Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for February 2009

The Roof Is On Fire (Burn Motherfucker)

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Update zu Streng dein Hirnkastl an, Glory. Glory und Geopfert:

Herman Melville in Battle-Pieces and Aspects of the the War, 1866,
nach Douglas Robillard, Hg.: The Poems of Herman Melville:

The House-Top: A Night Piece

July, 1863 – The Draft Riots

No sleep. The sultriness pervades the air
And binds the brain—a dense oppression, such
As tawny tigers feel in matted shades,
Vexing their blood and making apt for ravage.
Beneath the stars the roofy desert spreads
Vacant as Libya. All is hushed near by.
Yet fitfully from far breaks a mixed surf
Of muffled sound, the Atheist roar of riot.
Yonder, where parching Sirius set in drought,
Balefully glares red Arson—there-and there.
The Town is taken by its rats—ship-rats.
And rats of the wharves. All civil charms
And priestly spells which late held hearts in awe—
Fear-bound, subjected to a better sway
Than sway of self; these like a dream dissolve,
And man rebounds whole æons back in nature.
Hail to the low dull rumble, dull and dead,
And ponderous drag that shakes the wall.
Wise Draco comes, deep in the midnight roll
Of black artillery; he comes, though late;
In code corroborating Calvin’s creed
And cynic tyrannies of honest kings;
He comes, nor parlies; and the Town redeemed,
Give thanks devout; nor, being thankful, heeds
The grimy slur on the Republic’s faith implied,
Which holds that Man is naturally good,
And—more—is Nature’s Roman, never to be scourged.

 

Übersetzung Prof. Dr. Helmbrecht Breinig, Erlangen, in: Poetischer New York-Führer, 2005:

Das Hausdach: Ein Nachtstück

Juli 1863 – die Einberufungs-Unruhen

Kein Schlaf. Die Schwüle bleiern in der Luft,
Sie lähmt den Geist – Bedrückung, wie sie spürt
Der Tiger, gelbbraun, im Schatten des Gestrüpps,
Als Fieber seines Bluts, zum Raubzug drängend.
Unter den Sternen dehnt die Dächerwüste
Sich leer wie Libyen. Alles ruhig hier.
Doch immer wieder brandet aus der Ferne,
Gedämpft, Aufruhrgebrüll der Renegaten.
Dort, wo des Sirius Sengen Dürre brachte,
Glüht rot der Dämon unheilvoller Brände.
Die Ratten dieser Stadt – von Schiff und Kai –
Nehmen sie mit Gewalt. All jener Zauber,
Zivil und priesterlich, der jüngst durch Furcht
Die Herzen bannte, bess’rer Herrschaft unterwarf
Als der des Selbst, vergeht wie Traum; der Mensch
Wird um Äonen zur Natur zurückgeworfen.
Gegrüßt sei drum das dumpfe Dröhnen, dumpf
Und tot, das schwere Schleifen, wanderschütternd.
Der weise Drakon kommt im nächt’gen Grollen
Schwarzer Artillerie; kommt, wenngleich spät;
Bekräftigt Calvins Credo durch Erlass,
Die zynische Tyrannei aufrechter Könige;
Er kommt, und er verhandelt nicht; die Stadt,
Erlöst, dankt ihm devot, und ignoriert
Den Schandfleck auf der Republik Doktrin,
Wonach der Mensch gut von Natur aus sei,
Mehr noch, als Römer der Natur, niemals zu geißeln.

The part for the preisbewusste Grundkurs Englisch: Herman Melvilles Auseinandersetzung mit den Draft Riots, das sind: den New Yorker Einziehungskrawallen vom 13. bis 16. Juli 1863, vermutlich zeitnah niedergeschrieben und damit früher als die meisten Gedichte für seinen Band Battle-Pieces and Aspects of the War 1866.

Ein ungenannt bleibender nächtlicher Beobachter kommentiert das Geschehen vermutlich von Melvilles Hausdach in der New Yorker 104 East 26th Street aus (Manhattan Midtown South Central).

Reimloser Blankvers, häufig stark alliterierend, aber als durchgehaltenen Stabreim kriegt ihr das nur verkauft, wenn ihr in der letzten Klausur mindestens 13 Punkte hattet, in einem Referat mal Powerpoint eingesetzt habt oder das Klassenbunny seid.

