Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for January 2008

Lachen uns die Engländer mit ihrem großen praktischen Verstande aus und gewinnen die Welt

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oder: The White Americans have never really been proud of their own history

Update zu Was man überhaupt noch glauben soll
und Bürgerkriegsware:

Herman Melville und die Deutschen. Belesener Weltbürger, der er war, setzte er eine Momentaufnahme aus Eckermanns Gesprächen mit Goethe in die dem Wal vorausschwimmenden Extracts:

The papers were brought in, and we saw in the Berlin Gazette that whales had been introduced on the stage there.

Eckermann’s Conversations With Goethe
as quoted in the Extracts for Moby-Dick

Das muss er aus der seinerzeit kursierenden englischen Übersetzung von Margaret Fuller, Boston 1839, haben. Der weite Weg vom Ereignis zu Weimar, Eckermanns Dokumentation, Fullers Übersetzung, Melvilles Kenntnisnahme bis zur Verwendung in Moby-Dick wurde also recht zügig zurückgelegt:

Es kommen verschiedene Zeitungen, und wir sehen in den Berliner Theaternachrichten, daß man Seeungeheuer und Walfische auf dortige Bühne gebracht.

Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, 31. Januar 1830

Es kommen verschiedene Zeitungen, und wir sehen, dass die Nazis ihren Feiertag gestern hatten. Jenen 31. Januar 1830 verbrachte Goethe mit Eckermann über der Durchsicht seiner Jugendmanuskripte (Götz sieht sehr reinlich aus, Werther ist verloren), und die Berliner Theaterleute spinnen wieder.

Bei belustigtem Zurückblättern gab es schon prekärere Themen im Hause Goethe. 1. September 1829:

Whipped Slave Gordon, 2. April 1863Während aber die Deutschen sich mit Auflösung philosophischer Probleme quälen, lachen uns die Engländer mit ihrem großen praktischen Verstande aus und gewinnen die Welt. Jedermann kennt ihre Deklamationen gegen den Sklavenhandel, und während sie uns weismachen wollen, was für humane Maximen solchem Verfahren zugrunde liegen, entdeckt sich jetzt, daß das wahre Motiv ein reales Objekt sei, ohne welches es die Engländer bekanntlich nie tun und welches man hätte wissen sollen. An der westlichen Küste von Afrika gebrauchen sie die Neger selbst in ihren großen Besitzungen, und es ist gegen ihr Interesse, daß man sie dort ausführe. In Amerika haben sie selbst große Negerkolonien angelegt, die sehr produktiv sind und jährlich einen großen Ertrag an Schwarzen liefern. Mit diesen versehen sie die nordamerikanischen Bedürfnisse, und indem sie auf solche Weise einen höchst einträglichen Handel treiben, wäre die Einfuhr von außen ihrem merkantilischen Interesse sehr im Wege, und sie predigen daher, nicht ohne Objekt, gegen den inhumanen Handel. Noch auf dem Wiener Kongreß argumentierte der englische Gesandte sehr lebhaft dagegen; aber der portugiesische war klug genug, in aller Ruhe zu antworten, daß er nicht wisse, daß man zusammengekommen sei, ein allgemeines Weltgericht abzugeben oder die Grundsätze der Moral festzusetzen. Er kannte das englische Objekt recht gut, und so hatte auch er das seinige, wofür er zu reden und welches er zu erlangen wußte.

Holla, der alte Geheyme Rath (80). Parliert geläufig über die Motive der Sklavenbefreiung. Eine menschliche Existenz gesteht er der Handelsware nicht zu, mich erinnert seine Wortwahl an die Beurteilung der Heuernte, in einer Oberpfälzer Bauernbierschwemme vom Dorflehrer mitgeschrieben beim Versuch, dem Volk aufs Maul zu schauen.

