Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for March 2007

Moby-Dick als Comic

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Über einem Projekt wie diesem vergisst sich leicht, dass Moby-Dick nicht nur aus philosophischen, sondern nebenbei auch noch spektakulären, abenteuerlichen, actiongeladenen Teilen besteht. Die visuellen Medien konzentrieren sich naturgemäß auf die letzteren. Comics zum Beispiel, unter denen nicht alle Bearbeitungen so viel Qualität erreichen, dass man sie Graphic Novel nennen sollte. Manche schon.

Victor G. Ambrus: Oxford Illustrated Classics.

André Deutsch: Illustrated Classics.

Will Eisner, 1998:

Aus der Bücherliste:

Will Eisners Zeichnungen sind so elaboriert wie Fotos, nur revolutionärer aufgeteilt, seine Geschichten vollwertige Drehbücher. Als Comic etwas verdrängt, als Mensch inzwischen tot, aber immer noch Weltklasse, qualitativ durchaus in der Liga mit Carl Barks.

Aus Publishers Weekly via amazon.de:

Comic book aficionados will appreciate master Will Eisner’s latest adaptation, Moby Dick. It may not begin, “Call me Ishmael,” but the story otherwise remains true to Herman Melville’s classic, with Queequeg, Ahab and the great white whale all making their entrances on cue. The cartoon panels that chronicle the final showdown between the captain and the giant fish are particularly spectacular.

Aus School Library Journal via amazon.de:

Eisner’s Moby Dick is simplistic, the whalebone without the whale. Melville’s subtleties sink under the comic-book format, and while the cartoonist does a creditable job of conveying the basic story of Ishmael, Queequeg, and Ahab, drama is inevitably sacrificed. Because of the way the panels are divided, it is difficult to know which one to read next, resulting in some confusion about plot sequence. That said, Eisner’s cartoons are charged with atmosphere, their sea tones and moody contrasts well suited to their subject. While younger readers may stumble over some of the sentence structure (“Who first sights him shall have this gold!”), the book may appeal to comic-book fans and reluctant readers.

Penko Gelev & Sophie Furse:

The story is narrated by Ishmael, a young man whose dreams of adventure become a nightmare as he unwittingly joins a doomed whaling ship led by an insane captain seeking revenge. Melville’s masterpiece is simplified and retold at an exciting and fast-moving pace to retain interest. Its vibrant full-colour artwork adds fresh appeal to the classic tale. Speech bubbles the text from the original novel work with the main text to emphasise and enhance the retelling. A running glossary at the foot of each page helps young readers with any challenging vocabulary without disrupting their reading experience. End matter provides information about the author, the historical background to the period in which the author lived and the timeline of world events that places the work in historical context. This book fits into guidelines for Key Stage 2 and 3 English and helps achieve the goals of the Scottish Standard Curriculum 5-14.

Gary Gianni.

Sam Ita: Pop-up-Buch, November 2007.

Bill Sienkiewicz, 1990.

Lew Sayre Schwartz/Richard Giordano: Aus der Bücherliste:

Die Form, in der die meisten Amerikaner bis heute Melville kennen lernen: als Classical Comic, letzte Version von 2002. Daran ist per se nichts Verwerfliches.

Falls Sie noch andere Versionen kennen: Die Kommentarfunktion ist offen.

Written by Wolf

29. March 2007 at 1:35 am

Posted in Kartenzimmer, Rabe Wolf

Kanadische Walkunde aus Plastikstühlen

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Update zu Walskelette gucken:

Brian Jungen gilt als der wichtigste kanadische Künstler seiner Generation (Jahrgang 1970). Die Villa Stuck in München ist noch bis 20. Mai 2007 die einzige deutsche Station seiner Ausstellungstournee durch Europa.

Zum Beispiel: Seine Serie von drei Walskeletten aus Plastikstühlen, die Knochen von Cetology 2002, sind untrennbar verknüpft mit einer ganzen Reihe möglicher Assoziationen – im Material verankerte Verknüpfungen, die die Grenzen von Plastik, naturkundlichem Anschauungsobjekt, Kritik am Warenfetischismus und religiös, politisch oder romantisch besetzter Symbolik transzendieren (und wahrscheinlich sowieso das Sinnvollste, was man aus den Folterschrebergartenstühlen nachlässig geführter Café-Freisitze machen kann).

Moderatoren des Zündfunk machen die Führungen gratis. Handlungsanweisung: Hin.

Danke an Frau Fernseherin für Aufmerksamkeit!

