Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for the ‘Steuer’ Category

Alles nur Theater…?

with one comment

Jürgen hat Kapitel 36: Das Achterdeck gelesen:

Jürgen Jessebird SchmitteEs gibt Autoren, deren Romane lesen sich streckenweise wie Drehbücher für den Film, zu dem sie einmal werden wollen. Bei manchen Passagen in den Werken von Dan Brown oder Michael Crichton kann man sich nicht nur die Szene selbst vorstellen, sondern sieht vor seinem geistigen Auge auch schon die Kameraeinstellung…

Eine solche Stelle ist auch Kapitel 36 — voller bedeutungsschwerer Handlungen, tiefer Symbolik und aufwühlender Dialoge. Der Traum eines jeden Regisseurs. Bloß: Es gab kein Filmbusiness zu Melvilles Zeit und den Moby-Dick auf eine Theaterbühne zu bringen, dürfte auch nicht in der Absicht des Autors gelegen haben.

Wenn wir hier also kein verkapptes Drehbuch haben, was dann? Nun, vielleicht doch ein Theaterstück? Aber eins, das nicht für uns, die Leser, aufgeführt wird, sondern für die Crew der Pequod — die gleichzeitig Statist und Publikum ist. Regisseur & Hauptdarsteller: Captain Ahab.

Nino Sandow Arbeitsbuch. Moby Dick - AmbosskopfEine glänzende Inszenierung! Ahab ruft sein Publikum zusammen, legt dann aber nicht sofort los, sondern steigert die Erwartung, indem er erst wortlos ein paar Runden dreht:

…and as though not a soul were nigh him resumed his heavy turns upon the deck.

Das Publikum wundert sich. Dann legt Ahab los, kein langweiliges Monologisieren, gleich den Zuschauer mit einbinden:

“What do ye do when ye see a whale, men?”

“Sing out for him!” was the impulsive rejoinder from a score of clubbed voices.

Ahab hat sein Publikum von Anfang an in der Hand, und als „erste befremdete Blicke“ auftauchen, spielt er seinen nächsten Trumpf aus.

Während er seiner Crew von weißen Wal erzählt, hält er ihnen gleichzeitig ein Goldstück vor, das er dem verspricht, der als ersten diesen Wal sichtet. Ziemlich clever, statt Furcht kommt gierige Vorfreude auf.

“Huzza! huzza!” cried the seamen, as with swinging tarpaulins they hailed the act of nailing the gold to the mast.

Juneau Empire, Subsistence, obsession and a new Moby DickEs ist nicht Ahab, der den Namen des Wals als erster nennt, Tashtego ist es — und den anderen Harpunieren ist er auch kein Unbekannter. Ihre Worte und Starbucks Frage “Captain Ahab, I have heard of Moby Dick — but it was not Moby Dick that took off thy leg?” bringen Ahab etwas aus dem Konzept:

“Who told thee that?” cried Ahab; then pausing,

Dann gelingt es ihm, seine Leidenschaft auf die Mannschaft zu übertragen:

“Aye, aye!” shouted the harpooneers and seamen, running closer to the excited old man: “A sharp eye for the white whale; a sharp lance for Moby Dick!”

Nur einen kann er nicht überzeugen: Starbuck. Mit ihm muss er „tiefer schürfen“, ihm erklärt er seine Philosophie: „I’d strike the sun if it insulted me.“ Doch auch das ist eine Vorstellung, eine Privatvorstellung für Starbuck. Als Ahab seinen Text abgeliefert hat, wendet er sich — (Aside) — an wen eigentlich? Doch an uns, die Leser? Oder vielleicht an jemanden, mit dem er auch sonst seine Pläne bespricht, der aber noch gar nicht aufgetaucht ist?

Jedenfalls schein Ahab zufrieden zu sein mit seinem Monolog:

Starbuck now is mine; cannot oppose me now, without rebellion.

Moby Dick Returns to YoughalDass Ahab hier falsch liegt, wird schnell klar: Stoßseufzen, Lachen aus der Last, Wimmern des Windes, Schlagen der Segel — Special Effects würden wir das heute nennen, die in diesem Fall wirklich an den Leser gerichtet sind:

But in his joy at the enchanted, tacit acquiescence of the mate, Ahab did not hear his foreboding invocation; nor yet the low laugh from the hold; nor yet the presaging vibrations of the winds in the cordage; nor yet the hollow flap of the sails against the masts, as for a moment their hearts sank in. For again Starbuck’s downcast eyes lighted up with the stubbornness of life; the subterranean laugh died away; the winds blew on; the sails filled out; the ship heaved and rolled as before. Ah, ye admonitions and warnings! why stay ye not when ye come? But rather are ye predictions than warnings, ye shadows! Yet not so much predictions from without, as verifications of the fore-going things within. For with little external to constrain us, the innermost necessities in our being, these still drive us on.

Nun folgen noch ein paar magisch anmutende Rituale, gemeinsames Trinken, die gekreuzten Lanzen (fast eine Art Segnung), schließlich der Todesschwur auf Moby Dick, verdeutlicht durch den Trunk aus den Harpunenmuffen. Das alles dient ganz offensichtlich nur dem Zweck, die Mannschaft zu beeindrucken. Ihn selbst bewegt das wenig, wie man an seinem Abgang sieht, eine Handbewegung, „alle gingen auseinander, und Ahab zog sich in seine Kajüte zurück.“

Bilder: Nino Sandow Arbeitsbuch: Moby Dick — Ambosskopf;
Juneau Empire: Subsistence, obsession and a new Moby Dick, 17. Mai 2001;
Moby Dick Returns to Youghal, 30. März 2009.

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Rotschopf des Tages: Sonny Burgess: Red-Headed Woman.

Written by Wolf

7. March 2010 at 12:01 am

Posted in Steuermann Jürgen

Er nennt’s Vernunft

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Elke hat Kapitel 36: Das Achterdeck gelesen:

Da du, o Herr, dich einmal wieder nahst
Und fragst, wie alles sich bei uns befinde,
Und du mich sonst gewöhnlich gerne sahst,
So siehst du mich auch unter dem Gesinde.
Verzeih, ich kann nicht hohe Worte machen,
Und wenn mich auch der ganze Kreis verhöhnt;
Mein Pathos brächte dich gewiß zum Lachen,
Hättst du dir nicht das Lachen abgewöhnt.
Von Sonn’ und Welten weiß ich nichts zu sagen,
Ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen.
Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,
Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.
Ein wenig besser würd er leben,
Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein,
Nur tierischer als jedes Tier zu sein.

Faust I. Prolog im Himmel. Mephistopheles.

Elke HegewaldSchauplatz Achterdeck.

Und was für einer in der Inszenierung der Jagd auf den weißen Wal! Mit Pathos und großem Auftritt und Monolog des entmasteten Helden und Rächers, für und wider dessen Heldenstatus weiter gestritten werden darf. Ein Aufzug mit grummelndem Konflikt und kursiv geklammerter Regieanweisung…

Das Achterdeck des Schiffes ist – ein Sternbild, in unseren Breiten nicht vollständig am südlichen Winterhimmel sichtbar. Bei den alten Griechen gehörte es noch – wie sich das für ein ordentliches Achterdeck (Puppis) auch gehört – zu einem ganzen Schiff im Sternenmeer, dem Argo Navis nämlich. In trauter Gemeinschaft mit dem heute der himmlischen Übersichtlichkeit halber sich ebenfalls eigenständig blähenden Segel (Vela) und dem am Grunde funkelnden Kiel (Carina) des Schiffes. Und der zum Navigieren des Himmelsseglers nötige Schiffskompass (Pyxis) ist ein paar läppische Lichtjahre neben der Bordwand in die Fluten der Milchstraße gefallen – na, wenn das mal gut geht!

Nun, der mythologische Ausgang der Mission des später am Firmament vertäuten Heldenklippers ist bekannt: Es ging gut, jedenfalls solange, bis Captain Jason später seine hilfreich angetraute Medea mit einer neuen Flamme und Zweckehe betrog, Orpheus stimmte einen Shanty nach dem andern an und die Mannschaft entriss dem tödlichen Drachen den Pelz des güldenen Widders. Wofür die von astraler Heroenarchitektur nur so strotzende Antike sich mit einem Platz am Himmel für Schiff und Schafbock nicht lumpen ließ.

