Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for the ‘Ausguck’ Category

The rhythm of our rowing

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Update zu We are the masters; otherwise there could be no poetry:

Lewis Carroll and Alice Liddell kissing, 1858Child of the pure unclouded brow
And dreaming eyes of wonder!
Though time be fleet, and I and thou
Are half a life asunder,
Thy loving smile will surely hail
The love-gift of a fairy-tale.

I have not seen thy sunny face,
Nor heard thy silver laughter;
No thought of me shall find a place
In thy young life’s hereafter —
Enough that now thou wilt not fail
To listen to my fairy-tale.

A tale begun in other days,
When summer suns were glowing —
A simple chime, that served to time
The rhythm of our rowing —
Whose echoes live in memory yet,
Though envious years would say ‘forget’.

Come, hearken then, ere voice of dread,
With bitter tidings laden,
Shall summon to unwelcome bed
A melancholy maiden!
We are but older children, dear,
Who fret to find our bedtime near.

Without, the frost, the blinding snow,
The storm-wind’s moody madness —
Within, the firelight’s ruddy glow,
And childhood’s nest of gladness.
The magic words shall hold thee fast:
Thou shalt not heed the raving blast.

And though the shadow of a sigh
May tremble through the story,
For ‘happy summer days’ gone by,
And vanish’d summer glory —
It shall not touch with breath of bale
The pleasance of our fairy-tale.

Julia Margaret Cameron, Photographic study Pomona. Alice Liddell as a young woman, 1872Es ist nicht der Jubeltag von Alice in Wonderland. Es ist auch nicht der Jubeltag des Sequels Through the Looking Glass, auch wenn das Gedicht oben das Motto zum letzteren bildet und als Highlight beider Bücher alle Tage Grund zum Jubeln hergibt. Vielmehr ist der Jubeltag — der 150. — eines Ausflugs mit Ruderpartie und Picknick: Am 4. Juli 1862 lieh sich der mathematisch gebildete Dorfgeistliche Lewis Carroll drei kleine Mädchen befreundeter Eltern aus, um mit ihnen den schönen Sommertag zu begehen.

Unterwegs, muss man sich vorstellen, wurde am Flussufer gerastet und Brotzeit gehalten; der Große, Reverend Charles Lutwidge Dodgson (bürgerlich) musste Sandwiches schmieren (bitter orange marmelade und lemon curd auf gesalzener Butter, wie wir annehmen dürfen) und sich nach der ganzen Ruderarbeit auch noch eine Geschichte ausdenken — oder haben Sie noch nie drei zehnjährige Gören ausgeführt?

Da sprach Lutwidge Dodgson eine Geschichte ins Blaue, dass die Sonne hätte aufgehen müssen, wenn sie nicht ohnedies ganz unenglisch auf den Reverend mit seinen drei Leihelfen gelacht hätte — eine Geschichte von der anwesenden kleinen Alice, die sich auf einem — o Wunder — Picknick über einer allzu bilderfreien Geschichte langweilt und darob einem weißen Hasen ins Wunderland folgt — eine Geschichte, sage ich, eines Mathematikers, der Kind sein kann, von der Tragweite und der Tragfähigkeit nur der allergrößten Literatur — eine Geschichte, in der jeder kindische oder sagen wir treffender: kindgerechte Kalauer unfehlbar sofort ins Philosphische lappt — eine Geschichte, die kein Rätsel löst, die jedoch die richtigen Rätsel aufgibt, indem sie Namen für Lebewesen, Bewusstseinszustände und wieder andere Rätsel findet, die offenbar schon lange in der Welt waren und jetzt endlich bei ihren Namen genannt werden können. Lutwidge Dodgson erfand an diesem Sommersonnennachmittag ein unverwüstliches Stück Unterhaltung für kleine Mädchen und ein bis auf weiteres gültiges Vademecum für Weltphilosophie.

Die Welt aber, sie ist eine privilegierte allein deswegen, dass der Reverend zu Hause noch dem Wunsch seiner Hauptdarwstellerin Alice folgte, sein Extemporat niederzuschreiben. Zu Weihnachten war die Urversion Alice’s Adventures Under Ground fertig. Nach dem einzig richtigen Illustrator John Tenniel, der all diesen gelahrten Irrwitz in klare Strichzeichnungen übersetzen konnte, hat er lange gesucht und ihn beim Punch gefunden; alle Verbilderungen danach sind nur noch mehr oder weniger steile Abstiege von Tenniel. Und die viel späteren Filmversionen mit Spielkarten, die zur Blasmusik tanzen, waren schon nicht mehr so wichtig.

W. Coulbourn Brown, Alice Pleasance Liddell Hargreaves, 1932, Rosenbach Museum & Library, PhiladelphiaEin Wort noch zum Verhältnis von Geistlichen zu kleinen Kindern: In jüngerer Zeit wurden entschieden zu viele Medienberichte über fatal falsch verstandene Kinderseelsorge notwendig, was dem Zölibat oder organisierter Kinderprostitution oder etwas anderem geschuldet sein mag.