Zu Herman Melville in Downtown New York City siehe die Walking Tour; zu den Unruhen siehe In the Shadow of Slavery, im Civil War Home und Mr. Lincoln and New York.

Wenn ihr den Mehrzweckraum kriegt, leiht euch euer Englischlehrer bestimmt mal Gangs of New York von Scorsese 2002 dazu, der ist voll krass: ab 16, extrem blutig, zehn Oscar-Nominierungen, zwei Golden Globes, Daniel Day-Lewis als harter Knochen, Cameron Diaz für die Jungs und für die Mädels DiCaprio. 160 Minuten, da kriegt ihr glatt zwei Doppelstunden rum. Conclusion of the part for the preisbewusste Grundkurs Englisch.

Melville bezieht sich in seinen Battle-Pieces stärker als sein Altersgenosse, Nachbar und Kollege Walt Whitman in seinen Hymnen an Lincoln auf konkrete Schlachten des Amerikanischen Bürgerkriegs. Die Draft Riots gehören als die bis dahin blutigsten Unruhen in der Geschichte des städtischen Amerika — übertroffen von den Indianergemetzeln — auch dazu, außerdem wurden zur Wiederherstellung der Ordnung Regimenter aus der örtlich nächstgelegenen Schlacht, der von Gettysburg unter Major General Dix herbeibemüht.

In New York wüteten die sozial Schwachen gegen ein Schicksal, das die Zerschlagenden bereits ereilt hatte: die unversehens eingetretene Wehrpflicht für den Bürgerkrieg, der des Bürgers nicht mehr war, von der man sich freikaufen konnte, aber wer in Five Points wohnt, bringt der 300 Dollar auf? Da schoss der ehemalige irische Kartoffelbauer auf seinesgleichen, der Deutsche auf den Deutschen und der Sklave, der als Söldner nur noch sein Leben etwas schneller zu verlieren hatte als auf dem Baumwollfeld, auf alle zusammen, die seinen Job wollten, wenngleich gegen ehrliche Bezahlung. Es war sicher ein unerfreuliches Bild. Dabei klingen 120 Tote eigentlich nach wenig; nicht in Zahlen fassbar sind das abgefackelte Waisenhaus für schwarze Kinder, die elf gelynchten Neger, dazu Polizisten und Milizionäre, die Tausende von obdachlosen Familien und der Sachschaden, worunter es mir immer so um das American Museum des frühen Pendants zu Walt Disney P.T. Barnum Leid tut. Die ganzen Unruhen samt ihrer Niederschlagung sind nicht der letzte Grund dafür, dass der Bürgerkrieg Amerikas Nationaltrauma werden musste.

Melville, der noch 1851 im Moby-Dick den demokratischen Gott gefeiert hatte, zeigt sich 1863 angewidert von der entfesselten Herrschaft eines blutdürstigen Mobs; “in code corroborating Calvin’s creed” meint die calvinistische Lehre von der Verderbtheit der Menschen. “Sirius”, der Hundsstern, deutet vermutlich auf die Hitze der Hundstage, verschärft durch die tagelangen Stadtbrände. “Drakon” ist der unleidig strafende griechische Gesetzgeber, der allein Abhilfe schaffen kann, klar. Die auffallend gehäuften Tierbilder sagen uns, dass solche Barbarei eher in den Dschungel gehörte denn in den Inbegriff der zivilisierten Stadt.

Die Vorstellung von der grundsätzlichen Güte des Menschen, auf der die amerikanische Verfassung aufbaut, ist in Trümmer gehauen — entweder von Melville oder von den Aufrührern, die er so missbilligt: Plötzlich unterstützt die Stadt, dass ihre freien Bürger und die Leibeigenen — wie im alten Rom — gegeißelt werden. Es ist alles eine große Verzweiflung an der natürlicherweise selbstbestimmten Existenz und über die Unzulänglichkeit menschlicher Moralvorsätze. Nicht mehr sehr demokratisch, was Melville da herunterbetet — jedoch nicht weiter verwunderlich.

Melvilles eigene Fußnote zu seiner Beobachtung, dass man rebounds whole æons back in nature, von Breinig nicht mitübersetzt, lautet:

“I dare not write the horrible and inconceivable atrocities committed,” says Froissart, in alluding to the remarkable sedition in France during his time. The like may be hinted of some proceedings of the draft-rioters.

