Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for the ‘Smutjin Elke’ Category

Møbendick oder Der schwarze Wal

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Moby Dick im Mosaik – Legende trifft Legende

Elke HegewaldVon unserer legendären Elke.

Dass den drei Comic-Helden der Mosaik-Hefte auf ihren Abenteuerreisen durch Raum und Zeit und Weltgeschichte nicht irgendwann auch der weltliterarische Moby Dick begegnen musste, wäre erstaunlicher gewesen als es überraschend ist, dass es zu dieser denkwürdigen Begegnung kam.

“Hä?? Mosaik-Hefte?”

Mosaik 1, Dig Dag Digedag auf der Jagd nach dem GoldeOkay, okay, nochmal auf Anfang. Mosaik ist Kult. Womöglich ist es ja vermessen, Digedags, Abrafaxe und ihre mosaikanische Heimat jenseits des deutschen Pecos genauso für Markenzeichen und Fanobjekt zu halten wie diesseits davon. Oder doch nicht? Immerhin reden wir hier über die seit Wilhelm Busch oder so älteste und die seit überhaupt langlebigste und auflagenstärkste deutschsprachige Comic-Serie ever, die unverdrossen seit über fünfzig Jahren erscheint, bis heute. Was sie sogar ins Guinness-Buch der Rekorde gebracht hat.

Und was nicht halb so einfach war, wie es sich schnell mal so hinfabuliert. Sondern wenigstens anderthalb Lebensrettungen brauchte. Die halbe gelang mittels eines Blut-… nein, Heldenaustausches der Digedags durch die Abrax, Brabax und Califax Mitte der Siebziger. Die spätere ganze – durch einen mutigen Werbefuzzi von jenseits besagten Pecos und eine Verlagsneugründung Steinchen für Steinchen im allgemeinen Abwicklungsrausch Anfang der Neunziger. Mit Erleichterung konstatieren wir zudem, dass auch die alten Mosaik-Sammelbände mit den Urhelden Asyl gefunden haben – im Fränkischen beim Nürnberger Tessloff Verlag.

Die Mosaiker sind wohl sowas wie die Donaldisten des Ostens und Mosaik-Vater Hannes Hegen kann bis in die letzten Siebziger als so eine Art Carl-Barks-Pendant durchgehen. Abgesehen davon, dass er noch lebt, schätzt er den Max-und-Moritz-Preis des Internationalen Comic-Salon Erlangen (auf den natüralemente auch der Barks verweisen kann) vermutlich mehr als das ihm noch recht unlängst verliehene Bundesverdienstkreuz am Bande. Was man allerdings nicht sicher weiß, denn meidet er seit Jahrzehnten die Öffentlichkeit. Seit dem für ausgewachsene Mosaik-Insider noch erinnerlichen abrupten Abschied von seiner Schöpfung nämlich.

Ertönt da ein Aufschrei ob vergewaltigend gezimmerter Verwandtschaft? Na gut, ihr habt es nicht anders gewollt:

MosaikheftstapelSeit 2005 versammeln sowohl eine Duckipedia als auch eine Mosapedia geballtes Wissen über die beiden Comic-Welten. Mosaikanische wie donaldistische Forschungen widmen sich der Historie und Verbreitung, den Quellen und dem Sinngut des digedag-abrafaxischen und des Entenhausener Universums ebenso wie ihren menschlich-philosophischen Abgründen. Beide Seiten zeigen bisweilen belegbare Vorlieben für eine gewisse interimsgeschichtliche Terminologie aus deutschem Wort(un)gut. Beider Fangemeinden (wenn auch in abweichend organisierten Strukturen) sind riesig, deren Sammelwut legendär. Nach dem heimlichen Vorbild von Donald Duck und Co. haben auch die Mosaik-Figuren inzwischen längst laufen gelernt. Und in Forscherkreisen wird gar gemunkelt, dass die mosaikischen Urgestalten Dig, Dag und Digedag auf eine phonetische Namensverwandtschaft zu den Donald-Duck-Neffen Tick, Trick und Track hinweisen. Was ihr Schöpfer allerdings immer bestritten haben soll.

Angesichts des Vorgebrachten könnte man als halbgeouteter Anhänger beider Paralleluniversen schon mal auf eine Frage kommen: ob nicht gelegentlich deren Forschungsabteilungen den Ur-, Tat- und anderen Sachen dafür nachgraben wöllten, warum trotz unleugbarer Anwesenheit aller zwei einschlägigen Comicvertreter-Gemeinden beim Abriss eines langgestreckten Bauwerks vor mittlerweile über 20 Jahren selbige Gemeinden immer noch mindestens regional, wenn nicht überhaupt, getrennt marschieren statt vereint jagen. Oder einander auf der Straße nicht wenigstens freundlich grüßen. Oder nicht mal einen Comic-Zweiergipfel mit lustigen Reden und Sprechblasen-Statements veranstalten… Selber hat man ja nie Zeit für sowas.

Doch genug der aus- wie abschweifenden Lang- & Breiterklärungen zum Umfeld zweier Comic-Mythen. Zurück zum weblogrelevanten Wal, wie angekündigt zur Abwechslung mal dem in mosaikanischen Gewässern. Aus Entenhausener solchen hatten wir ja hier im unsrigen bisweilen schon mal welche von den Viechern.

Mosaik, Der schwarze Wal CoverWale unterschiedlicher Spezies (meines Wissens bedauerlicherweise noch ohne eine wohlsortierte Cetacea wie die Entenhausener) bevölkern diverse Mosaik-Hefte beider Heldengenerationen.