Lewis Carroll, wie ihm unterstellt wurde, war nicht pädophil. Vielmehr lebte er seine Sexualität aus, indem er sie gerade nicht auslebte: Er war glücklich dabei, in sehr jungen Mädchen ein weibliches Element in seinem Leben zu haben — und eben gerade nicht erotisch tätig werden zu müssen. Seine Energie leitete er in die philosphische Seite der Mathematik und die neue Technik der Daguerrotypie. Frei zugänglich sind bis heute seine photographischen Aufnahmen bestürzend leicht bekleideter kleiner Mädchen seiner Bekanntschaft in verkünstelten Posen, für deren Herstellung und Verbreitung man sich heute strafbar machen könnte. Nach allem, was man weiß, entstanden diese Aufnahmen grundsätzlich unter der Aufsicht der jeweiligen Eltern und sind als Kunst mit Hilfe der damals allermodernsten Technik zu verstehen. Heute wäre Carroll vermutlich Web-Programmierer oder etwas anderes Nerdiges, damals lebte und starb er — vorbildlich für einen Mann Gottes — als Jungfrau, nur dass er eben gut mit kleinen Kindern konnte — “außer Jungen”.

Ein gemutmaßtes Schreiben, in dem die besorgten Eltern Liddell dem kinderaffinen Geistlichen allen weiteren Umgang mit ihrer Tochter Alice untersagten, ist verschollen. Erhalten dagegen sind Aufzeichnungen der herangewachsenen Alice Liddell, verheiratete Hargreaves, in denen sie sich selbst als Matrone nur aufs liebe- und ehrenvollste über Reverend Dodgson äußert. Wohl oblag er einer exzentrischen — immerhin war der Mann Engländer — vielleicht sogar verqueren Form der Sexualität, war aber das glatte Gegenteil von übergriffig.

Ein Picknick von vergleichbarer Bedeutung fand kurz davor in den amerikanischen Berkshire Mountains statt, wenngleich unter lauter gestandenen Mannsbildern ganz ohne kleine Mädchen — am 5. August 1850, als Nathaniel Hawthorne auf Herman Melville traf, woraufhin dessen Moby-Dick das wurde, was er ist. Wenn Ihnen weitere Picknicks von einiger Spätwirkung auffallen, machen Sie uns darauf aufmerksam; es herrschte Viktorianismus, der in Deutschland Romantik hieß, als ein wirtschaftlich erstarkendes Bürgertum die Freizeit erfand und seinen Herrgott in den Kräften der Natur erkannte — da sollte es wunder nehmen, wenn da gar nichts mehr war.

Alice Pleasance Liddell wurde 1852 geboren. Mit ihren zwei gleichaltrigen Freundinnen und dem väterlichen Freund war sie 1862 picknicken, zehnjährig. Unser zweites Bild stammt von 1872, zwanzigjährig. Unser drittes von 1932, achtzigjährig. Jubilate.

Alice durch die Lebensalter: Unter Umgehung des allfälligen Lewis Carroll: Alice Liddell as a beggar-maid, 1858 from the story of Cophetua, supposed tear hole or ink-blot in photo digitally removed, first published in Carroll’s biography by his nephew Stuart Dodgson Collingwood: The Life and Letters of Lewis Carroll, T. Fisher Unwin, London 1898 — unter dessen Umgehung also wären das:
Lewis Carroll and Alice Lidell ca. 1858;
Julia Margaret Cameron: Photographic study “Pomona” (Alice Liddell as a young woman), 1872;
W. Coulbourn Brown: Alice Pleasance Liddell Hargreaves, 1932, Rosenbach Museum & Library, Philadelphia.

Written by Wolf

4. July 2012 at 12:01 am

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A reasonable portrait of a nice lady writer, but I instantly had a visceral reaction to it.

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Update for Emily Dickinson (and not so much for recent Jane Austen):

You can’t write in a public place withour being facebooked within finishing your sentence. Jane Austen’s latest biographer has found a “new” picture of Ms. Austen. A better one than all the known. Wtf is Facebook? “Fan art might not be fan art, but it’s hard to tell” (recommended AustenBlog).

Jane Austen

The previous portrait is a very sentimentalised Victorian view of ‘Aunt Jane’, someone who played spillikins, who just lurked in the shadows with her scribbling. But it seems to me that it’s very clear from her letters that Jane Austen took great pride in her writing, that she was desperate to be taken seriously This new picture first roots her in a London setting – by Westminster Abbey. And second, it presents her as a professional woman writer; there are pens on the table, a sheaf of paper. She seems to be a woman very confident in her own skin, very happy to be presented as a professional woman writer and a novelist, which does fly in the face of the cutesy, heritage spinster view.

Paula Byrne in Newly Unearthed Portrait Of Jane Austen Contradicts Her ‘Grumpy Spinster’ Image,
The Gloss, December 7, 2011.

Image by Paula Byrne for The Guardian, December 5, 2011.

