Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for June 2007

Chez Pierre

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An infixing stillness, now thrust a long rivet through the night, and fast nailed it to that side of the world.

Herman Melville: Pierre

Da durchschlug ein Keil von Stille die Nacht und nagelte sie wie mit einem langen Bolzen fest an diese Seite der Welt.

Übersetzung: Christa Schuenke

Es ging nicht gut. Ein Absturz, der mit dem Straucheln Mardi eingeleitet und mit Moby-Dick angefangen wurde, nahm mit Pierre seinen Lauf.

Herman Melvilles Buch #7 Pierre oder die Doppeldeutigkeiten von 1852, das ist: ein Jahr nach Moby-Dick, war sein größter Skandal. Die Handlung und ihre moralische Bewertung, oder vielmehr der Mangel daran, braucht kein puritanisch-viktorianisches 19. Jahrhundert, um skandalös zu wirken. Laut Daniel Göske ein radikales Experiment.

Die andere Besonderheit: Es ist derjenige von Melvilles Romanen, der am wenigsten mit Seefahrt zu tun hat – und in dem Frauen tragende Rollen spielen. Es geht um das Leben der gehobenen Gesellschaft von New York, und die Frauen sind nicht die gewohnten dramaturgischen Elemente, in die sich verschiedene Handlungsträger zu verlieben haben, sondern ausgebildete Charakter, eigentlich dominierender als die männlichen Figuren. Drittens: Melville zeichnet in der Hauptfigur ein verfremdetes Selbstportrait.

Pierres Verlobte Lucy – das, was es im unaristokratischen Amerika statt Hoher Töchter gibt – ist anfangs ein konventionelles Heimchen, wie es bei Austen und den Brontës neuerdings geleugnet wird, wächst jedoch im Verlauf zu einer eigenen Größe heran. Dann nämlich, als sie ihrem abtrünnigen Pierre nachzieht, der mit der finsteren Schönheit Isabel, Lucys Gegenteil, nach New York durchgegangen ist.

Das Isabel sich nebenbei als Pierres Halbschwester herausstellt, ist nur der Anfang einer wüsten Geschichte um Inzest mit Mutter, Schwester, Vater gar. Die leichthin unterhalende, dabei nur unterschwellig moralisierende Darstellung solcher Ungeheuerlichkeiten begründete Melvilles Ruf, ernsthaft geistesgestört zu sein, was ihm noch länger anhängen sollte.

Wenn David Lynch je Charlotte Brontë verfilmen sollte, kommt Pierre dabei raus. Etwas in der Richtung ist schon lange fällig. Ein veritabler Jammer, dass Herman Melville keine Filme gedreht hat.

Code Civil

Written by Wolf

30. June 2007 at 11:09 pm

Posted in Rabe Wolf

The still unannotated Melville

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Update zu Als sei der gewaltige Nichtstuer der kunstvolle Werber:

Alice Pleasance LiddellIm Vergleich zu den durcherklärten Versionen von Lolita 1991, Alice im Wunderland 2002 (die Annotated Alice von 1999) und Huckleberry Finn 2003 (der Annotated Huckleberry Finn von 2001) mit einem echten Stellenkommentar – einem an der Stelle, an der man ihn braucht – schlagen sich die Melvillischen Neuübersetzungen doch ganz wacker. Ein Annotated Moby-Dickdas wäre doch mal eine Ausgabe!

Mein Vorschlag zur Friedensstiftung zwischen Friedhelm Rathjen und dem Hanser Verlag: Rathjen, der schon den Huckleberry Finn sehr ordentlich möbliert hat, soll schnell für den Hanser-Melville alle Erzählungen und die ganze Lyrik runterübersetzen, dann haben wir von “Ausgewählte Werke” auf eine Gesamtausgabe aufgestockt, fürs Weihnachtsgeschäft wird der Moby-Dick auf eine annotated Version umgelayoutet, und alle sind glücklich – vor allem auch die ganzen Schulkinder, die regelmäßig auf der Suche nach dem Lightning-Rod Man auf Deutsch bei mir rauskommen. Und ich erst mal.


