Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for the ‘Steuermann Wolf’ Category

Monomaniac Incarnation

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Update for Madness Affecting One Train of Thought:

klem.jm, Tanya, 18. Mai 2011Here we’re introduced to Ahab’s monomania, his single-minded fixation on the White Whale. Basically, what’s driven Ahab crazy is that he’s not very good at symbolism. As a clever Shmoop reader, you know that things don’t just symbolize whatever you decide to make them mean; the limits of their symbolic potential are determined by context. But Ahab takes the White Whale out of context and projects onto it, and not just everything that makes him angry, but everything that’s enraged any human being ever, since time began. Nothing can really hold all that symbolic weight. Not even an inscrutable white whale.

Sometimes it helps to read old versions of Wikipedia articles. If the community consense is to delete beautiful passages, it does not mean they are not beautiful. A deletion from August 5, 2001 said:

klem.jm, Tanya, 18. Mai 2011Ahab has the qualities of a tragic hero — a great heart and a fatal flaw — and his deeply philosophical ruminations are expressed in language that is not only deliberately lofty and Shakespearian, but also so heavily iambic as often to read like Shakespeare’s own pentameters.

The White Whale swam before him as the monomaniac incarnation of all those malicious agencies which some deep men feel eating in them, till they are left living on with half a heart and half a lung. That intangible malignity which has been from the beginning; to whose dominion even the modern Christians ascribe one-half of the worlds; which the ancient Ophites of the east reverenced in their statue devil; — Ahab did not fall down and worship it like them; but deliriously transferring its idea to the abhorred white whale, he pitted himself, all mutilated, against it. All that most maddens and torments; all that stirs up the lees of things; all truth with malice in it; all that cracks the sinews and cakes the brain; all the subtle demonisms of life and thought; all evil, to crazy Ahab, were visibly personified, and made practically assailable in Moby-Dick. He piled upon the whale’s white hump the sum of all the general rage and hate felt by his whole race from Adam down; and then, as if his chest had been a mortar, he burst his hot heart’s shell upon it.

The new version says:

Ahab’s motivation for hunting Moby Dick is explored in the following passage:

Then the same passage. Meh. See the difference?

Monophiliac incarnations: klem.jm: Tanya 1 and 2, May 18, 2011.

Written by Wolf

13. August 2011 at 12:01 am

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Weil er da ist: Madness Affecting One Train of Thought

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Wolf hat Kapitel 41: Moby Dick gelesen:

I’m mad, I’m bad, like Jesse James.
They gonna tie yo’ hands,
They gonna tie yo’ feet,
They gonna gag your throat,
Where you can’t holler none,
And crying won’t help you none.
Set you in the water,
Yeah, the bubbles coming up.
Whoa,
Rrrrrrr,
Rrrrrrr.

John Lee Hooker: I’m Bad Like Jesse James, 1966.

Die Frage ist doch: Was hat jemals einen Menschen dazu getrieben, die Nordwestpassage überhaupt zu suchen? Wenn sie schon mal da ist, wird ihr Nutzen klar, aber warum wollte jemand durch eine Stelle segeln, die für niemanden existiert?

Dorothy Lamour, ca. 1953Auf den unvollständigen Landkarten des amerikanischen Doppelkontinents bis ins neunzehnte Jahrhundert wies nichts darauf hin, dass Kap Horn eine nördliche Entsprechung haben könnte, und wie man nach abgeschlossener Forschung weiß, sieht es da oben nicht wesentlich anders aus, als die damaligen weißen Flecken nahelegten: Der arktische Archipel von Kanada war bis zu seiner Auffindung nicht bekannt, das Verhalten von Packeis schon.

Die draufgängerische Bergfexantwort: “Weil sie da ist!” funktioniert also nicht. Aber Kap Horn, das gibt’s, einen Panamakanal bohren wir auch noch in die Mitte, und die Welt ist eine bessere, wenn es eine Nordwestpassage gibt. Besser funktioniert also: “Weil es sie geben muss!”

Also wird gesucht. Das ist etwas, das Menschen tun, so sind sie halt. Ein bestimmter Schlag jedenfalls. Über Logik ist das nicht zu fassen, es wäre denn die Logik eines Siebenjährigen, der begründen soll, aus welchem Anstoß heraus das Christkind eine Playstation bringen soll: “Weil ich dann spielen kann.” Erst die Ursache, dann die Wirkung — so weit konnten sich Aristoteles, Newton und Heisenberg immer einigen.

Nicht so die George Mallorys, Robert McClures, John Franklins, Christoph Columbus’, James Cooks und wie sie alle heißen, und am allerwenigsten die Ahabs.

Kapitel 41 heißt so wie der ganze Roman, bis auf den Bindestrich, scheint also eins der wichtigen, bedeutungs- und staatstragenden. Einmal mehr hat sich Melville “seinen Leser geschaffen”, indem er ein retardierendes Moment von vier Kapiteln einschob. “Ich, Ismael, war einer aus dieser Mannschaft” knüpft nicht an Kapitel 40 an, sondern an 36, dazwischen herrscht stimmungsbildender Hexensabbat. Zuletzt hat Ahab auf dem Achterdeck seine Dublone angenagelt und frech zum erweiterten Selbstmord motiviert: “Befehlen tue ich’s euch nicht; ihr wollt es so.”

Ecuador's 8 Escudos Coin in Moby DickWenn das kein Anreiz ist: die ungeheure Summe von sechzehn Dollar, wow, o danke, Herr Kapitän — und wer braucht einen Auftrag von der Reederei, die doch gefälligst ihren eigenen Kopf und Glieder hinhalten soll, und “profitabl[e] Fahrten” voller “Gewinn […], den sie in frisch gemünzten Dollars zählen konnten” (so noch in Kapitel 41), wenn er einen Weißen Wal (ab sofort als Eigenname mit Groß-W] haben kann? Der letzte, der solche kleinmütigen Weltlichkeiten anmahnt, war Starbuck — und der ist moralisch von den Guten, aber dramaturgisch ein böser Gegenspieler, weil der irre, verwerfliche Ahab in einem modernen Roman — hallo, Hannah — der Zweitheld hinter dem Ich-Erzähler ist, Moral Schmoral. Denn

Nun ahnte Ahab tief in seinem Herzen dies: All meine Mittel sind vernünftig, all meine Gründe und mein Zweck verrückt.

Gut erkannt, Captain — ver-rückt sind sie (im Original: mad), miteinander vertauscht. So blöd ist er also nicht, seinen eigenen Irrsinn zu verkennen, aber “er wußte, daß er ohnmächtig sei, diesen Umstand zu beseitigen”, a man’s gotta do what a man’s gotta do, die Welt kann keine gute sein, wenn er sich nicht an diesem vieldeutigen Zustand von Monsterwal rächen kann, und ohne den psychologischen Begriff der monomania kommt jetzt nicht mal mehr Melville aus. Moby Dick muss erlegt werden, weil er nun mal da ist und deshalb weg muss.

Dorothy Lamour, ca. 1953“Monomanie” taucht zuverlässig in allen Charakterisierungen Ahabs auf, in den neueren auch “narzisstische Kränkung”. Daniel Göske, nach dessen Ausgabe ich die deutschen Stellen zitiere, weil sie üppiger als die Rathjensche kommentiert ist, meint zu dem Begriff ausführlich:

Monomanie: das Wort war damals [1851] recht neu. Der französische Seelenarzt Jean Esquirol hatte es 1823 geprägt, und James C. Prichards Cyclopedia of Practical Medicine (1833) wurde es als “madness affecting one train of thought” spezifiziert und er althergebrachten Bezeichnung “Melancholie” vorgezogen. Melville nennt Ahab nie melancholisch, oft aber “morbid” (“krankhaft”) oder “obsessive” (“besessen”). Die populäre Penny Cyclopedia von 1843, aus der er auch andere informationen bezog, lehrte, daß mit dem Wahn des “Besessenen” auch eine “krankhafte” Veränderung des “moralischen Empfindens” einhergehe.

“Melancholie” war mir bislang als altes Wort für Depression geläufig, also das schiere Gegenteil einer wie auch immer gearteten Manie — aber die Einschätzung, dass Depressiven moralisch nicht über den Weg zu trauen sei, hat sich gehalten.

Besessenheit im Sinne des Wortes dagegen sollte sich außerhalb betont religiös normativer Erklärungssysteme überlebt haben; so muss die römisch-katholische Kirche bis heute an den Teufel glauben, weil man ihn exorzieren kann. Was uns lehrt, dass diese siebenjährige Ahab-Krankheit gegen alle aristotelische Logik und Newtonsche samt Heisenbergsche Physik gar kein so abseitiges Ausnahmegebrechen ist. Widerleg this, Starbuck.

