinst, von sieben?” gewann ich Zeit.

Er nickte aufmunternd.

Variationen über I Kissed a Girl and I Liked It konnte man in dieser Umgebung schlecht bringen. “Naja, sechs vielleicht?” probierte ich.

Der Altersheimsaal lachte sich kaputt. Hehehe, Sex, jaja, die junge Frau, hast gehört, Sex, hahaha. Ich machte mich auf den Weg auf die Raucherterrasse, um einen Hindernisparcours von Buffettischen, herrrenlosen Stühlen mit darübergeworfenen Jacken und raumgreifenden Senioren herum.

Darauf hatte Max Raabe offenbar nur gewartet und schoss mich von hinten mit meinem korrekten Vornamen ab. Stimmt, entsann ich mich, mich muss man ja kennen, ich bin ja seit 1998 das verrückte Viech, das ganze Lieder auswendig kann.

Max Raabe zeigte Charisma, das musste ich ihm lassen. Mit eindeutigen Anweisungen, freundlich und ohne einen Ansatzpunkt zum Widerspruch, stellte er mich in ein moralisches Spotlight und lotste mich auf die Bühne zwischen sich und das Klavier mit Wladimir. So stand ich zum ersten Mal seit einem desaströsen Versuch auf einem Poetry Slam wieder auf einer Bühne. Diesmal ohne Erhöhung, zwischen Tischreihen voll notdürftig abgestaubter Altersheiminsassen, und ohne Ahnung, was es hier für mich vorzutragen geben sollte. Na gut, seit dem ersten Otto-Film kann man doch zur Not Mein kleiner grüner Kaktus.

Wladimir haute in sein ambulantes Elektroklavier.

Ein Ragtime!

Ragtime hab ich immer gemocht. Ragtime ist das, was der Nordamerikaner unter seiner autochthonen klassischen Musik versteht. Scott Joplin, der Maple Leaf Rag und wie die Dinger alle heißen. Gute-Laune-Klemperedengdong auf ganz magerem Soloklavier mit einem Hang zu Irisch, Blues und Country. Der Frackträger neben mir legte die Arme lang an die Seiten, wartete, bis Wladimir mit der Melodie um die richtige Ecke bog, schaute mich an und legte einen Satz Stepptanz hin. Schaute mich wieder an.

Ich schaute zurück. Und steppte ihm den Satz nach.

“Yeah!” jubelte er und steppte nochmal, diesmal schon was Längeres.

Ich steppte es ihm nach.

Das ist lustig, dachte ich. In meiner Festtagsgarderobe hatte ich heute sowieso einen Style in Black and White eingehalten, und trug untypisch für die Jahreszeit offene Schuhe, die nicht viel leiser klapperten als seine Steppkappen. Deswegen stand ich wohl hier. Außerdem gehörte ich zu wenigen im Saal, die sich ohne Gehgeschirr vom Fleck rühren konnten.

Mit einem Blick wies Max Raabe seinen Wladimir an, einen schmissigen Tonfilmschlager zu spielen. Und dann schaute er mir immer genau im richtigen Moment in die Augen und auf die Füße, dass ich ein Duett mit ihm gesteppt kriegte. Es sollte wohl was von Fred Astaire und Ginger Rogers sein, ich sah uns von außen aber eher als Bugs Bunny und Daffy Duck im Serienvorspann.

Versteht mich recht, wenn ich sage: Ich kann das nicht. Ich kann amtlich überhaupt nicht tanzen, geschweige denn steppen. In der neunten Klasse hab ich mich vor der Tanzschule gedrückt und stehe viel lieber an einem geruhsamen Bass oder helfe nach dem Gig die Boxen einladen. Tanzen tut so, als ob es der Musik etwas hinzufügt, während es von ihr ablenkt, und ist deshalb Kulturmissbrauch, punctum.

Dieses Steppen war aber keine Kunst. Das war nichts anderes als das, was ich jeden Tag beim Warten an Bushaltestellen mache. Nur dass die Musik diesmal woanders als zwischen meinen Ohren herkam. Und das musste man extra lernen? Wieso?

