Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for the ‘Krähe Elke’ Category

Zwei Windjammer für eine Wasserleiche

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oder: Seefahrt ist not!

Elke feiert den und die Gorch Fock vermittelst eines Updates zu ihrem Kapitel 35: You hear of no domestic afflictions; bankrupt securities; fall of stocks:

Elke Hegewald“Denn nehm ik den Jungen mit no See, Mudder, dat weest du jo, dor is all genog ober snackt worden” […] “Un ik segg di soveel, Klaus Mees, du kriegst den Jungen ne mit no See! … Is genog, wat ik em soveel oppe Ilw loten mütt: no See schall he noch ne!” […] »Geef di, Gesa… De Jung kummt düssen Sommer mit no See, dat is so gewiß as de Heben. He schall bitieds seefast warrn!”

Aus: Gorch Fock. Seefahrt ist not!

Eigentlich sollte die Geschichte ja mit einer Quizfrage anfangen:

Wie alt ist Gorch Fock?
a) 77 Jahre
b) 52 Jahre oder
c) 130 Jahre?

Doch umgehend geriet ich ins Grübeln: zum einen, ob man nicht eine ausgewachsene Meuterei anzettelte, auf dem Achterdeck des allgewaltigen Käpt’ns eigenmächtig Ratespiele auszusingen [Ach, woher denn. Die Preise müssen eh weg .ò) Der gewaltige Käpt’n]. Zum anderen, ob das überhaupt so eine glückliche Idee wäre. Schließlich sind neben dem Kerl im Ausguck auch zwei Damen beteiligt, und dass die nicht so gern auf ihr Alter angesprochen werden, weiß man ja. — Na gut, nur für die Passagiere auf dem Sonnendeck, die nicht weiterlesen wollen: richtig gewesen wäre c). Und a). Und b).

Für alle Leicht- und Vollmatrosen unter uns Hobby- und Mobyschiffern nochmal alles auf Anfang.

Gorch FockFast jeder lütte Jong im Norden träumt davon, zur See zu fahren. Erst recht, wenn er auf Hamburgs damals noch Elbinsel Finkenwerder mitten zwischen Fischern und Netzen und Kuttern zur Welt gekommen ist. Das Meer ist Abenteuer und Sturm und Wind und das Gegenteil von hinterm Ofen hocken. So wollte auch lütt Johann zur See, mehr als alles andere. Und die Zeichen standen gut: Er sprach ein lupenreines Inselplatt, kannte die gängigen Shanties und jeden verdammten Schullengrieper in der Gegend, handwerkliches wie familiäres Umfeld stimmten und als ältester Spross des Hochseefischers Kinau würde er sicher dereinst das Ruder von dessen Ewer übernehmen. Doch das Schicksal in Gestalt des Fischervadders wollte es anders. Selbiger befand nach kurzem Ausprobieren seinen Johann für seeuntüchtig und zu schwächlich und musterte ihn ab, kaum dass der auf dem Kahn angeheuert hatte.

So kam es, dass aus dem Jong kein Seewolf, sondern ein Bürohengst wurde. Was tut so einer mit seinen Träumen? Er gab sich einen Namen, der klang, als hätte er ihn vom vordersten Mast eines Seglers statt aus der buckligen Verwandtschaft gezerrt, und schrieb sich die Sehnsucht aus dem Leib.

Bald kannte jeder zeitgenössische lütte Hein und Kutteldaddeldu da oben Gorch Focks Gedichte und Geschichten über die See und das Fischerleben auf Hochdeutsch oder in munterem Platt oder beidem in eins und vorbei waren die Zeiten vom schmächtigen Johann. Erst in lokalen Blättern, schnell und erfolgreich bald mit eigenständigen Werken auf dem Markt, verströmte er, was die Leute lesen wollten. Das alles verpackt in eine kräftige Dosis Pathos, Nationalismus und Überschwangspatriotismus, die den heute Nachgewachsenen sicher weniger bekömmlich vorkommen. Aber womöglich erklären, warum späterhin nicht nur von einer auf tausend Jahre hochgetakelten Reichskriegsflotte, sondern auch einer anschließenden Friedensmarine Johanns Künstlername gleich zwei Windjammern auf den Bauch gepinselt ward, in deren Wanten mittlerweile Generationen von Seekadetten Zucht und Schliff und Segelhandwerk lernten.

Sein Bestsellerroman “Seefahrt ist not!” (beiläufig mit einem norddeutschen Father Mapple als Einstieg) brachte es dann gar zur norddeutschen Schulpflichtlektüre. In der statt des vergessenen Bürohengstes zudem ein raffiniert verfockter Schimmelreiter galoppiert, bisweilen sogar irgendwie rückwärts.

Das allerdings fand erst runde achtzig Jahre später sein Hamburger Stadt- und Landsmann Robert Wohlleben heraus. Was einen wiederum auch nicht sonderlich zu wundern braucht, wo man von dem ja schon ähnlich gefärbtes Entdeckertum inmitten Arno Schmidts “Caliban über Setebos” kennt. Wohlleben (dessen selbstverlegerte Abhandlung über den “Schimmelreiter von Finkenwerder” vielleicht hier mal einen extra Beitrag wert ist) sortiert den Johann nicht nur – aus Gründen – in eine Reihe mit uns’ allgelesenem Karl Mayen:

Literatur-Ikone wie Karl May ist auch Gorch Fock […]. An die Vielmillionen-Auflagen Karl Mays kommt sein eines Erfolgsbuch SEEFAHRT IST NOT! nicht ran, dazu ist es wohl zu wasserkantig. Aber mit etwa einer Million dürfte die Gesamtauflage nicht gar so falsch geschätzt sein. Inklusive der leicht gekürzten Schulausgabe aus der Nazizeit…

sondern verwahrt sich auch gegen dessen schnellschlichte und -schlüssige Einsortierung in deren braunes Gedankengut:

“Und nein: Ich lehne es strikt ab, Gorch Fock auf solcherlei Vereinnahmungen hin als »Vordenker nationalsozialistischer Ideologie« verstehen zu wollen. Soll ich denn die Faschisten in ihrem literarischen Urteil ernstnehmen?! So was passiert aber! Recht kürzlich erst durch KD im Nachschlageband zum Hamburger Liederbuch AN DE ECK STEIHT ’N JUNG MIT’N TÜDELBAND (Hamburg, Dölling und Galitz 1993). Wie auch immer bei Gorch Fock die deutsche Flagge weht und in den Briefen aus den Vernichtungsschlachten des ersten Weltkriegs bald etwas wie Chauvinismus aufgischtet … es fehlt der Kern todkalten Hasses. So führt die Gorch-Fock-Lektüre nicht zum Anblick dieser Gorgo Medusa, wie sie uns durch Faschismus bekannt sein sollte, sondern allenfalls zum Jammerbild der blind sich an Moden und »Zeitströmungen« ankuppelnden Ich-Schwäche. (Ach…!)

Zitate aus: Robert Wohlleben. Der Deichgraf blieb im Skagerrak, fulgura frango.

***

Gorch Fock setzt Segel, marine.deDer Vollständigkeit und der rhetorischen Quizfrage halber und natürlich, um unsere Windjammersammlung im Moby-Blog aufzubrezeln: Die Namenscousinen des nordischen Seestückschreibers, beide bei Blohm & Voss in Hamburg gebaut, haben ein ähnlich bewegtes Schicksal wie seine Helden vorzuweisen.

Die erste, 1933 getaufte, ging unter, zusammen mit einem tausendjährigen Reich, wenn auch – wie dieses – nicht ganz freiwillig. Sie wurde im Strelasund versenkt, um nicht in Feindeshand zu fallen.

Doch Totgesagte leben ja sprüchwörtlich länger. Die “Gorch Fock” I wurde mit Kosten und Mühen gehoben, um dann als Kriegsreparation an die Russen zu gehen. Aus ‘Gorch Fock’ wurde ein “Towarischtsch” (dt.: Genosse oder Kamerad), der als Segelschulschiff der Sowjet- und später der ukrainischen Marine jahrzehntelang alle sieben Meere kreuzte, bevor er 2003 nach Deutschland zurückgekauft wurde. Heute liegt die immer noch stolze Dreimastbark wieder unter ihrem alten Namen in Stralsund an der Ostsee vor Anker, Wiederflottmachung noch nicht ausgeschlossen. Bis dahin verdient die alte Dame die Mittel dafür oder ihr Gnadenbrot als Museum und Standesamt.