Sehen wir es ihm nach: Auch solche, die der Negerhaltung misstrauten, ich denke da an Herman Melville in Benito Cereno und seinen humoristisch gezeichneten poor old Yorpy aus The happy Failure, nahmen bei allem Wohlwollen für die komische Rasse bestenfalls einen Paternalismus ein, für den sie heute schlicht als glatte Rassisten durchgingen, dabei waren sie in einem Kontext real existierender Sklaverei das Gegenteil davon. Es muss wirklich eine sehr fremdartige Begegnung gewesen sein, als Abendländer auf Stärkerpigmentierte trafen.

Gordon im DienstHerr PJM, der jeden lieben Tag ein Old Picture of the Day ausstellt, hat sehr treffend beobachtet, wie auffallend wenige Bilder von Negersklaven aus der Zeit existieren, als Sklaverei eine lebenserhaltende Industrie darstellte. Wenn überhaupt, zeigen die Bilder entlaufene oder befreite Sklaven, nie aber die zweibeinigen Arbeitstiere im Einsatz. Vielleicht doch ein tiefes Bewusstsein von Unrecht und Schuld bei denen, die sich Sklaven — und dann bestimmt auch Kameras — leisten konnten?

Das dokumentierte Foto zeigt Gordon, nach anderer Quelle Peter, aus Mississippi, der nach seiner Flucht zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs in Baton Rouge, Louisiana vorsprach und erst als Vorzeigeflüchtling, danach als Soldat auf konföderierter Seite Verwendung fand. 1860 waren 47% der Bevölkerung von Louisiana versklavt; 1863 für Gordon immer noch eine Verbesserung seiner Umstände. Nach Louisianas strategischem Wechsel der Kriegsfront durfte Gordon immerhin für seine Interessen eintreten.

Vom misshandelten Arbeitstier zum Kanonenfutter für seine eigene Befreiung. Memo an mich: Bei dem ganzen Wirrwarr aus Unionisten, Konföderierten, Abolitionisten, Southern Unionists und border states steigt heute sowieso kein Schwanz mehr durch; da konnte sich selbst Melvilles Lyrik darüber nur noch ins Lamento retten. Da schaut ein Dialogdrama mindestens so lang wie die Iphigenie raus, Eckermännchen.

Bilder: Scars of a whipped slave, 2. April 1863: Wikimedia Commons;
Gordon in his uniform as a US soldier: Civil War Harper’s Weekly, 4. Juli 1863.

Written by Wolf

31. January 2008 at 12:01 am

Posted in Rabe Stephan

Vorabendvorstellung

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Update zur Seeräuber-Jenny:

Erreichte um 8 Uhr abends Heidleburgh. […] Bestieg um 2 Uhr mittags den Zug nach Frankfort am Maine. […] Nahm um halb elf den Zug nach Wiesbaden, stieg aber versehentlich in Mayence aus — um 2 Uhr. Weiter mit dem Schiff nach Cologne. […] Fuhr durch das Land des Rheinweins. […] Stand um 5 Uhr auf, frühstückte & ging zum Amsterdamer Bahnhof auf der anderen Flußseite. Durch Duselldorff & Utrecht. […] Darüber ließe sich wohl etwas Gutes schreiben, im ironischen Stil.

Herman Melville: Reisetagebuch, 21.—23. April 1857,
nach: Ein Leben, 2004, Seite 478ff.

Was den Film Cabaret von anderen Musikfilmen wohltuend abhebt, ist das Setting im, ja, eben: Cabaret, damit die Figuren ihre Lieder auf einer Bühne singen können, wie sich das gehört, und nicht dauernd unversehens in Gesang ausbrechen müssen. So schaurige Schießbudenfiguren ihn bevölkern, hält ihn das geradezu realistisch.