Jessica Gingerherring, The joys of the home library, 16. September 2008Ob diese Deduktion polemisch war oder nicht, hat Melville Recht: “Jene unfaßbare Arglist, welche von Anbeginn aller Zeiten in der Welt gewesen; welcher selbst die Christen der heutigen Zeit die Herrschaft über eine Hälfte der Welt zubilligen; welche die Ophiten des alten Orients in ihren Teufelsstatuen verehrten”, kurz: der Teufel — er bleibt, sagt Göske,

für das Verständnis von Melvilles Ahab wichtig. [Die Ophiten] beteten den Teufel in Gestalt der Schlange an, da diese, als Werkzeug des wahren Gottes, Adam und Eva im Paradies die Erkenntnis ermöglicht hatte, die ihnen der Schöpfergott verweigert hatte. Außerdem verehrten sie die großen Gegenspieler des altestamentlichen Gottes und seines auserwählten Volkes: Kain, die Stadt Sodom, Ägypten.

Das muss natürlich grundböse sein, aus Sicht aller, die den Monogott des Alten und den dreifaltigen des Neuen Testaments verehren: dessen Antagonisten anbeten, weil er ihnen das einzige schenkt, was ihnen der Schöpfer verweigert: die Erkenntnis im wohlüberlegten, ja kultischen Tausch gegen die Erlösung.

Das ist eine ganz andere Schuhnummer des Satanismus als spaßeshalber Heavy-Metal-Platten rückwärts anzuhören — und die teuflische, bei ewichter Höllenverdammnuß verbotene Erkenntnis bringende Schlange war sogar noch das Werkzeug dessen, der sie bekämpft. — Auch so ein altes Paradoxon: Wer hat den Antichristen in die Welt gesetzt, wenn nicht ausgerechnet Gott? (Und kann Gott so einen großen Stein erschaffen, dass er ihn nicht mehr werfen kann?)

“Für das Verständnis von Melvilles Ahab wichtig” (Göske): “Ahab fiel nicht vor ihr [jener unfaßbaren Arglist pp.] auf die Knie und betete sie an, wie jene es taten” (Melville),

doch indem er die Vorstellung davon wahnhaft auf den verhaßten Weißen Wal übertrug, warf er sich ihr entgegen, verstümmelt, wie er war. Alles, was uns am stärksten quält und in den Wahnsinn treibt; alles, was im Bodensatz des Lebens rührt; alle Wahrheit, die Arglist einschließt; alles, was die Sehnen zerreißt und das Hirn verhärtet; all das kaum merklich Dämonische am Leben und Denken; alles Böse schien dem irrsinnigen Ahab in Moby Dick sichtbar verkörpert und leibhaftig angreifbar. Er türmte auf des Wales weißen Buckel des angehäuften Zorn und Haß, den sein Geschlecht seit Adam je verspürt, und ließ, als wäre seine Brust ein Mörser, sein heißes Herz, das feurige Geschoß, an ihm zerbersten.

Ahab gegen das Böse in der Welt, gegen alles, das die Mühseligen und Beladenen von der Erquickung abhält; Ahab, der sich gegen die Erbsünde opfert. Bin ich wirklich der einzige, der gerade jetzt auf das Bild von Ahab am dritten Kampftag vorausschaut, wie er von den Harpunenleinen an den Bauch des Leviathan gekreuzigt untergeht? Eben war Ahab der Gottseibeiuns, wenigstens ein direkter Nachkomme des Satans mephistophelischer Prägung aus Paradise Lost oder allerwenigstens sein williges Gefäß, und plötzlich ist er auch noch Jesus. Gleichzeitig.

Jessica Gingerherring, Backyard and Beyond, 16. September 2008Es ist ein Paradox, kein Widerspruch (haben Sie das, Eckermann…?), und es ist “im 41. Kap., wo Ismael eine Diagnose von Ahabs Wahn versucht” (abermals Göske, schon auf Seite 963 zum 36. Kapitel), und zur theologischen Erörterung, was gut, was böse, was beides auf einmal ist, hilft uns einfachen Ismaels, Starbucks “mit seiner rechtschaffenen Tugend ohne Tatendrang, durch die unangreifbare, gutgelaunte Wurstigkeit eines Stubb und die alles durchdringende Durchschnittlichkeit eines Flask” schon, die theorielastigen Kapitel ohne blutig zugerichtete Mönche in Der Name der Rose ausnahmsweise nicht zu überblättern. Wenn wir geistigen Mannschaftsgrade, die wir weder gelahrte Jesuiten noch Professoren der Semiotik sind, uns mal eingelesen haben, werden wir da richtig spürbar schlauer. — In diesem Sinne mein Lieblingssatz aus 41:

Die Männer wandten ein, daß sie zwar andere Leviathane erfolgreich jagen mochten, daß es jedoch dem Menschen nicht gegeben sei, eine Erscheinung wie den Pottwal zu hetzen und mit der Lanze aufs Korn zu nehmen — daß schon der Versuch bedeuten würde, unweigerlich und unvermittelt in die Ewigkeit hinweggerissen zu werden. Zu diesem strittigen Punkte liegen einige bemerkenswerte Unterlagen vor, die eingesehen werden können.

Zu Deutsch: Man soll sich nicht anlegen, aber nachschauen kann man mal. Eine angenehm entspannte Nachsicht Melvilles, die er in seinem Schlüsselkapitel 41 schön beiläufig versteckt. Hach.

Was jetzt noch fehlt — Elke, alles für dich! — : Die Coverage zu

Man kommt nicht, wenn man weder Melville noch Göske heißt, spontan darauf, dass die beiden letzteren Posten ganz ähnliche Phänomene wie die Entdeckung der Nordwestpassage beschreiben, die bis 1853 nur den wandernden Walen bekannt war: den portugiesischen Serra da Estrêla, auf dessen Bergsee versunkene Schiffswracks auftauchen, und die sizilianische Fonte Aretusa, die von Wassern aus dem Heiligen Land sprudelt. McClures — die erfolgreiche — Expedition der arktischen Walwanderung hinterher lief noch, als Moby-Dick erschien.

Ahab sucht heute noch.

Michael Raso, Erin Russ in Ringwood State Park Graveyard, North New Jersey, 2. November 2009

Bilder: Ecuador’s 8 Escudos Coin in Moby Dick;
Dorothy Lamour 1 und 2, ca. 1953: via The Tag;
Jessica Gingerherring: The Joys of the Home Library und Backyard and Beyond, 16. September 2008;
Michael Raso: Erin Russ in Ringwood State Park Graveyard, North New Jersey, 2. November 2009.

Written by Wolf

21. July 2011 at 12:01 am

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Demogorgon Needs a Green

with 8 comments

Wolf hat Kapitel 37, 38, 39 und 40 gelesen:

(Eine hochgewölbte, gotische Kajüte; bei den Fenstern auf den Gehsteig; Wolf auf und ab prokrastinierend)

“Hinter mir lass ich ein weißes, trübes Kielgewässer; bleiche Wasser, bleichre Wangen, wo auch immer ich nur segle”, aber das ist von Ahab. Ach, dass ich gar keinen eigenen Gedanken mehr fassen kann — Monate über Monate sind’s mittlerweil. Äußere mich in Zitaten, den Reliquien aus meinen Bücherpyramiden und von DVDs — geliehenen! — und doch: Hat nicht einer vor drei Jahrtausenden gesagt, da geschehe nichts Neues unter der Sonne mehr?

Müsst ich’s dann nicht wissen, wie ich meine P.E.Q.U.O.D. ans Ziel führ’; wie wir, verbunden durch Pech, Schwefel und Social Media, die Tiefen dieser See ausloten, das uns der Melville eingelassen, das Walgerippe zu vermessen, das er uns gezeichnet?

Horch! neigt sich schon ein weiteres Jahr, ohne dass wir den Wal gesichtet, nur faul auf Deck gelegen, und weiß kaum einer mehr vom anderen, auf welcher Stenge er heut seine Segel kalfatert. Wenn wir nicht selbst genugsam mit den Blättern rascheln, so tut’s die Zeit für uns.

Jürgen

Alles nur Theater…?, 7. März 2010.

Tim Winton: Atem, 9. Juli 2010.

(Verstummt.)

Elke

Bleibe ruhig, alter Grauer, sei nur getrost. Hetzt uns doch niemand. Stehen nicht die Buchstaben gedruckt für die Ewigkeit, wölbt sich der Himmel nicht da droben, steigt und fällt nicht das Meer, hebt und senkt sich der Wind, der uns weiterträgt, und hängen wir unser Segel nicht nach ihm, wie uns selbst beliebt? Ging’s nicht bis jetzt immer irgendwie voran, haben wir nicht ein Kapitel nach dem anderen abgefrühstückt und sind uns darüber die Geschmacksnerven empfindsamer geworden, damit uns auch das nächste mundet?

Mag der Wind flau sein, wir sind es nicht. Es geht nur ein Kapitel nach dem anderen, und für diesmal hast du, unser liebender, sorgender Kapitän, gar viere aufgegeben — und dir wird bang ums Fortkommen?

