Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for December 2008

Das Hörbuch als Video: Kapitel 18: Sein Zeichen

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Update zu Kapitel 17: Der Ramadan:

Das 18. Kapitel (10:46 Minuten) ist fertig.

Kleines Mädchen München Rindermarkt

Copyright Lesung: marebuchverlag Hamburg, 2007.
Sprecher: Christian Brückner;
Copyright Übersetzung: Zweitausendeins Frankfurt/Main, 2006;
Buch mit 2 .mp3-CDs kaufen.

Bild: Leonie (Name geändert) will noch nicht nach Hause, Rindermarkt München, 9. August 2008.

Written by Wolf

31. December 2008 at 12:01 am

Posted in Siedekessel

Überall ist Entenhausen

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Update zu Proposing a city in which I would not, in fact, be allowed to exist
und Ich verbitte mir solche zoologischen Spitzfindigkeiten! (Eine regelrechte Walschule):

Vielleicht gibt es ja sogar Bielefeld?

Nadja, ca. 2001.

It is not down in any map; true places never are.

Chapter XII: Biographical.

Everything you can think of is true.

Tom Waits/Kathleen Brennan, aus: Alice, 1992/2002.

An seinem 23. Geburtstag traf ihn der Schlag. An der Kasse vom Getränkemarkt, in dem er das Bier für die Feier zahlen wollte, war es plötzlich “so, als hätte jemand die Luft aus meiner linken Körperhälfte gelassen”. Durchblutungsstörung im Gehirn, Schlaganfall, die linke Körperhälfte erschlafft, seine Frau verließ ihn, er konnte seinen Beruf nicht mehr ausüben: Kartograph.

Das war 1969. Statt dessen wurde Jürgen Wollina Diplomingenieur für Landkartentechnik. 1994 wurde alles besser: Da trat er der D.O.N.A.L.D. bei und gründete alsbald die Unterorganisation M.Ü.C.K.E. (Meisterhafte Überarbeitung chaotischer Kartengrundlagen Entenhausens) mit dem Ziel, den einzig wahren Stadt- und Umgebungsplan von Entenhausen zu erstellen [Update: Jetzt mit Wikipedia-Artikel]. Das hat sinnigerweise ziemlich genau 13 Jahre gedauert.

Noch sinnigerer Weise präsentierte Wollina diesen Meilenstein der Kartographie in einer Stadt, die nur unter den wohlwollendsten Definitionsverrenkungen überhaupt existiert, und dann noch zum 31. Kongress auf der Burg und Festung Sparrenberg.

Alles einhändig? Nicht ganz: Wollina gewann außer allerhand Gratisanfeuerung aus donaldistischen Reihen auch Christian Pfeiler, verdientes Mitglied bei S.N.O.W.L.S., anno 2008 f. aktuelle PräsidEnte und beruflich mit Stadtplanung vertraut, als rechte — oder hier passender: linke Hand.

Für das, was im Laufe der Forschung außer dem Stadtplan entstand, wäre das Wort “Nebenprodukt” eine Beschimpfung: Das bildgenaue Barks/Fuchstext-Stichwortregister von 740 DIN A4-Seiten heißt inzwischen respekt- und liebevoll Der Große Wollina. Leider wird die Konkordanz mit ihren 52.313 Stichworten immer noch nicht regulär verlegt — nicht einmal vom hassgeliebten Ehapa —, nur zum Selbstkostenpreis von 85, Leinen mit Silberprägung 120 Euro, von Wollina auf Zuruf hergestellt. Als Sonderheft 45 des Der Donaldist erschien schon mal “Entenhausen deine Brücken”, eine Beschreibung und Darstellung aller 61 Brücken in Entenhausen, die im Werk von Carl Barks vorkommen, mit umfangreichen kartographischen Angaben auf 112 Seiten. Beim Versuch, einen Verleger zu finden, musste sich Wollina angesichts des gemutmaßten Zeitaufwands fragen lassen: “Mal ganz im Vertrauen: Haben Sie gesessen?”

Das Korpus, nach dem geforscht wurde, war spätestens 2000 mit Carl Barks’ Tod abgeschlossen. Sein Gesamtwerk, erhältlich in der Carl Barks Library in 30 Bänden in 10 Schubern, umfasst etwa 700 Entenhausener Berichte. Wollina und Pfeiler analysierten demnach rund 6.500 Seiten — 52.000 Bilder, eins nach dem anderen, auf denen Barks ganz selten einen tatsächlichen Stadtplanausschnitt sichtbar macht. Jede einzelne Erwähnung von Ortsnamen in der Übersetzung von Frau Dr. Erika Fuchs wurde berücksichtigt und ins vorhandene Material eingepasst. Eine Auffassung “Es wird schon irgendwie stimmen” kam nie in Frage.