Das eindrucksvollste Lied des Films ist trotzdem das einzige, das nicht auf einer Bühne performt wird, sondern gerade doch in einem Biergarten geschmettert. Frischen Sie mal Ihr Gedächtnis auf, aber machen Sie sich auf alles gefasst: Es tut heute weher als vor dreißig Jahren, als Sie extra lange aufbleiben durften und sich nur über Liza Minnellis Schimpfkaskaden gefreut haben:

Tomorrow Belongs to Me wurde aus der Musical-Vorlage von 1966 für den 1972er Film übernommen und stammt demnach von John Kander (Musik) und Fred Ebb (Text), dem Team hinter New York, New York.

Die Melodie orientiert sich an der Wacht am Rhein und dem Horst-Wessel-Lied, zwei durchaus schmissigen Gebrauchsliedern der Nationalsozialisten, so dass der Vorwurf an die beiden Schöpfer laut wurde, sie könnten ihre Nazihymne einen Tick zu ernst gemeint haben. Letztendlich ein Kompliment an ihr Lied, aber genauer besehen haltlos, weil sie von der späten Geburt begnadete Juden waren. Dafür, dass die als neonazistisch eingestufte Kapelle Skrewdriver es für sich entdeckte, konnten sie schon nichts mehr.

Nach der lebhaften Legendenbildung Hollywoods soll die Broadway-Kapazität Mark Lambert das Lied schon eingesungen, nachher aber ihren Auftritt verweigert haben, weil sie sich die Haare nicht blondieren lassen wollte. Im Film erscheint deshalb ein angeblich echter deutscher Statist namens Oliver Collignon. Die deutsche Synchronisation ist sowieso auch technisch ein Graus.

Was erwarten wir von Deutschen in amerikanischen Filmen? Dass sie als dümmlich oder gefährlich dargestellt werden, am besten beides. In dieser auf mehreren Ebenen zermürbenden Dramaturgie bedeutet das einen Gewinn. Nehmen wir es dieses eine Mal hin, die Deppen abzugeben: Zeit und Ort der Handlung sind dort angesiedelt, wo ziemlich viele Deutsche drauf und dran waren, ziemlich viel falsch zu machen.

Das Lied ist auf eine gespenstische Weise mitreißend. Als Ohrwurm ist es wahrhaft gemein.

Der Beste ist sowieso die überschminkte Schwuchtel auf dem Rücksitz am Schluss. Das ist Joel Grey als Conferencier, eine Art spukhafter Begleitmephisto durch den Film. Das war einen der acht Oscars und den Tony Award wert.

Morgen vor 75 Jahren war Machtergreifung. Das können Sie feiern, wenn Sie müssen, aber ohne mich.

Tomorrow Belongs to Me, Cabaret, 1972, Joel Grey

Film: ABC; Bild: Xah Lee.

Written by Wolf

29. January 2008 at 12:01 am

Posted in Rabe Wolf

Moby Dünn

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Update zu Kapitän Ahab will sich an einem Fisch rächen, benimmt sich wie der Teufel aus dem Verlorenen Paradies und geht aber unter:

I read the crap so you don’t have to.

MadHaiku, 24. Januar 2008

Im Februar 2008 fällt endlich auch in Deutschland auf, was der Orion Publishing Group, das ist die mit der verdienstreichen Everyman-Reihe, für Mai 2007 eingefallen ist. Die Neon, ein Blatt für die gleiche Zielgruppe wie für Weblogs, interviewt auf einer Doppelseite Gail Paten, Lektorin für die Compact Edition.

Electrocuting Whales and Machine Gunning Sea Lions, November 1931Worum geht’s? Gekürzte klassische Romane, die typischen dicken Bücher, die angeblich gut sein sollen, aber halt viel zu dick. Neon titelt auf Seite 142f.: “Editor’s Cut. Ein englischer Verlag kürzt Klassiker der Literaturgeschichte – damit wir sie lesen können.”

Bla. Das Problem ist bekannt: Jeder würde entweder ja gern die ganzen tollen Klassiker lesen, aber leider fängt grade Sex in the City an, oder ist sowieso in der Schule dafür versaut worden. Für die ersteren, die noch nicht ganz für lizenzfreie Weltliteratur verloren sind, ist die Compact Edition. Great books in half the time! Bis jetzt ist es bei zwölf solchen Ausgaben geblieben, laut Frau Paten sind weitere geplant.