Nein, nicht das stubengelahrte Aufentern in der papiernen Takelage ist’s, das uns abhanden kommt; alles andre außerbords ist es. Steht doch da oben immer noch “Leben mit Herman Melville” — das einzige an unserm ganzen Weblog, das du nie mit neuer Farbe übertünchen wolltest. Und heißt demzufolge nicht, dass wir je zu dir gekommen sind, dass wir da bleiben, wir nähmen’s uns vor oder nicht?

Hannah

Potz Bassgewitter und Drommeten, jetzt mal langsam mit den jungen Stichlingen hier. Kann man nicht mal in Ruhe fertig studieren und mit Anstand die Probezeit in seinem neuen Job rumkriegen, ohne dass einem gleich die Weisheiten aus den Fledermausärmeln purzeln sollen? Hey, ich hab mir gerade erst die Rathjen-Übersetzung gekauft und lange nicht so weit gelesen wie ihr, und jetzt kommen sie einem gleich mit vier Kapiteln auf einen Sitz. Was soll das überhaupt mit den geschwollenen Reden in verteilten Rollen? Ich hab eine Reise gebucht durch einen Roman, keine Operette.

Wolf

Na schön, meine Marlspiekerchen, wie geht’s dann weiter?

Daniel Göske

Ich, Ismael, war einer aus dieser Mannschaft: gemeint ist die im 36. Kapitel auf dem Achterdeck in Ahabs Bann gezogene Mannschaft, nicht die unbändig feiernde Schar auf der Back in dem (vielleicht früher abgefaßten) operettenhaft-szenischen Kapitel 40, das Melville zusammen mit den Monologen der Kapitel 37 bis 39 offenbar nachträglich einfügte.

Thomas Carlyle: Sartor Resartus, 3. Buch, 18. Kapitel

Picasso's Woman, 11. Dezember 2009Was ist Irrsinn […]? Der Irrsinn wird wie einst so auch in Zukunft etwas Grausig-Rätselhaftes bleiben, ein ganz und gar infernalisches Brodeln der untergründigen, chaotischen See, das durch dies hübsch bemalte Oberflächenbild der Schöpfung dringt, das auf ihr schwimmt und das wir die Wirklichkeit nennen.

Wolf

Jaja, ist gut, das unterstellt der Göske, dem Carlyle folgend, dem Ahab und dem Melville mit zugleich, und redet damit keinen von beiden besser als die Freizeit-Konstruktivisten im Ausguck. Vielleicht kaufen sich alle noch einen schwarzen Rollkragenpullover, was doch sowieso Hannahs allererster Vorschlag war, dann kriegen sie den ganzen Tag das ganze Jahr frischen Kaffee hingefahren und müssen nie mehr Wasser anschauen, als was in der Seine vorbeiplätschert.

Was Irrsinn, was Verwirrung! Wenn ihr schon die Auswahl habt, was ihr von der Welt wahrnehmt — was sucht ihr euch nicht was Gescheites aus? Das heißt auch Respekt, das heißt Verantwortung — vor euch selber und vor jedem, der euch zuhört. Wenn ihr weinen müsst, was lacht ihr nicht unter euern Tränen? Ihr habt Schauen und Schreiben gelernt — wohlan, gebraucht es, hier und jetzt!

Französischer Seemann

Beat thy belly, then, and wag thy ears. Jig it, men, I say; merry’s the word; hurrah! Damn me, won’t you dance? Form, now, Indian-file, and gallop into the double-shuffle? Throw yourselves! Legs! legs!

Wolf

Aye, mates. So will ich euch sehen.

Bild: Picasso’s Woman, 11. Dezember 2009.

Written by Wolf

1. December 2010 at 12:01 am

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Pequod’s End (There is a captain Ahab in all of us)

with one comment

Heute vor 170 Jahren, am 6. Januar 1840, ist die Pequod untergegangen. Dan Matlaga von der Google Group der Ishmailites tut den Job der P.E.Q.U.O.D. und seziert in einem Vorgriff auf Kapitel 132: Die Symphonie die sich aufdrängenden großen Themen.

The Symphony beschreibt noch die Ereignisse des 1. Januar 1840. Nach den pausenlosen Ankündigungen des Untergangs über die letzten 131 Kapitel ist dieser Anfang derjenige vom Ende. Konsequent dazu handeln die folgenden letzten Kapitel an Epiphanias nicht von einem Erscheinen, sondern einem Verschwinden.

170 years from today, on January 6th, 1840, the Pequod sank. Dan Matlaga from Google Group Ishmailites does a P.E.Q.U.O.D. job describing Chapter 132: The Symphony in several entries. In context, without the doublets, all by Dan Matlaga:

The Symphony, part 1

Hello All…

It is morning January 1, 2010.

Most appropriate for this date and this time is an analysis of Chapter 132 The Symphony. One hundred seventy years ago on this morning of this new decade of 1840 Melville has Ahab at the bulwarks gazing into the sea and sky.

I have remnants of my High School paperback copy of Moby-Dick. Underlined in red:

“On such a day – very much such a sweetness as this – I struck my first whale – a boy harpooneer of eighteen! Forty – forty – forty years ago! – ago!”

I underlined that sentence in The Symphony in red, along with this thought also in red: “M gives away the store here… date???”

I realized how important the date of The Symphony is. It could provide a more cohesive understanding of certain information provided in the novel. Certainly anyone who has progressed to chapter 132 is capable of mathematical addition. The question as it would appear in a blue book exam: “Question: If in chapter 132 Captain Ahab states he was 18 years old forty years ago, how old is Captain Ahab now?” The answer: 18 + 40 = 58, Captain Ahab is 58 years old while gazing into sea and sky in chapter 132.

This bit of information is interesting but limited. A similar situation occurs, it seemed to this high school student, in Chapter 28 Ahab. With reference to the scar on Ahab’s face down his neck to disappear beneath his clothing: “Whether that mark was born with him, or whether it was the scar left by some desperate wound, no one could certainly say.”
An old Gay-Head Indian believed that Ahab was branded when he was forty years old in an elemental strife at sea. A grey Manxman believed Ahab had this scar as a birthmark, and the scar extended head to foot.

Both comments concerning the origin of Ahab’s scar are correct. But what concerns here is this repeat of Melville’s use of the number forty. Without the date the voyage takes place, it is difficult to understand how this scar information can be of much use. If your mind wraps around the fossilized interpretation of Moby-Dick, the petrified interpretation – mummified, desiccated view, that Mr. Melville was not interested in detail, certainly these passages will open up much to wild speculation. If the date of the voyage can be determined, the speculation can be narrowed.

But hey… what did I know; I was a High School student.

 

The Symphony, part 2

Suzanna, Ave Maria, October 17, 2008So the subsequent submissions don’t read as magic, I think it appropriate to briefly describe how we can determine the year of the last voyage of the Pequod.

In 1999 John F. Birk published a book titled: “Tracing the Round: The Astrological Framework of Moby-Dick.” In his book John divides the novel into six blocks. Chapters 1 – 25 falls under the astrological signs of Aries and Taurus, chapters 26 – 69 Gemini and Cancer constitute Birk’s second block while Chapter 70 The Sphynx is block three. Birk’s block four includes chapters 71 – 92 and tokens the astrological signs of Virgo and Libra, chapters 93 – 126 fall under the astrological signs of Scorpio and Sagittarius. The final number six block which includes chapters 127 – 135 rounds out the astrological zodiac with the three astrological signs of Capricorn, Aquarius and Pisces. As the Pequod sails from one ocean to the next in search of the whale, it is according to Birk, sailing from one astrological section of the zodiac to the next.

While John was writing his book he and I had more than a few lunches on campus. During one of these lunches, John mentioned that no one really understands the gams, and of all the gams the least understood is Chapter 54 The Town Ho’s Story. I told John not to worry. I’ll figure it out.

With a start time of 6 p.m. that evening and an all nighter until about 2p.m. aided by a dozen or so magnificent Churchill cigars, I was able to determine the astronomical references of the gams. Chapter 52 The Pequod meets the Albatross references the constellation Argo. The constellation noted on star maps of 1840’and 50’s no longer exist on modern star maps. Chapter 54 The Town Ho’s Story is related to Halley’s comet. Chapter 71 The Pequod meets the Jeroboam is without question a reference to a comet designated in the history books as Comet 1840 1. Chapter 81 The Pequod meets the Virgin is Melville’s inclusion of the planet Jupiter while the planet Venus can be affiliated with Chapter 91 The Pequod meets the Rose Bud. The planet Saturn is the basis for Chapter 100 The Pequod meets the Samuel Enderby of London. Melville had in mind the planet Mercury for Chapter 115 The Pequod meets the Bachelor, and Mars for Chapter 128 The Pequod meets the Rachel. One of the more interesting gams is Chapter 131 The Pequod meets the Delight. This gam was written with the planet Uranus in mind, and as previously submitted occurred on Christmas of 1839.