Argo constellation on Jan Ridpath's Star TalesDoch Nantucketer Waljäger sind nicht die alten Griechen und keine Argonauten, Ahab ist nicht Jason und der weiße Wal erst recht nicht das Goldene Vlies, sondern für den Walbeinernen wohl eher der blutrünstige Drache. Wie auch, was einem hoffentlich nicht als fieser Spoiler ausgelegt wird, die Pequod in die entgegengesetzte Richtung der Argo segeln wird, nicht himmel-, sondern direktemang höllenwärts.

Die “heroische” Mission, über die der zugegeben nicht mehr ganz arglose Moses von Leser hier zusammen mit der arglosen Mannschaft ins Bild gesetzt wird, gemahnt ihn denn auch gleichsam an einen Pakt mit Satans Stellverteter persönlich. Der zieht alle Register der Versuchung und Argumentation. Nagelt den materiell aufgezogenen Fischerschädeln blankgeputztes Gold an den Mast. Kitzelt mit dröhnenden Engelszungen die Draufgänger an ihrer heldischen Verwegenheit, den berechtigten Zweifler und Warner Starbuck an der braven Handwerkerehre. Und wo die nicht reicht, rhetorikt er mit seiner manisch gepäppelten Entschlossenheit, “selbst die Sonne [zu] schlagen”, dessen (schon vor zehn Kapiteln ausgemachte) schwächelnde Seelenstärke in Grund und Boden und ihn selber ins Gefolge zurück. Diesem hämmert er wie ein Feldherr seinen Soldaten vor dem Kampf die vertrauten Schlachtrufe der ewigen Waljäger in den Isolatohirnen zurecht. Und lässt es auch an pathetischen Gesten vom Lanzenkreuzen bis zum Treueeid und an Feuerwasser im Harpunenschaft zum Besiegeln desselben nicht fehlen.

Ein Spektakel, das ungeachtet der versteckten Lacher aus der Mannschaft, der hilflos aufzuckenden Vernunft des Einen und des gelegentlichen Gedankens ‘Der hat sie nicht mehr alle!’ seine Wirkung nicht verfehlt. Er hat sie, alle! Hat das Zeug zum Volksverführer und Seelen(ver)käufer. Und er, Ahab, allein weiß, wozu er diesen Auftritt braucht: Ohne sie ist er nichts auf der nun anhebenden Hatz gegen Moby Dick, diese Mauer, hinter der nichts mehr ist. Doch er kann den uferlosen Hass gegen “dies unfassbare Ding”, der sein Ahab-Universum beherrscht, noch so großtönend als hehres Ziel verkaufen (“Wer steht denn über mir? Wahrheit kennt keine Grenzen.”), kann noch so sehr den Kolumbus spielen, der dem ersten Aussänger des Landes Wal die Belohnung verspricht. Oder den Helden, der das in seiner entmasteten Kapitänswelt ausgemachte Böse herausfordert, sei es nun Urheber oder Werkzeug.

Es bleibt der erschauernde Einwand der Vernunft:

“Rache an einem stummen Tier! […] das einfach dich aus blindem Trieb getroffen! Ein Wahnsinn! Zu wüten gegen ein stummes Ding, Kapitän, erscheint mir grad wie Gotteslästerung.”

Starbuck im Jendis, Seite 273.

Es bleibt… der Zweifel, was von einem Helden übrig bleibt, der keine Grenzen kennt. Der seine Fehde mit dem Leben, die Rettung seiner Welt und Ehre auf dem Rücken anderer austrägt. Anderer, die ihre eigenen Gründe haben, mit ihm auf einem Schiff zu fahren. Mit deren Leben er die seinen Dublone für Dublone bezahlen und sich verschulden wird. – Wovon aber die andern auch nichts mehr haben werden…

Was rumort da in ihm und kann nicht aufhören, was treibt ihn, diesen Ahab?

Der Nantucketer Nathaniel Philbrick, zwar Schreiber, doch als alter Segler (see)fest mit zwei gesunden Beinen auf schwankenden Achterdecks stehend, diagnostiziert es knallhart als Psychotrauma, die “quälende Erinnerung” geheißen. Und sein vorsorgliches Hinzuzitieren eines Philosophen (den wir uns hier schenken) lässt die darum nicht mystischer werden:

Captain Ahab by Old EtcherFür die meisten Unglücksopfer sind die wiederholten Rückblenden einer quälenden Erinnerung therapeutisch hilfreich, da sie die Leidenden nach und nach von Ängsten befreien, die andernfalls ihre Fähigkeit weiterzuleben beeinträchtigen könnten. Manche werden die Erinnerung allerdings nie los. Gestützt auf Chases Bericht, schuf Herman Melville mit seinem Kapitän Ahab einen Mann, der aus den seelischen Abgründen, in denen sich Chase in jenen… schlaflosen Nächten wand, nie auftauchte. Genau wie Chase glaubte, dass der Wal, der die Essex angegriffen hatte, mit “entschlossener, berechnender Bosheit” vorgegangen war, wurde Ahab von der Vorstellung verfolgt, der weiße Wal sei ein Wesen, bei dem sich “grenzenlose Kraft mit unerforschlicher Arglist” paarte. Eingesperrt in sein privates Horrorkabinett, war Ahab der festen Überzeugung, sein einziger Ausweg bestehe darin, Moby Dick zur Strecke zu bringen. “Wie kann der Gefangene nach draußen kommen, wenn nicht durch die Mauer? Für mich ist der weiße Wal diese Mauer, die dicht vor mir steht.”

Nathaniel Philbrick: Im Herzen der See, Karl Blessing Verlag München 2000, Seite 146.

Ein Franzose sucht es uns aus dem Moby-Dick der politischen Ökonomie des Kapitalismus, Marxens “Kapital”, herauszuoperieren, mit überraschenden und lesenswerten Erkenntnissen:

Captain Ahab by Jim Nichols UFO ArtJede Wette, dass er – abgesehen von der persönlichen Rechnung, die er mit der sublimen Käscherin, der riesigen fahlen Schneppe, der ewigen Aufreißerin der Weltmeere offen hat –, dass er also den großen Kuchen anpeilt, die legale Sprengung der Allgemeinen Seekreditbank, das Geschäft der Geschäfte, an das alle denken, seit der Kopf des Pottwals ausgeweidet wird: der ganze Reichtum, das ganze virtuelle Kapital, das das Untier im Kopf hat, der unendliche Reichtum, den eine Mutter Courage, Libuše, Zigeunerin, Gipsy von Prag in der Tasche trägt in Form eines nicht übertragbaren Talismans. […]

Ahab ist der Ungeist der List ökonomischer Vernunft, die bewirkt, dass das Vorankommen der Menschheit, ihr besseres Befinden, die Verlockung des Gewinns, die verfluchte Gier nach Gold durchmacht (auri sacra fames, wiederholt Marx kapitellang, wenn er nicht Shylock zitiert) […] ist ein Menschenführer, der die Seinen ins Verderben steuert unter dem Vorwand, er biete ihnen eine Möglichkeit zum Geldverdienen. Darin reicht seine Geschichte an die großen historischen Farcen heran: oder ähnelt dieser Hitchcock-Sequenz, in der ein toll gewordenes Karussell nicht mehr zum Stehen kommt. […] es gibt Dutzende Tote! Hier wird nur Ishmael übrigbleiben. Bis auf ihn gehen alle baden: Seeleute, Reeder, Bankiers, Versicherer.

Jean-Pierre Lefebvre: Die Arbeit des Wals. Red Moby &/or: Das Kapital, im Rathjen-Moby, Zweitausendeins. Frankfurt am Main 2004, Seite 835 f.
Erstdruck in: Schreibheft, Zeitschrift für Literatur 37, Essen 1991.

[Anmerkung: Der Rote Moby wird hier nochmal ausführlich und gehörig zu repetieren sein, der Lefebvre stellt um den kapitalen Wal und den schon mal so daherzitierten Profitjäger Ahab noch so viel anderes auf, das man selber bis zu ihm noch gar nicht gedacht hat. Und außerdem: wo wir doch Rotschopfwochen haben, oder?]

