Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

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John Huston hat doch Recht

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Christian sagt:

Hier meldet sich ein Stimmchen aus dem Unterdeck – hatte mich versteckt gehalten, gelesen und über Eure Interpretationsvielfalt und Begeisterung für Details (Fleisch zum Frühstück, Frauenduft) gestaunt. Sehr schön. Zur Adaption des Buchs im Huston-Film möchte ich dennoch sanft widersprechen: Zwei Kunstformen, eine Geschichte. Ich mag den Film, ganz unabhängig vom Buch. Die darf man nicht vergleichen, allein weil der eine 90 Minuten Bilder und Text hat und das Buch hunderte Seiten, Stunden von banalen (und natürlich auch tollen) Dialogen und Redundanzen, ausufernde Beschreibungen etc. Der Film zeigt ein paar Typen, konzentriert auf Spannung und Jagd und Ahab gegen den Rest der Welt. Die Philosphischen, metaphyischen, meditativen Passagen des Buchs fehlen natürlich (ein Hinweis vielleicht noch das St.-Elmos-Fire auf der Harpune…) Vor allem Orson Welles als donnernder Pastor und am Ende der winkende Peck auf dem Wal – das sind Bilder für die Filmgeschichte. Viel 50er-Jahre-Männerklamauk ist natürlich auch drin und der Fremde, der uns Angst macht, der Menschenfresser – das ist alles ein bisschen zu eindimensional. Naja, darum soll es nun auch nicht gehen.

Written by Wolf

7. October 2006 at 6:09 am

Gestern sank die Sonne hin und ging doch wieder auf

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Obligates Update zu Teach me to heare Mermaides singing und Wiser Far Than I:

Wie meiner werten Auftraggeberin Hille Perl bei Lieferung der Übersetzungen für die Dowland-Vertonungen für ihre eigene Präsenz versprochen, hab ich mich an einen Extended Remix — das ist: eine Übersetzung aller fünf Strophen des Song II statt nur der üblichen und für die CD eingesungenen drei gesetzt. Und siehe: Es verträgt die Länge ganz gut. Meines Wissens ist das jetzt die einzige einigermaßen zugängliche deutsche Version des vollständigen Gedichts. Man korrigiere mich notfalls, aber die Reste von Vordtriede bringen es gar nicht und Koppenfels dreistrophig.

Heute vor 380 Jahren ist John Donne (21. Januar 1572 bis 31. März 1631) gestorben. Wie lebendig er ist, zeigt spätestens die Perl-Santana-Mields-Sirius-Viols-Sammlung über John Dowland Loves Alchymie, eingespielt vor ziemlich genau einem Jahr. Da wird er sich wohl noch wünschen dürfen, dass eins seiner schönsten Gedichte wenigstens einmal vollständig irgendwo steht. Zu Diensten, Exzellenz.

John Donne: Song II

Sweetest love, I do not go,
     For weariness of thee,
Nor in hope the world can show
     A fitter love for me;
          But since that I
At the last must part, ’tis best,
Thus to use myself in jest
     By feigned deaths to die.

Yesternight the sun went hence,
     And yet is here to-day;
He hath no desire nor sense,
     Nor half so short a way;
          Then fear not me,
But believe that I shall make
Speedier journeys, since I take
     More wings and spurs than he.

O how feeble is man’s power,
     That if good fortune fall,
Cannot add another hour,
     Nor a lost hour recall;
          But come bad chance,
And we join to it our strength,
And we teach it art and length,
     Itself o’er us to advance.

When thou sigh’st, thou sigh’st not wind,
     But sigh’st my soul away;
When thou weep’st, unkindly kind,
     My life’s blood doth decay.
     It cannot be
That thou lovest me as thou say’st,
If in thine my life thou waste,
     Thou art the best of me.

Let not thy divining heart
     Forethink me any ill;
Destiny may take thy part,
     And may thy fears fulfil.
          But think that we
Are but turn’d aside to sleep.
They who one another keep
     Alive, ne’er parted be.

John Donne: Lied II

Liebste mein, Süßeste, nein,
     Ich scheide nicht aus Überdruss
Und Hoffnung, dass die Welt mir ein
     Besseres Lieben bieten muss;
          Doch weiß ich, dass
Ich sterbe im Ernst,
Und übe vorerst, damit du’s lernst,
     Das Sterben nur zum Spaß.

Gestern sank die Sonne hin
     Und ging doch wieder auf:
Ganz ohne Ziel, ganz ohne Sinn,
     Mit halb so weitem Lauf.
          Drum gib nicht verloren
Die schnellere Reise, die ich begann,
Denn im Vergleich lege ich an
     Viel schnellere Flügel und Sporen.

Ach, wie schwach der Mensch, der ringt,
     Bleibt, wenn ihm auch das Glück zufällt,
Und keine Stunde wiederbringt
     Noch ihrer eine zugesellt.
          Doch wenn es sich wendet,
Machen wir uns mit Macht und Dauer
Unser Unglück doppelt sauer,
     Bis es noch schlimmer endet.

Wenn du seufzest, seufzt kein Wind –
     Meine Seele seufzt da im Entschweben;
Wenn du weinst, unseliges Kind,
     Versiegt all mein Blut und mein Leben.
          Doch glaub ich dir,
Dass du mich, so wie du sagst, liebst –
Denn wenn du in deinem mein Leben hingibst,
     Dann bist du das Beste an mir.

Glaub nie in deinem ahnungsvollen
     Herzen an die Gefahr,
Ich könnte je etwas Böses uns wollen,
     Sonst macht dein Schicksal Ängste wahr.
          Glaub lieber, dass die,
Die nur schlafend anderweitig
Sich kehren und durch sich gegenseitig
     Leben, die trennen sich nie.

Dieses Luminarium rockt ungemein. Was allein im Donneschen Song II für Lieder drinstecken, von denen der teure Verstorbene nichts wissen konnte.

