Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for the ‘Ausguck’ Category

Avril on the Ground

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Update zu Ambra (Love Is a Touchscreen App):

Man erlebt meistens angenehme Überraschungen, wenn man in der Stadtbibliothek einfach irgendwelche DVDs mit einpackt, manchmal sind auch Offenbarungen dabei. Die Best Damn Tour: Live in Toronto von Avril Lavigne war ganz okay. Ein springfröhliches, ehrbares Gerocke und Gepunke mit lustigem Abgang, das gute Laune macht, das geht schon klar.

In München hängt derzeit massiv die Plakatkampagne für ihre neue Goodbye Lullaby. Au fein, denk ich — die jungische Rotzröhre im Gotenkleidchen hat was Neues gemacht, daheim mal YouTube anschmeißen. Und jetzt sagen wir’s mal so: Ich erspare uns allen das Video zu What the Hell. Die Frau will 2011 siebenundzwanzig Jahre alt werden; sie entdeckt nicht soeben staunend ihre Sexualität, sondern wurde 2009 geschieden — und sie scheut sich nicht, ihren Collegefilmchensound mit einem dünnen Alibi für eine Geschichte über freche Schulmädchen zu untermalen, die ihre persönliche Freiheit über die Möglichkeit definieren, gedankenlos, wenn nicht offensiv anderer Leute Geld zu verschleudern und dafür geliebt werden wollen. Das ist so mies, dass es schon wieder surreal ist.

Es muss also Absicht sein. Nicht wahr, Frau Lavigne, das ist es doch: Absicht? Nicht wahr, das meinen sie doch bestimmt wieder so, na, Dings, ironisch, dass man’s nur in Berlin Mitte kapiert und zur Not noch in Ontario, wo Sie doch, wie man hört, herkommen, und nur wir Tom-Waits-verseuchten Landeier, die achthundertseitige Bücher aus dem neunzehnten Jahrhundert lesen und dazu das Orgelwerk von Bach auf Anschlag stellen, weil sie’s immer etwas gröber brauchen, wieder nix schnallen? Bitte sagen Sie schon, dass es Absicht war, ich will Sie doch eigentlich mögen.

Frau Lavigne aber schweigt. Jedenfalls zu ihrer neuen Platte ist ihr interviewweise nichts anderes zu abzuringen als was ihr die PR-Mieze von RCA Records zu lernen aufgegeben hat. Tragisch, sowas.

Akustisch bekommt die junge Frau Lavigne recht durchwachsene Sachen zu tun: Eindeutigere Einschätzungen als “Ihr Musikstil ist zwischen Pop und Rock angesiedelt” und “Durch diese Einflüsse, dem Musikgenre und ihren persönlichen Stil wird Lavigne von den Massenmedien häufig als Punk beschrieben” (sic) sind offenbar nicht möglich. Jetzt kriegt sie eben die volle Palette Himbeerbonbon-Punk zugetraut samt der Attitüde, dass sie “ihre Songs selber schreibt”. Optisch dagegen schafft sie ein Genre mit, das sich bislang hauptsächlich in besonderen Flickr-Gruppen manifestiert. Keine Ahnung, wie das heißt. Sieht aber spaßig aus. Definieren wir es vorläufig übers Bildmaterial. (Verlinkt sind größere Bilder, als sie hier erscheinen. Selbstverständlich sind den Freunden des gepflegten Frauenfußes, die sich gerne bei uns einfinden, längst die Funktionen “Grafik anzeigen”, “Grafik speichern unter” und “Grafikadresse kopieren” hinter der rechten Maustaste in die Klickroutine übergegangen.)

The Faintest Way, Piano

Dazu Avril Lavignes Beitrag:

Avril Lavigne, Goodbye Lullaby Cover outtake, 2011

Avril Lavigne, Goodbye Lullaby Cover outtake, 2011

Und jetzt weiß ich’s wieder: Auf der Live in Toronto war sie auch nicht in den überengagierten Videos, sondern live am besten. Mittlerweile kann dazukommen, dass modernistische Neuinterpretationen von Alice in Wonderland überstrapaziert werden. Vielleicht sollte man solche Sachen immer erst zwanzig Jahre ruhen lassen, bis sie wieder reif zum Entdecken sind.

Bildmaterial: das meiste aus Flickr, und da aus dem Pool von My Love Affair With The Piano ;
Video: Avril Lavigne: Alice (Underground), aus: Almost Alice, dem Soundtrack zur Alice in Wonderland-Verunglimpfung von Tim Burton, 2010.

Written by Wolf

26. March 2011 at 2:05 pm

Posted in Rabe Wolf

Cats in the Cradle and the Silver Spoon, Little Boy Blue and the Aufmerksamkeitsspanne

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Update zu Das Schwirren eines Vogels auf Blütenblättern, der Aufprall einer Nippesfigur auf dem Fußboden:

Wir scheinen eine ganze Menge über Konzentrationsspannen zu wissen, jene Bestandteile des Charakters, die im digitalen Zeitalter zu Äquivalenten der Seelen geworden sind. […] Vielleicht liegt es daran, dass mein eigenes Gehirn zu oft in den endlosen Weiten des Internets herumschwebt, aber ich verstehe das einfach nicht. Ganz egal, ob uns das Netz nun dümmer oder schlauer macht: Ist nicht an der Idee, dass eine mysteriöse “Spanne” im Gehirn gewisse Dinge anziehender macht als andere, etwas faul? […] Wie haben wir uns nur zu dieser unglücklichen Vorstellung der Aufmerksamkeitsspanne nebst der dazugehörigen Idee versteigen können, dass eine größere Konzentrationsspanne das moralisch und ästhetisch wertvollste Gut der Menschheit ist?

“Lisa?”

Der Sandkasten ist genau unter meinem Bürofenster.

“Liiisa!”

Elena Kalis, Alice's Book, 14. August 2009Ich hab keine Kinder. Wenn ich den Dialogen im Hinterhof zuhören muss, fällt mir manchmal wieder ein, warum.

“Lisa, kommt jetzt rein.”

Die Mutter ruft. Es ist die Mutter, die immer ruft. Aus dem dritten Stock, soviel ich weiß. Eigens hinauszuspähen fände ich indiskret.

“Du sollst jetzt reinkommen, Lisa.”

Lisa spielt anscheinend oft sehr selbstvergessen im Sandkasten. Ihre Stimme kenne ich nicht, nur die ihrer Mutter. Auf die eine Weise ein durchaus braves Kind.

“Lisa! Rein jetzt mit dir! Es wird spät!”

Da hat die Mutter Recht. Früher am Nachmittag ist der Sandkasten nämlich von Müttern umlagert. Dann herrscht auch viel mehr Geschrei. Lauter Hochbegabte.