Hmm… ist er nun also eine arme, gequälte Kreatur, der finstere Ahab, ein gefährlicher Irrer, dämonischer Visionär und Verweser oder nur eine suchende verlorene Seele? Ein Mensch, der irrt, solang er strebt?
Und was hätte er denn nun endlich dem Drewermann auf der Couch erzählt, wenn der sich jemals steuerbord einer solchen therapeutisch betätigt haben täte?

Wir wissen es (noch) nicht.

Wenn wir eins wissen, dann, dass wir im Angesicht monumentaler Melvillescher Kapitel als mikroskopische Mensch- und Leserlein manchmal mit Bloggerverdrängungssymptomen reagieren – über Monate. Dass wir dann – manchmal – lieber mit den Augen am Himmel nach Argo Navis suchen. Und uns, wenn unser Walfischprinzip wieder halbwegs funktioniert und der Spuk vorbei ist, staunend und mit einem leisen Lächeln nach ihm umsehen…

Die Winde wehten wieder, die Segel blähten sich, das Schiff stampfte und schlingerte wie zuvor.

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Ach, und fällt jemandem vielleicht noch ein passenderer Soundtrack ein als der hier?

Denn scheint dieser Ahab nicht irgendwie… nicht erwachsen genug (als wäre das ein Makel), nicht tragisch genug und seine Fantasie nicht düster genug – kurzum: Ist er nicht zuuu alternativ?

Aber eine lichte und hübsche Vorstellung ist’s schon: Ismael hockt auf dem Bugspriet, bläst melancholisch in seine Mundharmonika und summt vor sich hin:

And if I ever lose my legs,
I won’t moan, and I won’t beg,
Oh if I ever lose my legs, Oh if
I won’t have to walk no more.

Yeeeah-aye. Oder?

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Ingoetzel, Alice in Austinland, 27. November 2009

Bilder: Jan Ridpath’s Star Tales; Old Etcher; Jim Nichols UFO Art
sowie als Tribut an die laufenden Rotschopfwochen und des Roten Lefebvres Filmschaffen:
Leah Ingoetzel mit dem Lenin: Alice in Austinland, 27. November 2009.
Soundtrack: Cat Stevens: Moonshadow aus: Teaser and the Firecat, 1971.

Written by Wolf

4. March 2010 at 12:01 am

Posted in Steuerfrau Elke

Pequod’s End (There is a captain Ahab in all of us)

with one comment

Heute vor 170 Jahren, am 6. Januar 1840, ist die Pequod untergegangen. Dan Matlaga von der Google Group der Ishmailites tut den Job der P.E.Q.U.O.D. und seziert in einem Vorgriff auf Kapitel 132: Die Symphonie die sich aufdrängenden großen Themen.

The Symphony beschreibt noch die Ereignisse des 1. Januar 1840. Nach den pausenlosen Ankündigungen des Untergangs über die letzten 131 Kapitel ist dieser Anfang derjenige vom Ende. Konsequent dazu handeln die folgenden letzten Kapitel an Epiphanias nicht von einem Erscheinen, sondern einem Verschwinden.

170 years from today, on January 6th, 1840, the Pequod sank. Dan Matlaga from Google Group Ishmailites does a P.E.Q.U.O.D. job describing Chapter 132: The Symphony in several entries. In context, without the doublets, all by Dan Matlaga:

The Symphony, part 1

Hello All…

It is morning January 1, 2010.

Most appropriate for this date and this time is an analysis of Chapter 132 The Symphony. One hundred seventy years ago on this morning of this new decade of 1840 Melville has Ahab at the bulwarks gazing into the sea and sky.

I have remnants of my High School paperback copy of Moby-Dick. Underlined in red:

“On such a day – very much such a sweetness as this – I struck my first whale – a boy harpooneer of eighteen! Forty – forty – forty years ago! – ago!”

I underlined that sentence in The Symphony in red, along with this thought also in red: “M gives away the store here… date???”

I realized how important the date of The Symphony is. It could provide a more cohesive understanding of certain information provided in the novel. Certainly anyone who has progressed to chapter 132 is capable of mathematical addition. The question as it would appear in a blue book exam: “Question: If in chapter 132 Captain Ahab states he was 18 years old forty years ago, how old is Captain Ahab now?” The answer: 18 + 40 = 58, Captain Ahab is 58 years old while gazing into sea and sky in chapter 132.

This bit of information is interesting but limited. A similar situation occurs, it seemed to this high school student, in Chapter 28 Ahab. With reference to the scar on Ahab’s face down his neck to disappear beneath his clothing: “Whether that mark was born with him, or whether it was the scar left by some desperate wound, no one could certainly say.”
An old Gay-Head Indian believed that Ahab was branded when he was forty years old in an elemental strife at sea. A grey Manxman believed Ahab had this scar as a birthmark, and the scar extended head to foot.

Both comments concerning the origin of Ahab’s scar are correct. But what concerns here is this repeat of Melville’s use of the number forty. Without the date the voyage takes place, it is difficult to understand how this scar information can be of much use. If your mind wraps around the fossilized interpretation of Moby-Dick, the petrified interpretation – mummified, desiccated view, that Mr. Melville was not interested in detail, certainly these passages will open up much to wild speculation. If the date of the voyage can be determined, the speculation can be narrowed.

But hey… what did I know; I was a High School student.

 

The Symphony, part 2

Suzanna, Ave Maria, October 17, 2008So the subsequent submissions don’t read as magic, I think it appropriate to briefly describe how we can determine the year of the last voyage of the Pequod.

In 1999 John F. Birk published a book titled: “Tracing the Round: The Astrological Framework of Moby-Dick.” In his book John divides the novel into six blocks. Chapters 1 – 25 falls under the astrological signs of Aries and Taurus, chapters 26 – 69 Gemini and Cancer constitute Birk’s second block while Chapter 70 The Sphynx is block three. Birk’s block four includes chapters 71 – 92 and tokens the astrological signs of Virgo and Libra, chapters 93 – 126 fall under the astrological signs of Scorpio and Sagittarius. The final number six block which includes chapters 127 – 135 rounds out the astrological zodiac with the three astrological signs of Capricorn, Aquarius and Pisces. As the Pequod sails from one ocean to the next in search of the whale, it is according to Birk, sailing from one astrological section of the zodiac to the next.

While John was writing his book he and I had more than a few lunches on campus. During one of these lunches, John mentioned that no one really understands the gams, and of all the gams the least understood is Chapter 54 The Town Ho’s Story. I told John not to worry. I’ll figure it out.

With a start time of 6 p.m. that evening and an all nighter until about 2p.m. aided by a dozen or so magnificent Churchill cigars, I was able to determine the astronomical references of the gams. Chapter 52 The Pequod meets the Albatross references the constellation Argo. The constellation noted on star maps of 1840’and 50’s no longer exist on modern star maps. Chapter 54 The Town Ho’s Story is related to Halley’s comet. Chapter 71 The Pequod meets the Jeroboam is without question a reference to a comet designated in the history books as Comet 1840 1. Chapter 81 The Pequod meets the Virgin is Melville’s inclusion of the planet Jupiter while the planet Venus can be affiliated with Chapter 91 The Pequod meets the Rose Bud. The planet Saturn is the basis for Chapter 100 The Pequod meets the Samuel Enderby of London. Melville had in mind the planet Mercury for Chapter 115 The Pequod meets the Bachelor, and Mars for Chapter 128 The Pequod meets the Rachel. One of the more interesting gams is Chapter 131 The Pequod meets the Delight. This gam was written with the planet Uranus in mind, and as previously submitted occurred on Christmas of 1839.

We can ask the question: was there ever a time when Mercury was in either Capricorn, Aquarius, or Pisces while Venus was in the constellation of Virgo or Libra, Mars in Capricorn, Aquarius or Pisces, Jupiter in Virgo or Libra, Saturn in the astronomical constellation of Scorpius or Sagittarius, and Uranus in either Capricorn Aquarius or Pisces? The answer is yes; all conditions are met from December 17th 1839 through January 5th, 1840. With consideration of the illumination of the moon described in Chapter 22 Merry Christmas, we can be certain this window occurs at the closing of the voyage and not the start of the voyage.