Und wo heute zwölf Klassiker versammelt sind, da ist Moby-Dick mitten unter ihnen. In der Compact Edition ist er von 135 auf 94 Kapitel reduziert, was eigentlich noch ein moderater Eingriff ist. 336 Seiten. Natürlich fehlen darin die ganze zoologische Einteilung der Wale und Fachsimpeleien über Walfang.

Einen Punkt hat Frau Paten: Wenn es nicht zufällig Klassiker wären, hätte auch keiner was dagegen, dass Lektoren straffend eingreifen, um das Tempo der Handlung zu erhöhen. Heiligtümer wie David Copperfield sind als Fortsetzungsroman erschienen. Charles Dickens konnte also seine Brotgewinste dadurch sichern, dass er sich möglichst viel Zeit nahm, Nebenhandlungen mit schön vielen Nebenfiguren einführte und ausführlich abschweifte. Gute Gründe für einen langen Atem waren im 19. Jahrhundert zahlreicher als heute.

Worauf Frau Paten sich allerdings gehütet hat hinzuweisen, ist die Folter der Umzugshelfer, das Ärgernis der Flohmarkthändler, die Enttäuschung der Nachlassverwalter, die Verhöhnung der Literaten: Reader’s Digest Auswahlbücher, angeblich die beliebteste Buchreihe der Welt, die seit 1955 genau das gleiche macht, nur nicht als great books in half, sondern sogar quarter the time — außerdem, dass Robert A. diCurcio 1995-2000 einen sinnvoll gekürzten Moby-Dick als Nantucket’s Tried-Out Moby-Dick in der Funktion eines “Companion Reader” online gestellt hat, ebenfalls nach literaturwissenschaftlichen Gesichtspunkten, wie Frau Paten sie für sich behauptet — und dass gerade Moby-Dick auf eine Geschichte als zuschanden gekürztes Kinderbuch aus lauter “spannenden Stellen” zurückblickt, mit dem einzig ruhmreichen Aspekt, dass er immer noch unbeschadet da rausgekommen ist. Übrigens genau wie David Copperfield, Jane Eyre oder The Count of Monte Cristo — ebenfalls seit 2007 in Ihrer Compact Edition.

Kollegial anerkannt wird Jane Austen, die sehr dicht erzählt, so dass kaum Puffertext zum Kürzen übrig bleibt — nach modernen Maßstäben ein guter Job. Alle sieben Bände Harry Potter auf 400 Seiten will Frau Paten nicht prinzipiell ausschließen. Ist leider Copyright drauf, sowas aber auch. Den Text bei so spannenden Büchern mittendrin

Lesetipps:

Bild: Electrocuting Whales and Machine Gunning Sea Lions, November 1931;
Film: Jaws in 30 seconds, Angry Alien.

Written by Wolf

27. January 2008 at 12:01 am

Posted in Moses Wolf

One Total Inky Blot

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Update zu A Note on “Isle of the Cross”
aus der Reihe Verpasste Jubiläen:

In view of the description given, may one be gay upon the Encantadas? Yes: that is, find one the gaiety, and he will be gay. And, indeed, sackcloth and ashes as they are, the isles are not perhaps unmitigated gloom. For while no spectator can deny their claims to a most solemn and superstitious consideration, no more than my firmest resolutions can decline to behold the specter-tortoise when emerging from its shadowy recess; yet even the tortoise, dark and melancholy as it is upon the back, still possesses a bright side; its calipee or breastplate being sometimes of a faint yellowish or golden tinge. Moreover, everyone knows that tortoises as well as turtle are of such a make that if you but put them on their backs you thereby expose their bright sides without the possibility of their recovering themselves, and turning into view the other. But after you have done this, and because you have done this, you should not swear that the tortoise has no dark side. Enjoy the bright, keep it turned up perpetually if you can, but be honest, and don’t deny the black. Neither should he who cannot turn the tortoise from its natural position so as to hide the darker and expose his livelier aspect, like a great October pumpkin in the sun, for that cause declare the creature to be one total inky blot. The tortoise is both black and bright.