Der Anklang am Anfang ist seinerseits schon wieder in Vergessenheit, weil es ein mittelaltes von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung ist (Neppomuk’s Rache, 1990):

Arrivederci, ciao, ciao, mon amour,
wie konnte ich mich nur erdreisten.
Du bist mir zu kostbar, zu gut eine Spur,
ich kann mir dich nicht mehr leisten.
Arrivederci, ciao, ciao, mon amour,
ich weine nicht, wenn ich scheide.
Arrivederci, ab jetzt wein ich nur
noch, wenn ich Zwiebeln schneide.

Das hört erst auf mit The only thing that looks good on me is you (irgend so ein Bryan Adams), „all mein Blut und mein Leben“ ist selbstverständlich das Ännchen von Tharau, Anfang dritte Strophe ist „When you’re smiling“ – Louis Armstrong, späterhin als Dixieland-Standard missbraucht – und die letzte Strophe riecht mir stark nach Love Me Tender. Das Allerbeste an dem ganzen Extended Remix ist der Anfang zweite Strophe. Herrschaften, hoffentlich ist das ein Original von mir. Das hat fühlbar — durch Donnes Verdienst — die Qualität von „Das ist nicht die Sonne, die untergeht, sondern die Erde, die sich dreht“, der Sokrates-Zuschreibung durch Tomte. Das will ich singen können.

Die Überschrift heißt aus gleichen Gründen wie beim ersten Song (“Goe and catch a falling star”) Lied statt Song, klar.

Musik: John Dowland auf John Donne: Sweetest Love I Doe Not Goe,
aus: Hille Perl, Lee Santana, Dorothee Mields, Sirius Viols: Loves Alchymie, 2010.

Written by Wolf

31. March 2011 at 12:01 am

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Wiser far than I

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Wie versprochen: Die Übersetzungen der metaphysischen Gedichte von John Donne et collegae für Loves Alchymie laufen noch, ich gebe alles. Fertig ist eine schön marschierende Version von The Bait.

Kelseeee, guess what i'm done, writing your book, October 18, 2009Irgendwas ist ja immer: Ohne Hille Perls kenntnisreichen Hinweis darauf, dass in The Bait der für Donnes Empfinden zu populäre Christopher “Kit” Marlowe verulkt wird — Shakespeares beste Konkurrenz, den Sie aus Shakespeare in Love kennen — hätte ich nicht einmal die parodierende Tonart ins Ohr genommen. Und wie um des Himmels willen parodiert man Marlowe?

Nach zwei, drei Tagen so vergnüglichem wie unnützem Blättern in meinem herumgilbenden Penguin-Marlowe erwies es sich als hilfreich genug, so altertümelnd zu schreiben, wie ich sowieso dauernd rede. Das schmeichelt dem Textfluss, es war ja auch so ein wässriges Thema. Ich musste einfach nicht geradezu verhindern, dass Strophe 1 so unvermeidlich nach dem Erlkönig klingt, und schon gibt’s einen intertextuellen Bezug, der als Parodie (griechisch für “Gegen-Gesang”) durchgeht. So viel Glück — das schon als nächste Versprechung — hab ich bei den nächsten Übersetzungen nicht.

Vor allem war der Rhythmus des Originals nicht einzuhalten, egal ob ich mir drei Stunden oder drei Jahre Zeit zum Einlesen und Umschmelzen genommen hätte: Englische Wörter sind nun mal kürzer denn deutsche. Da musste ich vor allem in Strophe 5 ein Stück Inhalt opfern, das der Gesamtaussage hoffentlich nicht zu viel abbricht.

Die Silben der einzelnen Verse sind mit Daktylen statt Trochäen aufgefüllt, die von Natur aus eine Senkung mehr haben und meinem bisherigen Überblick nach nirgends knitteln — was meint: Die Hebungen stimmen überall, zu den Senkungen warte ich erst noch ein, zwei Jährchen zeitlichen Abstands ab, um kalten Herzens noch mehr hinauszukicken. Wer sich jetzt den Text ohne das Original im Ohr hersagt, sollte nicht mehr viele Einwände erheben müssen.

Aus Pragmatik sind manche Stellen wörtlich übersetzt, andere nachgedichtet — was dem Original insofern strukturell entspricht, als ab der 5. Strophe eigentlich ein neues Gedicht anfängt. Die letzte Strophe mag ich ganz gerne. Das liegt aber großenteils am Rohstoff und ist darum doch recht ordentlich geraten, finde ich in meiner grenzenlosen Bescheidenheit.

Der Köder

Brittney Bush Bollay, Skinny Legs and All, February 28, 2007Komm her zu mir und leb mit mir,
Gar neue Freuden zeig ich dir
An kristallenem Bach auf goldenem Sand
Mit silbernem Haken an seidenem Band.

Wo dein Auge den murmelnden Fluss erblickt,
Das ihn noch mehr denn die Sonne erquickt,
Wird sich das Fischvolk in dich verlieben
Und sehnen, mit dir den Treubruch zu üben.

Badest in all diesem Leben du dann,
Kommt jeder Fisch, welcher mit Drum und Dran
Bestückt, gleich entzückt zu dir hingeschwommen
Und nimmt dich froher, als wenn du ihn genommen.

Ist dir dergleichen abschlägig beschieden,
Deine Blöße dem Mond und der Sonne zu bieten,
Verfinsterst du beide. Wie bescheidest du mich?
Ich bedarf ihres Lichts nicht, denn ich hab ja dich.

Sollen andre frieren, bluten
In Schilf und Rohr, mit Angelruten
Und Schlingen und Reusen und löchrigen Netzen
Sich selber täuschen und die Fische verletzen.

Sollen ruppige Hände an den Ufern sich schinden,
Schleimigen Nestern die Brut zu entwinden
Und durch Verrat mit hemdseidnen Fliegen
Das schweifende Auge des Fisches zu trügen.

Denn du bedarfst nicht solcher List,
Weil du dein eigner Köder bist:
Der Fisch, der dem entwischt, ist leider
Um einiges als ich gescheiter.

Bilder: Kelseeee: guess what i’m done, writing your book, 18. Oktober 2009;
Brittney Bush Bollay: Skinny Legs and All, 28. Februar 2007.

