Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for July 2007

Das Land der Deutschen mit der Seele suchen

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Eric T. Hansen, Planet GermanyHeld Dietrich schlug Herrn Ecken
Zu Tod, den kühnen Mann,
Nun lassen wir uns schmecken
Das Blut, das ihm entrann.

Karl Simrock

Es ist ja nicht nur so, dass der blindgeschlagene Deutsche an sich dauernd irgendwelchen kulturlosen Besatzern nacheifert. Beispiele wie der USA-Erklärer Scot W. Stevenson zeugen davon, dass es auch umgekehrt geht, und der Mann tut seinen Job ja hervorragend. Sein Hawaiianer Landsmann Eric T. Hansen hat ihn schon 2004 ergriffen (den Job, nicht den Stevenson).

Planet Germany. Eine Expedition in die Heimat des Hawaii-Toasts unter Mitarbeit von Astrid Ule, Fischer Taschenbuch Verlag 2006, geht über die üblichen Selbstkasteiungen, wie typisch deutsch der typische Deutsche doch sei, weit hinaus; wie in Stevensons Weblog rührt die Qualität nicht daher, dass überraschenderweise doch Amis klug und Deutsche doof sind, sondern die Distanz schaffende, jeoch teilnehmende Sicht von außen.

Herman Melville liest die Gespräche mit Goethe von Eckermann! Amerikanische Jungs wissen sich ihrer Vorliebe zu deutschen Mädchen nur zu erwehren, indem sie welche heiraten! Erwachsen geworden, schreiben sie Bücher mit einer Aufmerksamkeitsspanne von über 15 Sekunden! Hawaiianer wohnen freiwillig im verregneten Deutschland!

Ein Stück von geradenwegs zärtlicher Anteilnahme auf der Suche nach dem Inbegriff deutschen Wesens, die sich dem zumal deutschen Leser rückwirkend wiedermitteilt, schafft Hansen in Die deutschen machen aus ein paar toten Dichtern dermaßen Kult, dass man fast meint, sie würden sie auch lesen.

Ich zitiere den in sich abgeschlossenen Absatz am Schluss. Mit Copyright können wir erwachsene Leute ja umgehen, nicht wahr?

Karl Joseph SimrockAm Ende einer steilen, von Bäumen gesäumten Straße hoch über dem Rhein steht ein zweistöckiges Haus, das im spätklassizistischen Stil auf dem Gewölbe einer uralten Kellerei der Minoritenmönche gebaut wurde. Die Villa heißt Haus Parzival. Hier hat der Germanist, Übersetzer, Dichter und Vollblutromantiker Karl Simrock seine Sommer verbracht.

Simrock hatte bei Schlegel und Arndt studiert, empfing ab und zu Besuch von den Grimms und Ludwig Uhland und verfasste schwärmerische Gedichte über die Schönheit des Rheins. Bekannt wurde er als Übersetzer zahlreicher Werke des Mittelalters und des germanischen Altertums, von der Edda über die Gedichte Walthers von der Vogelweide bis hin zu Wolframs Parzival. Sein größtes Verdienst war, das Nibelungenlied mit einer schwungvollen und lesbaren Übersetzung populär zu machen, ja es gar zu einer Art deutschem Ersatz-Gründungsmythos zu erheben. Er gehörte zum harten Kern der deutschen Identitätsbastler.

Sein Haus Parzival liegt ein paar Meter ab von der Straße hinter einem schwarzblauen, verschnörkelten Eisenzaun. Das Haus ist gelb, dieses typisch deutsche Buttergelb. Das sanft ansteigende Gelände ist voller Pflanzen – gepflegte Blumenbeete, Wildgräser, selbst das Unkraut ist malerisch. Dazwischen ein Teich, ein Vogelbad, ein hölzerner Tisch mit Stühlen. Ein Ahorn, eine Esche, eine Trauerweide machen den Garten schattig.

Haus Parzival von untenIch stand eine Weile da und betrachtete den Garten. Er strömte Ruhe aus, und ich bildete mir ein, dass man von hier aus den Rhein riechen konnte. Alles war leicht. Hier war jeden Tag Sommer.

Ich stellte mir vor, wie Simrock im Garten spazieren geht. Zwischendurch greift er zum Gartenwerkzeug und kümmert sich um seine neuen Spargelbeete. Er hat ein Buch dabei, einen dieser alten Lederbände, die von außen kaum identifizierbar sind, weil der Umschlag keine bunte Abbildung enthält. Es ist sicher der Iwein. Nach einer Weile setzt er sich hin und liest. Wenn der Tag zur Neige geht, nimmt er ein Glas Wein dazu.