Warum das von der Bundesmarine 1958 bei Blohm & Voss in Auftrag gegebene und weitgehend baugleich gebaute neue Segelschulschiff wieder Gorch Fock heißt, blieb für mich im Dunkeln und vielleicht will man auch gar nicht so genau um seekriegspatriotische Traditionen wissen. Der Stapellauf war am 23. August 1958, einen Tag nach Johann Gorchs 78. Geburtstag. Die Bark ist über alles 89,32 Meter lang, 12 Meter breit und hat einen Tiefgang von 5,35 Metern. Ihr höchster Mast misst fast 45 Meter; sie verfügt über 10 Rah-, 6 Stag- und 4 Vorsegel, 2 Besane und ein Besantoppsegel. Und ihr Anblick unter vollen Segeln lässt nicht nur alte Seebärenherzen erbeben. Ein bisschen kurios ist die Geschichte ihrer Galionsfigur, ein stilisierter Albatros, und zwar schon der sechste. Vier gingen auf See verloren, was eigentlich seemännischen Aberglauben in blanke Panik stürzen müsste. Eine wurde 1969 wegen der Schwere des Holzes gegen eine polyesterne ausgetauscht und kam ins Museum. Eine weitere zerbrach bei der Schiffsüberholung 2001. Die aktuelle Galionsfigur ist aus Kohlefaser und wir wollen ihr ein langes Leben und feste Verbundenheit mit dem Bug ihres Seglers wünschen.

***

Was es mit dem ganz weit oben erwähnten Kerl im Ausguck auf sich hat? Na, von dem schnack ich doch die ganze Zeit! — Lütt Johanns Traum von der Seefahrt erfüllte sich nämlich am Ende doch noch. Allerdings war er von kurzer Dauer: der in den Weltkrieg Nr. 1 eingezogene Soldat Johann Kienau, dessen Versetzungsgesuch zur Marine entsprochen wurde, weil er Gorch Fock war, ging als Ausguck auf dem vorderen Mast des Kreuzers “Wiesbaden” bei seinem ersten Einsatz für Kaiser, Gott und Vaterland im Skagerrak unter. Die See spülte ihn Wochen später an einer schwedischen Insel an Land. Auf einer ebensolchen, Stensholmen, ruht er heute noch. Unter einem schlichten Grabstein, auf dem steht: Seefahrt ist not!

Vor ein paar Tagen wäre er 130 geworden.

Gorch Fock vor den Azoren, marine.de

Bilder: Gorch Fock: Sämtliche Werke, Verlag M. Glogau Jun., 1916; Marine.

Written by Wolf

18. September 2010 at 12:01 am

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Lili’uokalani — die Blume von Hawaii

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oder: Melville und die Königinnen der Südsee

Die Blume vom Plattenbau Elke macht einen Exkurs durch die Geschichte — als Würdigung zum 171. Geburtstag der Blume von Hawaii am 2. September:

When the inhabitants of some sequestered island first descry the “big canoe” […] rolling through the blue waters towards their shores, they rush down to the beach in crowds, and with open arms stand ready to embrace the strangers. Fatal embrace! They fold to their bosoms the
vipers whose sting is destined to poison all their joys…

Herman Melville in: Typee, Chapter IV

Elke HegewaldEigentlich sind sie sich gar nicht ähnlich, die schöne Gattin Mowannas, des Königs von Nuku Hiwa aus Herman Melvilles Roman, und Lili’uokalani, die letzte Regentin von Hawaii: die Erste – ein Naturkind, eine ‘Wilde’, wie Melville sie nennt. Ungezähmt trotz gegenteiliger Anstrengungen der hereingebrochenen Vertreter der Zivilisation und im reichen Schmuck ihrer kunstvollen Tataus schert sie sich den Teufel um mühsam andressierte Etikette. Die Zweite, hochgebildet und nach amerikanischen Standards christlich erzogen, mit dem Sohn eines Bostoner Schiffskapitäns verheiratet — eine weitsichtige Monarchin und in politisch-diplomatischen Gepflogenheiten durchaus bewandert. Und sie hätte nie, nie im Leben den Rocksaum gelüpft, um einer vollzählig angetretenen Schiffsmannschaft eine filigrane Tätowierung auf ihrer Rückseite vorzuweisen — sofern sie überhaupt eine hatte.

Tausende Meilen sind die Inselparadiese der beiden voneinander entfernt. Die Ferne ist näher gerückt in den anderthalbtausend Jahren, seit ein polynesischer Königssohn mit seiner Flotte von Auslegerkanus aufbrach, den Sternen und den Vogelschwärmen folgte und unter Segeln bis Hawaii kam, es zu besiedeln. Der stammte von den Marquesas. Wahrscheinlich besteht auch keinerlei Verwandtschaft zwischen den zwei Königinnen — auch wenn heut keiner mehr weiß, ob nicht der junge Häuptling von damals der Ururur…ahn der einen und auch der anderen war.

Liliuokalani of HawaiiJames Cook landete an marquesischen Gestaden. Auf Hawaii erst später, 1780. Vielleicht hätte er das lieber lassen oder sich dort besser betragen sollen, denn das zweite davon hat er nicht überlebt.

Als die zivilisierte Welt die Inseln entdeckte, schleppte sie unbekannte Krankheiten und allerlei neues Volk auf den Strand von Nuku Hiwa: Missionare und Walfänger, Pest und Cholera, Abenteurer und den Tripper. Auf den Strand von Hawaii — auch. Landräuber und Militärstrategen sprachen dort französisch, hier englisch.

König Mowanna und seine hübsche Königin arrangierten sich — arglos, naiv und unwissend. Ihr Paradies wurde annektiert: auf Französisch, kurz vor dem Erscheinen von Melvilles Typee Mitte des 19. Jahrhunderts. Die kluge Hawaiianerin wollte ein unabhängiges Paradies und Bildung für seine Kinder — kämpfend, mit politischer Diplomatie, ohnmächtig. Es wurde annektiert: auf Amerikanisch, kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert.

Des Typee-Autors marquesische Wildblume sprang einem Image als Popanz buchstäblich mit nacktem Hintern ins Gesicht — und schockierte einen Konteradmiral und eine Schiffsladung Matrosen. Die Blume von Hawaii wehrte sich königlich gegen das Popanz-Bild – und wurde von einem Bananen-Baron und seiner Truppe eingeschiffter Militärs gestürzt.

Die Marquesas sind bis heute französische Kolonie, deren Mutterland sich im Recht sieht für die Segnungen der Zivilisation, die es über sie gebracht hat. Hawaii ist seit dem 21. August 1959 der 50. Bundesstaat der USA, die sich 1993 mit der Apology Resolution bei den Hawaiianern für den Putsch von 1893 gegen deren Monarchie entschuldigten.

Die einstige Herrscherin über die Bucht und die Berge von Nuku Hiwa lebte ein Buch, das ein Amerikaner über sie, über einen Inselstamm in der Südsee und sie selbst, seine Fayaway schrieb. Die entthronte Herrscherin über die Eilande des Aloha State schrieb außer dem berühmten Aloha Oe noch ungefähr hundert andere Lieder — und ein Buch über Lili’uokalani und ihr Hawaii, 1898.

Wie ich schon sagte, sie haben eigentlich nichts miteinander gemein, die beiden Königinnen der Südsee, nicht wahr?

Queen Liliuokalani

Bilder: Liliuokalani of Hawaii: Wikimedia Commons;
Liliuokalani, Queen of Hawaii, full-length portrait, seated, outdoors, with dog, facing slightly left: The Library of Congress.
Leider nur sehr lückenhaft und schon gar nicht bildlich überliefert: Fayaway.

Written by Wolf

10. September 2009 at 12:01 am

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Nennt mich Arion

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Elke gratuliert Gospodin Puschkin nachträglich zum 210. in Gestalt eines Updates
zu Die Welt spricht Moby (und Moby spricht russisch)
und Und siehe! Zart wie Mondstrahlgluten, weiß wie der Schnee auf Bergesgrat:

Elke HegewaldAls Nachkomme eines äthiopischen Beuteprinzen in dritter Generation, welcher als des Großen Peters Mohr in die Geschichte einging, setzte er offenbar höchste Priorität in die Frage der Ehre. Diese wurde ihm am Ende zum Verhängnis, denn er starb jung, mit nur 37 Jahren, in einem Duell mit dem französischen Gospodin und Offizier Georges-Charles de Heeckeren d’Anthès – was ein Jammer für die Poesie der Russen und die ganze Weltliteratur ist.

Alexander Sergejewitsch Puschkin machte die russische Muttersprache, vor allem die des Volkes, gegenüber der “Sprache des Feindes” hof- und literaturfähig. Wurde doch bis zu Napoleons Einmarsch in Moskau 1812 in der russischen Oberschicht nur französisch gesprochen. Er war Goethes Zeitgenosse und seinen Namen, seinen Eugen Onegin oder sein Märchen vom Zaren Saltan kennen sogar Leute, die mit der russischen Literatur kaum was am Hut haben.

Seine Russalka-Variationen sind als Beitrag zur Mermaid-Szene auf Moby-Dick™ hier seinerzeit schon verewigt worden. Und auch sonst macht er sich gar nicht so schlecht unter uns Waljägern. Denn als Sankt Petersburger Küstensohn und – von dort verbannt – zeitweiliger Schwarzmeerreisender war er mit allen maritimen Wassern gewaschen und neben allem andern auch ein großer Poet des Meeres.

Ilja Repin, Iwan Aiwasowski, Puschkins Abschied vom Meer, 1877

Arion

Wir waren viele auf dem Kahn;
Die einen hingen in den Wanten,
Es stemmten unter Deck die andern
Die Ruder. Unser Steuermann
Stand weise schweigend auf der Brücke
Und steuerte das Frachtschiff still;
Und ich – von Glauben tief erfüllt –
Sang sorglos Lieder … Als voll Tücke
Uns eine Sturmbö überfiel …
Steuermann und Schiffer kamen um! –
Nur mich, den Sänger, hat’s im Sturm
Geheimnisvoll zurück zum Strand verschlagen, …
Ich sing die alten Lieder weiter
Und trockne meine nassen Kleider
Im Sonnenlicht, wo Felsen ragen.