“Lisa! Ich sag dir das kein zweites Mal!”

Worin äußert sich eigentlich Hochbegabung? Schneller Auffassungsgabe? Durchsetzungsvermögen? Zielorientierten Problemlösungsstrategien? Transferdenken? Empfänglichkeit für oder Resistenz gegen Erziehungseinflüsse? Eigenständigen Handlungsansätzen? Einer langen Aufmerksamkeitsspanne beim Spielen? Neugier auf neuartige Nahrung oder Bewahren von Bewährtem? Essen mit den Fingern, mit Silberlöffeln oder mit schwer zugänglichen Gerätschaften? Verbissenem Durchhalten oder rechtzeitigem Hinschmeißen? Lautem oder leisem Verhalten?

“Li-sahh…”

Defintionssache, nehme ich an.

“Himmelherrgottnochmal, Lisa!”

Obacht, gleich sagt sie’s wieder.

“Na wart, wenn ich dir rauskomm!”

In anderen Zeiten wurde Zerstreuung nicht als etwas angesehen, für das man sich zu schämen hat. Im Gegenteil, sie wurde immer wieder gepriesen — als Autonomie, Ausgelassenheit, Vielseitigkeit. Grüblerisch, düster oder zwanghaft zu sein galt als viel bedenklicher als die Frage, ob man sich leicht ablenken lasse. In “Moby Dick” versucht Starbuck, Ahab von seiner fixen Idee abzulenken, indem er ihm seine Familie in Nantucket ins Gedächtnis ruft. Ahab aber bleibt unter dem Bann eines “grausamen, unerbittlichen Imperators” — der totalen Fokussierung — auf seinem tödlichen Kurs[:

“What is it, what nameless, inscrutable, unearthly thing is it; what cozzening, hidden lord and master, and cruel, remorseless emperor commands me; that against all natural lovings and longings, I so keep pushing, and crowding, and jamming myself on all the time; recklessly making me ready to do what in my own proper, natural heart, I durst not so much as dare? Is Ahab, Ahab? Is it I, God, or who, that lifts this arm?”]

Ahabs dunkles Schicksal resultiert aus seiner Unfähigkeit, sich ablenken zu lassen.

Das ist jetzt nicht zusammenerfunden. Die Gastgeberin hatte zu ihrem Geburtstag auch ihren Exfreund eingeladen, weil sie keine war, die sich im Streit trennt, und Monika musste man nicht einladen, die erschien sowieso auf jeder Feier in der Gegend. Das Wunder war also eher, dass der Exfreund und Monika sich noch nie über den Weg gelaufen waren.

Rebecca Acoustic, I'm Late, I'm Late, For a Very Important Date, 15. März 2010Christina, wie sie mir zu wiederholten Malen erzählte, hatte sich im Lauf des Abends an Teletennis festgefressen, das war gerade der höchste Stand der Computertechnik. Heute wirkt das Spiel steinzeitlich — schon gar nicht mehr lächerlich, vielmehr in seiner Schlichtheit genial von hinten herein. Christina übernahm die Fernbedienung, als alle Geburtstagsgäste sich längst gelangweilt abgewandt hatten, weil Gespräche interessanter und damals noch ohne Insiderwissen über Computerdinge möglich waren. Hinter ihr verabschiedeten sich Gäste, die “morgen früh raus” mussten, oder sanken einschließlich der Gastgeberin nacheinander in trunkenen Schlaf. Der Exfreund und Monika blieben auf dem Sofa übrig. Und Christina, zwei Meter daneben im Schneidersitz auf dem Fußboden, in Teletennis vertieft.

Das muss sich man sich wohl so vorstellen, dass der Fernseher mit dem Tennisspiel — zwei grüne Balken und ein grüner Punkt auf schwarzem Hintergrund — noch die einzige Beleuchtung war. Im Kassettenrekorder hatte jemand eine 90-Minuten-Sammlung mieser Metal-Balladen auf Repeat gestellt und vergessen. Und kennt ihr noch den einzigen Soundeffekt von Teletennis? “Tut! Tut! … Tut! Tut! … Tut! Tut!”, so ungefähr, sehr künstlich, monoton und ausdauernd. Wenn eine Zeitlang nichts anderes läuft, das Schnarchen von ein paar übriggebliebenen Besoffenen nur mehr zu ahnen, ergibt das einen richtig hypnotischen Klangteppich.

Auf den Exfreund und Monika wirkte es. Nach kurzer Zeit war ihnen egal, dass in Armweite Christina noch in den Inkunabeln der Computerspiele gründelte. In den Klangteppich mischten sich Küsse. Danach Murmeln, Kichern, das Abstreifen von Kleidern, das Reiben von Haut an Haut, Atmen und Hauchen und das Knarzen von Sofafedern. Rhythmisches Quietschen, das schneller und langsamer wurde, von häufigem nassen Klatschen durchsetzt, dazwischen unterdrücktes Stöhnen, das ganze bekannte Kuschelmuschel. Es störte weder den Exfreund beim Kennenlernen seiner nächsten Freundin Monika noch Christina beim Teletennis.

Christina spielte eine Runde nach der anderen, fand nicht einmal Zeit, sich nach den Turteltäubchen umzuwenden. Nicht einmal, als der Exfreund in einer Pause laut fragte:

“Christina, du bist ja auch noch da. Komm zu uns, mach auch mit. Hopp, macht Spaß. Komm bitte.” Es klang freundlich und bestimmt, Christina fiel das “Bitte” auf. Das erste und einzige Mal schaute sie kurz über die Schulter und erblickte seine glänzende Erektion und wie er aufmunternd mit einer angebrochenen Zwölferpackung XXL-Kondome klapperte. Darüber verfehlte sie fast einen leuchtgrünen Tennispunkt.

Monika sprang bei: “Ja, komm auch rauf. Der soll zeigen, ob er zwei von uns schafft”, rummelte mit dem ganzen Leib und dehnte ihn verlockend, um sich zu zeigen. Christinas flüchtiger Blick erhaschte einen fingerlangen Cowboy zu Pferde, mit blauer Farbe auf eine beneidenswert glatte Wade tätowiert, hohe, stolze Brüste und feuchte Lippen:

“Komm. Bitte.”

Ein Impuls, den Mund an eine ganze Reihe von Stellen an diesem Mann und dieser Frau zu legen, zuckte durch Christina. Sie verlor eine Runde.

