Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Von der Weiße zur Schwärze – der Weg der verlorenen Seele

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Wenn die Besatzung der P.E.Q.U.O.D. allein — will sagen: zu dritt — nicht mehr ausreicht, muss dem Schiffsbauch ein Fedallah entsteigen: Archegonus geht aus dem neblichten Alles-und-Nichts des ozeanhaften Internets in Vorlage und bespricht uns als erster Kapitel 42: Die Weiße des Wals: unserer Aufforderung, um nicht zu sagen: unserem Hilfeschrei vom 1. Februar 2012 folgend, freiwillig und mit aller wünschbaren Grandezza wie ein umsichtiger, beherzter und blitzgescheiter Seemann.

Dafür hat er wie versprochen — und wie jeder, der Finger hat zu schreiben — ein Buch aus meinem Bestand gut.

Danke, Archegonus. Ich hab immer gewusst, dass Moby-Dick™ die besten Leser hat.

And thus by the gate of blackness thou must come in,
To light of Paradise in whiteness if you wilt win.

George Ripley: The Compound of Alchymy, 1470 f., ed. 1591.

Da aber erhob sich in unserm Pfade eine verhüllte menschliche Gestalt, sehr viel größer an Glied=Maßen, als sonst ein unter Menschen je Hausendes. Und die Tönung der Haut der Gestalt, war von der völligen Weißnis des Schnees.

E. A. Poe: Umständlicher Bericht des Arthur Gordon Pym von Nantucket, 1838,
zitiert nach Arno Schmidt, dtv weltliteratur Nr. 2123, 1984.

Rockwell Kent, Whale Beneath the SeaFragend, unter Andeutungen, gleitet Ishmael in eine Flut aus Bildern und Symbolen und zieht uns ohne Nachsicht mit: Göttliche Elemente, königliche Insignien und kaum zu fassende Merkmale eines unbestimmbaren Grauens sind Ein- und Ausdrücke der Farbe Weiß. Vom Stein und Gestein aus dem Inneren der Erde, bis in den Sternenhimmel, die Milchstraße spannt er einen Bogen, der uns den Weg weisen soll, doch sogleich wieder zerfällt: „In Angelegenheiten gleich dieser spricht Gespür auf Gespür an, und ohne Einbildungskraft mag vermag kein Mensch einem anderen in diese Hallen nachzufolgen.“ (Dieses und die folgenden Zitate aus der deutschen Fassung von Friedhelm Rathjen, Zweitausendeins, 3. Auflage 2006.)

Ishmael sucht das unergründliche Weiß zu ergründen und treibt hinaus auf die offene See: Wellengang und Erkenntnis – in gleichzeitigem Erleben lässt er uns schwanken und hoffen: Kein greifbarer Gedanke hat länger Bestand als der Seegang, der uns hebt und senkt: Dem Symbol des Höchsten stellt er sogleich das tiefste Grauen zur Seite, stärker als es uns überfiele, träfen wir auf „jene Röte, die uns am Blute entsetzt“. Weiß und Rot symbolisieren den Schrecken an der Grenze der menschlichen Wahrnehmung, des Seins, die Ishmael benennt als den „Instinkt vom Dämonismus in der Welt.“

Wagen wir es, ein Beiboot auszusetzen und uns kurz den südlichsten Meeren zuzuwenden: Vor Melvilles Ishmael stieß der von Edgar Allan Poe begonnene und von Jules Verne tragisch geendete Arthur Gordon Pym auf das Phänomen «der die Seele erschütternde[n] Weiße», als er sich der Offenbarung und dem Geheimnis des Südpols nähert: Er beschreibt den Zustand des Meeres auf unergründlicher Fahrt in bildlich gleicher Weise, beide, Pym und Ishmael, erkennen nur ahnungsloses Erschrecken, in den „milchigen Tiefen des Ozeans“ (Pym) und den „gedämpften Brechern der milchigen See“ (Ishmael). In Arthur Gordon Pyms Beschreibung erregt größten Schrecken bei Eingeborenen einer weit im Südmeer liegenden Insel ein Tier, das er beschreibt mit einem „glatten, seidigen Haarkleid, von vollkommener Weiße“, dessen Zähne und Krallen von strahlendem Scharlachrot waren. Gegen Ende seiner Reise stößt er selbst auf eine riesige verhüllte weiße Gestalt – einem Eindruck, dem keine weiteren Worte mehr folgen.