Am Schluss steppte Max Raabe ein besonders brillantes Solo, das viel Platz einnahm, zweimal setzte er sich zwischen zwei Tischreihen fast auf ein Tablett mit kalt gewordenen Schweinsmedaillons. Und schaute mich wieder an, den rechten Fuß nach dem letzten Klack hinter sich auf die Spitze geklackt. Jetzt wieder ich. Ich versuchte es ihm genau nachzutun, brauchte etwas weniger Platz und klackte am Schluss den rechten Fuß auf die Spitze hinter mich.

Aua!

Dissent Is Cool, Pirate Babe, 21. März 2010Max Raabe besuchte mich auf der mit Lampions ausgeschummerten Raucherterrasse, als ich meiner rechten großen Zehe durch die Strumpfhose beim Anschwellen, Pulsieren und Farbenwechseln zuschaute. Den Schwalbenschwanz hatte er mit Jeans und kariertem Hemd vertauscht.

“Na, und wie?” grüßte er, meine Zehen ignorierend.

“Du bist so ein Arsch”, grüßte ich.

“Du bist dafür richtig gut. Spielst mit und reagierst auf Einsätze. War klasse, für ungeprobt. Hab ich dich zu arg gezwiebelt?”

“Geht so. Die minderjährige Kirsche wird nicht weiter vernascht und mein Zeh ist noch dran.”

“Ich seh’s.”

“Gute Show. Du hast die Leute im Griff.”

“Vor allem dich, ne? Machst du was in der Richtung?”

“Stell dich nicht an, als ob du’s nicht weißt. Ich bin das verrückte Viech…”

“… das sich vier Strophen merken kann, ich weiß. Du kannst doch noch mehr.”

“Den Refrain?”

“Jetzt stellst du dich an.”

“Hast ja Recht. Ich schreib ab und zu was.”

“Schon aufgetreten? Außer vor…” Er wies nach drinnen.

Ich winkte ab. “Mal aufm Poetry Slam.”

“Dem in München, oder? Der große im Substanz?”

“Der kleinere, im Stragula.”

“Schon gehört. Ich komm nicht viel raus aus der Gegend.”

“Hast aber haufenweise Auftritte, oder?”

“Man lebt. Mundpropaganda. Man muss die Show auch viel abwandeln. Beim Hundertjährigen vom Zentralfriedhof kann man weniger so aufdrehen.”

“Schon klar. Du kriegst auch Jüngere?”

“Ich mach oft Stadtführungen für Kinder. Da lass ich mir Wörter zurufen und improvisier Gedichte mit denen.”

“Mit den Kindern oder den Wörtern?”

“Na, schon mit beidem.”

“Was bringen die so für Wörter?”

“Ach, meistens ganz normale. Sonne, Liebe, Glück. Gameboy, iPhone, Nutella. Oder was gerade in Sichtweite ist. Gartenstuhl, Haustür, Kopfsteinpflaster.”

“Kopf… stein… pflas… ter”, schmeckte ich ab. “Na gut, da reimt sich schon was drauf.”

“Es findet sich immer was. Improvisierte müssen gar nicht so perfekt sein.”

“Und man kann viel zweitverwenden, gell?”

“Würde ich nie!”

“Und wenn sie dir mit Sachen kommen wie… Staubsaugerfilterbeutel?”

“Wirst lachen, das werden die besten.”

“Hopphopp, zeig!”

“‘Lag einst auf dem Kopfsteinpflaster
der Staubsaugerfilterbeutel.’

Jetzt du.”

“‘Kam der böse Kohlenlaster,
zog ihm einen neuen Scheutel.'”

Wir lachten.

“Cool!” hustete ich dann. Ich musste nicht lügen. Dichten mit Kindern, das stellte ich mir als ausfüllende Beschäftigung vor.

“Kannst du bestimmt auch”, sagte er. “Hast du was dabei? Wetten, du hast.”

Weil’s schon egal war, kramte ich in der Tasche nach meinem Moleskine und schob es ihm hin. Er setzte sich damit näher unter einen Lampion und fing an zu blättern.