Hinter ihr lachten, küssten und turtelten die beiden Liebenden, der eine mit entschieden tieferer, die andere mit höherer Stimme als zuvor in der Abendrunde. In beiden Stimmen schwang noch frische Erregung. Zu Christina sprach jedoch kein abgeschottetes Paar, sondern zwei Freunde. Sie hatten Lust: Lust aufeinander; Lust, ihre Freude und Freundschaft zu teilen, damit sie größer wurde; und Lust auf sie, auf Christina; Christina war gemeint. Sie hielten die zufällig anwesende hübsche junge Frau in Blüte, Saft und Kraft ihrer Körperlichkeit ihrer neuen Freude an der eigenen Lust wert, deshalb boten sie ihr die Hand und alles, was dahinter kommt. Weder jetzt noch später, musste Christina zugeben, konnte sie etwas Verbotenes, Verkehrtes oder nur Anzügliches daran finden. Man lud sie freundschaftlich zum Feiern gesunder Körper und Gemüter und zum gegenseitigen Entdecken ein, nicht anders als jemand sagen würde: “Schau doch, was für guten Wein wir haben, probier auch mal, den wirst du mögen, er macht fröhlich.”

Im Zimmer roch es nach abgestandenen Alkoholika, inzwischen auch nach Sex, es dampfte regelrecht. Und Christina fiel nicht mehr dazu ein als: “Ja, gleich” und die nächste Runde Teletennis anzuwählen. Sie brachte sich selbst und noch zwei andere um eine kostbare, da selten zustande kommende Dreiererfahrung, weil sie nicht von einem primitiven Computerspiel loskam.

Hinter sich hörte Christina noch lange verschiedene Phasen sexueller Handlungen aufleben und sich beruhigen, zählte je drei Höhepunkte mit und spielte daneben die Rolle eines mehr oder weniger beseelten Möbelstücks. Als durchs Fenster die Morgendämmerung blinzelte, zwang sie sich endlich, den Fernseher mit dem Tennisspiel auszuschalten. Auf dem Sofa hinter ihr war das Liebespaar eingeschlafen. Monika rasierte sich schon damals, Anfang der Neunziger, gewohnheitsmäßig im Schritt, das sah wie ein Lächeln aus. Sogar ihre eine freigelegte Brust guckte im Schlaf zufrieden drein. Auf der anderen Brust ruhte eine Männerhand, die Finger der anderen Hand waren mit ihren verschränkt. Sie lagen so eng beisammen, dass einer die Luft des anderen atmete, auf dem Sofa war noch Platz.

“Das wäre meiner gewesen”, dachte Christina, während sie sich in Jacke und Schal wickelte; die erste Straßenbahn war längst durch. Das bedauert sie heute. Jedenfalls stellt Christina es so dar, diese reuebehaftete Episode aus ihrem Liebesleben unterliegt im Lauf der Jahre kaum zusätzlichen Ausschmückungen, und der Guten hab ich bis jetzt noch jedes Wort geglaubt.

Das war zwölf Jahre bevor Farmville in Facebook implementiert wurde.

In der amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts suchen die Figuren Ablenkung vor allem, wenn sie traurig oder wütend sind. Kein Wunder: Zerstreuung scheint etwas Freundliches an sich zu haben. Tom Sawyer, der prototypische hyperaktive Lausbub, der lieber mit einem Käfer spielt als still in der Kirche zu sitzen, widersteht der Traurigkeit “nicht deshalb, weil seine Probleme weniger bitter oder schmerzlich für ihn wären, als es die eines Mannes für einen Mann sind, sondern weil ein neues, heftiges Interesse die Oberhand über sie gewann und sie für eine Weile aus seinem Geist verdrängte — genauso wie die Tragödien der Menschen in der Aufregung neuer Abenteuer vergessen werden.”

Eine Katze ist immer da. Katzen tun nicht, sie sind. Und sie sind es mit großer Selbstverständlichkeit, ein ganzes Katzenleben lang.

Lo, Donna wanna growing up, 8. Dezember 2009Unser Kumpel Harry wohnte mit einer Glückskatze namens Jennifer zusammen. Ein feingliedriger, geschmeidiger und dreifarbiger Mädchenmiez mit aufmerksamem Blick, der einem gestandenen Kerl wie Harry kein zweibeiniges Mädchen ersetzen konnte, aber nach ihren Mitteln immer für ihn da war. Wenn er nach Hause kam, hatte sie ihn längst am Klimpern seines Schlüsselbundes erkannt, setzte sich unter der Küchentür ihn Positur, guckte verständig und grüßte mit freudigem “Mrrp?”

Normalerweise bückte sich Harry zu ihr hinunter, um sie hinter dem Ohr zu kraulen. Dann lehnte Jennifer sich immer gegen seine Mannsbilderpranke und genoss die Zuwendung mit zugekniffenen Augen. Als Harry die Freundin bekam, mit der er möglicherweise alt werden wollte, ging noch alles gut. Sooft er in seine eigene Wohnung kam, strahlte er ein gewisses Glück aus. Jennifer bemerkte es und freute sich für ihn mit.

Noch bevor Harry Gelegenheit erhielt, uns seine Freundin in der Kneipe vorzustellen, worauf sie wohl auch keinen gesteigerten Wert legte, bezog die Dame einen bewohnbaren Leuchtturm in der Ostsee oder etwas ähnliches, um vom Verkauf selbst gestrickter Norwegerpullover und “süßer” Schiffspostkarten über etsy.com zu leben, konnte Harry jedenfalls nicht mehr brauchen und sägte ihn ab.

Von da an war er nicht mehr derselbe. Zwar hielt er sich so viel wie noch nie in seinem Leben in seiner Wohnung auf, hatte aber keinen Nerv mehr für Jennifer. Wenn er sich in seinem Einzelbett gründlich leid tat, hüpfte sie oft auf seinen Bauch und schleckte sein Gesicht ab. Er drückte sie weg. Richtig grob wurde er nie, brachte es ja kaum übers Herz, sie zu maßregeln, weil sie doch nur tat, was eine Katze tun muss, aber er nutzte die Zeit mit Jennifer nicht. Er erzählte es uns nie, aber ich glaube, mit der Zeit vergaß er Jennifer Futter hinzustellen.

“Wasn los mit dir”, sagte Jennifer zu Harry und schleckte ihm den Vierzehntagebart, “du musst raus und Futter kaufen und nette Frauchen kennenlernen!”

“Was weißt denn du”, sagte Harry zu Jennifer, “du bist doch bloß die Katze.”

“Mrrp?” sagte Jennifer.