Written by Wolf

9. December 2011 at 12:01 am

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Fauststoff: Eine ungeheure Menge Mumpitz

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Update zu Ahoi, Goethe:

So wie bei allen großen Genies findet man bei Goethe eine ungeheure Menge Mumpitz und im entsprechenden Ausmaß meiner Beziehung zu ihm, eine monströse Menge davon bei mir.

Herman Melville an Nathaniel Hawthorne, Juni 1851, Übs. Alexander Pechmann.

Heute vor 85 Jahren, 14. Oktober 1926: Uraufführung Faust — eine deutsche Volkssage.

Es ist denkbar, daß Melville erst über eine Erklärung Goethes zur Figur des Faust auf die Idee kam, die biblische Gestalt des Königs Ahab als Vorbild für den Kapitän der Pequod zu nehmen. Eine Anspielung auf die Beschreibung von Goethes Leichnam in Kapitel 86 des Moby-Dick beweist, daß Melville Eckermanns Gespräche mit Goethe gelesen hatte; die Übersetzung von Margaret Fuller, einer Anhängerin des deutschen Dichters aus dem Kreis der Transzendentalisten um Ralph Waldo Emerson, war 1839 erschienen.

Alexander Pechmann: Herman Melville. Leben und Werk, Böhlau Verlag 2003,
11. Kapitel: Ahab und der Wal, Seite 150.

Kurz darauf — keine hundert Jahre später — unterschrieb Friedrich Wilhelm Murnau auf seiner ersten Amerikareise einen Vertrag mit dem Produzenten William Fox. Bevor Murnau endgültig nach Kalifornien auswanderte, drehte er als letzten Film in Deutschland den Faust mit Emil Jannings als Mephistopheles.

Murnaus Vermächtnis in und für Deutschland, die für einen jetzt 85-jährigen Film außerordentliche Länge von 106 Minuten, ist angefüllt mit einer Ausstattung und technischen Finessen, die in ganz erstaunlicher Weise state of the art gewesen sein müssen. Die Kulissen erreichen nur aus dramaturgischen Gründen nicht die Opulenz wie die in Fritz Langs Nibelungen (1924) oder Metropolis (1927), weil sie (ähnlich wie in seinem eigenen Nosferatu) eher durch eine ungefähre mittelalterliche Glaubwürdigkeit wirken müssen — dafür arbeitete Murnau mit Doppelbelichtungen. Bis vor ein paar Jahren, seit praktisch alle Großproduktionen wie eine Art animierte Excel-Tortengraphik gebaut werden (“cgi-ed”), war das die Methode der Wahl, um Geisterwelten darzustellen.

Wie der volle Filmtitel sagt, orientiert sich Murnau für seinen Faust-Film weit mehr am originalen Volksbuch Historia von Doktor Johann Fausten – dem weitbeschreyten Zauberer und Schwarzkünstler von 1587 als an den durchgesetzten Bearbeitungen von Christopher “Kid” Marlowe und Goethe. Es gibt also auch für den postmodernen Filmverbraucher einige Neuentdeckungen gegenüber dem Fauststoff aus der Schule. Und zeitbedingt, worüber man in weiter beschleunigenden Zeiten nicht zu lange höhnen sollte, durchaus eine ungeheure Menge Mumpitz.

Amerikanisches Filmplakat F.W. Murnau, Faust -- eine deutsche Volkssage via Cinemalane

Amerikanisches Filmplakat via Zoë Walker: The Big Parade, 19. Januar 2010.

Written by Wolf

14. October 2011 at 12:01 am

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Ahoi, Goethe

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Update zu O Mädchen mein Mädchen
und Sophokles’ Bruder ab orbe Britannis:

Frolic April, 25 cents, Sirens in Silk via retro-space, 20. August 2011Alles Gute zum 262., Herr Geheimrat. — Woran erinnern wir uns bei Ihrem Namen? Dass Sie’s sehr mit dem Weybervolck hatten, lieber eine brave Zeitlang weit und gründlich untergetaucht sind, bevor Sie sich einem Problem stellen, und da am liebsten in die Provinz statt unter zu viele Ihresgleichen, die Ihnen den Rang als einsames Genie streitig machen könnten — damit verbunden Ihre Italienische Reise, ferner Ihre Erfindung des Bestsellers in Gestalt des Werther, Faust, der Tragödie erster und zweyter Theil, Wanderers Nachtlied (das war wirklich gut!), Wilhelm Meister, die Lehr– und Wanderjahre sowie Theatralische Sendung, die erlesenen Ferkeleien in den Römischen Elegien, das Zurückzucken davon in der Marienbader, die ganz drogenfrei wundersam weggedriftete Farbenlehre, ein bisschen Grundschulstoff (Erlkönig, Zauberlehrling), ziemlich viel Dichtung, allerhand Wahrheit — und dann noch der Versuch einer Seemannsgeschichte.

