Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for the ‘Galionsfigur’ Category

Die Ladies ohne Background

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Update zu Further Etching, Das Lied vom blauen Korsaren,
Merry crisis and happy new fears und Be Several Mitreisende:

Christina Dichterliebchen hat einen Gig aufm Vorderdeck; irgendwas zwischen Lisa Hannigan und dem Background bei Loreena McKennitt:

Christina Dichterliebchen hat einen Gig aufm Vorderdeck

Und wenn im Wind die Segel flattern,
hörstu in den Wanten eine Windsbraut rattern!
Steife Brise, weh!
Großmast, steh!
Matrosen, stecht in die tiefe, feuchte See!


Lisa Hannigan: Lille, live 17. Juni 2008;
Loreena McKennitt ohne Background: The Lady of Shalott, live ca. 1994.

Written by Wolf

18. March 2012 at 12:01 am

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American Notes for General Circulation

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Update for All that we see or seem:

Christina Dichterliebchen has no Great Expectations to her job:

Carl Barks, Onkel Dagobert“Your birthday? Today? Really? So you share it with Charles Dickens. It’s his twohundreth birthday today.”

“Do I? That’s called a bicentennial. What do you share with him?”

“Not too much, sir, I’m German.”

“No matter, I’m not British either. I’m American, and we did most of his bonnet movies.”

“I wouldn’t even know him if it wasn’t for all your bonnet movies. So it’s still his initials that I share.”

“C for Charles or Christina, D for Dickens or… how d’ya pronounce it? Dick-ter-lybe-ken?”

“Liebchen, that’s right, sir. You’re doing fine, talking German.”

“That’s plenty, young lady. My congratulations.”

“And to you, sir.”

“Ah, and my uncle is Scrooge.”

“Happy birthday to both of thee.”

Image: Carl Barks, first-ever panel featuring Uncle Scrooge McDuck in: Christmas on Bear Mountain (Weihnachten auf dem Bärenberg; Die Mutprobe), 1947, in Jürgen Overkott: Die Wahrheit über Dagobert Duck, Der Westen, 23. Dezember 2007.

Written by Wolf

7. February 2012 at 12:30 am

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10.000 Steps Away. Es gibt mich. Vom Grölen von Shantys

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Christina Dichterliebchen blickt rück, so weit sie kann,
und macht ein Update zu Pretty Good Kunitzburger Eierkuchen:

Wenn nur die Zeit nicht so verginge, aber sie vergeht so wahnsinnig.

Franziska Gräfin zu Reventlow.

Christina DichterliebchenDas war Silvester 1998, das ich mit der erweiterten Verwandtschaft in Nürnberg verbringen musste.

Die Generation 60+ in einem Vertrieb für Torten und Filterkaffee, wir Junggemüse in der Meisengeige vorm Laufer Tor. Ein einzelner Laden hätte nicht gereicht, und von der Meigei kam man um Mitternacht leicht auf die Burg. Zeitweise wäre ich lieber zu den Alten umgezogen, aber ich hatte die Bedienung auf meiner Seite. Deshalb hab ich keine Ahnung, wie wir pünktlich zur Burg raufgekommen sind.

Das Feuerwerk weiß ich noch. Die Sebaldus- und die Lorenzkirche in wechselndes Licht getaucht, im fernen Südosten mein ehemaliger Haus-, der Moritzberg. Das ist schon Provinz, da zündet die Dorfjugend zu Silvester ihr eigenes Lichtlein an, damit man jedes Kaff auf der Nürnberger Burg wahrnimmt. Und ich hatte dort einen privilegierten Platz erwischt, in erster Reihe vorn an der Brüstung. Da überfiel mich hinterrücks der Drang zu singen.

Misconception Photography, I Refuse to Sink, 1. September 2011Und ich holte Luft und besann mich auf ein schottisch überliefertes Shanty, das von Sehnsucht und Menschen zur falschen Zeit am falschen Ort handelt, peilte die Christuskirche in der Südstadt an und fing an zu grölen:

Then blow ye winds and blow,
and a-roving I will go.
I’ll stay no more in England shore
to hear them fiddles plaaa-aaa-aay!
But I’m on the move
to me own true love
ten thousand miles away.

Vier Strophen. Ich plärrte allen Schmerz einer Seemannsbraut über Nürnberg hin, die zusehen muss, wie ihr Geliebter als Strafgefangener nach der australischen Bottany Bay verschickt wird. Ich rief damit: So geht Musik, sowas hält mich am Leben! Ich schrie, dass sie es bis runter in die Meisengeige hören sollten: Dass ihr mir ja mein Bier auf der Theke stehen lasst! Vor allem aber sang ich: Hört gut hin, es gibt mich!

Viel mehr als das hatte ich nie zu sagen.

Ich kannte alle vier Strophen auswendig, worauf ich immer stolz war, von einer alten Vinyl von den McCalmans, die mir was bedeutet, und musste mir in dieser Einsamkeit in all dem Menschengewirr beweisen, dass ich es noch draufhatte. Wenn man in einem der sieben Standardwerke von Stan Hugill nachschaut, hätte es wahrscheinlich sogar fünf oder fünfzehn Strophen, deswegen schau ich schon gleich gar nicht; ich hab drei davon.