It is worth noting the necessary change of treating Birk’s astrological signs to astronomical constellations. If we continue to use Birk’s six blocks as astrological signs we do not arrive at a date. The planet Venus becomes particularly quarrelsome. This is one of two smoking guns Melville provides to inform the reader astrological considerations are not the important guide John Birk believes.

Chapter 22 Merry Christmas informs the reader the day the Pequod set sails. We can now state with confidence the date is December 25, 1838. If the reader navigates through the 135 chapters guided with the additional thought whale encounters occur during the period of two nights and three days of new moon, the reader arrives with the Pequod’s demise January 4th, 1840.

 

The Symphony, part 3

Suzanna, Ariadne, November 2, 2008The astute reader referenced in part two will conclude Chapter 132 The Symphony occurs the morning of January 1, 1840, which parallels the date of this posting of not just a new year but also a new decade. In 1840 Ahab informs the reader he is 58 years old. If we subtract 58 from 1840 we arrive at the year 1782. Captain Ahab was born in the year 1782. According to a document in the archives of the Berkshire Historical Society, Allan Melvill, Herman’s father’s birth date is presented as April 7, 1782. John Birk can take some comfort here since he lists Aries as Ahab’s astrological sign (March 21 – April 20).

We learn in The Symphony Ahab becomes a boy harpooneer at age 18. If we add 18 to 1782 we arrive at the year 1800. This is the year Allan made his first ocean voyage to Europe where he would eventually set up an export business to the United States. Another document, titled: “Recapitulations of Voyages and Travels from 1800 to 1822 both inclusive,” this document written by Allan lists 1800 as his first voyage and the year 1822 as his last. Allan then was forty years old when he made his last voyage. Recall the statement in Chapter 28 Ahab by the Gay – Head Indian with respect to Ahab’s scar: “…not till he was full forty years old did Ahab become that way branded, and then it came upon him, not in the fury of any mortal fray, but in an elemental strife at sea.” We can narrow Ahab’s strife at sea to November 9, 1822 to a major meteor shower. Melville’s treatment of meteor showers in Moby-Dick will remain for another posting.

Some may conclude Mr. Melville had issues with his father and therefore patterned Ahab after those issues. Along similar lines, Moby Dick was a whale, there is a constellation of Cetus a sea monster, Moby Dick must be represented by Cetus. The Pequod was a sailing ship. There was the constellation of Argo, a sailing ship, the Pequod must have been represented in the sky as Argo. Mr. Melville was a world class author and a much greater artist than these simple conclusions warrant.

 

The Symphony, part 4

Suzanna, Arachne, November 2, 2008There is information in Chapter 132 The Symphony that can help determine when Moby Dick took Ahab’s leg.

The Pequod leaves Nantucket Christmas Day 1838. We know from reading The Symphony, the Ahabs had a child equipped with outside plumbing. That son had to have been born before the Ship left harbor. Mr. and Mrs. Ahab must have gotten together nine months earlier, which would place Ahab in Nantucket April 1838.

We can make some general, rounded number calculations. The distance from the tip of South America to Nantucket is 8,100 miles. Chapter 41 Moby Dick informs us Ahab went mad while traversing the Patagonian Cape at mid winter, months and weeks after his leg was bitten off by the whale. Recall from 5th grade geography class the seasons are reversed in the Southern Hemisphere so mid winter at the Patagonian Cape translates as June 21 at the tip of South America. The distance, again in round numbers between the southern tip of South America to Nantucket is 8, 100 miles. From other considerations described later, a ship of the Pequod’s design was capable of 80 statute miles in a 24-hour day. It would take the Pequod roughly 100 days to achieve the distance from the southern tip of South America to Nantucket. This would place Ahab back home late August or early September 1837. This is certainly enough time for the Ahab’s to conceive a child April 1838.

Another leg of that voyage involves the distance from the place where Ahab’s leg was taken by the whale to the Patagonian Cape. Remember the passage past the southern tip of South America occurred June 21st. The first paragraph of Chapter 130 The Hat informs the reader the Pequod was “… hard by the very latitude and longitude where his tormenting wound had been inflicted…” The Pequod crossed the equator heading southward in the previous chapter. The distance from this area, in round numbers was the equator at 150 degrees west longitude to the Patagonian Cape. That distance is 5,900 miles. The Pequod could achieve this distance in 74 days. It places the amputation of Ahab’s leg no earlier in the year of April 1837.

The time from the point of amputation to Nantucket is based on a speed a ship such as the Pequod can attain while cruising from one hunting ground to the next. With the wounded captain aboard, the ship was no doubt rigged with sails to achieve the greatest speed. This would have the effect of shortening the time of the Pacific and Atlantic legs of the remainder of the voyage but allow for a mid winter passage through the Patagonian Cape.

It is interesting to note that May 4, 1837 a partial eclipse of the sun occurred in the north Atlantic. Melville associates whale encounters with new moon, and solar eclipses with Ahab’s leg. A solar eclipse is after all, a special case of new moon. May 1837 was the start of deep recession very much like what we are going through today. It was the month Maria Gansevoort Melville, Herman’s mother, lost her fortune and inheritance in the great recession of 1837. She had to live modestly and on handouts from that month on.

It might be worth noting of an incident before the Pequod’s sail of Ahab being found one night “… lying prone upon the ground, and insensible; by some unknown, and seemingly inexplicable, unimaginable casualty, his ivory limb having so violently displaced, that it had stake-wise smitten, and all but pierced his groin; nor was it without extreme difficulty that the agonizing wound was entirely cured.” The incident is reported in Chapter 106 Ahab’s Leg. Interesting to note this chapter occurs during a solar eclipse of September 08 1839 though the eclipse was not visible from the Pequod’s location in the South China Sea. September 18 1838 however, marks an annular eclipse of the sun visible at sunset from Nantucket. As we can relate Ahab’s leg to solar eclipses; September 18 1838 is the date of the incident addressed in the body Chapter 106.
I contend it less likely Ahab would have mounted a voyage to satisfy revenge on the whale if that sunset accident did not occur. After all while on dry land he was home, fathered a child and surrounded with “…comfort, hearthstone, supper, warm blankets, friends, all that is kind to our mortalities.” All dissolves with the solar eclipse visible from Nantucket and the accident that nearly unmanned him. Those forces that animate the whale are not confined to the watery world. Ahab, now a storm tossed ship must forgo land for the sea.

November of 1838 Mr. Melville earned certificates in surveying and engineering. He needed these for employment on the Erie Canal. The employment never materialized, but June 4th 1839 he was aboard ship to his first sea voyage to Europe.

 

The Symphony, part 5

Suzanna, Alcyone, November 2, 2008I believe the chapter The Symphony was properly titled. When Mr. Melville was writing Moby-Dick, The rather narrow definition of this musical form was not as structured as it is today. It was still in its formative years and thanks to the classical musical giants it gained it’s modern form about the time of Shostakovitch. I believe it was Claude Levi-Strauss who wrote what many of us have felt through the ages: music was closer to the mythic experience than either the written or visual expression. If we take the concept of the symphony in it’s simplest idea, a full orchestral composition that is the some of its parts, we can understand from this five part exercise how Melville provided the reader with clues in The Symphony to determine Ahab was an amalgam of his father and mother. Ahab was the sum of many parts. Herman Melville fits in this amalgam but that is for another submission.

Some time ago there were discussions on a paragraph found in Chapter 41 Moby Dick. From memory, the discussion centered on Melville’s reference to the Hotel de Cluny. I believe the thrust of that paragraph is history. The underground abandoned nature of the hotel suggests a hidden past. The paragraph opens with: “This is much; yet Ahab’s larger, darker, deeper part remains unhinted.” The underground hotel is a reference to this darker, deeper part of Ahab. We have yet to read Chapter 54 The Town Ho’s Story. A chapter that reveals in a kind of nautical way how Steelkilt, the personification of the Ahab we have come to know and love in the main body of Moby-Dick, took over control of the ship from the captain who is Ahab before he received his scar, and Radney, the Ahab after the scar but before the loss of his leg. The surfacing of these personas becomes more evident if we change the name of the “Town-Ho” to a ship named “Ahab.”