Alles kann man ihm zutrauen, dem Goethe, nur keine Seefahrergeschichten. Es gibt eine. Reise der Söhne Megaprazons heißt sie, ist Fragment geblieben und sehr spärlich dokumentiert. Die Textmenge, mit Nachweis eines früher entstandenen Kapitelschemas als umfangreicher Roman angelegt, umfasst 4652 Wörter, das entspricht einem neunseitigen Word-Dokument in durchschnittlich hässlicher Arial 12-Punkt, die Frankfurter Goethe-Gesamtausgabe braucht 15½ Druckseiten. In den meisten Gesamtausgaben fehlt sie; mir liegt sie in der praktisch nur für große Bibliotheken erschwinglichen Frankfurter Ausgabe vor, und auch das nur, weil die inzwischen teilweise als Taschenbuch bei Insel gemacht wird: im Band TB 11: Die Leiden des jungen Werthers [beide Fassungen als Paralleldruck!]/Die Wahlverwandtschaften/Novelle/Kleine Prosa/Epen. Herausgegeben von Waltraud Wiethölter in Zusammenarbeit mit Christoph Brecht.

Fiesta, Women Love to Read, Volume 17, Number 4, via retro-space, 27. April 2011Das ist eine ganze Menge auf den 1245 Seiten, dazu noch wegweisend durchkommentiert. Und im Teil mit der Kleinen Prosa finden sich die Söhne Megaprazons. In der Amalienausgabe, der geradezu sprichwörtlich vollständigsten von allen, müssten sie noch drin sein, in der meinigen, der Hamburger, sind sie nicht. Online komme ich auf genau zwei Volltexte: beim Gutenberg-Projekt und bei Wissen im Netz. Wer weitere Fundstellen ausmacht — ich zähle eventuell auf die Münchner Ausgabe –, kann sie gern in den Kommentaren vermelden.

Goethe selbst hat sich genau einmal zu seinem Seemannsversuch geäußert: in der Campagne in Frankreich: Pempelfort, November 1792:

Ich hatte seit der Revolution, mich von dem wilden Wesen einigermaßen zu zerstreuen, ein wunderbares Werk begonnen, eine Reise von sieben Brüdern verschiedener Art, jeder nach seiner Weise dem Bunde dienend, durchaus abenteuerlich und märchenhaft, verworren, Aussicht und Absicht verbergend, ein Gleichnis unseres eignen Zustandes. Man verlangte eine Vorlesung, ich ließ mich nicht viel bitten und rückte mit meinen Heften hervor; aber ich bedurfte auch nur wenig Zeit, um zu bemerken, daß niemand davon erbaut sei. Ich ließ daher meine wandernde Familie in irgend einem Hafen und mein weiteres Manuskript auf sich selbst beruhen.

Eine ganz ungewohnt selbstkritische Haltung Goethes: Auf der ersten Lesung hat sein jüngstes geistiges Kind nicht so den Erfolg, und darum lässt er es absichtlich, ohne Not liegen. Die erhaltenen Fragmente stehen auf dem Papier einer Mühle nahe bei Trarbach, wo Goethes Compagnie auf dem Weg in die Champagne durchkam. Demnach schrieb er es wohl im November 1792 — in Zelt- und Zivilstenquartieren auf dem Feldzug des Weimarer Herzogs. Kann sein, dass sich unter solcherlei Erlebnissen, wenn man Seidenkissen gewohnt ist, manches relativiert.

Fiesta Vol. 4, No. 6, via retro-space, 27. April 2011Woher und zu welchem Ende nun eine Goethische Seegeschichte? Lesen wir dazu tiefer in den “dicht[en], bestechend[en] und rücksichtslos formuliert[en]” (Süddeutsche Zeitung) Kommentar der Frankfurter Ausgabe hinein:

Wie mit zahlreichen anderen Werken der 1790er Jahre bemühte sich Goethe mit der Reise der Söhne Megaprazons um eine literarische Antwort auf die Französische Revolution, wobei sich das Genre des satirischen Reiseromans für ein solches Unternehmen durchaus anbot, hatten sich doch in der Gattungstradition sowohl Verfahren einer grotesken Transformation zeitgenössischer Konstellationen als auch Möglichkeiten einer Distanzierung vom unmittelbar politischen Anlaß herausgebildet. Beides, die Analyse des Geschehens und eine kritische Stellungnahme, ließ sich auf dem Wege allegorischer Verfremdung formulieren. Goethes Referenztext erwies sich als in dieser Hinsicht als besonders einschlägig: François Rabelais’ (1483–1553) Romanwerk Gargantua et Pantagruel, erschienen in fünf separaten Büchern zwischen 1534 und 1564.

Halten wir fest: Es sollte ein Reiseroman werden, und zwar ein satirischer, und zwar um aus sicherer Distanz das Zeitgeschehen aufzuarbeiten. Und sofort sieht es Goethen viel ähnlicher: Das große Vorbild Rabelais war auch 1792 schon lange genug verstorben, um dem gegenwärtigen Universalgenie keinen Abbruch zu tun, und mit zeitkritischen Aussagen will man sicher bei niemandem anecken, wenn man bequem beim Herzog haust.

