Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for December 2006

Die Seeräuber-Jenny: Ein moderndes Frauenschicksal

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Halten wir zum wiederholten Male fest: Auf der Pequod finden keine Frauen statt, und das ist gut so. Frauen auf Schiffen bringen Unglück, und damit der Binsen noch mehr sind: Am besten machen sie sich, wenn sie von der Hafenmauer winken.

Zwei gab es, die haben es probiert: Anne “Providence” Bonny und Mary Read. Das ging böse aus.

Und eine gab es, die gab es gar nicht: Die Seeräuber-Jenny ist allenfalls eine Ballade von Polly Peachum, und die ist ein Konstrukt aus der Dreigroschenoper, und die ist ein Remake von der Beggar’s Opera. Die sich (wie Nada Njiente) für sie halten, machen (wie Rita Mae Brunette) ihre Arbeit nicht ordentlich, und die es (wie Lotte Lenya) fast geschafft hätten, sind tot. Und zuvor sind sie als rausgewachsenes Bond-Girl geendet.

Die es nach einer dermaßen traurigen Bilanz (wie Grace Margaret Mulligan) immer noch versuchen, dürfen sich nicht wundern, wenn sie gleichzeitig bedienen, studieren, rauben, morden und einen Windjammer befehligen müssen.

Aber ein Wort wie Getös ist es wert.

Seeräuber-Jenny in der nächsten Whiskybar

Written by Wolf

31. December 2006 at 3:13 am

Posted in Mundschenk Wolf

Bücherliste 3:00

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Selten, ganz arg selten erwachsen in mir Zweifel, warum ich mir seit August mit der Bücherliste nebenan so einen abbreche. Zum Beispiel dann, wenn andere Leute die erste Hälfte davon in drei Minuten meistern.

Lebenslang lesen

Written by Wolf

30. December 2006 at 5:26 am

Posted in Moses Wolf

Captain’s Blues

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Meine eigene Hütte sollte
immer aussehen wie
war natürlich nicht zu machen
Captain Ahabs Kajüte.

Bislang hat’s gereicht für
einen Kompass der
die Windrose aus Fliesen im
fensterlosen Bad ausrichten half.

Eine sagte dazu: Na wenn’s dir sonst danke geht
die nächste: was ich für einem Patriarchenscheiß
die dritte: was ich für einem Lausbubenscheiß
obläge und ob’s mir noch danke geht.

Ich hab immer langsam gelebt.
Wenn nichts dazwischenkommt
werd ich noch richtig
steinalt.

The Smell

Written by Wolf

27. December 2006 at 2:21 pm

Posted in Wolfs Koje

Jahresendmeeressäugetiereschwanzflossenfigur

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Leben mit Melville: Die engelförmige Kerze von Muttern sieht aus wie ein in den Tisch gerammter Wal, wenn ihr der Kopf abgefackelt ist (der Kerze, nicht der Mutter). Wenn man dann noch zwei eierförmige Kerzen davorstellt und alles in Flammen steckt, hat man eine freudianische Schulhofalberei. Whatever happened to the Heilige Nacht. Jetzt weiß ich endlich, warum Moby-Dick Moby-Dick heißt.

Gell, da bläst er

Written by Wolf

25. December 2006 at 5:39 pm

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Joachim Ringelnatz: Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu

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Mein Haus-, Hof-, Leib- und Magenheiliger Joachim Ringelnatz, der alte Seebär, tat ja immer sowas von unsentimental. Walter Giller, mit dem mich nicht viel mehr als die Initialen verbindet, hat diese Ballade, gegen die sich die gleichnamige Kategorie von Schiller wie eine Sammlung Büttenreden ausnimmt, mal im Fernsehen vorgetragen. Das war in den Siebzigern, als es noch große Fernsehmomente zu erleben gab. Man mag jene Zeiten bedauern oder belächeln, in denen unter Fernsehunterhaltung verstanden wurde, dass ein Anzugträger ein Gedicht aufsagt, aber Herrn Gillers leicht kratziger Bierbass war genau richtig. Hinterher war wieder Fernsehballett.

Das schenk ich allen Fans von Moby-Dick zu Weihnachten. So wesensfremd können Melville und Ringelnatz ja nicht gewesen sein. – Halleluja mitsammen.

Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu

Die Springburn hatte festgemacht
Am Petersenkai.
Kuttel Daddeldu jumpte an Land,
Durch den Freihafen und die stille heilige Nacht
Und an dem Zollwächter vorbei.
Er schwenkte einen Bananensack in der Hand.
Damit wollte er dem Zollmann den Schädel spalten.
Wenn er es wagte, ihn anzuhalten.
Da flohen die zwei voreinander mit drohenden Reden.
Aber auf einmal trafen sich wieder beide im König von Schweden.

