Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for the ‘Steuerfrau Elke’ Category

Freud um Nietzsche, Ahab um Stubb

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Elke hat Kapitel 31: Mab, die Feenkönigin gelesen:

Elke HegewaldAls hier das große Wundern und Grübeln über die Titelung der Kapitelung und den Inhalt dahinter ausbrach, war ich spontan geneigt und bereit einzustimmen – aus vielfältigsten Beweggründen (zu denen auch die Überraschung gehört, wie Dr. Jürgen Freud in seinem großartigen traumdeutenden Beitrag bei wenigstens einer Version seine Zweifel hinsichtlich der Wahrung des Zeitbezugs kühn und vorübergehend über Bord zu werfen gewagt hat). Bis auf einmal alles (s)einen tiefen Melvilleischen Eigensinn bekam und sich irgendwie allegorisch rund legte. Meine beiden (oder anderthalben) Deutungsvorschläge:

Der erste lehnt sich so ein bisschen an meine eigenen Erfahrungen aus dem täglichen Broterwerb an und die dabei sattsam gewonnenen psychologischen Einblicke. Bei denen (auch wenn ich nicht Frau Dr. Freud bin) womöglich gleich wieder Jürgens Besorgnisse hinsichtlich Melvillebezugs und dortigen menschlichen Anders-Denkens aufhorchen werden. Aber man glaubt es kaum, was der liebe Mitmensch, das unbekannte Wesen, alles in sich selber anstellt, um ein Stückerl von seinem malträtierten Rückgrat zu behalten. Dass zu diesem Zwecke auch Träume in einem rumrumoren, weiß ja die Welt schließlich auch nicht erst seit dem Erfinder der Psychoanalyse. Die aufgesammelten und nicht mal seltenen seelischen Selbsttherapien kommen schon Wolfs Einsortierung des guten, narrischen Stubb ziemlich nahe. Der sich nämlich einen geträumten Tritt in den Hintern oder weißichwohin schönredet (also der Stubb jetzt), um sich solcherart mit Ach und Krach sein Selbstwertgefühl zu bewahren, seine menschliche Würde zu retten. Der Anschnauzer seines vorgesetzten Kapitäns macht ihm – Frohnatur und anpassungsfähiges Gemüt hin oder her – mehr als man denkt zu schaffen, wo er ihn bis in seinen wellengewiegten Schlummer verfolgt. Und was tut so einer, der wie unser Stubb nicht für das Auflehnen wider den Starken und Mächtigen geboren ist, nun dagegen? Na klar, er träumt sich’s klein. Versucht, das gesunde Empfinden einer handfesten Beleidigung herunterzuspielen, indem er in seinem tumben Stubble-Kopp den Wert Ahabs und dessen ja nur via künstliches Walbein und nicht als “a living thump” verabfolgten Tritt schmälert. Gegen den er sich anfangs sogar zu wehren sucht, “stubbing [his] silly toes against that cursed pyramid”. Na, und mit ein bissel Rückgratstärkung durch einen, wenn auch arg bucklig und marlspiekert geträumten Merman fühlt sich’s doch gleich noch ein bisschen besser an, nä.

Soweit die Alltags- und real(un)poetische Natur-des-Menschen-Version. Die mir übrigens geeignet scheint, nicht gar zu sehr (wenn überhaupt) in den Zwang einer Rechtfertigung vor Herrn Melville zu geraten: Erniedrigung bleibt Erniedrigung, Mensch angesichts einer solchen sooo Mensch – und fühlt auch so.

Sollte man gesunderweise meinen.

Wäre nicht… ja, wäre da nicht noch was in den nach Melvillescher Art eingeflochtenen Symbolismen und Anspielungen, von denen es nur so wimmelt im Kapitel. Etwas, das mir zwar dunkel, aber verdammt nochmal bekannt vorkömmt . Die müssen doch einen Sinn ergeben – hätte er ja auch einfacher haben können sonst, der Herman. Und auch ein paar heftige spöttische Grinsefältchen meint man in seinen Augenwinkeln wahrzunehmen. Was sollen also die ganzen Bilder, die Pyramide und das abbe Bein vom Stubb und das getackerte nackerte Hinterteil des Merman-Phantoms?

Max Klinger, Der Gang zur BergpredigtHa, und spätestens als der Bucklige blank zieht, fällt mir die Erleuchtung wie Schuppen aus den Haaren der feenhaften Frau Mab. Ahnt’ ichs doch! — Und nein, auch wenn es bitter und enttäuschend ist für alle einschlägigen Suchmaschinenquäler und auch wenn es Jürgens brillant freudischen Tiefenpsychologie-Exkurs nicht zu stützen scheint, kein Kindesmissbrauch des kleinen Herman, keine homoerotischen Fantasien alternder Schriftsteller und Matrosen, auch nicht Stubbs Potenz- mit Beinverlust fliegen mich an und geistern durch meinen Sinn. Sondern der alte Käpt’n Bildad ists – erinnert sich noch jemand an den? Was murmelte der nochmal andauernd durch einen guten Teil des 16. Kapitels? Jaaah, die biblische Bergpredigt wars, auf der er herumkaute! Die war’s!

Sind es nicht deren Weisheiten, die Melville da mit einem Augenzwinkern und dem uns hinlänglich bekannten freigeisternden Handhaben von Religionsfragen in den Traumbildern des braven Stubb herumstreut? Selig sind die Sanftmütigen!

Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.

predigt Jesus auf dem Berge (Matthäus 5,39f.). — Je nun, Bein um Bein beim Stubb und Ahab? Und reckt der alte Merman auf Stubbs angedrohte Schläge nicht gar gleich seine zwei Backen hin? Auch wenn der Gottessohn wohl eher die andern zwei meinte. Und auch die Märtyrerdornen – oder sind’s Marternägel? — gehören eigentlich woanders hin, oder?