Bild: Alice Pleasance Liddell als The Beggar-Maid von Lewis Carroll 1858; Lizenz: Public Domain.

Written by Wolf

28. June 2007 at 2:57 am

Posted in Rabe Wolf

Erfolg ist eine Nutte

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Update zu The People of Poets and Philosophers:

Randall Enos, MelvilleIst Herman Melville eine gescheiterte Existenz, wie sich das für einen Künstler gehört?

Wie man’s nimmt. Angefangen hat er mit seinen größten Erfolgen, zwei Bestsellern am Stück, die ihn zum Popliteraten machten (Typee, Omoo). Nach einem kommerziellen Einbruch (Mardi) schaffte er in vier Monaten zwei sehr dicke Romane, einer wieder kommerziell, einer beispiellos politisch erfolgreich (Redburn, White Jacket).

Danach beschloss er einfach, mit solchen pot boilers aufzuhören und den Inbegriff der Weltliteratur zu schreiben (Moby-Dick). Für einen, der eine Familie durchzubringen hat, bestimmt keine leichte Entscheidung, aber you get what you pay for.

Die 3000 Stück Startauflage der amerikanischen Harper-Ausgabe wurden nicht verkauft. Melville verdiente daran insgesamt 556,37 $, an der britischen Bentley-Ausgabe überhaupt nichts, weil das internationale Copyright erst eine Erfindung des 20. Jahrhunderts ist.

Melville setzte noch vier Romane in den Sand (Pierre, Israel Potter, The Isle of the Cross, The Confidence-Man), von denen einer vollends verschollen ist (The Isle of the Cross), wandte sich absehbar erfolgloser Lyrik zu (Clarel et al.) und verdiente seinen Lebensunterhalt beim Zoll im New Yorker Hafen. Seine literarische Karriere mit zehn Romanen und einem ganzen Schwung Erzählungen, von denen etliche ins Weltkulturerbe gehören, beläuft sich damit auf keine zwölf Jahre.

Als er nach weiteren 40 Jahren starb, staunten seine früheren Bewunderer, dass er überhaupt noch gelebt hatte. Seine Todesanzeige in der New York Times nannte ihn “Hiram Melville”.

Er hat nie etwas geschrieben, hinter dem er nicht stand, und er hat damit sein Leben lang nicht aufgehört. Erfolg findet im Kopf statt.

Mit diesem Stoff dürfen die Lehrer unter Ihnen gern zwei Schulstunden bestreiten: eine in Englisch, eine in Ethik.

Bild: Randall Enos.

Written by Wolf

26. June 2007 at 2:47 am

Posted in Moses Wolf

Warum liegt hier überhaupt Stroh rum?

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Kristine Rolofson, A Wife for Owen Chase

Das Bild: Kristine Rolofson: A Wife for Owen Chase. Montana Matchmakers, Temptation 842, 2001.

Das Buch: Owen Chase: The Loss of the Ship Essex, Sunk by a Whale. Penguin Classics 2000. Die Prework zur Prework von Nathaniel Philbrick: In the Heart of the Sea: die ungefilterten Berichte Überlebender, Erinnerungen und Apokryphen vom Schiffsunglück am 20. November 1820. Herman Melville bekam eine frühe Version der volkstümlichen Broschüre auf seiner eigenen Walreise 1840 von einem der fünf Überlebenden der Essex geschenkt und las sie in den südpazifischen Jagdgründen seines nachmaligen Moby-Dick. Eine Lektüre von weittragendem Eindruck.

Das Buch auf Deutsch: Owen Chase: Der Untergang der Essex. Europäische Verlagsanstalt, 2000. Bei Piper, 2002 komischerweise teurer.

Die berechtigte Frage aus der Überschrift: ein unbekannter Meister der Dialogführung.