(1827)

Wenn mal Zeit ist, raffe ich mich auch noch irgendwann zu einer Übersetzung resp. Nachdichtung seiner romantisch flammenden Ode „An das Meer“ (К море) von 1824 auf.

Er ist einer von denen, die für immer jung bleiben. Auch wenn er gerade am 6. Juni 210 geworden ist. С Днём рожденя, Александр Пушкин.

Bei seinen Erben (ja, auch die Sparte der neuzeitlichen Gitarrenlyrik darf sich getrost zu denen zählen) klingen Schiffsuntergänge so:

Auch dazu notieren wir uns den guten Vorsatz einer gelegentlich nachzuliefernden Übersetzung.

Bild: Ilja Repin (Puschkinfigur) und Iwan Aiwasowski (Landschaftshintergrund):
Прощание А.С. Пушкина с морем (Puschkins Abschied vom Meer), 1877.

Written by Wolf

9. June 2009 at 12:01 am

Posted in Krähe Elke

An Gorta Mór

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Elke macht preußische und irische Kulturgeschichte:

Elke Hegewald„Wat der Bauer nich kennt, det frissta nich“, musste schon der Alte Fritz vor über zweieinhalb Jahrhunderten zur Kenntnis nehmen. Denn seine preußischen Bäuerlein wollten um nichts in der Welt die Kartoffel, dieses seltsame Gewächs aus der Neuen Welt, auf ihren Äckern anbauen. So beschloss er kraft seiner Wassersuppe ohne Kartoffeln und kraft kaiserlicher Befugnis, seine Untertanen zu ihrem Glück zu zwingen. Zumal selbige sich ungefragt und stetig vermehrten und zudem immer wieder Hungersnöte durchs Land marodierten, denen es etwas entgegenzusetzen galt.

Am 24. März 1756, fast auf den Tag genau vor 253 Jahren, ordnete also Friedrich II. per Kartoffelbefehl an, dass auf den brandenburgischen Feldern das knollige Saatgut aus- und zur Ernte zu bringen sei:

Wo nur ein leerer Platz zu finden ist, soll die Kartoffel angebaut werden, da diese Frucht nicht allein sehr nützlich zu gebrauchen, sondern auch dergestalt ergiebig ist, daß die darauf verwendete Mühe sehr gut belohnt wird. (…) Übrigens müßt ihr es beym bloßen Bekanntwerden der Instruction nicht bewenden, sondern durch die Land-Dragoner und andere Creißbediente Anfang May revidieren lassen, ob auch Fleiß bey der Anpflantzung gebraucht worden, wie Ihr denn auch selbst bey Euren Bereysungen untersuchen müsset, ob man sich deren Anpflantzung angelegen seyn lasse.

Friedrich II.: Circular Ordre. 24. März 1756

Immerhin dauerte es auch danach noch etliche Verordnungen und an die dreißig Jahre, bis der nahrhafte, wohlschmeckende Erdapfel sich in deutschen Landen durchgesetzt hatte. Mjamm, und was wären wir heut ohne ihn.

Robert Warthmüller, Der König überall, 1886

In Irland geschah Umgekehrtes. Die Kartoffel, von der dort heute im Gegensatz zu anderen Gegenden keiner mehr so recht weiß, wie sie da hingekommen ist (die Legenden reichen bis zu Plünderungen der Vorräte aus gestrandeten Wracks der besiegten spanischen Armada), hatte die Bevölkerungsexplosion zur Folge statt zur Ursache. Sie war schon am Ende des 17. Jahrhunderts zum billigen und fruchtbaren Sattmacher auf der Grünen Insel geworden, wo die kleinen Pächter unter den Abgaben an Getreide und Tierprodukten für die britischen Landlords stöhnten.

Die existenzielle Abhängigkeit vom Knollenanbau war durch die herrschenden Zustände quasi selbst gemacht. Und führte auf dem durch die britischen Zollschutzmaßnahmen zur Agrarregion degradierten Eiland zusammen mit der Wirtschaftspolitik der englischen Herrscher 1845–1849 in eine nationale Tragödie: Die aus Nordamerika eingeschleppte Kartoffelfäule (blight) vernichtete mehrere Jahre hintereinander die Ernte und verursachte die Große Hungersnot (The Great Famine), von den Iren in ihrem Gälisch An Gorta Mór oder auch An Drochshaol genannt. Unter diesem Namen ist das Drama in die Geschichte und tief in das Gedächtnis des Volkes eingegangen.

Die Folgen waren katastrophal. Die kleinen Pächter, welche weiterhin die geforderte volle Pacht an Exportgütern den Engländern in den Rachen werfen mussten, konnten selbige nicht mehr aufbringen. Sie wurden zu Tausenden mit Gewalt von Haus und Hof vertrieben. Die berüchtigten Brecheisenbrigaden unter Polizeischutz rissen – wie beim Ballinglass Incident — ihre Häuser nieder, den Nachbarn wurde verboten, sie zu beherbergen. Sie irrten im Land umher, strömten in die Städte und krepierten am Wegesrand an Hunger und Seuchen. Und die so notwendige Hilfe für das zugrunde gehende Volk der Iren zerfaserte zu einem erheblichen Teil in politischen Grabenkämpfen auf der Mutterinsel. Auf- und Widerstand gegen das Elend und die Abhängigkeit von den Briten formierten sich, wurden jedoch leicht niedergeschlagen. Nicht ohne eine Saat zu hinterlassen, aus der dereinst ganz anderes als Kartoffeln wachsen sollte.

Den Hungernden blieben zwei Möglichkeiten: sterben oder auswandern. Für viele wurde die Kleinkriminalität zu einem Ausweg, der Deportation nach Australien hieß. Vielleicht sind sie unterwegs einem Nantucketer Walfänger begegnet. Andere vielleicht nicht, die versuchten, mit Kind und Kegel ihr Glück in Kanada und den USA zu finden. And Thousands were sailing — gen Westen.

Henry Doyle, Emigrants Leave Ireland, 1868The island it is silent now
But the ghosts still haunt the waves
And the torch lights up a famished man
Who fortune could not save

Did you work upon the railroad
Did you rid the streets of crime
Were your dollars from the white house
Were they from the five and dime

Did the old songs taunt or cheer you
And did they still make you cry
Did you count the months and years
Or did your teardrops quickly dry

Ah, no, says he, ’twas not to be
On a coffin ship I came here
And I never even got so far
That they could change my name

Thousands are sailing
Across the western ocean
To a land of opportunity
That some of them will never see
Fortune prevailing
Across the western ocean
Their bellies full
Their spirits free
They’ll break the chains of poverty
And they’ll dance

In Manhattan’s desert twilight
In the death of afternoon
We stepped hand in hand on Broadway
Like the first man on the moon

And “The Blackbird” broke the silence
As you whistled it so sweet
And in Brendan Behan’s footsteps
I danced up and down the street

Then we said goodnight to Broadway
Giving it our best regards
Tipped our hats to Mister Cohan
Dear old Times Square’s favorite bard

Then we raised a glass to JFK
And a dozen more besides
When I got back to my empty room
I suppose I must have cried

Thousands are sailing
Again across the ocean
Where the hand of opportunity
Draws tickets in a lottery
Postcards we’re mailing
Of sky-blue skies and oceans
From rooms the daylight never sees
Where lights don’t glow on Christmas trees
But we dance to the music
And we dance

Thousands are sailing
Across the western ocean
Where the hand of opportunity
Draws tickets in a lottery
Where e’er we go, we celebrate
The land that makes us refugees
From fear of Priests with empty plates
From guilt and weeping effigies
And we dance

Phil Chevron for The Pogues
on If I Should Fall From Grace With God, 1988

Und gerieten damit oft genug doch nur vom Regen in die Traufe. Geschwächt durch Hunger, Krankheit und Seuchen überlebte ein großer Teil von ihnen die unsäglichen hygienischen Zustände und die Überfahrt auf den meist katastrophal ausgestatteten Emigrantenseglern nicht. Auf manchen Schiffen starben bis zu 40% der Hoffnungssuchenden. Was ihnen den Namen Coffin Ships eintrug und in den Wahlländern den Empfang mit offenen Armen für die Einwanderer erheblich in Grenzen hielt.

Den Ihren, die es auch nach der Landung nicht mehr geschafft haben, konnten die Iren wenigstens Denkmäler setzen. Auf solchen ist dann wie auf Kanadas Grosse Isle etwa zu lesen:

Thousands of the children of the Gael were lost on this island while fleeing from foreign tyrannical laws and an artificial famine in the years 1847–8. God bless them. God save Ireland!