Die drei Tage in New York wie der Hundertjährige Krieg. Wenn das keine Übertreibung ist, dann eine ziemlich starke Parallele. Und Melville ist in diesen Tagen nicht als besonders emotionaler, sondern dauerhaft bedrückter Mensch vorzustellen; The House-Top ist sogar noch eins seiner klarsten, nachvollziehbarsten Gedichte, in denen er sich eben nicht in absichtlich verschleiernden Chiffren ergeht: Nächste Stunde kriegen wir zum Vergleich Magian Wine.

Es ergeht abermals explizite Empfehlung für Helmbrecht Breinigs Poetischen New York-Führer. Der Mann forscht und lehrt in Erlangen, sieht recht umgänglich aus, und heute bereu ich’s, dass ich nie eine Veranstaltung von ihm wahrgenommen hab.

Weiß gar nicht, wieso mir das jetzt einfällt, aber “Holocaust” bedeutet ja zuerst mal “Brandopfer”. Das verwendet ihr mir in eurem Grundkurs bitte nicht oder habt es wenigstens nicht von mir, ja?

Soundtrack: Bloodhound Gang: Fire Water Burn (Donkey Version), aus: One Fierce Beer Coaster, 1996.

Written by Wolf

27. February 2009 at 5:51 am

Rogue’s Gallery: The Art of the Siren, #20

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Song: Bono: A Dying Sailor to His Shipmates (4:45 minutes)
from Rogue’s Gallery: Pirate Ballads, Sea Songs, and Chanteys, ANTI- 2006.
Buy CD in Germany and elsewhere.
Image: Eleanor Hardwick: shipwrecks, voyage and nautical daydreams, September 22, 2008.

Lyrics:

Oh wrap me in my country’s flag
and lay me in the cold blue sea.
Let the roaring of the waves
my solemn requiem be,
And I shall sleep a pleasant sleep,
while storms above their vigils keep.

My Captain brave shall read for me
the service of the silent dead,
and yay shall lower me in the waves,
when all the prayers are said.
And I will find my long, long home,
among the billows and the foam.

Farewell my friends for many a league,
we’ve sailed together on the deep.
Come let us shake our hands,
I’ll sail no more, but shipmates wear for weep.

I’m bound above, my course is run,
I near the port, my voyage is done.

Explanatory liner notes by ANTI-:

A haunting ballad of the 19th century whaling ships. As well as being musical, sailors often displayed great poetic ability, as in the lyrics of this powerful song.

Written by Wolf

25. February 2009 at 12:18 am

Posted in Siren Sounds

Call me Ödipus (Vorübergehender Wahnsinn in ungewöhnlich jammervoller Stunde)

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Wolf hat Kapitel 35: Im Masttopp gelesen
und macht ein Update zu Mutter, lass mich dein Söhnchen sein:

     Roll on, thou deep and dark blue Ocean — roll!
     Ten thousand fleets sweep over thee in vain;
     Man marks the earth with ruin — his control
     Stops with the shore; upon the watery plain
     The wrecks are all thy deed, nor doth remain
     A shadow of man’s ravage, save his own,
     When, for a moment, like a drop of rain,
     He sinks into thy depths with bubbling groan,
Without a grave, unknell’d, uncoffin’d, and unknown.

     Roll’ an tiefblauer Ocean, roll’ an!
     Es fegen spurlos dich zehntausend Flotten,
     Der Mensch zerstört das Land, soweit er kann,
     Doch auf der Flut ist dein Werk: auszurotten!
     Und vor dem Greul der Menschen, dieser Motten,
     Bleibt keine Spur, — ihr Schatten höchstens blos
     Wenn stöhnend er zu deinen tiefen Grotten,
     Ein Regentropfen, sinkt in deinen Schoos,
Vergessen — ohne Klang — sarglos und grabeslos.

Lord Byron: Childe Harold’s Pilgrimage, 1818, Canto the Fourth, CLXXIX. stanza,
übs. Adolf Böttger, Leipzig 1854.