Written by Wolf

23. June 2007 at 4:57 pm

Posted in Wolfs Koje

In 100 Jahren möchte ich geblogrollt werden

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Update zu Grimme Non-Mine Award:

Johannes Sprick, Annette von Droste, 1838Wie schön, dass der Grimme Online Award endlich vergeben ist; dann hat das ganze Gekabbel, wer denn nun wann aus welchen Beweggründen aus der Jury ausgetreten wurde, damit man ihn selber prämieren kann, das man gar nicht im einzelnen verlinken mag, sein Ende gefunden.

Besonders schön: Der Preis geht an ein ähnliches Projekt wie Moby-Dick 2.0 – literarisch, 19. Jahrhundert, interaktiv, versucht einen einzelnen Autor (jaja, es ist eine Autorin, geschenkt, geschenkt) zu verstehen, zeigt Spaß an bleibenden Werten – das seit langem da rechts in der Linkrolle wohnt.

Kann sein, dass Nach 100 Jahren möchte ich gelesen werden innerhalb ein paar Tagen fertig geschrieben war: Aus dem Gutenberg-Projekt abkopieren, in eintraglange Abschnitte aufteilen, alle auf einmal mit verschobenem Datum abschicken, damit sie sich in einzwei Jahren nach und nach veröffentlichen sollten, und was Gutenberg nicht hat, aus der dtv-Ausgabe abscannen.

Wenn man da vorher draufgekommen wäre. Aber will man sich wirklich messen mit all den sonstigen Zweitverwendungsplattformen und kritischen Organen für Stromgeräte?

Siehste.

Written by Wolf

22. June 2007 at 7:49 pm

Posted in Kommandobrücke

Als sei der gewaltige Nichtstuer der kunstvolle Werber

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Jendis gegen Rathjen: Ein Fall aus der Übersetzerszene, 1991–2004

Update zu Vom Umgang mit Ungeheuern und Urtexten:

Manches darf eine Melville-Übersetzung sein, nur nicht zaghaft und harmoniebedürftig.

Paul Ingendaay

… als gälte es den Nachweis, daß Melville ein miserabler Schriftsteller war.

Dieter E. Zimmer

Der Vorgang ist Jahre her und zuverlässig abgeschlossen. Die Primär- und die Sekundärmaterialien sind vollständig versammelt. Betrachten wir sie desto klarer aus der Distanz.

Matthias Jendis mit seiner ÜbersetzungMan könnte einen moderneren Vergleich wählen, wenn es einen passenderen gäbe – aber die Moby-Dick-Übersetzung von Matthias Jendis ist die Beatles, die von Friedhelm Rathjen ist die Rolling Stones.

Dass die beiden Übersetzungen, die siebte und achte deutsche insgesamt, in Konkurrenz zueinander herausgegeben wurden, ist kein Insider-Geheimnis; der Streit wurde öffentlich ausgetragen: vornehmlich im Schreibheft 57 vom September 2001.

1991 stand Herman Melvilles 100. Todestag an. Norbert Wehr, der Herausgeber der Literaturzeitschrift Schreibheft, erkannte die Wichtigkeit des Datums, gab 1990 (leider vor der Zeit der Online-Archive) eine Sondernummer zu Melville heraus und plante die Maßstäbe setzende deutsche Werkausgabe, die man schon lange schmerzlich vermisste.

Herausgeber heißt: weder Autor noch Übersetzer noch Verleger. Das sind Funktionen, die ein Herausgeber selbst versehen kann, die er aber normalerweise vergibt. Als Übersetzer beauftragte er Friedhelm Rathjen, der sich als ein Übersetzer vom Mark Twain und Robert Louis Stevenson sowie als Experte für Joyce und Beckett empfahl, als Verlag zeigte sich nach dessen ersten Übersetzungsproben für Moby-Dick Hanser interessiert. Alles wunderbar.

Friedhelm Rathjen, GASL-MitgliedHanser benannte den Initiator Norbert Wehr, den Literaturkritiker Hermann Wallmann und Paul Ingendaay als Herausgeber, Rathjen übersetzte in Rekordzeit bis 1993 den Moby-Dick fertig.