Das Begleitbuch in Falk-Planoptik zum Stadtplan, der soeben als Sonderheft 55 an die Mitglieder der D.O.N.A.L.D. verschickt wurde, gibt außer einem erschöpfenden Register Wollinas Forschungsgeschichte wieder: die Mühen der Erhebung, Relationierung, die immer wieder auftretenden Widersprüche in Barks’ unanfechtbarem real existierenden Duckiversum, die oft genug nahelegten, den Bettel hinzuschmeißen; gibt es doch kaum etwas Donaldischeres denn Scheitern.

Und dann die Digitalisierung als standardisiertes Bildmaterial. Schließlich mussten Barks’ vorgegebene Bilder aus den Frames gehoben, in plane Perspektive gerückt und auf Maßstab gebracht werden. Ohne CAD-Programmierung mit Pfeilers stadtplanerischen Kenntnissen in Rasterentzerrung wäre das gar nicht möglich gewesen. Wollina dokumentiert es mit anschaulichen Arbeitsproben.

Jürgen Bröker hat Jürgen Wollina für Die Zeit 49 vom 27. November 2008 in seinem Wohnort Pocking interviewt — für die letzten Zweifler: nicht auf der Witzseite Leben, sondern im Teil Wissen — und gleich zwei Artikel daraus gemacht: Ächz!! würdigt die Bedeutung von Wollinas Arbeit, Dem Erpel auf der Spur ihn selbst — und bringt einen sehr schönen, sehr großen Scan des Gesamtplans der lauschigen Weltstadt an der Gumpe von der Vulkaninsel bis zum Großen Erpelsee, von der Big-Dollar-Ranch bis zur Satanszacke, einschließlich sämtlicher bekannten Wohnsitze von Donald Duck, Daisy und Gustav Gans, aller Geldspeicher von Dagobert, aller Laboratorien von Daniel Düsentrieb, aller Brücken sowie aller nachweisbaren Straßennamen und Verläufe der ÖPNV-Linien auf dem Forschungsstand November 2008.

Der einzig wahre Stadt- und Umgebungsplan von Entenhausen im Format DIN A0 quer, gerollt kann beim Kassenwart der D.O.N.A.L.D. für ein Nichts bestellt werden, weil das N in D.O.N.A.L.D. für “Nichtkommerziell” steht.

Bei seiner Projektidee war Wollina 47. Heute wird er 62. Hoffentlich kann er für den Rest seiner Karriere noch anständig Orden für dieses Lebenswerk abstauben, das wäre donaldisch. Noch einmal die Hymne für M.Ü.C.K.E.!

Der einzig wahre Stadt- und Umgebungsplan von Entenhausen

Bild: Jürgen Wollina/Christian Pfeiler/M.Ü.C.K.E./D.O.N.A.L.D., Dezember 2008.

Written by Wolf

30. December 2008 at 12:01 am

Posted in Rabe Wolf

Rogue’s Gallery: The Art of the Siren, #12

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Plus a perfectly peachy keen Dezembergewinnspiel!

Song: David Thomas: Dan Dan (0:47 minutes)
from Rogue’s Gallery: Pirate Ballads, Sea Songs, and Chanteys, ANTI- 2006.
Buy CD in Germany and elsewhere.
Image: Alberto Vargas, April 1945.

Lyrics:

My name, it is Dan Dan
My name, it is Dan Dan
Somebody stole my rum
He didn’t leave me none
That no good son of a gun
My name, it is Dan Dan
A sailor man I am
Somebody took my wife
Somebody took my knife
My name, it is Dan Dan

Explanatory liner notes by ANTI-:

A West Indian work chant which was first used ashore and later taken to sea as a simple halyard chantey.

Interpretation by Hulton “Ranzo” Clint from the comments:

“Dan Dan” is a rare chantey. In all probability, David Thomas has based his recording directly from a recording by singers from Mystic Seaport (in my home state of Connecticut, U.S.A.). THEIR version, I would guess, is their unique re-creation based off of Hugill’s text [Stan Hugill: Shanties and Sailors’ Songs, 1969]. The text is not very explicit, so they probably had to use a lot of imagination to develop it from such scanty notes.