Written by Wolf

24. September 2010 at 6:47 am

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Some that have deeper digg’d loves Myne than I / Say, where his centrique happinesse doth lie

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Update zu Teach me to heare Mermaides singing
und He which hath business, and makes love, doth do / Such wrong, as when a married man doth woo:

Cover Loves AlchymieAb 17. September 2010 ist im zurechnungsfähigen Tonträgerhandel erhältlich: Loves Alchymie von Hille Perl an Viola da gamba, Lee Santana an der Laute und Dorothee Mields am warmgoldenen Sopran. Marthe Perl verstärkt mit zweiter Gambe auf zwei Tracks. Deutsche Harmonia Mundi bei Sony. Ulirike Henningsen schreibt dazu für NDR kultur:

“Go and Catch a Falling Star”, “A Song of Divine Love” — so könnten auch Songs aus den aktuellen Pop-Charts heißen. Es sind aber Titel von Gedichten des Shakespeare-Zeitgenossen John Donne. In Deutschland wenig bekannt, wurde und wird Donne in England hoch geschätzt. Viele bedeutende Musiker seiner Zeit vertonten seine Verse. Hille Perl hat gemeinsam mit der Sopranistin Dorothee Mields und dem Lautinisten Lee Santana eine CD mit diesen Vertonungen aufgenommen.

Irrungen und Wirrungen der Liebe

Die Liebe ist voller Widersprüche — davon handeln diese Verse. Wer liebt, kennt den Wunsch nach tiefer Verschmelzung genauso wie das Bedürfnis, sich abzugrenzen. John Donne vereint in seinen Gedichten diese gegensätzlichen Empfindungen: Mal geht es um innige Küsse und die Suche nach der einen wahren Liebe, mal um Untreue und Angst vor Verletzung und Selbstaufgabe.

Es ist einfacher, eine Sternschnuppe zu fangen, als eine Frau zu finden, die treu ist – die Sprache ist reich an Metaphern. Die Irrungen und Wirrungen der Liebe sind in der sogenannten metaphysischen Dichtung ebenso präsent wie die Auseinandersetzung mit Gott und der Unausweichlichkeit des Todes. Dabei werden die ernsten Themen fast spielerisch mit großer Direktheit und entwaffnendem Humor behandelt. Diese Unmittelbarkeit spiegelt sich auch in den Melodien, den Harmonien und der Rhythmik der Vertonungen wider. Sie stammen unter anderem von John Dowland, Alfonso Ferrabosco und Giovanni Coperario.

Musik, die unter die Haut geht

Um die Gedichte zu verstehen, muss man sich auf die alte englische Sprache einlassen. Aber auch ohne Analyse der Texte wird diese CD zum besonderen Erlebnis. Das liegt vor allem an der Leidenschaft und Intensität, mit der Mields, Perl und Santana jedes einzelne Lied gestalten. Diese Musik geht unter die Haut — nicht nur den Interpreten.

Zusätzlich zu den Donne-Vertonungen haben die Musiker englische Instrumentalstücke des 17. Jahrhunderts aufgenommen. Außergewöhnlich schön sind die “Divisions Upon a Ground in C” von John Jenkins, bei denen auch die Gambistin Marthe Perl zu hören ist.

Den Titel “Loves Alchymie” verdankt die CD einem Gedicht von Donne. Alchemie bedeutet Umwandlung. Die Liebe bringt mit ihren Verwandlungen erst einmal Chaos ins Gefühlsleben. Das ist schön und schrecklich zugleich — heute so wie vor 400 Jahren.

Das Hören dieser Einspielung ist einfach nur beglückend!

Recht hat sie. Allein das Booklet will man gar nicht wieder hinlegen: Es gibt Texte von Hille, gespickt mit überraschend passenden Zitaten von Tom Robbins, eine Seite aus ihrer Familienbibel von 1695 und die complete lyrics von metaphysischen Dichtern, John Donne und Kollegen. Das heißt: Sie wollen es nicht wirklich nur downloaden.

An Übersetzungen wurde bis zur Drucklegung leider nur der Song I fertig, was aber nichts schadet, weil das Booklet auch so reich gefüllt wurde. Den Rest gibt’s bald im Hillenet. (Die Rohversion dieses Eintrags führte an dieser Stelle noch meine Version von The Bait auf, das wird dann aber zu üppig und zusammengestückselt. Der Text besteht, ich bringe ihn in den nächsten Tagen an dieser Stelle, der wird dann auch wieder maritimer. Versprochen.)

Die Wölfin meint: “Schau, Wolf. Deine special thanks. Genau eine vor dem Hund. Und der kriegt’s für ruhiges Atmen. Hast aber Schwein g’habt, Wolf.”

Aber es ging ja um Musik. Lauschen wir mit Billigung von Sony BMG einem besonders berückenden, beglückenden, brillanten, süffigen, eingängigen Stück, das mich die letzten Tage wie sonst nur irische Trink- und Sauflieder begleitet: den schon von Frau Henningsen gelobten Divisions Upon a Ground in C von John Jenkins. Daran ist nichts Überkandideltes, Affektiertes oder was man sonst einer elaborierten Barockmusik, die sich nicht ungebeten ins Bewusstsein vordrängt, so voreilig nachsagen mag.

A thought to Donne was an experience; it modified his sensibility. When a poet’s mind is perfectly equipped for its work, it is constantly amalgamating disparate experience; the ordinary man’s experience is chaotic, irregular, fragmentary. The latter falls in love, or reads Spinoza, and these two experiences have nothing to do with each other, or with the noise of the typewriter or the smell of cooking; m the mind of the poet these experiences are always forming new wholes.

T.S. Eliot: The Metaphysical Poets in: The Times Literary Supplement, October 20, 1921.

Oder anders: Die Gelehrsamkeit des Dichters — und in der Folge hoffentlich die seiner Leser — bildet seine Empfindungen mit, aus seinen Gefühlen gewinnt er Erkenntnis. Das Instrumentalstück liegt demnach voll auf der Linie der gleich gearteten Lyrik.

Ohrwurmalarm und Kaufbefehl.

Bild: Pop-CD.

Written by Wolf

16. September 2010 at 8:13 am

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He which hath business, and makes love, doth do / Such wrong, as when a married man doth woo.