One of my favorite chapters is 60 The Line. After a discussion on the terrors associated with the line, the last paragraph contains a point sadly missed in our busy lives above ground. It says in part: “All men live enveloped in whale-lines. All are born with halters round their necks; but it is only when caught in the swift, sudden turn of death, that mortals realize the silent, subtle ever-present perils of life. And if you be a philosopher, though seated in a whale-boat, you would not at heart feel one whit more of terror, than though seated before your evening fire with a poker and not a harpoon, by your side.”

There is a captain Ahab in all of us.

Discuss.

Movie clip: Orson Welles reading an excerpt from Moby-Dick Chapter 132: The Symphony, adapted text, in: Oja Kodar et al.: Orson Welles: The One-Man Band by Medias Res Filmproduktion München/Berlin in association with Bayerischer Rundfunk, 1995.

Images: Suzanna Wurzeltod: Ave Maria, Ariadne, Arachne, and Alcyone; being the Lady Scratch.

Written by Wolf

6. January 2010 at 12:33 am

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Das ganze verkehrte Wesen (Frisches Basilikum)

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Wolf hat Kapitel 36: Das Achterdeck gelesen und macht ein Update zu I’ll Shoot the Sun:

… ein persönlich niemandem bekannter Mann mit einer Vorliebe für mittelmäßige Frauen, der diese Vorliebe gleichwohl nie ausleben hat können, weil er nämlich selbst für das Auftreiben mittelmäßiger Frauen viel zu schüchtern war, dieser Mann soll einmal gesagt haben, er wolle ja schon lange nicht mehr, stehe aber unabhängig davon jeden Morgen doch wieder auf, um einen weiteren Tag dranzuhängen an etwas, das er sich scheue, sein Leben zu nennen, und dann soll dieser Mann aus der Straßenbahn ausgestiegen sein, und zwar einfach so…

Benjamin Schiffner/Martin Sonneborn: Schaulimauli, in: Partner TITANIC August 2009, Seite 57.

… und next thing you know sehen wir ihn mittenmang der Mannschaft stehen, die sich auf dem Achterdeck um Captain Ahab versammelt, diesen Ismael, der sonsteinen Namen tragen kann, der niemanden interessiert, diesen Nobody und Jedermann, dieses Gefäß für Magermilch, hundertjährigen Portwein, Whisky oder flüssigen Teer gleichermaßen, diesen Mann, der voraussetzt, nicht zu leben, stillschweigend, aber schon gar nicht mal mehr ängstlich.

Helden sind zum Sterben da” — was auch heißt, sie müssen zuvor leben. Ist das schon Konsens, dass Ahab als Held betrachtet wird? Ab den anstehenden zwei Verfilmungen wird es einer.

Was wird da William Hurt die Dublone an den Mast nageln, sein gregorypeckstes Gesicht schneidend, wie wird er zischen, dass er selbst die Sonne schlagen würde, wenn sie ihn beleidigt, mit welchem Schuss-Gegenschuss wird Moby Dick (richtig: der Wal selbst ohne Bindestrich) seine erste namentliche Erwähnung finden, samt Personenbeschreibung:

einen weißköpfigen Wal mit runzliger Stirn und schiefem Maule […] der drei Löcher in seiner Steuerbordfluke trägt […] Aye, Queequeg, die Harpunen stecken allesamt verdreht und verbogen in ihm; aye, Daggoo, sein Spaut ist mächtig groß, wie eine Weizengarbe, und weiß wie ein Haufen unserer Nantucketwolle nach der großen Schafschur; aye, Tashtego, und sein Schwanz wedelt und flattert wie ein zerfetzter Klüver in einer Sturmbö.

Alle Zitate: Jendis-Übersetzung; hier: Seite 270 f.

So sieht er aus, der Titelheld, den die Harpuniere aus ihrer Berufserfahrung schon kennen, und dessen Namen wir persönlich niemandem bekannten Leser auf Seite 271 endlich so nebenbei erfahren — außerhalb des Umschlags; Tashtego spricht ihn aus. Nur gerecht: Was strummeln wir auf dem Sofa und lesen, statt einem Traum zu folgen. Oder einem monomanischen Rachegedanken wie der überaus lebendige Ahab.

Wobei wir denselben in keiner der Verfilmungen beobachten werden: wie er ab kurz nach dem Frühstück bis der Tag seinem Ende zugeht sinnend auf dem Deck einherklackert (Holzbein!). “Stunde um Stunde verstrich” — untauglich für jede Verfilmung in graphic novel style (außer, es wäre denn Nicolas-Mahler-Style) — trotzdem: Der Mann nimmt nur Anlauf,

wobei er so seltsam dumpfe und undeutliche Laute von sich gab, daß es sich wie das mechanische Summen anhörte, mit dem die Räder seiner Lebenskraft in ihm rotierten.

Die Steuerleute tuscheln schon. Das gibt etwas Vitales. Vielleicht schließt das Kapitel deswegen so explizit ans dreißigste an: “Nicht lange nach der Episode mit der Pfeife”, wo Ahab so kurzentschlossen die Pfeife über Bord gefeuert hat. Rauch aufgeben, länger leben.

Und wie er vor uns namenlosen Ismaels, zu deren größten Ereignissen es zählt, einfach so aus einer Straßenbahn auszusteigen, auflebt und uns teilhaben lässt. Langsam rückt er raus: “Das ist es, wofür ihr angeheuert habt!” (Seite 272) Hat er nicht ein großes Herz? Und einen großen Eimer Grog für alle hat er ja auch und eine Unze spanischen Goldes im Wert von sechzehn Dollar für einen von uns — bei der wir uns allerdings immer verwundern müssen, wie viel von dem Verkehrswert übrig bleibt, wenn Ahab in seiner Entflammung ihr ein Loch ins Herz, nein: durch die Mitte treibt. Wir Straßenbahnmatrosen trauen uns ja kaum einen angeschmuddelten Zwanziger wechseln zu lassen.

Warum er das macht? Weil er uns mitreißen will, der Großherzige? Quatsch: weil er uns braucht. Den Wal, der ihn entmastet hat, kriegt er niemals allein erlegt. Der Held ist kein Held für sich allein, er muss als einer angesehen werden. Da kann seine Rache so persönlich sein wie sie will, der Held muss sich über die anderen erheben und sie auf seine Seite bringen. Networking nennt das der namenlose Ismael in der Tram 27 Richtung Petuelring, und: “Man sollte sich mal mit anderen zusammentun”, so wie sich überhaupt oft Sätze mit “Man sollte mal” in ihm zusammendenken. Da kommt der lebenslodernde Ahab bei Starbuck, der Nummer 2 an Bord, aber an den Richtigen.

Der ist ebenfalls unter die Lebenden zu rechnen, mit Heldenpotenzial. Der ist weniger Feuer und Flamme, der ist seemannsgemäß das Wasser und bleibt in seinem Job, mit dem Blick auf den Nantucketer Wal Mart, nein falsch: Walmarkt:

Aber ich bin hierher gekommen, um Wale zu jagen, nicht um meinen Kapitän zu rächen. Wieviel Fässer wird dir deine Rache bringen, wenn sie dir denn gelingt, Kapitän Ahab? Sie wird dir wenig einbringen auf Nantuckets Markt.

Da kann Ahab nur drauf spucken:

Nantuckets Markt — pah! […] Mann, wenn Geld das Maß aller Dinge sein soll und eie Buchhalter ihr großes Kontor, den Erdball, ausgerechnet haben, indem sie ihn mit Guineen gürten, eine für jeden Drittelzoll — dann, so laß es dir gesagt sein, wird meine Rache reichlich Zinsen tragen — und zwar hier!

und schlägt sich an die dröhnende, hohl tönende Brust. Der Ton fällt Stubb auf, der sich allerdings geradezu darüber definiert, dass er immer noch Pfeife raucht. Und damit vertritt Ahab wohl die deutschromantische Ansicht, dass, wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen (Novalis) das ganze verkehrte Wesen fortfliege.

Ahab ein Romantiker, ein Idealist? — Daniel Göske, dem wir selbstverständlich jedes Wort glauben, weil wir hierin auf ihn angewiesen sind, wendet ein:

Ahab könnte Starbuck so weismachen wollen, daß seine monomanische Jagd auf den weißen Wal, den er als “Maske”, als Symbol des Bösen ausgibt, einem hohen idealistischen Ziel dient: dem allgemeinmenschlichen Streben nach letzter Erkenntnis. Dieser rhetorische Trick setzte damit materialistisches Gewinnstreben und philosphisch-ethische Wahrheitssuche in eins.