We can ask the question: was there ever a time when Mercury was in either Capricorn, Aquarius, or Pisces while Venus was in the constellation of Virgo or Libra, Mars in Capricorn, Aquarius or Pisces, Jupiter in Virgo or Libra, Saturn in the astronomical constellation of Scorpius or Sagittarius, and Uranus in either Capricorn Aquarius or Pisces? The answer is yes; all conditions are met from December 17th 1839 through January 5th, 1840. With consideration of the illumination of the moon described in Chapter 22 Merry Christmas, we can be certain this window occurs at the closing of the voyage and not the start of the voyage.

It is worth noting the necessary change of treating Birk’s astrological signs to astronomical constellations. If we continue to use Birk’s six blocks as astrological signs we do not arrive at a date. The planet Venus becomes particularly quarrelsome. This is one of two smoking guns Melville provides to inform the reader astrological considerations are not the important guide John Birk believes.

Chapter 22 Merry Christmas informs the reader the day the Pequod set sails. We can now state with confidence the date is December 25, 1838. If the reader navigates through the 135 chapters guided with the additional thought whale encounters occur during the period of two nights and three days of new moon, the reader arrives with the Pequod’s demise January 4th, 1840.

 

The Symphony, part 3

Suzanna, Ariadne, November 2, 2008The astute reader referenced in part two will conclude Chapter 132 The Symphony occurs the morning of January 1, 1840, which parallels the date of this posting of not just a new year but also a new decade. In 1840 Ahab informs the reader he is 58 years old. If we subtract 58 from 1840 we arrive at the year 1782. Captain Ahab was born in the year 1782. According to a document in the archives of the Berkshire Historical Society, Allan Melvill, Herman’s father’s birth date is presented as April 7, 1782. John Birk can take some comfort here since he lists Aries as Ahab’s astrological sign (March 21 – April 20).

We learn in The Symphony Ahab becomes a boy harpooneer at age 18. If we add 18 to 1782 we arrive at the year 1800. This is the year Allan made his first ocean voyage to Europe where he would eventually set up an export business to the United States. Another document, titled: “Recapitulations of Voyages and Travels from 1800 to 1822 both inclusive,” this document written by Allan lists 1800 as his first voyage and the year 1822 as his last. Allan then was forty years old when he made his last voyage. Recall the statement in Chapter 28 Ahab by the Gay – Head Indian with respect to Ahab’s scar: “…not till he was full forty years old did Ahab become that way branded, and then it came upon him, not in the fury of any mortal fray, but in an elemental strife at sea.” We can narrow Ahab’s strife at sea to November 9, 1822 to a major meteor shower. Melville’s treatment of meteor showers in Moby-Dick will remain for another posting.

Some may conclude Mr. Melville had issues with his father and therefore patterned Ahab after those issues. Along similar lines, Moby Dick was a whale, there is a constellation of Cetus a sea monster, Moby Dick must be represented by Cetus. The Pequod was a sailing ship. There was the constellation of Argo, a sailing ship, the Pequod must have been represented in the sky as Argo. Mr. Melville was a world class author and a much greater artist than these simple conclusions warrant.

 

The Symphony, part 4

Suzanna, Arachne, November 2, 2008There is information in Chapter 132 The Symphony that can help determine when Moby Dick took Ahab’s leg.

The Pequod leaves Nantucket Christmas Day 1838. We know from reading The Symphony, the Ahabs had a child equipped with outside plumbing. That son had to have been born before the Ship left harbor. Mr. and Mrs. Ahab must have gotten together nine months earlier, which would place Ahab in Nantucket April 1838.

We can make some general, rounded number calculations. The distance from the tip of South America to Nantucket is 8,100 miles. Chapter 41 Moby Dick informs us Ahab went mad while traversing the Patagonian Cape at mid winter, months and weeks after his leg was bitten off by the whale. Recall from 5th grade geography class the seasons are reversed in the Southern Hemisphere so mid winter at the Patagonian Cape translates as June 21 at the tip of South America. The distance, again in round numbers between the southern tip of South America to Nantucket is 8, 100 miles. From other considerations described later, a ship of the Pequod’s design was capable of 80 statute miles in a 24-hour day. It would take the Pequod roughly 100 days to achieve the distance from the southern tip of South America to Nantucket. This would place Ahab back home late August or early September 1837. This is certainly enough time for the Ahab’s to conceive a child April 1838.

Another leg of that voyage involves the distance from the place where Ahab’s leg was taken by the whale to the Patagonian Cape. Remember the passage past the southern tip of South America occurred June 21st. The first paragraph of Chapter 130 The Hat informs the reader the Pequod was “… hard by the very latitude and longitude where his tormenting wound had been inflicted…” The Pequod crossed the equator heading southward in the previous chapter. The distance from this area, in round numbers was the equator at 150 degrees west longitude to the Patagonian Cape. That distance is 5,900 miles. The Pequod could achieve this distance in 74 days. It places the amputation of Ahab’s leg no earlier in the year of April 1837.

The time from the point of amputation to Nantucket is based on a speed a ship such as the Pequod can attain while cruising from one hunting ground to the next. With the wounded captain aboard, the ship was no doubt rigged with sails to achieve the greatest speed. This would have the effect of shortening the time of the Pacific and Atlantic legs of the remainder of the voyage but allow for a mid winter passage through the Patagonian Cape.

It is interesting to note that May 4, 1837 a partial eclipse of the sun occurred in the north Atlantic. Melville associates whale encounters with new moon, and solar eclipses with Ahab’s leg. A solar eclipse is after all, a special case of new moon. May 1837 was the start of deep recession very much like what we are going through today. It was the month Maria Gansevoort Melville, Herman’s mother, lost her fortune and inheritance in the great recession of 1837. She had to live modestly and on handouts from that month on.

It might be worth noting of an incident before the Pequod’s sail of Ahab being found one night “… lying prone upon the ground, and insensible; by some unknown, and seemingly inexplicable, unimaginable casualty, his ivory limb having so violently displaced, that it had stake-wise smitten, and all but pierced his groin; nor was it without extreme difficulty that the agonizing wound was entirely cured.” The incident is reported in Chapter 106 Ahab’s Leg. Interesting to note this chapter occurs during a solar eclipse of September 08 1839 though the eclipse was not visible from the Pequod’s location in the South China Sea. September 18 1838 however, marks an annular eclipse of the sun visible at sunset from Nantucket. As we can relate Ahab’s leg to solar eclipses; September 18 1838 is the date of the incident addressed in the body Chapter 106.
I contend it less likely Ahab would have mounted a voyage to satisfy revenge on the whale if that sunset accident did not occur. After all while on dry land he was home, fathered a child and surrounded with “…comfort, hearthstone, supper, warm blankets, friends, all that is kind to our mortalities.” All dissolves with the solar eclipse visible from Nantucket and the accident that nearly unmanned him. Those forces that animate the whale are not confined to the watery world. Ahab, now a storm tossed ship must forgo land for the sea.

November of 1838 Mr. Melville earned certificates in surveying and engineering. He needed these for employment on the Erie Canal. The employment never materialized, but June 4th 1839 he was aboard ship to his first sea voyage to Europe.

 

The Symphony, part 5

Suzanna, Alcyone, November 2, 2008I believe the chapter The Symphony was properly titled. When Mr. Melville was writing Moby-Dick, The rather narrow definition of this musical form was not as structured as it is today. It was still in its formative years and thanks to the classical musical giants it gained it’s modern form about the time of Shostakovitch. I believe it was Claude Levi-Strauss who wrote what many of us have felt through the ages: music was closer to the mythic experience than either the written or visual expression. If we take the concept of the symphony in it’s simplest idea, a full orchestral composition that is the some of its parts, we can understand from this five part exercise how Melville provided the reader with clues in The Symphony to determine Ahab was an amalgam of his father and mother. Ahab was the sum of many parts. Herman Melville fits in this amalgam but that is for another submission.

Some time ago there were discussions on a paragraph found in Chapter 41 Moby Dick. From memory, the discussion centered on Melville’s reference to the Hotel de Cluny. I believe the thrust of that paragraph is history. The underground abandoned nature of the hotel suggests a hidden past. The paragraph opens with: “This is much; yet Ahab’s larger, darker, deeper part remains unhinted.” The underground hotel is a reference to this darker, deeper part of Ahab. We have yet to read Chapter 54 The Town Ho’s Story. A chapter that reveals in a kind of nautical way how Steelkilt, the personification of the Ahab we have come to know and love in the main body of Moby-Dick, took over control of the ship from the captain who is Ahab before he received his scar, and Radney, the Ahab after the scar but before the loss of his leg. The surfacing of these personas becomes more evident if we change the name of the “Town-Ho” to a ship named “Ahab.”

One of my favorite chapters is 60 The Line. After a discussion on the terrors associated with the line, the last paragraph contains a point sadly missed in our busy lives above ground. It says in part: “All men live enveloped in whale-lines. All are born with halters round their necks; but it is only when caught in the swift, sudden turn of death, that mortals realize the silent, subtle ever-present perils of life. And if you be a philosopher, though seated in a whale-boat, you would not at heart feel one whit more of terror, than though seated before your evening fire with a poker and not a harpoon, by your side.”