Wohlgemerkt, die Predigt handelt in diesem Passus “vom Vergelten”. Und ei der Daus, wären dann die Stubbschen Dissonanzen mit Ahab für Melville nicht nur Mittel zum Zweck? Gingen seine Anspielungen dann nicht verflixt weit darüber hinaus? – Gesetzt den Fall, an meinen Herumdeutelungen wäre was dran: dann ginge es hier um nicht mehr und nicht weniger als um das Einläuten eines Hauptthemas des ganzen Moby-Dick, das den Handlungsfaden vorantreibt: des finstern Käpt’ns – nicht des kleinen Stubb — Drang nach Rache und Vergeltung nämlich. Großes Kino also. Ergibt somit im Zusammenhang des Romans das ganze Kapitel nicht sehr wohl einen tiefen Sinn? Und nicht von ungefähr, so deucht mich, findet gerade in diesem Moment der weiße Wal zum ersten Mal Erwähnung. Was meint ihr?

A23H, Der teufel ist tot, 29. Dzember 2005Und wenn das so ist, wird auch der Wolf – mitsamt unserm gotteslästerlichen Herman – Recht behalten. Wie sagte er so schön?: “Stubb wird der erste sein, der sich freudig von Ahab alles gefallen lässt, und es als Ruhm und Ehre betrachten.” — Worauf wir einen lassen… öhm, also wetten können, denn: “Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei.” (Matthäus 5,41)

Dass der Stubb sich den Ahab zu allem Überfluss auch noch zur Pyramide traumzaubert, die ja auch auch als Symbol des dreidimensionalen (heiligen) Kreuzes interpretiert wird – hm, soll man das nun als Zeichen schleichend wachsender Ahab-Einschwörung und Verblendung deuten? Doktor Freud, übernehmen Sie büdde wieder!

Dochdoch, Doktor, nu ziernse sich mal nicht so! Das wäre schon deshalb angebracht, weil Mr. Melville — okayokay, Jürgen — den Freud zwar nicht kennen kunnt, aber mir ihm in Sachen Religionskritik zet Be kaum nachzustehen scheint. Nicht dass ich jetzt behaupten wöllt’, er sei ein Verfechter des blinden Rachegedankens um jeden Preis. Doch schaut es mir so aus (denn den Spötter Melville dichte ich mir doch nicht nur hinein, oder?), als wäre auch er als ein, leicht konspirativer, Gegner der berggepredigten über-menschlichen Erwartungen und deren “Sklavenmoral” auszumachen. Wie der große Freudsche Zeitgenosse Friedrich Nietzsche es sieht, der deren entschiedenster einer war und dem der Doktor zudem selber bescheinigte, etliche Einsichten der Psychoanalyse intuitiv vorweggenommen zu haben. Nietzsches Also sprach Zarathustra wird als Gesamtwerk sogar als eine Art Anti-Bergpredigt gehandelt, wider die Demut und Unterwürfigkeit und für die Selbstbestimmtheit des Menschen. — Anmerkung: Jaha, ich bin mir bewusst, dass dies eine stark vereinfachte und unzulässige Verkürzung sowohl des Herrn Nietzsche als auch seines Zarathustra ist und ein eigenes Thema verdient hat.

Carl Bloch, Sermon on the Mount, 23. Mai 1834

Und um das Maß voll zu machen und eure Geduld bis an den Rand zu strapazieren, nehme ich mir auch schnell und – versprochen! — kurz Frau Königin Mab zur Brust. Ein ketzerischer Titel im gerade episch ausgebreiteten Zusammenhang, findet ihr nicht? Die heidnische keltische Fee, die in der Mythologie Schöpferin, aber auch Hexe ist. Die unsern eh schon verwirrten Stubb nun auch noch heimsucht. Tsss, Mister Melville, ein Schelm, wer Böses dabei denkt? Ich klau da nochmal kurz beim Shakespeare, den ja auch uns’ Herman beständig alles andre als verleugnet:

… and then anon
Drums in his ear, at which he starts and wakes,
And being thus frighted swears a prayer or two
And sleeps again. This is that very Mab
That plats the manes of horses in the night,
And bakes the elflocks in foul sluttish hairs,
Which once untangled, much misfortune bodes:
This is the hag…

Sorry, das musste noch, bei Hexen und Feen kann ich nicht anders. Wo ich doch selber eine bin.

Johann Heinrich Füssli, Prinz Arthur und die Feenkönigin, um 1788

Bilder: Max Klinger: Der Gang zur Bergpredigt, 1877;
A23H: Teufel ist tot, 29. Dezember 2005;
Carl Bloch: Die Bergpredigt, Kopenhagen 23. Mai 1834;
Johann Heinrich Füssli: Prinz Arthur und die Feenkönigin, um 1788.

Written by Wolf

27. July 2008 at 12:01 am

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Mein Liebchen: Edle von der Pfeife

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Elke erhebt Einwände zu den Einwänden zu Kapitel 30: Die Pfeife:

Elke HegewaldIrgendwie bin ich mit keinem der verkündigten Argumente so richtig glücklich. Die “Befreiung von allem Irdischen” kömmt mir bei dieser winzigen Episode und dem Sonderling-Gebrabbel fast ein bisschen zu pathetisch daher. Naja, und die Absage ans Pfeifchenpaffen als trotzige und entschlossene Gebärde zu interpretieren, hinter der der einsame Rächer sein hehres Ziel glasklar und nicht durch vernebelnden Qualm im wachsamen Adlerauge behalten will, ist auch ein einigermaßen schräges Bild, oder? Jedenfalls wenn man selbiges Ziel eher als fixe Idee und Racheplan verletzten männlichen Stolzes denn als heldischen Vorsatz zu sehen geneigt ist.

