Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for the ‘Steuerfrau Elke’ Category

But while yet all a-rush to encounter the whale, could see naught in that brute but the deadliest ill.

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Das Meer ist tief,
die Welt ist schlecht,
wie ihr’s auch dreht —
der Wal hat recht.

Robert Gernhardt: Dreh es o Seele, 2002.

Elke hat Kapitel 41 gelesen (und hol’s der Klabautermann: verstanden):

Elke HegewaldWieder ein Kapitel, groß wie der Wal und Melville. Was man, wenn nicht schon an der Anzahl der umzugrabenden Seiten, mindestens am Kapiteltitel merkt, wumm. Und daran, dass ein Naturtalent eher auf den Planken eines alten Seglers und Walfängers als in Schreib-Workshops schreiben lernt und sich einen Scheiß um welche Regeln auch immer scheren muss, sei es noch lebendig oder inzwischen tot — weil es sogar tot noch lebendig ist.

Zur Kompensierung des hochphilosophelnden Teils und des wandelnden Monomanen nehm ich mich mal der gejagten Kreatur an, auf deren “weißen Buckel den angehäuften Zorn und Hass, den sein Geschlecht seit Adam je verspürt” (Ahab), türmt. Und der Mädchenthemen: der wildromantisch auf Mocha Dicks weißem Buckel rankenden Blüten von Mythos und Aberglauben und geheimnisvoller Naturgewalt, aus denen Melvilles Moby Dick entspross. Der ihm noch viel mehr als zum Wal “zum Symbol des Phantoms des unbegreiflichen Lebens” geraten ist (Jendis, Seite 36). Und als solches dem vom Wahnsinn besessenen Ahab via Kapitel 41 zu seiner eigenen Antwort “42” gerät, nicht durchs Weiterzählen, vielmehr als die Mr. Douglas Adams vorausahnende ultimative Antwort auf madness, “life, the universe and everything”. Zu der kein rasender Monomane noch friedlicher Anhalter weiß, was eigentlich die Frage ist.

WalbuckelMeine erste Begegnung mit dem Wal — ich habs hier wohl schon mal erzählt — war eine traumatische. Also für mich jetzt, der Wal hatte es da schon hinter sich. Er lag still und stumm und nur noch präparierte Hülle unter einem bierzeltähnlichen Pavillon von pottwalischen Ausmaßen, den Blicken der sensationsarmen Gaffer auf dem Marktplatz einer ebensolchen Kleinstadt ausgesetzt. In der ich, ich war neun oder zehn, bis dato in kindlicher Unschuld aufgewachsen bin. Die Geschichte des Erlegens, die dazu nützlichen Werkzeuge sowie die Stelle des Todesstoßes wurden lang und breit illustriert. Der zutiefst getroffenen Kinderseele blieb eines mit Ahab gemeinsam: sie hat diesen Moby Dick nie verwunden. Aus ungleichen Gründen.

Drum kann sie, wenn auch längst den Kinderschuhen entwachsen, dem Einwand der Jäger aus den frühen Tagen des Walfangs durchaus folgen, dass “to chase and point lance at such an apparition as the Sperm Whale was not for mortal man. That to attempt it, would be inevitably to be torn into a quick eternity.” Und es ist ihr vollkommen wurscht, dass Herman-Ismael es vielleicht anders meint und die abergläubische Furcht der Seeleute im Sinn hat: eine solch grandiose und gewaltige Schöpfung der Natur verdiente ihr seit jenem morbid-makaberen Whale Watching nichts anderes als Ehrfurcht und das Gegenteil von Metzeln und Meucheln.

Dem (Weißen) Wal “jene beispiellose, vernunftbegabte Arglist” zu unterstellen, sieht man vielleicht noch einem traumatisierten, im Kleinholz seines Schiffes schwimmenden Owen Chase nach. (Die paar von Melville herbeizitierten Naturforscher, die ihre diesbezügliche Weisheit werweißwoher hatten, zählen hier nicht.) In ihm die “incarnation of all those malicious agencies which some deep men feel eating in them, till they are left living on with half a heart and half a lung. That intangible malignity which has been from the beginning; to whose dominion even the modern Christians ascribe one-half of the worlds; which the ancient Ophites…” zu sehen — darauf konnte nur ein entmasteter Ahab in seinem gepäppelten Wahn kommen.

Mit Verlaub und whalemännischer Broterwerb hin oder her, worüber wundern die sich? Eine Kreatur, die ihre ‘Vernunft’ im besten Falle aus diversen Begegnungen mit auf sie losgehenden Harpunenwerfern aufgesammelt hat, tobt und kämpft um ihr Leben, das die wilden Jäger ihr nehmen wollen. Wer täte das nicht und wo nähme wohl für ein derart vernunftbegabtes Tier das Böse seinen Anfang? Hat solch Szenario nicht auch was Paradoxes? — : Gerade denjenigen für die Schlechtigkeit der Welt verantwortlich zu machen, der so geworden ist, weil ihn diese Welt gnadenlos hetzt, auf Leben und Tod. Die Geister, die ich rief…

Beluga Whale WatchingWohlwollender und zugleich relativierender kommt uns da ein Exemplar der Zeitungsschreiberzunft und Melville-Zeitgenosse, der hier schon des öfteren umschlichene Mr. Jeremiah Reynolds, in seiner Seemanns(garn)geschichte über das Moby-Vorbild Mocha Dick daher. In der er es sich dankenswerterweise neben allem anderen zur Aufgabe macht, “to inform the reader who and what Mocha Dick was; and thus give him a posthumous introduction to one who was, in his day and generation, so emphatically among fish the “Stout Gentleman” of his latitudes.

Jeremiah Reynolds: Mocha Dick: Or The White Whale of the Pacific: A Leaf from a Manuscript Journal.
Knickerbocker Magazine, 1839. Deutsch im Rathjen-Moby-Dick:

Obwohl von Natur aus wild, war Dick wenig dazu geneigt, eine bösartige Veranlagung zu offenbaren, wenn er unbelästigt blieb. Ja im Gegenteil, manchmal pflegte er in aller Ruhe an einem Schiff voerbeizuschwimmen, und gelegentlich trieb er faul und harmlos zwischen den Booten dahin, die vollbemannt zur Vernichtung seiner Rasse ausgezogen waren. Diese Nachsicht brachte ihm jedoch keine Gunst ein, denn wenn kein anderer Anlass zur Beschuldigung übrigblieb, schworen seine Feinde, sie hätten in dem langen, unbekümmerten Schwung seiner Schwanzflosse eine lauernde Untat erblickt. Wie dem auch sein mag, nichts ist sicherer, als daß all diese Gleichgültigkeit mit dem ersten Stich der Harpune verschwand; während das Kappen der Fangleine und der hastige Rückzug aufs Schiff häufig die einzigen Mittel waren, sich vor der Vernichtung zu retten, die seinen geschlagenen Angreifern verblieb

wusste er von einem Nantucketer Waljäger, der Mocha Dick erlegt haben wollte — was ziemlich sicher allerdings erst 1859 durch einen schwedischen Walfänger geschah — siehe Verweis in der englischen Wiki auf Whipple, A. B. C. Whalers in the South Pacific. Doubleday, 1954: 72 und Bezug im Göske-Nachwort zu Moby-Dick. Daher der vorsichtige Einwand hinsichtlich des Seemannsgarns.

Und der dem Melvilleschen Sinnbild des “unbegreiflichen Lebens” angemessene und munter durch seine Romanseiten schwimmende Hiobswal verkörpert mitnichten das Böse in der Welt, sondern zuvörderst die Größe der Schöpfung des Überuns — behaupte ich jetzt mal, so als heidnische Bibelamateurin. Denn gebühren solche Worte etwa der Finsternis und dem Bösen?:

Kannst du seine Haut mit Spießen füllen, und seinen Kopf mit Fischharpunen? Lege deine Hand an ihn — gedenke des Kampfes, tue es nicht wieder!

Hiob 40,31—32.

In seinem Halse wohnt Stärke, und die Angst hüpft vor ihm her. Die Wampen seines Fleisches schließen an, sind ihm fest angegossen, unbeweglich. Sein Herz ist hart wie Stein, und hart wie ein unterer Mühlstein. Vor seinem Erheben fürchten sich Starke, vor Verzagtheit geraten sie außer sich. Trifft man ihn mit dem Schwerte, es hält nicht stand, noch Speer, noch Wurfspieß, noch Harpune. Das Eisen achtet er für Stroh, das Erz für faules Holz. Der Pfeil jagt ihn nicht in die Flucht, Schleudersteine verwandeln sich ihm in Stoppeln. Wie Stoppeln gilt ihm die Keule, und er verlacht das Sausen des Wurfspießes. Unter ihm sind scharfe Scherben; einen Dreschschlitten breitet er hin auf den Schlamm. Er macht die Tiefe sieden wie einen Topf, macht das Meer wie einen Salbenkessel. Hinter ihm leuchtet der Pfad, man könnte die Tiefe für graues Haar halten. Auf Erden ist keiner ihm gleich, ihm, der geschaffen ist ohne Furcht. Alles Hohe sieht er an; er ist König über alle wilden Tiere.

Hiob 41,14—26.