Nachdem ich alle mir überlieferten Strophen fehlerfrei abgesungen hatte, kam ich wieder zu mir und zu allen anderen und schaute auf. Um mich hatte sich ein Halbkreis aus silvestertrunkenen Menschen gebildet, und sie applaudierten in ihre Sektflaschen und geklauten Biergläser. Als hätte ich nie etwas anderes zu tun gehabt, verbeugte ich mich souverän nach allen Seiten. Von meiner Verwandtschaft waren auch welche dabei, vor allem die 60+. Die schüttelten nachsichtig die Köpfe. Spätestens seitdem gelte ich bei Jung und Alt als das verrückte Viech, das ganze Lieder auswendig kann.

Als ich die Meisengeige wieder betrat, stand tatsächlich noch mein Bier da, wo ich es 1997 verlassen hatte.

“Um Gottes willen, schaust du runtergekommen aus”, begrüßte mich meine Bedienung und stiftete einen Sekt.

“Klar bin ich runtergekommen”, parierte ich, “hätt ich da droben übernachten sollen?” Darauf war ich kurzzeitig noch ein bisschen stolzer als auf das Lied, das ich leider nicht geschrieben hab.

Meine Vergangenheit in und über der Meisengeige holte mich etwa fünf Jahre später ein.

Inspire Me, 18. Januar 2011Da bestellte mich jemand aus der Verwandtschaft als Geburtstagsgeschenk für einen anglophilen Studienrat in die fränkische Provinz, nördlicher als Nürnberg, aber durchaus Süddeutschland, man muss das nicht verstehen, wohin ich überall so lose verzweigt bin. Für den Studienrat sollte ich das Lied singen, das ich damals auf der Nürnberger Burg so schön gekonnt hatte, und dafür Freibier und Unterschlupf für eine Nacht kassieren.

In Telefongesprächen bin ich hilflos, darum sagte die Person an meinem Ende der Verbindung zu, bevor ich es mir anders überlegen konnte. Am nächsten Wochenende fand ich mich von Lampenfieber geschüttelt in einer stark übervölkerten Lehrerwohnung, in der man die Schuhe ausziehen musste, fremdelnd in einer Ecke sitzen und panisch ein mir zustehendes Freibier nach dem anderen unter meiner Nase verklappen, damit ich zu niemandem was sagen musste. Es gab ausgewiesenen Irischen Abend, viel Guinness, aber wenigstens Kilkenny für mich; man musste um die Wette je einen Limerick dichten, die Lehrerskinder organisierten eine Runde Bingo, und ich hoffte, dass der Herr Studienrat nicht so penibel zwischen irischem, schottischem und australischem Volksgut unterschied. Entwarnung: Das CD-Programm sah die Dubliners, Tossers und Flogging Molly einträchtig hintereinander vor.

Man hatte mir eine Gitarre gestellt, ein angemessen lausiges Gerät, wie aus Spekulatius gebacken, mit dem ich unwillig herumprobierte, ob es nicht doch halbwegs zu stimmen sei. Das brachte mir ein Publikum von zwei, drei Menschen wie mich zur falschen Zeit am falschen Ort, die immerhin einen Takt halten und Knocking on Heaven’s Door intonieren konnten und wussten, warum man da in den letzten Jahren immer das vollständig undylaneske “Hey-ey-ey” mit reinsingt.

Rund fünf Kilkenny später war Bescherung, ich musste was tun für mein Geld. Ich ließ mich auf ein Podest aus vier Bierkisten stellen (Schübel Bräu). Die Laubsägeklampfe war nur dazu gut, sie mir um den Hals zu hängen, damit ich wusste wohin mit den Händen, die Hosenbeine hatte ich aufgekrempelt, um einen vage irisch abgerupften Look zu erzielen.

Anscheinend schaffte ich meine vier Strophen a cappella. Nach dem letzten Refrain schrubbte ich auf meiner Klampfe genau einen G-Dur runter und stoppte sofort die Saiten mit den Fingern ab, das kam unerwartet cool. Dann machte ich, dass ich von den Bierkisten runterkam. Ich erinnere mich an Applaus und brauchte den Kilkennyvorrat auf.

Vor ein paar Tagen, “zwischen den Jahren”, holte mich meine Vergangenheit ein weiteres Mal ein.

Inspire Me, 18. Januar 2011Da musste ich mich in der fränkischen Provinz nach mehreren Jahren mal wieder blicken lassen, weil jemandes Oma siebzig wurde. Im TSV-Sportheim des erfolgreichsten und einzigen Fußballvereins der, nun ja, Stadt.

Aus der noch entfernteren Verwandtschaft hatte man einen Zu-zweit-Unterhalter rekrutiert, der sein tristes Beamtendasein mit Shows im Stil von Max Raabe verkürzt. Gar nicht mal schlecht, so in überzogener Cabaret-Conférence, Ölfrisur und Schwalbenschwanz. “Am Klavier: der Wladimir!”

Als er Nummern mit Publikumsbeteiligung einzuflechten begann, versuchte ich mich unauffällig nach hinten zu verdrücken. Zuerst ließ er die Leute Geräusche zu seinen Liedern nachmachen, teilte Gruppen ein, die jeweils Meeresrauschen, Küsse und Pistolenschüsse markieren sollten. Ich war in der Gruppe für die Küsse. Neben einer sechzehnjährigen Verwandten, deren Namen ich wahrscheinlich einst in ihrer dreijährigen Gestalt gekannt hatte, und die aussah wie eine Kirsche. Besonders ihr Mund.