December Contest:

Understanding the lyrics for the song above has been a complete failure. I encourage you — and you and you and even you — why, especially you — to provide them, by searching, by listening or by asking Mr. Thomas, write them into a comment, and win one of the following prizes:

  • 1 CD containing 26 songs by The Muffs (private copy as raffled before);
  • 1 CD by Carson Sage and the Black Riders, a Nuremberg independent band (rare and happy music by nowaday’s What about Carson as lauded before, private copies):
    • Final Kitchen Blowout (1993);
    • Walk With an Erection (5-song-EP 1993); or
    • Great Music in Stereo (1995);
  • 1 copy of Herman Melville: The Lightning-Rod Man in German, translation by Richard Mummendey on reprographic paper, c. 10 pages. Absolutely rare and in great demand on Moby-Dick™;
  • 1 permission to write a guest article (and get it published) containing whatever you always wanted to say.

Get ready until Sunday, January 11th, 2009.

Edit: Molten Hulton Clint posted the lyrics — one day late and someplace else. Regardless of the date, since I prolonged the contest ad infinitum, Mr. Clint is winner. Congratulations and feel free to pick up your prize. /Edit

Written by Wolf

28. December 2008 at 12:01 am

Posted in Siren Sounds

I’ll Shoot the Sun

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Wolf blickt anhand Kapitel 34: An der Kajütstafel auf 2008 zurück:

I appeal to any white man to say, if ever he entered Logan’s cabin hungry, and he gave him not meat; if ever he came cold and naked, and he clothed him not.

Chief Logan’s Lament 1774, rendered 1782.

Walfischprinzip bedeutet, dass einer durch ein meist sinnbildliches Meer pflügt und das Vorhandene wahllos wie Plankton aufsaugt.

Er sei ein pathologischer Leser, der nach dem Walfischprinzip Unmengen von Seiten in sich hineinsaugt, damit zwei, drei Gedanken hängenbleiben. Er lese überall, auf dem Klo, in der Wanne, im Bett, brauche circa drei Stunden für ein Buch.

Never Sea Land, Boat Babesbeschreibt sich Hans Magnus Enzensberger. Genau so. Und gar nicht so verschieden von dem, was Moby-Dick™ im dritten Jahr — and still counting — treibt. Und noch viel näher an dem, was Herman Melville in der Primärliteratur, dem echten Moby-Dick getan hat: wild brainstormen, aus dem schöpfen, was er zuvor erlebt und gelesen hat, kurz durchkauen und auf Tauglichkeit prüfen, das Beste wieder von sich speien. Man hat schon appetitlichere Bilder fürs Kunstschaffen gefunden, aber der zweite Teil von Reader’s Digest bedeutet verdauen.

2008 war ein Jahr, in dem Menschen meinen Gesichtsradius betraten, denen ich was glaube. You know who you are, folks. Jemand hat mir ein Lied geschenkt. Jemand hat für mich gebastelt, andere haben mir Bilder und Bücher ans Herz gelegt — was soll man mir auch groß schenken, gell — und ein Buddelschiff war dabei, das ich wenigstens endlich mal zusammensetzen könnte. Einer hat sich darum gerissen, uns einen Gastbeitrag zu schreiben. Was die Menschen mir mitteilen wollten, hatte immer mit Literatur, Musik, Seefahrt, deutsch-amerikanischen Interferenzen und liebreizenden Frauen zu tun, sie haben sich Gedanken zu mir gemacht und ich fühlte mich verstanden. Andere konnten mir schlüssig begründen, warum die Rathjen-Übersetzung vielleicht doch besser ist als ihre Bearbeitung, die zur Jendis-Übersetzung wurde: Der schroffe Felsen Rathjen kommt dem Original wohl doch näher denn Jendis’ geschliffene Kiesel. Da waren freundliche Gesichter, ich hab hellen Köpfen zugehört, angenehmen Umgang gepflogen, bin lauter wertvollen Menschen begegnet, und mich wandelt das aberwitzige Bedürfnis an, mich bei jemandem oder etwas dafür zu bedanken, dass ich dergleichen noch erleben darf.

Ahab treffen wir wieder, wie er “soeben die Sonne geschossen” hat — bitte was, Herr Jendis? Soll ein langweiliges taking an observation of the sun ein Vorgriff auf seine Drohung an die Sonne sein: I’d strike the sun if it insulted me? Rat steht bei Rathjen: “soeben die Sonnenhöhe vermessen” — ach so. Der neue Mensch in unserem Gesichtsradius ist der Steward Dough-Boy, der Ahab zum Essen an den Cabin-Table ruft.