Ihre Lieblingsbeschäftigung haben sie von Moby Dick gelernt: Schiffe versenken. So zu beobachten unter anderem im Mosaik von Hannes Hegen, Heft 196 von 1973 (Amerika-Serie): “Die Fahrt nach Panama” mit den Digedags und Käptn Blubber auf seinem maroden Walfänger. Dort setzt eine Pottwalherde vor Panama-City den Postdampfer der Pazific Line außer Gefecht. Besagter Käptn Blubber (nomen est omen!), verhökert beiläufig nach dem Abgang seiner goldfiebernden Mannschaft das Walfett des letzten Fangs als Lampenöl und führt in Frisco auf seinem Schiff das tranmiefige Whaleboat-Hotel, bevor er mit dem und den Digedags zur Rettung eines Goldschatzes wieder in See sticht. Er ist immer noch ein zielsicherer Harpunenwerfer und verfügt über einen imposanten Wortschatz an Seemannsflüchen.

Als – farbmalerisches oder parodierendes – Umkehrbild zu Melvilles Albinowal taucht der schwarze Wal in zwei Heften aus den Fluten: in Nr. 85 (Erfinderserie) aus der Hegenschen Frühzeit vom Dezember 1963: “Der schwarze Wal vom Fehmarnsund” und, dreißig Jahre später, in Nr. 211 vom Juli 1993: “Der schwarze Wal” (Mittelalterserie, Wikingerkapitel) aus der Ära der Abrafaxe nach Hegen.

Mosaik Vereinte HeldenWozu ich noch einmal was nebenhererklären muss, diesmal ganz privat, so aus der Position der quasi lebenslangen und kurzzeitig gestörten Mosaik-Leserin. Ich hab ja in kindlich resoluter Parteilichkeit als erklärte Digedag-Fänin eine ganze Zeit die Abrafaxe boykottiert – zu plötzlich passierte der unvorhersehbare Heldenwechsel 1975/76 und, zudem unkommunizierte, Hintergründe interessierten die Zopfgöre von damals überhaupt nicht. Allerdings neigt sich aus heutiger Sicht und im speziellen Fall meine Sympathie eher dem spätereren Wikinger-Wal zu. Was an dessen deutlicher Anspielung auf Moby-Dick, vielleicht auch an der wenig mädchenaffinen Einbettung des Hegenschen Frühwals in “militärischen Kontext” liegen mag.

Von seiner Spezifizierung her ist wiederum der schwarze Strolch im Fehmarnsund melvillesker, da deutlich ein Pottwal. Eine zugegeben seltene und seltsame Fügung, denn in der Ostsee als Ort der Handlung wurde der erste nur vom Leben statt von Künstlerhand gezeichnete Pottwal erst 2004 gesichtet.

Viel früher ist der Hegensche aus Heft 85/1963 dort unterwegs: Er treibt im ersten Holsteinischen Krieg um 1850 sein Unwesen. Und was tut er? Na was schon – Boote rammen. Von den kriegführenden Parteien, mittendrin die Digedags, wird er für ein neu erfundenes gegnerisches U-Boot gehalten. Als ihm das zu heiß wird, sucht er das Weite.

Mosaik WalheilungKleines Schmankerl am Rande: Der historisch belegte und im Heft vercomicte U-Boot-Erfinder Wilhelm Bauer macht seinem Befinden mit urbairischen Flüchen Luft: “Malefiz-Kugelspritz’n damische! I schlag’s umanand!”

Fabriziert wurde das Ganze unter der künstlerischen Oberhoheit des damals unantastbaren Obervaters Hegen vom so emsigen wie kompetenten Mosaik-Künstlerteam, zu dem auch des oberen holde Gattin Edith Hegenbarth gehörte – sie zeichnete, er textete.

Als Co-Texter dieser Folge zu nennen wäre noch Lothar Dräger, gelernter Opernsänger und Langzeitmosaiker, der nach dem 1975er Crash auch Hegens Posten erbte. Ein Impressum mit Nennung aller Beteiligten kam beiläufig in der Hegen-Ära nur einmal vor, in Heft 11.

Mosaik 3x WalDer Schwarze in Heft 211/1993 ist am ehesten ein Grönlandwal (Balaena mysticetus) oder Nordkaper (Eubalaena glacialis), der schon auf dem Titelcover grinsend seine Barten sehen lässt. Dafür heißt er Møbendick und ist die Geißel der Wikinger, zu denen es die Abrafaxe mittels Zeitreise verschlagen hat. Ein Schelm, der bei dem Namen nicht an – Autobahngastronomie und Eisessen denkt. Öh… und an den von Captain Ahab zur Geißel der Menschheit erklärten weißen Wal natürlich.

Feder-, respektive stiftführend bei dieser Folge und unbedingt erwähnenswert sind zwei Ladies: Lona Rietschel und Irmtraut Winkler-Wittig, beide mosaikanisches Urgestein. Die erste, mit einem Studium für Modegrafik und Zeichentrick als Qualifikation, rettete nach der Mitnahme der Rechte an den Digedags durch Hannes Hegen das Mosaik als zeichnerische Mutter der neuen Abrafax-Helden, gab neben anderen auch der Kultfigur des fränkischen Ritter Runkel ihr Gesicht und darf im vorliegenden Fall für das Møbendick-Coverbild verantwortlich gemacht werden. Die zweite war mal Porzellanmalerin in der Porzellanmanufaktur Meissen, wovon später auch das Mosaik noch was hatte: als sie in Heft Nr. 2/91 auf Seite 21 inhaltskompatibel die Porzellanherstellung erklärte und mit dem allbekannten Zwiebelmuster garnierte. Die Walhatz-Geschichte mit den Nordic Seefahrern in Heft 211 gestaltete sie figürlich sogar komplett.

