Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Kapitel 18: Dem Wolf sein Zeichen

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Das wahre Lexikon der Gegenwart bei UllsteinBis hier und noch viel weiter zeichnet sich ab, dass Namen bei Melville mehr Funktionen haben als die Leute zum Deckschrubben zu rufen. Namen charakterisieren – besonders schön war ja der Peter Coffin – und stiften Identität.

Schwierig wird’s bei Queequeg, dessen Sprache allein er und sein ebenso überschaubares wie fernes Volk verstehen. Denn was, haben wir bei Umberto Eco gelernt, sind Namen? – Zeichen sind sie. – Und was sind Zeichen? – Allgemein verständlich.

Es ist ein Mythos geworden: Adam macht sich die Erde untertan, indem er den Tieren ihre Namen verleiht, Liebende melden Besitzanspruch aneinander an, indem sie einander exklusive Kosenamen verpassen, die Juden, das Volk der Schrift, versuchten seit je, Einfluss auf die Wirklichkeit zu nehmen, indem sie eine richtig beschaffene Kette von Lauten aussprachen, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.

Wo Ismael mit seinem Namen unterschrieben hat, kann Queequeg also genauso verbindlich sein Zeichen setzen. Speziell seins ist besonders eng mit seiner Person verknüpft, indem er es auf den Arm tätowiert trägt.

Wer damit allerdings nicht so recht umgehen kann, sind Good Cop Peleg und Bad Cop Bildad, die ihn nach seiner kurzen Arbeitsprobe gar nicht eilig genug in Dienst nehmen können: Für den “Quakquak” hätte sich Captain Peleg noch fast entschuldigt, der nicht ganz so lächerliche “Quohog“, das laut Kapitel 14 (hier: quahog) eine für Nantucketer bedeutende Muschel bezeichnet, landet offiziell in der Musterrolle.

Religionskritik fällt leicht, bigotte Frömmler sind ein wohlfeiler Gegenstand aufgeklärter Spötter, das komische Element an quäkerischem Gebaren offenkundig. Das aber finde ich ganz durchtrieben von Melville: wie sie den herangeschleppten Queequeg anfangs mit “Sohn der Finsternis” anreden, ihm erst mal den Katechismus abnehmen und anschließend aufdrängen, ihn wegen offensichtlicher wirtschaftlicher Opportunität dann doch einstellen, und zwar jetzt vielleicht bitteschön doch lieber ohne ihn seiner Wildheit zu entkleiden – aber ihn qua Namensverdrehung doch eines Stücks seiner Identität berauben.

Selbst der Setzer der Erstausgabe nimmt ihm posthum aus technischen Gründen noch das Unendlichkeitszeichen weg, was ja wohl kaum noch symbolträchtiger geht, diesmal sogar ins richtige Leben überlappend. Und keiner hat’s gemerkt.

Written by Wolf

14. January 2007 at 5:36 am

Posted in Steuermann Wolf

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