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Update zu Fragen eines Dilettanten mit einem Radio daheim,
Teach me to heare Mermaides singing
und Märchenstunde morgen (heute nicht):

Die Fragen sind doch die:

Celeste Tumulte, Little Ghost Girl, September 1, 20091.: Wird die Generation, die jetzt in die Altersheime strömt, sich im Aufenthaltsraum darum prügeln, ob Beatles oder Stones aufgelegt werden sollen? Ich mein — Fritz “Wenn’s der Wahrheitsfindung dient” Teufel ist tot und Rainer Langhans siebzig, und selbst die anderen, die zufällig nicht Teufel oder Langhans heißen, rasten bei einer Beschallung wie in Einer flog über Kuckucksnest doch schon beim Intro aus, oder nicht?

2.: Wieso fehlt in Jane Eyre der ganze Lebensabschnitt, in dem Jane aktiv selbstbestimmt zu denken anfängt und sich ihre endgültige Persönlichkeit zulegt? Nachdem im Internat Lowood ihre beste Freundin Helen Burns gestorben ist, überspringt sie ausdrücklich die acht Jahre, in denen sie von der Schülerin zur Lehrerin aufsteigt — am Ort ihres jahrelangen Leidens zum Beruf ihrer Misshandler — weil dem hochintelligenten Mädel nichts Besseres einfiel? Ist das Ihre Weise, das bildnerische Gestaltungsmitttel des Weißraums auf Entwicklungsromane anzuwenden, Frau Brontë?

3.: Wer schreibt mir bis Oktober die Einträge? Ich hab zugesagt, bis dahin 14 (in Worten: vierzehn) Gedichte von John Donne zu übersetzen. Die sind wirklich schön, sollen sinnstiftend auf einer hochstehenden Website und soviel wie reingeht in einem CD-Booklet unterkommen, taugen wie nix als Referenzen für meinen gedeihlichen Fortgang als Lohnschreiber und sollten gerade heute, gerade hier gelesen werden, ohne dass man pro Zeile zweimal in seinem pfundschweren Pons blättern muss. Das bedeutet: jede Woche durchschnittlich 1,5 Barockhämmer exorbitanten Schwierigkeitsgrades, die in den verflossenen vier Jahrhunderten noch niemand zur Gänze verstanden hat, in flüssigem, süffigem, genießbarem Deutsch abliefern, einer verschraubter, verschrobener, verwinkelter als der andere und dicht voll Bedeutungsebenen sonder Zahl gestapelt, und Seine Exzellenz Donne schont seinen Übersetzer nicht und reimt seine metaphysischen Auslassungen paarig, gekreuzt, umarmt und geschweift. Moby-Dick™ wird brachliegen (was tut er eigentlich jetzt…?), meine Frau wird mir die Hölle heiß machen, dass ich, wenn ich schon mal einen vollständigen deutschen Satz an sie richte, rede wie das Lichtdouble für Shakespeare (was tut sie eigentlich jetzt…?), ich werde in Binnenreimen, strophenübergreifenden Enjambements und gerade mal so postmittelalterlichen Conceits denken (was tu ich eigentlich jetzt?) — aber wenn ich 14 Donne-Gedichte auf Zeit geschafft hab, kann ich alles.

The Bait

Rachael Bae, The habit of Decomposing, July 5, 2010Come live with me, and be my love,
And we will some new pleasures prove
Of golden sands, and crystal brooks,
With silken lines and silver hooks.

There will the river whisp’ring run
Warm’d by thy eyes, more than the sun;
And there th’ enamour’d fish will stay,
Begging themselves they may betray.

When thou wilt swim in that live bath,
Each fish, which every channel hath,
Will amorously to thee swim,
Gladder to catch thee, than thou him.

If thou, to be so seen, be’st loth,
By sun or moon, thou dark’nest both,
And if myself have leave to see,
I need not their light, having thee.

Let others freeze with angling reeds,
And cut their legs with shells and weeds,
Or treacherously poor fish beset,
With strangling snare, or windowy net.

Let coarse bold hands from slimy nest
The bedded fish in banks out-wrest;
Or curious traitors, sleeve-silk flies,
Bewitch poor fishes’ wand’ring eyes.

For thee, thou need’st no such deceit,
For thou thyself art thine own bait:
That fish, that is not catch’d thereby,
Alas! is wiser far than I.

Noch Fragen? Keine? Dann hätte ich gern Antworten, bittedanke.

Bilder: Danca Dos Erros, 2009;
Rachael Bae: The Habit of Decomposing, 5. Juli 2010.

Written by Wolf

15. July 2010 at 7:20 am

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Teach me to heare Mermaides singing

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Update zu Perliana. Werkstattbericht.

Die Aufgabe war, den Song von John Donne, der um 1604 eingeordnet wird, zu übersetzen. Hille Perl und die Sirius Viols einschließlich angetrautem Lee Santana an den Theorben und Tochter Marthe als Special Guest an der anderen Viola da Gamba; golden ziselierten Sopran stiftet Dorothee Mields — veröffentlichen eine Sammlung Lieder des Dichters: Loves Alchymie wurde Anfang März 2010 aufgenommen und erscheint als Sequel zu In Darkness Let Me Dwell, einer Sammlung über John Dowland, im September 2010.

Hille Perl & Lee Santana in St. GallenMit beiläufiger Grandezza, jedoch treffsicher wie in allen Dingen, fragte mich Hille Perl am 14. Februar 2010:

Haste schonmal John Donne übersetzt?

Noch kein Wort vom Song notabene in ihrer Frage, aber John Donne, konnte ich ihr antworten, ja, wirst lachen, hab ich tatsächlich schon mal übersetzt. Schon paar Tage her, aber es war der Songhttp://www.bartelby.com/101/196.html — der ja wohl berückend is und außerdem das Motto zum Stardust by the incredible Neil Gaiman. Über meine Lösung wird man wahrscheinlich lange & fruchtlos disputiern können, aber das Entwaffnende daran is ja der Rhythmus, und wir ham doch so lange Wörter. Auf Fränkisch is es noch meistens leichter.

Das könnte ich noch wissenschaftlicher formulieren, aber in der Sache jederzeit unterschreiben. Wirklich umwälzend ist tatsächlich die zeitlos gültige Erkenntnis in einer modern gebliebenen Geisteshaltung und in einer schmissigen Form.