Møben-Dick oder Der (schwarze) Wal. Der jagt Sven Svensons Wikinger im Zuge der Handlung durch den Comic, von Norwegen bis nach Island:

Møbendick ist bei diesen wohlbekannt und gefürchtet. Den Männern gelingt es dank der Hilfe der Abrafaxe, mit ihrem Schiff in einem schmalen Fjord vor dem Wal Zuflucht zu suchen. Am nächsten Morgen ist Møbendick verschwunden, und die Männer machen sich auf die Heimreise in Richtung Island. Einige Wochen später taucht Møbendick in den Gewässern vor dem Wikingerdorf, in dem sich die Abrafaxe aufhalten, auf. Die Abrafaxe, denen die Schuld an der Rückkehr des Wals gegeben wird, sollen ihm geopfert werden. Während sich die drei in einem Ruderboot dem Ungetüm nähern, entdecken sie die Ursache für dessen Aggressionen: Eine Harpune steckt in seinem Körper und verursacht offensichtlich heftige Schmerzen. Califax gelingt es, das Geschoss zu entfernen. Er behandelt die Wunde mit seinem Rosmarinextrakt und befreit somit den Wal von dessen Schmerzen. Møbendick ist wieder friedlich und schwimmt zurück ins offene Meer.

Aus: Mosapedia. Møbendick.
Vgl. auch Mosapedia: Mosaik 211 – Der schwarze Wal.

Mosaik Lanze im WalUnd auch jetzt kann ich’s nicht lassen. Wieder außerhalb des Protokolls (und weil der geneigte Leser eh schon mit meinen beständigen Abschwöffen rechnet) juckt es mich in den Fingern, für die angelehnten Wortgut-Donaldisten unter uns noch einen vom Wal zu erzählen, bloß ohne Wal. Und vom Folgeheft Nr. 212, in dem die Abrafaxe mit den Wikingern Amerika entdecken. Schon der wohlverfremdete Titel “Neuland unterm Bug” sollte russenliterarischen Scholochow-Kennern und solchen sozialistisch-realistischer Terminologie was sagen. Und neben der Abwesenheit des im Vorheft gegenwärtigen Sven Svenson und der (wohlverfremdeten) Anwesenheit des dereinst allgegenwärtigen Hannes Hegen(barth) als Wikinger Hannes Gegenparth sowie einer bemerkenswerten Abhandlung zur nordischen Mythologie fallen zudem vorsätzliche Anklänge an DDR-typisches Vokabular auf: So werden (jaha, schaut’s her, Freie Donaldistische Jugendliche!) aus der Kampfreserve der Partei, der FDJ, hier die Einherjer in Walhalla.

Aber wir waren ja auf Fischzug nach Melville-Sequenzen. Ha, und einen hab ich noch.

Im Januar-Heft von 2003: “Ein fast perfekter Plan” (Zweite Japan-Serie, Nr. 325) begegnen die Abrafaxe im japanischen Hafen Hakodate flüchtig dem leibhaftigen Kapitän Ahab, und was für einem! Der heißt da zwar nur “ein Walfänger-Kapitän” und (noch) nicht Ahab (und sein Schiff noch nicht Pequod, aber es ist sein Schiff), doch seine Züge sind unverkennbar die des karikierten Gregory-Peck-Ahab aus Hustons 1956er Film “Moby Dick”. Uuund: Er steht da noch auf zwei gesunden Beinen. Was völlig in Ordnung geht und passend zur Örtlichkeit darauf hinweist, dass er das eine erst kurz nach dem Auslaufen des Schiffes hinter Japan verlieren wird. Hut ab vor witziger Belesenheit und Melville-Kenntnis des Zeichner- und Autorenteams.

Die einschlägigen Namen erhalten Mann und Schiff dann im noch recht frischen Januar-Heft Nr. 421 von 2011: “Unter Schmugglern” (Barock-Serie). Allerdings erscheinen sie da dem Brabax nur in einem Traum, und das auch noch zeitverschoben, so in die Zeit um 1700 hinein. Aber die Figur mit dem Peck-Habitus ist hier als Ahab benannt und auf dem Traumbild-Schiffsbug steht in Spiegelschrift “Pequod”.

Eindeutig in Melvillescher Mission unterwegs sind die Abrafaxe im mosaikischen Kalender von 2005 “Die Abrafaxe und die Welt der Bücher”: Auf dem März-Bild jagen sie in einer winzigen Pequod-Nussschale zusammen mit dem grimmig die Harpune schwingenden Ahab nach dem weißen Wal.

Wal und FlotteDer allbekannte Wesenszug von Comic-Palavern, zuvörderst aufs Visuelle zu bauen nämlich, manövriert mich am Ende mit meinem Sermon nun noch in eine mittlere Bredouille. Denn auf den Urheberrechten für illustrierende Bilder aus der Mosapedia sitzt frank und frech und recht rigide der Steinchen für Steinchen Verlag. Ob aus Protest gegen lästige Blogger-Werbung für lau und unkommerziell oder aus Sorge um unkontrollierbare Explosionen der Nachfrage auf dem Comic-Markt, weiß man nicht. Verziehen sei mir drum stümperhaftes Selberabknipsen der einschlägigen Illus aus meinem ehrlich und käuflich erworbenen Mosaik-Privatexemplar sowie die Bebilderung mittels Link-Verweisen. Tja, selber schuld, ihr Mosaiksteinchenverwalter.

PS: Kommt in nächster Zeit vielleicht wer nach Leipzig? Einer, der Comic-Fan ist? Für den ergeht hier noch ein exklusiver Freizeit-Tipp: Begebe er sich zum Zeitgeschichtlichen Forum in der Grimmaischen Straße und stürze er sich auf und in die noch bis zum 13. Mai 2012 dort laufende Digedag-Ausstellung. Es soll viel liebenswertes, lieb gewordenes und viel bislang unveröffentlichtes Zeug aus Hegens Archivschenkung zu sehen sein – und jede Menge Alt- und Jung-Mosaikaner, bis in die dritte Generation, wie man hört. Der Eintritt ist frei.