Haus Parzival, EingangEs war das perfekte deutsche Leben. Das Leben, das die meisten Deutschen heimlich leben wollen – damals wie heute. Ein großes Haus – weder eine Mietwohnung noch eine protzige Villa, eher ein … Anwesen. Genug Geld, um finanziell unabhängig zu sein, aber nicht so viel, dass man als reich beschimpft wird. Im Haus hat man eine Küche mit offenem Kamin. Keine Mikrowelle, kein Plastik. Alles strahlt Ursprünglichkeit aus: Stahl, Stein, Holz. Im Salon ein altes Klavier, ein echter Perser, ein echtes Hausmädchen. Ein Arbeitszimmer – pardon, eine Privatbibliothek natürlich, mit bequemen Stühlen und einem breiten Schreibtisch, denn „arbeiten“ heißt, man befasst sich mit dem Griechischen und mit Latein. Der ideale Deutsche arbeitet mit den Dingen des Geistes. Nicht des Hirns, sondern des Geistes. Er hat Muße. Dass er kein Snob ist, zeigt, dass er nebenbei ein Handwerk ausübt. Er respektiert die Arbeit mit den Händen und verbringt deshalb viel Zeit im Garten, er kocht selbst in der Küche, wenn Gäste kommen, oder, wie Simrock es tat, er legt einen kleinen, edlen Weingarten an und nennt seinen Wein nach einer Figur aus den alten Schriften, mit denen er sich gerade beschäftigt: Eckenblut, nach dem Riesen in der Dietrichssage. Wenn Freunde vorbeikommen, geht man am Rhein spazieren und diskutiert die Arbeit am griechischen Text und die Entwicklungen in Frankreich oder den anderen wichtigen Regionen der Welt.

So will jeder Deutsche sein, dachte ich mir, als ich da stand. Was vor mir liegt, ist nichts weniger als die deutsche Seele selbst. Meine Chance war gekommen. Ich musste mich nur ein Stündchen an diesen Tisch in den Garten setzen, dann würde sie sich schon blicken lassen. Wenn ich die jetzigen Bewohner nett fragte, würden sie es sicher erlauben.

Ich klingelte. Aber es machte keiner auf. Niemand war zu Hause.

Menzenberger Eckenblut

Bilder: Portrait Karl Joseph Simrock: Wikimedia Commons, Lizenz: Public Domain; Haus Parzival: Haus Parzival, Lizenz: Creative Commons; Weinetikett Menzenberger Eckenblut: Karl-Simrock-Forschung Bonn, Lizenz: Public Domain. Text Eric T. Hansen: Fischer Verlage 2006.

Written by Wolf

29. July 2007 at 12:33 pm

Posted in Laderaum

Die Katze, die sich nicht nass machen will, fängt keinen Fisch

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Katzencontent is in:

Unter all den Charakterköpfen in Moby-Dick hat man immer schmerzlich eine Katze vermisst. So ein Bordkater trägt wesentlich zum philosophischen Gehalt eines Romans bei. Wie charaktergeladen und fischaffin Katzen auch sind, kann man sie eben doch nicht bedenkenlos zu Wasser lassen.

Anschaulich wurde dies einmal mehr am 3. September 1949, als unter der Regie von William Hanna und Joseph Barbera Tom Jerry unter Wasser jagte: The Cat and The Mermouse (7:49 Minuten).

Die Phase mit Hanna & Barbera an der Regie, das ist: 1940 bis 1958, war die Zeit, als MGM eine ernsthafte Konkurrenz für Disney waren und ihnen sogar den einen oder anderen Oscar für Animated Short Film wegschnappten. So geschehen für The Cat Concerto (7:49 Minuten) vom 26. April 1947. Die Musik (Ungarische Rhapsodie Nr. 2 von Franz Liszt) wurde von der Kapazität Scott Bradley eingespielt, Toms gezeichneter Fingersatz sitzt synchron auf dem Sound.

Manche der zeitlos allerbesten Episoden Tom & Jerry überschreiten die Grenze der Jugendfreiheit: Kurzkrimis wie Kitty Foiled (1. Juni 1948, 7:20 Minuten) oder Heavenly Puss (9. Juli 1949, 7:48 Minuten) krawallen mit einem Suspense herum, der in späteren Jahren nicht für sieben Minuten, sondern ungefähr drei Staffeln reichen musste.