In die Kneipe nehm ich ja immer Schreibzeug mit. Irgendwer fragt immer, was man da zu schreiben hat. Je nach Konstitution des Fragenden macht man dann eine gedeihliche Bekanntschaft, ist fürchterlich mit künstlerischem Schaffen beschäftigt oder hat am Ende wenigstens einen schönen Brief geschrieben. In Münchens einziger Hafenkneipe Zur Gruam ist das besonders wichtig, damit die kontaktfreudigen paar Jahrhunderte Knast, die sich dort jeden Abend versammeln, einem das Messer nur in den Thekenplatz und nicht in den Ranzen rennen.

Whaleman at the Masthead. J. Ross Browne, Etchings of a Whaling Cruise. New York, Harper Brothers 1846Einer blitzte weniger wild mit den Augen als die anderen. Geradezu umgänglich wirkte er. Als ich von meinem Schreibwerk aufschaute, fragte er:

“Was schreibst’n da?”

Na bitte, es funktioniert immer.

“Sag ich dir, wenn du mir sagst, was du hier treibst.”

“Das gleiche wie du. Umschauen, ausgucken, zurück in den Mutterleib streben und gleichzeitig in ein frühes Grab.”

“Immer diese Freudianer.”

“Selber einer, wenn du das so schnell merkst.”

“Du bist auch hier drin wegen Hafenkneipe?”

“Sicher. Als mannhafte Station zwischen Mutterschoß und seliger ewiger Ruhe.”

“So hab ich’s noch gar nicht gesehen. Schiffen traut man’s zu, aber Kneipen…”

“Man kann nicht immer nur segeln.”

“So tot bist du schon?”

“Nicht toter als du. Ich bin nur öfter am Wasser.”

“Und wie ich deine John-Lennon-Brille einschätze, meistens darüber. Im Ausguck.”

“Süßwasserwalfänger.”

“Und? Bläst er oft?”

“Nicht, wenn ich oben bin.”

“So siehst du aus. Was treibt dich denn dahin? Andere verstecken sich in einem ruhigen Job beim Zollamt oder so.”

“Hat doch unser gemeinsamer Freund Melville später auch getan. Jetzt ist noch die Zeit, das Leichentuch in einer gewissen Größe auszusuchen.”

“71 Prozent der Erdoberfläche, nicht schlecht.”

“Bescheidenheit kommt erst mit dem Alter.”

“Wenn du wie der Schmied mit Mitte siebzig Frau, drei Kinder, Haus und Hof versoffen hast?”

“Ja, das sollte genügen. ‘Ein Vagabund im Trauerkleide, ohne Mitleid für [m]ein Elend, [m]ein graues Haupt ein Spott für blonde Locken.””

“Mir kommen die Tränen.”

“Das sollten sie. Du bist nämlich auch so einer.”

“Zwei Jahre und zwei Bücher zuvor, im Redburn, hat sich das noch viel lebensfreudiger angehört, findest du nicht?”

“Doch, unbedingt. ‘Träume und Sehnsüchte, sein Glück zur See zu versuchen’, das hält nicht weit über die Pubertät hinaus. Außerdem war das 1849 eine Auftragsarbeit.”

“Und 1851 weiter mit ‘hegen fast alle Menschen, ob sie’s wissen oder nicht, in etwa dieselben Gefühle für das Weltmeer’?”

“Klar. ‘Auf ewig vereint sind Wasser und Tiefsinn.'”

“Und nach den zwei Erfolgsbüchern hat er nicht da weiter gemacht, sondern dort, wo er vor drei Büchern mit dem Mardi eingebrochen ist.”

“So geht Thanatos!”

“Warum hängen sich dann nicht alle deine Kollegen bei der ersten Nachtwache an der Besanstenge auf?”

“Würdest du dir das wünschen? So ein andauernder Selbstmord, ohne sterben zu müssen, das ist doch was Praktisches. Und die Weiber stehn drauf, wenn man ihnen die Fackel trägt.”

“In Form von Walrat?”

“Du bist gut, Mate.”

“Ist aber nicht viel mit Weibern auf hoher See, oder trefft ihr viele Sirenen?”

“Nur innerlich. Das muss schon so sein. Die innere Mutter ist noch lange nicht befriedigt.”

“Igitigitt, seid ihr widerlich.”

“Gar nicht. Ist doch alles freudsch.”

“Gesundheit.”