PPS: Ein Belegexemplar von Mosaik-Heft 211 (Reprint) “Der schwarze Wal” geht an den Käpt’n, damit der die richtigen Scans für die Freundlichen Begegnungen in der Bücherliste machen kann (den MosaPeck-Ahab muss ich erst noch herbeiorganisieren).

Bilder: Mosaik Nr. 1: Zeitgeschichtliches Forum Leipzig;
Vereinte Helden: von Mosaik. Geschichte und Figuren;
Mosaik-Hefte von weißnichtwo, vielleicht eBay;
alle anderen: selber geknipst. Dass man das sieht, ist gewollt, teilweise jedenfalls. Vielleicht tolerieren’s ja dann die Steinchen-für-Steinchen-Rechte-Geier.

Film: hier ab vier.

Written by Wolf

6. April 2012 at 12:01 am

Posted in Smutjin Elke

Bounty Day, Wal in Lee, Fayaway

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Elke erzählt wahre Geschichten aus der Südsee:

Sailors are the only class of men who now-a-days
see anything like stirring adventure; and many things
which to fire-side people appear strange and romantic,
to them seem as common-place as a jacket out at elbows.

Herman Melville: Typee, Preface.

Elke HegewaldJedes Jahr am 23. Januar brennt die Bounty. Lichterloh, vor der Küste von Pitcairn.

Wie damals, vor 220 Jahren, als die neun vielleicht berühmtesten Meuterer ever auf der Flucht vor dem Strang der britischen Admiralität mit ihrem gekidnappten Dreimaster an diesem winzigen i-Punkt in der unendlichen Südsee gestrandet sind. An dem Tag, an dem sie unwiderruflich Insulaner wurden. An dem einer aus ihrer Mitte sie in den Stand von Isolatos erhob, als er das Fluchtfahrzeug ansteckte, um ihre Spur aus der Welt – und in sie – zu tilgen.

Am 23. Januar brennt die Bounty. Die Pitcairnier, deren kleine Gemeinde nicht einmal ein halbes Hundert Köpfe zählt, werden wie all die Jahre zuvor ein Vehikel dieses Namens hinaus aufs Meer schleppen und in die Flammen schauen, bis sie verlöschen und das Geheimnis des einstigen Verstecks ihrer geächteten Vorväter wieder ins Dunkel der Nacht taucht. Wenigstens das sind die Nachfahren Fletcher Christian alias Clark Gable alias Marlon Brando alias Mel Gibson, seinen Männern und deren polynesischen Frauen, die ihre Urmütter wurden, schuldig. Und John Adams, dem letzten der Meuterer und geläuterten frommen Guru († 1829), der sie in den Schoß der Kirche zurückführte. 23. Januar ist Feiertag auf Pitcairn. Bounty Day.

Was für unsereinen und den Rest der Welt nur ein zerlesener Dreiteiler von Nordhoff und Hall und ein paar kultige Monumentalfilme in Starbesetzung sind, ist für die Siedler des kleinen Eilands in der Südsee ihre Historie, eine Geschichte von Leben und Tod. Es hat nicht geklappt, wie man weiß, mit dem glücklichen Isolatodasein der Bountymannschaft, jedenfalls nicht gleich. In Tubuai, dem ursprünglich Auserkorenen, gab es Unfrieden und Dahingemetzelte statt Wahlheimat. Und auf dem bei ihrer Ankunft unbewohnten Pitcairn im Crash von europäischen mit polynesischen Werten und Mentalitäten, Inselkoller und Frauenmangel bald nichts als Suff, Mord und Totschlag. Ein Eldorado und Versuchsgehege für Tiefenpsychologen. – Dazu Robert Merles “Die Insel” lesen!

Die gerade noch rechtzeitige Alphabetisierung des letzten Bountyman Adams mit Hilfe der Schiffsbibel (die heute ehrenvoll im Inselmuseum aufbewahrt wird) vor der gegenseitigen Ausrottung bescherte der gebeutelten Nachkommenschar endlich doch noch alkoholische Abstinenz, Gottesfurcht und Menschenliebe. Und ihrem frommen Obervater seine Begnadigung, Verewigung im Namen der einzigen Inselsiedlung (Adamstown) sowie ein romantisch verwittertes Grab mit Seeblick im Kreise seiner Frauen hoch über der Bountybay, dem dermaleinstigen Landeplatz.

Und jeden 23. Janaur brennt die Bounty. Wegen alledem.

***

Die Gegend da mit den spärlich in die Weiten der See gestreuten Inselperlen hat es sowieso in sich, was Strandungen, menschliche Dramen und berühmte Geschichten angeht. Die in Januartagen schicksalhaft kumulierten. Denn der selige John Adams lebte noch, als fast genau 30 Jahre später, im Dezember 1820, zwanzig Männer in drei mit Segeln aufgerüsteten Walbooten durch Sturm und Wasser nebenan die Nachbarinsel Henderson erreichten. – Das waren die Schiffbrüchigen des Nantucketer Walfängers Essex, den Wochen vorher ein Pottwalbulle versenkt hatte, der das literarische Vorbild für Herman Melvilles Moby Dick werden sollte. Nebenan heißt in diesem Fall: nur 400 Meilen entfernt. Ein Klacks, in Südsee- und Schiffbruchdimensionen gedacht. Die lebten damals auch alle noch, die Whalemen der Essex. Und sie ahnten nicht, wie nah sie ihrer Rettung waren, als sie – bis auf drei – wieder ablegten. Ahnten nicht, wie gern und liebevoll der alte Inselvater von Pitcairn samt seiner Großfamilie sie wieder aufgepäppelt hätte.

