Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Rotzgrüne Perle der irischen See

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Update zu Call me Fishmael, Pretty Good Kunitzburger Eierkuchen
und Kein Wunsch, 125 zu werden: And Anxiety’s Plenty For Me:

— Gestatten der Herr mal die Rotzfahne, daß ich mein Messer abwischen kann.

Stephen litt es, daß er ihm das schmutzige zerknüllte Taschentuch herauszog und es hoch an einem Zipfel zur Schau hielt. Buck Mulligan wischte säuberlich das Messer ab. Dann betrachtete er das Taschentuch und sagte:

— Des Barden Rotzfahne. Eine neue Kunstfarbe für unsere irischen Poeten: Rotzgrün. Kann man fast schmecken, was?

Er stieg wieder auf die Brustwehr und blickte hinaus auf dei Bai von Dublin, sein helles eichenmattes Haar regte sich leicht.

— Mein Gott, sagte der still. Ist die See nicht genau was Algy sie nennt: eine graue liebe Mutter? Die rotzgrüne See. Die skrotumzusammenziehende See. Epi oinopa ponton. Ah, Dedalus, die Griechen! Ich muß dir Unterricht geben. Du mußt sie im Original lesen! Thalatta! Thalatta! Sie ist unsere große liebe Mutter. Komm her und sieh.

Stephen stand auf und ging hinüber an die Brustwehr. Sich darauf lehnend, blickte er hinab auf das Wasser und auf das Postboot, das sich eben aus deer Hafeneinfahrt von Kingstown löste.

— Unsere mächtige Mutter, sagte Buck Mulligan.

James Joyce: Ulysses, 1922,
Übersetzung von Hans Wollschläger, auch schon wieder 1975.

Erinnert sich jemand ans Jahr 1994? Da war Franz Kafka das siebzigste Jahr lang gestorben, worauf marktorientierte Buchverlage nur gelauert hatten, denn da wurde sein Copyright frei. Seitdem — nein, das ist noch nicht länger — gibt es von Kafka diese ganzen beliebig zusammengestoppelten und mit “Jeder ist ein Künstler”-Chuzpe “lektorierten” Kaufhausausgaben.

Das gleiche passiert jetzt mit James Joyce (* 2. Februar 1882 in Dublin; † 13. Januar 1941 in Zürich), dessen erlöschendes Copyright von seinem Enkel streng bewacht wurde. Da haben wir — einbezogen der verewigte Mr. Joyce — Glück, dass sich immerhin dtv der Dubliners annimmt (ab Mai 2012, übersetzt von Harald Raykowkski) und Manesse des A Portrait of the Artist as a Young Man, ebenfalls ab Mai 2012 — und von wem anders als unserem guten Friedhelm Rathjen übersetzt.

Das bedeutet auch: Ulysses darf zum Comic umgearbeitet — und veröffentlicht — werden. Ein grandioses Projekt in dieser Richtung, das ich schon längst freigegeben hätte, wenn ich der Enkel von James Joyce wäre, aber mich fragt ja wieder keiner, ein Projekt also, das nichts vom schuldigen Respekt gegenüber einem stil- und sinnstiftenden Buch für alle nachfolgenden Bücher vermissen lässt, ein Projekt, sage ich, das mir mit anderen Inkunablen der Weltliteratur so ähnlich auch schon beigefallen ist, das ich aber mit der sehr schnell eintretenden Idee “Phh, das kriegt kein Mensch hin, viel zu aufwendig” ruckzuck verworfen habe, ein dermaßen grandioses Projekt ist unserem verdienten Mitleser Klaus Jost aufgefallen: Ulysses “Seen”™. Adapted by Robert Berry from the novel by James Joyce.

Es ist groß. Groß wie das Buch, nach dem es gestaltet ist, das seinerseits groß werden musste, weil es ebenfalls nach einem Riesen gestaltet war. Es gibt aber einen Reader’s Guide, einen hilfreichen und — au weh, auch das noch — weiterführenden Weblog und wer ermisst, was noch alles, wozu ich noch nicht gekommen bin. Viel Zeit mitbringen.

Das macht man jetzt so, Comics aus Prosawerken zu bauen. Die so genannte Weltliteratur ist schon fast so vollständig durcherschlossen wie erstmals vor 150 Jahren vom illustratorischen Ehrgeiz von Gustave Doré, und neue Romane berücksichtigen vor der Brauchbarkeit als Filmstoff zuerst die Tauglichkeit als Comic. Da freut sich der Filmproduzent gleich mit, weil ein Comic als einwandfrei schnuffiges Storyboard zu gebrauchen ist. Ja viel besser noch: eins, das man schon verkaufen konnte.

Das sagt sich so kulturpessimistisch dahin, aber wieso soll das eigentlich ein Nachteil sein? Das Video zur Befreiung des Copyrights von James Joyce — eine Feierlichkeit, zu der es Kafka anno 1994 noch nicht gebracht hat — äußert sich jedenfalls sehr optimistisch. Mit dem Ulysses ist es im Lauf der zeit eigentlich nur bergauf gegangen: Über die erste deutsche Übersetzung von Georg Goyert meinte Kurt Tucholsky 1927 noch: “Hier ist entweder ein Mord geschehen oder eine Leiche fotografiert.“, die zweite von Hans Wollschläger 1975 war ein Meilenstein. Und der Comic sieht verdammt state of the art aus.

Heißt das, Ulysses wird endlich anständig verfilmt? — Bitte nicht, ich will keinen Showdown, in dem Molly Bloom eine Dreiviertelstunde allein im Bett liegt und sich warme Gedanken macht.

Ulysses Seen, Telemachus 0010, Cf. 1922: 5:2-15; Gabler 1.67-80

Yes.

Video: M. Barsant: Happy Public Domain Day, Joyceans!, 1. Januar 2012.

Written by Wolf

2. February 2012 at 10:56 am

Posted in Moses Wolf

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