[Edit 16. Oktober 2008:] Engagierte Wächter des Copyrights vom MGM werden nicht müde, die einmal verlinkten Filme aus Youtube zu löschen, sowenig engagierte Wächter der Populärkultur müde werden, sie wieder unter anderer Adresse raufzuladen; nachvollziehbar sind beide Seiten, ärgerlich bleibt der Umstand trotzdem. Für Ihre Bedürfnisse — einfach Filme gucken — ist deshalb am praktikabelsten, dass ab sofort nicht die Filme selbst, sondern nur die Suchanfragen bei Youtube verlinkt werden. Orientieren Sie sich für die beste Version an den vermerkten Laufzeiten.[/Edit] Vom Rippen rate ich selbstverständlich ab, aber Großstellen ist legal.

MGM Tom & Jerry
Jerry’s Diary, 22. Oktober 1949: die erste Episode, die mit Flashbacks arbeitet.

Bild: MGM via Tom and Jerry Online; Lizenz: Creative Commons.

Written by Wolf

28. July 2007 at 12:01 am

Posted in Mundschenk Wolf

Mark Herostratos Booth

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Update zu Aspects of Abraham:

John Wilkes Booth wusste genau, was er tat: Er kannte die Theaterfarce, mit der Abraham Lincoln den Abend im Ford’s Theater ausklingen ließ, von seiner eigenen Schauspielarbeit. Our American Cousin von Tom Taylor, bisschen was zu lachen in diesen Kriegszeiten. Darum wartete er die lustigste Stelle ab, an der zuverlässig das ganze Publikum schallend lachte. Vielleicht lachen Leute lauter, als Pistolen knallen.

John Wilkes Booth hatte ja gar keine Ahnung, was er tat: Der politische Effekt blieb aus, und heute wird er in eine Reihe mit Herostratos und Mark David Chapman gestellt.

Bild: Library of Congress via Old Picture of the Day; Lizenz: Public Domain.

Written by Wolf

27. July 2007 at 11:53 am

Posted in Rabe Wolf

Pissed about having to work in a post office to support himself

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Update zu Warum es kaum Fotos von Herman Melville gibt
und Chez Pierre:

Herman Melville DaguerrotypieNach dem Whale schrieb Herman Melville seinen Kraken, den natürlichen Feind des Wals. Wenn schon out, dann richtig.

Pierre, die gleichnamige Hauptfigur des Kraken und seines Zeichens Lohnschreiber auf dem unaufhaltsamen Weg in den Untergang, sträubt sich in einem Verlegerbrief, sich für seine Veröffentlichung ablichten zu lassen:

To the devil with you and your Daguerreotype!

Eine bestechend klare Ansage, die Melville offenbar persönlich teilte und in einem eigenen Brief an den eigenen Verleger etwas zurückgenommener formulierte:

Almost everybody is having his “mug” engraved nowadays; so that this test of distinction is going to be reversed; and therefore, to see one’s “mug” in a magazine, is presumptive evidence that he’s a nobody… I respectfully decline being oblivionated.

Wir Heutigen, die Mugshots für eine Erfindung von rotten.com halten und damit liebäugeln, uns als Leserreporter bei den großen vier Buchstaben registrieren zu lassen, würden mit so einer Auffassung von hinten rum schon wieder in.

Von Herman Melville sind dann doch noch drei Daguerrotypien bekannt geworden. Glücklich sieht er auf allen dreien nicht aus.

Written by Wolf

24. July 2007 at 9:59 am

Posted in Moses Wolf

Die Welt spricht Moby (und Moby spricht russisch)

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… wie kann der unbelesene Ismael dann hoffen, das altehrwürdige Chaldäisch auf der Pottwalstirn zu lesen? Ich stelle diese Stirn nur vor euch hin. Lest sie, wenn ihr könnt.

Kapitel 79, Seite 545

Elke hat ihr Schulrussisch nicht nach der letzten Schulaufgabe verdrängt, sondern zu Ende studiert. Darum weiß sie heute:

Elke HegewaldHabt ihr Lust auf ein bisschen Nachwort-Fleddern? Ich meine, so ein kleines Waljagen ohne Ozean? oder Harpunenwerfen aus dem Bücherregal? Eine ausdauernde Kissenschlacht in der Kajüte…?