Soviel zur Ehrenrettung von Moby Dick und Ahabs Widerpart. Doch der Mann braucht einen Feind, dem er das Elend der Welt auf den Buckel laden kann, a man’s gotta do what a man’s gotta do — solang der da ist.

Sleeping WhaleriderBliebe noch der vielzitierte Aberglaube der harten Kerle. Man denkt ja gar nicht, was diese Legenden webende Mentalität aus solchen gestandenen Meistern ihres blutigen Handwerks macht — und aus ihrem Gegenstand, Moby Dick.

Allgegenwärtig soll er sein, unsterblich und wiederauferstehend, weiß wie ein Leichentuch und von tückischer Bosheit, die den Tod bringt. Wenn man das mal so in Worten zusammenreimt, könnte man glatt wieder mal unserm algegenwärtigen Meister Goethe Recht geben, der grad erst stolze 262 Lenze jung geworden ist. Der hat den Aberglauben die Poesie des Lebens genannt. Somit wären unsere Waljäger direktemang wahre Poeten desselbigen. Weniger glimpflich kommen sie beim alten Hume weg, der den Aberglauben und den menschlichen Verstand in die Tiefe studiert hat:

Die Hingabe eines Menschen an den Aberglauben wächst in dem Verhältnisse, in dem sein Leben vom Zufalle regieret wird; dies kann man besonders bei Spielern und bei Seeleuten beobachten, welche von allen Menschen am wenigsten zu ernsthaftem Nachdenken fähig sind, aber am stärksten vom Aberglauben und von unbegründeten Befürchtungen heimgesuchet werden.

David Hume: Natural History of Religion, 1757. Vgl. Göske-Nachwort, Seite 965.

Woher der kommt, wissen wir immerhin auch. Was dagegen als Allheilmittel hilft, will wieder der Hume wissen:

Ein wichtiger Gewinn, welcher aus der Philosophie kommt, besteht darin, dass sie das allein wirksame Gegengift gegen Aberglauben und falsche Religion liefert. Alle übrigen Heilmittel gegen diese verderbliche Krankheit sind vergeblich oder wenigstens unsicher. Schlichter gesunder Verstand und Weltkenntnis, welche für die meisten Vorfälle des Lebens ausreichen, erweisen sich hier als unwirksam…”

David Hume: Of Suicide, 1757.

Sei es wie es sei, versuchen wir es dennoch mal mit einem bisschen schlichtem gesunden Verstand, mit Welt- und Bücherkenntnis und dem berüchtigten menschlichem Entdeckerdrang.

Zur vornehmen walischen Blässe hörten wir 2007 schon mal und auch wie es zu der vermutlich kam: aus Gerüchten und Seemannsgarn um eine weiße Narbe auf Mocha Dicks Stirn, die am Ende den ganzen Wal weiß gerüchteten.

Die angedichtete Unsterblichkeit ist auch erklärbar — wo doch Hinz und Kunz mit und ohne Seemannsgarn den Wal vom Leben zum Tode befördert haben wollten — bis zum nächsten Crash mit dem weißen Buckel. Die “Arglist” hatten wir oben schon. Und die Allgegenwart hat sich endlich auch mit der durch menschliches Entdeckertum der Mythenwelt entrissenen Nordwestpassage in Wohlgefallen aufgelöst.

ArethusaWomit man immer noch nichts gegen die Mythologie gesagt haben will, vor allem angesichts einer so romantisch schönen Quelle derselbigen wie die der Arethusa, bei Melville als weiteres Beispiel für rätselhafte Strömungen angeführt. Die schöne Nymphe Arethusa wurde auf ihrer Flucht (denn sie war kein tollkühner Wal) vor dem liebestollen Flussgott Alpheios von ihrer Schutzgöttin Diana vom Peloponnes nach Sizilien versetzt und in eine Quelle verwandelt. Die Wasser des Alpheios, des alten Schwerenöters, aber suchen im Meer noch immer nach der Nymphe. Es gibt sogar Behauptungen, dass er sie gefunden habe, denn als man auf dem Peloponnes einen Weißen Wal… öh, Quatsch, eine Schale in den Fluss warf, soll sie in der Quelle wieder aufgetaucht sein.

Zum irren Walkapitän, der hier bewusst etwas kurz kam, verweise ich zuvörderst auf des Wolfes höchst erbauliche und erleuchtende Abhandlung von Kapitel 41, womit wir summa summarum einen erklecklichen Part der Ergründlichkeit desselbigen abhaken können. Obwohl — diesen Melville können wir nie “abhaken”, du findest immer wieder was. Auch dass, wie ich finde, der Ahab in seinem ganzen offenbaren Wahnsinn aus dem Zeug ist, aus dem einschlägig bekannte Rattenfänger und Verweser gemacht sind, die ihre Gemeinde mit Versprechungen des Blauen vom Himmel und Fanatismus einschwören und in den Untergang reißen.

Soundtrack des Wahnsinns heute: Blood and Thunder von den Mastodonten (die gabs hier auch schon mal blogwert), ziemlig metallic (und nochmal mit Text):

Bilder: Walbuckel;
Sleeping Whalerider;
Beluga Whale Watching;
Arethusa.

Written by Wolf

1. September 2011 at 12:01 am

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Madness maddened

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von Sonnenuntergang bis Mitternacht.

Whalemen-Schauspiele in vier Kapiteln

oder wa(h)lweise zwei Anläufen.

Elke hat Kapitel 37, 38, 39 und 40 gelesen:

Elke HegewaldSeit die Helden aus der dicken Schwarte in ihrem Gemunkel um ein weiterhin unsichtbares fettes weißes Walphantom zunehmend “auf Eisenschienen” zur Bühne streben und retardiertes Waljagen sich in düsteren bis dämmernden Selbstgesprächen Luft macht, sitzen wir dauernd in der ersten Reihe. Hey, wer, wenn nicht wir? (Auch wenn wir gelegentlich eine Weile brauchen, dort Platz zu nehmen. Oder auch ein paar wirre Anläufe.)

Erster Anlauf:

Als ich dreizehn war, fanden es meine Eltern an der Zeit und mich reif genug für Live-Kulturerlebnisse ohne böse Risiken und Nebenwirkungen. Das Bücher verschlingende Zopfmonster saß ihnen zuviel in stillen Ecken herum und verschlang unersättlich Bücher oder kramte auf dem Dachboden längst vergessene uralte Schwarten mit Wasser- und Schimmelflecken hervor, von denen es sich noch eine einschlägige Allergie holen würde. Und so verpassten sie ihm und sich ein Theateranrecht. Nicht, dass einem vor- oder nachher jemals ein besonderer Hang zu dergleichen Tun und Treiben an den Eltern aufgefallen wäre. Nicht mal Kino gehörte zu ihren Lebensgewohnheiten. Aber wer konnte schließlich das Gör unbegleitet halbe Nächte in die Bezirkshauptstadt zugfahren, geschweige denn es gen Mitternacht alleine ins traute Heim zurückgondeln lassen.

BühnenbildWie dem auch sei, so fiel ich in einen Topf mit einem wilden Gebräu der darstellenden Künste in durchwachsener Bekömmlichkeit. Der Geist von Hamlets Vater, dem Puntila sein Knecht, Goethens Götz mit der eisernen Hand, die Mutter Wolffen am Waschzuber samt Berliner Schnauze und angetrautem Schiffszimmermann, des Kleistens windiger Dorfrichter beim Geschirrzertöppern, der Ritter von der traurigen Gestalt, die untote Beinahe-Wilis Giselle und wie sie alle hießen und auch diverse seichte Tingelhelden krochen mir lebendig aus den Textbüchern und Libretti. Ich verdaute Chöre und Arien, Soli und Grand Pas de deux, große Monologe und turbulente Massenszenen.

Angetan hatten es mir ja auch damals schon die theatralischen Seeleut’, vom Fliegenden Holländer über Odysseus bis Enoch Arden, ob sie nun ihr dramatisches Seemannslos aus sich heraus und der Angebeteten ins Antlitz sangen oder es in sich hinein, in den Möwenschrei und die ewige See fabulierten. Der Ahab kam dazumal nicht vor, wieso auch, der war ja ein Romanheld. Und hey, machen wir uns mal nix vor: Jeder kennt Moby Dick, doch wer schon den mobydicken Wälzer vom alten Melville. Den hat doch schon anno dunnemals und zumal im Volltext kaum einer gelesen. Kaum einer, dem darüber aufgegangen wäre, wie bühnenreif magic Herman seinen durchgeknallten Käpt’n samt weiten Teilen der Mannschaft kapitellang aufgestellt hat und wieviel Schauspieler in dem schlummerte. Ist es dem Zopfmonster auch nicht. Dabei hat es ihn gelesen. (Tja, daran sieht man mal wieder, wozu ein zweiter Anlauf auch noch gut sein kann.) Womöglich lag das gar an der Prägung durch besagtes Anrecht auf ein Anrecht, dass es dachte, das muss so? Und auch heute zickt es deswegen noch längst nicht an Melvillen rum. Wo es inzwischen weiß, dass von dem sogar bücherlange Poeme um einen Pilger namens Clarel in ein Theater passen. Ehrenwort, ich war selber dabei.