Was Melville in weiteren Verlauf aus seinem Seemannswissen serviert, ist ein denkbar tristes Bild von einer Mahlzeit unter Schiffsoffizieren, für die einer den anderen rituell einlädt, obwohl der Steward Teig- oder Blaßkopp, das “Zittern und Zagen” auf zwei Beinen, bestimmt pünktlich anrichtet. Das hätte man den verwegenen Seefahrern Starbuck, Stubb und Flask gar nicht zugetraut, dass sie ausgerechnet für die Zeit der Energiezufuhr zu solchen Mimosen mutieren und so eine “saft- und kraftlose Familienfeier” abziehen. Melville begründet es uns: Das ist so mit den oberen Chargen, “nicht die geringste der Merkwürdigkeiten”. Das will ich mal so glauben, unkorrigierter Neigung nach bin ich ja mehr so der Nichtesser.

In grellem Gegensatz dazu stehen die zweithöchsten Chargen: Die Harpuniere nutzen traditionell als zweite die Kapitänskajüte zum Futtern — und verleihen der Tätigkeit schon allein durch ihre Herangehensweise ungleich mehr Sinn.

Nur, weil es Wilde sind? Wir erinnern uns, dass die drei Vizes der Pequod Melvilles Repertoire der exotischen Völker entstammen: Queequeg einer aus “Kokovoko” in der Südsee, Tashtego ein Indianer, Daggoo der beeindruckendste aller Neger. — Nein, bestimmt auch, weil das die Ersten sind, die körperlich arbeiten: mit den Händen, mit ihren gestählten, wettergegerbten Körpern, und mit dem Kopf noch dazu. Das zehrt.

Und einmal mehr handelt Melville nach dem Prinzip des Walfischs und nimmt die Gelegenheit wahr, für seine Politik zu werben: Der ausgelassene Haufe der ehrbaren edlen Wilden besteht einfach aus den besseren, unverfälschteren, kurz: menschlicheren Leuten, die jede liebe Mahlzeit wieder eine almost frantic democracy feiern, wohingegen der Unterste der Oberen, der dritte Steuermann Flask, schon ein butterless man in einer undankbaren Sandwich-Position war. Daggoo, der Queequeg wohl bald den Rang in Naturwüchsigkeit ablaufen wird, ernährt sich geradezu metaphysisch:

But, doubtless, this noble savage fed strong and drank deep of the abounding element of air; and through his dilated nostrils snuffed in the sublime life of the worlds.

Ihr energisches Treiben ist deshalb die blanke Vitalität; sie steinigen uns mit Essensresten aus jeder weichbirnigen Interpretation.

Chief James Logan, Ohio Historical SocietyDa kreuzt noch ein Neuer unsere Sicht: Chief Logan, entgegen Göskes Daten in allen anderen Quellen nicht 1800, sondern schon 1780 mutmaßlich von seinem Neffen ermordet, außerdem Häuptling nicht der Shawnees, sondern der Mingos (die ihre entfernten Verwandten sind). Dieser leidgeprüfte Märtyrer der Menschlichkeit ernährt sich so trostlos wie nicht einmal die Offiziere der Pequod, die immerhin vom Besten bekommen, wenngleich in etwas trüber Atmosphäre. Logan, hinterbringt uns Melville, saß den Winter über in einer Baumhöhle gefangen und lutschte am Daumen.

Gegen die Not, an sich selbst zu knabbern, um nicht einzugehen, ist Masturbation, mit Verlaub, eine Orgie. Das Kapitel endet mit der übelstmöglichen Vorstellung von Ernährung. Die hat sich Chief Logan nicht ausgesucht, nachdem er zusehen musste, wie seiner hochschwangeren Tochter das Kind aus dem Leib gerissen und skalpiert wurde; man bedarf nach Erlebnissen wie dem Yellow Creek Massacre der Kräftigung, nicht noch mehr Folter. Melville lässt seine Stimme diese historischen Fakten darstellen und dann verhallen, und das klingt mahnend: Indianer, Neger, Südseekannibalen, die 1851 wie heute als unzivilisiert Gehandelten, gewinnen die Runde. Sie sind die Gefolterten, aber die Lebendigen. Wenn sie schon die Fresse kriegen müssen, dann bitte auch was Nahrhaftes, erst bei Logans ultimativer Tristesse ist Schluss.