Jennifer wurde 20. Das ist methusalisch für eine mädchenhafte Glückskatze. Niemand hatte Harry jemals weinen gesehen, schon gar nicht in der Kneipe. Dass diese Unschuld auf vier Pfötchen, die ganz bestimmt nie in ihrem Leben irgendwem etwas zuleide getan, noch nicht einmal den Mäusen im Keller, vor denen sie sich graulte, und allen Leuten immer nur Freude gemacht hatte, das schaffte Harry. Wenn er jetzt seine Tage auf dem Bett verbrachte und aus Gewohnheit ein Gewicht auf dem Bauch spürte, streichelte er ins Leere. Er füllte Jennifer noch regelmäßig den Napf auf, bis der Futtervorrat aufgebraucht war, danach traf ihn keiner mehr in der Kneipe.

Irgendwann haben wir damit aufgehört, Tom Sawyers Art von Zerstreutheit als Vitalität oder Disziplinproblem zu bezeichnen. Wir sahen darin plötzlich eine Krankheit, obwohl eine Zwillingsstudie zeigte, dass eine kurze Aufmerksamkeitsspanne nur ein Synonym für eine gewöhnliche Reizbarkeit und Launenhaftigkeit ist. Aber nicht die Tatsache, dass die Theorie über den Konzentrationsumfang etwas, was man früher einfach als gewöhnlich oder als Zeichen eines künstlerischen Charakters ansah, zu etwas Neuem machte, ist so falsch an dem ganzen Konzept. Solche kulturellen Umbenennungen oder Neuinterpretationen gibt es immer, wenn sich die Anforderungen der Gesellschaft an die Individuen ändern.

Das Problem an dem ganzen Diskurs ist vielmehr, dass er auf der Phantomidee eines Konzentrationsumfangs fußt. Ein gesunder “Aufmerksamkeitsumfang” ist nur wieder eine vage Sache mehr, von der wir ab jetzt glauben können, dass wir sie unrettbar verloren haben. Wir können jetzt darum trauern, dass wir sie verloren haben. Wir können uns sorgen, dass unsere Kinder sie nicht besitzen. Oder wir können die Kultur verteufeln, weil sie diese Spanne angeblich zerstört. Wer bitte braucht so etwas?

So ganz insgesamt im Groben glaube ich, dass man sein Leben nutzen sollte, solange es besteht. Ja, natürlich ist das eine Binse, und gerade ich muss da überhaupt nicht siebengescheit rumdozieren. Fangt trotzdem gleich damit an.

Zitate: Virginia Heffernan: Eine Krankheit namens Vitalität. Wer hat eigentlich den neurologischen Mythos von der Aufmerksamkeitsspanne erfunden? in: Süddeutsche zeitung, 28. Dezemeber 2010, Feuilleton Seite 11, aus dem Englischen von Sarah Ehrmann und Alex Rühle. — “Die Autorin ist Fernsehkritikerin der New York Times. In ihrem Blog ‘The Medium — The Way We Watch Now‘ untersucht sie die Auswirkungen neuer Medien auf die Gesellschaft.”

Alices in Wonderlands: Elena Kalis: Alice’s Book, 14. August 2009;
Rebecca Acoustic: I’m late! I’m late! For a very important date!, 15. März 2010;
Lo: Donna Wanna Growing Up!, 8. Dezember 2009.

Soundtrack: Tom Waits: I Don’t Wanna Grow Up, aus: Bone Machine, 1992.

Written by Wolf

21. February 2011 at 8:32 am

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Like the Starfish on the Beach, on cherchait le même port (Schwöckorie!)

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Update zu Wief la Schohsoh:

Reife Menschen ermutigen mich, auch mal was für Senioren zu bringen. Das war anlässlich einer endlich mal verwendbaren Transkription von Jacques Brel: Ne me quitte pas. Man sollte viel mehr auf reife Menschen hören.

Vor allem zu Allerheiligen, wo man seiner Toten gedenkt und sich in der Folge davon seiner eigenen Endlichkeit bewusst wird — und das meine ich nicht halb so sarkastisch, wie solche morbide Lebensfreude geradezu klingen muss; sarkastisch werd ich dann später, damit Sie den Unterschied sehen.

Wer heute anfängt, sich mit der Begrenztheit seines Erdenlebens auseinanderzusetzen, hat ziemlich sicher an den Lagerfeuern seiner Jugend Seasons in the Sun zur Wanderklampfe gesungen. Vielleicht kam es sogar in der Schule dran, weil der Englischlehrer das auch kannte und es ein ernstes Thema war, dazu noch für Elftklässler einwandfrei verständlich gesungen.

Französische Lieder kamen an den Lagerfeuern niemals zu Aufführung und Gehör. Das kommt, weil immer die Jungs singen mussten und das Französische auf eine viel zu weibliche, wenn nicht: weibische Weise als schön gilt. Seine Coolness zu verteidigen war an damals noch unbeleuchteten Baggerseen mit damals noch ungewohnten zwei Promille in einem Schädel, der sich bis in die frühen Morgenstunden auf Liedertexte und die zugehörigen Gitarrengriffe besinnen musste, anstrengend genug, auch ohne schwule Schlager zu näseln.

So entging dem jugendlichen Bewusstsein Jacques Brel. Wie affig sein Gesäusel in deutschen Ohren immer klang, so nahe kommt der Mann in Thematik und Qualität an, sagen wir, den amerikanischen Großlyriker Bob Dylan, dessen Kompetenz in Coolnessfragen man ja bis heute fraglos hinnimmt. Das war, wie man heute weiß, ein Fehler, mindestens ein Verlust. Junge Französinnen geraten selbst bei so befremdlichen Gestalten wie Serge Gainsbourg heute noch in kleine Ekstasen, und gegen den wirkt Jacques Brel fast schon wieder nachvollziehbar.

In Frankreich, so viel Einigkeit herrscht damals wie heute, leben die schönsten, liebsten und zugänglichsten Mädchen der Welt (außer in Irland, Norwegen, Polen, Russland und Schweden natürlich. Und Österreich). Ein Wissen, das mit der vergehenden Zeit immer wertvoller wird, denn in jedem französischen Film kann man meist sehr detailliert sehen, dass die alle schon mit 15 auf Kerle im Alter ihrer Großväter stehen. Gar nicht alt, hässlich, arrogant und begriffsstutzig können sie sein, offenbar wird das als Zeichen der Männlichkeit begriffen (siehe: Godard, Rohmer, Truffaut et al., 1945 ff.).

Etwas Wichtiges scheinen wir also von diesen exaltierten Oh-là-là-Säcken lernen zu können, weil die Französin an sich nicht lange fackelt. Vielleicht hört sie, wie auch wir wenige Absätze weiter oben beschlossen haben, auf reife Menschen. So wenig Skrupel sie haben wird, sich in Frage kommende Sexualpartner aktiv vom Boulevard oder vom Lavendelfeld zu pflücken, so unmissverständlich wird sie einen wissen lassen, dass ihr sa gueule nicht passt. Das spart allen Beteiligten sehr viel Herzschmerz und Lebenszeit — womit wir wieder bei der Vergänglichkeit menschlichen Lebens wären.