Als die Stelle mit den Küssen zum ersten Mal rumkam, einigte ich mich mit ihr stumm darauf, dass wir einander nicht küssen, sondern lieber gleichzeitig was trinken wollten. Max Raabe ließ Wladimir das Lied Mein Bruder macht beim Tonfilm die Geräusche unterbrechen, um das gesamte Publikum einzubeziehen und in meine Richtung zu quatschen:

“Naaa, ihr zwei da hinten? Wollt ihr erst noch üben?”

Auch das noch, ich musste was sagen. Womöglich noch was Schlagfertiges, häh?

“Mir selber wär’s ja wurscht”, maulte ich aufs Geratewohl mit extrafränkischem Charme, “aber die Frau Nachbarin hustet mir was.”

Ich bekam einen Lacher, einschließlich von Max Raabe. Klavier-Pick-up.

Als wir wieder dran waren, schnellte ich einfach den Kopf zu meiner sechzehnjährigen Verwandten herum und schmatzte sie feucht auf feuchten Kirschenmund. Sie schmeckte tatsächlich nach Kirsche.

“Geht doch!” freute sich die Conférence und sang zu Ende. Die Kirsche versank mit rot glühendem Gesicht in einer Cherry-Cola.

Das Lied Tanze mit mir in den Himmel hinein, in den siebenten Himmel der Liebe nahm Max Raabe zum Anlass, über die ersten sechs Himmel zu philosophieren, und leitete eine spontane Umfrage ein, was den Anwesenden denn zum Beispiel einer der Himmel bedeute, außer der Liebe. Die Omas schauten ihn ratlos an.

Natürlich fragte er wieder mich.

“Weiß nicht”, sagte ich, wie jeder andere auch. Dann fiel mir ein: “Kirschen vielleicht?”

Max Raabe zeigte sich begeistert.

“Kirschen!” erzählte er es allen weiter und zeigte mit dem ganzen Arm auf mich, “Kirschen! Und der wievielte Himmel wäre das dann für dich?”

“Du meinst, von sieben?” gewann ich Zeit.

Er nickte aufmunternd.

Variationen über I Kissed a Girl and I Liked It konnte man in dieser Umgebung schlecht bringen. “Naja, sechs vielleicht?” probierte ich.

Der Altersheimsaal lachte sich kaputt. Hehehe, Sex, jaja, die junge Frau, hast gehört, Sex, hahaha. Ich machte mich auf den Weg auf die Raucherterrasse, um einen Hindernisparcours von Buffettischen, herrrenlosen Stühlen mit darübergeworfenen Jacken und raumgreifenden Senioren herum.

Darauf hatte Max Raabe offenbar nur gewartet und schoss mich von hinten mit meinem korrekten Vornamen ab. Stimmt, entsann ich mich, mich muss man ja kennen, ich bin ja seit 1998 das verrückte Viech, das ganze Lieder auswendig kann.

Max Raabe zeigte Charisma, das musste ich ihm lassen. Mit eindeutigen Anweisungen, freundlich und ohne einen Ansatzpunkt zum Widerspruch, stellte er mich in ein moralisches Spotlight und lotste mich auf die Bühne zwischen sich und das Klavier mit Wladimir. So stand ich zum ersten Mal seit einem desaströsen Versuch auf einem Poetry Slam wieder auf einer Bühne. Diesmal ohne Erhöhung, zwischen Tischreihen voll notdürftig abgestaubter Altersheiminsassen, und ohne Ahnung, was es hier für mich vorzutragen geben sollte. Na gut, seit dem ersten Otto-Film kann man doch zur Not Mein kleiner grüner Kaktus.

Wladimir haute in sein ambulantes Elektroklavier.

Ein Ragtime!

Ragtime hab ich immer gemocht. Ragtime ist das, was der Nordamerikaner unter seiner autochthonen klassischen Musik versteht. Scott Joplin, der Maple Leaf Rag und wie die Dinger alle heißen. Gute-Laune-Klemperedengdong auf ganz magerem Soloklavier mit einem Hang zu Irisch, Blues und Country. Der Frackträger neben mir legte die Arme lang an die Seiten, wartete, bis Wladimir mit der Melodie um die richtige Ecke bog, schaute mich an und legte einen Satz Stepptanz hin. Schaute mich wieder an.

Ich schaute zurück. Und steppte ihm den Satz nach.

“Yeah!” jubelte er und steppte nochmal, diesmal schon was Längeres.

Ich steppte es ihm nach.

Das ist lustig, dachte ich. In meiner Festtagsgarderobe hatte ich heute sowieso einen Style in Black and White eingehalten, und trug untypisch für die Jahreszeit offene Schuhe, die nicht viel leiser klapperten als seine Steppkappen. Deswegen stand ich wohl hier. Außerdem gehörte ich zu wenigen im Saal, die sich ohne Gehgeschirr vom Fleck rühren konnten.