Zu Ihrer Orientierung gebe ich hier die Vollversion in der weniger verbreiteten originalen frühneuenglischen Schreibweise wieder, nach der vollständigsten, halbwegs erreichbaren Gesamtausgabe John Donne: Poetical Works, von Sir Herbert Grierson bei Oxford University Press erstmals 1912 herausgegeben und seither nicht mehr grundlegend verändert:

Song

Goe, and catche a falling starre,
     Get with child a mandrake roote,
Tell me, where all past yeares are,
     Or who cleft the Divels foot,
Teach me to heare Mermaides singing,
     Or to keep off envies stinging,
          And find
          What winde
Serves to advance an honest minde.

If thou beest borne to strange sights,
     Things invisible to see,
Ride ten thousand daies and nights,
     Till age snow white haires on thee,
Thou, when thou retorn’st, wilt tell me
All strange wonders that befell thee,
          And sweare
          No where
Loves a woman true, and faire.

If thou findst one, let mee know,
     Such a Pilgrimage were sweet;
Yet doe not, I would not goe,
     Though at next doore wee might meet,
Though shee were true, when you met her,
And last, till you write your letter,
          Yet shee
          Will bee
False, ere I come, to two, or three.

Bis dato existieren fünf deutsche Donne-Übersetzungen unterschiedlicher Vollständigkeit und Qualität von

  • John DonneWerner Vordtriede: Metaphysische Dichtungen, Insel Verlag 1961. Nachfolgeauflagen sind mit anderen Dichtern, aber unter der Anfangszeile des Song, aufgegangen in Geh, fang einen Stern, der fällt;
  • Annemarie Schimmel: Nacktes denkendes Herz, 1969;
  • K. Wydmond: Liebeslieder (Songs and Sonets), Privatdruck von Christian Nekvedavicius 1981. Das war die erste wirklich vollständige Übersetzung des geschlossenen Corpus, leider so weit unverständlich, dass gegenüber dem Original nicht viel geholfen ist, außerdem apokryph geworden und wenn greifbar, praktisch unerschwinglich;
  • Christa Schuenke & Maik Hamburger: Zwar ist auch Dichtung Sünde, Reclam Leipzig 1983, erweitert 1986. Christa Schuenke hat nachmals für Hanser Herman Melvilles Pierre übersetzt, die Donne-Auswahl ist reichhaltig und gilt als gelungen;
  • Werner von Koppenfels: Alchimie der Liebe, Henssel textura 1986, übergegangen zu Diogenes. Die bisher letzte, noch genießbare Auswahl, welcher auch der Song als das erwähnte Motto für die deutsche Version von Stardust (Sternenwanderer bei Ullstein) entnommen ist.

Der Perl-Santana-Mields-Sirius-Viols-Sammlung über John Dowland liegen keine deutschen Übersetzungen bei, was Sony BMG geklagt sei, weil solcher Erstellung zu teuer, zu raumgreifend im Booklet oder zu langwierig war. Vielmehr musste Hille Perl aus eigenem Antrieb Speicherplatz ihrer eigenen Website damit belasten. Wer heute ihre CD hört und besser verstehen will — was ich ausdrücklich empfehle — muss gleichzeitig das Internet aufschlagen, um mitzulesen. Das soll mit dem Sequel — immerhin gleiche Epoche (elisabethanische Shakespearezeit. Donnes Lebensdaten stimmen mit Dowlands genau genug überein, dass man sie andauernd verwechselt), ähnlicher Umgang mit ähnlichem Thema, gleicher Vorname, sogar gleiche zwei Anfangsbuchstaben des Nachnamens — nicht wieder passieren; die Donne-Übersetzungen mussten also frühzeitig erstellt oder zusammengesucht und ins Booklet eingeplant werden.

Bei der bekannten Caprice von Sony in Copyrightfragen (lassen Sie mich hier nicht von ihrem Umgang mit YouTube anfangen…) kommt der Veröffentlichung sehr entgegen, dass John Donne seit deutlich mehr als 70 Jahren tot ist und deshalb von jedem reproduziert und adaptiert werden darf, der Freude an dergleichen hat — oder wie Werner von Koppenfels es 1986 im Nachwort zu seiner Übersetzung ausdrückt:

Keine der bisherigen Ausgaben […] hat Donne zu einer lebendigen Präsenz im deutschen Sprachraum verholfen, und keine ist so frei von Reimnot und Wortstellungskrampf, daß sich weitere Versuche erübrigen. Weder Dichterwitwen noch Copyright wehren gottlob solch verwegenem, aber notwendigem Unterfangen.

Hurra. Es wäre verwegen, aber notwendig und von Natur aus erlaubt? Na, dann ans Werk! Mein eigener erster Versuch am Song liegt leider vor der Zeit, in der man so selbstverständlich Speichermedien für seine literarischen Bemühungen verwendete, außerdem erscheint eine Donne-Übersetzung mit oberostfränkischen Einschüssen aus dem Landkreis Nürnberger Land für eine internationale Verwendung nicht einmal mehr fragwürdig, selbst wenn er gerade dazu dient, von Koppenfels’ beklagtem Wortstellungskrampf vorzubeugen. Darum legte Hille ihren Einstiegsversuch vor, mit dem sie bei ihrer mir verschlossenen recherchefreien Naturmethode gar nicht so kläglich abschnitt:

Kannst Du denn zur Schnuppe fliegen
die Alraune schwanger kiegen?
Sagen wo die Zeit geblieben
wer in des Teufels Fuß den Spalt getrieben?