Hey Jungs, ‘tschulljung, wenn ich mich in eure kerligen Gespräche einmische. Ich will ja auch gar nicht streiten und vielleicht liegt’s ja daran, dass ich ein Mädchen bin und mit dem sturen einsamen Cowboy respektive Walfänger nichts anfangen kann, der – koste es was es wolle – für seine Ehre in den Sonnenuntergang… na, ihr wisst schon. Und wenn doch, dann um der dramatischen Ausgeburt Melvillescher Künstlerfantasie und der menschlichen Tragik unseres unseligen Ahab willen.

Allerdings fallen meine Deutungen etwas weniger glorios aus, als Seeweib muss man doch ‘n bisschen Realität in den Disput bringen.

Da murmelt also dieser Finsterling so vor sich hin in seinen Bart (hm, hat er eigentlich einen?):

“How now… this smoking no longer soothes. Oh, my pipe! hard must it go with me if thy charm be gone! Here have I been unconsciously toiling, not pleasuring — aye, and ignorantly smoking to windward all the while; to windward, and with such nervous whiffs, as if, like the dying whale, my final jets were the strongest and fullest of trouble. What business have I with this pipe? This thing that is meant for sereneness, to send up mild white vapours among mild white hairs, not among torn iron-grey locks like mine. I’ll smoke no more — “

Parodie Martin Mißfeldt, Picasso, Junger Mann mit PfeifeTja, und was spricht er da eigentlich? Wenn man sich ganz einfach machte, könnt man sagen: Es schmeckt ihm nicht mehr, sein Pfeifchen. Himmel, seid ihr keine Raucher? Kennt doch jeder von denen, der lang genug dieser Sucht frönt. Meistens gibt sich das irgendwann wieder. Aber es wäre auch eine gute Variante – dazu noch mit einem fein theatralischen Effekt – damit aufzuhören, nä. Über Bord mit dem Ding, opfern wir es dem Meeresgott! Ahab, dem Kerl mit dem eisenharten Willen, dem Mann für radikale Lösungen, traut man sogar zu, dass er’s so packt. Und zu kaum einem passt wohl diese Geste, in einer Aufwallung von Groll auf sich selber das gute Stück in hohem Bogen in die Wellen zu werfen, so sehr wie zu ihm. Ist doch ein sturer, verbohrter Hund, der.

Doch so schnöde und schlicht ist’s dann vielleicht doch nicht. Schwingt da nicht auch eine schmerzliche Erkenntnis mit in seinem Gebrummel?: Es funktioniert nicht mehr, dieses angenehme Fünkchen Leben, der Zauber eines besänftigenden Pfeifleins im Mundwinkel, der auch ihm wohl tat, ist verflogen. Er selbst ist nicht mehr zugänglich für die kleinsten Freuden dieses Lebens, ist eine arme, einsame und verzweifelte Seele. Und diese Regung tut weh, was er sich jedoch niemals eingestehen würde:

“Was habe ich mit dieser Pfeife zu schaffen? Dieses Ding, das doch heitere Gelassenheit stiften und mildweiße Wölkchen zu mildweißem Haar emporsenden soll, statt zu zerzausten, eisengrauen Locken wie den meinen…”

Hier nun auch mein Einwand zum Einwand, lieber Jürgen: Ja, es muss die Pfeife sein — sie ist etwas Schönes, Versöhnliches, Herzwarmes. Verflucht er sich vielleicht gar für diese unzulässig sentimentale Regung, reagiert er deshalb so schroff?

Wir wissen es nicht. Und stehen, ihn beinahe scheu aus den Augenwinkeln beobachtend, neben ihm an der Reling…


Vincent van Gogh, Alter Schiffer, 1883Pfeifenraucher umschwebt doch irgendwie der Hauch des Gemütlichen, ja, eben so, wie Melville selber es beim guten schlichten Stubb beschrieben hat. Mit dem Wölkchenpaffen an sich verbindet sich doch das Gefühl von von Genuss (heute hat es manchmal sogar etwas Elitäres an sich, oder?). Ein paar von den Großen, die wir kennen, waren Pfeifenraucher, so der jüngst hier besungene Pfannkuchenschreiber Hemingway oder Albert Einstein. Pfeifen sind ein unverzichtbares Requsit der Seeleute und manche von den Nuckelschätzchen tragen gar den stolzen Namen Kapitänspfeife und sehen auch so aus.

Meisterschaften im kultivierten Pfeifenrauchen werden ausgetragen und die Kunst der Pfeifenbäckerei wissenschaftlich erforscht.

Tabakspfeifen sind Freundinnen. Der hier seinerzeit auch schon (zu weitaus mutigeren Themen) durchgehechelte selbsternannte Indianerfreund Karl May nannte die seine gar sein Liebchen und hat die Wonnen mit ihr — schauschau! — in Versen besungen. Über deren Unsterblichkeit ich mir hier zwar beileibe kein Urteil anmaße, die aber das besondere Flair des Schmökens für seine Jünger vermitteln:

Mein Liebchen

Wenn Sorge mich und Unmuth quälet,
Wenn mir’s an Moos im Beutel fehlet,
Wenn mich ein schwerer Kummer drückt,
Das Schicksal mich mit Pech beglückt:
Was ist es dann, wonach ich greife?
I nun! Die liebe Tabakspfeife!

Bei meinen Freuden, meinen Scherzen,
Beim Austausch gleichgesinnter Herzen,
In all’ den traulich frohen Stunden,
Die ich im Freundeskreis gefunden,
Bei meines Glück’s so seltner Reife
Ist stets um mich die liebe Pfeife.