Mit einem Blick wies Max Raabe seinen Wladimir an, einen schmissigen Tonfilmschlager zu spielen. Und dann schaute er mir immer genau im richtigen Moment in die Augen und auf die Füße, dass ich ein Duett mit ihm gesteppt kriegte. Es sollte wohl was von Fred Astaire und Ginger Rogers sein, ich sah uns von außen aber eher als Bugs Bunny und Daffy Duck im Serienvorspann.

Versteht mich recht, wenn ich sage: Ich kann das nicht. Ich kann amtlich überhaupt nicht tanzen, geschweige denn steppen. In der neunten Klasse hab ich mich vor der Tanzschule gedrückt und stehe viel lieber an einem geruhsamen Bass oder helfe nach dem Gig die Boxen einladen. Tanzen tut so, als ob es der Musik etwas hinzufügt, während es von ihr ablenkt, und ist deshalb Kulturmissbrauch, punctum.

Dieses Steppen war aber keine Kunst. Das war nichts anderes als das, was ich jeden Tag beim Warten an Bushaltestellen mache. Nur dass die Musik diesmal woanders als zwischen meinen Ohren herkam. Und das musste man extra lernen? Wieso?

Am Schluss steppte Max Raabe ein besonders brillantes Solo, das viel Platz einnahm, zweimal setzte er sich zwischen zwei Tischreihen fast auf ein Tablett mit kalt gewordenen Schweinsmedaillons. Und schaute mich wieder an, den rechten Fuß nach dem letzten Klack hinter sich auf die Spitze geklackt. Jetzt wieder ich. Ich versuchte es ihm genau nachzutun, brauchte etwas weniger Platz und klackte am Schluss den rechten Fuß auf die Spitze hinter mich.

Aua!

Dissent Is Cool, Pirate Babe, 21. März 2010Max Raabe besuchte mich auf der mit Lampions ausgeschummerten Raucherterrasse, als ich meiner rechten großen Zehe durch die Strumpfhose beim Anschwellen, Pulsieren und Farbenwechseln zuschaute. Den Schwalbenschwanz hatte er mit Jeans und kariertem Hemd vertauscht.

“Na, und wie?” grüßte er, meine Zehen ignorierend.

“Du bist so ein Arsch”, grüßte ich.

“Du bist dafür richtig gut. Spielst mit und reagierst auf Einsätze. War klasse, für ungeprobt. Hab ich dich zu arg gezwiebelt?”

“Geht so. Die minderjährige Kirsche wird nicht weiter vernascht und mein Zeh ist noch dran.”

“Ich seh’s.”

“Gute Show. Du hast die Leute im Griff.”

“Vor allem dich, ne? Machst du was in der Richtung?”

“Stell dich nicht an, als ob du’s nicht weißt. Ich bin das verrückte Viech…”

“… das sich vier Strophen merken kann, ich weiß. Du kannst doch noch mehr.”

“Den Refrain?”

“Jetzt stellst du dich an.”

“Hast ja Recht. Ich schreib ab und zu was.”

“Schon aufgetreten? Außer vor…” Er wies nach drinnen.

Ich winkte ab. “Mal aufm Poetry Slam.”

“Dem in München, oder? Der große im Substanz?”

“Der kleinere, im Stragula.”

“Schon gehört. Ich komm nicht viel raus aus der Gegend.”

“Hast aber haufenweise Auftritte, oder?”

“Man lebt. Mundpropaganda. Man muss die Show auch viel abwandeln. Beim Hundertjährigen vom Zentralfriedhof kann man weniger so aufdrehen.”

“Schon klar. Du kriegst auch Jüngere?”

“Ich mach oft Stadtführungen für Kinder. Da lass ich mir Wörter zurufen und improvisier Gedichte mit denen.”

“Mit den Kindern oder den Wörtern?”

“Na, schon mit beidem.”

“Was bringen die so für Wörter?”

“Ach, meistens ganz normale. Sonne, Liebe, Glück. Gameboy, iPhone, Nutella. Oder was gerade in Sichtweite ist. Gartenstuhl, Haustür, Kopfsteinpflaster.”

“Kopf… stein… pflas… ter”, schmeckte ich ab. “Na gut, da reimt sich schon was drauf.”

“Es findet sich immer was. Improvisierte müssen gar nicht so perfekt sein.”

“Und man kann viel zweitverwenden, gell?”

“Würde ich nie!”

“Und wenn sie dir mit Sachen kommen wie… Staubsaugerfilterbeutel?”

“Wirst lachen, das werden die besten.”

“Hopphopp, zeig!”

“‘Lag einst auf dem Kopfsteinpflaster
der Staubsaugerfilterbeutel.’

Jetzt du.”

“‘Kam der böse Kohlenlaster,
zog ihm einen neuen Scheutel.'”

Wir lachten.

“Cool!” hustete ich dann. Ich musste nicht lügen. Dichten mit Kindern, das stellte ich mir als ausfüllende Beschäftigung vor.

“Kannst du bestimmt auch”, sagte er. “Hast du was dabei? Wetten, du hast.”

Weil’s schon egal war, kramte ich in der Tasche nach meinem Moleskine und schob es ihm hin. Er setzte sich damit näher unter einen Lampion und fing an zu blättern.