There is a captain Ahab in all of us.

Discuss.

Movie clip: Orson Welles reading an excerpt from Moby-Dick Chapter 132: The Symphony, adapted text, in: Oja Kodar et al.: Orson Welles: The One-Man Band by Medias Res Filmproduktion München/Berlin in association with Bayerischer Rundfunk, 1995.

Images: Suzanna Wurzeltod: Ave Maria, Ariadne, Arachne, and Alcyone; being the Lady Scratch.

Written by Wolf

6. January 2010 at 12:33 am

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Das ganze verkehrte Wesen (Frisches Basilikum)

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Wolf hat Kapitel 36: Das Achterdeck gelesen und macht ein Update zu I’ll Shoot the Sun:

… ein persönlich niemandem bekannter Mann mit einer Vorliebe für mittelmäßige Frauen, der diese Vorliebe gleichwohl nie ausleben hat können, weil er nämlich selbst für das Auftreiben mittelmäßiger Frauen viel zu schüchtern war, dieser Mann soll einmal gesagt haben, er wolle ja schon lange nicht mehr, stehe aber unabhängig davon jeden Morgen doch wieder auf, um einen weiteren Tag dranzuhängen an etwas, das er sich scheue, sein Leben zu nennen, und dann soll dieser Mann aus der Straßenbahn ausgestiegen sein, und zwar einfach so…

Benjamin Schiffner/Martin Sonneborn: Schaulimauli, in: Partner TITANIC August 2009, Seite 57.

… und next thing you know sehen wir ihn mittenmang der Mannschaft stehen, die sich auf dem Achterdeck um Captain Ahab versammelt, diesen Ismael, der sonsteinen Namen tragen kann, der niemanden interessiert, diesen Nobody und Jedermann, dieses Gefäß für Magermilch, hundertjährigen Portwein, Whisky oder flüssigen Teer gleichermaßen, diesen Mann, der voraussetzt, nicht zu leben, stillschweigend, aber schon gar nicht mal mehr ängstlich.

Helden sind zum Sterben da” — was auch heißt, sie müssen zuvor leben. Ist das schon Konsens, dass Ahab als Held betrachtet wird? Ab den anstehenden zwei Verfilmungen wird es einer.

Was wird da William Hurt die Dublone an den Mast nageln, sein gregorypeckstes Gesicht schneidend, wie wird er zischen, dass er selbst die Sonne schlagen würde, wenn sie ihn beleidigt, mit welchem Schuss-Gegenschuss wird Moby Dick (richtig: der Wal selbst ohne Bindestrich) seine erste namentliche Erwähnung finden, samt Personenbeschreibung:

einen weißköpfigen Wal mit runzliger Stirn und schiefem Maule […] der drei Löcher in seiner Steuerbordfluke trägt […] Aye, Queequeg, die Harpunen stecken allesamt verdreht und verbogen in ihm; aye, Daggoo, sein Spaut ist mächtig groß, wie eine Weizengarbe, und weiß wie ein Haufen unserer Nantucketwolle nach der großen Schafschur; aye, Tashtego, und sein Schwanz wedelt und flattert wie ein zerfetzter Klüver in einer Sturmbö.

Alle Zitate: Jendis-Übersetzung; hier: Seite 270 f.

So sieht er aus, der Titelheld, den die Harpuniere aus ihrer Berufserfahrung schon kennen, und dessen Namen wir persönlich niemandem bekannten Leser auf Seite 271 endlich so nebenbei erfahren — außerhalb des Umschlags; Tashtego spricht ihn aus. Nur gerecht: Was strummeln wir auf dem Sofa und lesen, statt einem Traum zu folgen. Oder einem monomanischen Rachegedanken wie der überaus lebendige Ahab.

Wobei wir denselben in keiner der Verfilmungen beobachten werden: wie er ab kurz nach dem Frühstück bis der Tag seinem Ende zugeht sinnend auf dem Deck einherklackert (Holzbein!). “Stunde um Stunde verstrich” — untauglich für jede Verfilmung in graphic novel style (außer, es wäre denn Nicolas-Mahler-Style) — trotzdem: Der Mann nimmt nur Anlauf,

wobei er so seltsam dumpfe und undeutliche Laute von sich gab, daß es sich wie das mechanische Summen anhörte, mit dem die Räder seiner Lebenskraft in ihm rotierten.

Die Steuerleute tuscheln schon. Das gibt etwas Vitales. Vielleicht schließt das Kapitel deswegen so explizit ans dreißigste an: “Nicht lange nach der Episode mit der Pfeife”, wo Ahab so kurzentschlossen die Pfeife über Bord gefeuert hat. Rauch aufgeben, länger leben.

Und wie er vor uns namenlosen Ismaels, zu deren größten Ereignissen es zählt, einfach so aus einer Straßenbahn auszusteigen, auflebt und uns teilhaben lässt. Langsam rückt er raus: “Das ist es, wofür ihr angeheuert habt!” (Seite 272) Hat er nicht ein großes Herz? Und einen großen Eimer Grog für alle hat er ja auch und eine Unze spanischen Goldes im Wert von sechzehn Dollar für einen von uns — bei der wir uns allerdings immer verwundern müssen, wie viel von dem Verkehrswert übrig bleibt, wenn Ahab in seiner Entflammung ihr ein Loch ins Herz, nein: durch die Mitte treibt. Wir Straßenbahnmatrosen trauen uns ja kaum einen angeschmuddelten Zwanziger wechseln zu lassen.

Warum er das macht? Weil er uns mitreißen will, der Großherzige? Quatsch: weil er uns braucht. Den Wal, der ihn entmastet hat, kriegt er niemals allein erlegt. Der Held ist kein Held für sich allein, er muss als einer angesehen werden. Da kann seine Rache so persönlich sein wie sie will, der Held muss sich über die anderen erheben und sie auf seine Seite bringen. Networking nennt das der namenlose Ismael in der Tram 27 Richtung Petuelring, und: “Man sollte sich mal mit anderen zusammentun”, so wie sich überhaupt oft Sätze mit “Man sollte mal” in ihm zusammendenken. Da kommt der lebenslodernde Ahab bei Starbuck, der Nummer 2 an Bord, aber an den Richtigen.

Der ist ebenfalls unter die Lebenden zu rechnen, mit Heldenpotenzial. Der ist weniger Feuer und Flamme, der ist seemannsgemäß das Wasser und bleibt in seinem Job, mit dem Blick auf den Nantucketer Wal Mart, nein falsch: Walmarkt:

Aber ich bin hierher gekommen, um Wale zu jagen, nicht um meinen Kapitän zu rächen. Wieviel Fässer wird dir deine Rache bringen, wenn sie dir denn gelingt, Kapitän Ahab? Sie wird dir wenig einbringen auf Nantuckets Markt.

Da kann Ahab nur drauf spucken:

Nantuckets Markt — pah! […] Mann, wenn Geld das Maß aller Dinge sein soll und eie Buchhalter ihr großes Kontor, den Erdball, ausgerechnet haben, indem sie ihn mit Guineen gürten, eine für jeden Drittelzoll — dann, so laß es dir gesagt sein, wird meine Rache reichlich Zinsen tragen — und zwar hier!

und schlägt sich an die dröhnende, hohl tönende Brust. Der Ton fällt Stubb auf, der sich allerdings geradezu darüber definiert, dass er immer noch Pfeife raucht. Und damit vertritt Ahab wohl die deutschromantische Ansicht, dass, wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen (Novalis) das ganze verkehrte Wesen fortfliege.

Ahab ein Romantiker, ein Idealist? — Daniel Göske, dem wir selbstverständlich jedes Wort glauben, weil wir hierin auf ihn angewiesen sind, wendet ein:

Ahab könnte Starbuck so weismachen wollen, daß seine monomanische Jagd auf den weißen Wal, den er als “Maske”, als Symbol des Bösen ausgibt, einem hohen idealistischen Ziel dient: dem allgemeinmenschlichen Streben nach letzter Erkenntnis. Dieser rhetorische Trick setzte damit materialistisches Gewinnstreben und philosphisch-ethische Wahrheitssuche in eins.

Hier liegt the little lower layer, die etwas tiefere Schicht oder die etwas niedriger angesetzte Lay. Ein Wortspiel, das Ahab hoffentlich selber versteht, das aber Melville wohl nur den entscheidenden Moment zu lange in seinen Bart geschmunzelt hat, um es doch noch zu unterdrücken, und unsereins zermartert sich das Hirn darüber; ab hier wird’s aber sowieso langsam zu kinky.