Luca Senoner, Mind Thing, Feel the Freedom, 5. Juni 2009

Zweiter Anlauf:

Die schwere Tür klappt hinter mir ins Schloss, viel zu laut in der Stille des verschneiten Nachmittags. Wie lange bin ich nicht mehr hier gewesen. Ich husche die Treppe hoch und folge dem fernen Meeresrauschen. Die pseudobarocke Prunkloge im 1. Rang ist leer wie auch der Saal unter mir. Wie es sich in der sitzt, wollte ich schon immer mal wissen und keinen fragen müssen. Mucksmäuschenstill hocke ich mich auf den Platz ganz vorn rechts an der Balustrade…

BühnenbildUnten auf der Bühne: alles modern spartanisch. Vor einem angedeuteten (hoch gewölbten, gotischen) Kajütenfenster schaukelt eine Ölfunzel mit flackerndem Docht. In ihrem Lichtkegel nichts als ein roher Holztisch. Als Kontrast dazu echot aus den Kulissen lärmende Hektik. Füße tappen und poltern unsichtbar über die Bretter, die die Welt und heute Schiffsplanken bedeuten, aus einem Lautsprecher fiepen klagende Töne, die mir irgendwoher bekannt vorkommen. Ein Kerl mit Kapitänsmütze und einer qualmenden Tabakspfeife im Mundwinkel tritt in den Lichtschein, prüft bedächtig den Walölstand in der Funzel und beginnt vor sich hin brabbelnd um das Möbel zu hinken. Eine nervöse Stimme, offenbar die des Regisseurs, überschlägt sich: “Sogehtdasnicht sotaugtdasnix, bitteee mehrEinsatzKollegen und kannhiervielleichtmaljemandmitdenken? Verdammt, bin ich denn hier von lauter Irren umgeben?” Hihi… da spricht er wahr, denke ich und pruste los.

Ein kapitaler Fehler, wie sich herausstellt, denn nun haben sie mich entdeckt. Ein Typ mit Designerbrille schält sich von backstage aus dem düster grauen Vorhanggewirr, schaut zu mir hoch und blökt mir entgegen: “Was machen Siiie denn hier? Die. Probe. Ist. Nicht. Öffentlich!!!”

Ich rutsche von meinem samtgepolsterten Klapptrumm und suche schleunigst zu verschwinden. Aus dem Augenwinkel sehe ich noch, wie ein angestrengtes Grübeln den Blick hinter den geschliffenen Gläsern und zwei Falten die Stirn darüber kräuseln: “Heeeeee… du bist doch von der Truppe, die seit ewig und acht Tagen dem alten Melville um den Bart schreibt?!”

“Ööhm… j…aah?”, murmele ich und komme nicht mehr dazu, mir einen Reim darauf zu machen, woher der das weiß. Geschweige denn, wann wir zwei jemals zusammen Schweine gehütet haben. “Dann kennst du dich doch mit dem fetten Wal, dem Walejagen und der zusammengewürfelten Isolato-Crew hier aus. Mach, dass du hier runter kommst, aber pronto!”

Der scheint das ernst zu meinen. Ha, Regie führen bei Moby-Dick! Da träumst du von! Ich haste abwärts und die paar Stufen an der Rampe wieder hoch. Stolpere dabei beinahe über ein antikes Trichtergrammophon, das an der Kante zum Orchestergraben rumsteht. Und hastdunichtgesehen bin ich mitten in der Kulisse auf den schwanken Planken neben dem baumlangen Commander der Gauklerbande, dem ich grad mal bis zur Schulter reiche. Seine resignierte Handbewegung in Richtung Bühnenchaos deute ich als Einladung, mich in selbiges zu stürzen.

Links von mir hält sich hinter einem aufgespannten Fischernetz eine verwegen aussehende Schar in Ölzeugverkleidung bei den Schultern und übt ungelenke Tanzschritte. Das Fiepen der Walgesänge von vorhin ist immer noch da und kommt aus dem Grammophontrichter. Und unter der Funzel schmaucht und nuckelt der einbeinige Ahab-Verschnitt immer noch gemütlich an seiner Pipe. Na, denn mal Butter bei die Walfische:

Bühnenbild“Kann vielleicht grad mal jemand dem jammernden Grammophonium den Trichter stopfen! Kein Walfänger nicht tät mit dem Bauch voll Feuerwasser rum- oder whiskeyselig auf der Back tanzen, wenn irgendwo außenbords auch nur ein einziger Wal dazu singt oder bläst. Die wären schneller an den Riemen im Boot und ihren Harpunen, als der kleine Pip auch nur Piep sagen könnte.” Zum stillvergnügten Hinkebein: “Und du, Herr Kapitän: genug gequalmt und die Pfeife aus dem Maul! Der Ahab ist inzwischen Nichtraucher, weil allen Freuden des Lebens entrückt, und hat das Requisit schon vor exakt sieben Kapiteln über Bord gekickt. Außerdem sitzt du hier nicht lauschig mit Muttern vor deiner Fischerhütte und spinnst Seemannsgarn. Der Mann hat einen psychopathologischen Knacks, stellt sich auf eine Stufe mit Gott und spielt hier den großen Rächer. Also ein bissel mehr Dämonisches in den Blick, bittschön! Wer soll dir sonst den Irrsinn gewordenen Irrsinn abkaufen?”

Die Jungs auf der Back machen ihre Sache soweit ganz ordentlich, vor allem, seit der Grammophontrichter statt Walgesang irisches Fiedeln ausspuckt, Pips Tamburin scheppert und sie wieder selber Shanties grölen dürfen. Die Bande sortiert sich. Stubb mimt passabel das abwartende Publikum, das sich mit sonniger Gelassenheit das ganze Theater an Bord anschaut. Der wackere Starbuck hadert ohnmächtig mit seiner Schwäche, harrt des walischen Demogorgon und macht seiner Kapitelüberschrift alle Ehre:

“His heaven-insulting purpose, God may wedge aside. I would up heart, were it not like lead. But my whole clock’s run down; my heart the all-controlling weight, I have no key to lift again. […]

Oh, God! to sail with such a heathen crew that have small touch of human mothers in them! Whelped somewhere by the sharkish sea. The white whale is their demigorgon. Hark! the infernal orgies! that revelry is forward! mark the unfaltering silence aft! Methinks it pictures life. Foremost through the sparkling sea shoots on the gay, embattled, bantering bow, but only to drag dark Ahab after it.”

Moby-Dick, Chapter XXXVIII: Dusk.

Der maunzt nicht nur ins Dämmern, der ist die menschgewordene Dämmerung.

So wie der Rollenspieler-Captain – nun endlich doch, schau an, wie der Verzicht auf irdische Genüsse den Dämon wecken kann – inzwischen seinen Part raus hat. Er tut, what a man’s gotta do: schwafelt finster mit ebensolchem Blick, gibt überzeugend die unheilige Zweifaltigkeit von Prophet und Vollstrecker und reitet… ääh, segelt sich und seine Mannen auf den ehernen Gleisen seiner Seele in den (Sonnen)Untergang:

“I lack the low, enjoying power; damned, most subtly and most malignantly! damned in the midst of Paradise! Good night—good night! […] They think me mad—Starbuck does; but I’m demoniac, I am madness maddened! That wild madness that’s only calm to comprehend itself! The prophecy was that I should be dismembered; and—Aye! I lost this leg. I now prophesy that I will dismember my dismemberer. Now, then, be the prophet and the fulfiller one.”

Moby-Dick, Chapter XXXVII: Sunset.

***

Wind kommt auf. Die See wird unruhig. Wogen schlagen gegen die Bordwand, die Bühne beginnt zu schwanken und kleine Sturzseen gischten über die Reling. Ich ziehe die Schuhe aus, wate barfuß durch eine Salzwasserlache auf den Planken und denke, dass es Zeit ist, das verdammte Schiff zu verlassen. Die Matrosen tanzen immer noch ausgelassen. Der Seemann aus Belfast winkt mir zum Abschied zu und der Malteser und der Sizilianer passen mich am Bühnenausgang ab. Ob ich nicht noch ein wenig bleiben möchte:

Who but a fool would take his left hand by his right, and say to himself, how d’ye do? Partners! I must have partners!

Aye; girls and a green!—then I’ll hop with ye; yea, turn grasshopper!

Moby-Dick, Chapter XL: Midnight, Forecastle.

Sonst immer gerne, Jungs. Aber ich glaub, ich hab das alles nur geträumt.

Bühnenbilder: Mathias Wendel;
World of Elder Scrolls;
Kai-Uwe Fischer;
Luca Senoner: Mind Thing, i.e. Feel the Freedom, 5. Juni 2009.
Soundtrack: Kirsty MacColl: “Don’t Come the Cowboy With Me Sonny Jim!”, aus: Kite, 1989.