The Encantadas, Sketch Second: Two Sides to a Tortoise,
March 1854, opening

Suddenly, Last Summer, Filmplakat 1959Am 7. Januar vor 50 Jahren, das ist: 1958, wurde der Einakter Suddenly, Last Summer von Tennessee Williams uraufgeführt.

Kennen Sie nicht? Ich auch nicht. Noch dazu gehört das Jubiläum dem Stück nicht mal alleine: Am selben Abend gab es noch den Einakter Something Unspoken, was als Doppelpack Garden District hieß.

Wäre da nicht der Handlungsstrang in der 1. Szene:

Mrs. Venable. One long-ago summer—now why am I thinking of this?—my son, Sebastian, said, “Mother, Listen to this. He read me Herman Melville’s description of the Encantadas, the Galapagos Islands. He said that we had to go there. And so we did go there that summer on a chartered boat, a four-masted schooner, as close as possible to the sort of a boat that Melville must have sailed on. We saw the Encantadas, but on the Encantadas we saw something Melville hadn’t written about.

Obwohl das eher zu Anfang des Stücks vorkommt, war es nachweislich eine der letzten Stellen, die Williams einfügte: Durch Mrs. Venables Monolog zeigt Williams seine Hauptfigur Sebastian nebst Mutter auf den Encantadas, vulgo Galápagos-Inseln, wie sie das üppig sprießende und treibende und wimmelnde Stirb und Werde vom Krähennest ihres Schoners aus beobachten, vor allem wie frisch geschlüpfte Meeresschildkröten unter den Angriffen von flesh-eating birds zum ersten Mal ins Meer krabbeln. Abermals Mrs. Venable:

My son was looking for God, I mean for a clear image of Him. He spent that whole blazing equatorial day in the crow’s nest of the schooner watching this thing on the beach … and when he came down the rigging he said “Well, now I’ve seen Him!”, and he meant God.

Nach Pau Gilabert Barberà:
Literature and Mythology in Tennessee Williams’s
Suddenly Last Summer:
Fighting against Venus and Oedipus
,
Universitat de Barcelona

Schon bald nach Bekanntwerden des Stücks und vor allem des nachfolgenden Films hat James R. Hurt Melvilles Sketch Second über Galápagos-Schildkröten in Suddenly Last Summer: Williams and Melville (ein abgelegener Artikel in Modern Drama III vom Februar 1961) unter einem moralisierenden Gesichtspunkt behandelt, obwohl Melville sich darin ausgesprochen sachlich und wertfrei naturbeobachtend äußert. Das erlaubt uns heute, den Vergleich mit Williams’ moralischem Einakter anzustellen:

Wie alles auf der Welt haben Schildkröten eine helle und eine dunkle Seite — richtig und gut so. Der Mensch aber, der in seinem Leben immer nur eine von beiden Seiten betrachtet, bereitet sich stete Enttäuschung oder gar den Untergang. Bei hellen Tieren sind wir auch schnell beim bekannten weißen Wal, den Ahab nicht als unschuldiges Tier oder, philosophischer, als neutrales Wesen ansieht, sondern als Inbegriff des Bösen. Was er damit anrichtet, ist mythisch geworden. Hören wir James Hurt selbst:

Sebastian’s fascination with Melville’s account is consistent, then, with his own fascination with the primeval and with his own vision of the evil face of God. But ironically Sebastian does not see the other theme of The Encantadas: the theme that the universe will be “one total inky blot” for him who sees it thus. And ironically the world which Sebastian sees mirrored in the spectacle of the turtles and the birds will turn and devour him as it devoured the turtles.