Dabei hatte ich sowas gar nicht nicht vor. Eigentlich war ich einer Walsichtung in bislang unerforschten Jagdgründen auf der Spur, und zwar in russischen Wassern. Also nicht in denen zum Gurgeln jetzt, den Wässerchen (Wodki) mit der hohen Drehzahl. Nee, ich meine die großen, ausgewachsenen (vody) von anderem Geist. Aber davon später.

Bei der ganzen Sucherei kam mir nämlich die Neugier in die Quere – und die einschlägige Frage, wann denn nun sich Moby Dick überhaupt in die weite Welt aufgemacht und in fremd(sprachig)en Meeren schwimmen gelernt hat. Denn wie wir wissen, tat er sich damit ja etwas schwer.

Mobi Dik 2006Das war von vornherein nicht unbedingt zu erwarten, hatte doch der junge, hoffnungsvolle Autor mit seinen beiden Frühwerken, den Südseeromanen Typee und Omoo schnellen – auch internationalen – Ruhm eingeheimst. Doch dann begann mit The Whale, diesem „alle Konventionen brechenden Romanmonstrum“ (Göske, Seite 904), mit dem der auf eben selbige geeichte Leser nichts anzufangen wusste, bereits sein ebenso schneller Abstieg. Den perfekt zu machen er dann nur noch den Pierre (1852) schreiben musste. Nach dem wurde ob der enthaltenen „sexuellen Verirrungen“ sogar seine Zurechnungsfähigkeit angezweifelt. Obwohl er nie aufgehört hat zu schreiben, hatten die Heimat und die Welt ihren Melville, als er fast vierzig Jahre später starb, so gut wie vergessen.

Dabei wäre es womöglich geblieben, wenn nicht die eigensinnig verschlungenen Wege der Kunst und ihrer Jüngerschaft in den zwanziger Jahren des nachfolgenden Jahrhunderts zu einem wundersamen Melville-Revival geführt hätten, in dem man ihn begierig wiederentdeckte und neu zu lesen begann (siehe Göske, S. 904). Obwohl der Herr Nachwörtler es nicht dezidiert erwähnt, kombiniert Ms. Elke Holmes mal (logisch!), dass dafür die Veröffentlichung des Melvilleschen Nachlasses 1924 verantwortlich zu machen ist.

Man feierte Melville als großen Modernen, und den natürlich vor allem als Schöpfer des Moby-Dick. Ausschweifende und literaturwissenschaftlich verquaste Definitionen möchte ich dem geneigten Mitleser an dieser Stelle gerne ersparen. Nur die feine, mir so wunderbar moby-kompatibel scheinende Erklärung für Modernität, von Charles Baudelaire bereits 1863 formuliert und von mir aus dem Wiki-Artikel über die Moderne rausgeklau(b)t, sei hier zitiert:

Die Modernität ist das Vorübergehende, das Entschwindende, das Zufällige, ist die Hälfte der Kunst, deren andere Hälfte das Ewige und Unabänderliche ist.

Und zu dieser Zeit begab es sich, dass der Moby polyglott zu werden anfing. Ha, und es ist durchaus der Erwähnung wert, dass die erste fremde Sprache, die er lernte, die deutsche war.

Im Jahr 1927 erschien mit Wilhelm Strüvers stark gekürzter, auf die Abenteuerhandlung beschränkter Adaption die erste fremdsprachige Buchfassung überhaupt (Berlin: Knaur).

Kapitel 79, Göske, Seite 904

Damit war’s allerdings mit der Melvilleschen Deutschsprachigkeit erstmal wieder für eine ganze Weile vorbei. Denn “die ersten seriösen Versuche deutscher Verlage, eine verlässliche Werkausgabe vorzulegen, erlitten Schiffbruch; sie gerieten in den Strudel der Nazizeit und des Krieges.” (ebenda) Dass einer dieser – zugegeben stichhaltigen – Hinderungsgründe, ja selbst, dass beide zusammen als Argument für das Immer-noch-nicht-Vorhandensein einer umfänglichen Ausgabe der Werke herhalten könnten, dürfte weit schwerer einzusehen sein…

Mobi Dik russische ErstausgabeWoanders begann “Moby-Dick” inzwischen munter und babylonisch zu erscheinen. Bereits vor dem II. Weltkrieg hatten ihn die Holländer, die Ungarn und die Tschechen übersetzt vorliegen. Als meisterhaft gilt die erste italienische Fassung von Cesare Pavese, der seinem Vorwort zur ersten Ausgabe 1932 die programmatische Verkündigung voranstellte: “Moby-Dick übersetzen heißt mit der Zeit gehen” (siehe Göske, Seite 905). Und über den vielleicht der Stephan noch was weiß.