Das hielt auch den Unmut und Kampfgeist wach. Wahrscheinlich ebenso wie die Tatsache, dass die Kinder der Grünen Insel im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ganz, ganz unten anzufangen hatten. Wie der Umstand, dass sie die schwerste, dreckigste Arbeit zu dreckigsten Löhnen taten und sich in der einheimischen Arbeiterschaft damit alles andere als Freunde schufen. Wie der aus trauriger Wahrheit entstandene geflügelte Sarkasmus, dass unter jeder amerikanischen Eisenbahnschwelle ein Ire begraben ist. Wie der nahezu völlige Untergang der gälischen Muttersprache unter den Auswanderern und das mit den Hungertoten unwiederbringliche Dahinsterben eines Teils ihrer kulturellen Identität. Wie der Kampf auf der richtigen Seite des amerikanischen Bürgerkrieges — als Warm-up für den eigenen.

Über zwei Millionen Iren kehrten in den zehn Jahren nach dem Beginn von An Gorta Mór in einem schmerzhaften Exodus ihrer Heimat den Rücken. Dazu zähle man die geschätzte Million der Toten. Und konstatiere, dass im Jahre 1841 das kleine Völkchen seine höchste Bevölkerungszahl ever von 8,1 Millionen und bei anhaltender Auswanderung 1901 mit 3,5 Millionen irischer Iren ihren Tiefpunkt und somit etwa die Einwohnerzahl einer Stadt wie Berlin erreicht hatte. Dann erschauert man schon heftig, wie dicht eine Nationalität, unverwechselbar wie jede andere auch, samt ihrer so sympathischen Kultur an den Rand des Aussterbens gebracht werden konnte, oder? Selbst heute reicht der Bevölkerungsstand der gesamten Insel noch bei weitem nicht wieder an den vor der Großen Hungersnot heran.

Vielleicht ist deshalb der Zusammenhalt der Iren überall in der Welt so groß, wie auch ihr Bewusstsein, wo sie herkommen. Sie halten die Erinnerung an das Schicksal ihrer Vorfahren in sich und ihren Kindern am Leben. – Wer nix davon weiß, darf sich gerne an einer kleinen Geschichtslektion via Youtube-Bildungsfernsehen erproben:

Und wer nicht glaubt, wie tief ihnen das alles nach Generationen heute noch geht, der höre gefälligst nur einmal auf ihre Hingabe und Inbrunst beim Absingen der Fields of Athenry beim Konzert ihrer Lieblings-Folkband oder in der irischen Fankurve eines Fußball- oder Rugby-Stadions.

The Jeanie Johnston

The Jeanie Johnston was the most famous of all the Irish emigrant ships.

It was a well-run ship and unlike other ‘coffin ships’ of its time, the Jeanie Johnston never lost a passenger to either the sea or disease.

The Jeanie Johnston was built in Quebec in Canada in 1847. It was purchased by Nicholas Donovan, a merchant from Tralee in CountyKerry, as a cargo cum passenger ship. He used the vessel to import timber and foodstuffs to Ireland and transported passengers on the return journey to U S and Canada.

The Jeanie Johnston made at least 16 voyages from Tralee to Baltimore, NY and Quebec between 1848 and 1855, carrying 200 passengers & a crew of 17 on each voyage lasting approx. 47 days.

Jeanie Johnston in Story Finder

Bilder: Robert Warthmüller: Der König überall, 1886;
Henry Doyle: Emigrants Leave Ireland, 1868;
Jeanie Johnston: Pilgrims Passages, 2007.
Videos: British Pathe Limited.

Extra recommendation for the annotated Pogues lyrics on Poguetry!

Written by Wolf

29. March 2009 at 12:01 am

Posted in Krähe Elke

We are the masters; otherwise there could be no poetry

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Update und Abschluss des Februargewinnspiels: It means just what I choose it to mean:

The Complete Illustrated Lewis CarrollIhr schafft mich. Der Monat fängt grandios an. Obgleich sich wieder “nur ” die üblichen Verdächtigen am zweiten Februargewinnspiel des Jahres auf Moby-Dick™ beteiligt haben, weiß ich jetzt wenigstens wieder, warum diese Leute hier unbesehen und unkorrigiert mitschreiben dürfen: because they can.

Die Aufgabe, in Anknüpfung an Lewis Carrolls so hoch- wie tiefphilosophischen Originaldialog einen Dialog zwischen Humpty Dumpty und einer weiteren Figur eigener Wahl philosophischen Inhalts zu erstellen, der mich zum Grinsen bringt, wurde von beiden vorbildlich bewältigt. In eine echte Gewissensnot stürzen sie mich deshalb bei der Preisverteilung: Was schämen sollte ich mich, dass ich für beide eingegangenen Beiträge nur einen Preis und, na gut, einen Trostpreis zu vergeben hab. Ich hab mir die Überlegung nicht leicht gemacht und mach jetzt trotzdem einfach irgendwas, weil es eine richtige, unanfechtbare Lösung nicht geben kann. Aben sich sowieso beide rausgeredet, dass sie gar nix wollen und ja nur außer Konkurrenz laufen. Das habt ihr jetzt.

Und das für ausgerechnet Humpty Dumpty, der bei aller Arroganz immer noch verbreitet:

“When I make a word do a lot of work like that,” said Humpty Dumpty, “I always pay it extra.”

“Oh!” said Alice. She was much too puzzled to make any other remark.

“Ah, you should see ’em come round me of a Saturday night,” Humpty Dumpty went on, wagging his head gravely from side to side, “for to get their wages, you know.”

Aber

Alice didn’t venture to ask what he paid them with; and so you see I ca’n’t tell you.

Außerdem besteht nur eine halbe Verpflichtung gegenüber Worten, wie Roger W. Holmes in The Philosopher’s Alice in Wonderland, The Antioch Review, Vol. XIX, No. 2, Summer 1959 ausführt:

One thinks of a Soviet delegate using ‘democracy’ in a UN debate. May we pay our words extra, or is this the stuff that propaganda is made of? Do we have an obligation to past usage? In one sense words are our masters, or communication would be impossible. In another we are the masters; otherwise there could be no poetry.

Der Trostpreis, eine kleine, schmucke Insel-Ausgabe Alice hinter den Spiegeln, das ist der zweite der beiden Alice-Romane von Lewis Carroll, in dem Humpty Dumpty vorkommt (in der Übersetzung von Christian Enzensberger: Goggelmoggel), geht an Jürgen, welcher da schreibt:

Ein Dutzend Eier reicht noch nicht!

Jürgen Jessebird SchmitteHumpty-Dumpty saß am Rand einer Klippe und ließ seine dünnen Beinchen über dem aufgewühlten Meer baumeln. Just in diesem Moment kam ein großer Wal vorbei geschwommen.
„Hallo, Humpty-Dumpty,“ sagte er. Der Wal hatte eine tiefe und angenehm klingende Stimme, ein klein wenig näselnd, aber das überrascht ja nicht, wenn man sich seine anatomischen Eigenheiten vor Augen führt.
„Ich grüße dich, Moby-Dick,“ erwiderte das Ei. Auch Humpty-Dumpty hatte eine erstaunlich tiefe Stimme. Und auch er – wen wundert’s – näselte ein bisschen.
„Fürchtest du dich gar nicht?“ wollte Moby-Dick wissen, denn er war so gewaltig, dass er fast bis an den Rand der Klippe und damit an Humpty-Dumptys Füße heranreichte.

„Wovor sollte ich mich fürchten?“

„Nun, ich könnte dich … zerbrechen!“
„Ach, das! Nein. Nein, das Ende meiner Existenz als Ei ist nicht möglich.“
„Nicht möglich!? Was soll das heißen? Bist du etwa unsterblich?“
„Natürlich! Ebenso wie du und jeder andere. Obwohl für ‘mich’ nur ‘ich’ unsterblich bin. Für dich sieht es vielleicht nicht so aus. Aber das kann mir ja egal sein.“
Der Wal schüttelte sich, dass die Gischt wie ein Regenschauer über Humpty-Dumpty niederging.
„Hmmhmm – ich glaube nicht, dass ich das verstehe!“
Das Ei rückte noch ein klein wenig näher an den Rand der Klippe und schaute auf den großen weißen Wal hinab.
„Wenn du auf dem Meer schwimmst und sagen wir, irgendwann nach links abbiegst, einfach so.“
„Backbord, aye.“

„Meinethalben auch backbord. Jedenfalls hättest du da ebenso gut nach rechts – also, äh, steuerbord abdrehen können? Nicht wahr?“
Der Wal hätte die Achseln gezuckt, hätte er welche gehabt. So runzelte er nur die Stirn.
„Hätte ich machen können. Warum?“
„Glaubst du, dass du die Welt verändert hast, dadurch, dass du nach backbord statt nach steuerbord geschwommen bist?“
Moby-Dick kniff seine ohnehin schon kleinen Augen zusammen.
„Die Welt verändert? Na, vielleicht. Vielleicht hat ein Tintenfisch auf meiner Steuerbordseite Glück gehabt und wird nicht gefressen, kann Nachwuchs kriegen und in Ruhe alt werden. Und der auf der Backbordseite eben nicht. Meinst du das mit ‘Welt verändern’?“
Humpty-Dumpty lachte übers ganze Gesicht. „Genau, du alter Rollmops, genau das meine ich! Und genau das ist eben nicht so! Statt dessen hast du gewählt in welcher Welt du leben willst.“
„In welcher Welt…?“ Moby-Dick war so verwirrt, dass er die Sache mit dem Rollmops einfach durchgehen ließ. „Was meinst du damit? Wie viele Welten gibt es denn bitteschön?“