Written by Wolf

27. March 2007 at 3:03 am

Posted in Kommandobrücke

Die schönste Kirche der Welt

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No change today, like yesterday, the same
But dinner soon, then afternoon, then home.
Then hurrying home in the fading light,
The factory girl is going out tonight.

Ralph McTell: Factory Girl, 1969

Narvik, das ist da, wo die Eisenbahn aufhört. Wer hierher kommt, will weiter zum Nordkap. Wenn er nicht gerade helfen will, das Erz aus Kiruna in alle Welt zu verschiffen, aus dem ganzjährig eisfreien Hafen. Unter den Arbeitern, die auf den Schienenkränen herumturnten, fiel mir eine junge Frau in Kittelschürze auf. Ausgehende Spätschicht. Sie wischte sich Schweiß von der Stirn, um sich an den Gedanken des Feierabends zu gewöhnen. Und winkte mir von fern.

Eigentlich will Narvik vom Meer aus angegangen werden. Wir Landratten nähern uns von der Landseite, um auf den Bus umzusteigen, und halten es für ein Abenteuer, wenn kein verbindlicher Fahrplan aushängt, weil die Bushaltestellen nicht zwei Minuten, sondern sechs Stunden auseinander liegen.

Mein halbes Leben ist es her, da betrat ich in Narvik die schönste Kirche der Welt. Muss ja nicht jeder wissen, dass es die schönste ist. Stimmt sowieso nicht. In Wirklichkeit ist es nicht die schönste Kirche, sondern der schönste Aufenthaltsort, der von Menschen für Menschen gebaut wurde.

Was Seemannskirche auf Norwegisch heißt, hab ich über meiner zweiten Lebenshälfte vergessen. Aber ich kann mir bis heute plastisch vorstellen, wie es aussehen muss, wenn man sich vom Fjord dem Ufer nähert. Wenn der erstaunlich mächtige Funkturm auf dem Hausberg den Blick für die Narviker Details frei räumt, ist das erste, was man im Hafen sieht: genau. Die Erzverladeanlagen.

Dahinter, weiß getüncht, so zurückhaltend wie selbstbewusst und selbstverständlich: die Seemannskirche.

Wir schrieben Juni. Da wird’s in Norwegen nicht finster. Das Land, sogar das Meer, die Gegenstände, die Menschen sogar, sie glühen. Mitternachtssonne arbeitet wie der Mond, nur kraftvoller: Sie beleuchtet nicht, sie verzaubert.

Seeleute und gottlose Gesellen wie ich betreten Kirchen nur in der Fremde und wenn kein Gottesdienst stattfindet, den sie stören könnten. Der Augenblick war perfekt.

Versteht mich recht, wenn ich sage: Die Kirche war schmucklos. Damit meine ich nämlich: Es gab keinen Schmuck darin. Die Wände aus einem weißen Stein, aus irgendwelchen tief darin liegenden Fenstern ausgeleuchtet, der Boden aus gefahrenen Schiffsplanken. Über dem Altar, einem schlichten Quader aus dem gleichen Material wie die Mauer, ein Kreuz.

Die befreiende Abwesenheit von Bildern hieß mich selbst schauen, was an dieser Kirche schön sei. Es war ein Entwurf, der noch alle Gestaltung offen ließ. Das Scribble einer Kirche, ein schwarzweißes Layout. Aber nicht im hektischen Gekritzel eines Picasso, sondern in einem ruhig und sicher hingeworfenen Comicstrich. Just the basics; everything that’s essential and nothing that isn’t.

Die Architektur wirkte durch Proportionen, indem sie sich alle Figuren und sogar Farben sparte. Wahrscheinlich konnte man hier den Goldenen Schnitt studieren. Altar, Kreuz, ein paar Reihen Kirchenbänke, fertig. Keine Ahnung, wie viele es waren. Wie viele Paar Rippen hat ein Mensch? So viele, dass es reicht. Keins mehr, keins weniger.

Die Kirche der Weitgereisten. Sie zeigte Respekt vor denen, die sie besuchen sollten: Wer wusste, aus welchen Weltgegenden hier was für Hafenkneipenprügelanten eintorkeln konnten. Die Kirche hieß jeden willkommen und ließ ihm Platz für seine eigenen Vorstellungen. Gebaut für Leute, die einen klaren, weiten Horizont gewohnt sind.

Endlich verstand ich, warum es Christliche Seefahrt heißt. Es mag im Wesen des Norwegers liegen: Als sich die Wikinger das Morden und Brandschatzen abgewöhnt hatten, besannen sie sich auf ihre Weltläufigkeit. Das mit dem Besinnen hat Wurzeln geschlagen, und obwohl das Land gerade mal so breit ist wie ein Fußballfeld, ist es so lang wie der Rest von Europa. Das muss prägen.