Goethe kommt sichtbar nicht richtig in die Gänge, das Gargantua-Remake kommt reichlich behäbig daher: Die Hauptfiguren heißen allen Ernstes Epistemon, Panurg, Euphemon, Alkides, Alciphron und Eutyches, von deren mythologisch nicht belegten Vater Megaprazon aus dem Titel ganz zu schweigen. Was wird das? Ausweichen in eine aufgekochte Kritik an der jahrhundertealten Lutherischen Reformation statt an der brenzligen Franzosenrevolution? Mit Verlaub: Rabelais hätte diesem Breitarsch von Roman eines Feudalistenschätzchens ein ganzes saftstrotzendes Kapitel voller französischer Vokabeln eingeflochten, die bis heute nicht im Micro Robert vorkommen.

Nun stimmen Goethes satirisch gemeinte Zuweisungen weder dramaturgisch noch in der Sache:

Ist schon die räumliche Koexistenz des reformatorischen mit dem revolutionären Streitfall nicht unbedingt historisch einleuchtend, so zeigt sich im weiteren auf das deutlichste, daß es der Allegorie aus strukturellen Gründen nicht gelingt, den ‘Ort’ der Revolution im Europa des ausgehenden 18. Jahrhunderts zu bestimmen. Die Insel der Monarchomanen habe sich “auf und davon gemahct”, heißt es. Tatsächlich ist dieses Land im Umsturz seiner alten Ordnung zu einem vagierenden, einem effektiv ortlosen Gebilde zerfallen. Zwar lassen sich, indem das alte Märchenmotiv der schwimmenden Insel allegorisiert wird, an dem dreigeteilten Territorium aktuelle politische Prozesse um den Interventionskrieg illustrieren: Die ‘steile Küste’ — der Adel — nähert sich gleich nach der Katastrophe dem Land der Papimanen, orinetiert sich dann aber doch “etwas mehr Nordwärts”, ohne — in der Orientierung auf Habsburg — “festen Stand gewinnen” zu können; später zeigt sich noch einmal die ‘Residenz’ und schließt sich beinahe wieder mit der ‘steilen Küste’ zusammen.

bezeichnend für Goethes Konstruktion ist allerdings, daß die “Ebene” als der dem dritten Stand zugeordnete Landesteil ganz außer Sicht geraten und anscheinend verschollen ist. Gerade an diesem Bruchstück der alten Ordnung — dem nachrevolutionären Frankreich selbst — wäre jedoch zu studieren, ob es nicht auch ohne ‘Residenz’ und ‘steile Küste’ geht. Der allegorische Modus der Übersetzung politischer Ereignisse in eine räumliche Topik widerstreitet ganz offensichtlich der politischen Geographie des zeitgenössischen Europa. Durch die Revolution war die staatliche Integrität des französischen Territoriums keineswegs angefochten — das hatte Goethe im Zuge der ‘Campagne in Frankreich’ ja hinlänglich erfahren. […] Dieser Konsequenz seiner eigenen Konstruktion zu folgen, ist der Autor der Reise offensichtlich nicht bereit. Statt dessen setzt er sich dem Verdacht aus, er wolle den Mythos gottgegebener und zeitloser Herrschaft affirmieren.

Frolic Dezember, 35 cent, via retro-space, 27. April 201. Does It Pay To Be A Wolf?; What's Wrong With Redheads? (Answered With Full Color)Was einen desto wahrscheinlicher ankommt, wenn man weiß, wie dicke sich Goethe nachmals mit Napoleon vertragen sollte. Da unternimmt Kommentatorin Wiethölter einen Versuch, Goethe in Schutz zu nehmen, den ich ihr in seiner engagierten Ausgewogenheit hoch anrechnen möchte:

Es hieße die kargen Fragmente zu einer zweifellos umfänglich konzipierten Erzählung überfordern, wollte man jeden einzelnen Zug er Allegorie auf eine politische Konzeption hin durchleuchten. […] Man würde auch dem Fragment der Einleitung nicht gerecht, in dem dialogisch der Konnex zum Roman Rabelais’ hergestellt wird. In beiden Textstücken dominiert das komödiantische Spiel mit dem Genre des Seeabenteuers über die satirische Absicht. […] Die Reise der Söhne Megaprazons scheitert vielmehr — auf instruktive Weise — an den strukturellen Prämissen der gewählten Gattung: Der Text ist als ein literarischer Kommentar zum Zeitgeschehen angelegt, aber zugleich ist er gegen diese Aktualität als Versuch einer poetischen ‘Zerstreuung’ zu lesen. So fehlt dem Kommentar die Entschiedenheit der polemischen Stellungnahme, jene Eindeutigkeit, mit der die auf Rabelais’ klarer Antithetik beruhende Allegorie politisch zu fundieren wäre. Daß sich Goethe dieser Nötigung entzogen hat, zeigt der Text in Form von Widersprüchen; so ist nur konsequent, daß kein Erzählfluß zustande kommt und das Projekt schließlich abgebrochen wurde.