Und dann passierte erst mal gar nichts mehr. Warum, muss man Hanser fragen, vielleicht antwortet ja jemand. Rathjens Manuskript ruhte fünf Jahre beim Verlag, die drei Herausgeber hatten sich schon 1996 Aussichtsreicherem zugewandt.

Unversehens winkte das Jahr 2001, was bedeutet: zehn Jahre nach Wehrs Ausgangsidee und 150 Jahre nach Ersterscheinen von Moby-Dick. Nun erkannte seinerseits der Hanser Verlag die Wichtigkeit des Datums und fand einen neuen Herausgeber für die Melville-Ausgabe: Daniel Göske, Professor für Amerikanistik/Literaturwissenschaft in Kassel. Guter Mann, 1988 über Melville promoviert, Übersetzer für Joseph Conrad, keine Gegenanzeigen. Aber dann las er Rathjens Moby-Dick und befand: Geht nicht, kommt nicht in meine Melville-Ausgabe – und zog Matthias Jendis hinzu. Guter Mann, Seefahrer, Übersetzer für seekriegshistorische Romane, keine Gegenanzeigen. Göske einigte sich mit Rathjen, mit dem dritten Mann Jendis eine Kompromisslinie anhand der schon mal vorliegenden Version zu verfolgen.

Nun arbeitete Jendis allerdings dermaßen gründlich, dass Rathjen sein Manuskript nicht wiedererkannte, nichts mehr damit zu tun haben wollte und seinen Namen davon zurückzog. Rathjen bekam die Rechte an seiner Übersetzung zurück, Jendis firmierte bei Hanser als neuer Übersetzer. Ob aus unüberbrückbaren Differenzen, verlagspolitischer Taktik, Qualitätsbedenken oder Finanzierungsproblemen, plötzlich haben wir 2001 zwei Moby-Dick-Übersetzungen. Den Leser freut’s.

Die Jendis-Übersetzung bei Hanser war am 17. September 2001 pünktlich zum 150. käuflich, zur selben Zeit brachte der alte Herausgeber Norbert Wehr im Schreibheft 57: Die Weiße des Wals Auszüge aus der ursprünglichen Rathjen-Übersetzung nebst kritischen Besprechungen der beiden Versionen, als ob es Zufall wäre.

Das war die Vorlage für die meisten folgenden Besprechungen. Ein Feuilletonist konnte Jendis gut finden oder Rathjen oder sogar beide, es gab Argumente für alles und das Gegenteil davon. Wer in dieser berüchtigten Nummer 57 nicht zu Wort kam: der konkurrierende Übersetzer Jendis.

Nun das deutsche Feuilleton die Übersetzungen nebeneinander vergleichen konnte, stellte sich einmal mehr heraus, wie sperrig Rathjen doch übersetzen konnte. Texttreu, ja – aber um welchen Preis! Dieter E. Zimmer, einer der hellsten Köpfe für Wissenschaftsjournalismus und brillantesten Überseter, die wir haben, bescheinigte Rathjen in der „Zeit“ vom 15. November 2001, „das Befremdende an der Sprache des Moby-Dick in ein ebenso befremdendes, verkorkstes Deutsch zu überführen“. Das Info-Blatt 6 des ADÜ Nord (Assoziierte Dolmetscher und Übersetzer Norddeutschlands e.V.) vom Dezember 2001 beherbergt online Zimmers „Zeit“-Artikel einschließlich der Vergleiche zwischen nicht nur den beiden inkriminierten Übersetzungen: im .pdf ab Seite 4.

Cover Rathjen-ÜbesetzungWie aus Trotz beheimatete Wehr, ein Lapsus in der Zahlenmystik, am 8. Dezember 2004 “seine” Übersetzung in ihrer Gesamtheit doch noch bei Zweitausendeins, dem Verlag für abgelegene Kuriositäten.