Essen, Leben, Zusammenleben, Demokratie. Man trifft sich; die Versuche, Abseitiges zu vergesellschaften, funktionieren, der Bauch des Wals verträgt viel Plankton. Was Melville — und wir nach ihm — unternehmen, ist nicht mehr wie üblich, die Handlung aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, sondern eine Perspektive aus verschiedenen Handlungen. Fühlen wir uns, als letzten Klimmzug 2008, dadurch an einen anderen Künstler erinnert, der uns ein politisch Lied singen wollte: Sergej Eisenstein mit seinem Plan, Das Kapital zu verfilmen. Das hätte ein Monument werden können. Was Moby-Dick mit der Umverteilung des Kapitals und Aufhebung der Klassen-, am Ende gar der Rassengesellschaft verbindet, hätte an dieser Stelle schon längst kommen sollen: anhand Jean-Pierre Lefebvre: Die Arbeit des Wals. Red Moby &/or: Das Kapital. Kommt noch, Genossen, kommt noch.

Das waren ein paar Konjunktive zu viel.

Gay Collier, Playboy Centerfold July 1965Ich selbst muss mich nämlich schuldig bekennen, einen tollen Weblog (bei mir heißt das automatisch der Weblog) in die Gosse geritten zu haben. Nicht zur Entlastung, jedoch zur Erklärung vorbringen kann ich nur meine ursprüngliche Idee, in dieses Jungsthema eine weibliche Note zu bringen, worüber ich die Perspektiven verwechselt haben muss: Es ist bestenfalls Beihilfe zur Autoerotik geworden, ja schlimmer noch: keine besonders wirksame. Ich hab versucht, euch meinen Begriff von der einzig wahren Musik, hübschen Mädchen, struppig eloquentem Deutsch und nachlässig verhohlen geklautem Englisch reinzudrücken; das war selbstherrlich und faul von mir. Man schaut eben doch immer nur aus sich heraus, niemals in andere hinein.

Zu dieser Erkenntnis bin ich bei einer Qualitätsschau gelangt, und die gängigsten Suchbegriffe (“Gisele Bündchen”, “Bettie Page Mermaid”, “sexy Zehen”, “hässliche Tiere”, “Lolita”, “Pinguine”) deuten nicht auf hohe Wissenschaftlichkeit; an den Zugriffszahlen hätte ich es nicht bemerken können. Das sagt mir wiederum, dass die Leute zu mir, zu uns stehen. Es ist gut, euch zu haben — euch auf der P.E.Q.U.O.D., euch in der Linkrolle, euch, die ich darin aus schnöder Schnöselei vergessen hab, euch, die ich klandestin im Blick behalte, und euch Underground-Leser, die uns in der Stille der Tiefe umschwimmen. Mal seid ihr ganz nah, mal habt ihr anderweitig zu tun, aber man weiß voneinander und geht sich jetzt schon eine für einen Weblog ganz ansehnliche Spanne nicht verloren. Nur ganz gelegentlich gebt ihr Laut. Es waren ausnahmslos freundliche Meldungen, meistens haben sie uns handfest bereichert. Schön, solche Leser und Fellow Freaks zu haben — wenn Stolz nur nicht so ein albernes Gefühl wäre…

2008 hat mir auch jemand einen Sextanten geschenkt. I’ll shoot the moon for you — das Mindeste, was ich tun kann. Danke fürs Da-Sein, danke für euch — I mean it.

Ist, die Herren Eisenstein, Enzensberger, Göske, Jendis, Lefebvre, Logan, Melville, Rathjen (alphabetisch) und ihr anderen alle, ist Kommunismus Demokratie? Ist er nicht, aber trotzdem etwas vom Volk Geregeltes — wer immer das sein soll. Ist Christentum Kommunismus? Ist es nicht, genuin demokratisch aber auch nicht. Beabsichtigen alle drei wenigstens ihren Theorien nach, dass es allen gut geht und den Menschen ein Wohlgefallen — jedem nach seinen Fähigkeiten und seinen Bedürfnissen? Scheißsuggestivfrage: Ja, das wollen sie.

Na also.

So, und jetzt raus mit uns, Essen fassen, das Bier wird kalt. Alles Gute.

Bilder: Never Sea Land: Boat Babes, 5. Oktober 2007;
Chief Logan, also known as James Logan: The Ohio Historical Society, 1982;
Gay Collier: Playboy Centerfold Miss July 1965 via
If Charlie Parker Was a Gunslinger, There’d Be a Whole Lot of Dead Copycats, 7. April 2007.
Soundtrack: Spillsbury: Die Wahrheit
(“Schon gut — ja, ich weiß jetzt, was du meinst.
Na klar — war doch alles trotzdem gut.
Hau rein — und ich kenn ja dein Gesicht und find dich immer wieder.”),
aus: Raus, 2003.