Noch eine Parallele Melville—Williams: Die Kritikerin Carol F. Reppert hat sich nicht der zweiten, sondern achten Skizze aus den Encantadas zugewandt: Sketch Eighth: Norfolk Isle and the Chola Widow, die als eine der schönsten und reifsten Arbeiten Melvilles gilt: Von Norfolk Isle, einer einsamen Insel bei Galápagos, wird eine Schiffbrüchige gerettet, die daraufhin ihre Geschichte voller Entsagungen erzählt. Frau Reppert zieht eine nicht ganz stringente Parallele zwischen Melvilles schiffbrüchiger Witwe Hunilla zu Catharine Holly aus Suddenly Last Summer, beobachtet aber schlagend, dass beider Berichte unbesehen geglaubt werden, nur weil sie überzeugend genug erzählt werden.

Die besondere Qualität aller dieser Werke, die sie zu Weltliteratur machen: Man muss sie selbst zu Ende denken. So lassen sie einen nicht in Ruhe.

Bild: Filmplakat Suddenly, Last Summer, 1959: Fair Use;
Film: Columbia Pictures, 1959.

Written by Wolf

24. January 2008 at 2:55 am

Posted in Rabe Wolf

Würde ist dem Konjunktiv sein scharlachrotes Wachkoma

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Update zu Schneller weiter klüger:

Hester and Pearl Prynne, The Scarlet Letter, 1850Was treibt Übersetzer eigentlich dazu, grundsätzlich die Wendung haben würde zu benutzen? Was genau spricht gegen das Wort hätte?

Tippen wir gleich anfangs des zweiten Kapitels The Market-Place in The Scarlet Letter von Nathaniel Hawthorne auf die Stelle:

Amongst any other population, or at a later period in the history of New England, the grim rigidity that petrified the bearded physiognomies of these good people would have augured some awful business in hand. It could have betokened nothing short of the anticipated execution of some noted culprit, on whom the sentence of a legal tribunal had but confirmed the verdict of public sentiment.

Das heißt in der Übersetzung Der scharlachrote Buchstabe von Franz Blei, die nach Lebenslauf und Diktion um 1930 entstanden sein muss:

Bei jedem andern Volke oder zu jedern spätern Periode der Geschichte von Neuengland würde die düstere Starrheit, welche die bärtigen Physiognomien dieser guten Leute versteinerte, verkündet haben, daß irgend etwas Entsetzliches bevorstehe: hätte nichts Geringeres als die erwartete Hinrichtung eines bekannten Verbrechers bezeichnen können, bei dem der Spruch eines Tribunals nur den der öffentlichen Meinung bestätigt hätte.

Na bitte, er kennt das Wort hätte ja. Die selige Erika Fuchs hat ein Arbeitsleben drangesetzt, in die Donald-Duck-Comics den richtigen Konjunktiv einzuführen, deren es mindestens zweie gibt, und ein Franz Blei glaubt, would stünde fester gemeißelt als zwei Hawthorne-Sätze, die man ja ruhig zu einem einzigen zusammenknüllen kann. — Später an gleicher Stelle:

When such personages could constitute a part of the spectacle, without risking the majesty or reverence of rank and office, it was safely to be inferred that the infliction of a legal sentence would have an earnest and effectual meaning.

heißt bei Franz Blei:

Wenn solche Personen einen Teil des Schauspiels bilden konnten, ohne die Majestät oder Ehrwürdigkeit ihres Ranges und Amtes auf das Spiel zu setzen, so war mit Sicherheit zu schließen, daß die Vollstreckung eines Richterspruches eine eindringliche, wirksame Bedeutung haben würde.