So fuhren sie mit vollen Segeln nicht nach Westen, sondern gen Osten Richtung Festland – ‘die Küste hinauf’, wie sie es im Walfängerjargon lakonisch nannten. Nur, dass zwischen ihnen und dieser Küste tausende Seemeilen lagen. Es folgte eine Tragödie, an deren Ende sie kannibalisch ihre toten Kameraden aufaßen und die nur fünf Männer überlebten. Ironie des Schicksals: ihren verhängnisvollen Kurs bestimmte die Angst vor menschenfressenden Polynesiern auf den ihnen unbekannten Inseln. Zum einen. Zum anderen waren es ihre Nantucketer Sturschädel.

Nantucketer misstrauten grundsätzlich allem, was über ihren persönlichen Erfahrungshorizont hinausging.

schrieb Nathaniel Philbrick in seinem preisgekrönten Dokumentarroman ‘Im Herzen der See’.

Ihr im wahrsten Sinne des Wortes weit reichender Erfolg im Walfang gründete weder auf radikalen technischen Fortschritten noch auf möglichem Mut zum Risiko, sondern auf einem tief verwurzelten Hang zum Althergebrachten… Jede Neuigkeit, die sie nicht aus dem Mund eines anderen Nantucketers erfuhren, war ihnen suspekt.

Nathaniel Philbrick: Im Herzen der See. Karl Blessing Verlag München, 2000, 1. Auflage, Seite 135.

Und Melville selbst kritzelte an seine eigene Ausgabe des Owen-Chase-Berichts:

All the sufferings of these miserable men of the Essex might, in all human probabiltity, have been avoided had they, immediately after leaving the wreck, steered straight for Tahiti, from wich they were not very distant at the time, & to wich, there was fair Trade wind. But they dreaded cannibals, & strange to tell knew not that… it was entirely safe… to touch at Tahiti. But they chose to stem a head wind, & make a passage of several Thousand miles… in order to gain a civilized harbor…

In: The Loss of the Ship Essex, Sunk by a Whale. Penguin Books. NY 2000, p. 78/79.

Was alles uns wieder mal lehrt: Wissen kann Leben retten. Und es hätte schon geholfen, wenn der Essex-Captain Pollard oder sein Erster Maat Owen Chase 1819 vor dem Auslaufen ihres Schiffes ordentlich Zeitung gelesen hätten, statt nur volle Walölfässer im Kopf zu haben. Das nahegelegene Lokalblatt New Bedford Mercury zum Beispiel, in dem ein Captain Townsend sich im April brühwarm über die Nahrungsumstellung der Typees auf dem marquesischen Nuku Hiwa von Menschenfleisch auf gastfreundlichere Kost ausgelassen hatte (siehe Philbrick, a.a.O., Seite 133/134).

***

Womit wir auch noch die dritte Örtlichkeit dieser wasserreichen Gegend ausgemacht haben, in der das Leben Verbüchertes über kultige Realisolatos schrieb. Die Heimat von Fayaway, dem Inselmädchen des “Typee”-Helden. – In dem bekanntermaßen der eine oder andere Liter lebendigen Herzblutes unseres Moby-Vaters aus eigenen Abenteurer- und Walfängertagen pulst. Wie immer sie hieß, er hat sie selbst gekannt, vielleicht sogar geliebt, seine Fayaway, die Inselblume von Nuku Hiva.

––– Und irgendwo hier am Spreestrand, vielleicht im Pankower Café Garbáty, feierte dieser Tage Einer seinen 73. Geburtstag, dem wir – neben ungezählten anderen – eine der schönsten und lehrreichsten Illustrierungen von Melvilles ‘Typee’ und Fayaways Welt verdanken. Für die erhielt er 1979 den Grand Prix der Biennale Bratislava: Klaus Ensikat. Der soll sich inzwischen zur Ruhe gesetzt haben. Vielleicht irgendwo hier in Berlin am Flussufer mit Zugang zum Meer, wo er gerade ein Moleskine vollkritzelt. Denn wir hoffen ja immer noch, dass der seine Drohung nicht ernst meint…

Bilder: Exercise Bounty Bay; HMS Bounty; Kirche von Adamstown, Pitcairn; Flickr; Elke.

Written by Wolf

23. January 2010 at 12:03 pm

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Glühende Mannschaften durch Aufbau Moby!

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Elke liest parallel:

Elke HegewaldEin freudiges Ereignis wird im höchsten Krähennest aller segelnden Fangflotten gefeiert. Der neue Jungwal aus dem Hause Aufbau, voller Babywalspeck und reichlich sieben Seiten Wirzberger wurde mit offenen Armen adoptiert. Er kuschelte sich sogleich, Wärme suchend, an den gewichtigen dicken Rathjen-Moby. Und plappert allerliebst Seiffertsch, beginnend mit einem entschlossen orakelnden “Nennt mich Ismael”. Aus uns vertrauten Kapitelüberschriften friemelt er schöpferisch, doch durchaus akzeptabel andere: denn warum soll die “Reisetasche” vom Jendis und vom Rathjen nicht auch ein “Reisesack” sein können – sind wir doch unter Seeleuten. Wieviel Chowder und Labskaus gemeinsam haben, weiß ich zwar nicht, aber als was küstennah Nahrhaftes sagt der Letztere dem Nicht-Neuengländer vielleicht mehr als das unvergleichliche Labsal der Mrs. Hosea Hussey. So geht es munter fort. Wenn das nicht ein braves Übersetzerherz, für welche Sprachen es auch immer – und immer mehr – brennen mag, höher schlagen lässt. O der Vorfreude! Und demnächst rücken wir dann auch dem Professore Wirzberger zu Leibe, mit geschärfter Harpune und zappelnden Tippselfingern.