Hier liegt the little lower layer, die etwas tiefere Schicht oder die etwas niedriger angesetzte Lay. Ein Wortspiel, das Ahab hoffentlich selber versteht, das aber Melville wohl nur den entscheidenden Moment zu lange in seinen Bart geschmunzelt hat, um es doch noch zu unterdrücken, und unsereins zermartert sich das Hirn darüber; ab hier wird’s aber sowieso langsam zu kinky.

Zurück auf die Planken: Wie gesagt, könnte Ahab etwas weismachen wollen. Und was bitte bleibt von der Handlung übrig, wenn Moby Dick auf einmal nicht mehr böse, sondern nur von Ahab so eingefärbt ist? Ein Konflikt zwischen Ahab und Starbuck? Sind wir hier in der Weltliteratur oder einer Vorabend-Soap? Und worin soll der Unterschied zwischen matierellem Wert und letzter Erkenntnis liegen? In einem auf Kerzenlicht und frischem Basilikum über den Aldi-Spaghetti heruntergekochten Romantikbegriff? Denn wer ist hier der tragische Held und wer die international erfolgreiche Franchise-Kette? Und was davon sollte man genau verurteilen? Welchen der Idealisten, die nur zusammenrumpeln, weil sie beide Moral im Leibe haben? Komm, Göske, kauf dir eine Monatskarte und geh Straßenbahn fahren.

Das soll nicht einmal respektlos gegenüber Herrn Göske sein. Der Druck auf den Ohren rührt bei den wiederholt bemühten namenlosen Ismaels womöglich vom Außen-, nicht vom Innenmilieu des Kopfes. Selbst Schopenhauer, notorisch unverdächtig des unkontrollierten Optimismus, empfiehlt gegen Leiden an Herz und Kopf: Kunst. In diesem 36. Kapitel steckt ja nahezu alles drin, dabei haben wir bislang noch nicht mal den Drewermann mit reingezogen.

Ein anderer, der einem bei den Ermittlungen zu Melville immer wieder begegnet, ist Orson Welles. Der hat das Format, sich zum Wal zu äußern und ihn zu Ölen zu sieden, die uns die Herzen und Köpfe erquicken: Orson Welles — The One Man Band von 1995: ungekürzte 87 Minuten, Deutschland/Frankreich/Schweiz, deutsch-englisches Original mit Christian Brückner, including a clip from his one-man show of Moby-Dick with Welles playing all parts sans makeup or costume.

Wir anderen stehen um Orson Welles herum, gaffen mauloffen auf ihn wie die Mannschaft auf Ahab und warten, dass der Harpunenschaft voll Grog einmal nicht an uns vorüberzieht — gezeichnet von Selbstzweifeln, Lebensverweigerung, der Angst, dass man so lange auf wir wissen nicht was gewartet haben, bis es schon wieder vorbei ist, und der Hoffnung, dass da nicht noch was nachkommt, weil es uns eigentlich reicht.

Solcherlei Innenleben sind eine fremde Welt für Ahab. Der hört uns dabei zu und

die Winde wehten wieder, die Segel blähten sich, das Schiff stampfte und schlingerte wie zuvor.

Das allzeit indifferente Universum weiß es schon besser, und es wird Recht behalten. Über Helden und Verlierer kann es nicht mal milde lächeln: Es ist, wie es ist. Ganz wie in den letzten Worten 99 Kapitel später:

und das große Leichentuch des Meeres wogte weiter wie vor fünf Jahrtausenden.

weil es früher oder später aufs gleiche hinausläuft, welcher Art die Moral ist, die der eine oder der andere in seinem sterblichen Leib spazieren trägt: Am Schluss sind sie beide tot.

Immer diese leidigen Unterbrechungen des künstlerischen Schaffens durch das, was man sich scheuen muss, sein Leben zu nennen.

Written by Wolf

7. October 2009 at 12:06 am

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You hear of no domestic afflictions; bankrupt securities; fall of stocks

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Elke fasst snugly stowed in casks in Kapitel 35: Im Masttopp die Ewigkeit!

Elke HegewaldA mariner sat in the shrouds one night,
The wind was piping free;
Now bright, now dimmed, was the moonlight pale,
And the phospher gleamed in the wake of the whale,
As it floundered in the sea.

Elizabeth Oakes Smith, zitiert in den Extracts.

Mast von unten

Das Meer.

Es hat so viele Züge und Mentalitäten wie das Jahr Tage. Dem Seemann bringt es Glück oder Verderben. Uns zieht es in seinen Bann, gießt in uns Ruhe und Stille, Stürme und wilde Sehnsucht. Mal ist es sanft und friedlich, mal unmutig und launenhaft. Heute singt es und murmelt und rauscht, morgen brüllt es und gurgelt und tost.

Das Meer hat viele Dimensionen, zuvörderst die der vielleicht einzig fassbaren Ewigkeit. Doch wann hat einer, der noch nie Ausgucksteher im Masttopp war, jemals gefühlt und geahnt, dass sich zur unendlichen Weite bis hinter den Horizont und Tiefe bis zum unheimlichen Grund auch eine Dimension der Höhe gesellt, von wenigstens hundert Fuß? Nicht jedermanns Sache, wie wir seit der Phobie eines Schiffskameraden wissen. Doch hat sie, wie ich finde, durchaus ihren eigenen Reiz von Freiheit, die Vorstellung, aus dem Blickwinkel und mit dem Schrei der Sturmmöwe hoch über den Schiffsplanken und den Schaumkronen der wogenden Wogen zu schweben. Frei von den schnöden Ärgernissen und immerwährenden Pflichtkämpfen der anstrengenden Welt…:

… a sublime uneventfulness invests you; you hear no news; read no gazettes; extras with startling accounts of commonplaces never delude you into unnecessary excitements; you hear of no domestic afflictions; bankrupt securities; fall of stocks; are never troubled with the thought of what you shall have for dinner—for all your meals for three years and more are snugly stowed in casks, and your bill of fare is immutable.

Allerdings birgt der Gedanke, hoch oben auf der Bramstenge stundenlang nur auf zwei dünnen Zweiglein zu balancieren, auch für Süßwassermatrosen, die ihre Höhenangst halbwegs im Zaume halten können, schon was Ungemütliches und ein flaues Gefühl in der Magengegend. Tsss… aber Sturmvogel sein wollen! — Vielleicht würde ja vorgelagert ein Ferien-Crashkurs auf der Gorch Fock helfen?

Und auch hier müssen wir wieder erfahren, dass nie alles Gute beisammen ist. Es sei denn, man steht weniger darauf, ein Südseewaljäger zu sein, und singt seine Wale lieber auf ‘nem Grönlandfahrer aus. Der nämlich Anspruch auf ein kuscheliges Krähennest mit Ofenheizung und Hausbar hat… hmmm, oder so ähnlich. Lest’s doch selber, mit welchem Komfort Papa Melville grinsend die Erfindung des guten Käpt’n Sleet ausstattet, der beiläufig der leibhaftige Vater der von ihm kreuz und quer zitierten Waljägerlegende William Scoresby ist.

Was wir noch lernen: dass eben jene Krähennester — oder auch die Bramdwarssaling-Zweiglein der südlichen Walfänger — die eigentliche Heimat unserer wohlbekannten Isolatos sind. Und der blassen pantheistischen Aussteiger — einer Spezies, die der Herman samt den Emersonschen Transzendentalisten und ihrem großen Vorbild Goethe mit spitzer Spötterzunge gut zu pieken weiß. Okay, letztere nun nicht explizit vor Ort, dafür aber im Mardi und im Briefgeflüster mit seinem Intimus Hawthorne. Vermerkt auch das Göske-Jendis-Gespann in seinem gutbestückten Nachwort (Seite 961).

Gern hätt’ ich mich ja noch ein bissel über den heiligen Säulenbewohner Stylites auf seinem P(f)osten ausgelassen, der da oben wenigstens noch gleichzeitig allen Wettern trotzen und predigen konnte. — Im Gegensatz zu den stummen und von braven kunstfertigen Handwerkern in Bronze gegossenen Säulenheiligen in aller Welt, die inzwischen nach ihrem lebendigen Ruhm längst sorgsam das Maul halten über dem Elend zu ihren Füßen… an irgendwas hat mich das erinnert. Aber man will ja nicht schon wieder langweilig ausufern.