Was liegt vor gegen haben sollte, damit das Futur zur Geltung kommt? Mit Franz Blei reden wir hier nicht über einen dilettierenden Nobody, der sich ein paar Kröten dazuverdient, weil’s mit den Dachstubengedichten nicht so läuft, sondern einen ungemein produktiven Fachmann und literarischen Guru, der immerhin eine Art Jünger an seinen Stammtisch zu scharen verstand. Sprachzicken wie mir, die lieber anderer Leuten Zahnbürste als Sprachschatz in den Mund nehmen, wurden schon ansonsten möglicherweise ganz zurechnungsfähige Bücher verleidet, weil auf der ersten Seite gleich ein haben würde vorkommt. Das sind die Sachen, die einen in den Originalfassungsfaschismus treiben.

Es gibt eine tolle Studienausgabe von The Scarlet Letter, außerdem ist das Ding inzwischen dreizehnmal verfilmt.

Scarlet Letter, Accountant

Bilder: Hester Prynne, Carol Hartley.

Written by Wolf

22. January 2008 at 4:28 am

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British Society for Plant Pathology: Trust and Builds Trust

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Update zu Weihnachts, wenn die Teufelin kam:

Endlich mal ein anständiges Stöckchen. Nachdem ich es schon bei so vielen rumliegen gesehen hab, am fähigsten beim Täglichen Efeu, musste ich es auch mal strapsen. Das hab ich noch nie gemacht, und wenn nichts wirklich Grandioses nachkommt, wiederkäue ich höchstens nochmal das hier.

Es geht so: Man baut sich ein CD-Cover.

Name der Band ist der erste Zufallsartikel der englischen Wikipedia.

Name der CD sind die letzten vier Wörter des letzten Zufallszitats auf der Quotation Page.

Cover-Illustration ist das dritte “interessante” Bild auf Flickr.

Bildbearbeitung ist erlaubt, schummeln nicht. Also nix da von wegen Zufallsartikel, -zitate und -bilder generieren, bis endlich was Gescheites rauskommt.

Bei mir war der Zufallsartikel die British Society for Plant Pathology, der Zitatausriss von Mary Field Belenky und das Bild von Kena Bree.

British Society for Plant Pathology: Trust and Builds Trust würde ich sofort kaufen. Britrock mit Country-Elementen, herrlich verschrobene Texte von einem raunzigen Sänger, auf manchen Liedern mit Unterstützung der Bassistin, die aussieht wie Mavie Hörbiger in gekrempelten Jeans und Holzfällerhemd, die sie mit reingenommen haben, weil sie mal ein bisschen Fiddle gelernt hat, also irgendwas zwischen der Harvest von Neil Young und den frühen Oasis mit der kleinen Gallagher-Schwester. Erscheint bei einem Independent Label, wie schon die etwas laienhafte Typographie zeigt, die auch davon spricht, dass die Band sich auf die Musik und nicht aufs Marketing konzentriert. Warum hab ich die nicht längst? — Ach so, ich vergaß. Reservieren Sie sich Ihr Exemplar jetzt und Sie erhalten es pünktlich zum Erscheinungstermin.

British Society for Plant Pathology, Trust and Builds Trust

Dieses hinreißende Stöckchen schwirrt weiter an die Hochhaushex, weil die (dirty word:) CorelDraw üben muss, und die Wortteufelin, weil die Photoshop schon kann und offenbar ein Programm kennt, das sogar .mp3s von Peter Gabriel in Musik umwandelt.

Written by Wolf

21. January 2008 at 4:41 am

Posted in Mundschenk Wolf

(All together now:) Heathcliff!!

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Update zu Emmaline is sugar and spice and all things nice (available in English)
und Brontësaurus:

Haben Sie mal versucht, den Text zu verstehen? Und? Geschafft? Merken können? Und mit diesem Wissen versucht mitzusingen? Mitgehalten? Danach nur noch versucht mitzupfeifen? Wenigstens die Melodie gemerkt? Genervt aufgegeben und fortan mitleidig den überkandidelten Ausdruckstanz bespöttelt? — Willkommen im Club.