Thar she blows!

Bücherregal Übersetzungen et al.

Bild: Elke.

Written by Wolf

23. November 2008 at 12:01 am

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Und siehe! Zart wie Mondstrahlgluten, weiß wie der Schnee auf Bergesgrat

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Elke schießt ein maritimeres Update zu
Hurre hurre, hop hop hop nach:

Elke HegewaldDie Russalka hat Puschkin über Jahre keine Ruh gelassen (und ja, ich schreib sie mit Doppel-s, so wird sie auch ausgesprochen – mit scharrrfem Es). Sie ist die Herrin im Dnjepr, nackt, mit oder ohne Fischschwanz, ganz wie’s beliebt. Von seinem wunder- und märchensamen Poem “Die Russalka” hab ich nur diese alte Übersetzung von Friedrich Fiedler 1895 im Netz gefunden.

Konstantin Vasilyev, Rusalka, 1968

Schön, nicht? Strahlend und düster. Das sind Melusine, die Lau, Wassernixens Tochter, Víla, Mermaid, Lorelei, Undine und eben Russalka in einem. Und irgendwie musst ich auch an die todeslürüsche Lenore denken…

Darüber hinaus – und selbiges war vor allem Puschkins Langzeitgefiesel 1829 bis 1832 – gibt es ein Russalka-Drama in Versen über ihr unheilvolles und rachsüchtiges Wirken – leider nur in Russisch gefunden.

Witold Pruszkowski, Rusalki, 1877

Auch dieses mit ähnlichen untoter Daseinsweise. Es wurde zwischen 1848 und 1855 sogar veropert, von einem Komponisten namens Alexander Sergejewitsch Dargomyschski, kaum noch bekannt und selten aufgeführt.

Und somit um Himmelswillen nicht zu velwexern mit der allseits bekannten Dvořák-Russalka 1901. Die ist nämlich eher mit der kleinen H.C. Andersen-Meerjungfrau verwandt, was die Fabel angeht.

Hach jaah, und ein Rabe kömmt auch vor bei der Puschkinschen: Russalkas Vater nämlich, der in solchiger Gestalt als vor wahnsinniger Trauer quasi auch Untoter den rächenden Handlanger spielen darf. (Sollte man mal erforschen, wer da eigentlich wen inspiriert hat?)

John William Waterhouse, Undine, 1872

Bilder: Konstantin Vasiliev für Master and Margarita, 1968:
Wikimedia Commons;
Witold Pruszkowski: Rusałki, 1877 und
John William Waterhouse: Undine, 1872: gemeinfrei.

Written by Wolf

3. June 2008 at 2:46 am

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Wie ihr’s auch dreht — der Wal hat Recht

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Elke tut meinen Gedenkjob. Sogar schon zum zweiten Mal:

Melville meets Gernhardt.

Dreh es, o Seele

Die Stirn so feucht,
das Aug’ so fahl,
so kenn ich ihn,
den Grönlandwal.

Im Nordmeer, da
ist er zuhaus,
er kommt nie aus
dem Wasser raus.

Und holt man ihn,
so sagt er knapp:
“Ihr schaufelt mir
das trock’ne Grab.

Das Meer ist tief,
die Welt ist schlecht,
wie ihr’s auch dreht —
der Wal hat recht.

Ein Jammer, dass man ihn nicht mehr fragen kann, den Robert Gernhardt, wo er Walisch gelernt hat. Denn er hat sich im vorletzten Sommer davongemacht, dorthin, wo Herman schon lange ist. Dabei hätten wir nur allzu gern gesehen, was er als munterer Siebziger noch alles für uns auf Lager gehabt hätte.

So müssen wir und Moby-Dick uns mit dem Meer von Robert Gernhardt trösten. Wetten, es hätte ihn gefreut. Und walfreundlich ist es bestimmt auch, sein Meer, oder? Na, unser großer Weißer hätt’s ihm schon gesagt…

Happy Birthday, Robert! Dort im weiten, fernen Meer…

Robert Gernhardt, Schnuffi auf hoher See

Bild: Robert Gernhardt: Schnuffi auf hoher See.

Written by Wolf

14. December 2007 at 12:05 am

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Moby-Dick undercover: Der Weiße Wal ist kein Weißwal

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Daddy Stephan hat Fahrt aufgenommen…:

Yes, the world’s a ship on its passage out, and not a voyage complete.

Chapter 8: The Pulpit

Stephan De MariaAls ich gestern nach Hause kam, hat mich mein Sohn nach einem knappen Hallo sofort gefragt:

“Papa, stimmt das, dass ein Weißwal stärker ist als ein Blauwal?”

Ich war ein wenig überrumpelt und dachte daher sofort an Moby Dick:

“Na klar ist der stärker! Wer nimmt’s denn schon mit dem auf!”

Einen Gedanken später entsann ich mich, dass ein Weißwal ein Beluga ist. Diese überirdisch harmlosen, sanftmütigen, Marshmallow-artigen Tierchen gegen einen Blauwal? Welch ein Massaker, wenn man das mit den Augen eines Fünfjährigen betrachtet.

“Nee”, antwortete ich, “Wale kämpfen eigentlich nicht gegeneinander, also nicht verschiedene Arten gegeneinander, sie haben doch genug Platz im Meer, um sich aus dem Weg zu gehen.”

Mein Sohn, das gute Kind, hat sein Interesse am Meer von seinen Eltern geerbt. Und ich bin sooo glücklich darüber!