Auf all’ den Reisen, die ich machte,
Wo die Natur mir freundlich lachte,
Auf all’ den einsam trauten Wegen,
Im Waldesgrün, wo ich gelegen,
In Feld und Flur, die ich durchstreife,
Begleitet mich die treue Pfeife.

Sie bleibt mir Braut durch’s ganze Leben;
Ja, sie in Adel zu erheben
Ist wohl ein Leichtes: Das Diplom
Schreibt sie sich selbst durch ihr Arom.
Sie heiße d’rum, ob man auch keife,
Von jetzt an: Edle von der Pfeife!

Ich selber mag den Geruch einer schmurgelnden Tabakspfeife. Und hab’s auch schon mal probiert, auch wenn ich gewiss nicht grad zum Freak werde.

Und ich glaube, er wird es bereuen, der alte Ahab.

Damenpfeife aus dem Pfeifenlädchen

Bilder: Martin Mißfeldt: Junger Mann mit Pfeife, nach Pablo Picasso;
Vincent van Gogh: Alter Schiffer, Bleistift, schwarze und weiße Kreide, 1883;
Damenpfeife aus dem Pfeifenlädchen.

Written by Wolf

9. June 2008 at 3:49 am

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Enter Stubb; To himself, Stubb: Du sollst nicht denken

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Elke hat Kapitel 29: Auftritt Ahab; zu ihm, Stubb gelesen:

Elke HegewaldIch konnte mich ja eines Schmunzelns nicht erwehren beim Lesen der Szene mit den zwei kläffenden, zänkischen Kerls. Für mich hatte sie durchaus was Kurioses.

Zu Ahabs Ehrenrettung muss zunächst mal angemerkt werden, dass er ja mitnichten ohne Rücksicht auf Verluste und Mannschaftsschlaf allnächtlich mit seinem Knüppelfuß übers Deck poltert. Er achtet im Gegenteil sehr wohl auf die verdiente Ruhe seiner Crew. Sogar

some considering touch of humanity was in him; for at times like these, he usually abstained from patrolling the quarter-deck; because to his wearied mates, seeking repose within six inches of his ivory heel, such would have been the reverberating crack and din of that bony step, that their dreams would have been on the crunching teeth of sharks.

Verjendist siehe Seite 217.

Aber ahnen wir doch längst, was ihn umtreibt und dass es manchmal mit ihm durchgeht. Der Typ kreist doch um sich selbst – na, und diesen ominösen Wal. Und dann kommt dieser Trottel Stubb angebolzt und beschwert sich, dass er mal nicht schlafen kann.

So gesehen und in Anbetracht von dessen “scherzhafter Unterwürfigkeit” beginnt von Ahabs Seite das Geplänkel ja noch geradezu leutselig und beschwichtigend – ein Zug, den man in ihm, mit Verlaub, gar nicht vermutet hätte, oder? Nur im Nachsatz muss er dann doch noch den Boss raushängen lassen und ihn einen Hund heißen – oder hatte es gar auch der Versuch eines Scherzes werden sollen? (Melville wäre das zuzutrauen, aber das ist nun wieder der Nachteil vom Lesen, man hört ja den Tonfall nicht so recht…). Sollte es denn so gewesen sein, ging das jedenfalls kräftig daneben, um nicht zu sagen, nach hinten los. Denn so kann man selbst einem Stubb nicht kommen, schließlich hat ein ehrbarer Waljäger auch seinen Stolz.

Stubb Moby Dick! The Musical, PresentingWas das Erstaunliche daran ist: Es kommt einem beinahe so vor, als wären beider Rollen vertauscht, freilich nur für einen kleinen Moment. Denn der finstere Ahab scheint zuerst ungewohnt menschlich und milde und wird erst unversehens wieder dämonisch und aufbrausend, als ihm Widerworte entgegen wehen. So weit kommt das noch, dass der Untergebene, dieser kleine Knappe sich gegen ihn auflehnt – wer ist denn hier der Kapitän!

Stubb hingegen, dessen heiteres und gemütliches Wesen uns Kapitel 27 bekanntlich in einigermaßen epischer Breite erhellte, das ist doch der, den so schnell nix aus der Ruhe bringt – “so cheerily trudging off with the burden of life in a world full of grave pedlars, all bowed to the ground with their packs” (Kapitel 27, bei Jendis Seite 205). Der mit dieser sympathischen Fischkopp-Mentalität des küstengeborenen Inselmenschen, wie sie in derartigen Landstrichen offenbar weltweit zu Hause ist. Und der versteht den etwas verunglückt geratenen Humor seines Obersten plötzlich miss und muckt auf. Statt einfach den ollen Walbeinernen zu nehmen wie er ist und ihm dieses eine Mal nachzusehen, dass er seinen Moralischen hat und infolge seiner Behinderung in naturgemäßem Stakkato über ihren Köpfen herumtrampelt. Und den gebieterisch rauen Ton eines Käptns auf seinem Schiffe, der halt nicht mit Engelszungen daherkommt, sollten solche harten Kerls nicht gewohnt sein…? Hm, wenn diese skurrile Konstellation ihren Zündstoff, an dem sie explodiert, nicht selber ausgebrütet hat, dann weiß ich auch nicht.

