Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Fruchten

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Update zu Only that day dawns to which we are awake
und der Weihnachtspredigt in Simplify!:

Zum eigenen Landstrich verhalten wir uns meist noch wie der Seefahrer zu unentdeckten Inseln im Ozean. Jeden Nachmittag können wir hier eine Frucht entdecken, deren Schönheit oder Süße uns verblüfft. Wann immer ich auf meinen Wanderungen ein, zwei Beeren sah, deren Namen mir nicht geläufig waren, erschien mir der Anteil des Unbekannten unbegrenzt, ja unendlich groß.

Da mag ein Mann für viel Geld einen Schoner ausrüsten und ihn mit einer Mannschaft von Matrosen und Schiffsjungen nach den Westindischen Inseln schicken, und ein halbes oder ganzes Jahr später kehrt sie mit einer Ladung Ananas zurück — wenn damit allerdings nicht mehr erreicht wurde, als den Spekulanten für gewöhnlich vorschwebt, wenn dabei lediglich ein sogenannter Geschäftserfolg herauskommt, so interessiert mich diese Expedition nicht halb so sehr wie der Ausflug eines Kindes, das erstmals “in die Beeren geht”, sich eine neue Welt erobert und an dieser neuen Erfahrung reift, auch wenn es in seinem Korb kaum mehr als ein Gill Hucklebeeren heimträgt.

Henry David Thoreau: Wilde Früchte, 1859–62,
Übs. Uda Strätling, Manesse 2012.

Da hab ich dieser Tage was Schönes entdeckt, das musst du sehen. Schön ist natürlich immer wieder so ein salzwasserhaltiges Zitat, das die kleinen Freuden eines bescheidenen Glücks gegenüber großmächtigen Brotgewinsten preist — leider wenig geschäftstüchtig, somit unmodern. Schön ist vor allem das Buch, in dem es steht. Und das ist schon geschäftstüchtiger, denn der Zürcher Manesse Verlag kalkuliert den Ladenpreis auf 99 Euro.

Nun bedeutet Thoreau — genau: dem mit Walden — nachzueifern nicht etwa, unbesehen bibliophile Neuerscheinungen im Gegenwert dreier Wochenverpflegungen anzuschaffen, im Gegenteil. Zutiefst thoreau ist vielmehr, sein altes Exemplar Walden in der 1970er Ausgabe weiterzuverwenden, das man vor zwanzig Jahren auf dem Ramschkarren für eine Mark — nicht etwa einen “Euro” — erwischt hat, und zwar fleißig aund aufmerksam. Wer keins erwischt hat, kann heute die gleiche Übersetzung in gleicher Ausstattung, sogar noch mit der gleichen Titelvignette von Tomi Ungerer, hardcover kaufen, das wäre dann wohl so mittelthoreau. Wie thoreau eine Kindle-Datei ist, erweist sich in ein paar Jahren.

Cover Henry David Thoreau, Wilde Früchte, Manesse 2012Zu unser aller Beruhigung sei nachgerechnet, dass jeder Cent für Wilde Früchte berechtigt scheint, wenn das zuerst mal ein ganz feudales Möbel ist, in schweres Leinen gebunden und im Schuber, annähernd DIN A3 groß, erstmals übersetzt und von Sonia Schadwinkel mit feinen Aquarellen illustriert, auf denen man die abgehandelten wilden Früchte sogar erkennt; und dann allein schon die historische Karte von Concord in beiden Vorsätzen!

Vor allem aber ist es ein 1999 erstveröffentlichtes Spätwerk aus dem Nachlass von Thoreau das erst soeben, zu Thoreaus 150. Todestag, seinen Weg in den deutschen Sprachraum findet — auffälligerweise wie weiland Walden wieder über einen Schweizer, ja gar Züricher Verlag, der ein Walden vom alten Moby-Dick-Übersetzer Fritz Güttinger hat.

Es ist alles drin, was wir immer an Walden mochten: der Aufruf zu einer besonnenen Lebensweise, die ihren Unterhalt und ihren Sinn zu Hause, in der natürlich zugewachsenen Umgebung sucht und findet; daraus folgend eine im besten, friedlichsten Sinne patriotisch geprägte Vorform zu Ökologie, nachhaltigem Wirtschaften bis hin zu Slow Food; die aus eigenem Versuchen und Erleben geborene Empfehlung der Natur, die ein Prinzip geschaffen hat, das größer ist als du — nenn es ruhig Gott, wenn du an ihn glaubst —; das Private, das politisch ist.