Queequeg's nasty dreamz may sink the PequodHinten ein Weihwasserbecken. Daneben ein niedriges Bücherregal. Ich trat näher. Bibeln in allen Übersetzungen der Welt. Alle Schriften und Sprachen, die ich mit Namen kannte, und noch mal doppelt so viele. Neue und alte, schwarze und bunte Einbände, in allen Stadien der Zerlesenheit. Ein Ort der Andacht für wirklich jeden Menschen, mit dem eine Hafenstadt rechnen kann. Ohne klerikale Präpotenz, ohne Vorschrift eines Götzen. Wäre hier ein nackter, von oben bis unten tätowierter Kopfjäger mit einem Sarg im Schlepptau reingepoltert, ich hätte nicht mal eine Braue gehoben.

Es war entwaffnend. Ich setzte mich dankbar für so wenig Firlefanz und so viel Schönheit in eine der Bänke und – jawohl: Ich betete. Wenn jetzt noch jemand Orgel geübt hätte, säße ich heute noch dort.

Es war das Jahr, in dem sich viele Sachen zurechtrückten. Ich beschloss, vielleicht sogar auf derselben Reise, dass ich alkoholische Getränke fortan nicht als Geldausgabe, sondern als Notwendigkeit betrachten wollte, die ich mir ohne Nachrechnen leisten musste; ich beschloss, Mädchen grundsätzlich sympathisch zu finden, wenn sie barfuß gehen; ich beschloss, Adjektive zu vermeiden. Lauter Sachen, die einem angesichts der Narviker Seemannskirche einfallen.

Hinter der Kirche: ein maritim organisiertes Männerwohnheim. Daneben die Hafenkneipe.

Unter den Arbeitern, die sich auf Barhocker gereiht an Aquavitgläsern festhielten, fiel mir eine junge Frau in Kittelschürze auf. Pantinen unter den Hocker geschoben, ihre Zehen spielten mit den Stuhlbeinen.

Sie winkte wieder.

Bild: Narvik 1928, gemeinfrei.

Written by Wolf

25. March 2007 at 11:42 pm

Das Fragment gebliebene und verschollene Kapitel 22½: Merry Springtime

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Update zu Walskelette gucken:

Wenn die Drossel schreit,
ist der Lenz nicht weit.

 

 

 

Animierung: Penismuseum, Húsavík, Island;
Animation: Secretary, 2002;
Making Love: deathwhat.

Written by Wolf

23. March 2007 at 2:47 am

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Fröhliche Weihnachten: Elke hat Kapitel 22 gelesen

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Windlass Elke meint:

Anker auf – hievt!

Elke HegewaldNa, wenn das kein Weihnachtsgeschenk für die Mannschaft ist! Dass es nun endlich auf See geht nach diesem ausgedehnten und geduldigen Vorgeplänkel und wo schon keiner einen Gedanken an das Fest zu verschwenden scheint.

Und wenn anlässlich des Ablegens und steigender Spannung denn mal ein Zwischenfazit angebracht ist: Die Lesecrew in ihrer Sofaecke hat sich auf dem Weg bis hierher doch zu ganz passablen Walfängern gemausert, sich auf eigene und sonderbare Weise selbst als Leser erschaffen, oder? Die gehen mit diebischem Vergnügen auf den großen weißen Wal am Horizont, die lässt kein noch so heftiger Sturm mehr seekrank werden, der die Pequod durch die Wellen peitscht! Hat je schon wer solch ein Abenteuer aus der tiefsinnigen Geschichte von Vater Melville gemacht?

Zurück zu Whalemans Weihnacht. Was so ein richtiger Seebär ist, der tanzt auf Deck nicht um den Christbaum, sondern – um das Gangspill.

Und wenn er das nicht mit dem nötigen Eifer tut, fängt er sich schon mal einen Tritt ins Hinterteil vom wild herumkommandierenden Käptn Peleg. Während der eigentlich zuständige Ahab weiterhin hartnäckig durch Abwesenheit glänzt und damit ausdauernd an seinem melvillegewollten unheimlichen Mythos zimmert. Dabei weiß eh jedermann längst, mit welcher Rolle er in dem gebotenen Schauspiel besetzt ist, mag unser guter Ismael im inneren Kampfe gegen seine Vorahnungen sich auch noch so stichhaltige Entschuldigungen für dieses Schattendasein zurechtdrechseln. Dessen Ende ist jedenfalls in Sicht.