Seasons in the Sun, hieß es, handelt von ernsten Dingen: Es handelt von nichts Geringerem als vom Sterben aus der Sicht des Sterbenden. Das Original zu dieser Nachdichtung von Terry Jacks — Le moribond von Jacques Brel, hat schon die prinzipell gleiche Handlung, nennt sie aber schon unverhohlener im Titel: Gegen Der Moribunde nimmt sich Zeiten in der Sonne reichlich weichgespült aus.

Auch sonst ist Brels Vorlage zu einem nicht vollends uncoolen, bei näherem Hinhören jedoch ängstlich mehrheitsfähig zurechtgebogenen Welthit weit knorriger und von einem viel trotziger entschlossenen Lebenshunger. Jacks leidet (wenngleich aus Gründen), Brel lacht unter Tränen.

Allein die Interpretation: Wenn einer auf dem Totenbett liegt und Abschied von allem Liebgewonnenen nimmt — wird der um sein Leben aus sich pressen, soviel noch geht, oder wird der sich an einem sphärischen Streichersatz entlangsäuseln? Na also.

Was ich Terry Jacks fast übel nehme, seit ich von dem Unterschied weiß: Brel verabschiedet sich von seiner Frau und von deren Liebhaber, wobei er klar Schiff macht und ihnen leider unbequeme Wahrheiten sagen muss. Die “Michelle” bei Terry Jacks dagegen war bestimmt seine Erste und Einzige, und angestellt hat sie anscheinend auch nicht Großes. Was man im außerlyrischen Leben sich und jedem anderen wünschen will, scheint mir für ein Sterbelied zu knochenlos. Michelle, you gave me love and helped me find the sun, pff. Wahrscheinlich trägt sie weiße Rüschenkleider mit rosa Schnallenschühchen und Margeritenkränze und singt amerikanische Pendants zu “Heile, heile, Gänschen” — was sie gerne soll, aber dann will ich es erfahren, Mister Feet-back-on-the-ground. So — und von welchem der zwei ist jetzt der schwule Schlager? (Was die zwei Kollegen, die sich meines Wissens nie getroffen haben, verbindet: Brel stammt als echter Franzose aus Belgien, Jacks stammt als echter Amerikaner aus Kanada. Doch, das ist ähnlicher Effekt.)

Niemand will das Verdienst von Seasons in the Sun mindern. Das ist ein nett zurechtgeschnulztes Späthippieliedchen, das man immerhin seinem Englischlehrer und seinen Eltern anbieten konnte, ohne dass es gleich wieder “Negermusik” war. Und dabei behält es das ganze Zeug zum jahrzehntelang haltbaren Ohrwurm und zum Lieblingslied. Das ist enorm viel. Selbst als Nachdichtung geht es in seiner musikalischen Leistung über eine Cover-Version hinaus; zum Vergleich: Adieu Emile von Klaus Hoffmann 1974 (auf LP 1975), das war eine Cover-Version. Außerdem entstammt Seasons in the Sun immer noch keiner Schlagerfabrikation, sondern dem Songwriting: Ich will Terry Jacks unterstellen, dass er nicht aus kommerziellen Erwägungen, sondern aus persönlicher Neigung den Text entschärft hat, er wollte das eben so und hat es getan. Das rettet ihn.

Beide Versionen sind ausgesprochene Allerheiligenlieder, auch wenn in beiden ausdrücklich im Frühling gestorben wird, weil’s so trauriger ist. Und als Weltpremiere bringe ich unten beide in Transkriptionen, die man endlich einfach ablesen und singen kann, ohne sich zuvor im Englisch- oder schlimmer: Französischunterricht einen abzubrechen (die Stelle mit dem Sarkasmus liegt übrigens schon lange wieder hinter uns; haben Sie ihn bemerkt?). Oder wie es mein Vater ausdrückt, der seit mindestens vierzig Jahren mit seiner Endlichkeit herumkokettiert: “Kammer des ned af Deidsch soong?!”

Fällt Ihnen was an der Form der Strophen auf? Die sind fünfzeilig, also ähnlich getaktet wie Limericks. Das ist selten und hohe Schule, wenn es auf eine Melodie passen soll, und eindeutig Jacques Brels Leistung. Chapeu, Monsieur.

Schack Brell: Lö Morriboooh (1961)

1.: Adjölemiel schötemme bjeh,
adjölemiel schötemme bjeh tüsäh.
Onnaschohteh lehmähm Wäh,
onnaschohteh lehmähm Vieh,
onnaschohteh lehmähm Schagräh.

Pong: Adjölemiel schöwäh murier!
Se dürdmurier opräntoh tüsäh,
mähschpahr oflöhr labäh dohlahm.
Karwück tüwä boh kommdü Pähbloh,
schßähk tüprohdra swoäd Mafamm.

Röfräh: Schwöckorie! Schwöckodohs!
Schwöcko samühs kommdefuh!
Schwöckorie! Schwöckodohs!
Koh säckomö mettra doltruh.

2.: Adjöküreh schötemme bjeh,
adjöküreh schötemme bjeh tüsäh.
Onnetäh bah dümähm Bohr,
onnetäh bah dümähm Schömäh,
mäsong scherschäh lömähm Bohr.

Pong: Adjöküreh schöwäh murier!
Se dürdmurier opräntoh tüsäh,
mähschpahr oflöhr labäh dohlahm.
Karwück tüwötä song Kongfidong,
schßähk tüprohdra swoäd Mafamm.

Röfräh: Schwöckorie! Schwöckodohs!
Schwöcko samühs kommdefuh!
Schwöckorie! Schwöckodohs!
Koh säckomö mettra doltruh.

3.: Adjölongtwann schöttmäh bah bjeh,
adjölongtwann schötmäh bah bjeh tüsäh.
Schong kräft kröweh oschurdwüi,
aloch ktwa tüwä bjehwiwong,
emähm plüssolied klennüi.

Pong: Adjölongtwann schöwäh murier!
Se dürdmurier opräntoh tüsäh,
mähschpahr oflöhr labäh dohlahm.
Karwück tüwötä song Among,
schßähk tüprohdra swoäd Mafamm.

Röfräh: Schwöckorie! Schwöckodohs!
Schwöcko samühs kommdefuh!
Schwöckorie! Schwöckodohs!
Koh säckomö mettra doltruh.

4.: Adjömafamm schötemme bjeh,
adjömafamm schötemme bjeh tüsäh.
Mäschbrohl Träh purl Bohdjöh,
schbrohl Träh kijett awohltjäh,
mäsongbrong dull Träh kong böh.