Ishmael und auch Pym sind voller Erschrecken & Entsetzen: Das für den Menschen nicht mehr bewusst wahrnehmbare, durch seine unfassbare Polarität zwischen Allem und Nichts beschriebene «überpolare» Weiß ist es, was vor unseren Augen das Grauen aufsteigen lässt.

Original ilustration from George Rouxe to novel J. Verne The Sphinx of the Ice FieldsDoch sollen wir uns „blind starren“ an der Weiße des Wals? Ahab, ja er, sieht und unterscheidet – zwischen gut und böse, ergreift Partei für seine Sache und beschwört die Kräfte des Teufels. Doch wo ist des Weißen Wals Partei oder Unterscheidung? Ishmael weiß es selbst nicht, auch will er uns in diesem Kapitel nicht von unserer Verwunderung befreien, uns unsere Urangst und instinktive Scheu nicht nehmen, denn dieses „bleiweiße Kapitel über die Weiße ist nichts anderes als eine weiße Flagge, herausgehängt von einer feigherzigen Seele.“

Scheu & Angst lassen uns nicht wagen, zu erkennen: Im Kapitel XLIII dürfen wir nur ahnen, dass es um uns, unter dem so festen Boden, auf dem wir so sicher stehen, immer noch etwas gibt, von dem wir nichts wissen, was sich unseren Augen nicht zeigt.

Ahab hat durch seine Annäherung an den Wal dessen Weiße nicht nur durchschaut, sondern sein Äußeres gewaltsam durchdrungen und die Erkenntnis mit eigener schwerer Verwundung bezahlt: Im Inneren des Weißen Wals fließt schwarzes Blut. Damit wird Weiß zu etwas, was aus einem schwarzen Inneren geboren wurde. Um die Bedeutung dieses Weiß zu verstehen, müssen wir den Blick richten auf die Schwärze – und mit Ahab hinabsteigen in seine Kajüte, in die große nachmitternächtliche Finsternis im Kapitel XLIV.

Bilder: Rockwell Kent: Whale Beneath the Sea
via then be called ten times a donkey, and a mule, and an ass, and begone, or i’ll clear the world of thee!, the art of memory, 20. Februar 2008;
George Roux: Die Expedition erreicht die Eissphinx, 1897.
Sarah McLachlan: The Beatles: Blackbird aus dem Weißen Album, 1968/2008.

Written by Wolf

20. April 2012 at 12:01 am

Posted in Steuer

3 Responses

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  1. Auch heute noch ist uns das Weiß Zeichen und Wunder:

    Ein Orca, so weiß wie ein Eisberg, benannt Iceberg

    “In vielerlei Hinsicht ist Iceberg ein Symbol für alles Unverfälschte, Wilde und Außergewöhnliche, was da draußen im Ozean noch darauf wartet, entdeckt zu werden”

    http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2012-04/sichtung-weisser-orca

    Archegonus

    28. April 2012 at 6:02 pm

  2. Sehr praktisch, das gleich hier so passend zu kommentieren. Sonst müsste man ja glatt einen eigenen Artikel draus machen .ò) Und die Titanic linst auch um die Ecke.

    Wolf

    29. April 2012 at 1:21 pm

  3. […] nicht mehr mitanzusehen war, was wir hier nicht treiben — und schreibt uns — nicht zum ersten Mal — unaufgefordert über ein Thema, das mich schon lange interessiert und das ich jetzt glatt […]


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