Written by Wolf

12. January 2011 at 12:01 am

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Er nennt’s Vernunft

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Elke hat Kapitel 36: Das Achterdeck gelesen:

Da du, o Herr, dich einmal wieder nahst
Und fragst, wie alles sich bei uns befinde,
Und du mich sonst gewöhnlich gerne sahst,
So siehst du mich auch unter dem Gesinde.
Verzeih, ich kann nicht hohe Worte machen,
Und wenn mich auch der ganze Kreis verhöhnt;
Mein Pathos brächte dich gewiß zum Lachen,
Hättst du dir nicht das Lachen abgewöhnt.
Von Sonn’ und Welten weiß ich nichts zu sagen,
Ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen.
Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,
Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.
Ein wenig besser würd er leben,
Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein,
Nur tierischer als jedes Tier zu sein.

Faust I. Prolog im Himmel. Mephistopheles.

Elke HegewaldSchauplatz Achterdeck.

Und was für einer in der Inszenierung der Jagd auf den weißen Wal! Mit Pathos und großem Auftritt und Monolog des entmasteten Helden und Rächers, für und wider dessen Heldenstatus weiter gestritten werden darf. Ein Aufzug mit grummelndem Konflikt und kursiv geklammerter Regieanweisung…

Das Achterdeck des Schiffes ist – ein Sternbild, in unseren Breiten nicht vollständig am südlichen Winterhimmel sichtbar. Bei den alten Griechen gehörte es noch – wie sich das für ein ordentliches Achterdeck (Puppis) auch gehört – zu einem ganzen Schiff im Sternenmeer, dem Argo Navis nämlich. In trauter Gemeinschaft mit dem heute der himmlischen Übersichtlichkeit halber sich ebenfalls eigenständig blähenden Segel (Vela) und dem am Grunde funkelnden Kiel (Carina) des Schiffes. Und der zum Navigieren des Himmelsseglers nötige Schiffskompass (Pyxis) ist ein paar läppische Lichtjahre neben der Bordwand in die Fluten der Milchstraße gefallen – na, wenn das mal gut geht!

Nun, der mythologische Ausgang der Mission des später am Firmament vertäuten Heldenklippers ist bekannt: Es ging gut, jedenfalls solange, bis Captain Jason später seine hilfreich angetraute Medea mit einer neuen Flamme und Zweckehe betrog, Orpheus stimmte einen Shanty nach dem andern an und die Mannschaft entriss dem tödlichen Drachen den Pelz des güldenen Widders. Wofür die von astraler Heroenarchitektur nur so strotzende Antike sich mit einem Platz am Himmel für Schiff und Schafbock nicht lumpen ließ.

Argo constellation on Jan Ridpath's Star TalesDoch Nantucketer Waljäger sind nicht die alten Griechen und keine Argonauten, Ahab ist nicht Jason und der weiße Wal erst recht nicht das Goldene Vlies, sondern für den Walbeinernen wohl eher der blutrünstige Drache. Wie auch, was einem hoffentlich nicht als fieser Spoiler ausgelegt wird, die Pequod in die entgegengesetzte Richtung der Argo segeln wird, nicht himmel-, sondern direktemang höllenwärts.

Die “heroische” Mission, über die der zugegeben nicht mehr ganz arglose Moses von Leser hier zusammen mit der arglosen Mannschaft ins Bild gesetzt wird, gemahnt ihn denn auch gleichsam an einen Pakt mit Satans Stellverteter persönlich. Der zieht alle Register der Versuchung und Argumentation. Nagelt den materiell aufgezogenen Fischerschädeln blankgeputztes Gold an den Mast. Kitzelt mit dröhnenden Engelszungen die Draufgänger an ihrer heldischen Verwegenheit, den berechtigten Zweifler und Warner Starbuck an der braven Handwerkerehre. Und wo die nicht reicht, rhetorikt er mit seiner manisch gepäppelten Entschlossenheit, “selbst die Sonne [zu] schlagen”, dessen (schon vor zehn Kapiteln ausgemachte) schwächelnde Seelenstärke in Grund und Boden und ihn selber ins Gefolge zurück. Diesem hämmert er wie ein Feldherr seinen Soldaten vor dem Kampf die vertrauten Schlachtrufe der ewigen Waljäger in den Isolatohirnen zurecht. Und lässt es auch an pathetischen Gesten vom Lanzenkreuzen bis zum Treueeid und an Feuerwasser im Harpunenschaft zum Besiegeln desselben nicht fehlen.

Ein Spektakel, das ungeachtet der versteckten Lacher aus der Mannschaft, der hilflos aufzuckenden Vernunft des Einen und des gelegentlichen Gedankens ‘Der hat sie nicht mehr alle!’ seine Wirkung nicht verfehlt. Er hat sie, alle! Hat das Zeug zum Volksverführer und Seelen(ver)käufer. Und er, Ahab, allein weiß, wozu er diesen Auftritt braucht: Ohne sie ist er nichts auf der nun anhebenden Hatz gegen Moby Dick, diese Mauer, hinter der nichts mehr ist. Doch er kann den uferlosen Hass gegen “dies unfassbare Ding”, der sein Ahab-Universum beherrscht, noch so großtönend als hehres Ziel verkaufen (“Wer steht denn über mir? Wahrheit kennt keine Grenzen.”), kann noch so sehr den Kolumbus spielen, der dem ersten Aussänger des Landes Wal die Belohnung verspricht. Oder den Helden, der das in seiner entmasteten Kapitänswelt ausgemachte Böse herausfordert, sei es nun Urheber oder Werkzeug.

Es bleibt der erschauernde Einwand der Vernunft:

“Rache an einem stummen Tier! […] das einfach dich aus blindem Trieb getroffen! Ein Wahnsinn! Zu wüten gegen ein stummes Ding, Kapitän, erscheint mir grad wie Gotteslästerung.”

Starbuck im Jendis, Seite 273.

Es bleibt… der Zweifel, was von einem Helden übrig bleibt, der keine Grenzen kennt. Der seine Fehde mit dem Leben, die Rettung seiner Welt und Ehre auf dem Rücken anderer austrägt. Anderer, die ihre eigenen Gründe haben, mit ihm auf einem Schiff zu fahren. Mit deren Leben er die seinen Dublone für Dublone bezahlen und sich verschulden wird. – Wovon aber die andern auch nichts mehr haben werden…

Was rumort da in ihm und kann nicht aufhören, was treibt ihn, diesen Ahab?

Der Nantucketer Nathaniel Philbrick, zwar Schreiber, doch als alter Segler (see)fest mit zwei gesunden Beinen auf schwankenden Achterdecks stehend, diagnostiziert es knallhart als Psychotrauma, die “quälende Erinnerung” geheißen. Und sein vorsorgliches Hinzuzitieren eines Philosophen (den wir uns hier schenken) lässt die darum nicht mystischer werden:

Captain Ahab by Old EtcherFür die meisten Unglücksopfer sind die wiederholten Rückblenden einer quälenden Erinnerung therapeutisch hilfreich, da sie die Leidenden nach und nach von Ängsten befreien, die andernfalls ihre Fähigkeit weiterzuleben beeinträchtigen könnten. Manche werden die Erinnerung allerdings nie los. Gestützt auf Chases Bericht, schuf Herman Melville mit seinem Kapitän Ahab einen Mann, der aus den seelischen Abgründen, in denen sich Chase in jenen… schlaflosen Nächten wand, nie auftauchte. Genau wie Chase glaubte, dass der Wal, der die Essex angegriffen hatte, mit “entschlossener, berechnender Bosheit” vorgegangen war, wurde Ahab von der Vorstellung verfolgt, der weiße Wal sei ein Wesen, bei dem sich “grenzenlose Kraft mit unerforschlicher Arglist” paarte. Eingesperrt in sein privates Horrorkabinett, war Ahab der festen Überzeugung, sein einziger Ausweg bestehe darin, Moby Dick zur Strecke zu bringen. “Wie kann der Gefangene nach draußen kommen, wenn nicht durch die Mauer? Für mich ist der weiße Wal diese Mauer, die dicht vor mir steht.”

Nathaniel Philbrick: Im Herzen der See, Karl Blessing Verlag München 2000, Seite 146.

Ein Franzose sucht es uns aus dem Moby-Dick der politischen Ökonomie des Kapitalismus, Marxens “Kapital”, herauszuoperieren, mit überraschenden und lesenswerten Erkenntnissen:

Captain Ahab by Jim Nichols UFO ArtJede Wette, dass er – abgesehen von der persönlichen Rechnung, die er mit der sublimen Käscherin, der riesigen fahlen Schneppe, der ewigen Aufreißerin der Weltmeere offen hat –, dass er also den großen Kuchen anpeilt, die legale Sprengung der Allgemeinen Seekreditbank, das Geschäft der Geschäfte, an das alle denken, seit der Kopf des Pottwals ausgeweidet wird: der ganze Reichtum, das ganze virtuelle Kapital, das das Untier im Kopf hat, der unendliche Reichtum, den eine Mutter Courage, Libuše, Zigeunerin, Gipsy von Prag in der Tasche trägt in Form eines nicht übertragbaren Talismans. […]

Ahab ist der Ungeist der List ökonomischer Vernunft, die bewirkt, dass das Vorankommen der Menschheit, ihr besseres Befinden, die Verlockung des Gewinns, die verfluchte Gier nach Gold durchmacht (auri sacra fames, wiederholt Marx kapitellang, wenn er nicht Shylock zitiert) […] ist ein Menschenführer, der die Seinen ins Verderben steuert unter dem Vorwand, er biete ihnen eine Möglichkeit zum Geldverdienen. Darin reicht seine Geschichte an die großen historischen Farcen heran: oder ähnelt dieser Hitchcock-Sequenz, in der ein toll gewordenes Karussell nicht mehr zum Stehen kommt. […] es gibt Dutzende Tote! Hier wird nur Ishmael übrigbleiben. Bis auf ihn gehen alle baden: Seeleute, Reeder, Bankiers, Versicherer.