Written by Wolf

26. December 2008 at 12:01 am

Posted in Steuermann Wolf

Kuttel Daddeldu und die Kinder

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Update zu Denn das Herz ist durstiger als Kehle
und Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu:

Wie Daddeldu so durch die Welten schifft,
Geschieht es wohl, daß er hie und da
Eins oder das andre von seinen Kindern trifft,
Die begrüßen dann ihren Europapa:
»Gud morning! – Sdrastwuide! – Bong Jur, Daddeldü!
Bon tscherno! Ok phosphor! Tsching–tschung! Bablabü!«
Und Daddeldu dankt erstaunt und gerührt
Und senkt die Hand in die Hosentasche
Und schenkt ihnen, was er so bei sich führt,
— — Whiskyflasche,
Zündhölzer, Opium, türkischen Knaster,
Revolverpatronen und Schweinsbeulenpflaster,
Gibt jedem zwei Dollar und lächelt: »Ei, ei!«
Und nochmals: »Ei, Ei!« — Und verschwindet dabei.

Aber Kindern von deutschen und dänischen Witwen
Pflegt er sich intensiver zu widmen.
Die weiß er dann mit den seltensten Stücken
Aus allen Ländern der Welt zu beglücken.
Elefantenzähne — Kamerun,
Mit Kognak begoss’nes malaiisches Huhn,
Aus Friedrichroda ein Straußenei,
Aus Tibet einen Roman von Karl May,
Einen Eskimoschlips aus Giraffenhaar,
Auch ein Stückchen versteinertes Dromedar.

Und dann spielt der poltrige Daddeldu
Verstecken, Stierkampf und Blindekuh,
Markiert einen leprakranken Schimpansen,
Lehrt seine Kinderchen Bauchtanz tanzen
Und Schiffchen schnitzen und Tabak kauen.
Und manchmal, in Abwesenheit älterer Frauen,
Tätowiert er den strampelnden Kleinchen
Anker und Kreuze auf Ärmchen und Beinchen.

Später packt er sich sechs auf den Schoß
Und läßt sich nicht lange quälen,
Sondern legt los:
Grog saufen und dabei Märchen erzählen;
Von seinem Schiffbruch bei Helgoland,
Wo eine Woge ihn an den Strand
Auf eine Korallenspitze trieb,
Wo er dann händeringend hängenblieb.
Und hatte nichts zu fressen und saufen;
Nicht mal, wenn er gewollt hätte, einen Tropfen Trinkwasser, um seine Lippen zu benetzen,
Und kein Geld, keine Uhr zum Versetzen.
Außerdem war da gar nichts zu kaufen;
Denn dort gab’s nur Löwen mit Schlangenleiber,
Sonst weder keine Menschen als auch keine Weiber.
Und er hätte gerade so gern einmal wieder
Ein kerniges Hamburger Weibstück besucht.
Und da kniete Kuttel nach Osten zu nieder.
Und als er zum drittenmal rückwärts geflucht,
Da nahte sich plötzlich der Vogel Greif,
Und Daddeldu sagte: »Ei wont ä weif.«
Und der Vogel Greif trug ihn schnell
Bald in dies Bordell, bald in jenes Bordell
Und schenkte ihm Schlackwurst und Schnaps und so weiter. —
So erzählt Kuttel Daddeldu heiter, —
Märchen, die er ganz selber erfunden.
Und säuft. — Es verfließen die Stunden.
Die Kinder weinen. Die Märchen lallen.
Die Mutter ist längst untern Tisch gefallen,
Und Kuttel — bemüht, sie aufzuheben —
Hat sich schon zweimal dabei übergeben.
Und um die Ruhe nicht länger zu stören,
Verläßt er leise Mutter und Göhren.

Denkt aber noch tagelang hinter Sizilien
An die traulichen Stunden in seinen Familien.

Joachim Ringelnatz: Kuttel-Daddeldu, 1924.

Married to the Sea, If ou have books in your house, your kids will eventually find them.

Bild: Married to the Sea, Januar 2008.

Written by Wolf

25. December 2008 at 12:01 am

Posted in Laderaum

Bleeding Life

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Written by Wolf

24. December 2008 at 12:01 am

Posted in Laderaum

But someone stole my record player

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Written by Wolf

23. December 2008 at 12:01 am

Posted in Mundschenk Wolf