Er blätterte lange. Ich rauchte eine, zog auch den zweiten Schuh aus und entschuldigte mich, um strumpfhosig innen frisches Bier zu holen. Zurück kam ich mit zweien, eins für ihn. Er las immer noch vertieft. Ich rauchte eine und schaute ihm zu, wie er meine Geschichtenanfänge, Bücherkonzepte, Cartoonscribbles, Comicsettings, vorgezeichneten Fotoserien, Drehbuchideen, Dialogfetzen, formunvollendeten Gedichte und unvertonten Songtexte durchlas. Meine Meisterschaft manifestiert sich meist im Fragment.

Zwei Bier später klappte er es zu und legte es mir ehrfürchtig in die Hand.

“Warum machst du nicht sowas in München?”

Ich lachte auf. “Was — Stadtführungen?”

“Egal was. Hat das jemals wer gelesen?” Er klopfte mit dem Fingerknöchel auf mein Moleskine.

“Naja, ab und zu stell ich was ins Netz.”

“Ja, klar. Und freust dich, wenn es zehn Leute lesen.”

“Hey, letzthin waren’s allein fast zwanzig Lesenswertpunkte.”

Ich sah ihn im Lampionschatten die Augen verdrehen. “Kauf dir was für deine Lesenswertpunkte.” Wenn er das Wort aussprach, klang es gar nicht mehr so erstrebenswert.

“Und ich schreib mit an einem Blog.”

Er guckte streng.

“Geh raus und mach das öffentlich”, bestimmte er. “Drehbücher musst du schreiben! Jedenfalls was mit Dialog! Oder mach wenigstens einen Shop mit Moleskinereien auf etsy.com auf! Gut fürs Ego, wenn richtige Dollars aus Amerika reinkommen! Oder Kabarett!”

“Was — Herbert und Schnipsi mit Steppeinlagen?”

“Dir fällt schon was ein. Womöglich mehr als mir.”

“Ja wie denn? Für Stadtführungen brauchst du in München einen PD in Theaterwissenschaften und Neuerer Geschichte und ein Netzwerk im Stadtrat, und für ein Buch musst du schon drei Bestseller vorweisen.”

“So wie ich, stimmt’s?”

“Ist doch ganz was anderes”, redete ich mich raus.

“Der Unterschied ist”, erkärte er, “dass du in der Provinz einfach zu den üblichen Parteienverkehrszeiten irgendwen am Rathaus anrufen musst, wann du wo hinkommen sollst, um den Hampelmann für einen Arschvoll Kulturbolschewiken zu geben, die glauben, der Nordbayerische Ignorier wär eine Zeitung. Während München vor lauter Zielgruppen für Eigenverlage, Ausstellungen, Indie-Musik und Kleinkunst brummt.”

“Das wird er sein, der Unterschied.” Mir gingen die Argumente dafür aus, warum ich mein Leben damit verbringen muss, mich zu verstecken.

“Und so kannst du der Welt sagen: Alle mal herhören, es gibt mich.”

Jetzt zuckte ich doch zusammen. Ein Blick in sein Gesicht: Verdammt — er grinste.

“Na, dann sehn wir uns ja spätestens zu der Oma ihrem Achtzigstem.”

Wladimir kam auf die Terrasse geschlurft und knallte eine Flasche Wodka auf den Tisch. Wir rauchten seinen halblegalen Machorka, fanden jemanden, der uns mit Bier versorgte, und bis zum Einmotten des Altersheims früh um vier hatten wir ein Lied geschrieben. Ein original schottisches, auf das man steppen kann.

Mal sehen, wann mich meine Vergangenheit das nächste Mal einholt. — Guter Vorsatz: Öfter nachts auf Burgen Shantys grölen.

Lied: The Bootstrappers: Ten Thousand Miles Away. Die grundverschiedene Version von den McCalmans ist nicht digital aufzutreiben, und ich sing’s wieder ganz anders.

Inspire Me, 18. Januar 2011

Bilder: Misconception Photography: I Refuse to Sink, 1. September 2011;
Inspire Me: tattoo <3, 18. Januar 2011;
nochmal Inspire Me: tattoo <3, 18. Januar 2011;
Dissent Is Cool: Pirate Babe, 21. März 2010;
Isla Bell Murray: A Fine Day for Sailing, 27. Mai 2011
.

Written by Wolf

31. December 2011 at 7:47 am

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Christina Dichterliebchen und Alexandra Biermann (sind auf keine Schulferien angewiesen und) fahren ans Meer.

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Update zu Christina Dichterliebchen stellt was klar:

1.) 1

2.) 2

3.) 3

4.) 4

Alle 4 Bilder auf 1 in allen Größen.

Soundtrack (aber hallo!): Die Lassie Singers: Hamburg, aus: Sei À Gogo, 1992.

Written by Wolf

17. September 2011 at 12:01 am

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Christina Dichterliebchens Zeichenschule

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Du bist immer dann am besten,
wenn’s dir eigentlich egal ist.

Die Ärzte.

Hi, liebe Leser, ich bin’s wieder, euer erfrischendes Dichterliebchen, habt ihr mich vermisst?