Ja, eben: Alles kann man ihm zutrauen, dem Goethe, nur keine Satire. Selbst für seinen Kriegsbericht hat er sich den Kalauer “Campagne in der Champagne”, der sachlich richtig gewesen wäre, fürnehm verkniffen. Zu Deutsch: Da hat sich der Dichterfürst an der Satire verhoben.

Für solche philologischen Einsichten, ja: Höhenflüge wie Waltraud Wiethölters Kommentar hab ich die teuren Ausgaben der Dead White Males wirklich lieb und lasse die Kaufhofauswahlen leichten Herzens da, wo sie hingehören: bei den fehlerbehafteten, unmöblierten Plain-Text-Gratisdownloads für Kindle. Die beiden o.a. Volltexte sind übrigens ebenfalls voller Tippfehler. Ein nach der Frankfurter Ausgabe korrigierter wird möglicherweise an dieser Stelle nachgereicht.

Kommt denn der Einwand, Goethe konnte nicht lustig sein, einem Vorwurf gleich, dass Mutter Theresa keine Pferde malen konnte und die Inneren Mongolen nichts von Käse verstehen? Ein satirischer Seebärenroman, jetzt bitte mal. Ist Goethe vielleicht Melville? Stevenson? Conrad? Gut, er hat es eingesehen, das rettet ihn. “Aussicht und Absicht verbergend”, sagt er selbst, und legt den netten Versuch bereitwillig zu den Akten.

Sollte ich’s vergessen haben zu erwähnen? — : Wanderers Nachtlied war dafür wirklich gut.

Meilensteine via retro-space: 1.: Sirens in Silk, Frolic April;
2.: Women Love to Read: Fiesta Volume 17, Number 4;
3.: Lenin is Watching You, Fiesta Vol. 4, No. 6, und
4.: Does It Pay To Be A Wolf?; What’s Wrong With Redheads? (Answered With Full Color), Frolic December, mid-novecento.

Written by Wolf

28. August 2011 at 12:01 am

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Das nächste Leben geht aber heute an

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Update zu Powerpoint zur teutschen Litteratur des 19. Jahrhunderts
und Mein kaltes Herz (I’ll be back to stay):

Es ist wie bei Martin Luther King, Mama Cass, Janis Joplin, Sandy Denny und neuerdings Amy Winehouse: Bei der jung gebliebenen Frau Günder(r)ode fällt einem immer als erstes ein, dass sie gestorben ist.

Meine Ansicht vom Sterben ist die ruhigste. Ein Freund ist mir bei seinem Leben was mir die Gramatik ist, stirbt er so wird er mir zur Poesie. Jch wollte lieber von meinem besten Freund nicht wissen als irgend ein schönes Kunstwerk nicht kennen.

Aus: Karoline von Günderrode: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien, 1990, Band 1, Seite 438.

Karoline von Günderrode, Kopfstudien, ca. 1805

Karoline Friederike Louise Maximiliane von Günderrode (* 11. Februar 1780 in Karlsruhe; † 26. Juli 1806 in Winkel (Rheingau)): Kopfstudien im Zusammenhang mit [Studienbuchkategorie] M Physiognomik. SUF: A 4, Bl. 228v. Zeichnungen mit Bleistift, Beschriftungen mit brauner Tinte, ca. 1805.

Cirtassierin [richtig: Cirkassierin]
Jndier
Russe

Karoline von GünderodeAus: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien, 1990, Band 2, Seite 478.

Bild groß.

Immer noch die aufschlussreichste, dabei höchst süffige Fachliteratur: Bettina von Arnim: Die Günderode 1840, bei btb von Elisabeth Bronfen herausgegeben, bei insel mit dem Essay von Christa Wolf: Nun ja! Das nächste Leben geht aber heute an, Dezember 1979.

 

 

 

 

 

Soundtrack, den nicht mehr zu hören eine ruhige Ansicht vom Sterben verleiht:

Written by Wolf

26. July 2011 at 7:31 am

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Happy Independence Day, Neighbors! (Being a Juligewinnspiel!)

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Update for Brush your teeth for America! and Heute vor…:


The mouse that built America: Ben and Me, 1953.

The Gewinnspiel part: Und wer mir jetzt wirksam herdeduzieren kann, welch brunnentiefen Sinn das ergibt, dass der Film in zwei Teilen daherkommt, gewinnt wieder was Schönes.

Written by Wolf

4. July 2011 at 6:33 am

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Lass irre Hunde heulen

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… und außerdem muss noch schnell jemand “Ich hatt’ einen Kameraden” auf die Melodie von “Es waren zwei Königskinder” einsingen und es zugänglich machen. Wo die Leute ihre Lieder sowieso nur noch einzeln saugen, muss es ja nicht gleich eine ausgewachsene CD werden. Obwohl — wieso denn nicht?