Pong: Adjömafamm schöwäh murier!
Se dürdmurier opräntoh tüsäh,
mähschpahr oflöhr Lesjöhfermeh Mafamm.
Karwück schlesähfermeh suwong,
schßähk tüprohdra swoäd Monamm

Röfräh: Schwöckorie! Schwöckodohs!
Schwöcko samühs kommdefuh!
Schwöckorie! Schwöckodohs!
Koh säckomö mettra doltruh.

Terri Tschex: Siesen Sinser Sann (1973)

1.: Gubeitujumei Trastepfrend,
wiff nounitschawwer sinzwiewer neinotenn.
Tugewwer wickleim Hilsentries,
lörnbaut lafen Äibisiehs,
skindau Harzen skindau Nies.

Britsch: Gubeimei Frenditz hatudei,
wenolzer Börza singen ihnzerskei,
nausetzer Springi sinzi Her.
Priddi Gölza ewriwehr,
finkof miehen eilbisehr.

Kohrus: Wiehe Tscheu, wiehe Pfann,
wiehe Ziesens inzersann,
batzer Hilsetwi kleim
wörtschas Ziesen sautofteim.

2.: Gubei Papaplies präifomieh,
eiwoser Bleckschiep ofser Fähmilie.
Jutreitu tietschmi Reitfromrong.
Tumatsch weinen tumatsch Song,
wonder Hauei gatterlong.

Britsch: Gubei Papahitz hatudei,
wenolzer Börza singen ihnzerskei,
nausetzer Springi sinzi Her.
Liddl Tschildren ewriwehr,
wenju sisem eilbisehr.

Kohrus: ||: Wiehe Tscheu, wiehe Pfann,
wiehe Ziesens inzersann,
batzer Weinenzer Song
leixer Ziesen hewolgonn. :||

3.: Gubeimi Schelma liddelwann,
jugäfmi Lafen helpmifein zersann,
enewri Teimenei wosdaun
juwudowes Kammeraund
engetma Fitbeck onzergraund.

Britsch: Gubeimi Schelitz hatudei,
wenolzer Börza singen ihnzerskei,
nausetzer Springi sinzi Her,
wiffer Flauers ewriwehr,
Eiwischset wikudboff bisehr.

Kohrus: ||: Wiehe Tscheu, wiehe Pfann,
wiehe Ziesens inzersann,
batzer Stah swikudrietsch
leixer Stafisch onzerbietsch. :||

Fäidaut: Wiehe Tscheu, wiehe Pfann,
wiehe Ziesens inzersann,
batzer Weinenzer Song
leixer Ziesen hewolgonn.

Ohlau Leif wiehe Pfann,
wiehe Ziesens inzersann,
batzer Hilsetwi kleim
wörtschas Ziesen sautofteim.

Written by Wolf

1. November 2010 at 12:01 am

Posted in Rabe Wolf

Uncollected, Lost and Found

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Update for Anna W. Walii’s comment on GeviertstricheEm Dashes
and Ihr seid so gut:

To ——— [first version]

Ah, wherefore, lonely, to and fro
Flittest like the shades that go
Pale wandering by the weedy stream?
We, like these, are but a dream:
Then dreams, and less, our passions be;
Yea, fear and sorrow, and despair
Be but phantoms. But what plea
Avails here? phantoms having power
To make the heart quake and the spirit cower.

The place Anna W. Walii found the pictured pages with poems was an abandoned former holiday camp for boys called Boys Village, located in South Wales, UK. It was demolished and had not been in use for approximately 15 years (which could have been 20, could have been 10).

Everything was removed from the place, and that’s why Anna was so surprised to see some pages from the book spread around. Now the question was, for how long they had been around? They look quite old, but at the same time, if they were left there since Boys Village times, they would have been in a much worse condition. And perhaps the book was not all about Herman Melville exclusively, perhaps this was a collected works of different poets?

The pictures of texts used to be uploaded into an entry; Anna showed great interest if they looked familiar to me. Maybe, she presumed, it was much ado about nothing, but she was quite intrigued and would love to solve the mystery.

The poem text Anna obviously had searched for was Herman Melville’s To ———, which I used to adopt for a quite epic Melville-, poetry-, and Munich-related poem named Geviertstriche (Em Dashes), and which had not been online anywhere but here. I had taken it from my copy of John Bryant (ed.): Herman Melville: Tales, Poems, and Other Writings, an utter beautiful and very useful sampler of rare Melvillena, because I needed a rare English poem that existed in two versions.

Trouble with searching it is, none of the moderately differing versions of To ——— do even occur in the complete The Poems of Herman Melville by Douglas Robillard, since it was not included in any of Melville’s poetry collections. So John Bryant’s sampler seems to be the only available book containing To ———.

From the editor, we learn about To ———:

Melville considered including this poem among his Rose Poems, in Weeds and Wildings, but dropped it, no doubt because it lacks a rose or two. The poem echoes the “palely loitering” knight of Keats’s “La Belle Dame Sans Merci.” (See also “Pontoosuce.”)

Useful to hear — however no help for Anna, what book pages she found in South Wales. It is definitely not Bryant — but all three of the found poems are “uncollected” ones by Melville. So I assume that the book might have been one that had taken its function before Bryant was published in 2002. I encourage you to tell me or Anna if you have any hints.

In case somebody who knows the book is lead here, I cite Anna’s found poems in full text, from a newer site with all Collected Poems of Herman Melville (a dearly recommended link!):

Herman Melville, To ---------, book page

To ——— [second version]

Ah, wherefore, lonely, to and fro
Flittest like the shades that go
Pale wandering by the weedy stream?
We, like these, are but a dream:
Then dreams, and less, our miseries be;
Yea, fear and sorrow, pain, despair
Are but phantoms. But what plea
Avails here? phantoms having power
To make the heart quake and the spirit cower.

Herman Melville, Give Me the Nerve, book page

Give me the Nerve

     Give me the nerve
That never will swerve
Running out on life’s ledges of danger;
     Mine, mine be the nerve
That in peril will serve,
Since life is to safety a stranger.

     When roaring below
The cataracts go,
And tempests are over me scudding;
     Give, give me the calm
That is better than balm,
And the courage that keepeth new-budding.

Herman Melville, Give Me the Nerve, book page

My Jacket Old

My jacket old, with narrow seam—
When the dull day’s work is done
I dust it, and of Asia dream,
Old Asia of the sun!
There other garbs prevail;
Yea, lingering there, free robe and vest
Edenic Leisure’s age attest
Ere Work, alack, came in with Wail.

Books continue to be found and lost.

Images: Anna W. Walii, August 2009.

Written by Wolf

11. October 2010 at 6:55 am

Posted in Laderaum, Rabe Wolf

The rocket’s red glare, the bombs bursting in air gave proof thro’ the night that our flag was still there.