In den letzten Wochen hab ich ja viel gezeichnet und kann’s schon fast. Das ist besser als Sex, bloß billiger. Also jetzt nicht, weil man da so gut durchblutet wird und jeder, der mitmacht, gleich zu stöhnen anfängt. Sondern weil das ein so sinnliches Erlebnis ist. Ganz ernsthaft: Da haben Sie ein Stück Graphit oder gar Holzkohle in der Hand, und wenn Sie sich das mal richtig geben, ist das Ding ein paar Millionen Jahre alt. Das ist archaisch! Und Sie machen damit, was den Homo sapiens von der Graugans unterscheidet: Kunst. Sie schaffen Schönheit. Sie tun etwas Wertfreies um seiner selbst willen, ziemlich weit oben auf der Bedürfnispyramide. Weil es Spaß macht, weil Sie hinterher glücklicher sind. Und weil Sie damit ein Stück von sich mitteilen. Weil etwas davon übrig bleibt. Damit sich jemand darüber freut. Und Sie benutzen Ihre Sinne dazu, Augen und Finger mindestens. Und Sie sprechen die Sinne von dem Anderen an. Sinnliche Sachen, mit denen Sie Ihre wertvollste Zeit ausfüllen, um sich auszudrücken und mit Schönheit Freude zu machen. Sehen Sie? Wie Sex, stimmt’s? Verstehen Sie, was ich meine?

Ich seh schon, jetzt wollen Sie auch.

Merke: Zeichnen ist gar nicht so schwer. Zeichnen ist die Fortsetzung des Schreibens von Hand mit gar nicht mal so anderen Mitteln. Und Schreiben hat doch jeder mal gelernt, mit Füller und Bleistift und so. Da hat man sich auch eine Handschrift zugelegt, und mit der Handschrift malt man jetzt eben keine Buchstaben mehr, sondern ein Bild. Einfach die Striche dahin malen, wo sie sein müssen. Simpel, oder?

Wenn Sie schreiben, sollen Sie nicht zu viele Wörter benutzen. Gerade so viele, dass es reicht. Keine Füllwörter. Wenn Sie einen Satz hinschreiben und es kommt ein Adjektiv, immer erst aufstehen, in die Küche gehen, was Gesundes futtern, dann ins Schlafzimmer, mit Ihrem Lieblingsmenschen eine, zwei Runden richtigen Sex vollziehen, dann eine Runde um den Block joggen, dann erst wieder hinsetzen. Wenn Ihnen das zu blöd ist, das Adjektiv weglassen.

Wenn Sie ein Bild zeichnen, geht’s nicht anders: Erst überlegen, dann einen Strich ziehen. Sie können schon, wenn es einem Effekt dient, ein Adjektiv hinschreiben oder einen Extrastrich malen. Kann man machen. Muss man aber wollen.

Sie brauchen Papier und irgendwas, das Papier färbt — ta-daa. Bei Kaut-Bullinger verkaufen sie riesige Bögen Büttenpapier in tausend Körnungen und Tönungen, die sind schön zu streicheln. Wenn Sie am Monatsende zuviel übrig haben, kaufen Sie sich so einen. Den bekommen Sie für den Transport in einen noch viel größeren Bogen Packpapier gerollt. Schmeißen Sie den bloß nicht weg, auf dem malt sich’s um Klassen besser als auf dem überteuerten Büttendings. Nehmen Sie Reißkohle, die schmutzt nicht so wie Holzkohle. Zum Färben Rötel und nach ein paar Monaten Übung einen Weißstift, mehr brauchen Sie nicht. Ein paar Monate lang sollten Sie aber schon so sparsam wie möglich bleiben, denn auch hier ist es wie beim Schreiben und beim Sex: Man muss es oft tun.

Hängen Sie Ihre ersten Bilder ruhig vorläufig an die Wand, das ist gut fürs Ego. Aber Sie müssen den Moment erkennen, sie wieder abzuhängen. Scheuen Sie sich nicht, die Meinung über Ihr Schaffen zu ändern, und sägen Sie die Rückseiten leichtherzig zu Schmierpapier. Keine Wechselrahmen und schon gar nicht fest aufziehen lassen. Gekaufte Rahmen sind was für Meisterwerke von Horst Janssen — ein grandioser Schmierfink übrigens — für Ihre eigenen Sachen schafft das die falsche Art von Respekt.

Im Vergleich zu Schreiben wäre gerahmtes Bütten: Geschwollenes Rumsabbeln. Im Vergleich zu Sex: David Hamilton nachstellen. Späten David Hamilton.

Und ein Geheimnis ist noch dabei. Soll ich’s sagen? Okay, weil wir unter uns sind:

Es muss einem wurscht sein.

Moment, das muss ich glaub ich illustrieren. Aufgemerkt.

Beweisstück A: Doofes Bild.

Christina Dichterliebchen lümmelt auf dem Sofa. Mit Tinte und Füllfeder auf FlickrSchauen Sie nur gerade hin. Ist es nicht grauenhaft? Ätz, ätz, Hornhautverkrümmung, kotz und kübel? Fassen Sie Mut und erkennen Sie die ganze Malaise. Ich verstehe jede Flickr-Gruppe, die das angewidert rausschmeißt, und Ihnen zeig ich das aus dokumentarischen Gründen, ich genier mich auch gebührend dafür, Sie dürfen einmal kurz mit mir schimpfen, nur Auslachen mag ich nicht so gern, das ist entwürdigend.