„Unendlich viele! Das ist ja das wunderbare! Mit jeder bewussten oder unbewussten Entscheidung erzeugst du neue Wirklichkeiten! Schau her…“
Humpty-Dumpty schnippte einen kleinen Kieselstein ins Meer.
„In dieser Welt habe ich mich entschieden, den Stein ins Meer zu werfen. In einer anderen habe ich es nicht getan. Und dann gibt es noch eine Menge anderer Möglichkeiten, in denen ich den Stein vielleicht nur an eine andere Stelle gelegt habe oder hinuntergeschluckt oder auf dich geworfen oder…“
„Ich habe es begriffen! Aber was soll das alles?“
„Nun, das großartige ist, dass ‘ich’ in allen dieser Welten existiere! Es gibt unendlich viele Versionen von mir. Ich manchen Welten bin ich schon zerbrochen worden, zu Rührei oder Spiegelei geworden, für Pfannkuchen verwendet oder zum Frühstück verspeist worden. ‘Ich’ bin schon tausendmal gestorben. Und doch bin ‘ich’ noch immer hier. Denn wenn ich irgendwo sterbe, dann hört diese Realität einfach für ‘mich’ auf. Du könntest mich jetzt zerbrechen. Dann würde ich in dieser Welt, in der wir beide uns unterhalten, sterben. Du würdest das sehen und die Konsequenzen tragen. Ich aber bin einfach fort. Und in einer anderen Realität würden wir uns weiter unterhalten, denn dort ist nichts geschehen!“
Moby-Dick schwamm ein paar Hundert Meter ins offene Meer hinaus.
„Darüber muss ich nachdenken…“
„War schön, mit dir zu plaudern!“ rief Humpty-Dumpty ihm hinterher und wedelte mit seinen Ärmchen in der Luft. Moby-Dick sah nicht mehr, wie das Ei das Gleichgewicht verlor, über die Klippenkante stürzte und in tausend Teile zersprang…

Elke HegewaldDer Hauptpreis, ein schnulli erhaltenes Exemplar The Complete Illustrated Lewis Carroll, geht an Elke für ihre Fortsetzung:

Hinter den Spiegeln und auf allen Meeren

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buchstabe-n2-zuatürlich war er nicht zersprungen, der kleine, beinebaumelnde Humpty Dumpty mit seiner großen Arroganz und zur Schau getragenen Besserwisserei. Jedenfalls nicht in meiner (einen) Welt hier. Obwohl die ja eher als alle andern diejenige ist, in der die Unordnung eines verschütteten Potts Kaffee nicht wieder in die Ordnung einer Tasse voll der köstlich duftenden und dampfenden Morgenerweckung zurückschwappen kann. Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik. Was wollt ihr, stinknormale Entropie das. Aber ich schweife schon wieder ab.

Zurück zu unserer Geschichte. Was also war aus Humpty Dumpty geworden, als der Wal ihm den Rücken gekehrt hatte, aus seinem Übermut nach dem Hochmut – und nach dem Fall?

Er war haarscharf an den spitzen Zacken der Klippe vorbeigesaust und in die salzigen Fluten des Meeres gefallen. In panischer Angst vor dem Ertrinken und ohne auch nur den leistesten Gedanken an die Unsterblichkeit in seinem Eierkopf rief er noch Moby-Dick um Hilfe – vergeblich. Das Rauschen der Wellen verschluckte sein Näselstimmchen.

mermaid-romant-via-never-sea-landDoch er ging nicht unter. Nachdem er hilflos eine Weile in den unendlichen Ozean hinausgetrieben war und kurz bevor er zum Solei wurde, verhedderte er sich in den Maschen eines Fischernetzes. – Die Mannschaft des Segelschiffes, auf dessen Bordwand er für einen Moment den Namen “Pequod” lesen konnte, fing gerade ihr Abendbrot. Die Männer hatten alle Hände voll zu tun mit den zappelnden Fischen auf den Planken und keiner von ihnen bemerkte Humpty Dumpty, der unbeachtet gegen eine Taurolle kullerte, die mittschiffs herumlag. In der machte er es sich gemütlich und schlief nach der ganzen Aufregung augenblicklich ein…

Er erwacht im ersten Morgenrot mit dem Gesicht in Richtung Heck. Und reibt sich ungläubig die Augen – eine Geste, die er bei sich selber durchaus unüblich nennen würde. Dort achtern hockt im dämmerigen Gegenlicht ein Mädchen, spärlich bekleidet und mit nassen Haaren bis zum Po, aus denen es gerade das Wasser zu wringen sucht. – Eine Seejungfrau? Eine echte Mermaid…?

So schnell ihn seine dünnen Beinchen tragen, eilt er zu ihr. Und schafft es irgendwie, wenn schon nicht auf ihren Schoß, so doch wenigstens auf ihre Handfläche zu klettern.

“Wer bist du, wie kommst du hierher? Und was willst du hier?”

Sie bläst sich eine Locke aus der Stirn:
“Auf einem Wal bin ich hergeritten. Und was soll ich hier schon wollen – mitsegeln!”

Durch ihren nahen Anblick verwirrt, entgeht ihm völlig, dass sie die Frage nach ihrer Herkunft elegant ignoriert.

“Das hier ist ein Walfänger, voller rauer Kerle, die mit Harpunen und Walspeck um sich werfen. Da ist kein Platz für so ein junges, hübsches Ding…”

“Wer sagt das? Du? Bist du der Kapitän? Oder Gott? Dann herzliches Beileid, denn im Masttopp sind letzthin entrückte Pantheisten gesichtet worden. Die wissen nix von von Gott in persona. Ha, und wie so ein melancholisches Träumerle da oben “sein Ich [vergessen] und die mystische See zu seinen Füßen für das sichtbare Abbild jener tiefen, blauen, unergründlichen Seele [halten], die Menschheit und Natur durchdringt”* – das kann ich auch, träumen sowieso. Im übrigen bin ich älter als du denkst…”

“Mit solchen Traumtänzereien wirst du aber hier keinen Ruhm abräumen. Auf sowas wie dich hat der Kapitän gerade gewartet, Mädchen.”

“Seltsam, dass gerade du von Ruhm sprichst. Du warst doch der, der solche Wortblasen genau das bedeuten lässt, was er draus macht, und nichts anderes – oder?”

“Öh… woher weißt du…? Nun, dann nennen wir es Nützlichsein, Pflichterfüllung… Sagen wir nicht Ruhm, sondern…hm, Glück – durch Einsicht zum Beispiel oder den guten Zweck. Glückseligkeit ist sowieso solch ein Wort, dass viel besser zu euch Mädchen passt.”

Humpty Dumpty schickt einen Blick, in dem gespanntes Lauern und ein kleines Grübeln miteinander uneins sind, zu ihr hinüber. Sie rollt sich auf den Bauch, balanciert ihn vorsichtig zwischen den Fingern und schaut ihm geradewegs in die Augen:

“Jaah, jaah, blaaablaaa! Vom heldischen “A man’s gotta do what a man’s gotta do” bis zum Ruhm ist’s ja bei euch Kerlen nicht weit. Schlepp ruhig den alten Kant auch noch hier an: wem planvolles Handeln fehlt, der wird zur Beute seiner Triebe! Pflichterfüllung! Pffft… frag mal den alten Ahab, wie der die für sich zurchtgezimmert hat – und seinem vernichtenden Trieb doch Sklave ist. Hatten wir hier alles schon mal. Euch kommt immer euer krankes Ego dazwischen.”

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“Was weißt du schon vom alten Ahab! Und deine Argumente und deine Logik sind keine, sind… sind Weiberlogik! Die passt in k e i n e Welt.”

“Tsss… was weißt du schon von uns Weibern! Hast nicht mal ‘ne Taille – von einem knackigen Hintern ganz zu schweigen. Wer kleine Mädchen beeindrucken kann, ist noch lange kein Frauenversteher. — Logik? Ach geh, als hättest ausgerechnet du die erfunden. Und selbst wenn – mehr fällt dir dazu nicht ein? Du warst doch immer so spitzfindig wortgewandt in deinem Humpty-Dumptyismus. Ich glaube, du lässt nach, Eiermännchen. Ist das das Alter?”

“Das kommt nur, weil du mich so durcheinander bringst, bin ja schon ganz wirr im Kopf.. Aber das Wort Humpty-Dumptyismus gefällt mir, trotz deiner Respektlosigkeit, Kleines. Und die Frage ist immer noch, wer…”

“Hach, humpty dumpty du doch, was du willst, ich bleib jedenfalls hier. Das mit den Kerls krieg ich schon hin… – Kennst du das Lied von der Seeräuber-Jenny? Oder das von der Dirne Evelyn Roe, das der alte Seebär-Busch gesungen hat?”old_humpty_dumpty-zustre

“Unterbrich mich nicht dauernd. Frauen! Die Frage ist immer noch… Waaas? – Seeräuber-Jenny? Evelyn Roe?? Himmel! Du willst doch nicht enden wie d i e?”