Aussichtslos, geliebt, gehasst, verehrt, verachtet, aber niemals mitgesungen (außer von ein paar Profis) seit 30 Jahren: Am 20. Januar 1978 erschien die Single Wuthering Heights von Kate Bush, ab 17. Februar Bestandteil ihres Debüt-Albums The Kick Inside.

Kate Bush 1978 in a boxDieser Text, hinter den man dann doch unbedingt kommen will, weil er offenbar von etwas anderem handelt als Ich-hab-dich-lieb, aus Sicht der seit langem verstorbenen Catherine Earnshaw, wie sie sich an ihren Peiniger wendet und alles in und an ihr zu ihm zurückdrängt; dieser in Schüben voranschlängelnde Rhythmus; diese Melodie, in der man kaum Strophe, Bridge und Refrain vorhersagen kann; dieses Micky-Maus-Falsett einer Besessenen! — Dieses Lied sperrt sich, sticht und spukt auf allen Ebenen. Hat jemals jemand bezweifelt, dass die achtzehnjährige Kate das Lied innerhalb weniger Sommernachtstunden mit Blick zum Dachfenster hinaus auf den Vollmond nicht irgendwie profan “schrieb”, sondern vielmehr: empfing?

Es geschah nach Inspiration durch den Film Wuthering Heights, es war die Verfilmung von 1970, das ist die mit Timothy “James Bond” Dalton, es waren deren letzte zehn Minuten, und es war nach der Erkenntnis, dass Kate Bush den Geburtstag mit Emily Brontë teilt, nur exakt 140 Jahre verschoben, der Schöpferin dieser unglaublichen Buchvorlage.

Eine Verkettung nachgerade diskordischer Zufälligkeiten, und in den Videos und den gut dokumentierten Fernsehauftritten tanzt sie wahrscheinlich satanische Botschaften rückwärts (der Blick! der Blick!), aber ich wüsste nicht, dass dieses Lied schon mal jemanden kalt gelassen hätte.

Damit wurde Kate Bush 19-jährig die erste Frau, die ein selbst komponiertes und aufgeführtes Lied vier Wochen lang auf Platz 1 der englischen und amerikanischen Charts halten konnte — ein Rekord, der sich seither nicht gerade wöchentlich wiederholt. David Gilmour von Pink Floyd entdeckt keine Luschen, die Besetzung von Alan Parsons Project arbeitet nicht mit Versagern zusammen. Maritimes Randwissen: The Saxophone Song, das zweite Lied auf The Kick Inside, wird von Walgesang eingeleitet.

Tori Amos 1992 in a boxSelbst Tori Amos, als Fee eben doch keine allschaffende Göttin, außerdem fünf Jahre jünger, beruft sich auf Kate Bush. Man glaubt es ihr, denn bösartig gesagt, kann sie genauso sphärisch Klavier klimpern und drei Oktaven zu hoch singen. Sogar Toris Themen wie Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und der Zusammenhang zwischen Patriarchat, Religion und Gewalt verblassen neben Kates frühen Vertiefungen in Geschwisterliebe, Atomkrieg und die Faszination der Zahl Pi. Dafür lebt Tori praktisch tingelnd, während Kate seit 1979 auf keiner Tournee mehr war. Irgendwie war sie trotzdem immer da, vor Tori Amos, vor Björk, ja vor Madonna gar (17 Tage jünger als Kate Bush).

Am 30. Juli 2008 wird Catherine Bush 50, Emily Brontë wird 190. Glückwünsche zum 30. von Wuthering Heights werden Frau Bush via ihre Fansite auf Myspace übermittelt.

Links:

Kaufen, kaufen, kaufen:

Bonus Track:

Single Wuthering Heights, 20. Januar 1978

Bilder: Kate in a box, 1978: El Vagon Alternativo;
Tori Amos in a box für Little Earthquakes, 1992: Everything Tori;
Single Wuthering Heights, 20. Januar 1978: Die offizielle Schweizer Hitparade.

Written by Wolf

20. January 2008 at 12:01 am