Celeste Tumulte, Three Girls and Their ViolinsEigentlich erstaunlich, was für eine unterschätzte Sportart das Durcheinanderwirbeln von Musik und Text ist, dabei funktioniert das mit der Volksliedstrophe geradezu universell. Die eingängigen Teile der abendländischen Poesie bestehen doch flächendeckend aus vierhebigen, paar- oder kreuzgereimten Vierzeilern; alles, was davon abweicht, ist schon ein erklärungsbedürftiger Sonderfall. Es bildet einen Wesenszug der deutschen Volksseele, zumindest bildet es ihn ab: Das gleichmäßige, eindeutige Eins-zwei hört man gern und kann man sich merken, so vielfältig man es auch durchvariieren kann.

Ein wie hochstehendes Kunstwerk das schlichte Lied “Es waren zwei Königskinder” überhaupt ist, wurde mal in einem DDR-Spielfilm aus den 70ern erklärt: Vier Zeilen hat die erste Strophe, wie alle seine Strophen, wie in den meisten einfachen Liedern. Die erste Melodiezeile fängt an mit einer Quart auf die Exposition der Handlungsträger: eben “Es waren zwei Königskinder” mit einem Tonschritt von C aufs darüberliegende F. Ansteigende Melodie: macht aufmerksam und reißt mit.

Und jetzt, keine Zeit zu verlieren, kommt der Trick: Die zweite Melodiezeile fängt an mit einer Quint, der Tonschritt geht wieder vom C der ersten Zeile aus und landet einen Ton höher auf dem G — eine noch schärfe ansteigende Melodie, und zwar auf den Text: “Die hatten einander so lieb.” Das sagt: Aufgemerkt!, weil der weitere Verlauf genau von dieser Liebe handelt: Bitte merken, das brauchen wir jetzt das ganze Lied lang.

Die dritte Melodiezeile bestätigt, dass es kein Zufall war: Sie fängt an mit einer Sext — abermals vom alten C aus noch eins höher aufs A — und zwar auf den Text: “Sie konnten zusammen nicht kommen”: die Katastrophe! So haben sich die ersten drei Zeilen unauffällig höher geschraubt und dabei ihre Spannung aufgebaut. Eigentlich schon eine vollständige Geschichte, allen Schnickschnacks entkleidet und derart straff erzählt, dass sie noch vor dem Strophenende fertig dasteht. Fehlt noch die vierte Melodiezeile.

Sie fängt an wie die erste: mit der alten Quart C bis F, auf den Text: “Das Wasser war viel zu tief.” Da begibt sich der Text schon in erklärende Ausschmückung, der spannende Teil lag schon in der Sext, die erste Strophe endet schon in Resignation.

Aus derart schlichten Stoffen, die praktisch nur einem Musiklehrer in einem DDR-Spielfilm auffallen, ist die Qualität höchstselbst gestrickt. Schön, wenn sie sich wenigstens so plastisch nachweisen lassen, in den meisten Fällen kann ja niemand so recht den Finger auf die Gründe legen, warum ein Lied volkstümlich werden konnte (oder nicht). Die “Königskinder” bestehen aus ewig alten, ewig jungen Menschheitsthemen — Liebe, Tod, Liebeskummer, Todeskampf — die, wenn man sie so herzählt, ihrerseits sehr klischeedeutsch wirken: Es muss weh tun, sonst stimmt was nicht.

Auch ohne Boshaftigkeit gegenüber dem Volkstum beweist aber, wie tragfähig diese Strickweise ist: Es funktioniert sogar in der Parodie. Wenn man die vierte Zeile, wie in Klassenzimmern und Bierschwemmen verflossener Jahrzehnte vieltausendfach geschehen, austauscht mit: “Der Prinz kam immer zu früh”, so gerät das Melodie-Text-Gefüge ins Wackeln, weil der neu dazuentwickelte Gedanke veralbernd hineinstört — aber die Mechanik geht davon nicht kaputt. Zeitlos, schön und kunstvoll ist das — muss ich es eigens dazusagen? — deswegen, weil es den Menschen an natürlicherweise dafür vorgesehenen Stellen seiner Seele anrührt, und er muss davon nicht wissen und kann es dennoch begründen.

(Anmerkung 1: Die zotige Abwandlung dürfte erst nach 1960 aufgekommen sein, weil ich “kommen” als Begriff für eine menschliche Körperfunktion für eine sehr junge Verbvariante halte.)

(Anmerkung 2: Der DDR-Film handelte übrigens von einem Musiklehrer und seiner Unzucht mit Schutzbefohlenen: seiner wahnsinnig blonden, gut entwickelten Schülerin. Erinnert sich jemand an den Namen? Von dem Film jetzt, nicht von der Schülerin?)

Vor allem wenn man den Text, der so konstituierend mit der Melodie verwachsen ist, komplett austauscht, kann nur eine noch weitergehende Parodie entstehen. Der Ernst, der in diesem Fall die Schönheit ausmacht, wird stiften gehen, es wird holpern, sich reiben und fremdeln.