Mir lagen zum Einlesen in Donnes Tonfall die Gesamtausgabe von Sir Grierson sowie die deutschen Auswahlen von Vordtriede und von Koppenfels vor, also die älteste und die jüngste. Das gestützte Einfühlen geschah entgegen Hilles Rat, die ihre Übersetzungsarbeit lieber unbeschwert von geistigem Ballast angeht; mein eigener Approach ist aber, zuvor zu studieren, was da schon gedacht und versucht wurde — und ja: Das ist verkopft. Mehr als diese drei Bücher gaben die mir ohne weitere Einschreibungen zugänglichen Bibliotheken ohnehin nicht her. Aus ihnen entnahm ich, dass selbst Ullstein, wie angeführt, das Rad nicht neuerfunden, sondern ein noch ausreichend geländegängiges Hollandrad aus den Achtzigern wiederverwendet hatte — und weit weniger ermutigende Sachen als die mit dem freilaufenden Copyright:

Wenn Lyrik unübersetzbar ist und gerade deshalb den sprachlichen Grenzgänger zum Betreten Utopias einlädt, so muß dies (falls ein Paradox die Steigerung verträgt) umso mehr für den größten der Metaphysical Poets gelten. Zur berüchtigten Silbenknappheit des Englischen, einer naturgegebenen Erschwernis englisch-deutscher Versübersetzung, kommen bei Donne unglaubliche Bedeutungsdichte bei komplizierten Reimmustern und Strophenformen, dramatisch abrupte Gedankenführung, überspannter, enjambementreicher Satzbau, Nachbarschaft gegensätzlicher Stillagen, Wortspiele aller Art und schwindelerregende Metaphorik. (Die Referenzbereiche der Bildersprache wie alte Kosmologie, Jurisprudenz, Theologie, Alchimie, Aberglauben, Petrarkismus, elisabethanischer Alltag stehen dem modernen Leser nicht gerade besonders nahe.)

Werner von Koppenfels, a.a.O.

Damit waren die Schwierigkeiten klar, keine davon unüberwindlich. Nach der üblichen Phase der Prokrastination übersetzte ich in der Osternacht 2010 das ganze Stück in einem Husarenritt runter. Ich verkünde nie das Evangelium, kann aber grundsätzlich immer einen aussprechlichen Grund angeben, warum ich an welcher Stelle genau das und nicht etwas anderes hingeschrieben habe. Nicht jede meiner Lösungen muss die beste aller möglichen sein, aber man darf voraussetzen, dass ich mir bei jeder etwas gedacht habe. So auch im Lied.

Mit derselben Überschrift geht die Erklärungsnot schon los: Die Übersetzung war für ein CD-Booklet vorgesehen — also passender ein “Lied” wie bei Schubert, und nicht, wie man sich auch wünschen könnte, als “Song” belassen wie bei Lennon/McCartney. Genau das meinte ich damit, dass es auf Fränkisch statt Deutsch oft zielgenauer und eindeutiger wäre: Das süddeutsch dialektale “Liedl” wäre unzweifelhaft. Außerdem befürchtete ich bei “Song” schon wieder eine schlimmste anzunehmende Klassikabonnement-Rentnerschaft quaken zu hören: “I hob denkt, des is af deidsch, wos kennäsn dou ned deidsch redn?!” Also Lied und ecce epistula.

Ob die mandrake eine “Mannswurz” oder “Alraune” (metrumhalber nicht “Alraun”) sein sollte, wollte ich als einzige Stelle explizit Hille höchstselbst entscheiden lassen. War ja die “Mannswurz” immerhin einer ihrer Wunschvorschläge und gefiel mir deswegen, weil es betont, wie es ja überhaupt gar nichts Männlicheres auf der Welt geben kann, und ausgerechnet dem soll einer jetzt Kinder machen gehen. Dagegen “Alraune”: kommt dem Alchymie-Teil des Oberthemas entgegen und würde voraussichtlich öfter verstanden. Der unmaßgeblich einzigen Testleserin war nicht geläufig, was eine Mannswurz ist, erschien aber bei Alraune die im kollektiven Bewusstsein verankerte Bilderwelt aus Paracelsus, Kabbala und Frankenstein.

Die erste Eindeutschung, Vordtriede bei Insel 1961, meint zu der Stelle noch:

Ich halte die zweite Zeile, obwohl dies die einzige Lesart ist, für verderbt. “Get with child a mandrake root” scheint, über die gewollte Unmöglichkeit hinaus, sinnlos. Vielleicht sollte man lesen: “Werde schwanger durch Alraun” [statt: “Schwängere mir den Alraun”].

Was für ein phantasieloser Lyrikübersetzer. Auch später im Nachwort:

Unmöglich sich vorzustellen, das romantische Lied könne sich Donnescher Verse bedienen.

Ist das so? fragte ich da die Musik in Gestalt von Hille, fällt die Musik wirklich dermaßen unterschiedlich aus, nur weil da einer im Text mit Conceit und Metaphysik gelahrte Inhalte in Gefühlsdarstellung überträgt, statt sein Inneres auszuforschen oder was immer die späteren Romantiker und Viktorianer ihre Formen gießen?

Andernorts meint Vordtriede:

Die dichterischen Hauptmittel […] sind, inhaltlich, der Witz im weitesten Sinn und, formal, der wechselnde Rhythmus und die Antithese.

Wenn wir das auf Musik anwenden, kam für meinen laienhaften Begriff Mozart raus, jedenfalls etwas viel Späteres als Donne, oder nicht? Wie weit war Donne seiner Zeit voraus — oder Vordtriede hinterher? Johann Sebastian Bach, zeitlich näher an Donne und gleich ihm einer, der dem Rest der Welt Jahrhunderte voraus war, konnte ja alles — und ich Übersetzerlein stand damit da und sollte mich mit diesem virtuellen Olymp voller Genies danach richten.

Meine Lösung für den Anfang “Wer fängt mir” ist, wie man bemerken wird, jambisch, nicht trochäisch wie alle drei originalen Donne-Strophen. Und beide bestehenden, veröffentlichten und vorliegenden Übersetzungen der zwei Werners (ist das fürs Donne-Übersetzen Voraussetzung oder nur Qualifikation?) Vordtriede und von Koppenfels halten das auch ein. Respekt an die Kollegen, aber ich fand dieses Fitzelchen in der Formgebung unnötig, wenn man dafür den Inhalt süffiger machen konnte. Ohnehin war mir nie eingegangen, wie man Gedichte ausgerechnet so gestrenge danach einteilen mag, ob sie vor ihren — meistens — vier Hebungen noch ein Silbchen Auftakt haben oder nicht. Wenn man erst die eine oder andere Form angefangen hat, soll man sie weiter durchhalten, so viel ist wahr, sonst verliest und verschluckt man sich ständig, und im Vortrag klingt es wie früher Reinhard Mey (“zum Behúf der Vórla-gé beim zuständ’-gén Ertéilungsámt”). Sollten mir solche Stellen unterlaufen, darf man mich immer noch nachkorrigieren. Mir fallen schon lange keine mehr auf, aber man liest selbst immer nur, was da stehen soll.