Alles in allem ist das 35. doch so recht ein Kapitel für Träumer und Romantiker, möchte man meinen, die sich von den Wellen einwiegen lassen und nichts als meerblaue Weite aussingen. Doch unser guter Melville ist ein Schelm, wie man weiß. Nicht nur, dass er an dessen Ende den fast vollends Entschwobenen unsanft in der harten Realität… öhm, auf den alles verschlingenden Wassern aufschlagen und in cartesianischen Strudeln untergehen lässt. Nein, ich heg ja den begründeten Verdacht, dass er wieder mal den heimlichen Dramatiker raushängen lässt, der in dem ganzen munteren Geplauder und philosophischen Herumchillen schlitzohrig vor sich hin retardiert, um dann den ahnungslosen Leser mit dem nächsten Höhepunkt zu überfallen. Jaja, ahnungslos… denn der wird doch nicht schon das nächste, das Achterdeck-Kapitel ausspioniert haben…?

Schiff von oben

Bilder: Grännäs Marina AB; Ian Burns: From the crow’s nest of the Nooderlicht, 9. Oktober 2009.

Musik von unten: Flëur: Русалочка (Russalotschka — Die kleine Seejungfrau). Offizielle Website!
Musik von oben: Great Big Sea: Mary-Mac.

Written by Wolf

2. July 2009 at 7:15 am

Posted in Steuerfrau Elke

Up the rigging very leisurely

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Jürgen hat Kapitel 35: Im Masttopp gelesen:

Jürgen Jessebird SchmitteIch stand schon mal auf dem Münchener Olympiaturm – und fragte mich, ob der Boden wohl hält.

Ich stand schon mal auf dem Berliner Fernsehturm – und fragte mich, ob man sich wirklich gegen die Scheiben lehnen sollte.

Ich stand schon mal auf dem Petersdom in Rom – und fragte mich, wie ich da wieder runterkommen sollte.

Jürgen im Masttopp, ca. 1975Und das Foto zeigt mich in jungen Jahren nicht etwa beim Ersteigen des Klettergerüsts – sondern am höchsten Punkt meines Aufstiegs. Die Verzweiflung im Blick rührt daher, dass ich ja auch wieder runter musste. Rückwärts (Urlaub in Ostfriesland, ca. 1975).

Falls Sie es noch nicht verstanden haben, lieber Leser: ich leide unter Höhenangst. Ein äußerst unangenehmes und ziemlich nutzloses Gefühl. Was das mit Moby-Dick zu tun hat?

There you stand, a hundred feet above the silent decks, striding along the deep, as if the masts were gigantic stilts, while beneath you and between your legs, as it were, swim the hugest monsters of the sea,…

Hundert Fuß – das sind über dreißig Meter! Am Ende eines langen Stocks (etwas anderes ist ein Mast doch nicht!), der auf einer Nussschale festgemacht ist, die im Meer umher geworfen wird. Einen noch wackligeren Platz kann man sich kaum denken, oder? Allein die Vorstellung verursacht mir feuchte Hände. Und dann ja auch nicht in einem Krähennest, sondern gänzlich ohne Sicherung, nur auf zwei schmalen Brettchen:

Your most usual point of perch is the head of the t’ gallant-mast, where you stand upon two thin parallel sticks (almost peculiar to whalemen) called the t’ gallant crosstrees.

Und dann beschreibt der Herr Melville auch noch seinen (bzw. Ismaels) Aufstieg in den Masttopp als einen kleinen Sonntagsspaziergang, komplett mit freundlichen Plaudereien:

For one, I used to lounge up the rigging very leisurely, resting in the top to have a chat with Queequeg, or any one else off duty whom I might find there; then ascending a little way further, and throwing a lazy leg over the top-sail yard, take a preliminary view of the watery pastures, and so at last mount to my ultimate destination.

Entweder ist Melville der Fluch der Höhenangst völlig fremd – oder er gibt sich hier bewusst so nonchalant, um darüber hinweg zu täuschen. Immerhin, er gesteht dem Neuling zu, dass er sich da oben unwohl fühlen darf:

Jürgens SchlingernHere, tossed about by the sea, the beginner feels about as cosy as he would standing on a bull’s horns.

Aus ganz persönlichen Gründen also mag ich nicht mehr zu diesem Kapitel sagen. Pantheismus und die alten Ägypter, Nelson und Napoleon – da können sich andere mit vergnügen. Mir reicht die Vorstellung von schwindelnder Höhe und wildem Umhergeworfenwerden. Mehr braucht’s gar nicht.

Und vielleicht soll’s uns auch gar nicht mehr sagen: wir sitzen alle mal im Masttopp und werden herumgeschleudert. Und wenn wir uns nicht gut festhalten, dann versinken wir im Chaos um uns herum…

In diesem Sinne: freuen wir uns auf das Achterdeck! Fester Boden unter den Füssen (relativ)!

Bilder: Allesamt von Jürgen, ca. 1975, 2008, 2009.

Written by Wolf

24. March 2009 at 12:01 am

Posted in Steuermann Jürgen

Call me Ödipus (Vorübergehender Wahnsinn in ungewöhnlich jammervoller Stunde)

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Wolf hat Kapitel 35: Im Masttopp gelesen
und macht ein Update zu Mutter, lass mich dein Söhnchen sein:

     Roll on, thou deep and dark blue Ocean — roll!
     Ten thousand fleets sweep over thee in vain;
     Man marks the earth with ruin — his control
     Stops with the shore; upon the watery plain
     The wrecks are all thy deed, nor doth remain
     A shadow of man’s ravage, save his own,
     When, for a moment, like a drop of rain,
     He sinks into thy depths with bubbling groan,
Without a grave, unknell’d, uncoffin’d, and unknown.

     Roll’ an tiefblauer Ocean, roll’ an!
     Es fegen spurlos dich zehntausend Flotten,
     Der Mensch zerstört das Land, soweit er kann,
     Doch auf der Flut ist dein Werk: auszurotten!
     Und vor dem Greul der Menschen, dieser Motten,
     Bleibt keine Spur, — ihr Schatten höchstens blos
     Wenn stöhnend er zu deinen tiefen Grotten,
     Ein Regentropfen, sinkt in deinen Schoos,
Vergessen — ohne Klang — sarglos und grabeslos.

Lord Byron: Childe Harold’s Pilgrimage, 1818, Canto the Fourth, CLXXIX. stanza,
übs. Adolf Böttger, Leipzig 1854.

In die Kneipe nehm ich ja immer Schreibzeug mit. Irgendwer fragt immer, was man da zu schreiben hat. Je nach Konstitution des Fragenden macht man dann eine gedeihliche Bekanntschaft, ist fürchterlich mit künstlerischem Schaffen beschäftigt oder hat am Ende wenigstens einen schönen Brief geschrieben. In Münchens einziger Hafenkneipe Zur Gruam ist das besonders wichtig, damit die kontaktfreudigen paar Jahrhunderte Knast, die sich dort jeden Abend versammeln, einem das Messer nur in den Thekenplatz und nicht in den Ranzen rennen.

Whaleman at the Masthead. J. Ross Browne, Etchings of a Whaling Cruise. New York, Harper Brothers 1846Einer blitzte weniger wild mit den Augen als die anderen. Geradezu umgänglich wirkte er. Als ich von meinem Schreibwerk aufschaute, fragte er:

“Was schreibst’n da?”

Na bitte, es funktioniert immer.

“Sag ich dir, wenn du mir sagst, was du hier treibst.”

“Das gleiche wie du. Umschauen, ausgucken, zurück in den Mutterleib streben und gleichzeitig in ein frühes Grab.”

“Immer diese Freudianer.”

“Selber einer, wenn du das so schnell merkst.”

“Du bist auch hier drin wegen Hafenkneipe?”

“Sicher. Als mannhafte Station zwischen Mutterschoß und seliger ewiger Ruhe.”

“So hab ich’s noch gar nicht gesehen. Schiffen traut man’s zu, aber Kneipen…”

“Man kann nicht immer nur segeln.”