“Hab ich das gesagt? Ich hab nur gefragt, ob du die kennst. I c h meine immer noch, was ich sag. Tsss, und das dir! Magst du etwa keine Piratenlieder? Hey, nu reg dich mal nicht so auf, ich hab mir schon immer meine Wirklichkeit selber erfunden – und ‘ne Menge dabei gelernt. Du doch auch. Keine Angst, ich komm schon nicht unter die Räder… öhm, Wellen.”

“Du machst mich noch wahnsinnig, Mädchen. Nach Wörtern, meinetwegen sogar Worten die Wirklichkeit humpty-dumptyisch aussehen zu lassen, ist nicht alles. Die Frage ist…”

“Und du willst beim alten Carroll gelernt haben? – Wirklichkeit kann man nicht aussehen lassen – die ist das, was wirkt, deswegen heißt sie ja auch so. Na, und bin ich etwa keine?”

“Und was für eine! Ich weiß schon nicht mehr, was real und was Fantasie ist. Aber hast du denn noch nie etwas von der wahren Welt gehört?”

“Wahre Welt? Was soll das sein? Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners – ist leider nicht von mir, könnte aber von mir sein. Und real ist nicht wirklich, du Superwortverdreher. Wirklich ist nur das, was wir von der Realität wissen – wenn es überhaupt eine gibt…”

“Hör auf! Die Frage ist doch, ob du…”

“Die Frage ist, wer die Macht hat – und das ist alles. Tja, hab ich von dir gelernt.”

“Du bist… bist doch nicht… Vorsicht! Neiiiiiiin….!”

Weiter kommt er nicht. Beim Hervorbrechen der ersten Sonnenstrahlen hinterm Horizont hat sie, unbeschwert und spontan, wie es Mädchen nun mal tun, ihre Hand gehoben, die Augen abzuschirmen. Die Hand, auf der das Ei gesessen hatte. Es gleitet haltlos und nur noch der Schwerkraft gehorchend an ihrem Handgelenk vorbei nach unten. Und zerschellt auf den Planken.

Alice aber tänzelt auf denselben und Barfüßen mit wohlgereihten Zehen nach vorn zum Bug, wo ein einsamer Seemann an der Reling lehnt. Das Schiff krängt ein bisschen nach Lee, gerade genug und gerade rechtzeitig, dass sie das Gleichgewicht verliert und dem Skipper in die hilfreichen Arme fällt. Von dem man im Gegenlicht nicht erkennen kann, ob es der Käpt’n selber ist oder einer von der Mannschaft. – Und keiner ist da, dem auffiele, dass es doch vollkommen windstill ist…

Keiner?

schmitz_mobyMoby-Dick hebt backbord den Kopf aus dem Wasser. Sieht auf das Mädchen, das er letzte Nacht hergetragen hat und das die Geschichte des Skippers, der Pequod und vielleicht auch seine eigene durcheinanderbringen wird. Schaut auf die Eierschalen und den klebrigen Fleck, der unter der südlichen Sonne zu trocknen beginnt. “Soviel zum ‘Weltverändern’, Eierkopp – wir sehn uns in deiner nächsten.”

Er überlegt ein bisschen, ob die alten Herren Melville und Carroll ihm das hier wohl sehr übel genommen hätten. Stubst noch einmal sanft, doch voller Übermut mit seiner gewaltigen Stirn gegen die Bordwand und schwimmt, den alten Kindervers vor sich hin summend, davon…

“Humpty Dumpty sat on a wall,
Humpty Dumpty had a great fall,
All the King’s horses and all the King’s men,
Couldn’t put Humpty together again.”

*Zitat aus: Herman Melville. Moby-Dick. In der Übersetzung von M. Jendis, Kapitel 35, Seite 266.

Bilder: Segelschiff – via. Mermaid. Tim Thompson, 1999. Via Never Sea Land. “Humpty Dumpty”. James Mc Partlin, 2003 – via Epilogue.net. Humpty Dumpty (modifiziert) – via. Schmunzel-Moby-Dick: keine Ahnung.
Song: Carson Sage and the Black Riders: Sally Brown. Aus: Final Kitchens Blowout. Via wolfgpunkts youtube.

Glückwunsch und falls ihr ihn nicht längst tragt, den Titel B.E.L.U.G.A. (Belesener Experte für Lustige Und Gelehrte Ansichten) für beide!

Written by Wolf

2. March 2009 at 12:01 am

Moby-Dick – The True Story

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Elke segelt mit Owen Chase: Der Untergang der Essex
und macht ein Update zu Warum liegt hier überhaupt Stroh rum?:

… all their enchanted eyes intent upon the whale, which from side to side strangely vibrating his predestinating head, sent a broad band of overspreading semicircular foam before him as he rushed. Retribution, swift vengeance, eternal malice were in his whole aspect, and spite of all that mortal man could do, the solid white buttress of his forehead smote the ship’s starboard bow, till men and timbers reeled.

Moby-Dick Chapter 135: The Chase–Third Day.

Elke HegewaldEs ist der 15. Dezember 1820. In der endlosen Weite des Pazifik, auf 21° 42′ südlicher Breite.

Die Sonne brennt erbarmungslos auf die zwanzig Schiffbrüchigen in den drei zerbrechlich gewordenen Booten herab. Kein Schutz vor ihren sengenden Strahlen. Der Durst wird immer unerträglicher, schlimmer als der Hunger, aber sie können die winzige tägliche Trinkwasserration nicht noch weiter kürzen. Die Lage der Männer ist verzweifelt, denn seit Tagen herrscht Windstille; sie kommen dem rettenden Land, das über 1000 Seemeilen entfernt liegt, nicht näher und werden immer schwächer. Owen Chase, vor einem Monat noch Erster Maat des stolzen Walfängers Essex aus Nantucket, schreibt auf ein paar lose Blätter aus seiner Seemannskiste, die sein Logbuch sind:

Ständig redeten wir davon, wir müssten “Geduld haben und ausharren”. Wir nahmen uns vor – so fest die Entschlüsse der Seele eben sein können –, uns so lange ans Leben zu klammern, wie uns Hoffnung und die Luft zum Atmen blieben…

Owen Chase: Der Untergang der Essex. Verlag Die Hanse, 2000; Seite 78.

Whaleship EssexOwen Chase ist nicht der Abklatsch eines Starbuck aus einem billigen Vor-Melville und erst recht kein Ismael. Nein, den gab es wirklich. Und seine Geschichte ist kein Roman mit ausgeklügelter Dramaturgie, sondern der schlichte Bericht eines whaleman und unfreiwilligen Chronisten vom realen Untergang seines Schiffes und der Tragödie danach, die nur acht von zwanzig Seeleuten überstanden. Von einem Geschehen freilich, nie dagewesen und so unvorstellbar, dass die kollektive Erinnerung der über hundertjährigen Geschichte des Walfangs von Neuengland kein Beispiel dafür kannte: Am 20. November 1820 hatte ein riesiger Pottwal westlich der Galapagos-Inseln die Essex angegriffen, sie mit seiner gewaltigen Stirn zweimal gerammt und zum Sinken gebracht. Chase, rechte Hand seines Kapitäns George Pollard und Walbootführer, gehörte zu den Überlebenden der darauffolgenden monatelangen Strapazen.

Im Spätherbst 1821 veröffentlichte er, nach Nantucket zurückgekehrt, seine Aufzeichnungen von der Odyssee unter dem unaussprechlichen Titel

Owen Chase‘s Narrative of the Most Extraordinary and Distressing Shipwreck of the Whale-Ship Essex, of Nantucket; Which was Attacked and Finally Destroyed by a Large Spermaceti-Whale, in the Pacific Ocean; with An Account of the Unparalleled Sufferings of the Captain and Crew During a Space of Ninety-Three Days at Sea in Open Boats; in the Years 1819 & 1820.

in dem schon das ganze Buch steckte. Und man darf darüber spekulieren, ob es der authentische Bericht aus dem Boot war, womöglich dezent lektoriert, oder ob er – was bei einem whaleman, der die Harpune besser als die Feder führt, wahrscheinlicher ist – einen andern die Arbeit tun ließ. Bei Nathaniel Philbrick wird ein gewisser William Coffin, Jr. als Ghostwriter gehandelt (auch auf deutsch), und in Melvilles Randnotizen an seinem eigenen Owen Chase heißt es:

There seems no reason to suppose that Owen Chase himself wrote the Narrative. It bears obvious tokens of having been written for him; but at the same time, its whole air plainly evinces that it was carefully and conscientiously written to Owen’s dictation of the facts.

Owen ChaseVon der Auflagenhöhe des Chase-Berichtes weiß man ja nix. Aber es fielen wohl auch ein paar Exemplare für den Familienclan ab, was für die Weltliteratur späterhin noch ein Segen werden sollte.