Und hinterher brabbelt er ratlos wirres Zeug in sich hinein und versteht die Welt nicht mehr oder was ihn eigentlich geritten hat, sich mit dem da anzulegen. Diesem Murmelmonolog wohnt wirklich nichts weniger inne als der durchgeistigte und psychologelnde Bewusstseinsstrom späterer Autoren, da hat der Wolf schon Recht – und Melville sowieso. Denn nennen wir es doch beim Namen: Unser guter Stubb ist ein einfaches Gemüt, das eben auch mal langsamer denkt, als es spricht, und sich nicht gern den Kopf zerbricht. Nicht umsonst besinnt sich so einer zu guter Letzt gegen das Chaos in seinem Hirn auf sein höchstpersönliches elftes Gebot: Du sollst nicht denken! Und sein zwölftes: Du sollst schlafen – wenn du kannst. Schau an, nicht supergescheit aber lebenstüchtig, der Mann. Rettung durch Verdrängen – kennt doch jeder. Oder etwa nicht?

P.S. Ach ja, eine freundliche Begegnung hatte ich auch noch, beim Kramen nach der passenden Illustration. Wollt ihr hörn? Es gibt tatsächlich eine Insel, die Stubbs Island heißt. Ein winziges Stück Land im Meer an der Nordspitze des riesigen kanadischen Vancouver Island, beide voller Natur pur, ersteres besonders hübsch bei Sonnenuntergang. Und wenn ich mir einerseits auch schwer vorstellen kann, dass dieses Inselchen ausgerechnet nach Ahabs Zweitem benannt ist, spricht doch andererseits etwas Gewichtiges beinahe dafür: Es bietet nämlich eine Touristenattraktion an, wie sie einschlägiger kaum sein kann – Stubbs Island Whale Watching! So viel Zufall kanns doch gar nicht geben, oder?

Bilder: Moby Dick! The Musical; Norman Bolwell: Stubb’s Whaleboat.

Written by Wolf

16. May 2008 at 12:20 am

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Stigma diabolicum

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Elke hat Kapitel 28: Ahab gelesen und Ahabs Mal gesehen:

Elke HegewaldKapitän Ahab betritt die Bühne. Da steht er also auf seinem Achterdeck rum, der Langersehnte. Das war aber auch schon das Dramatischste, was dieses 28. Kapitel zu verkünden hat, oder? Ansonsten: ein bisschen ahnungsvolles Bauchgrimmen sowie besorgte Spekulationen über Scheffes Befehlsgebaren bei Ismael, der sich wohl auf seine schwindende Erzählerrolle im weiteren Handlungsverlauf vorbereitet, zunehmend eitel Sonnenschein und eine milde Brise auf Deck. Die sogar den finsteren bislang Unsichtbaren zunehmend ans Tageslicht lockt und beinahe hätte lächeln lassen…

Also wirklich. Auf die Gefahr hin, mit grünen Tomaten und Chowder-Bowls beworfen zu werden, frag ich mal ketzerisch: Hat der geneigte Leser (abgesehen von den eingeweihten, die eh Bescheid wussten und nur so tun als ob) von diesem Auftritt nicht was Spektakuläreres, Unheilschwangereres erwartet — und verdient? Wie hat er diesem Moment entgegengefiebert und wie viele Kapitel mit weit mehr Input über den Herrn der Pequod schon hinter sich gebracht und noch zu erwarten. Sogar von dessen Walbein — sei’s nun das rechte oder das linke — weiß er längst. Wen wundert es da noch, wenn die Moby-Projekt-Arbeiter sich “vor der Größe der Ereignisse in stubengelahrte Kniefieseleien” flüchten, wie der Wolf so schön zu formulabern pflegte? Und sich bei ihrer literierenden Waljagd vorübergehend bis an die Grenzen der Trägheit selber retardieren. Andererseits: Wer musste auch seine Erwartungen an des Leibhaftigen Erscheinen so auf die Spitze treiben?

Genug davon und ProvoZeter-Modus aus. Zumal uns doch immer eingebläut wird, positiv zu denken, nä. Und so gesehen ist diese gefühlte Ereignislosigkeit des bemotzten Kapitels nicht des guten Melvilles Schuld, sondern sein Verdienst. Und er uns, explizit was das nämliche Retardieren angeht, ein großer Lehrmeister, hihi.

Öhm… schreiten wir also mal zu einer gerafften Bestandsaufnahme der vorliegenden Nummer 28.

“Die Wirklichkeit übertraf jede Befürchtung. Kapitän Ahab stand auf seinem Achterdeck” macht sich in jedem Falle gut als filmische Drehbuchanweisung und ist eine echte Herausforderung für jeden Regisseur, oder? Womit wir dann allerdings — nicht wahr, Stephan? — schon wieder bei Gregory Peck oder Patrick Stewart und Konsorten wären.

Der Umgang des obersten Herrn der Pequod mit seinen Steuerleuten wird uns sicher noch anders als durch geschlossene Türen offenbar; auf die bunte und für ihr Handwerk überaus kompetente Vielvölkercrew scheinen sowohl Ismael als auch Melville selbst felsenfest zu bauen.

Ruthe, Verzeih mir, 8. August 2007Wäre da noch die Sache mit dem unheimlichen und leichenfahlen (Ganzkörper-?)Mal. Diese Kreuzigung, die — wie bereits festgestellt — nicht nur Generationen von Lektoren und Übersetzern zur Verzweiflung gebracht hat, sondern mich gleich wieder in diverse Spinnereien und diffus Aufgelesenes entführt, warum der Herman ihm eine solche anhängen mag. Deutereien und Spekulationen um diese auf dem Schiff wohl als Tabu gehändelte Zeichnung gibt es im Kapitel selbst ja reichlich — vom Zeitpunkt und der Art ihres Erlangens über ihr Ausmaß bis hin zu damit erworbenen übernatürlichen Fähigkeiten. Und zu allem Überfluss spuken in mir auch noch abergläubische Überlieferungen um unheimliche Körpermale (vornehmlich an Hexen und sonstigen vom Teufel Besessenen zu finden), die Satan höchstselbst verleihen soll und die sogar Eingang in die Rechtsliteratur gefunden haben. Warum auch nicht — hat denn nicht die überlieferte Gottlosigkeit seines historisch-biblischen Namensgebers und sein In-die-böse-Ecke-Rücken nicht auch unser entwurzelter Finsterling ererbt…?