In den Anhang ist Rathjens Werkstattbericht „Öffentliche Erinnerungen und Bekenntnisse eines selbstgerechten Übersetzers“ unter der Überschrift „Wie ich Moby-Dick übersetzte“ aufgenommen, der sich wie eine ausführliche Rechtfertigung für seine Arbeitsmethode liest. Eine boshafte Erklärung dafür ist, dass Rathjen in seinem vorgelegten Rekordtempo ein Ergebnis abgeliefert hat, das seinen eigenen Ansprüchen nicht genügte, und diesen „Pfusch“ nun auf eine rationale Ebene hob.

Ist es Zufall, dass er sich mit seiner eigenen Arbeitsmethode ausgerechnet auf die von Daniel Göske beruft, der in der Frühphase des Geschehens 1991 Melvilles Tagebuch der Europareise 1856/57 für Gachnang & Springer mit ähnlichen Ansprüchen übersetzte und Rathjen später auf seiner Übersetzung sitzen ließ? Hat Rathjen seine Übersetzung schnell runtergehackt – heißt er sie doch selbst eine „Übersetzerfron“ – und lieber den Aufwand der nachträglichen Rechtfertigung in Kauf genommen? Dann wäre die ganze Auseinandersetzung aus Arbeitsökonomie und Angstbeißen entstanden.

Moby-Dick Melville/Jendis/GöskeIm jüngeren deutschen Verlagsgeschehen zählt dieses wohl doch nicht ausschließlich sachlich zu begründende, sich immerhin über 13 Jahre hinziehende Hickhack zu den durchaus spektakulären Streitigkeiten. Verlage gelten als Kuschelbranche, was daher kommt, dass sie auch in materialistischen Zeiten Menschen anlocken (und in Führungspositionen vorlassen), die sich als Liebhaber von Büchern und stiller, geistiger Betätigung verstehen. Auch wenn Verlage natürlich wirtschaftliche Gewinne anstreben, denn ein bankrotter Verlag ist ein schlechter Verlag. Erklärte Liebhaber von Geld fahren besser, wenn sie Investmentbanker werden.

Der Übersetzerstreit wollte eigentlich gar keiner sein, meint deshalb Elke Biesel in Vom Umgang mit der „Monstrosität“. Streit um eine Melville-Übersetzung in jenem möglicherweise in kriegerischer Absicht melville-thematischen Schreibheft 57. Das Duell ist aus Sicht des Lesers, der sich weder um Verlagsinterna noch um persönliche Nickeligkeiten unter Übersetzern scheren muss, ein Duett.

Besonders aufschlussreich ist in dieser Hinsicht der Beitrag von Paul Ingendaay im gleichen Heft: Walgesänge bei Gegenwind. Vom Lesen, Übersetzen und Rezitieren sowie einigen Besonderheiten in Friedhelm Rathjens Moby-Dick. Ingendaay war, wir erinnern uns, einer der drei zuerst vorgesehenen Herausgeber der Rathjen-Version. Auch wenn in seinem Direktvergleich letztendlich Rathjen gewinnt, nimmt er die Lösungen, zu denen Jendis gelangt ist, anständigerweise ernst. In seiner Darstellung wird deutlich, was Rathjen den Ruf als sturster Übersetzer Deutschlands eingetragen hat.

Nicht nur John Hustons Verfilmung ist ein solcher Kompromiß. Auch Friedhelm Rathjens Übersetzung, die hier als Stapel von Kapiteln vor mir liegt, ist es. Denn sie strebt Reinheit, Genauigkeit, Sperrigkeit, Knorrigkeit an – wenn’s sein muß knorriger als das Original –, sie kündigt jede Übereinkunft mit lieblichem Übersetzerdeutsch auf und ist doch nur eine weitere Variation der langen Aneignungsgeschichte dieses Romans. Nicht Schaufenster, sondern Sprachlabor und Wortmuseum, das ist Rathjens Moby-Dick. […]

Das laute Lesen hat mir Ohren und Augen geöffnet. Plötzlich nämlich wurde die manchmal kauzige Orthographie, zu der Rathjen sich bemüßigt fühlt, gegenstandslos (was sie in Wahrheit ja auch ist). Ich löste mich von der gedruckten Seite und überließ mich dem Klang und dem Rhythmus dieses Deutsch, das Rathjen schreibt. Jetzt zeigten sich Wucht und Klarheit des Textes, nicht trotz, sondern gerade wegen der sprachhistorisierenden Syntax, des älteren Vokabulars und der völligen Unerschrockenheit gegenüber langen Satzperioden. […]