Jean-Pierre Lefebvre: Die Arbeit des Wals. Red Moby &/or: Das Kapital, im Rathjen-Moby, Zweitausendeins. Frankfurt am Main 2004, Seite 835 f.
Erstdruck in: Schreibheft, Zeitschrift für Literatur 37, Essen 1991.

[Anmerkung: Der Rote Moby wird hier nochmal ausführlich und gehörig zu repetieren sein, der Lefebvre stellt um den kapitalen Wal und den schon mal so daherzitierten Profitjäger Ahab noch so viel anderes auf, das man selber bis zu ihm noch gar nicht gedacht hat. Und außerdem: wo wir doch Rotschopfwochen haben, oder?]

Hmm… ist er nun also eine arme, gequälte Kreatur, der finstere Ahab, ein gefährlicher Irrer, dämonischer Visionär und Verweser oder nur eine suchende verlorene Seele? Ein Mensch, der irrt, solang er strebt?
Und was hätte er denn nun endlich dem Drewermann auf der Couch erzählt, wenn der sich jemals steuerbord einer solchen therapeutisch betätigt haben täte?

Wir wissen es (noch) nicht.

Wenn wir eins wissen, dann, dass wir im Angesicht monumentaler Melvillescher Kapitel als mikroskopische Mensch- und Leserlein manchmal mit Bloggerverdrängungssymptomen reagieren – über Monate. Dass wir dann – manchmal – lieber mit den Augen am Himmel nach Argo Navis suchen. Und uns, wenn unser Walfischprinzip wieder halbwegs funktioniert und der Spuk vorbei ist, staunend und mit einem leisen Lächeln nach ihm umsehen…

Die Winde wehten wieder, die Segel blähten sich, das Schiff stampfte und schlingerte wie zuvor.

~~~|~~~~~~~|~~~

Ach, und fällt jemandem vielleicht noch ein passenderer Soundtrack ein als der hier?

Denn scheint dieser Ahab nicht irgendwie… nicht erwachsen genug (als wäre das ein Makel), nicht tragisch genug und seine Fantasie nicht düster genug – kurzum: Ist er nicht zuuu alternativ?

Aber eine lichte und hübsche Vorstellung ist’s schon: Ismael hockt auf dem Bugspriet, bläst melancholisch in seine Mundharmonika und summt vor sich hin:

And if I ever lose my legs,
I won’t moan, and I won’t beg,
Oh if I ever lose my legs, Oh if
I won’t have to walk no more.

Yeeeah-aye. Oder?

~~~|~~~~~~~|~~~

Ingoetzel, Alice in Austinland, 27. November 2009

Bilder: Jan Ridpath’s Star Tales; Old Etcher; Jim Nichols UFO Art
sowie als Tribut an die laufenden Rotschopfwochen und des Roten Lefebvres Filmschaffen:
Leah Ingoetzel mit dem Lenin: Alice in Austinland, 27. November 2009.
Soundtrack: Cat Stevens: Moonshadow aus: Teaser and the Firecat, 1971.

Written by Wolf

4. March 2010 at 12:01 am

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You hear of no domestic afflictions; bankrupt securities; fall of stocks

with one comment

Elke fasst snugly stowed in casks in Kapitel 35: Im Masttopp die Ewigkeit!

Elke HegewaldA mariner sat in the shrouds one night,
The wind was piping free;
Now bright, now dimmed, was the moonlight pale,
And the phospher gleamed in the wake of the whale,
As it floundered in the sea.

Elizabeth Oakes Smith, zitiert in den Extracts.

Mast von unten

Das Meer.

Es hat so viele Züge und Mentalitäten wie das Jahr Tage. Dem Seemann bringt es Glück oder Verderben. Uns zieht es in seinen Bann, gießt in uns Ruhe und Stille, Stürme und wilde Sehnsucht. Mal ist es sanft und friedlich, mal unmutig und launenhaft. Heute singt es und murmelt und rauscht, morgen brüllt es und gurgelt und tost.

Das Meer hat viele Dimensionen, zuvörderst die der vielleicht einzig fassbaren Ewigkeit. Doch wann hat einer, der noch nie Ausgucksteher im Masttopp war, jemals gefühlt und geahnt, dass sich zur unendlichen Weite bis hinter den Horizont und Tiefe bis zum unheimlichen Grund auch eine Dimension der Höhe gesellt, von wenigstens hundert Fuß? Nicht jedermanns Sache, wie wir seit der Phobie eines Schiffskameraden wissen. Doch hat sie, wie ich finde, durchaus ihren eigenen Reiz von Freiheit, die Vorstellung, aus dem Blickwinkel und mit dem Schrei der Sturmmöwe hoch über den Schiffsplanken und den Schaumkronen der wogenden Wogen zu schweben. Frei von den schnöden Ärgernissen und immerwährenden Pflichtkämpfen der anstrengenden Welt…:

… a sublime uneventfulness invests you; you hear no news; read no gazettes; extras with startling accounts of commonplaces never delude you into unnecessary excitements; you hear of no domestic afflictions; bankrupt securities; fall of stocks; are never troubled with the thought of what you shall have for dinner—for all your meals for three years and more are snugly stowed in casks, and your bill of fare is immutable.

Allerdings birgt der Gedanke, hoch oben auf der Bramstenge stundenlang nur auf zwei dünnen Zweiglein zu balancieren, auch für Süßwassermatrosen, die ihre Höhenangst halbwegs im Zaume halten können, schon was Ungemütliches und ein flaues Gefühl in der Magengegend. Tsss… aber Sturmvogel sein wollen! — Vielleicht würde ja vorgelagert ein Ferien-Crashkurs auf der Gorch Fock helfen?

Und auch hier müssen wir wieder erfahren, dass nie alles Gute beisammen ist. Es sei denn, man steht weniger darauf, ein Südseewaljäger zu sein, und singt seine Wale lieber auf ‘nem Grönlandfahrer aus. Der nämlich Anspruch auf ein kuscheliges Krähennest mit Ofenheizung und Hausbar hat… hmmm, oder so ähnlich. Lest’s doch selber, mit welchem Komfort Papa Melville grinsend die Erfindung des guten Käpt’n Sleet ausstattet, der beiläufig der leibhaftige Vater der von ihm kreuz und quer zitierten Waljägerlegende William Scoresby ist.

Was wir noch lernen: dass eben jene Krähennester — oder auch die Bramdwarssaling-Zweiglein der südlichen Walfänger — die eigentliche Heimat unserer wohlbekannten Isolatos sind. Und der blassen pantheistischen Aussteiger — einer Spezies, die der Herman samt den Emersonschen Transzendentalisten und ihrem großen Vorbild Goethe mit spitzer Spötterzunge gut zu pieken weiß. Okay, letztere nun nicht explizit vor Ort, dafür aber im Mardi und im Briefgeflüster mit seinem Intimus Hawthorne. Vermerkt auch das Göske-Jendis-Gespann in seinem gutbestückten Nachwort (Seite 961).

Gern hätt’ ich mich ja noch ein bissel über den heiligen Säulenbewohner Stylites auf seinem P(f)osten ausgelassen, der da oben wenigstens noch gleichzeitig allen Wettern trotzen und predigen konnte. — Im Gegensatz zu den stummen und von braven kunstfertigen Handwerkern in Bronze gegossenen Säulenheiligen in aller Welt, die inzwischen nach ihrem lebendigen Ruhm längst sorgsam das Maul halten über dem Elend zu ihren Füßen… an irgendwas hat mich das erinnert. Aber man will ja nicht schon wieder langweilig ausufern.

Alles in allem ist das 35. doch so recht ein Kapitel für Träumer und Romantiker, möchte man meinen, die sich von den Wellen einwiegen lassen und nichts als meerblaue Weite aussingen. Doch unser guter Melville ist ein Schelm, wie man weiß. Nicht nur, dass er an dessen Ende den fast vollends Entschwobenen unsanft in der harten Realität… öhm, auf den alles verschlingenden Wassern aufschlagen und in cartesianischen Strudeln untergehen lässt. Nein, ich heg ja den begründeten Verdacht, dass er wieder mal den heimlichen Dramatiker raushängen lässt, der in dem ganzen munteren Geplauder und philosophischen Herumchillen schlitzohrig vor sich hin retardiert, um dann den ahnungslosen Leser mit dem nächsten Höhepunkt zu überfallen. Jaja, ahnungslos… denn der wird doch nicht schon das nächste, das Achterdeck-Kapitel ausspioniert haben…?

Schiff von oben

Bilder: Grännäs Marina AB; Ian Burns: From the crow’s nest of the Nooderlicht, 9. Oktober 2009.

Musik von unten: Flëur: Русалочка (Russalotschka — Die kleine Seejungfrau). Offizielle Website!
Musik von oben: Great Big Sea: Mary-Mac.