“Langsam kommst du drauf. Das ist weder ein Ansinnen, Muttern flachzulegen noch Vatern zu erschlagen, die ganze Einrichung von Wohnstätten, Herstellung von Nahrungsmitteln…”

“Prost übrigens.”

“Prost. Und dass du dir was überwirfst, bevor du in die Kneipe rennst, das ist schon genug Nachbildung von Ureinheit mit deiner Mutter.”

“Call me Ödipus.”

“Du mich auch.”

“Kennst du noch mehr Bücher?”

“Eins vor Moby war schon dran, eins danach, Israel Potter, kenn ich noch.”

“Was steht drin, sag?”

“‘Die Einsiedelei im Wald ist die Zuflucht des engherzigen Menschenhassers; die Hängematte auf dem Ozean ist das Asyl für die Betrübten großmütigen Geistes. Der Ozean läuft über von natürlichen Tragödien und Unglück, und der Kummer eines Menschen ist nur ein einziger Tropfen in dieser Wasserunendlichkeit des Schreckens’, das steht drin.”

“Was du alles weißt.”

“Man kommt rum.”

“Bist du denn so betrübten Geistes?”

“Nicht mehr als die natürliche Grundbetrübnis von unsereinem. Oder findest du mein Gebaren besonders bedrückt?”

“Wenn du so fragst… könnte das aber auch am geistigen Gebräu liegen.”

“Na klar, weil Denken und Fühlen aus lauter chemischen Reaktionen besteht.”

“Was sagt Freud dazu?”

“Will ich gar nicht wissen.”

“Über die Art von Witzelsucht, die wir gerade an die Nacht legen, sagt er schon was.”

“Und zwar?”

“Na, die ganze Arie mit Schutzdistanz, den Schmerz fernhalten und Coolsein.”

“So eine Illusion von geistiger Überlegenheit und Leckmichamarsch?”

“Mit Betonung auf Illusion.”

“Held sein, ohne zu leisten.”

“Passt doch. Wie leben, ohne sterben zu müssen.”

“Und irgendwann sterben, ohne zu leben zu müssen.”

“Siehst du, was ich meine?”

“Klar. Lachen, um nicht weinen zu müssen.”

“Steht da nichts dazu bei deinen großmütig begeisterten Betrübten?”

“Im Pierre? Doch: ‘Wenn sich in ungewöhnlich jammervoller Stunde die Gelegenheit dazu bietet, finden manche Menschen ihre hysterische Erleichterung in einem wilden verdrehten Humor, der um so verlockender ist, da er dem Anlaß vollkommen entgegensteht… Die kühle Krittelei der bloßen Philosophen würde solches Betragen wohl mehr oder minder als vorübergehenden Wahnsinn bezeichnen, und vielleicht ist es das ja auch, da in den unerbittlichen und unmenschlichen Augen der schieren, unverdünnten Vernunft jeglicher Gram, sei’s um uns selber, sei’s um andere, nur blanke Unvernunft und Irrsinn ist.'”

“Jetzt hör aber auf. Das kannst du dir so merken?”

“Ins Internet komm ich selten.”

“Naja, so in euren Walfanggründen habt ihr’s wohl mehr mit Bordfunk.”

“Nichts, was ich vermisse.”

“Dann kennst du auch die Shanty-Sammlung von Hulton Clint gar nicht.”

“Sollte ich?”

“An der Stelle rentiert sich Internet wirklich. Der ist den Moby-Dick-Film mal durchgegangen…”

“Den kenn ich! Den von 1956 mit Gregory Peck, nä?”

“Ja, der andere zählt nicht. Und in dem hat er die Shanties rausgezogen und zeigt, dass John Huston nicht ausschließlich gestelltes Studiomaterial hergenommen hat. Zwei Videos voll.”

“Nicht? Sondern?”

“Live-Mitschnitte. Es hält jedenfalls dem Wissen deines Gewerbes stand.”

“Nicht zu fassen.

“1956!”

“Mhm. Und woher kommt das in diese ganze Schlaf-, Todes- und Witzelsucht rein?”

“Na, ich dachte, das ist der Moment, an dem so ein Ausguck auch mal aufwacht.”

“Nicht, wenn er’s vemeiden kann.”

“Ach ja, ich vergaß. Du bist so einer von den Pantheisten aus Kapitel 35.”