Der Gezeichnete: Ruthe, 8. August 2007.

Written by Wolf

18. March 2008 at 12:01 am

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Gay religions full of pomp and gold

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Elke hat Kapitel 27: Ritter und Knappen gelesen:

Wandering o’er the earth,
Through God’s high sufferance for the trial of man,
By falsities and lies the greatest part
Of mankind they corrupted to forsake
God their Creator, and th’ invisible
Glory of him that made them to transform
Oft to the image of a brute, adorned
With gay religions full of pomp and gold,
And devils to adore for deities.

John Milton: Paradise Lost, Book I

Stubb by Moby Dick The MusicalNatürlich bin auch ich sogleich über der Melvilleschen Untiefe ins Schlingern geraten, warum nun die Ritter und Knappen noch ein zweites Mal als Kapitelung herhalten müssen. Spinn ich halt auch ein bisschen so für mich hin — schließlich hat der Wolf damit angefangen. Eigentlich ist ja das Atemholen ganz einleuchtend, wo wir doch aus dem Mastkorb Kapitel 28 und damit den so ewig retardierten Auftritt des leibhaftigen Ahab erspähen können (der Leibhaftige ist auch ganz schön zweideutig, oder?).

Mir hingegen gefällt ja die angesprochene und plötzlich über uns hereingebrochene Systematik des Herrn Melville noch besser. Starbuck hat schon deshalb dies eigene Kapitel verdient, da er als Erster Steuermann wie kein anderer zugleich Ritter und Knappe ist, um mal in der Metaphorik des Autors zu bleiben: Ersteres in Bezug auf seine Bootsbesatzung gesehen und in seiner Position als Vertreter und Hüter der Crew — und der Vernunft; andererseits ist er des schiffsallmächtigen Ahab “Knappe”, Untergebener… Befehlsempfänger und Übermittler von solchen des Kapitäns nach unten. Diese Kombination ist es doch, die ihn (wie von uns schon ausgemacht) neben allem anderen auf der wilden Jagd zum einzigen halbwegs ernsthaften Widerpart von Ahab werden lässt. Mal abgesehen jetzt von Moby Dick selber, aber die Kreatur zählt hier nicht.

Deswegen verkommt uns Nummer 27 noch lange nicht zur bloßen Liste der Weisungsbefugnisse, nicht bei einem Herman Melville. Von der insulanischen Walfängerelite der Pequod erfahren wir hier grob schon fast alles, was man als Minimum von Leuten wissen muss und mag, mit denen man immerhin — nach der wolfschen Lesetempo-Prophezeiung — noch bis 2012 auf einem Schiff segeln wird. Inklusive Vor- und Herkommen, Spitznamen sowie — beim einen mehr, beim anderen weniger einnehmenden — ungesunden Marotten. Von denen mir Stubbs Pfeifchenpafferei nicht grad die unsympathischste ist. So viel weiß so manche Bloggerverschwisterung nicht voneinander. Zu den Isolato-Typen als Zeitgenossen könnte ich aus meinem multikulturellen Umgang glatt auch noch einen imposanten Daggoo, mit etwas Nachdenken sogar ein würdiges Stammesmitglied amerikanischer Ureinwohner beisteuern.

Jean-Baptiste du Val-de-Grâce, baron de ClootsDie Pequod ist eine Welt im Kleinen mit einem exemplarisch bunten Menschengemisch (irgendwo waren wir darauf auch schon mal gekommen):

Eine Abordnung des Anacharsis Clootz von allen Inseln der Meere und allen Ecken der Erde, die den alten Ahab auf der Pequod begleiteten, um die Beschwerden der ganzen Welt vor die Schranken jenes Gerichtes zu bringen, von dem nur wenige jemals zurückkehren.

Jendis, Seite 209

Jener Anacharsis, von Hause aus ein preußischer Baron namens Jean Baptiste du Val de Grace Cloots, hatte Melville so schwer beeindruckt, dass er ihn nicht nur hier für das Bild der Schiffsmannschaft bemühte. Auch später im Billy Budd ließ er sich nochmal anerkennend über den Kerl aus, der während der Französischen Revolution nach Paris zog und dort im Juni 1790 sich und einen buntgewürfelten Haufen Fremder “der ersten französischen Nationalversammlung als Abgeordnete des Menschengeschlechts” präsentierte. Er wurde sogar gewählt — doch zurück kehrte er nicht; 1794 endete er unter der Guillotine (siehe Göske/Jendis, Seite 953). Hmjah, ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Die offenbar Melvillescher Walfängererfahrung entsprungene Verteilung von Geist und Muskelkraft in diesem babylonischen Gewimmel bringt einen noch ein wenig ins Grübeln — ob unserm Autor da wohl schlicht die nackten Tatsachen und der Zeitgeist die Feder geführt haben oder auch ein Stückchen seiner geliebten Ironie. Man steckt ja nicht drin…

Fedallah by Cetus the WhaleWas der Schreiber auf seiner eigenen Insel allerdings genauso gut zu wissen scheint wie die ganzen My-island-is-my-castle-Typen auf dem Schiff, „…die den allen Menschen gemeinen Kontinent nicht anerkennen, sondern jeder für sich als Isolato auf ihrem eigenen Kontinent leben” (Jendis, Seite 209) ist: was zählt, wenn alle in einem Boot sitzen. “Doch nun, da sie Konföderierte eines Kiels waren — was für eine verschworene Schar stellten diese Isolatos da vor!” So als Eigenbrötler ist schwer überleben in derlei gefährlichem Handwerk. Und manchmal hilft nicht mal das Verschworensein.