Written by Wolf

2. July 2009 at 7:15 am

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Der arme Belsazar

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Elke hat Kapitel 34: An der Kajütstafel gelesen:

Die Welt hat nie eine gute Definition für das Wort Freiheit gefunden.

Abraham Lincoln

Elke HegewaldIch nehme mir mal – ganz undefiniert – die Freiheit, mich heuer bei Tische, respektive in unserem sinnbildlichen Meer nach dem unlängst besungenen Walfischprinzip zu betragen. Zumal das melvillesk ist, wie uns unser Käpt’n glaubhaft referiert hat. Und weil dem Anschein nach die Walgründe dieses Kapitels von meinen Waljägerkollegen schon weitgehend abgefischt sind.

Zum Glück scheint ja jeder von uns sein ganz eigenes Walfischprinzip zu haben. Oder, um (joah, sind wir Melvilleasten oder sind wir Melvilleasten?) mal ein anderes Bild zu bemühen: Jegliches, das wir lesen, schicken wir durch das ganz private Prisma in uns drin. So dass das helle Licht unserer Gedanken, das hinter dem eingesogenen Plankton aufscheint, darin im höchstpersönlichen (Blick-)Winkel, am eigenen Wissen, Erinnern und Vergleichen gebrochen und reflektiert wird. Kopfkino im besten Sinne – und das ist gut so, bei aller Vorgabe.

Ich such also mal halbwegs zu sortieren, was mir beim Nachfischen noch so ins Netz gegangen und wohin meine abseitigen Lesestrahlen gefallen sind.

Ritter der Tafelrunde

Es fängt an wie stinknormaler Schiffsalltag an Deck und ist wohl auch einer. This means seinen Verrichtungen nachgehen, ‘ne ordentliche Positionsbestimmung vornehmen, sich bekochen und bedienen lassen, Essen fassen, je nach Rangordnung mit dem armen Teigkopp seine derben Späße treiben oder auch nicht. Und schon erhebt sich die erste Frage: ob denn auf einem Walfänger wie der Pequod die Anstellung eines Stewards eine Personalunion mit dem gängigen Smutje darstellt, der die für ein Walfangschiff immerhin wohl recht fürstlichen Fütterungen gemeinhin auch noch selber ausheckt, statt sie lediglich zu kredenzen. Wissen wir doch spätestens seit der Herrschaft des Londonschen Seewolfs oder so, dass die Typen in der Kombüse in aller Regel Sonderlinge sind und allerorten schon gern mal die Suppe auslöffeln müssen, die den wilden Kerlen nicht schnell oder wohlschmeckend genug auf den Tisch kömmt. Was sich wiederum, so oder so, häufig auf ihren Charakter auswirkt.

In der Begünstigung des Attentats auf die Sonne durch Herrn Jendis vermute ich eher einen Übersetzungslapsus denn einen Vorgriff auf Ahabs trutzige Ansage. – Oder benennen das die Insider gar mit diesem Translator-Terminus? Gehört hab ich es so jedenfalls noch nie und gäbe hier auch der Rathjen-Version den Vorzug.

Was die beiden in den Tischsitten verfremdet angelegten Gesellschaftsentwürfe des feudalen Sultanats und der frantic democracy angeht, die Jürgen ja bereits sehr eingängig abgehandelt hat, so ist das ja alles gut und schön, aber irgendwas stimmt an denen trotzdem nicht, da hat er Recht, der Jürgen.

Das augenscheinliche Offiziersritual, einander der Rangfolge nach an die Tafel zu rufen, das bewusst zelebriert und ganz praktikabel erscheint, motiviert ja durch die Anwesenheit ihres finsteren Kapitäns vielleicht noch das ehrfürchtige bis unterwürfige Schweigen der nachrangigen Chargen von gestandenen Seebären am Tische. Zu dem Melville beiläufig sogar einflicht, dass der Alte Tischgespräche keineswegs untersagt habe (Jendis, Seite 252). Doch erklärt es irgendwie in keiner Weise die übermäßig sklavische Befindlichkeit des kleinen Flask – von der muss wohl irgendwas aus ihm selber kommen. Und solches, nachdem er noch an Deck seinen Gang zur Tafel geradezu clownesk vorbereitet hat. Präventives Kompensationsverhalten oder was?

Als sei das nicht dicke genug, avanciert er aus lauter Angst, unbotmäßig zu sein (die ihm offenbar auch kein Schwein abverlangt – außer er selber), gar zum vor sich hin hungernden butterless man. Tsss… da lässt uns unser hausheiliger Schreiber so einiges zum Walfischen offen, mein lieber Schwan! Sollte dieses gar an den Anweisungen der noch höheren Obrigkeit liegen, der der gute Flask gleichfalls blind ergeben ist? Ich musste dabei nämlich wieder an die bigotte und zu (Lach-)Tränen rührende Abschiedsrede des alten Bildad in Kapitel 22 denken, wo der so inständig an die moralischen Tugenden und die Sparsamkeit der Männer – auch in Butterfragen – appellierte.

Jajah… und unsere herzerfrischenden frantic Demokraten und edlen Wilden mitsamt ihrer ganzen urwüchsigen Lebensfreude und der Anlage, selbiges auch noch in vollen Zügen genießen zu können, ohne dass hemmende Schranken ihnen was anhaben können? Die fastbeinah schon dem Jedem-nach-seinen-Bedürfnissen-Dingens frönen? Was malträtieren die ihren dienstbar schlotternden Oberkellner so arg? So hätt das ja nich mal der Kommunismus wollen gewollt, glaub ich. Aber hey, es ist Melville, der muss uns das Leben nicht auch noch erklären. Oder wie sagte es Jürgen so schön?

Überhaupt hab ich – ihr wisst ja, wie gern ich spinn – mich während dieses ganzen großen Fressens und vorsichtigen Bissenzählens gefragt, ob es nicht mit dieser Kapitänstafel noch eine andere Bewandtnis hat. Schließlich fängt man doch gleich an, im Kopf Bilder umzublättern mit diversen anderen Tafelungen und bacchantischen Gelagen, die schon seit biblischen Zeiten gern hergezeigt werden – wenn nicht noch viiiel länger. Ihr nicht? Siehstewoll, ich sag doch, ich spinne. Und ‘ne Antwort hab ich auch nicht.

Doch wenn einem bei der Fressorgie der Harpuniere nicht umgehend, nun, kein kannibalisches Festmahl am Südseestrand, doch eine ausgelassen fressende, bechernde und rülpsende Ritterbande des Mittelalters vor Augen steht, dann weiß ich auch nicht. Über deren berühmteste des König Artus, der ja die runde Tafel erfunden haben soll (aus Gründen, die der Ahabschen Ritterrunde wohl zuwidergelaufen wären), heißt es, dass an ihr gespeist, beraten und sich vergnügt wurde. Sie hat vom alten Geoffrey Chaucer über Sir Thomas Malory, Shakespeare, Heine etc. bis Monty Python Generationen von Schreiberlingen inspiriert – warum nicht auch Melville?

Die Runde mit den Jüngern zum letzten Abendmahl mag man vielleicht nicht unbedingt hierher zitieren. Und ob es die heuer allseits beliebten Kapitänsdinner auf Kreuzfahrtschiffen in großer Abendgarderobe und müt lüppenspützendem Büssenzählen damals schon gab, weiß kein Walfänger nich.

Rembrandt van Rijn, Belsazar

Doch wo der Wolf sich schon in so dankenswerter Weise um die Einführung neuer Gestalten verdient gemacht hat, wartet da noch eine mitsamt ihrer schwelgenden Tafelrunde, die bei Melville zur Beschreibung von deren Erhabenheit oder Hoffart herhalten darf. Der erwähnte Belsazar nämlich. Genau genommen gab es derer sogar zwei und er meinte sie beide: der erste, seines Zeichens König von Babylon so um Fünfhundert und paar Zerquetschte vor Christus, muss demnach die Erhabenheit des Tafelvorsitzes zelebriert haben, ist aber langweilig. Der andere war ein Sohn des biblischen Nebukadnezar und das Beispiel für die Hoffart. Denn er entweihte bei einem wilden Festmahl die Gefäße Jehovas, die sein sauberer Vadda aus dem Tempel in Jerusalem geklaut hatte, und ließ sich aus ihnen vollaufen. Woraufhin umgehend eine unheilvolle Flammenschrift an der Wand erschien, die im Suff… öh, Quatsch, weil eine überirdische Unheilverkündung, kein Mensch außer dem Propheten Daniel zu lesen vermochte – das Menetekel.

… Belsazar ward aber in selbiger Nacht
von seinen Knechten umgebracht.

schrieb später Heinrich Heine in seiner Ballade zum Ereignis. Nun, fallllls Herman uns hiermit auch eine – sehr vage – Vorahnung bedeuten wollte, eins ist sicher: Ahabs Ritter und Knappen dürfen ihre Hände in Unschuld waschen – wir wissen ja schon, wer’s war.

Bilder: King Artus: Die Tafelrunde;
Rembrandt Harmenszoon van Rijn: Das Gastmahl des Belsazar, 1635.
Film: Knights of the Round Table, aus: Monty Python and the Holy Grail, 1975.