Aber es ist kein Verlust: Das Königskinderlied durfte so lange wachsen und sich festigen, dass es keinen nachweisbaren Urheber mehr hat. So entsteht bei manchen Volksliedern, je genauer man ihnen hinterherspürt, der Eindruck, sie seinen irgendwie auf dem Baum gewachsen, bis einer kommt, sie erntet und singt. Richtige Volkslieder sind Naturereignisse im engsten Sinne. Sie werden nicht geschrieben, sie manifestieren sich durch jemanden, der sie zu Musik spielt.

Auf die Idee komme ich, weil es eine modernere Version von “Ich hatt’ einen Kameraden” gibt, die am Ende einer Strophe spielerisch den Anfang der “Königskinder” einflicht. Melodisch funktioniert das überraschend flüssig und bringt einen künstlerischen Effekt hinein, der von kulturbeschlagenen Hörern — wir sind alle welche — einwandfrei erfühlt und verstanden wird. Auch wenn “Der gute Kamerad“, so der kanonische Name, kein genuines Volkslied, sondern von Ludwig Uhland ist — wieso sollte sich das nicht mit dem ganzen Lied fügen?

Weil Uhland fünfzeilige Strophen gedichtet hat, so ein Schwindel — da passt der Vierzeiler freilich nur als angehängter Zitatschnipsel rein. Und da sind wir noch lange nicht bei so offensichtlich überzogenen Melodiegebilden wie “Kein Feuer, keine Kohle“. Das soll immer noch zu den Volksliedern rechnen, Respekt.

Celeste Tumulte, Lady and PianoMusste da die Welt wirklich erst auf mich und meine Amateurvorschläge warten, mit solchen Rohstoffen sinnstiftend umzugehen? Funktioniert hat das meines Wissens nur einmal: Die Melodie von “Üb immer Treu und Redlichkeit” ist auch die von “Wenn alle Brünnlein fließen“, und Emanuel Schikaneder hat für Mozart “Ein Mädchen oder Weibchen” draufgesetzt — also ganz und gar keine Idee von Amateuren.

Suchen wir mal im Gesamtwerk von Friedrich Silcher, der den guten Kameraden vertont hat. Den Mann nicht zu kennen bedeutet heutzutage keine Bildungslücke mehr, in der Schule lernen sie heute ja nicht mal mehr Schillerballaden — aber als Faustregel lässt sich ausgeben: Was an bekannten Volksliedern keine eingedampfte Melodie für alle Strophen aus einem durchkomponierten Kunstlied von Schubert ist, stammt meistens von Silcher. Auf den können Sie bei allen Einzelliedern wetten, die irgendwie nach 19. Jahrhundert klingen, da gewinnen Sie langfristig.

Die halbe Musikproduktion einer ganzen Kulturepoche aus dem einzigen Kopf, da werden sich doch ein paar einheitliche Stilelemente feststellen lassen. — Silchers Smashhit Ännchen von Tharau, ein zugehauener Textfindling aus Ostfriesland in durchgehenden Daktylen, wenn man sich’s zurechtdefinieren wollte, wär’s am Ende noch ein Hexameter, daher ein Dreivierteltakt, von mir aus auch ein Sechsachtel, jedenfalls würde man nicht danach marschieren, sondern Walzer tanzen; das katexochene Kunstlied dagegen, Gute Nacht, M.: Schubert, T.: Müller, “ein für die Winterreise typisches Gehlied, da sie die Schritte des lyrischen Ichs darstellt, welches ziellos umherwandert”. Aha. Zu deutsch: Vierhebig sind die meisten, aber sonst sagen die einen so, die andern so. Ob das eine Lied mit dem anderen mendelt, weiß keiner vorher.

Es macht zwar nichts einfacher, aber beim metrisch-melodischen Versuch erhellt: “Es waren zwei Königskinder” mag sich wegen dessen Fünfzeiligkeit nicht auf “Ich hatt’ einen Kameraden” singen lassen, wohl aber “Ich hatt’ einen Kameraden” auf “Es waren zwei Königskinder” — weil “Es waren zwei Königskinder” nämlich die letzte, vierte Melodiezeile wiederholt.

Das wäre ein Job für Hannes Wader, weil etwas in mir gern glauben will, dass Volkslieder zur Zeit des deutschen Idealismus im Krug zum grünen Kranze viel eher erklangen wie von der Biermösl Blosn gejauchzt oder wenigstens von Wolf Biermann geschmettert und nicht wie unter Moderation von Günter Wewel.

Was das so entstehende fünfzeilige Strophenmuster mit dem Lied anstellt, hat der Musiklehrer aus der DDR nicht erklärt, aber ich finde, die Wiederholung klingt, wie wenn der alte Friedrich Silcher an der Zither an einem altfränkischen Wirtshaustisch sitzt, sachte das idealistisch glattrasierte Musikpädagogenkinn wiegt und sinnt: “Auf was man für Sachen kommen kann…”

Bilder: Celeste Tumulte: Three Girls and Their Violins, 10. November 2009;
Lady and Piano, 12. Juli 2009 (“I think the lady may be pregnant”).

Hannes Wader: Gute Nacht by Schubert/Müller: Winterreise, 1827.

Written by Wolf

10. April 2011 at 12:01 am

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