Von Jean Giono, der 1939 den Wal zu seinen Franzosen brachte und den Melville nach dieser Arbeit nicht losließ, weiß der aufmerksame Leser schon aus den hiesigen Walfängen. In wie viele Sprachen dieser “Walbulle im Karpfenteich der Romanliteratur” (Göske, Seite 869) bis zum heutigen Tag übersetzt wurde, vermag wohl nicht mal mehr die größte Melville-Koryphäe zu sagen – hat er doch mittlerweile die ganze Welt erobert.

Aber ich bin euch noch was schuldig. Denn aufgemacht hatte ich mich ja, um Moby Dick in Russlands Weiten aufzuspüren.

Der obige Fund ist eine Online-Übersetzung des Romans auf der Seite der Elektronnaja Bibliotheka, basierend auf der Hendricks House Edition, die von Professor Eugene F. Irey der University of Colorado bearbeitet wurde. Der auf dieser Erwähnung ausdrücklich besteht. Genauer gesagt, handelt es sich um zweimal die identische Volltextversion, übersetzt von Inna Bernstein, mit paralleler englischsprachiger Fassung. Die einzige Erklärung, die ich für diese Doppelung für mich gefunden habe, ist, dass es sich wohl um zwei Versuche des Hochladens handelt und schlicht und ergreifend der Speicherplatz für das monströse Upload nicht gereicht hat. Denn so ganz Volltext – also bis zum Ende – ist es denn doch nicht, denn selbiger bricht jeweils nach dem 60. Kapitel ab.

Weitere Googeleien führten lange ins Nichts, bis – ja, bis ich auf die Idee kam, den russischen Wal doch einfach mal mit kyrillischen Zeichen und entsprechend getippselten Suchanfragen aus der Reserve zu locken. Wozu hat man schließlich mal, vor einem gefühlten Walalter, mit summa cum laude sein Diplom in russischsprachiger Literatur erschwitzt. Und siehe da, das Ungetüm kam zutraulich ans Ufer geschwommen, seinen Papa Melville nebst reger einschlägiger Literaturwissenschaftlerei im Schlepptau.

Mobi Dik 1967Mit dem, was ich da so alles an Bord gehievt habe, werde ich euch gelegentlich häppchenweise füttern – wenn ihr Lust habt. Ich muss mich selber erst noch da durchwühlen. Einstweilen nur so viel: Es gibt diverse komplette Online-Versionen des Romans: diese hier zum Beispiel mit erklecklichem Anmerkungsteil und einem Nachwort von J. Kovaljov, allerdings leider ohne Inhaltsverzeichnis, dafür aber in Seiten gegliedert. Eine sperrigere mit fortlaufendem Text hat ein Inhaltsverzeichnis am Ende.

Die Russen können ihren Moby erst seit 1961 in kyrillischen Lettern lesen, dank der erwähnten Frau Bernstein, die das absolute Moby-Monopol zu haben scheint.

Und der erste Satz – heißa! – lautet: Зовите меня Измаил (Zovitje menja Izmail). – Was eins zu eins übersetzt unser “Nennt mich Ismael” ist.

Written by Wolf

23. July 2007 at 12:01 am

Posted in Krähe Elke

Schon wieder Land in Lee

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Der blinde Passagier Christian erscheint nach vier bis neun Monaten wieder auf Deck, gibt eine nahezu Bulkingtonische Figur ab und macht ein Update zu Dass alles tiefe, ernste Denken nur der Seele unverzagtes Mühen ist:

Christian WestheideNach einem halben Jahr Abwesenheit, unfreiwillig (kein Internet) und freiwillig (anderes Lesematerial, dies und das) melde ich mich zurück. Das Kapitel 23, Land in Lee, scheint mir für meine noch wankenden Schritte auf Deck gut geeignet. So heißt es dort z.B.:

Ich blickte mit sympathetischer [!] Ehrfurcht und Scheu auf den Mann, der sich mitten im Winter, gerade von einer vierjährigen (für mich -monatigen) Reise voller Gefahren [naja] zurückgekehrt, so rastlos auf einem weiteren sturmumtosten Schiff [ihr, der Blog, das Internet, die Artikelbäume…] einschiffen konnte. Das feste Land schien ihm die Füße zu versengen.