Written by Wolf

26. January 2009 at 12:10 am

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Nemo contra Moby nisi Ahab ipse

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Elke hat Kapitel 33: Der Specksijnder gelesen:

Oh, Ahab! what shall be grand in thee,
it must needs be plucked at from the skies,
and dived for in the deep,
and featured in the unbodied air!

Kapitel 33, vgl. Jendis, Seite 249.

Elke HegewaldWer wundert sich hier denn noch über die sattsame Verschleppungspraxis eines Melville? Die doch nur den schwindeln machen sollte, der ausschließlich ein knapp und knackig bespanntes Walgerippe von Action-Opus erwartete. Und nicht “drei Bücher in einem […]: eine robuste Abenteuergeschichte, eine naturhistorische und mythologische Abhandlung über den Wal (aus der Perspektive seiner Jäger) und eine moralphilosophische Reflexion über die Natur des Menschen – in Melvilles Sicht ein gefährliches Wesen, beherrscht von unberechenbaren tiefen Leidenschaften, an denen alle optimistischen Utopien zunichte werden müssen”, wie Herr Dieter E. Zimmer es in seinem Beitrag zum Moby-Dick-Übersetzungsstreit (veröffentlicht in “Die Zeit” vom 15.11.2001 und im Schreibheft Nr. 57) so blumig formuliert hat. Der im ersten Teil auch noch ausnehmend gut zu unseren akuten “dämonischen” Faseleien passt.

Demnach oszillieren wir im aktuellen Kapitel wohl gerade zwischen Buch zwei und drei, stehen also voll im Stoff, nicht wahr, meine Herrn? Wobei ich nicht direkt finden kann, dass unser guter Melville bei dieser Konstellation übermäßige Rücksicht auf den Leser nimmt. Aber wollen wir das denn?

AhabWenn ich dann auch mal den hier ausreichend gewürdigten Specksjinder… Specksnyder… Speckschn… na, ihr wisst schon, diesen hochkarätigen Waloffizier, von dem der alte Ahab garantiert besser als wir wusste, was er an ihm, erst recht in Mehrfachausführung, hat, mehr oder weniger längsseits liegen lassen dürfte? Die von Jürgen an dieser Stelle angemerkten Melvilleschen Satzmonster mit erschöpfender Auskunft sind mir, glaub ich, zum ersten Mal so richtig um Weihnachten (Chapter 22) und beim schaumgewordenen Bulkington bewusst geworden.

Ich versuche ja auch immer, für mich herauszuzotteln, was unser hochverehrter Autor nun gerade mit diesem Kapitel bezwecket, das den Wal wieder mal noch friedlich und weit in der Ferne blasen lässt. Denn in der oben zitierten büchernden Dreifaltigkeit hat natürlich ein jedes von ihnen seinen tiefen Sinn – denk ich mal.

Und natürlich geht es auch hier um Ahab und sogar die ehrenwerten Harpuniere halten letztlich dazu her, den Schleier um sein finsteres Wesen wieder ein bisschen zu lupfen. Und mir kommt es so vor, als ließe bei dero ganzer Loyalität gegenüber seinen besten Männern (so sie denn bedingungslos gehorchen) doch zum ersten Mal im bisherigen Verlauf – und im halbwegs vagen Ausblick, versteht sich – die langmütige Unterschwellensympathie seitens Mr. Melville für seine Ahabsche Heldenschöpfung ein Stückchen nach. Wenn man das mal so sagen darf.

Der Wolf hat so ein schönes eingängiges Bild gebraucht: das Nah- und Fern-Zoomen dieser Kapitänsgestalt vom Individuum zum verallgemeinert passierenden Phänomen. Und aus dem schwermütigen Vorgesetzten auf einem schwankenden Schiff im großen Ozean, der die seefahrerischen Gepflogenheiten einhält, wird ein (maskierter) Diktator in seinem Reich uneingeschränkter Macht, und ein besessener mit dämonischer Ausstrahlung dazu.

Zar Nikolaus I.Der Goethe-Bezug ist recht offensichtlich und wahrscheinlich, und von “jene[m] kleine[n] Bröckchen Latein, das da lautet: “Nemo contra Deum nisi Deus ipse”, das Melville selbst späterhin im Pierre wörtlich so zitiert, bis zum Vergleich mit dem eisernen und bis ins Mark despotischen Zaren Nikolaus: “Unterwerft euch, ihr Völker, denn Gott ist mit uns” — ist es dann nur noch ein Schritt. Dessen ach so berühmtes “Manifest an die europäischen Völker”, das er anlässlich der ’48er Revolution offenbar eigenmächtig im Namen der von ihm höchstselbst wiederbelebten Heiligen Allianz verkündete, war leider nicht aufzufinden, so dass ich euch auf eine Sekundärquelle (mit Anmarkerungen) verweisen muss.

Übrigens treten Melvilles dämonisch transzendetalistische Anklänge hier nicht zum ersten Mal herfür. Erinnert ihr euch zet Be an den Text und den Shakespearischen Anmerkungskram zu Kapitel 26 um die (mangelnde) Seelenstärke des armen tapferen Knappen Starbuck im Dunstkreis seines Ritters:

… brave as he might be, it was that sort of bravery, chiefly visible in some intrepid men, which, while generally abiding firm in the conflict with seas, or winds, or whales, or any of the ordinary irrational horrors of the world, yet cannot withstand those more terrific, because more spiritual terrors, which sometimes menace you from the concentrating brow of an enraged and mighty man.

Kapitel 26, vgl. Jendis/Göske, Seite 201 f., 951.

So, und zu guter Letzt verrat ich euch noch, wie ich auf den im aktuellen Kapitel frisch anwachsenden Negativ-Touch durch Mr. Melville kömm, was seinen dämoischen Käpt’n angeht. Denn dazu musste mir einfach Kapitel 16 einfallen, wo ich in der Besprechung der herzwarmen Brandrede des alten Peleg auf den guten Menschen Ahab doch selber schon die zwei Seelen herbeiverglichen hab, die der Goethe seinem Faustus eingepflanzt. Es gibt davor eine Stelle, in der Ismael über die Waljäger-Quäker von Nantucket philosophastert und explizit da eigentlich nur den Ahab meinen kann. Und die sowohl die siebzehn Kapitel weiter herbeizitierte “Dichtung und Wahrheit” wie auch die Melvilleschen Anlehnungen geradezu erschauernd und verfinstert wiederfindet:

So that there are instances among them of men, who, named with Scripture names–a singularly common fashion on the island–and in childhood naturally imbibing the stately dramatic thee and thou of the Quaker idiom; still, from the audacious, daring, and boundless adventure of their subsequent lives, strangely blend with these unoutgrown peculiarities, a thousand bold dashes of character, not unworthy a Scandinavian sea-king, or a poetical Pagan Roman. And when these things unite in a man of greatly superior natural force, with a globular brain and a ponderous heart; who has also by the stillness and seclusion of many long night-watches in the remotest waters, and beneath constellations never seen here at the north, been led to think untraditionally and independently; receiving all nature’s sweet or savage impressions fresh from her own virgin voluntary and confiding breast, and thereby chiefly, but with some help from accidental advantages, to learn a bold and nervous lofty language–that man makes one in a whole nation’s census–a mighty pageant creature, formed for noble tragedies. Nor will it at all detract from him, dramatically regarded, if either by birth or other circumstances, he have what seems a half wilful overruling morbidness at the bottom of his nature. For all men tragically great are made so through a certain morbidness. Be sure of this, O young ambition, all mortal greatness is but disease.“

Kapitel 16, vgl. Jendis, Seite 139 f.

Und nun sage noch einer, dass da nicht Abkühlung zum 33. Kapitel hin als Gänsehaut den Rücken runterläuft. Oder? War ja auch Zeit, schon aus Rücksicht auf den Leser, nä.

Bilder: Captain Ahab: Be Awesome, 26. Februar 2008;
Zar Nikolaus I.: WDR;
Lied: AC/DC: Highway to Hell, aus: Highway to Hell, 1979.

Written by Wolf

11. November 2008 at 4:22 am

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Leben und Sein in absteigender Größe

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Elke hat Kapitel 32: Cetologie gelesen:

Already we are boldly launched upon the deep; but soon
we shall be lost in its unshored, harborless immensities.

Chapter XXXII, beginning.

Elke HegewaldOh je, wie in diesem Kapitel den Anfang (oder das Ende?) des roten Fadens zu fassen kriegen? Ach was, ich halt mich einfach mal an die Zeitreisen in die Frühkindlichkeit, die hier grad so im Schwange sind.

Und segele in der Zopfliesenzeit los. Von Walen wusste ich damals noch nicht viel, kannte aus dem artenreichen Gewimmel eigentlich nur zwei Exemplare, deren Gegensätzlichkeit ein kleines Mädchen mehr verstörte als man denkt: das eine ein prall aufgeblasenes und verschmitzt grinsendes Spielzeugvieh, das andere riesengroß, tot und als präparierte Volksattraktion auf dem Marktplatz der heimatlichen Kleinstadt tief im Binnenland aufgebahrt – ein ebenso traumatisches wie tränenschwimmendes Erlebnis. Der Moby und die Melvillesche Cetologie kamen später. Zwar anders gelesen als heut, aber auch letztere durchaus mit glühenden Wangen, was nicht verwundert, wenn einer weiß, dass man auch noch in den Wirren der Pubertät mit seinem Opa die Begeisterung für Sielmann– und Grzimek-Serien teilte.