So, aber mehr sag ich nicht — ‘s wäre ja fies, jetzt schon zu verraten, wie’s ausgeht, nä.

Moby Dick greift an

Bilder: Stubb by Moby Dick! The Musical, 2005; Jean-Baptiste du Val-de-Grâce, baron de Cloots by Wikimedia Commons; Fedallah by Cetus the Whale; Moby Dick greift an: selber gemacht. Lizenzen im Zweifelsfall: Creative Commons.

Written by Wolf

7. November 2007 at 12:01 am

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Nochmal Starbucks für alle: aufgewärmt Kapitel 26

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Elke rafft sich vom Krankenbett auf to talk like a pirate
über Ritter und Knappen:

Elke HegewaldEr ist der Traum aller Schwiegermütter jeder verdammten Walfängerdynastie zwischen Nantucket und Cape Cod, dieser Starbuck, zweiter Mann auf der Pequod. So und nicht anders muss einer sein und aussehen, der es mit dem Wal aufnimmt. Wie das vom Habitus her rüberkommt, dazu verweise ich mal auf die Spekulationen der Jungs.

Dabei ist er nicht der Draufgängertyp wie der schaumgewordene Bulkington oder gar einer, der das Reden erfunden hat, sondern “ein gelassener, unerschütterlicher Mann, dessen Leben zum überwiegenden Teil eine beredte Pantomime aus Gebärden und Taten war, nicht ein handzahmes Kapitel aus Worten.” (Jendis, Seite 200)

Bible Code DigestEr ist einer, der dorthin gehört, ein Fighting Quaker und Ur-Nantucketer, auch wenn er mit Frau und Kind inzwischen auf dem (damals noch) Festland in Cape Cod lebt – wenn er denn mal zu Hause ist. Was übrigens John Huston in seinem Moby-Dick-Klassiker schamlos ignoriert hat, denn der lässt ihn beim Auslaufen des Schiffes aus dem Hafen von Nantucket seiner Familie zuwinken. Aber dies nur am Rande.

Erfahren in seinem Handwerk, “ungewöhnlich gewissenhaft für einen Seemann und mit einer tiefen Ehrfurcht vor der Natur versehen” (ebenda), weiß so einer genau, was er tut.

Kurz gesagt, er ist der Kerl, dem sich die Mannschaft ohne Zaudern anvertraut, wenn sie mit ihm in das schwankende Walboot springt. In dem er keinen duldet, “der keine Angst vor dem Wal hat”. Das klingt für meine Begriffe so widersinnig und unvernünftig nicht – seine Anleihen beim Aberglauben der Seeleute sind für ihn eine Art Lebensversicherung, geboren aus dem Wissen um die Gefahren des Jobs.

Jens RuschUnd den Wal tötet er nur, weil er schlicht und ergreifend davon leben muss. Schon allein dieser Beweggrund, der Ahabs fanatischem Hass auf den Einen und seiner blutrünstigen Verfolgungssucht ferner ist als nur irgendwas, macht ihn unausweichlich zu dessen Gegenpart. Und wer sollte es auch sonst sein? Allerdings macht Herr Melville des geneigten Lesers Hoffnung auf den Sieg des Guten, nachdem er ihn den Kontrahenten nun ausmachen ließ, auch gleich wieder fast zunichte. Begibt er sich doch in die Tiefen der Starbuckschen Seelenstärke und findet daselbst, warum sie im rechten Moment nicht ausreichen wird:

So tapfer er auch sein mochte, war seine Tapferkeit doch von der Art, wie man sie vor allem an jenen furchtlosen Männern sieht, die zwar im Kampf mit Wasser, Wind und Wal felsenfest zu stehen pflegen und vor dem wirren, gewöhnlichen Grauen der Welt keinen Zoll weichen, aber jenen schrecklicheren, weil inneren Schrecken nicht zu widerstehen vermögen, welche bisweilen von der gefurchten Stirne eines mächtigen, vor Wut rasenden Mannes drohen.

Moby-Dick, Jendis-Übersetzung, Seite 201 f.

Die Seele eines Ahab ist ihm fremd und unheimlich. Das Phänomen hatte Melville schon früher nicht losgelassen, war ihm auch von Shakespeares Helden haften geblieben. So ist in seiner Ausgabe von “Antonius und Kleopatra” die Stelle mit der Warnung des Wahrsagers angemarkert:

Dein Geist, der dich beschützt, dein Dämon, ist
Hochherzig, mutig, edel, unerreichbar,
Dem Cäsar fern: doch nah ihm wird dein Engel
Zur Furcht, wie überwältigt. Darum bleibe
Raum zwischen dir und ihm.

Jens RuschUnd in seinem King-Lear-Exemplar findet sich zur Rede des Verräters Edmund die hingekritzelte Notiz: “Das infernalische Wesen besitzt oft eine Seelenstärke, die der Unschuld versagt ist.” (Siehe Göske-Nachwort, Seite 951) Ich glaub, so langsam weiß man, was er meint. Es riecht geradezu nach der unausweichlichen Katastrophe…

Auf jeden Fall ist es für mich Zeugnis der ruhelosen Sinn- (und Gott-?) -suche unseres Weltenbummlers Ismael alias Melville höchstselbst, der weder seine große Sympathie für den Mann aus dem Volke noch seine Vision der Volksherrschaft als höchstem Ausdruck der “demokratischen Würde” verleugnet. Er geht sogar so weit, diese mit dem “großen und allmächtigen Gott” gleichzusetzen und den gleich zum demokratischen Gott zu machen – schon deshalb eine Vision, falls ihr mich als Atheistin fragt. Zumindest solange Gott und Religion – dochdoch, immer noch – als Werkzeug und Rechtfertigung politischer Macht und ihrer Kreuzzüge dienen. Dem Londoner Lektor ging dies zu weit – so radikal will man ja, noch dazu als Untertan einer Monarchin von Gottes Gnaden, Demokratie nich haben, nä.