Der Wolf ist ja schon auf diversen unlektorierten Seltsamkeiten rumgeritten, von denen die Tante Charity – bei geordneten Familienverhältnissen – entweder mit dem frömmelnden Bildad eine weitere gemeinsame Schwester hat, Stubbs Ehefrau nämlich, oder selbst einen Stubbschen Bruder geehelicht haben dürfte. Da werf ich halt auch noch eine kleine Ungereimtheit in die Runde: Woher weiß Ismael eigentlich, welche Befehle “seit dreißig Jahren” zum Ritual des Seeklarmachens auf der Pequod gehören? Da werkelt doch Ismelville wieder leibhaftig mit auf Deck.

Und das Bild dieses kalten Weihnachtstages auf See, das er malt, verrät den alten Waljäger, der noch immer an der Seefahrt und dem Meere hängt, obwohl er inzwischen im trauten Arrowhead sein Nest gebaut hat. Hätte er sonst solche Worte gefunden? – :

… und als der kurze Tag des Nordens mit der Nacht verschmolz, standen wir schon beinahe auf der hohen See des winterlichen Weltmeeres, dessen gefrierende Gischt uns in Eis hüllte wie in einen glänzenden Harnisch. Die langen Zahnreihen auf der Reling leuchteten weiß im Mondeslicht; riesige, krumme Eiszapfen hingen wie die weißen, elfenbeinernen Stoßzähne eines gewaltigen Elephanten vom Bug herab.

Der hagere Bildad hatte die erste Wache unter sich. Während die alte Bark ohne Unterlaß tief in die grünen Wogen tauchte und sich mit frostiger Gischt bedeckte, während die Winde heulten und die Takelage sang, ertönte unbeirrbar sein Lied…” (S. 184)

Paul Gauguin, Près de la mer, 1892Na, das ist doch mein Stichwort. Endlich kann man aufhören, über die Songs the Whalemen sang nur zu spekulieren und palavern. Selbst den frommen Singsang des Lotsen Bildad, mit dem er die Männer an den Handspaken im Takt hält, kann man ja inzwischen als Capstan-(Gangspill-) oder Windlass-(Bratspill-) -Shanty klassifizieren – der als besondere Art des Homeward-Bound-Songs beim letzten Ankerlichten für die Heimfahrt zelebriert wurde.

Wobei ich schon gerne den grölenden Volltext des Kehrreims der Matrosen gelesen hätte, natürlich nur, um zu wissen, wie sich der Refrain um die Mädchen aus der Booble Alley zu Watts’ Chorälen gesellt.

Das beinahe tränenreiche Scheiden der beiden Schiffseigner, bei dem es sogar den derben Peleg fast hinreißt, wird zu aller Glück durch die zu Lachtränen reizende Abschiedsansprache des bigotten Bildad gerettet. Die gibt uns nicht nur weiteren Aufschluss über den Zwiespalt zwischen Quäker- und Walfängersein:

“Geht mir an den Tagen des Herrn nicht zu sehr auf den Wal aus, Männer, aber lasst auch keine günstige Gelegenheit verstreichen, denn das hieße, des Herrn gute Gaben zu verschmähen.” (S. 186)

Nein, er warnt auch gleich noch vor Unzucht auf den fernen Inseln, mahnt, nicht mit der teuren Butter zu aasen und hält überhaupt jedermann zur Sparsamkeit an allen Ecken und Enden an – einfach köstlich, der Gute.

Auch wenn das Herze nun allen schwer genug ist ob des blinden Schicksals, das der Mannschaft harrt: Endlich Schiff ahoi! Oder: Ab dafür! – um’s mit der Pelegschen Feinfühligkeit zu sagen.

“Ihr da, die Großrah backgebrasst!”

Written by Wolf

22. March 2007 at 12:47 am

Posted in Steuerfrau Elke

Dick-Vergleich

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Call me Jonah.
Kurt Vonnegut: Cat’s Cradle, 1963.

Man vergisst leicht, dass vor Call me Ishmael schon einiges kommt. Die Etymology (Wortkunde) und die Extracts (Auszüge) nämlich. Die Keele University Staffordshire liegt in England und war sich trotzdem nicht zu schade, ein Institut für American Studies einzurichten. Besser noch: sowohl Melvilles Etymology als auch seine Extracts fortzuführen: mehr als Moby-Dick, jünger als Moby-Dick, origineller als Moby-Dick. Das läuft sichtlich auf den traditionellen Flukenvergleich zwischen England und Amerika hinaus, wirkt aber segensreich auf die Sammelfreunde literarischer Footage.

Mitmachen dürfen Sie auch.