Auf sein Lebensende zu, das mit 44 Jahren noch gar kein Ende hätte werden sollen, wandte sich Thoreau der Botanik zu: Schau hin, sagt er damit, was für Früchte um dich herum wachsen. Was willst du um einen unmenschlichen Geld- und Materialaufwand unter Lebensgefahr in die weite Welt, geh lieber einen Meter weit in deinen Wald und schau dich um, da wachsen Sachen, die glaubst du gar nicht. Also lern erst mal an die glauben und begreifen, dass die Natur groß genug ist, um im Kleinsten zu walten. Das Private ist nicht nur politisch, es ist außerdem sinnstiftend und damit religiös.

Vaccinium myrrtillus bei Prof. Dr. Thomé, Otto Wilhelm, Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz in Wort und Bild für Schule und Haus, 1885Botanik, das liegt nahe bei Thoreau. Hat der denn nicht sein halbes Leben in einer Blockhütte an einem Teich im Wald verbracht, die andere Hälfte im Knast? — Nein, hat er nicht. Im Gefängnis war er gerade mal eine Nacht, was ihm als Anstoß genügte, sich Über die Pflicht uzum Ungehorsam gegen den Staat auszulassen. In der Eigenbauhütte am Walden Pond hat er sich von vornherein nur für ein Jahr eingerichtet und dabei ein paar Dollar draufgezahlt. Nicht ruinös, nur um herauszufinden, ob sich so ein Leben auf Dauer selbst trägt. Tut es nicht, also don’t try this at home, kids. Im richtigen Leben war er Bleistiftfabrikant — offenbar ein Erwerb zum nötigen Gelde, dem auch der Transzendentalist einen gewissen Lebenssinn beimessen kann. Das ist kein reumütiges Zurückkehren eines Luxusbürgers von einem verlogenen Ausstieg, das ist das handfeste Ergebnis eines ehrbaren Versuchs.

Auf die Zuwendung zur Natur brachte ihn sein Bruder im Transzendentalismus, Ralph Waldo Emerson, mit seiner Abhandlung Nature, nach seinem Sterben am 6. Mai 1862 finden wir eine Parallele ganz anderer Art bei einem weiteren Transzendentalisten: Herman Melville.

Wie bei Melville wurde Thoreaus schriftlicher Nachlass in eine Kiste gepackt, bei Thoreaus wählten die Verwalter eine hölzerne Truhe. Und wie bei Melville ging das Gefäß lange verschollen, bei Thoreau waren es 78 Jahre, bis es 1940 in der Berg Collection der New York Public Library ans öffentliche Licht gelangte. Wild Flowers, eine unvollendete Materialsammlung für ein nicht näher nachweisbares Kalenderprojekt, war aus seinem Papierumschlag ausgewickelt worden, die Manuskriptblätter waren durcheinandergebracht.

Thoreau starb 44-jährig; an seinem 150. Todestag werde ich 44. Ob ich jetzt außer an eine Art Gott der kleinen Dinge auch noch an Kabbala glauben soll, überleg ich noch, es sähe mir jedoch ähnlich. Schön und sinnhaft schließlich ist zu glauben, dass Thoreaus Nachlasstruhe aus dem heimischen Holz des Walden-Waldes von Concord geschnitzt war.

Wilde Früchte kannst du für die wackere Summe ruhig als Hausbuch anschaffen. So unvollendet es ist, glaub ich nicht, dass du jemals damit fertig wirst.

Bilder: Cover Wilde Früchte, Manesse Verlag 2012;
Prof. Dr. Otto Wilhelm Thomé: Vaccinium myrrtillus, 1885.

Für den Artikel in der New York Times musst du einen Account eröffnen. Tu das ruhig. Kostet nichts, nimmt keinen Platz weg und kann man immer brauchen: Très thoreau.

Written by Wolf

6. May 2012 at 12:01 am

Posted in Reeperbahn

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