“So tot bist du schon?”

“Nicht toter als du. Ich bin nur öfter am Wasser.”

“Und wie ich deine John-Lennon-Brille einschätze, meistens darüber. Im Ausguck.”

“Süßwasserwalfänger.”

“Und? Bläst er oft?”

“Nicht, wenn ich oben bin.”

“So siehst du aus. Was treibt dich denn dahin? Andere verstecken sich in einem ruhigen Job beim Zollamt oder so.”

“Hat doch unser gemeinsamer Freund Melville später auch getan. Jetzt ist noch die Zeit, das Leichentuch in einer gewissen Größe auszusuchen.”

“71 Prozent der Erdoberfläche, nicht schlecht.”

“Bescheidenheit kommt erst mit dem Alter.”

“Wenn du wie der Schmied mit Mitte siebzig Frau, drei Kinder, Haus und Hof versoffen hast?”

“Ja, das sollte genügen. ‘Ein Vagabund im Trauerkleide, ohne Mitleid für [m]ein Elend, [m]ein graues Haupt ein Spott für blonde Locken.””

“Mir kommen die Tränen.”

“Das sollten sie. Du bist nämlich auch so einer.”

“Zwei Jahre und zwei Bücher zuvor, im Redburn, hat sich das noch viel lebensfreudiger angehört, findest du nicht?”

“Doch, unbedingt. ‘Träume und Sehnsüchte, sein Glück zur See zu versuchen’, das hält nicht weit über die Pubertät hinaus. Außerdem war das 1849 eine Auftragsarbeit.”

“Und 1851 weiter mit ‘hegen fast alle Menschen, ob sie’s wissen oder nicht, in etwa dieselben Gefühle für das Weltmeer’?”

“Klar. ‘Auf ewig vereint sind Wasser und Tiefsinn.'”

“Und nach den zwei Erfolgsbüchern hat er nicht da weiter gemacht, sondern dort, wo er vor drei Büchern mit dem Mardi eingebrochen ist.”

“So geht Thanatos!”

“Warum hängen sich dann nicht alle deine Kollegen bei der ersten Nachtwache an der Besanstenge auf?”

“Würdest du dir das wünschen? So ein andauernder Selbstmord, ohne sterben zu müssen, das ist doch was Praktisches. Und die Weiber stehn drauf, wenn man ihnen die Fackel trägt.”

“In Form von Walrat?”

“Du bist gut, Mate.”

“Ist aber nicht viel mit Weibern auf hoher See, oder trefft ihr viele Sirenen?”

“Nur innerlich. Das muss schon so sein. Die innere Mutter ist noch lange nicht befriedigt.”

“Igitigitt, seid ihr widerlich.”

“Gar nicht. Ist doch alles freudsch.”

“Gesundheit.”

“Langsam kommst du drauf. Das ist weder ein Ansinnen, Muttern flachzulegen noch Vatern zu erschlagen, die ganze Einrichung von Wohnstätten, Herstellung von Nahrungsmitteln…”

“Prost übrigens.”

“Prost. Und dass du dir was überwirfst, bevor du in die Kneipe rennst, das ist schon genug Nachbildung von Ureinheit mit deiner Mutter.”

“Call me Ödipus.”

“Du mich auch.”

“Kennst du noch mehr Bücher?”

“Eins vor Moby war schon dran, eins danach, Israel Potter, kenn ich noch.”

“Was steht drin, sag?”

“‘Die Einsiedelei im Wald ist die Zuflucht des engherzigen Menschenhassers; die Hängematte auf dem Ozean ist das Asyl für die Betrübten großmütigen Geistes. Der Ozean läuft über von natürlichen Tragödien und Unglück, und der Kummer eines Menschen ist nur ein einziger Tropfen in dieser Wasserunendlichkeit des Schreckens’, das steht drin.”

“Was du alles weißt.”

“Man kommt rum.”

“Bist du denn so betrübten Geistes?”

“Nicht mehr als die natürliche Grundbetrübnis von unsereinem. Oder findest du mein Gebaren besonders bedrückt?”

“Wenn du so fragst… könnte das aber auch am geistigen Gebräu liegen.”

“Na klar, weil Denken und Fühlen aus lauter chemischen Reaktionen besteht.”

“Was sagt Freud dazu?”

“Will ich gar nicht wissen.”

“Über die Art von Witzelsucht, die wir gerade an die Nacht legen, sagt er schon was.”

“Und zwar?”

“Na, die ganze Arie mit Schutzdistanz, den Schmerz fernhalten und Coolsein.”

“So eine Illusion von geistiger Überlegenheit und Leckmichamarsch?”

“Mit Betonung auf Illusion.”

“Held sein, ohne zu leisten.”

“Passt doch. Wie leben, ohne sterben zu müssen.”

“Und irgendwann sterben, ohne zu leben zu müssen.”

“Siehst du, was ich meine?”

“Klar. Lachen, um nicht weinen zu müssen.”

“Steht da nichts dazu bei deinen großmütig begeisterten Betrübten?”

“Im Pierre? Doch: ‘Wenn sich in ungewöhnlich jammervoller Stunde die Gelegenheit dazu bietet, finden manche Menschen ihre hysterische Erleichterung in einem wilden verdrehten Humor, der um so verlockender ist, da er dem Anlaß vollkommen entgegensteht… Die kühle Krittelei der bloßen Philosophen würde solches Betragen wohl mehr oder minder als vorübergehenden Wahnsinn bezeichnen, und vielleicht ist es das ja auch, da in den unerbittlichen und unmenschlichen Augen der schieren, unverdünnten Vernunft jeglicher Gram, sei’s um uns selber, sei’s um andere, nur blanke Unvernunft und Irrsinn ist.'”

“Jetzt hör aber auf. Das kannst du dir so merken?”

“Ins Internet komm ich selten.”

“Naja, so in euren Walfanggründen habt ihr’s wohl mehr mit Bordfunk.”

“Nichts, was ich vermisse.”

“Dann kennst du auch die Shanty-Sammlung von Hulton Clint gar nicht.”

“Sollte ich?”

“An der Stelle rentiert sich Internet wirklich. Der ist den Moby-Dick-Film mal durchgegangen…”

“Den kenn ich! Den von 1956 mit Gregory Peck, nä?”

“Ja, der andere zählt nicht. Und in dem hat er die Shanties rausgezogen und zeigt, dass John Huston nicht ausschließlich gestelltes Studiomaterial hergenommen hat. Zwei Videos voll.”

“Nicht? Sondern?”

“Live-Mitschnitte. Es hält jedenfalls dem Wissen deines Gewerbes stand.”

“Nicht zu fassen.

“1956!”

“Mhm. Und woher kommt das in diese ganze Schlaf-, Todes- und Witzelsucht rein?”

“Na, ich dachte, das ist der Moment, an dem so ein Ausguck auch mal aufwacht.”

“Nicht, wenn er’s vemeiden kann.”

“Ach ja, ich vergaß. Du bist so einer von den Pantheisten aus Kapitel 35.”

“Jaja, der Schluss. Aber geh mir doch mit Gott.”

“Ad vocem gehen: Gehn wir noch ins Gap?”

“Die andere hiesige Hafenkneipe?”

“Was dieses verträumte Städtchen an Stelle von Hafenkneipen so hat.”

“Ist eigentlich ganz gut sortiert, dafür, dass es nicht mal einen Hafen hat.”

“Muss man hier eigentlich zahlen?”

“Du wolltest mir sagen, was du da schreibst.”

“Och, ich schreib mit.”

“Mami, Mami, ich bin im Internet.”

“Das kostet dich die Zeche.”

Lieder: Moby-Dick: Video 1, Video 2, 1956;
Freddy Quinn: Junge, komm bald wieder, 1963.
Fachliteratur: Eugen Drewermann: Moby Dick oder: Vom Ungeheuren, ein Mensch zu sein. Eine tiefenpsychologische Deutung, 2004 (und entgegen der Amazon-beschreibung nicht auf 340, sondern 560 Seiten).
Bild: Whaleman at the Masthead: courtesy of J. Ross Browne: Etchings of a Whaling Cruise, New York: Harper Brothers, 1846.

Written by Wolf

23. February 2009 at 12:01 am