Er blätterte lange. Ich rauchte eine, zog auch den zweiten Schuh aus und entschuldigte mich, um strumpfhosig innen frisches Bier zu holen. Zurück kam ich mit zweien, eins für ihn. Er las immer noch vertieft. Ich rauchte eine und schaute ihm zu, wie er meine Geschichtenanfänge, Bücherkonzepte, Cartoonscribbles, Comicsettings, vorgezeichneten Fotoserien, Drehbuchideen, Dialogfetzen, formunvollendeten Gedichte und unvertonten Songtexte durchlas. Meine Meisterschaft manifestiert sich meist im Fragment.

Zwei Bier später klappte er es zu und legte es mir ehrfürchtig in die Hand.

“Warum machst du nicht sowas in München?”

Ich lachte auf. “Was — Stadtführungen?”

“Egal was. Hat das jemals wer gelesen?” Er klopfte mit dem Fingerknöchel auf mein Moleskine.

“Naja, ab und zu stell ich was ins Netz.”

“Ja, klar. Und freust dich, wenn es zehn Leute lesen.”

“Hey, letzthin waren’s allein fast zwanzig Lesenswertpunkte.”

Ich sah ihn im Lampionschatten die Augen verdrehen. “Kauf dir was für deine Lesenswertpunkte.” Wenn er das Wort aussprach, klang es gar nicht mehr so erstrebenswert.

“Und ich schreib mit an einem Blog.”

Er guckte streng.

“Geh raus und mach das öffentlich”, bestimmte er. “Drehbücher musst du schreiben! Jedenfalls was mit Dialog! Oder mach wenigstens einen Shop mit Moleskinereien auf etsy.com auf! Gut fürs Ego, wenn richtige Dollars aus Amerika reinkommen! Oder Kabarett!”

“Was — Herbert und Schnipsi mit Steppeinlagen?”

“Dir fällt schon was ein. Womöglich mehr als mir.”

“Ja wie denn? Für Stadtführungen brauchst du in München einen PD in Theaterwissenschaften und Neuerer Geschichte und ein Netzwerk im Stadtrat, und für ein Buch musst du schon drei Bestseller vorweisen.”

“So wie ich, stimmt’s?”

“Ist doch ganz was anderes”, redete ich mich raus.

“Der Unterschied ist”, erkärte er, “dass du in der Provinz einfach zu den üblichen Parteienverkehrszeiten irgendwen am Rathaus anrufen musst, wann du wo hinkommen sollst, um den Hampelmann für einen Arschvoll Kulturbolschewiken zu geben, die glauben, der Nordbayerische Ignorier wär eine Zeitung. Während München vor lauter Zielgruppen für Eigenverlage, Ausstellungen, Indie-Musik und Kleinkunst brummt.”

“Das wird er sein, der Unterschied.” Mir gingen die Argumente dafür aus, warum ich mein Leben damit verbringen muss, mich zu verstecken.

“Und so kannst du der Welt sagen: Alle mal herhören, es gibt mich.”

Jetzt zuckte ich doch zusammen. Ein Blick in sein Gesicht: Verdammt — er grinste.

“Na, dann sehn wir uns ja spätestens zu der Oma ihrem Achtzigstem.”

Wladimir kam auf die Terrasse geschlurft und knallte eine Flasche Wodka auf den Tisch. Wir rauchten seinen halblegalen Machorka, fanden jemanden, der uns mit Bier versorgte, und bis zum Einmotten des Altersheims früh um vier hatten wir ein Lied geschrieben. Ein original schottisches, auf das man steppen kann.

Mal sehen, wann mich meine Vergangenheit das nächste Mal einholt. — Guter Vorsatz: Öfter nachts auf Burgen Shantys grölen.

Lied: The Bootstrappers: Ten Thousand Miles Away. Die grundverschiedene Version von den McCalmans ist nicht digital aufzutreiben, und ich sing’s wieder ganz anders.

Inspire Me, 18. Januar 2011

Bilder: Misconception Photography: I Refuse to Sink, 1. September 2011;
Inspire Me: tattoo <3, 18. Januar 2011;
nochmal Inspire Me: tattoo <3, 18. Januar 2011;
Dissent Is Cool: Pirate Babe, 21. März 2010;
Isla Bell Murray: A Fine Day for Sailing, 27. Mai 2011
.

Written by Wolf

31. December 2011 at 7:47 am

Posted in Galionsfigur

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