Wassersäugetiere, Ravensburger VerlagDas alles ist lange her und damals war nicht zu ahnen, dass ich heute mit ein paar ausgewachsenen Kerlen, nerdig verrückten Moby-Jägern, durch diese Bibliothek voller Wale im Folio-, Oktav- und Duodezformat schwimmen und in den Wellen der Allegoritäten eines Mr. Melville schlingern sollte. Was nebenbei gesagt immer noch und immer wieder einen Höllenspaß macht.

Hossa, als wäre man nicht gerade in eine mittelschwere Euphorie geraten, wo, retardiert bis an den Rand des Erträglichen, endlich der weiße Wal und damit der Plan dem finsteren Maule Ahabs entfleuchte. Nein, da lässt dieser Melville auch noch gleich ganze Schwärme von Cetacea in allen Größen auf einen los. Aber wie Steuermann Jürgen schon sehr treffend zu bemerken geruhte: Man will ja nicht meckern; schließlich sind wir lange genug und voller Spannung auf sie zugesegelt, die großangelegte Systematik und Klassifizierung der Leviathane. Die heftigst aus dem geradlinigen Handlungsfluss mäandert und den Rahmen jedes gängigen Romans nebst dessen literarischen Regeln sprengt.

Und jetzt? Wo wir bei ihr angekommen sind? – da ist es auf einmal gar keine. Keine richtige jedenfalls.

Oder doch? Nun, wenn man bedenkt, dass die ganze Walkunde bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts eine, wie Herr Göske nachwörtelnd palavert, “höchst spekulative ‘Wissenschaft’” war (Seite 954), hat unser guter Moby-Vadder mit seiner Cetologie durchaus einen bemerkenswerten Vorlauf vorzuweisen. Denn erst die Antarktis-Expedition der Discovery mit dem Auftrag, „so weit wie möglich die Natur, den Zustand und die Ausdehnung des Gebietes der südpolaren Lande festzustellen, das in den Bereich Ihrer Expedition fällt“, und der Anweisung, dass „keines dieser Ziele dem anderen geopfert werden darf“ (Ann Savour: The Voyages of the Discovery, via Wiki), steuerte auch walisch Erhellendes bei.

Doch wie seriös und wissenschaftlich im zoologischen Sinne will wohl etwas sein, das dieses Walgewimmel zuvörderst gleich mal als drei Buchformate in absteigender Größe sortiert? Wenn da nicht einer dahintersteckt, der lieber Schreiberling und Künstler und metaphernder Philosoph ist, der durch Bibliotheken schwimmt, denn ein auf hoher See praktizierender Waljäger, dann weiß ich auch nicht. Obwohl er ja die Walfängerei wenigstens in seiner Jugend auch betrieben hat und somit ein Reservoir einschlägiger Erfahrungen glaubhaft zelebrieren darf. Doch nicht umsonst legt er Wert darauf, ausdrücklich zu betonen: “I am the architect, not the builder” (Jendis, Seite 229). Und erwirbt damit den Spielraum zu künstlerischer Freiheit und verschmitzt spottender Mutwilligkeit.

Pottwal BrehmDenn was tut er denn fortwährend? Nicht weniger, als dass er mit populär- bis pseudowissenschaftlichen Schnurren und stellenweise geradezu verspielt wie ein Lausbub wider Logik und besseres Wissen argumentiert und so die Ernsthaftigkeit seiner hochwissenschaftlichen Einteilung oft umgehend wieder aufhebt und in Frage stellt. Was sollen wir sonst von seiner augenzwinkernden “Definition” der Wale – “Ein Wal ist ein blasender Fisch mit einem waagerechten Schwanz” – halten, die die sorgfältige Linnésche Charakterisierung mit einer Handbewegung und der Volksmeinung der Walkumpel aus Nantucket (Jendis, Seite 230) vom Tisch fegt? Oder von der Krönung des Pottwals zum König und ohne Zweifel majestätischsten und größten Bewohner des Globus (Jendis, Seite 232) – wo er doch weiß, dass der Grönlandwal dem darin nicht nachsteht, und auch den Blauwal (der bei ihm als vager Geselle und Schwefelbauch unter den Folios geführt wird) kennt? Oder gar der spitzbübischen These vom Nutzen eines narwalenen Horns als Falzbein fürs Zeitschriftenlesen?

Die Absolution für derartige Willkür und Verspottung wissenschaftlicher Systeme (und philosophischer gleich mit) erteilt er sich selbst:

I promise nothing complete; because any human thing supposed to be complete, must for that very reason infallibly be faulty. I shall not pretend to a minute anatomical description of the various species, or–in this place at least–to much of any description. My object here is simply to project the draught of a systematization of cetology.

(Vgl. Jendis, Seite 229)

Da ist er wieder, der Architekt, nicht der präzise zimmernde Handwerker: Alles fließt, alles Entwurf. So einer darf sich Selbstreflexion rausnehmen und seiner Fantasie freien Lauf lassen… mit vorgeblich festgezurrten Fakten spielen. Und sie zum eigenen Zwecke gar umwerfen.

Denn hinter alledem ist – wie wir es von Herrn Melville längst sattsam kennen – durchaus die Ernsthaftigkeit seines eigentlichen Anliegens zu erahnen und zu deuten. Und ich meine, dass da unser hochverehrter Gastautor Sascha Recht hat: Es geht am Ende um nicht mehr und nicht weniger als um Erkenntnis, um Erwerb von Wissen, dessen Wertung, Relativität und immerwährende Unvollkommenheit. Und wohl auch darum, welche Rolle menschliche Erfahrungen und Prägungen dabei spielen, welche die eigene Sicht und Handhabung der Dinge – ein weites Feld für Philosophastereien. Und ein beständig zu bestellender Acker für die schöpferischen Geister dieser Welt.

Und es wäre nicht Melville, wenn er nicht stilsicher genau da, genau bei dem Fazit der Unvollendung landete, das seinen “Whale of a Book”, sein “Book of a Whale” ausmacht – oder?:

For small erections may be finished by their first architects; grand ones, true ones, ever leave the copestone to posterity. God keep me from ever completing anything. This whole book is but a draught–nay, but the draught of a draught.

* * *

Hmm… auch wenn das jetzt nach einem runden Ende klingt, waren es wohl nur ein paar rausgepickte Rosinchen aus dem Wal-Pott – oder doch eher tote Fliegen? Ihr wisst ja, dieses verflixte Ende vom roten Faden. Außerdem haben die Jungs sowieso schon fast alles selber brillant referiert. Aber zwei tote Fliegen… öh, Fragen hab ich dann doch noch ceta-zehig einzuwerfen.

Die erste fliegt zum Wolfe und den Walrossen der Jendis respektive Rathjen: Ist nicht das Jendis’sche amphibisch “leben” korrekter als das amphibisch “sein” vom Rathjen? – wo doch wie der Wal kein Fisch das Walross selber auch keine Amphibie, sondern definitiv ein (see)hundeartiges Raub(säuge)getier ist?

Die zweite ist womöglich eine der Unvollkommenheit – von wem auch immer: Wer ist – und warum – eigentlich auf die Idee gekommen, dass der Ich-Erzähler in der Cetologie Ismael sein soll? Weil er das bis jetzt immer war? Weil er mit seinen “Händen Wale berührt” hat? Weil der Melville gefälligst in seinem eigenen Roman nix verloren hat? – Tsss, der Ismael hat als Frischling noch keinem Wal nicht ins lebendige Auge geschaut, geschweige denn einen angegrabbelt. Aber der Göske faselt nachwörtlich immerzu von Ismael. Hä? Und erfuhren wir jemals zwischen erstem und einunddreißigstem Kapitel davon, dass dieses blasse Hilfsschulmeisterlein von Ismael seine Jungfernfahrt auf dem Walfänger verbüchern wollte, und sei es als Entwurf zu einem Entwurf?

Nie war der Moby-Papa gegenwärtiger. Yeah, er hat sich selber mit entworfen, wenn ihr mich fragt. Aber wer fragt mich schon?

So, und wer meinen Sermon bis hierher ohne Schaden an Leib und Seele überlebt hat, der kriegt zur Belohnung noch den unbekannten Moby Dick Whaling Song aufs Ohr: ein Amateur, inspiriert vom Huston-Filmklassiker, etwas dilettantisch aber hoffnungsvoll, wenn ihr mich fragt. Aber das hatten wir ja gerade…

Bilder: Wassersäugetiere-Quiz: Ravensburger Verlag;
Pottwal: Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Zweiter Band, Erste Abtheilung: Säugethiere, Dritter Band: Hufthiere, Seesäugethiere, Zweite umgearbeitete und vermehrte Auflage, Kolorirte Ausgabe, Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1883, Seite 7: gemeinfrei.

Captainseits empfohlener Link: der zum Verband deutscher Antiquare e.V.

Written by Wolf

11. October 2008 at 12:01 am

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