Daddeldus Braut liebte die Männer vom Meere,
Denn sie stammte aus Bayern.
Und jetzt war sie bei einer Abortfrau in der Lehre,
Und bei ihr wollte Kuttel Daddeldu Weihnachten feiern.

Im König von Schweden war Kuttel bekannt als Krakehler.
Deswegen begrüßte der Wirt ihn freundlich: »Hallo old sailer!«
Daddeldu liebte solch freie, herzhafte Reden,
Deswegen beschenkte er gleich den König von Schweden.
Er schenkte ihm Feigen und sechs Stück Kolibri
Und sagte: »Da nimm, du Affe!«
Daddeldu sagte nie »Sie«.
Er hatte auch Wanzen und eine Masse
Chinesischer Tassen für seine Braut mitgebracht.

Aber nun sangen die Gäste »Stille Nacht, Heilige Nacht«,
Und da schenkte er jedem Gast eine Tasse
Und behielt für die Braut nur noch drei.
Aber als er sich später mal darauf setzte,
Gingen auch diese versehentlich noch entzwei,
Ohne daß sich Daddeldu selber verletzte.

Und ein Mädchen nannte ihn Trunkenbold
Und schrie: er habe sie an die Beine geneckt.
Aber Daddeldu zahlte alles in englischen Pfund in Gold.
Und das Mädchen steckte ihm Christbaumkonfekt
Still in die Taschen und lächelte hold
Und goß noch Genever zu dem Gilka mit Rum in den Sekt.
Daddeldu dacht an die wartende Braut.
Aber es hatte nicht sein gesollt,
Denn nun sangen sie wieder so schön und so laut.
Und Daddeldu hatte die Wanzen noch nicht verzollt,
Deshalb zahlte er alles in englischen Pfund in Gold.

Und das war alles wie Traum.
Plötzlich brannte der Weihnachtsbaum.
Plötzlich brannte das Sofa und die Tapete,
Kam eine Marmorplatte geschwirrt,
Rannte der große Spiegel gegen den kleinen Wirt.
Und die See ging hoch und der Wind wehte.

Daddeldu wankte mit einer blutigen Nase
(Nicht mit seiner eigenen) hinaus auf die Straße.
Und eine höhnische Stimme hinter ihm schrie:
»Sie Daddel Sie!«
Und links und rechts schwirrten die Kolibri.

Die Weihnachtskerzen im Pavillon an der Mattentwiete erloschen.
Die alte Abortfrau begab sich zur Ruh.
Draußen stand Daddeldu
Und suchte für alle Fälle nach einem Groschen.
Da trat aus der Tür seine Braut
Und weinte laut:
Warum er so spät aus Honolulu käme?
Ob er sich gar nicht mehr schäme?
Und klappte die Tür wieder zu.
An der Tür stand: »Für Damen«.

Es dämmerte langsam. Die ersten Kunden kamen,
Und stolperten über den schlafenden Daddeldu.

papiertheater.eu

Written by Wolf

24. December 2006 at 6:00 pm

Aus aktuellem Anlass: Eine Reise ins Heilige Land

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Update zu Alles Clarel:

Der Tod friert ein, der Schlaf taut auf.
Herman Melville: Clarel

Transeamus usque BethlehemWäre mir auf die Schnelle gar nicht aufgefallen: Die verdienstreiche Neuübersetzung von Clarel ist in Erstauflage mit 1500 Stück erschienen. So mitleidig Melvilles Landsmann Stephen King da grinst, sind das trotzdem 454 Prozent Steigerung gegenüber der Erstauflage des Originals. Von wegen der Tod friert ein.

Written by Wolf

23. December 2006 at 2:45 pm

Posted in Rabe Wolf

Walskelette gucken

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Hang 'em highTalking of Ostfriesland: Was nicht mal die Wiki kennt, versteckt sich seit 10. Dezember (2006…) in den hiesigen als Spam eingestuften Kommentaren: Im Borkumer Heimatmuseum Dykhus haben sie ein Pottwalskelett. Und sie sind bei weitem nicht die einzigen damit. Mit dem Pottwalpenis als Feuchtpräparat und Dermatoplastik stehen sie dagegen so ziemlich als einzige da – was man ihnen auch gönnen möchte.

Die Borkumer Fotos zum Beispiel, wie die ganze Internetpräsenz, sehen etwas hausbacken aus – aber erstens ist das irgendwas zwischen historisch und nostalgisch, zweitens gerade deswegen vertrauenerweckend, und drittens wird das demnächst in (vor allem, wenn in Europa der Stinkebonken knapp wird und die Leute wieder Sachen zu schätzen wissen, die man weder in der Wiki noch alle Tage in Ebay findet).

Written by Wolf

22. December 2006 at 2:18 am

Posted in Moses Wolf