Abgesehen von solchem überschätzten Auftaktgefrickel galt es den Donnischen Rhythmus einzuhalten, ohne zuviel vom Inhalt dranzugeben. Das hat Vordtriede wie von Koppenfels ja offenkundig auch in Atem gehalten — gerade in den jeweils letzten drei Versen, in denen man kein Reimpaar, sondern einen Dreier finden muss. Trochäen sind unter Umständen schön und nützlich, nur wenn etwas an diesen pointierten Stellen hakt, das fällt auf und kann das ganze Lied zerstören. Und bitte kurze Wörter, die möglichst viel Bedeutung tragen, oder wozu sonst stehen die so prominent aufgebockt in den Strophen?

Der Tonfall blieb deshalb antikisierend wie das Original, dabei so flüssig lesbar wie irgend möglich. Und sollte, gemäß Vordtriedes “gewollter Unmöglichkeit” eine Idee von “Ja, nee, is klar, ne” behalten — ein gottergeben resignierendes Dreinfügen in das Schicksal, wohl nirgends ein treues Weib zu finden. Denn man freut sich nicht ob dieser Aussicht, doch kann sich ihrerhalber auch nicht entleiben: ein Lachen unter Tränen, das frisch wie am ersten Tag von 1604 herüberweht.

Strophe 3 bekam einen alternate take. Das ist eine vorab entstandene Version, mit der ich dann doch nur so mittelglücklich war. Ich behielt sie trotzdem vorerst als Steinbrüchlein, falls Hille Änderungen anregte; hier teile ich sie aus dokumentarischer Nostalgie mit. Übersetzerseits empfohlen wurde schon bei Lieferung das, was als Fließtext dastand.

Der größte Rest war hoffentlich selbsterklärend: Wenn man es toterklären musste, lebte es nicht mehr, und grade das sollte mein Ehrgeiz sein. Das Zielpublikum war eins, das sich auf denkbar “schwere” Musik einlassen, und keins, das sich lange mit lyrischen Inhalten auseinandersetzen wollte. Es musste umso besser werden, als es nicht der hero sein sollte.

Und siehe, nach einer Latenzzeit von drei Tagen war ich immer noch recht zufrieden mit dem Ergebnis. Im Direktvergleich liest sich meine neue nämlich eingängiger als die zwei erreichbar verlegten Versionen, worin ich gerade für die Verwendung im CD-Booklet eine objektive Qualität begründen kann. Das mag an meiner Hybris liegen, mit der ich leben muss. Hilles Loves Alchymie bekommt also etwas richtig blitzblank Zeitgemäßes. Im Wortlaut:

Lied

Wer fängt mir eine Schnuppe, geht
     der Mannswurz Kinder machen,
bringt Jahre wieder, die verweht,
     könnte Satans Huf zerkrachen?
Lass die Meerjungfrauen singen,
     lass die Eifersucht verklingen
          und find
          den Wind,
der solchen weht, die aufrecht sind.

Bist du einer mit dem klaren
     Blick, der schaut, was keiner glaubt,
kannst doch zehntausend Tage fahren
     und Nächte, bis voll Schnee dein Haupt;
wenn du wiederkommst, berichte
deine seltenen Gesichte:
          Nie fand
          ein Land
ein Weib gleich schön und treu bekannt.