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Update zu Die Welt als Wille und Vorstellung
und Das singen die anderen: Oh Say Can You See?:

Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.

Arthur Schopenhauer, * 22. Februar 1788—† 21. September 1860:
Parerga und Paralipomena. Aphorismen zur Lebensweisheit. Von dem was einer vorstellt, 1851.

On September 14, 1814, while detained aboard a British ship during the bombardment of Ft. McHenry, Francis Scott Key witnessed at dawn the failure of the British attempt to take Baltimore. Based on this experience, he wrote a poem that poses the question “Oh, say does that Star-Spangled Banner yet wave?” Almost immediately Key’s poem was published and wedded to the tune of the “Anacreontic Song.”

Library of Congress: The Star-Spangled Banner Song Collection.

BIld: Girl with Flag and Gun, Seattle Municipal Archives, CF 215497 Letter of D. Carmignani et al., thanking Council for turning down E. Marginal Way Railroad franchise petition, February 1952.

Written by Wolf

21. September 2010 at 12:01 am

Posted in Rabe Wolf

Zwei Windjammer für eine Wasserleiche

with 2 comments

oder: Seefahrt ist not!

Elke feiert den und die Gorch Fock vermittelst eines Updates zu ihrem Kapitel 35: You hear of no domestic afflictions; bankrupt securities; fall of stocks:

Elke Hegewald“Denn nehm ik den Jungen mit no See, Mudder, dat weest du jo, dor is all genog ober snackt worden” […] “Un ik segg di soveel, Klaus Mees, du kriegst den Jungen ne mit no See! … Is genog, wat ik em soveel oppe Ilw loten mütt: no See schall he noch ne!” […] »Geef di, Gesa… De Jung kummt düssen Sommer mit no See, dat is so gewiß as de Heben. He schall bitieds seefast warrn!”

Aus: Gorch Fock. Seefahrt ist not!

Eigentlich sollte die Geschichte ja mit einer Quizfrage anfangen:

Wie alt ist Gorch Fock?
a) 77 Jahre
b) 52 Jahre oder
c) 130 Jahre?

Doch umgehend geriet ich ins Grübeln: zum einen, ob man nicht eine ausgewachsene Meuterei anzettelte, auf dem Achterdeck des allgewaltigen Käpt’ns eigenmächtig Ratespiele auszusingen [Ach, woher denn. Die Preise müssen eh weg .ò) Der gewaltige Käpt’n]. Zum anderen, ob das überhaupt so eine glückliche Idee wäre. Schließlich sind neben dem Kerl im Ausguck auch zwei Damen beteiligt, und dass die nicht so gern auf ihr Alter angesprochen werden, weiß man ja. — Na gut, nur für die Passagiere auf dem Sonnendeck, die nicht weiterlesen wollen: richtig gewesen wäre c). Und a). Und b).

Für alle Leicht- und Vollmatrosen unter uns Hobby- und Mobyschiffern nochmal alles auf Anfang.

Gorch FockFast jeder lütte Jong im Norden träumt davon, zur See zu fahren. Erst recht, wenn er auf Hamburgs damals noch Elbinsel Finkenwerder mitten zwischen Fischern und Netzen und Kuttern zur Welt gekommen ist. Das Meer ist Abenteuer und Sturm und Wind und das Gegenteil von hinterm Ofen hocken. So wollte auch lütt Johann zur See, mehr als alles andere. Und die Zeichen standen gut: Er sprach ein lupenreines Inselplatt, kannte die gängigen Shanties und jeden verdammten Schullengrieper in der Gegend, handwerkliches wie familiäres Umfeld stimmten und als ältester Spross des Hochseefischers Kinau würde er sicher dereinst das Ruder von dessen Ewer übernehmen. Doch das Schicksal in Gestalt des Fischervadders wollte es anders. Selbiger befand nach kurzem Ausprobieren seinen Johann für seeuntüchtig und zu schwächlich und musterte ihn ab, kaum dass der auf dem Kahn angeheuert hatte.

So kam es, dass aus dem Jong kein Seewolf, sondern ein Bürohengst wurde. Was tut so einer mit seinen Träumen? Er gab sich einen Namen, der klang, als hätte er ihn vom vordersten Mast eines Seglers statt aus der buckligen Verwandtschaft gezerrt, und schrieb sich die Sehnsucht aus dem Leib.

Bald kannte jeder zeitgenössische lütte Hein und Kutteldaddeldu da oben Gorch Focks Gedichte und Geschichten über die See und das Fischerleben auf Hochdeutsch oder in munterem Platt oder beidem in eins und vorbei waren die Zeiten vom schmächtigen Johann. Erst in lokalen Blättern, schnell und erfolgreich bald mit eigenständigen Werken auf dem Markt, verströmte er, was die Leute lesen wollten. Das alles verpackt in eine kräftige Dosis Pathos, Nationalismus und Überschwangspatriotismus, die den heute Nachgewachsenen sicher weniger bekömmlich vorkommen. Aber womöglich erklären, warum späterhin nicht nur von einer auf tausend Jahre hochgetakelten Reichskriegsflotte, sondern auch einer anschließenden Friedensmarine Johanns Künstlername gleich zwei Windjammern auf den Bauch gepinselt ward, in deren Wanten mittlerweile Generationen von Seekadetten Zucht und Schliff und Segelhandwerk lernten.

Sein Bestsellerroman “Seefahrt ist not!” (beiläufig mit einem norddeutschen Father Mapple als Einstieg) brachte es dann gar zur norddeutschen Schulpflichtlektüre. In der statt des vergessenen Bürohengstes zudem ein raffiniert verfockter Schimmelreiter galoppiert, bisweilen sogar irgendwie rückwärts.