Denn 20 Jahre später geriet eins von denen in die Hände des Waljäger-Greenhorns und künftigen Schriftstellers Herman Melville und beeindruckte ihn so nachhaltig, dass der Angriff des tobenden Wals ihm zur Inspiration für den Handlungshöhepunkt seines dereinst berühmtesten Roman geriet. Frisch auf dem Walfänger Acushnet angeheuert, begegnete er 1841 mitten im Pazifik, sogar in der Nähe des Ortes, an dem die Essex untergegangen war, dem sechzehnjährigen William Chase, der auf dem Nantucketer Walschoner Lima unterwegs und der Sohn von Owen Chase höchstpersönlich war. Der hatte das Büchlein seines Vaters im Seesack und lieh es Melville zu treuen Händen – ohne es wohl jemals wiederzusehen. Verwurstet hat es Melville in mindestens zwei Kapiteln des Moby-Dick, wenn man mal voraussetzt, dass sein ganzes Buch an allen Ecken und Enden eine Hommage an solche Helden der Walfängerzunft wie die Crew der Essex ist. Und wenn man dabei nicht vergisst, dass die Geschichte von Moby Dick an der Stelle aufhört, wo die von Owen Chase anfängt.

Im Kapitel 45: The Affidavit bezieht er sich ausführlich und unmittelbar auf seine Kenntnis der Chase’schen Schilderungen, um dem ungläubigen Leser neben allem anderen zuvörderst die Wahrhaftigkeit schiffeversenkender Wale vor den Bug zu rammen. Dort erwähnt er auch seine Begegnung mit Chases Sohn auf hoher See.

Und das oben angeführte Zitat aus Kapitel 135 The Chase–Third Day, das den Augenblick des Angriffs Moby Dicks auf die Pequod wiedergibt, die nach seinem Rammstoß untergeht, lautet nahezu wörtlich wie die Darstellung des Maats der Essex. Den Vergleich hier daherzudeklamieren spar ich mir, da ich vom Chase (vorerst) nur im Besitz der deutschen Fassung bin und vom Moby (inzwischen) derer drei hab.

(Bei dieser Sachlage wundert man sich doch ein bisschen, warum die – vom Wolf zutreffend in der Literaturliste genannte – etwas rar und zögerlich erscheinende Haltung der Quellenforscher nicht weit nachdrücklicher daherkommt… was ja vielleicht inzwischen vonstatten geht, wenn man zet Be die Tatsache, dass die zur Zeit vergriffene deutschsprachige Ausgabe der Chase-Story bei Amazon kürzlich als Gebrauchtexemplar dreistellig gehandelt wurde, dahingehned deutet. Ätsch, ich hab sie voriges Jahr noch zu einem volkstümlichem Preis erhandelt.)

Nathaniel Philbrick by Ellen Warner, Random House BertelsmannAus dem unspektakulär schlichten Berichten des Owen Chase schriftstellerte Nathaniel Philbrick sein aufgepepptes In the Heart of the Sea. Was vielleicht etwas respektlos formuliert ist, denn schließlich erhielt er für das 2001 erschienene Buch den National Book Award. Philbrick, seines Zeichens Nantucketer, Segelfreak, Direktor des Egan Institute of Maritime Studies und Mitglied der Nantucket Historical Association, stellt die Geschichte in ihren wirtschaftlich-historischen Kontext. Er zeichnet fundiert und mit Liebe zum Detail das Bild der neuengländischen Walfangregion und der Nantucketer Gesellschaft jener Zeit und sortiert das Schicksal der Essex da hinein. Außerdem nutzt er – eine kleine Sensation – eine weitere Quelle des Ereignisses: das erst 1980 entdeckte Notizbuch des Schiffsjungen der Essex, Thomas Nickerson.

Zu dem gibts hier jetzt nix mehr, sondern vielleicht gelegentlich ein Update. Wie auch zu anderen Dokumenten um den Schiffsuntergang, dem sogenannten Paddack Letter beispielsweise, der die Rettung des zweiten Walbootes erhellt. Oder zu den Tagebuchaufzeichnungen der englischen Missionare Tyerman und Bennet, denen Kapitän Pollard irgendwo in der Südsee seine Geschichte erzählte. Weil – juchhei, was findet man nicht alles bei der ganzen Moby-Dick-Kramerei – in der aktuellen englischsprachigen Ausgabe des Chase-Buches bei Penguin Classics The Loss of the Ship Essex, Sunk by a Whale sind diese und noch weitere und sogar die Melvilleschen Randbemerkungen enthalten. Weil, was noch viel besser ist, das Büchlein sich grad aus U.K. in mein Melvillealien-bestücktes Bücherregal aufgemacht hat, jahaaa.

Owen Chase, Der Untergang der Essex, Verlag Hanse, Europäische Verlagsanstalt eva by Elke

So, und um die Schiffbruch-Odyssee zu Ende zu bringen, nu aber nochmal ein paar (Schiffs)Nägel mit Köpfen:

Kurz nach der Flaute vom 15. Dezember landeten die Seeleute auf einer kleinen Insel mit Trinkwasser und Essbarem, die heute Henderson Island heißt und von den Männern damals irrtümlich für das Nachbareiland Ducie gehalten wurde. Dort ließen sie drei ihrer Kameraden auf deren ausdrücklichen Wunsch zurück. Dass auch die gerettet wurden, erfuhr unser guter Chase erst, als sein Buch längst erschienen war.

Den anderen Mitgliedern der Crew stand das Schlimmste noch bevor: Die Boote wurden in einem Sturm getrennt und fanden nicht wieder zueinander, eines von ihnen fand vermutlich vollends aus dieser Welt – es ward nie wieder gesehen. Die Strapazen – widrige Winde, zur Neige gehende Rationen und einsetzender Wahnsinn – wurden unermesslich und sind menschlicher Vorstellung nicht zugänglich. Am Ende tranken sie den eigenen Urin und aßen das Fleisch ihrer gestorbenen Leidensgefährten. Und doch überlebten fünf von ihnen: Chase, Thomas Nickerson und Benjamin Lawrence wurden am 18. Februar vor der Küste Chiles von der Indian gerettet. Im Boot des Kapitäns Pollard inszenierte sich indessen noch eine Extratragödie: Ein Kamerad wurde ausgelost und erschossen, um den andern als Nahrung zu dienen. Die beiden Überlebenden nahm am 23. Februar die Dauphin an Bord.

Käpt’n Pollard erlitt auf seiner nächsten Reise einen weiteren Schiffbruch und fuhr nie wieder zur See. Melville traf ihn, einen stillen, bescheidenen und von Schuldgefühlen geplagten Mann, der inzwischen in Nantucket als Nachtwächter arbeitete, 1852 bei einem Besuch auf der Insel. Seine Sympathie für ihn war unverhohlen. Jahre später, selbst längst ein bescheidener Zollinspektor, setzte er ihm in ein paar Zeilen seines Poems Clarel (1876) ein Denkmal:

Nie lächelte er;
Rief man ihn, kam er;
nicht bitteren Geistes,
demütig und versöhnt;
Geduldig war er, widersetzte sich keinem;
Oft versank er in Gedanken an etwas Geheimes.

Deutsch von Rainer G. Schmidt, 2006.

Owen Chase hingegen wurde ein erfolgreicher und angesehener Walkapitän.

Auf seiner letzten großen Fahrt klagte er jedoch über Kopfschmerzen. Ursächlich waren dafür wohl die Qualen, die er nach dem Schiffbruch der Essex durchgemacht hatte. Zwar lebte er nach seiner Pensionierung im Februar 1840 noch viele Jahre, doch die Kopfschmerzen peinigten ihn weiter. Zunehmend plagte ihn auch zum Ende seines Lebens die Furcht vor dem Verhungern. Dies führte unter anderem dazu, dass er auf dem Dachboden seines Hauses Hartkekse und andere Lebensmittel hortete. Am 7. März 1869 starb er im Alter von siebzig Jahren.

Nachwort von Iola Haverstick und Betty Shephard
in: Owen Chase: Der Untergang der Essex, Seite 137 f.

Bilder: Thomas Nickerson für Wikimedia Commons;
Nantucket Historical Association für PBS Ocean History;
Ellen Warner für Random House;
Elke.

Lied: The Pogues: Greenland Whale Fisheries aus: Red Roses For Me, 1984.

Written by Wolf

20. December 2008 at 12:02 am

Posted in Krähe Elke

Aust/Geyer/Schirrmacher/Hegewald: Wer die RAF verstehen will, muss „Moby Dick“ lesen

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500. Beitrag

Elke faltet sich ihr Kino aus der Zeitung:

By art is created that great Leviathan, called a Commonwealth or State — (in Latin, Civitas) which is but an artificial man.

Thomas Hobbes: Leviathan. Zitiert von Herman Melville in den Extracts.