Das hab ich in mein teures Skizzenbuch gemalt, richtig tolles Papier, nur das angeblich aquarellgeeignete ist teurer, auf dem Scan sieht man noch die Struktur im Papier, wenn Sie den Monitor richtig einstellen. Mit schwarzer Tinte aus einem Kolbenfüller von 1960, voll nobel alles. Bei meinem Monatseinkommen, das Sie nicht kennen wollen, ist das eine Materialschlacht.

Und jetzt das Ergebnis: Vor lauter Angst, dass es auch ja was wird, die Striche verzogen. Zaghaft angesetzt, auf der Suche nach einer Linie überall in der Fläche rumgefuhrwerkt. Vor allem Rücken und Hintern von keinerlei anatomischer Rücksicht beleckt, die sichtbare Hand die typische Anfänger-Affenkralle, Wasserkopf, von der Brust fang ich gar nicht erst an.

Das Gegenteil von gut gemacht, wie Ihnen schon Ihr Deutschlehrer beigebracht hat, ist nicht schlecht gemacht, sondern gut gemeint. Sehen Sie, genau davor wollte der Mann warnen. Oder anders: Das Bild war mir nicht wurscht genug.

Im Vergleich zu Schreiben ist das: der Entwurf zu einer Sonntagsrede, noch nicht mal die Sonntagsrede selbst. Im Vergleich zu Sex: der erste Versuch mit einem BWL-Frettchen, das man schon während der ersten Runde nicht mehr leiden kann.

Beweisstück B: Schönes Bild.

Christina Dichterliebchen lümmelt immer noch auf dem Sofa. Mit Bleistift in Moleskine auf FlickrNa, ist das ein Unterschied?

Dass die Wimpern zu lang sind, finde ich nicht störend — dafür ist schon fast das Bildthema, wie die linke Hand, weil sie fehlt, überall sein könnte: vor der Figur auf die Bettdecke gestützt, auf ihrem Schenkel ruhend, vielleicht spielt sie verdeckt mit ihrer Halskette. Wünschen Sie sich was, es stimmt alles.

Dabei war das nie zum Herzeigen gedacht. Extra gemessen: Das Original misst vier auf vier Zentimeter. Es ist im Bus mit dem Druckbleistift auf eine benutzte Seite ins Moleskine gekritzelt, weil ich die Idee für ein Bild festhalten wollte, und bevor ich seitenlang Wörter verschwende, was drauf soll, hab ich’s eben schnell hingemalt. Oder anders: Es war mir wurscht.

Im Vergleich zu Schreiben ist das: die unprätenziös hingeworfene, funkelnd richtige Antwort auf ein philosophisches Problem in einem Kneipengespräch, nach der alle erst mal kurz die Luft anhalten, um sie geistig zu notieren und am nächsten Tag weiterzuverwenden. Im Vergleich zu Sex: sich zu zweit in der Umkleidekabine gegenseitig hastig die Unterhose unterm Rock wegreißen (bei Karstadt ging das immer), flüssig vereinigen, schön leise bleiben, und es reicht bis zum Freitag.

So, und jetzt könnte ich Sie noch feste neidisch machen, indem ich mich an dieser Stelle bei meinem zauberhaften Model bedanke. Find ich aber so unpersönlich, lieber leg ich mich nochmal mit ihr hin.

Schalten Sie auch nächstes Mal ein, wenn es wieder heißt: Zeichenschule mit Christina Dichterliebchen! Falls mir noch was einfällt.

Soundtrack: Die Ärzte: Lied vom Scheitern,aus: Jazz ist anders, 2008.

Written by Wolf

17. July 2011 at 12:01 am

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106688 Days of Robinson Crusoe

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Update for The Encantadas, Sketch Ninth: Hood’s Isle and the Hermit Oberlus:

Christina Dichterliebchen finds herself in Robinson Crusoe

I look’d now upon the world as a thing remote, which I had nothing to do with, no expectation from, and indeed no desires about: In a word, I had nothing indeed to do with it, nor was ever like to have; so I thought it look’d as we may perhaps look upon it hereafter.

Daniel Defoe: Robinson Crusoe, April 25, 1719 ff.

Written by Wolf

28. May 2011 at 12:01 am

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Christina Dichterliebchen macht das Mai-Gewinnspiel und stellt was klar

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Update zu Die Welt als Wille und Vorstellung und Christina’s Big O:

Meine beste Freundin Alexandra hat ein Guckloch zwischen den Zehen.

Sang Noir, 26. Juli 2010Das ist jetzt wieder eine tolle Aussage. Abgesehen davon, dass die deutsche Sprache weder ein Wort für die immerhin acht Körperstellen “zwischen den Zehen” noch eindeutige Bezeichnungen für die fünferlei Zehen selbst kennt, muss eigens klar gestellt werden, dass damit keineswegs die Stelle zwischen ihren beiden großen Zehen gemeint ist, zwei Stockwerke höher, die auch mit “Guckloch” in jeder Hinsicht zu lieblos bezeichnet wäre. Nochmal:

Meine beste Freundin Alexandra hat je ein Guckloch zwischen ihren jeweils ersten beiden Zehen beider Füße.