Das allerdings fand erst runde achtzig Jahre später sein Hamburger Stadt- und Landsmann Robert Wohlleben heraus. Was einen wiederum auch nicht sonderlich zu wundern braucht, wo man von dem ja schon ähnlich gefärbtes Entdeckertum inmitten Arno Schmidts “Caliban über Setebos” kennt. Wohlleben (dessen selbstverlegerte Abhandlung über den “Schimmelreiter von Finkenwerder” vielleicht hier mal einen extra Beitrag wert ist) sortiert den Johann nicht nur – aus Gründen – in eine Reihe mit uns’ allgelesenem Karl Mayen:

Literatur-Ikone wie Karl May ist auch Gorch Fock […]. An die Vielmillionen-Auflagen Karl Mays kommt sein eines Erfolgsbuch SEEFAHRT IST NOT! nicht ran, dazu ist es wohl zu wasserkantig. Aber mit etwa einer Million dürfte die Gesamtauflage nicht gar so falsch geschätzt sein. Inklusive der leicht gekürzten Schulausgabe aus der Nazizeit…

sondern verwahrt sich auch gegen dessen schnellschlichte und -schlüssige Einsortierung in deren braunes Gedankengut:

“Und nein: Ich lehne es strikt ab, Gorch Fock auf solcherlei Vereinnahmungen hin als »Vordenker nationalsozialistischer Ideologie« verstehen zu wollen. Soll ich denn die Faschisten in ihrem literarischen Urteil ernstnehmen?! So was passiert aber! Recht kürzlich erst durch KD im Nachschlageband zum Hamburger Liederbuch AN DE ECK STEIHT ’N JUNG MIT’N TÜDELBAND (Hamburg, Dölling und Galitz 1993). Wie auch immer bei Gorch Fock die deutsche Flagge weht und in den Briefen aus den Vernichtungsschlachten des ersten Weltkriegs bald etwas wie Chauvinismus aufgischtet … es fehlt der Kern todkalten Hasses. So führt die Gorch-Fock-Lektüre nicht zum Anblick dieser Gorgo Medusa, wie sie uns durch Faschismus bekannt sein sollte, sondern allenfalls zum Jammerbild der blind sich an Moden und »Zeitströmungen« ankuppelnden Ich-Schwäche. (Ach…!)

Zitate aus: Robert Wohlleben. Der Deichgraf blieb im Skagerrak, fulgura frango.

***

Gorch Fock setzt Segel, marine.deDer Vollständigkeit und der rhetorischen Quizfrage halber und natürlich, um unsere Windjammersammlung im Moby-Blog aufzubrezeln: Die Namenscousinen des nordischen Seestückschreibers, beide bei Blohm & Voss in Hamburg gebaut, haben ein ähnlich bewegtes Schicksal wie seine Helden vorzuweisen.

Die erste, 1933 getaufte, ging unter, zusammen mit einem tausendjährigen Reich, wenn auch – wie dieses – nicht ganz freiwillig. Sie wurde im Strelasund versenkt, um nicht in Feindeshand zu fallen.

Doch Totgesagte leben ja sprüchwörtlich länger. Die “Gorch Fock” I wurde mit Kosten und Mühen gehoben, um dann als Kriegsreparation an die Russen zu gehen. Aus ‘Gorch Fock’ wurde ein “Towarischtsch” (dt.: Genosse oder Kamerad), der als Segelschulschiff der Sowjet- und später der ukrainischen Marine jahrzehntelang alle sieben Meere kreuzte, bevor er 2003 nach Deutschland zurückgekauft wurde. Heute liegt die immer noch stolze Dreimastbark wieder unter ihrem alten Namen in Stralsund an der Ostsee vor Anker, Wiederflottmachung noch nicht ausgeschlossen. Bis dahin verdient die alte Dame die Mittel dafür oder ihr Gnadenbrot als Museum und Standesamt.

Warum das von der Bundesmarine 1958 bei Blohm & Voss in Auftrag gegebene und weitgehend baugleich gebaute neue Segelschulschiff wieder Gorch Fock heißt, blieb für mich im Dunkeln und vielleicht will man auch gar nicht so genau um seekriegspatriotische Traditionen wissen. Der Stapellauf war am 23. August 1958, einen Tag nach Johann Gorchs 78. Geburtstag. Die Bark ist über alles 89,32 Meter lang, 12 Meter breit und hat einen Tiefgang von 5,35 Metern. Ihr höchster Mast misst fast 45 Meter; sie verfügt über 10 Rah-, 6 Stag- und 4 Vorsegel, 2 Besane und ein Besantoppsegel. Und ihr Anblick unter vollen Segeln lässt nicht nur alte Seebärenherzen erbeben. Ein bisschen kurios ist die Geschichte ihrer Galionsfigur, ein stilisierter Albatros, und zwar schon der sechste. Vier gingen auf See verloren, was eigentlich seemännischen Aberglauben in blanke Panik stürzen müsste. Eine wurde 1969 wegen der Schwere des Holzes gegen eine polyesterne ausgetauscht und kam ins Museum. Eine weitere zerbrach bei der Schiffsüberholung 2001. Die aktuelle Galionsfigur ist aus Kohlefaser und wir wollen ihr ein langes Leben und feste Verbundenheit mit dem Bug ihres Seglers wünschen.

***

Was es mit dem ganz weit oben erwähnten Kerl im Ausguck auf sich hat? Na, von dem schnack ich doch die ganze Zeit! — Lütt Johanns Traum von der Seefahrt erfüllte sich nämlich am Ende doch noch. Allerdings war er von kurzer Dauer: der in den Weltkrieg Nr. 1 eingezogene Soldat Johann Kienau, dessen Versetzungsgesuch zur Marine entsprochen wurde, weil er Gorch Fock war, ging als Ausguck auf dem vorderen Mast des Kreuzers “Wiesbaden” bei seinem ersten Einsatz für Kaiser, Gott und Vaterland im Skagerrak unter. Die See spülte ihn Wochen später an einer schwedischen Insel an Land. Auf einer ebensolchen, Stensholmen, ruht er heute noch. Unter einem schlichten Grabstein, auf dem steht: Seefahrt ist not!

Vor ein paar Tagen wäre er 130 geworden.

Gorch Fock vor den Azoren, marine.de

Bilder: Gorch Fock: Sämtliche Werke, Verlag M. Glogau Jun., 1916; Marine.

Written by Wolf

18. September 2010 at 12:01 am

Posted in Krähe Elke

Happy Landing!

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Update for On the Second of July, Her Plane Fell in the Ocean Far Away:

July 24th is Amelia Earhart Day!

Amelia Earhart, born July 24, 1897; missing July 2, 1937; declared legally dead January 5, 1939. Honored by David McEnery on July 2, 1939, as known by Freakwater on Feels Like the Third Time (CD in Amazon.de), 1994.

1.: Just a ship out on the ocean, just a speck against the sky,
Amelia Earhart flies in her plane.
With her partner, Captain Noonan, on the second of July,
her plane fell in the ocean far away.

Chorus: There’s a beautiful, beautiful field,
far away in a land that is fair.
Happy landing to you, Amelia Earhart,
farewell, first lady of the air.

2.: Half an hour later, when her SOS was heard,
her signals weak, but still her voice was brave.
In shark-infested waters her plane went down that night
in the blue Pacific to a watery grave. — Chorus.

3.: Now you heard my story of this awful tragedy,
We pray that you might fly home safe again.
In years to come, though others blaze a trail across the sea,
we’ll not forget Amelia in her plane. — Chorus.

Written by Wolf

24. July 2010 at 7:18 am

Posted in Rabe Wolf