Und dann doch wieder zusammenfassend:

Zu Recht beklagen Übersetzer und Lektoren, wie leicht es sich Rezensenten mit der Übersetzungskritik machen. Drei Belege, knackig zitiert, und das Urteil ist fertig. Mehr als sechs Zeilen braucht man dafür nicht. Im vorliegenden Fall kann und darf es darum nicht gehen. Jeder muß sich selbst in Rathjens Moby-Dick fallen lassen und sehen, wie und wohin der Wal ihn trägt. Wenn die Gewißheiten darüber, wie Weltliteratur des 19. Jahrhunderts auf deutsch zu klingen habe, erschüttert werden, ist viel gewonnen.

Ingendaays angenehm unprätenziöse Implikation: dass dieses gelehrte Vergleichen von Übersetzungen doch ein höchst elitärer Sport ist. Man weiß von Leuten, die kennen Moby-Dick als Film oder bestenfalls in einer zuschanden gekürzten Kinderausgabe, die taktvoll verschweigt, welche Altübetzung sie da verunglimpft hat – und leben in der gleichen schönen Gewissheit wie ein englischer Philologe, sie kennten ihn.

Der Roman konnte ohnehin über alledem stehen, er erlebte dergleichen nicht zum ersten Mal: Schon die Urausgabe 1851 war in zwei Versionen erschienen, einer britischen und einer US-amerikanischen.

Unabhängig davon, auf welchen Wegen gleich zwei Übersetzungen entstanden sind, deren jede die bis auf weiteres gültige sein will, für das lesende Publikum ist die Doppelung ein Gewinn. Wir haben Jendis als überaus ordentliche, lesefreundliche, moderne Version, und wir haben Rathjen als Schnellreferenz, um im eigenen Mutteridiom festzustellen, welchen Tonfall Melville gemeint hat, beides reife Leistungen mit allen Vor- und Nachteilen. Jendis, um vor interessierten Laien anzugeben, und Rathjen als Gelehrtenspaß, um kleine Mädchen zu erschrecken.

Der Vorteil beim Jendis-Buch: der üppige Anhang mit Nachwort und Stellenkommentar auf dem aktuellen Stand der Forschung; der Vorteil beim Rathjen-Buch: der ebenfalls üppige Anhang mit “Texten aus dem Quellgebiet”, die wichtigsten davon erstmals deutsch und überhaupt mal allgemein zugänglich, und die 1930er Illustrationen von Rockwell Kent, erstmals vollständig in einer deutschen Ausgabe. Handliche Schmöker und Bücher fürs Leben sind sie beide.

Vor diesem Hintergrund etwas genauer skizziert, ist Jendis doch nicht die Beatles, sondern die Beatles mit Charlie Watts am Schlagzeug, und Rathjen doch nicht die Rolling Stones, sondern die Rolling Stones in einer Besetzung mit Captain Beefheart.

Walkampf, ADÜ Nord, Info-Blatt Dezember 2001

Written by Wolf

20. June 2007 at 1:51 am

Wenn Roger-Martin Buergel Moby-Dick geschrieben hätte

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Update zu Moby-Dick als Comic:

Die Documenta läuft. Der Kurator Roger-Martin Buergel legt bei der 12. Ausfertigung Wert auf den “Dialog mit den Besuchern”, und die Studis, die sich mit Fremdenführen was dazuverdienen wollen, und das in Kassel, dürfen es ausbaden.

Einer von denen muss die Buergelmaschine erfunden haben – und endlich versteht man sogar seine eigene Kunst.

Ismael Wolf, Die Weisheit des Wals

Coming to us via Hamlet Hamster.

Written by Wolf

18. June 2007 at 11:57 pm

Posted in Mundschenk Wolf