Gustave Doré, Don Quixote & Sancho PansaBliebe noch die Frage nach den “Rittern und Knappen”, einer nicht gerade als selbstverständlich erwarteten Kapitelüberschrift, wenn man grad mitten auf einem Walfänger herumsegelt, oder was meint ihr? Also mir fielen dabei seltsamerweise sogleich der Ritter von der traurigen Gestalt und sein treuer Knappe Sancho Pansa ein. Oder ist es doch gar nicht so seltsam? Denn schau an, auch beim Herrn Nachwörtler fand sich dieser Bezug, zwar in einer für meine Begriffe etwas verquasten Herleitung des Melvilleschen “Geistes der Gleichheit” (siehe Göske, Seite 951), aber immerhin. Und als alter Melvilleaner weiß man schließlich auch um des Autors tiefe Verehrung für den ollen Cervantes: In seiner Erzählung “The Piazza” nennt er ihn gar “den weisesten Weisen auf Erden” – im Original: “Don Quixote [nicht, wie von Göske dahinimpliziert, Cervantes], that sagest sage that ever lived“. Was ich eigentlich sagen wollte: Das Bild der wackeren Knappen, die der Wirklichkeit leben und immer die sind, die das Übelste zu mildern und zu verhüten trachten, und ihrer Ritter, die welchem Wahne auch immer verfallen sind – passt es nicht auch hier – irgendwie?

Bilder: Bible Code Digest, 2x Jens Rusch, Gustave Doré via Así hablaba Josef K; Lizenz: Creative Commons.

Written by Wolf

20. September 2007 at 12:01 am

Posted in Steuerfrau Elke

So wahr mich der Erzbischof von Canterbury salbe

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Elke hat Kapitel 25: Postskriptum gelesen:

Elke HegewaldLaut Kamelopedia ist der Walrat „eine helle, wachsähnliche Zusammenrottung von alten und vergreisten Europawalen, auf denen ganz schlaue Sachen gesagt werden.“ (Merke: Kamelopedia, ugs.: Kami, ist für das wissbegierige Kamel das, was für den wissbegierigen Wikinger… äh Quatsch, internetaffinen Menschen an sich die Wikipedia, ugs.: Wiki.)

Doch selbst, wenn wir die in der letzteren enthaltene und uns Zweibeinern (noch) vertrautere Walrat-Definition zugrunde legen, glaube ich doch: Hier irrt der ehrenwerte Herr Melville. Und wir wollen es ihm zugute halten; andernfalls müssten wir nämlich von einer – als advokatischer Kunstgriff getarnten – clownesken Provokation gegen die Briten und ihr viktoria(ni)sches gekröntes (und gesalbtes!) Haupt ausgehen. Denn die krönungswilligen Häupter lassen an dieselbigen gewiss kein wachsartiges Zeug unklarer Bestimmung aus dem Kopf des Sperm Whale, sondern höchstens Wasser und – duftenden Balsam, wie er in seiner Konsistenz schon durch das zweite Buch Mose 30,22–33 geheiligt wurde. Oder sich wengstens dafür ausgeben kann.

Hach, da sprüht doch unserem rauschebärtigen Moby-Vater der blanke Schalk aus den Augen – dafür liebe ich ihn:

Es ist wohlbekannt, dass bei der Krönung von Königen und Königinnen, selbst in modernen Zeiten, eine bestimmte seltsame Prozedur vonstatten geht, um sie auf ihre Ämter vorzubereiten und gleichsam zu würzen. Es gibt da ein sogenanntes Staatliches Salzfass, und womöglich gibt es auch einen Staatlichen Pfefferstreuer… Eines allerdings weiß ich sicher, dass nämlich der Kopf des Königs bei seiner Krönung feierlich eingeölt wird, gerad wie ein Kopf Salat. Kann es jedoch sein, dass sie ihn deshalb salben, weil sein Innestes laufen soll wie ein Uhrwerk – dass sie ihn schmieren, gerad so wie man Maschinen schmiert?

Moby-Dick, Kapitel 25: Postskriptum.
Übersetzung: Matthias Jendis, Seite 197

Und vermutlich war ihm der hinterhergeschriebene Spaß sogar die todsichere Streichung des Postskriptelchens in der Londoner Ausgabe wert. Das muss er gewusst haben, dass die Königstreuen da sehr empfindsam sind und in ihrem Salzstreuer statt Meersalz dann sogar Riechsalz gebraucht hätten.

Immerhin ist die salbungsvolle Krönungszeremonie etwas so Heiliges und Intimes für sie, dass dieser Teil der Zeremonie gute hundert Jahre später, bei der noch allgegenwärtigen Elisabeth II., nicht mal im Fernsehen übertragen wurde. Wobei vor allem bemerkenswert ist, dass sie ihre Könige überhaupt bis heute noch ölen.

Langer Rede kurzer Sinn: Es ist gewiss Olivenöl – mit noch was drin, was aromatisch Müffelndem. Somit könnte das hier auch gut als ein Update zum seewölfischen Offenen Brief an Herrn Melville durchgehen. Aber ich will ja nicht streiten…

40 Minuten Krönung, Film von 1953:

Elizabeth II. 1953

Bild: Historic UK, 1953.

Written by Wolf

3. July 2007 at 12:41 am

Posted in Steuerfrau Elke