Written by Wolf

20. March 2007 at 3:40 am

Posted in Reeperbahn

Nennt mich nochmal Ismael

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Extended Remix des Updates zu Moby-Dick goes after Arthur Gordon Pym:

Call me IshmaelGetreu der Binse, dass es wenig gibt, was Edgar Allan Poe nicht erfunden hat, müssen wir dazu sogar den Anfangssatz aus Moby-Dick zählen.

Melville formulierte, derweil man das Jahr 1851 schrieb:

Call me Ishmael.

Gut gesagt. Ein klarer Hauptsatz mit genau 1 Aussage, ein Gongschlag von Romananfang.

Gehen wir zurück nach 1838. Da hielt Poe die abenteuerhungrigen Leser in Atem mit seinem einzigen Roman Arthur Gordon Pym. Erster Satz:

My name is Arthur Gordon Pym.

Gong. Ähnlicher Satzbau, nur eben noch Indikativ statt Imperativ, aber in der Funktion? Da verhüllt die persönliche Vorstellung des Ich-Erzählers genau wie bei Melville eher die Identität, statt eine zu stiften. Daniel Göske sagt in seinen Anmerkungen zur Jendis-Übersetzung (Seite 931) sogar:

Die Erzählerfigur des Moby-Dick beginnt seine Geschichte also mit einer bedeutungsvollen Selbstdeutung. Das Englische lässt hier übrigens offen, ob Ismael sich an mehrere Personen (Pl.) oder den klassischen “geneigten Leser” (Sg.) der Romanliteratur wendet. Übersetzer in anders geschnittene Sprachsysteme müssen sich entscheiden. Andere Stellen in diesem Kapitel legen nahe, daß Melvilles Roman als (quasimündliche?) Erzählung zunächst an viele Hörer beginnt. Auch die ital., frz. und span. Fassungen wählen daher meist die Imperativform im Plural. Hinzu kommt das Problem der Vertraulichkeit der Anrede, wie auch die früheren dt. Versionen zeigen: “Nenne mich Ismael” (1942), “Man nenne mich Ismael” (1944) und “Nennt mich Ismael” (1956). Wichtig ist jedenfalls Ismaels selbstbestimmter Akt der Maskierung, weshalb manche Übersetzungen – “Nennt mich meinethalben Ismael” (1946) oder “So nennt mich denn Ismael” (1954) [Richtig: 1964] – eine mißverständliche Deutung nahelegen.

Herausgehört und für unseren Zweck im Sinn behalten: Ismaels selbstbestimmter Akt der Maskierung. So schiebt Melville ihm eine perfekte Täuschung mit dem einfachsten Mittel unter. Musste er das neu erfinden?

Ein Jahr später, 1839: Poe verarbeitet seine schlimme Jugend im Internat und einen Zeitschriftenartikel von Washington Irving in seiner Erzählung William Wilson. Erster Satz:

Let me call myself, for the present, William Wilson.

Gong. Siehe oben. Und for the present heißt diesmal ganz erklärtermaßen, dass der vorgestellte Name ein künstlich angenommener ist.

Ein anderes Feuer, das Melville ebenfalls nicht selbst entdecken musste, ist der Kniff, seine Abenteuerhandlung mit theoretischen Exkursen aufzufüllen. Das hat Poe im nämlichen Pym aus Not getan, weil er short stories gewöhnt war. Melville musste es “nur” kultivieren und auf die Spitze treiben – was er übrigens vor Moby-Dick schon 1849 in Mardi hemmungslos durchgezogen hat.

Umberto Eco, der natürlich die gesamte Weltliteratur auswendig kennt, hat 2004 was gemerkt: Am Anfang von Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana. Illustrierter Roman zeigt der Protagonist seine selektive Amnesie, indem er die beiden Romananfänge von Poe und Melville (in der korrekten literaturhistorischen Reihenfolge) ausprobiert:

»Wie heißen Sie?«

Das war’s, hier zögerte ich. Dabei hatte ich’s auf der Zunge. Nach einer kurzen Pause gab ich die selbstverständlichste Antwort.

»Ich heiße Arthur Gordon Pym.«

»Nein, so heißen Sie nicht.«

Sicherlich war Arthur Gordon Pym ein anderer. Er ist nicht zurückgekommen. Ich versuchte, mit dem Doktor eine Vereinbarung zu treffen.

»Nennt mich… Ismael?«

»Nein, Sie heißen nicht Ismael. Strengen Sie sich an.«

Und dann noch:

Es geschieht nichts Neues unter der Sonne.

Das hat einer vor dreitausend Jahren gesagt.

Call me Ishmael tonight

Written by Wolf

18. March 2007 at 4:35 am

Posted in Rabe Wolf