Elke HegewaldNachdem noch rechtzeitig zum 68er Jubiläumsjahr das großangekündigte und hochkarätig besetzte Filmwerk „Der Baader-Meinhof-Komplex“ landesweit in den Kinos angekommen ist, das in vorauseilendem Nominierungseifer schon als oscarträchtig ausgekräht wird,

nachdem allerorten die einschlägigen Premierenfeiern… hm, passender wohl die Ge- und Nachdenkveranstaltungen mit erlesenem Publikum verebbt sind,

nachdem gleichzeitig der Guru des Enthüllungsjournalismus Stefan Aust seine um 300 Seiten erweiterte, akribisch nachrecherchierte und reicher bebilderte 3. Auflage der Buchvorlage auf den Markt gebracht hat —

ist es wohl an der Zeit, dass auch Moby-Dick™ als unermüdlicher Jäger und Sammler endlich gnadenlos aufdeckt und dokumentiert, welche Rolle Melville, sein Terror-Wal und die Besatzung der Pequod in der Geschichte der RAF gespielt haben. Vor allem in ihrem konspirativen Untergrund. Wir berufen uns dabei wort- und auszugsreich 1:1 auf ein aufschlussreiches Interview, das Call-me-Ismael Aust den Herren Frank Schirrmacher und Christian Geyer von der FAZ am 22. August 2007 gab:

FAZ: Der Staat, das war in der Sprache der RAF ja nicht nur das Schweinesystem, sondern auch der Leviathan, die Maschine weißer Wal, der Moby Dick. Was hat es zu bedeuten, dass sich die RAF-Leute Decknamen aus „Moby Dick“ gaben?

Filmplakat zu Moby-Dick, 1956, via FAZAust: Gudrun Ensslin war auf diese Idee gekommen, sie hatte sich die Decknamen für die Gruppenmitglieder ausgedacht, um die Postüberwacher irrezuführen. Fast alle Namen entlehnte sie Herman Melvilles Roman „Moby Dick“. Der dämonische, monomanisch-rasende Kapitän „Ahab“ stand für Baader, „Starbuck“ für Holger Meins, „Zimmermann“ für Jan-Carl Raspe, „Quiqueg“ für Gerhard Müller, „Bildad“ für Horst Mahler, „Smutje“ für Ensslin selbst. Der Wal Moby Dick, schon im Buch eine Parabel, ein chiffrenhafter Symbolkomplex, wird hier noch einmal als Chiffre eingesetzt. Der Wal ist der Leviathan, und der Leviathan ist das Sinnbild für den Staat, den die RAF als die Pappmaske der trügerischen Erscheinungswelt zerschlagen will. „Ein künstlich Ding ist jener große Leviathan, der Gemeinwesen oder Staat (lateinisch: Civitas) genannt wird und nichts anderes ist als ein künstlicher Mensch.“ So lautet der in Melvilles „Moby Dick“ zitierte Eröffnungssatz von Hobbes’ Leviathan. Diesen Staat Leviathan, diesen weißen Wal, den haben die Terroristen jagen wollen. Bei der Jagd auf den weißen Wal ist jeder Irrsinn vorgekommen, den Sie nachher auch bei der RAF gefunden haben. Deswegen war das eine sehr, sehr passende Parabel für das, was die Terroristen taten. Die Charaktere, die in „Moby Dick“ beschrieben sind, passen tatsächlich sehr genau auf die einzelnen Figuren in der RAF.

Bleiben wir kurz bei Ahab als Baader.

Dann hören Sie zu Baader einmal dies: „Und sollte von Geburt an oder durch besondere Umstände hervorgerufen tief auf dem Grunde seiner Natur etwas Krankhaftes sein eigensinnig grillenhaftes Wesen treiben, so tut das seinem dramatischen Charakter nicht den geringsten Eintrag. Alle tragische Größe beruht auf einem Bruch in der gesunden Natur, des kannst du gewiss sein.“ So schreibt Gudrun Ensslin, Melville über Kapitän Ahab zitierend, an Ulrike Meinhof über Baader. Damit war tatsächlich sehr viel gesagt. Die Ensslin war ja eine hervorragende Psychologin. Sie hatte das Gespür dafür, dass Baaders Kampf gegen den Staat Züge eines metaphysischen Endkampfs trug, ähnlich jenen, die Kapitän Ahab beherrschten.

„Ich würde selbst die Sonne schlagen, wenn sie mich beleidigt“, sagt Ahab über sich selbst. Und weiter: „Wie kann der Häftling denn ins Freie, wenn er die Mauer nicht durchbricht? Für mich ist dieser weiße Wal die Mauer, dicht vor mich hingestellt. Dahinter, denk ich manchmal, ist nichts mehr.“ Besser lässt sich die transzendentale Selbststilisierung der RAF wohl kaum formulieren.

Filmplakat zu Starbuck Holger Meins, 2001Sie werden das auch finden, wenn Sie hinter die anderen Decknamen schauen. Wie gesagt, Starbuck, der Erste Steuermann, war Holger Meins. Über Starbuck heißt es in „Moby Dick“: „Starbucks Leib und Starbucks unterjochter Wille gehörten Ahab, solange Ahab die magnetische Kraft seines Geistes auf Starbucks Gehirn ausstrahlen ließ; allein ihm war bewusst, dass der Steuermann trotz allem den Kriegszug seines Kapitäns in tiefster Seele verabscheut.“ Ja, so verhielt es sich wohl zwischen Holger Meins und Baader.

Und was spricht aus dem „Zimmermann“ als Deckname für Raspe?

In „Moby Dick“ baut der Zimmermann in einem fort Särge für die Opfer der Jagd nach dem weißen Wal, er schnitzt dem Kapitän Ahab ein neues Bein aus Walknochen und macht sich in jeder Hinsicht nützlich. Sie erfahren — das wusste Ensslin — nichts Unwesentliches über Raspe, wenn Sie bei Melville über den Zimmermann lesen: „Er glich den nicht selbst denkenden, aber höchst sinnreich erdachten und vielseitig verwendbaren Werkzeugen aus Sheffield, die, multum in parvo, wie ein — nur ein wenig angeschwollenes — gewöhnliches Taschenmesser aussehen, jedoch nicht bloß Klingen jeder Form enthalten, sondern auch Schraubenzieher, Pfropfenzieher, Pinzetten, Ahlen, Schreibgeräte, Lineale, Nagelfeilen und Bohrer. Wollten seine Vorgesetzten den Zimmermann als Schraubenzieher benutzen, so brauchten sie nur diesen Teil seiner Person aufzuklappen, und die Schraube saß fest; oder sollte er Pinzette spielen, so nahmen sie ihn bei den Beinen, und die Pinzette war fertig.“ Ist das nicht eine hinreißende Charakterbeschreibung?

Wie hat man eigentlich Horst Mahler chiffriert?

Fahndungsplakat nach RAF-Terroristen. Bundeskriminalamt Wiesbaden, November 1980, Haus der Geschichte, BonnDessen Tarnung sollte sich als die unheimlichste entpuppen. Ensslin hatte für Mahler, der sich ja dann zum Rechtsanwalt und NPD-Mitglied wandeln sollte, den Namen des Kapitän Bildad vorgesehen. Über den lesen wir bei Melville: „Und doch offenbarte der Wandel des würdigen Kapitäns Bildad bei allen strengen Grundsätzen einen Mangel an einfachster Konsequenz. Wenn er sich auch geschworen hatte, kein Menschenblut zu vergießen, so hatte er in seinem enganliegenden Quäkerrock das Blut Leviathans in Tonnen und Abertonnen vergossen. Wie der fromme Bildad nun am besinnlichen Abend seiner Tage diese Widersprüche rückschauend in Einklang brachte, weiß ich nicht; aber sie schienen ihn nicht sonderlich zu berühren, und höchstwahrscheinlich war er längst zu dem weisen und vernünftigen Schluss gekommen, dass für den Menschen die Religion eines ist und die reale Welt ein ganz anderes. Die Welt aber zahlt Dividenden.“ Wer die RAF verstehen will, muss „Moby Dick“ lesen.

Wenn wir Sie selbst mit der Erzählerstimme im „Moby Dick“ identifizieren dürfen, mit Ismael, dann wäre unsere Schlussfrage die: Was hat Stefan Aust, der Chronist der RAF, aus seiner intensiven Beschäftigung mit diesem Stück Zeitgeschichte für sich selbst mitgenommen?

Ich habe sehr viel über menschliche Verhaltensweisen gelernt. Ich habe eine Menge über Politik gelernt. Ich habe eine Menge über Gewalt gelernt. Ich habe eine Menge über die Gesetze von Gruppen gelernt. Ich habe eine Menge darüber gelernt, wie der Mensch in den Wahn gelangt.

Joaah, das hätte sich uns’ Herman wohl niemals nicht träumen lassen, in was er mit seinen braven Walfängern dereinst noch verwickelt würde. Aber wenn mans mal so ein bisschen sacken lässt? Sind solche Charaktermixturen am Ende darauf programmiert, mit vollen Segeln in den Untergang…?

Man darf ja gar nich aufhörn, Moby-Lesen zu predigen, sach ich.

Bilder: Filmplakat zu Moby-Dick 1956, via FAZ: Der Wal als Sinnbild des Staates, den die RAF bekämpfte;
Starbuck Holger Meins, 2001;
Fahndungsplakat nach RAF-Terroristen, Bundeskriminalamt Wiesbaden, November 1980, Haus der Geschichte, Bonn;
Lied: Reinhard Mey: Das Narrenschiff aus: Flaschenpost, 1998;
Film: Trailer Der Baader-Meinhof-Komplex, 2008.

Written by Wolf

30. October 2008 at 12:01 am