Zurück auf die Planken: Wie gesagt, könnte Ahab etwas weismachen wollen. Und was bitte bleibt von der Handlung übrig, wenn Moby Dick auf einmal nicht mehr böse, sondern nur von Ahab so eingefärbt ist? Ein Konflikt zwischen Ahab und Starbuck? Sind wir hier in der Weltliteratur oder einer Vorabend-Soap? Und worin soll der Unterschied zwischen matierellem Wert und letzter Erkenntnis liegen? In einem auf Kerzenlicht und frischem Basilikum über den Aldi-Spaghetti heruntergekochten Romantikbegriff? Denn wer ist hier der tragische Held und wer die international erfolgreiche Franchise-Kette? Und was davon sollte man genau verurteilen? Welchen der Idealisten, die nur zusammenrumpeln, weil sie beide Moral im Leibe haben? Komm, Göske, kauf dir eine Monatskarte und geh Straßenbahn fahren.

Das soll nicht einmal respektlos gegenüber Herrn Göske sein. Der Druck auf den Ohren rührt bei den wiederholt bemühten namenlosen Ismaels womöglich vom Außen-, nicht vom Innenmilieu des Kopfes. Selbst Schopenhauer, notorisch unverdächtig des unkontrollierten Optimismus, empfiehlt gegen Leiden an Herz und Kopf: Kunst. In diesem 36. Kapitel steckt ja nahezu alles drin, dabei haben wir bislang noch nicht mal den Drewermann mit reingezogen.

Ein anderer, der einem bei den Ermittlungen zu Melville immer wieder begegnet, ist Orson Welles. Der hat das Format, sich zum Wal zu äußern und ihn zu Ölen zu sieden, die uns die Herzen und Köpfe erquicken: Orson Welles — The One Man Band von 1995: ungekürzte 87 Minuten, Deutschland/Frankreich/Schweiz, deutsch-englisches Original mit Christian Brückner, including a clip from his one-man show of Moby-Dick with Welles playing all parts sans makeup or costume.

Wir anderen stehen um Orson Welles herum, gaffen mauloffen auf ihn wie die Mannschaft auf Ahab und warten, dass der Harpunenschaft voll Grog einmal nicht an uns vorüberzieht — gezeichnet von Selbstzweifeln, Lebensverweigerung, der Angst, dass man so lange auf wir wissen nicht was gewartet haben, bis es schon wieder vorbei ist, und der Hoffnung, dass da nicht noch was nachkommt, weil es uns eigentlich reicht.

Solcherlei Innenleben sind eine fremde Welt für Ahab. Der hört uns dabei zu und

die Winde wehten wieder, die Segel blähten sich, das Schiff stampfte und schlingerte wie zuvor.

Das allzeit indifferente Universum weiß es schon besser, und es wird Recht behalten. Über Helden und Verlierer kann es nicht mal milde lächeln: Es ist, wie es ist. Ganz wie in den letzten Worten 99 Kapitel später:

und das große Leichentuch des Meeres wogte weiter wie vor fünf Jahrtausenden.

weil es früher oder später aufs gleiche hinausläuft, welcher Art die Moral ist, die der eine oder der andere in seinem sterblichen Leib spazieren trägt: Am Schluss sind sie beide tot.

Immer diese leidigen Unterbrechungen des künstlerischen Schaffens durch das, was man sich scheuen muss, sein Leben zu nennen.

Written by Wolf

7. October 2009 at 12:06 am

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Call me Ödipus (Vorübergehender Wahnsinn in ungewöhnlich jammervoller Stunde)

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Wolf hat Kapitel 35: Im Masttopp gelesen
und macht ein Update zu Mutter, lass mich dein Söhnchen sein:

     Roll on, thou deep and dark blue Ocean — roll!
     Ten thousand fleets sweep over thee in vain;
     Man marks the earth with ruin — his control
     Stops with the shore; upon the watery plain
     The wrecks are all thy deed, nor doth remain
     A shadow of man’s ravage, save his own,
     When, for a moment, like a drop of rain,
     He sinks into thy depths with bubbling groan,
Without a grave, unknell’d, uncoffin’d, and unknown.

     Roll’ an tiefblauer Ocean, roll’ an!
     Es fegen spurlos dich zehntausend Flotten,
     Der Mensch zerstört das Land, soweit er kann,
     Doch auf der Flut ist dein Werk: auszurotten!
     Und vor dem Greul der Menschen, dieser Motten,
     Bleibt keine Spur, — ihr Schatten höchstens blos
     Wenn stöhnend er zu deinen tiefen Grotten,
     Ein Regentropfen, sinkt in deinen Schoos,
Vergessen — ohne Klang — sarglos und grabeslos.

Lord Byron: Childe Harold’s Pilgrimage, 1818, Canto the Fourth, CLXXIX. stanza,
übs. Adolf Böttger, Leipzig 1854.

In die Kneipe nehm ich ja immer Schreibzeug mit. Irgendwer fragt immer, was man da zu schreiben hat. Je nach Konstitution des Fragenden macht man dann eine gedeihliche Bekanntschaft, ist fürchterlich mit künstlerischem Schaffen beschäftigt oder hat am Ende wenigstens einen schönen Brief geschrieben. In Münchens einziger Hafenkneipe Zur Gruam ist das besonders wichtig, damit die kontaktfreudigen paar Jahrhunderte Knast, die sich dort jeden Abend versammeln, einem das Messer nur in den Thekenplatz und nicht in den Ranzen rennen.

Whaleman at the Masthead. J. Ross Browne, Etchings of a Whaling Cruise. New York, Harper Brothers 1846Einer blitzte weniger wild mit den Augen als die anderen. Geradezu umgänglich wirkte er. Als ich von meinem Schreibwerk aufschaute, fragte er:

“Was schreibst’n da?”

Na bitte, es funktioniert immer.

“Sag ich dir, wenn du mir sagst, was du hier treibst.”

“Das gleiche wie du. Umschauen, ausgucken, zurück in den Mutterleib streben und gleichzeitig in ein frühes Grab.”

“Immer diese Freudianer.”

“Selber einer, wenn du das so schnell merkst.”

“Du bist auch hier drin wegen Hafenkneipe?”

“Sicher. Als mannhafte Station zwischen Mutterschoß und seliger ewiger Ruhe.”

“So hab ich’s noch gar nicht gesehen. Schiffen traut man’s zu, aber Kneipen…”

“Man kann nicht immer nur segeln.”

“So tot bist du schon?”

“Nicht toter als du. Ich bin nur öfter am Wasser.”

“Und wie ich deine John-Lennon-Brille einschätze, meistens darüber. Im Ausguck.”

“Süßwasserwalfänger.”

“Und? Bläst er oft?”

“Nicht, wenn ich oben bin.”

“So siehst du aus. Was treibt dich denn dahin? Andere verstecken sich in einem ruhigen Job beim Zollamt oder so.”

“Hat doch unser gemeinsamer Freund Melville später auch getan. Jetzt ist noch die Zeit, das Leichentuch in einer gewissen Größe auszusuchen.”

“71 Prozent der Erdoberfläche, nicht schlecht.”

“Bescheidenheit kommt erst mit dem Alter.”

“Wenn du wie der Schmied mit Mitte siebzig Frau, drei Kinder, Haus und Hof versoffen hast?”

“Ja, das sollte genügen. ‘Ein Vagabund im Trauerkleide, ohne Mitleid für [m]ein Elend, [m]ein graues Haupt ein Spott für blonde Locken.””

“Mir kommen die Tränen.”

“Das sollten sie. Du bist nämlich auch so einer.”

“Zwei Jahre und zwei Bücher zuvor, im Redburn, hat sich das noch viel lebensfreudiger angehört, findest du nicht?”

“Doch, unbedingt. ‘Träume und Sehnsüchte, sein Glück zur See zu versuchen’, das hält nicht weit über die Pubertät hinaus. Außerdem war das 1849 eine Auftragsarbeit.”

“Und 1851 weiter mit ‘hegen fast alle Menschen, ob sie’s wissen oder nicht, in etwa dieselben Gefühle für das Weltmeer’?”

“Klar. ‘Auf ewig vereint sind Wasser und Tiefsinn.'”

“Und nach den zwei Erfolgsbüchern hat er nicht da weiter gemacht, sondern dort, wo er vor drei Büchern mit dem Mardi eingebrochen ist.”

“So geht Thanatos!”

“Warum hängen sich dann nicht alle deine Kollegen bei der ersten Nachtwache an der Besanstenge auf?”

“Würdest du dir das wünschen? So ein andauernder Selbstmord, ohne sterben zu müssen, das ist doch was Praktisches. Und die Weiber stehn drauf, wenn man ihnen die Fackel trägt.”

“In Form von Walrat?”

“Du bist gut, Mate.”

“Ist aber nicht viel mit Weibern auf hoher See, oder trefft ihr viele Sirenen?”

“Nur innerlich. Das muss schon so sein. Die innere Mutter ist noch lange nicht befriedigt.”

“Igitigitt, seid ihr widerlich.”

“Gar nicht. Ist doch alles freudsch.”

“Gesundheit.”