Das ist eine verbreitete Mikrovariante an menschlichen Körpern, die Alexandra im Leben nicht an sich aufgefallen wäre. Es ist ungefähr wie mit der Lücke zwischen Schneidezähnen, für die es allerdings wenigstens ein Wort gibt: Man meint damit keineswegs die Lücke zwischen den oberen und unteren Schneidezähnen, und man sieht sie nie auf Fotos.

Die Sonderstellung ihrer Zehen wäre Alexandra sogar reichlich egal, wenn ich mich nicht umgehend so sichtbar in ihr Guckloch zwischen ihrem großen und Zeigezeh (welche Ausdrucksweise ich für einen reichlich albernen Ausweg halte) verliebt hätte. Den Moment des Verliebens sieht man mir immer an, wahrscheinlich fange ich dann an zu schimmern. Wir saßen gerade auf dem Wiesenhügel über dem Dorf ihrer Eltern, nachts, mit einem Vorratsbeutel Bierflaschen hinter uns, für ein paar Stunden vor ihren Eltern geflohen, und konnten die scharf geschnittene Mondsichel über der spitzigen Dorfkirche gar nicht fassen. Als sie sich auf die Ellenbogen lehnte und die Ferse aufs andere Knie stützte, fiel es mir auf. Der Mond blitzte durch ihre Zehen Nummer 1 und 2.

“Du hast da ein Guckloch”, sagte ich.

“Selber Guckloch”, sagte sie, “komm lieber her zu mir.” Dann lehnten wir aneinander, mein rechter Arm an ihrem linken, stützten unsere Füße hoch und hielten die Innenseiten zusammen, meinen linken an ihren rechten, und peilten durch die Zehen auf die Kirchturmspitze. Es sah aus wie ein sehr ungleiches Paar Füße, meine schmale blasse, ungelenk lackierte Banshee-Flosse gegen ihren sonnenbraunen, ehrlichen Landmädeltreter, wie von einem barfüßigen Mädchenwesen aus zwei sehr verschiedenen Freundinnen. Wir probierten einen Kuss.

“Du schmeckst nach Bier”, sagte ich.

“Selber nach Bier”, sagte sie und stieß mit mir an. Als das Dorf unter uns in der Finsternis nicht mehr zu erkennen war, machten wir, was angesoffene Mädchen unseres Alters nachts auf Wiesenhügeln statt Liebe machen. Die Bierflaschen in unserem Stoffbeutel klimperten leise dazu. Jetzt waren wir “richtig” zusammen, dezentes Klirren von Glas hieß bei uns fortan Bierflaschenorakel.

Ich mag Füße, besonders den ausdrucksvollen Blick von Zehen; mit den meinigen war ich immer recht zufrieden. Alexandra mag Arme, besonders tätowierte Oberarme; sie hat selbst welche: Glaube, Liebe, Hoffnung links, den Stecken-Pegasus von Wilhelm Busch rechts. Mein Traummann ist eigentlich eine Frau, in der Nähe des frisch wachgeküssten Schneewittchens. Alexandras Traummann ist Queequeg, erstens wegen der reichen Bebilderung und zweitens, weil er gar nicht unnötig dreinquatschen kann, und wenn er spricht, seiner Botschaft mit Mitteln Bedeutung verleiht, auf die man in seiner Muttersprache gar nicht kommt. Eine Begründung, die mir sehr zusagt.

Alexandra und ich machen deshalb das Gewinnspiel für den Mai: Du gewinnst, wenn du ein Guckloch zwischen den Zehen hast — wenn du ein Mädchen bist. Oder du gewinnst, wenn du am Oberarm tätowiert bist — wenn du ein Kerl bist. Oder wenn du einfach irgendwas bist, gewinnst du vielleicht, wenn du wie im New Yorker Museum of Modern Art den Satz auf eine Weise, die uns sowas von vom Stuhl weht, vervollständigst:

Gestern war ich im Buchladen und

In den ersten beiden Fällen bitten wir um visuelle Dokumentation, im dritten Fall reicht ein Kommentar hier drunter bis Dienstag, den 31. Mai 2011, Mitternacht.

Du kannst Der Gesang der Wale von Dyan Sheldon und Gary Blythe 1990 gewinnen. Obwohl nur auf Deutsch und aus langem, liebevollem Gebrauch, ist das ein Schatz, den ich sehr umsichtig verlosen werde, schau doch allein mal die Illus. Oder als Stiftung vom Wolf: Der Schwarm von Frank Schätzing 2004, ebenfalls gebraucht. Alexandra verlost ihre Anerkennung und Zuneigung, sagt sie, ungebraucht.

Bei der Vielzahl der zu erwartenden Gucklöcher, Tätowierungen und vollständigen Sätze entscheidet das Bierflaschenorakel. Es hat sich noch nie geirrt.

Gary Blythe, The Whales' Song, They leapt and jumped and spun across the moon, 1990

Bonus Tracks: Die besten Tattoo-Seiten der Welt sind:

Bilder: Sang Noir: Moby Dick, 26. Juli 2010;
Gary Blythe: The Whales’ Song: “They leapt and jumped and spun across the moon” via Plum Leaves, 1990.

Reich bebilderte Musik: Gogol Bordello: Pala Tute, aus: Trans-Continental Hustle, 2010.
Am 9. August 2011 im Nürnberger Hirschen, am 17. in Jena!

Written by Wolf

1. May 2011 at 12:01 am