Mit Kapitel acht endete mein gestriger Abend, mit bleiernen Augenlidern und sehnsüchtigen Gedanken an das, was da kommen mag. An die fordernd-schneidenden Winde, an das babylonische Sprachengewirr an den Docks von New Bedford. Welche Beziehung pflegen denn diese Seemänner, Walfänger zum Meer und zu ihrer Beute? Gibt es diese religöse Demut vieler uramerikanischer Völker gegenüber der Natur, die sie am Leben erhält? Ist es eine Unterwerfung des Ichs unter die Knute des Schicksals? Schiere Abenteuerlust einiger Greenhorns? Sportlicher Ehrgeiz? Ich werde es erleben.

Beluga Group Logo

… und Elke weist ihn ein:

Elke HegewaldHach, wie salomonisch schlichten doch Eltern die Kämpfe in Kinderseelen. Sowas kann der Liebe zum Meer eigentlich nur zuträglich sein. In mir wohnt sie auch – mehr als man sie in einer Landrättin wie mir vermuten sollte…

Stephan, der Einwand zum Weiß- oder Belugawal ist vollkommen berechtigt. Ich bin auch schon mehrmals über diese Bezeichnung gestolpert. Hui, und der Marshmallow-Vergleich ist ja goldig, vor allem passt er so schön, wenn man das Bild dieser Tiere vor Augen hat.

Unser Weißer Wal (mit großem W, wenns nach mir ginge) ist ja bekanntlich ein riesiger Pottwal, nur seeehr entfernt verwandt und keineswegs zu verwechseln mit jenen verschmitzt dreischauenden Marshmallow-Tierchen (die – hehe! – aber immer noch die beachtliche Länge von 3 bis 6 Metern erreichen und an die eintausend Kilogramm auf die Waage bringen können). Beluga (von bela, belyj) bedeutet übrigens auch weiß – auf Russisch.

Die Frage, warum Moby Dick dennoch der Weiße Wal heißt (obwohl Pottwale sonst eher bräunlich dunkel sind), führt uns zunächst unausweichlich wieder zu – Mocha Dick. Der soll ja, wie man hört, eine große weiße Narbe auf seiner gewaltigen angriffslustigen Stirn gehabt haben, das Zeichen bestandener Kämpfe mit nicht weniger angriffslustigen Waljägern. Tja, und auch die spinnen gern Seemannsgarn, um sich ins rechte Licht zu rücken. So wurde mit jedem Bericht über eine Begegnung mit diesem Ungetüm des Meeres die weiße Narbe größer – und der Wal immer weißer, und “irgendwann war der ganze Wal weiß geredet und gerüchtet”. Und trug so zur weiteren Legendenbildung und Manifestierung seines Mythos bei.

Na, und unserm guten Melville kam ja der Weiße Riese erst recht zupasse. Was konnte er besser gebrauchen als diesen symbolistischen Anstrich (ui, wat’n Wortspiel) für seinen Moby Dick. Der uns bestimmt auf hoher See, dort, wo selbiger uns und Ahab die weiße Stirn bieten wird, wohl noch tiefer zu beschäftigen hat.

Zwecks Entfachen der ungestümen Leidenschaft, die diesbezüglich irgendwo tief in uns wohnen sollte, und zum einstweiligen vorkostenden Beknabbern der Weiße des Wals werfe ich einfach mal ein – Ismael ins Maul gelegtes – Melvillesches philosophisch-welträtselndes Fragenbündel unter euch:

Ist es so, dass das Weiß durch seine Unbestimmtheit die herzlose Leere und unermessliche Weite des Weltalls andeutet und uns so den Gedanken an Vernichtung wie einen Dolch in den Rücken stößt, wenn wir in die weißen Tiefen der Milchstraße blicken? Oder ist es so, dass das Weiß seinem Wesen nach nicht so sehr eine Farbe ist als vielmehr die sichtbare Abwesenheit von Farbe und zugleich die Summe aller Farben? Ist das der Grund, weshalb eine weite Schneelandschaft dem Auge eine so öde Leere bietet, die doch voller Bedeutung ist – eine farblose Allfarbe der Gottlosigkeit, vor der wir zurückschrecken? […] Für all dies war der Albinowal das Symbol. Wundert euch nun noch die feurige Jagd?

Kapitel 42: Das Weiß des Wals, Jendis-Moby Seite 322

Uff! Schön, dass wir wir schonmal drüber gesprochen haben. Das Kapitel hat zweiundzwanzig und a bisserl Seiten – und die gehn von Anfang bis Ende so.

Hey, Stephan, und was die Beziehung zumindest der Walfänger zum Meere und ihrer Beute angeht: Das findest du heraus, einiges häppchenweise schon in den nächsten Kapiteln, die du ansteuerst. – Man will ja schließlich nicht alles schon vorher verraten. Verflixt, dass ich mich immer nicht bremsen kann!

Die Urvölkler in dem nordamerikanischen Staatengebilde könnten, was das angeht, allerdings nochmal einer genaueren Beschnüffelung wert sein. Ja doch, ich bin ja schon still! Und wenn ich hier zu ausgiebig klugscheiße – sorry! –, dann pfeift mich ruhig zurück, okay?

Unschuldig pfeifend übers Deck schlendernd –
die Kajüten-Klabauterin

Merke: Blauwal ungleich Beluga gleich Weißwal ungleich Weißer Wal ungleich Marshmallow.