“Langsam kommst du drauf. Das ist weder ein Ansinnen, Muttern flachzulegen noch Vatern zu erschlagen, die ganze Einrichung von Wohnstätten, Herstellung von Nahrungsmitteln…”

“Prost übrigens.”

“Prost. Und dass du dir was überwirfst, bevor du in die Kneipe rennst, das ist schon genug Nachbildung von Ureinheit mit deiner Mutter.”

“Call me Ödipus.”

“Du mich auch.”

“Kennst du noch mehr Bücher?”

“Eins vor Moby war schon dran, eins danach, Israel Potter, kenn ich noch.”

“Was steht drin, sag?”

“‘Die Einsiedelei im Wald ist die Zuflucht des engherzigen Menschenhassers; die Hängematte auf dem Ozean ist das Asyl für die Betrübten großmütigen Geistes. Der Ozean läuft über von natürlichen Tragödien und Unglück, und der Kummer eines Menschen ist nur ein einziger Tropfen in dieser Wasserunendlichkeit des Schreckens’, das steht drin.”

“Was du alles weißt.”

“Man kommt rum.”

“Bist du denn so betrübten Geistes?”

“Nicht mehr als die natürliche Grundbetrübnis von unsereinem. Oder findest du mein Gebaren besonders bedrückt?”

“Wenn du so fragst… könnte das aber auch am geistigen Gebräu liegen.”

“Na klar, weil Denken und Fühlen aus lauter chemischen Reaktionen besteht.”

“Was sagt Freud dazu?”

“Will ich gar nicht wissen.”

“Über die Art von Witzelsucht, die wir gerade an die Nacht legen, sagt er schon was.”

“Und zwar?”

“Na, die ganze Arie mit Schutzdistanz, den Schmerz fernhalten und Coolsein.”

“So eine Illusion von geistiger Überlegenheit und Leckmichamarsch?”

“Mit Betonung auf Illusion.”

“Held sein, ohne zu leisten.”

“Passt doch. Wie leben, ohne sterben zu müssen.”

“Und irgendwann sterben, ohne zu leben zu müssen.”

“Siehst du, was ich meine?”

“Klar. Lachen, um nicht weinen zu müssen.”

“Steht da nichts dazu bei deinen großmütig begeisterten Betrübten?”

“Im Pierre? Doch: ‘Wenn sich in ungewöhnlich jammervoller Stunde die Gelegenheit dazu bietet, finden manche Menschen ihre hysterische Erleichterung in einem wilden verdrehten Humor, der um so verlockender ist, da er dem Anlaß vollkommen entgegensteht… Die kühle Krittelei der bloßen Philosophen würde solches Betragen wohl mehr oder minder als vorübergehenden Wahnsinn bezeichnen, und vielleicht ist es das ja auch, da in den unerbittlichen und unmenschlichen Augen der schieren, unverdünnten Vernunft jeglicher Gram, sei’s um uns selber, sei’s um andere, nur blanke Unvernunft und Irrsinn ist.'”

“Jetzt hör aber auf. Das kannst du dir so merken?”

“Ins Internet komm ich selten.”

“Naja, so in euren Walfanggründen habt ihr’s wohl mehr mit Bordfunk.”

“Nichts, was ich vermisse.”

“Dann kennst du auch die Shanty-Sammlung von Hulton Clint gar nicht.”

“Sollte ich?”

“An der Stelle rentiert sich Internet wirklich. Der ist den Moby-Dick-Film mal durchgegangen…”

“Den kenn ich! Den von 1956 mit Gregory Peck, nä?”

“Ja, der andere zählt nicht. Und in dem hat er die Shanties rausgezogen und zeigt, dass John Huston nicht ausschließlich gestelltes Studiomaterial hergenommen hat. Zwei Videos voll.”

“Nicht? Sondern?”

“Live-Mitschnitte. Es hält jedenfalls dem Wissen deines Gewerbes stand.”

“Nicht zu fassen.

“1956!”

“Mhm. Und woher kommt das in diese ganze Schlaf-, Todes- und Witzelsucht rein?”

“Na, ich dachte, das ist der Moment, an dem so ein Ausguck auch mal aufwacht.”

“Nicht, wenn er’s vemeiden kann.”

“Ach ja, ich vergaß. Du bist so einer von den Pantheisten aus Kapitel 35.”

“Jaja, der Schluss. Aber geh mir doch mit Gott.”

“Ad vocem gehen: Gehn wir noch ins Gap?”

“Die andere hiesige Hafenkneipe?”

“Was dieses verträumte Städtchen an Stelle von Hafenkneipen so hat.”

“Ist eigentlich ganz gut sortiert, dafür, dass es nicht mal einen Hafen hat.”

“Muss man hier eigentlich zahlen?”

“Du wolltest mir sagen, was du da schreibst.”

“Och, ich schreib mit.”

“Mami, Mami, ich bin im Internet.”

“Das kostet dich die Zeche.”

Lieder: Moby-Dick: Video 1, Video 2, 1956;
Freddy Quinn: Junge, komm bald wieder, 1963.
Fachliteratur: Eugen Drewermann: Moby Dick oder: Vom Ungeheuren, ein Mensch zu sein. Eine tiefenpsychologische Deutung, 2004 (und entgegen der Amazon-beschreibung nicht auf 340, sondern 560 Seiten).
Bild: Whaleman at the Masthead: courtesy of J. Ross Browne: Etchings of a Whaling Cruise, New York: Harper Brothers, 1846.

Written by Wolf

23. February 2009 at 12:01 am

I’ll Shoot the Sun

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Wolf blickt anhand Kapitel 34: An der Kajütstafel auf 2008 zurück:

I appeal to any white man to say, if ever he entered Logan’s cabin hungry, and he gave him not meat; if ever he came cold and naked, and he clothed him not.

Chief Logan’s Lament 1774, rendered 1782.

Walfischprinzip bedeutet, dass einer durch ein meist sinnbildliches Meer pflügt und das Vorhandene wahllos wie Plankton aufsaugt.

Er sei ein pathologischer Leser, der nach dem Walfischprinzip Unmengen von Seiten in sich hineinsaugt, damit zwei, drei Gedanken hängenbleiben. Er lese überall, auf dem Klo, in der Wanne, im Bett, brauche circa drei Stunden für ein Buch.

Never Sea Land, Boat Babesbeschreibt sich Hans Magnus Enzensberger. Genau so. Und gar nicht so verschieden von dem, was Moby-Dick™ im dritten Jahr — and still counting — treibt. Und noch viel näher an dem, was Herman Melville in der Primärliteratur, dem echten Moby-Dick getan hat: wild brainstormen, aus dem schöpfen, was er zuvor erlebt und gelesen hat, kurz durchkauen und auf Tauglichkeit prüfen, das Beste wieder von sich speien. Man hat schon appetitlichere Bilder fürs Kunstschaffen gefunden, aber der zweite Teil von Reader’s Digest bedeutet verdauen.

2008 war ein Jahr, in dem Menschen meinen Gesichtsradius betraten, denen ich was glaube. You know who you are, folks. Jemand hat mir ein Lied geschenkt. Jemand hat für mich gebastelt, andere haben mir Bilder und Bücher ans Herz gelegt — was soll man mir auch groß schenken, gell — und ein Buddelschiff war dabei, das ich wenigstens endlich mal zusammensetzen könnte. Einer hat sich darum gerissen, uns einen Gastbeitrag zu schreiben. Was die Menschen mir mitteilen wollten, hatte immer mit Literatur, Musik, Seefahrt, deutsch-amerikanischen Interferenzen und liebreizenden Frauen zu tun, sie haben sich Gedanken zu mir gemacht und ich fühlte mich verstanden. Andere konnten mir schlüssig begründen, warum die Rathjen-Übersetzung vielleicht doch besser ist als ihre Bearbeitung, die zur Jendis-Übersetzung wurde: Der schroffe Felsen Rathjen kommt dem Original wohl doch näher denn Jendis’ geschliffene Kiesel. Da waren freundliche Gesichter, ich hab hellen Köpfen zugehört, angenehmen Umgang gepflogen, bin lauter wertvollen Menschen begegnet, und mich wandelt das aberwitzige Bedürfnis an, mich bei jemandem oder etwas dafür zu bedanken, dass ich dergleichen noch erleben darf.

Ahab treffen wir wieder, wie er “soeben die Sonne geschossen” hat — bitte was, Herr Jendis? Soll ein langweiliges taking an observation of the sun ein Vorgriff auf seine Drohung an die Sonne sein: I’d strike the sun if it insulted me? Rat steht bei Rathjen: “soeben die Sonnenhöhe vermessen” — ach so. Der neue Mensch in unserem Gesichtsradius ist der Steward Dough-Boy, der Ahab zum Essen an den Cabin-Table ruft.