“Jaja, der Schluss. Aber geh mir doch mit Gott.”

“Ad vocem gehen: Gehn wir noch ins Gap?”

“Die andere hiesige Hafenkneipe?”

“Was dieses verträumte Städtchen an Stelle von Hafenkneipen so hat.”

“Ist eigentlich ganz gut sortiert, dafür, dass es nicht mal einen Hafen hat.”

“Muss man hier eigentlich zahlen?”

“Du wolltest mir sagen, was du da schreibst.”

“Och, ich schreib mit.”

“Mami, Mami, ich bin im Internet.”

“Das kostet dich die Zeche.”

Lieder: Moby-Dick: Video 1, Video 2, 1956;
Freddy Quinn: Junge, komm bald wieder, 1963.
Fachliteratur: Eugen Drewermann: Moby Dick oder: Vom Ungeheuren, ein Mensch zu sein. Eine tiefenpsychologische Deutung, 2004 (und entgegen der Amazon-beschreibung nicht auf 340, sondern 560 Seiten).
Bild: Whaleman at the Masthead: courtesy of J. Ross Browne: Etchings of a Whaling Cruise, New York: Harper Brothers, 1846.

Written by Wolf

23. February 2009 at 12:01 am

Medienschau: Bücherfrühling!

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Update zu Alles Clarel:

Cover Herman Melville, Billy Budd, Matrose. Die großen Erzählungen

Ab 4. März hält Hanser den letzten Band seiner Melville-Ausgabe feil; es gibt die vier größeren Erzählungen Bartleby, der Notariatsschreiber, Benito Cereno, Die Encantadas oder die verwünschten Inseln und Billy Budd, Matrose in neuen Übersetzungen von Michael Walter und Daniel Göske und ausführlichem Kommentar vom letzteren. Beim Verlag kann man schon mal reinlesen.

Kein Grund zu zweifeln, dass es wieder ein Band wird, der die nächsten paar Jahrzehnte maßgeblich bleibt; von den 34,90 Euro für die 576 Seiten wird jeder Cent gerechtfertigt sein. Mir macht nur die Verlagsdarstellung Sorgen, die schon fast aufatmet: “schließt die letzte Lücke in seinem unvergleichlichen Werk”. Moment mal, auch wenn nur eine Werkauswahl angekündigt und die Biografie sehr groß war, heißt das jetzt, dass Hanser die ganze Lyrik und Essayistik kampflos den Österreichern überlässt? Mardi ist sei längerem an die Nordlichter vergeben, und Typee, Omoo, Redburn, White-Jacket und den Confidence-Man gibt’s dann gar nicht, oder wie?

Dass Hanser seine Melvilleana so grundlegend möbliert, freut mich so objektiv wie eigennützig, aber so wird das nix mit dem Melville-Boom, über den sich der Beteiligte Alexander Pechmann 2005 so gefreut hat.

Wo ich schon beim Rumzicken bin: Müssen die Islas Encantadas, zu deutsch: Galápagos-Inseln, wirklich verwünschte statt verwunschene Inseln heißen?

Erzählen Sie mir, wie’s ist, ich warte wieder aufs Taschenbuch vom Ramsch.

Written by Wolf

22. February 2009 at 3:39 pm

Posted in Reeperbahn

Medienschau

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Update zu Überall ist Entenhausen:

Die gute Nachricht:

Ich bin jetzt Kim Shattucks Freund, hähä. Dabei ist die verheiratet. High-school-Abschluss 1981, selbstständig seit 1991, macht neuerdings verstärkt auf Fotografin (“I’m a musician and photographer. Sometimes I’m a photographer and a musician”), gibt als Lieblingsmusiken Thelonious Monk, Dean Martin und Charlie Parker an.

Die andere gute Nachricht:

Harry Rowohlt hat noch einmal seine alten Leitzordner durchgekramt. Neu ab 1. März und vorbestellbar: Gottes Segen und Rot Front: Nicht weggeschmissene Briefe zweiter Teil.

Kim Shattuck HeilDie beschepperte Nachricht:

Gleichwohl fragt sich, wem mit dieser Entzauberung der Comic-Parallelwelt gedient ist. Gelüftete Geheimnisse sind nichts mehr, an dem sich des Lesers Vorstellungskraft entzünden könnte. Vielmehr birgt das Zeigen von Straßennetzen, Panoramen und Geländereliefs die Gefahr, Fantasie abstumpfen zu lassen. Insofern scheint das Begehren, selbst das Reich der Fiktion noch zu kartografieren, seinerseits vermessen.