Über den Hafen als Freund und Feind heißt es:

Mit aller Kraft kämpfend, mit vollem Zeug, steht es [das Schiff] vom Lande weg und kämpft so wider ebenjene Winde, die heim es in den Hafen treiben wollen, und suchte erneut die landlose leere, aufgepeitschte See, stürzt sich in Gefahr, sein einz’ger Freund sein schlimmester Feind [der Hafen].

Ganz so pathetisch, aufregend und existenziell sind sie dann doch nicht (eigentlich gar nicht) gewesen, meine letzten Monate unter Deck. Aber über das insgesamt eher gemächliche Tempo freue ich mich und insofern passt es, dass Captain wolf mit der Verbloggung (tolles wort) nicht in Gänze hinterherkommt (muss er ja auch nicht) und über die Produktivät staunt (das sagt der Richtige).

Warum auch Hektik? Wir hinterlassen im Meer (des Internets) keine Spuren, nur das Meer hinterlässt Spuren auf uns (bei jedem anderen: Zeitmangel, Ringe unter den Augen, bisserl Geld in der Tasche (vielleicht), vielviel was man lesen, sehen, hören könnte…).

Und Stephan hat noch Kapitel zu lesen und seinem Sohn sehr viele Fragen zu beantworten (empfohlen sei ihm ein Buch für Väter, die gewappnet sein wollen auf Fragen wie “Warum ist der Himmel blau und wie kommt das von dem?”, das Buch von Bill Bryson, Eine kurze Geschichte von fast allem, das auf eben solch einer Frage seines Kindes basiert) und Stefanie ist unter der Deck verschütt gegangen – das passiert jedem mal. Sommer ist ja auch, weshalb ich die sturmgepeitschten Sprachbilder und Seemetaphern besonders schön finde im Moment. Also Kameraden, ick bemüh mir mehr Angaschement auf Deck zu zeijen, lesen tu ick und tippen will ick ooch.

So long, der blinde Passagier im Berliner Stadtmeer, Chr

Shirley Temple, Stowaway Briefmarken

Bild: Shirley Temple als Blinder Passagier auf Entertainerstamps, 1936;
Lizenz: Creative Commons.

Written by Wolf

20. July 2007 at 12:02 am

Red Moby (nicht von Lefebvre) (noch nicht)

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Sozialkritisch sein. Soll man doch immer. Hat man jedenfalls gelehrt, als ich noch in der Schule war. Mich hat das genervt, dauernd an allem irgendeinen Haken finden zu sollen, statt sich zu freuen, dass endlich mal alles passt. War ich viel zu beschäftigt mit Moby-Dick-Lesen, Reclam-Ausgabe (und Heftchen gucken, voll Mädchen).

Bettie Page, Dominant DamselsGeht aber aber auch beides:

Ist nicht Moby-Dick, neben so vielem anderem, eine Parabel auf den Kapitalismus?

Ahab ist nicht Eigentümer der Pequod, sondern er hat Vorgesetzte, Peleg und Bildad, die wahren Eigner des Kapitals, die ihn für dessen Vermehrung bezahlen. Sobald er jedoch auf See ist, gibt es über ihm nur noch Gott, was ihn faktisch eben doch die größtmögliche Verfügungsgewalt über jenes schwimmende Produktionsmittel gibt, das nach einer ausgerotteten Indianerkultur heißt. Und er nützt sie weidlich aus: für seine persönliche Rache.

Sehen wir den Wal Moby Dick (ohne Bindestrich, den hat nur der Romantitel) als zu erwirtschaftenden Mehrwert, so setzt Ahab wirklich alles bis hin zum Leben seiner unterstellten Arbeitskräfte einschließlich seines eigenen ein. Wie reinrassig kann ein Kapitalist noch sein?

Ahabs Rachebedürfnis rührt auch noch daher, dass der Mehrwert sich ihm schon einmal entzogen, ja ihm dabei sogar ein Stück seiner selbst entrissen hat. Der Mehrwert lässt sich nicht erwirtschaften, vielmehr lässt er die Inhaber und Akkumulatoren des Kapitals an ihrem eigenen Geiz, ihrer Verbissenheit, ihrem Festhalten an ihrem Prinzip, verderben.

Noch nie war materielles Denken so irrational, der Kapitalismus so deckungsgleich mit Wahnsinn.

Ist er nicht?

Ist er doch.

Bild: D-Kline für Dominant Damsels; Lizenz: Creative Commons.

Written by Wolf

19. July 2007 at 3:36 am

Posted in Rabe Wolf