Freundlicher Beluga

Written by Wolf

13. July 2007 at 1:05 am

Dear Mr. Queequeg, you have been informed your life’s been saved

with one comment

oder: Urviecher unter sich

Elke rockt auf:

Elke HegewaldEine Lesemannschaft, die seit Monaten mit Herman Melville lebt, weiß längst nicht mehr nur von Experten, dass es kulturelle Standardwerke gibt, die langlebig und nachhaltig in ganze Generationen gesickert sind. Über die man auf Schritt und Tritt – in der Kunst und im Alltag – in Form von Zitaten, Insider-Sprüchen und Symbolen geradezu stolpert. Moby-Dick gehört ohne Zweifel zu ihnen. Ob er nun in seichten Filmkomödchen als Nachweis für die Belesenheit eines Kerls herhalten muss, der um eine Angebetete herumbaggert, die Helden kultiger Fernsehserien ihren Hund und ihren Daddy nach einem Romanhelden benennen oder sich in ebensolchen gar selber mit ihm identifizieren. Ja, manch einer trifft Queequeg sogar in einer Berliner Kneipe. Sowas kann uns Jäger und Sammler auf Mobys Spuren kaum noch überraschen – aber es hält den Jagdtrieb wach. Und was dabei herauskommt, ist nicht zuletzt in diesem Blog in bunter Folge dokumentiert.

Was wir auch schon wissen: dass es viel mehr so schnurrige Leute wie uns gibt als man denkt, die dieses alte Buch nicht loslässt. Das freut uns doch. Und einige von denen machen sich ihren eigenen Moby-Dick.

Mastodon, Leviathan Guitar Tab BookSo auch eine Band mit dem urigen Namen Mastodon, vielleicht nicht nur Insidern und Fans ein Begriff. Jedenfalls haben sie mit ihrem Konzeptalbum Leviathan, das man auch gut eine Rock-Oper nach der Melvilleschen Vorlage nennen kann, 2004 mit Wahnsinnserfolg ihren großen (Wal-)Fang eingeholt. Die Idee dazu hatte Brann Dailor, der Drummer der Band. Und herausgekommen ist die Geschichte von Moby Dick in bemerkenswertem Songwriting und facettenreicher Musik, die von verschiedenen Metal-Genres bis Rock und Hardcore reicht.

Eine mitreißende und flott zu lesende Rezension, deren Ausführlichkeit kaum Fragen offen lässt, habe ich bei Captain Chaos gefunden und kann mir ein paar Auszüge daraus hier nicht verkneifen, um einen Eindruck zu vermitteln:

[…] um so ein Album zu erschaffen, braucht es mehr als nur musikalisches Können, es braucht Visionen und Konsequenz in erhöhter Dosis. MASTODON haben dies. […] die jeweiligen Stimmungen der Texte müssen eben eingefangen werden. Dadurch steht das geheimnisvolle und düstere “Seabeast”, das so intensiv ist, dass man Moby Dick wirklich vorbeischwimmen sieht, in trauter Eintracht neben dem brutalem und verschachtelten “Island”. Noch wilder wird es mit “Megalodon”, das relativ dezent und ruhig beginnt, nach einem Break mit Country-Gitarren jedoch in eine METALLICA-mäßige Speed Metal-Richtung abdriftet. Mit seinen fast 14 Minuten ist das progressive Epos “Hearts Alive”, das die Stimmung wechselt wie ein Chamäleon seine Farbe am undurchdringlichsten. Großes Kino, doch gleichzeitig der einzige Song, der leicht zerfahren wirkt.

Dafür gibt es große Gänsehautmomente in “Iron Tusk”, zu dem man sich vorstellen kann, wie ein betrunkener, bärtiger aber trotzdem erhabener Seemann Geschichten erzählt, das ist eine tolle Leistung von Sänger Troy Sanders. “Naked Burn” reißt von Anfang an mit, ist eine leidenschaftliche Nummer, die von dem cleanen, an Ozzy Osbourne erinnernden Gesang von Brent Hinds lebt und bei dem man sich richtig vorstellen kann, wie ein Matrose nachts an Deck steht, seine Liebste vermisst aber gleichzeitig hofft, noch viel von der Welt zu sehen. Das beeindruckendste und wahnsinnigste Stück auf “Leviathan” trägt den verdienten Titel “Aqua Dementia”. Ein wildes und unkontrolliertes Meisterwerk, das nicht mal vor Black Metal-Gekreische halt macht und zusätzlich mit der unvergleichlichen Stimme von NEUROSIS-Sänger Scott Kelly veredelt wurde. Unfassbar intensiv und atemberaubend spannend. […]

Dem Quartett ist das geglückt, was ich erhofft, aber nicht für möglich gehalten habe: […] einen der besten Romane der Erde würdig zu vertonen. MASTODON zeigen, dass sie eine Band sind, die nicht belächelt werden darf, denn sie schaffen es, die Qualitäten der alten Rock- und Metalbands ins 21ste Jahrhundert zu befördern. Respektiert dieses emotionale, intensive, spannende und gehaltvolle Album, alles andere wäre Frevel. MASTODON retten den Rock.

Auf YouTube und der offiziellen Band-Site sind diverse Musikvideos, auch mit Titeln aus diesem Album, zu finden. Ansehenswert finde ich vor allem die Seabeast-Version, die neben der musikalischen Umsetzung ein Feuerwerk an Effekten bietet: von schattenspielähnlichen Szenen über verfremdende und expressive Pantomime bis hin zu durch das Bild tanzenden Ballettmädchen in Spitzenröckchen – großes Kino.

Wem das noch nicht reicht, der kann auch gerne noch in ein Interview des Man in Front zum Leviathan reinhören. Oder sollte ihm die Jagd zu wild und die Musik zu laut sein, in den Lyrics wühlen.

Yeah! White whale – holy grail…

Mastodon die Band

Written by Wolf

4. May 2007 at 1:14 am

Posted in Smutjin Elke