Kim Shattuck tingelt gerade mit ihren Mitte-Ende 40 mit ihren Muffs durch Spanien, Harry Rowohlts Rentnerhobby wird fraglos wieder das vergnüglichste seit der Erfindung von Sex und selbsteingelegten Gurken, dafür soll der Doktor Hendrik Werner vielleicht mal ein bissel Klavier spielen lernen, wie wär’s?

Noch bis 1. März: Februargewinnspiel!

Bild: Nick Sjobeck: Kim Shattuck sucht ihr Heil in Deutschland.

Das Gute-Laune-Lied featuring Kim kurz nach ihrem High-school-Abschluss mit Mitte 30:

Lied: The Muffs: Outer Space on Drew Carey’s Mr.Vegas’ All-Night Party HBO special, 28. Juni 1997. Für dieses Alter ist das eine gute Aufnahme, die man sehr laut stellen kann.

Written by Wolf

21. February 2009 at 3:12 pm

Posted in Moses Wolf

Weiberfasching

with 6 comments

Auf ein Schiff gehört niemand, der nicht über die Reling pinkeln kann.

Sehr alte Seemannsregel
(Die meisten toten Seeleute werden nämlich mit offenen Hosen irgendwo angespült).

Klaus Kramer: Das Bild der Frau an Bord:
1867 bis 1900: Sirene, Yachting Girl, Steuerfrau;
1901 bis 1960: Yachting Girls.

Volker Dornemann, Pippi geht von Bord, 16. Mai 2008

Hoppetosse: Volker Dornemann, 16. Mai 2008 (:: volkertoons ::).

Written by Wolf

19. February 2009 at 11:53 am

Posted in Wolfs Koje

Rogue’s Gallery: The Art of the Siren, #19

with 6 comments

Song: Bob Neuwirth: Haul on the Bowline (1:30 minutes)
from Rogue’s Gallery: Pirate Ballads, Sea Songs, and Chanteys, ANTI- 2006.
Buy CD in Germany and elsewhere.
Image: Jay French Studios: The Mythic Beauties series, 2005.

Lyrics:

1. Haul on the bowline, homeward we are going.
Haul on the bowlin’, the bowlin’ haul!

2. Haul on the bowline, before she starts a-rolling.

3. Haul on the bowline, the Captain is a-growling.

4. Haul on the bowline, so early in the morning.

5. Haul on the bowline, to Bristol we are going.

6. Haul on the bowline, Kitty is my darling.

7. Haul on the bowline, Kitty comes from Liverpool.

8. Haul on the bowline, It’s far cry to pay day.

Explanatory liner notes by ANTI-:

This may be one of the oldest chanteys known. The bowline was an important rope in sailing vessels dating back to the middle ages. After the 1500s, with the advent of stays’ls, the bowline diminished in importance and this chantey was used at tacks and sheets.

Plus: Extended bonus track by Hulton Clint, cutting himself off in alternate lyrics and three voices at his kitchen table, and explaining in 5:33 minutes:

A triple mega-dose of HultonClint!

One of the most widely recorded/notated chanteys, probably due to its simplicity and transparency, “Haul on the Bowline” is also conjectured to be one of the oldest known. The so-called “bowline” that it mentions has not been used “for any rope on which a shanty would be sung” (Doerflinger 1951) since at least the early 17th century. However, what was called the bowline then was equivalent to what was later called the foresheet; hence, this is a foresheet chantey. It entails just one, hard pull at the end of every refrain.

Hugill’s tune has a bit that differs from all other common versions (the low note is on the root, not the third).

I have taken some verses from Harlow’s published version as well, and of course added my own about favorite topics like Fujian Oolong and winter drawers.

Perhaps due to its supposed age, this was one of the chanteys used in the 18th century-set first part of the 1977 TV drama “Roots.”

Also found in:
LA Smith 1888, Doerflinger 1951.

See the whole “Shanties from the Seven Seas” project.

Written by Wolf

16. February 2009 at 12:01 am

Posted in Siren Sounds