Was Melville in weiteren Verlauf aus seinem Seemannswissen serviert, ist ein denkbar tristes Bild von einer Mahlzeit unter Schiffsoffizieren, für die einer den anderen rituell einlädt, obwohl der Steward Teig- oder Blaßkopp, das “Zittern und Zagen” auf zwei Beinen, bestimmt pünktlich anrichtet. Das hätte man den verwegenen Seefahrern Starbuck, Stubb und Flask gar nicht zugetraut, dass sie ausgerechnet für die Zeit der Energiezufuhr zu solchen Mimosen mutieren und so eine “saft- und kraftlose Familienfeier” abziehen. Melville begründet es uns: Das ist so mit den oberen Chargen, “nicht die geringste der Merkwürdigkeiten”. Das will ich mal so glauben, unkorrigierter Neigung nach bin ich ja mehr so der Nichtesser.

In grellem Gegensatz dazu stehen die zweithöchsten Chargen: Die Harpuniere nutzen traditionell als zweite die Kapitänskajüte zum Futtern — und verleihen der Tätigkeit schon allein durch ihre Herangehensweise ungleich mehr Sinn.

Nur, weil es Wilde sind? Wir erinnern uns, dass die drei Vizes der Pequod Melvilles Repertoire der exotischen Völker entstammen: Queequeg einer aus “Kokovoko” in der Südsee, Tashtego ein Indianer, Daggoo der beeindruckendste aller Neger. — Nein, bestimmt auch, weil das die Ersten sind, die körperlich arbeiten: mit den Händen, mit ihren gestählten, wettergegerbten Körpern, und mit dem Kopf noch dazu. Das zehrt.

Und einmal mehr handelt Melville nach dem Prinzip des Walfischs und nimmt die Gelegenheit wahr, für seine Politik zu werben: Der ausgelassene Haufe der ehrbaren edlen Wilden besteht einfach aus den besseren, unverfälschteren, kurz: menschlicheren Leuten, die jede liebe Mahlzeit wieder eine almost frantic democracy feiern, wohingegen der Unterste der Oberen, der dritte Steuermann Flask, schon ein butterless man in einer undankbaren Sandwich-Position war. Daggoo, der Queequeg wohl bald den Rang in Naturwüchsigkeit ablaufen wird, ernährt sich geradezu metaphysisch:

But, doubtless, this noble savage fed strong and drank deep of the abounding element of air; and through his dilated nostrils snuffed in the sublime life of the worlds.

Ihr energisches Treiben ist deshalb die blanke Vitalität; sie steinigen uns mit Essensresten aus jeder weichbirnigen Interpretation.

Chief James Logan, Ohio Historical SocietyDa kreuzt noch ein Neuer unsere Sicht: Chief Logan, entgegen Göskes Daten in allen anderen Quellen nicht 1800, sondern schon 1780 mutmaßlich von seinem Neffen ermordet, außerdem Häuptling nicht der Shawnees, sondern der Mingos (die ihre entfernten Verwandten sind). Dieser leidgeprüfte Märtyrer der Menschlichkeit ernährt sich so trostlos wie nicht einmal die Offiziere der Pequod, die immerhin vom Besten bekommen, wenngleich in etwas trüber Atmosphäre. Logan, hinterbringt uns Melville, saß den Winter über in einer Baumhöhle gefangen und lutschte am Daumen.

Gegen die Not, an sich selbst zu knabbern, um nicht einzugehen, ist Masturbation, mit Verlaub, eine Orgie. Das Kapitel endet mit der übelstmöglichen Vorstellung von Ernährung. Die hat sich Chief Logan nicht ausgesucht, nachdem er zusehen musste, wie seiner hochschwangeren Tochter das Kind aus dem Leib gerissen und skalpiert wurde; man bedarf nach Erlebnissen wie dem Yellow Creek Massacre der Kräftigung, nicht noch mehr Folter. Melville lässt seine Stimme diese historischen Fakten darstellen und dann verhallen, und das klingt mahnend: Indianer, Neger, Südseekannibalen, die 1851 wie heute als unzivilisiert Gehandelten, gewinnen die Runde. Sie sind die Gefolterten, aber die Lebendigen. Wenn sie schon die Fresse kriegen müssen, dann bitte auch was Nahrhaftes, erst bei Logans ultimativer Tristesse ist Schluss.

Essen, Leben, Zusammenleben, Demokratie. Man trifft sich; die Versuche, Abseitiges zu vergesellschaften, funktionieren, der Bauch des Wals verträgt viel Plankton. Was Melville — und wir nach ihm — unternehmen, ist nicht mehr wie üblich, die Handlung aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, sondern eine Perspektive aus verschiedenen Handlungen. Fühlen wir uns, als letzten Klimmzug 2008, dadurch an einen anderen Künstler erinnert, der uns ein politisch Lied singen wollte: Sergej Eisenstein mit seinem Plan, Das Kapital zu verfilmen. Das hätte ein Monument werden können. Was Moby-Dick mit der Umverteilung des Kapitals und Aufhebung der Klassen-, am Ende gar der Rassengesellschaft verbindet, hätte an dieser Stelle schon längst kommen sollen: anhand Jean-Pierre Lefebvre: Die Arbeit des Wals. Red Moby &/or: Das Kapital. Kommt noch, Genossen, kommt noch.

Das waren ein paar Konjunktive zu viel.

Gay Collier, Playboy Centerfold July 1965Ich selbst muss mich nämlich schuldig bekennen, einen tollen Weblog (bei mir heißt das automatisch der Weblog) in die Gosse geritten zu haben. Nicht zur Entlastung, jedoch zur Erklärung vorbringen kann ich nur meine ursprüngliche Idee, in dieses Jungsthema eine weibliche Note zu bringen, worüber ich die Perspektiven verwechselt haben muss: Es ist bestenfalls Beihilfe zur Autoerotik geworden, ja schlimmer noch: keine besonders wirksame. Ich hab versucht, euch meinen Begriff von der einzig wahren Musik, hübschen Mädchen, struppig eloquentem Deutsch und nachlässig verhohlen geklautem Englisch reinzudrücken; das war selbstherrlich und faul von mir. Man schaut eben doch immer nur aus sich heraus, niemals in andere hinein.

Zu dieser Erkenntnis bin ich bei einer Qualitätsschau gelangt, und die gängigsten Suchbegriffe (“Gisele Bündchen”, “Bettie Page Mermaid”, “sexy Zehen”, “hässliche Tiere”, “Lolita”, “Pinguine”) deuten nicht auf hohe Wissenschaftlichkeit; an den Zugriffszahlen hätte ich es nicht bemerken können. Das sagt mir wiederum, dass die Leute zu mir, zu uns stehen. Es ist gut, euch zu haben — euch auf der P.E.Q.U.O.D., euch in der Linkrolle, euch, die ich darin aus schnöder Schnöselei vergessen hab, euch, die ich klandestin im Blick behalte, und euch Underground-Leser, die uns in der Stille der Tiefe umschwimmen. Mal seid ihr ganz nah, mal habt ihr anderweitig zu tun, aber man weiß voneinander und geht sich jetzt schon eine für einen Weblog ganz ansehnliche Spanne nicht verloren. Nur ganz gelegentlich gebt ihr Laut. Es waren ausnahmslos freundliche Meldungen, meistens haben sie uns handfest bereichert. Schön, solche Leser und Fellow Freaks zu haben — wenn Stolz nur nicht so ein albernes Gefühl wäre…

2008 hat mir auch jemand einen Sextanten geschenkt. I’ll shoot the moon for you — das Mindeste, was ich tun kann. Danke fürs Da-Sein, danke für euch — I mean it.

Ist, die Herren Eisenstein, Enzensberger, Göske, Jendis, Lefebvre, Logan, Melville, Rathjen (alphabetisch) und ihr anderen alle, ist Kommunismus Demokratie? Ist er nicht, aber trotzdem etwas vom Volk Geregeltes — wer immer das sein soll. Ist Christentum Kommunismus? Ist es nicht, genuin demokratisch aber auch nicht. Beabsichtigen alle drei wenigstens ihren Theorien nach, dass es allen gut geht und den Menschen ein Wohlgefallen — jedem nach seinen Fähigkeiten und seinen Bedürfnissen? Scheißsuggestivfrage: Ja, das wollen sie.

Na also.

So, und jetzt raus mit uns, Essen fassen, das Bier wird kalt. Alles Gute.

Bilder: Never Sea Land: Boat Babes, 5. Oktober 2007;
Chief Logan, also known as James Logan: The Ohio Historical Society, 1982;
Gay Collier: Playboy Centerfold Miss July 1965 via
If Charlie Parker Was a Gunslinger, There’d Be a Whole Lot of Dead Copycats, 7. April 2007.
Soundtrack: Spillsbury: Die Wahrheit
(“Schon gut — ja, ich weiß jetzt, was du meinst.
Na klar — war doch alles trotzdem gut.
Hau rein — und ich kenn ja dein Gesicht und find dich immer wieder.”),
aus: Raus, 2003.

Written by Wolf

26. December 2008 at 12:01 am

Posted in Steuermann Wolf