Wirst du Meldung machen müssen,
     pilgre ich, wohin sich’s lohnt.
Oder will ich’s gar nicht wissen,
     denn selbst wenn sie beim Nachbarn wohnt
und du sie treu getroffen hast,
hätt sie doch, eh du dich versahst,
          zwei
          bis drei
betrogen, bevor ich dabei.

~~~|~~~~~~~|~~~

((Strophe 3, alternate take:

Findst du eine, sag mir’s weiter,
     die Pilgerfahrt hätt sich gelohnt.
Nein, tu’s nicht, das ist gescheiter,
     denn selbst wenn sie beim Nachbarn wohnt
und du sie noch treu treffen magst,
hätt sie doch, bis du’s mir erst sagst
     zwei
     bis drei
betrogen, bevor ich dabei.))

I Heard the Mermaids Singing, 2008 PosterFast schade ist, dass die Musik bei meiner Übersetzung längst eingegeigt war und nur noch für den Feinmix anstand: Mit all dem Wissen, das einem wegen magerer 3×9 Zeilen aus allen Ecken zuläuft, hätte ich glatt gern Regie geführt: Ein “Brillantfeuerwerk von Conceits” begegne uns da, “Daseinsdeutung im Zeichen des Todes als Garanten irdischer Desillusion und der Jenseitshoffnung”, obendrauf “selbstquälerische Liebeslogik”, die erfüllte Liebe nur als wechselseitiges Glück möglich hält und demnach — news and surprise — das ernst nehmen muss, was heute significant other heißt, und alles mit “erotischer Motivik als zentraler Bestandteil der geistlichen Bildersprache” — mithin etwas Zwingendes auf dem Wege von mittelalterlicher Marienminne über Shakespeare zu den 1990er Riot Grrrlz. Ein Job für Oskar Supermaus — oder für Pink Floyd? oder ein Wagnerorchester, das Hollywoodschinken versoundtrackt? oder Tom Waits plus zwei schläfrige Bierdümpfel an Pump Organ und Singender Säge? Zu wievielt, hieß es, haben Hille und Kollegen das eingespielt…? — Und woher und von wem sind eigentlich die ganzen anderen nötigen Übersetzungen?

Bilder: Hille Perl & Lee Santana in St. Gallen, 2009;
John Donne, ca 1595;
I Heard the Mermaids Singing, 2008.

Written by Wolf

22. May 2010 at 12:01 am

Posted in Moses Wolf

I’ve wasted so much time writing songs and playing on my guitar

with 2 comments

From the series of sinnstiftende songs:

Video directed by Andy Douglass; camera by Nick Donnelly & Andrew Stebulitis @ Moving picture productions; additional camera by John Laws.

Christina Dichterliebchen träumt. PolaroidYoung Rebel Set: If I Was, 2009.

If I was a sailor, I would sail you out to sea,
take you across the ocean and ask you to marry me.
Oh if I was sailor, I would sail you home to me. […]

And if I was a writer, I would write a book on you,
I’d tell them all the stories of the things we used to do.
Oh if I was a writer, I would write the book on you.

Polaroid: Christina Dichterliebchen, April 29, 2011.

Written by Wolf

3. June 2011 at 7:06 am

Posted in Laderaum

New Bedford bei Kaufbeuren

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Update zu Father Mapple Goes to the Top Again und Ahab voraus:

Schiffe ruhig weiter,
wenn der Mast auch bricht.
Er ist dein Begleiter,
er vergisst dich nicht.

Christoph August Tiedge: Urania

Schiffskanzel Irsee, Alte AnsichtskarteWas Father Mapple in Kapitel 8: Die Kanzel besteigt, ist eine Schiffskanzel und auch in Deutschland vorrätig: in Irsee, ein Stück auf der B16 nördlich Kaufbeuren im Allgäu.

Es sind immer die Landratten, die maritimer Romantik am zugänglichsten sind; man sehe sich allein die Teilnhemer an Moby-Dick™ an. Joachim Ringelnatz, ein oft und gern genannter Lieblingsdichter und erfahrener Seebär mit bestechend schönen, überaus authentischen Seemannsgedichten, stammte aus Sachsen. Die Marineeinheiten der Bundeswehr schätzen den auffallenden Zulauf an Freiwilligen aus Bayern.

Und Ignaz Hillenbrand aus dem schwäbischen Türkheim, ein spärlich belegter Meister des Barock, baute 1724/25 eine sage und schreibe Schiffskanzel in die Klosterkirche der Benediktinerabtei Irsee im Allgäu.

Für die Kirche außen herum arbeitete der Maler und Stukkateur Johann Baptist Zimmermann zunächst mit seinem Bruder, dem Baumeister Dominikus zusammen, dann dann mit dem flämisch-deutschen Baumeister und Dekorateur François de Cuvilliés dem Älteren. Für das Schmuckwerk war der Bildhauer Hillenbrand in enger Zusammenarbeit mit der Kunstschreinerfamilie Bergmüller zuständig.

Der Schwabe war schon 1725 mit dem guten Stück fertig, konnte also schlecht von Moby-Dick inspiriert sein. Selbst 1851 war Father Mapples Originalkanzel noch eine stimmungsvolle freie Erfindung von Herman Melville. Wer heute nach New Bedford, Massachusetts reist, wo er dem New Bedford Whaling National Historical Park nur schwer ausweichen kann, trifft ebenfalls auf so eine Schiffskanzel im konfessionslosen Gotteshaus Seamen’s Bethel, Father Mapples Kirche, die 1832 fertig war und deshalb schon Melville zur Anschauung dienen konnte.

Die Kanzel in Schiffsform ist da allerdings erst 1961 nachträglich hineingebaut – und dann etwas platt in Bodennähe, nicht wie bei Melville in Ehrfurcht gebietender Höhe zum donnernden Runterpredigen und ganz ohne stilechte Strickleiter. Das war unter dem Eindruck von John Hustons Verfilmung von 1956, als plötzlich Filmfans aus aller Welt anreisten und Father Mapples Kanzel sehen wollten. Schade, dass Huston nur die Außenaufnahmen on location in New Bedford gedreht hatte; Orson Welles in der Rolle des Father Mapple predigte in Studiokulissen.

Schiffskanzel Irsee, irsee.deWas treibt nun einen Handwerker mit künstlerischen Ambitionen aus der bedeutungslosen Seefahrernation Schwaben dazu, seine Auftragskirche mit Schiffen zu möblieren? Gerade deswegen?

Das Schiff steht seit den Alten Ägyptern, vor allem auch in bronzezeitlichen Schiffssetzungen in Stein (zum Beispiel auf Gotland) für die Reise ins Jenseits. Auch die Fahrt der Pequod, symbolbeladen wie sie ist, dürfen wir als Seelenreise auf der Suche nach einer anderen Welt begreifen, und an Endzeitstimmung herrscht in Moby-Dick kein Mangel. Am deutlichsten wird das, als Queequeg sich wegen deutlicher Todesahnungen in Kapitel 110 einen Sarg schreinern lässt (hard facts nach Eugen Drewermann: Moby Dick oder: Vom Ungeheuren, ein Mensch zu sein, Seite 449 f.).

In der mittelelalterlichen Symbolik steht das Schiff für die Kirche schlechthin: Auf dem Ozean der Welten bietet sie Sicherheit und segelt stolz durch die Stürme der Zeit, die Kirche. Und streng hierarchisch organisiert ist sie ja auch. Hören wir dazu Captain Ahab, der das wissen muss und mit geladener Muskete im Anschlag vertritt:

There is one God that is Lord over the earth, and one Captain that is lord over the Pequod. – On deck!

oder in der Jendis-Übersetzung:

Es gibt einen Gott, welcher ist Herr über die Erde, und es gibt einen Kapitän, welcher ist Herr über die Pequod. – An Deck!

Ahab zu Starbuck, Kapitel 109

Das ist doch ein Wort, hol’s der Klabautermann.


Besuchet auch die ehemalige Benediktiner-Klosterkirche in Irsee bei Johannes Michalowsky! Am besten richtig, aber wenn elektronisch, dann dort. Der hat da eine lohnende Bilderschau mit 21 großen, sonnigen Bildern von einem Ausflug von der Kirche von außen bis zum Klosterbiergarten in angenehm unprätenziösem, einsnulligem Webdesign liebevoll selbst hergestellt, die fast die Anreise erspart.

Klosterkirche Irsee, Altarraum

Bild: Irseer Schiffskanzel, Alte Ansichtskarten; Kanzel von rechts unten: Markt Irsee; Altarraum: Johannes Michalowsky.

Written by Wolf

26. August 2007 at 12:01 am