Moby-Dick™

Leben mit Herman Melville

Archive for December 2007

Pretty Good Kunitzburger Eierkuchen

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Update zu Prokrastination jetzt! und Warum die Doppelgängerin Moby-Dick voraussichtlich nicht lesen wird:

Liedchen

Die Zeit vergeht.
Das Gras verwelkt.
Die Milch entsteht.
Die Kuhmagd melkt.

Die Milch verdirbt.
Die Wahrheit schweigt.
Die Kuhmagd stirbt.
Ein Geiger geigt.

Joachim Ringelnatz: Liedchen, in: 103 Gedichte, Seite 7, 1933

Constantin Brancusi, Portrait James Joyce 1929Als James Joyce nach sechzehn Jahren Arbeit, wegen schleichender Erblindung mit dem Zimmermannsbleistift, mit dem verzwicktesten Buch der Welt, Finnegans Wake, fertig wurde, hatte er gut Lust, ein sehr einfaches Kinderbuch zu schreiben. Wenn dieser Salat — oder muss man es eine Bouillabaisse nennen? — hier fertig ist, was im Laufe von 2014 oder so passieren müsste, bloggen wir auch was ganz Überschaubares.

Es darf gerne etwas Deutsches sein, das recherchiert sich leichter. Kürzlich ist mir wieder jenes alte Haus-, Hof-, Leib-, Magen- und Seelengedicht von Joachim Ringelnatz ein- und aufgefallen, das mir und Ihnen und unseresgleichen von den ersten jugendlichen Manifestationen des Charakters an lebenslang an die Wand genagelt gehört.

Das Frappierende daran ist, dass man mit jeder Zeile davon ein Leben lang nicht fertig wird. Allein die Stelle mit dem Kunitzburger Eierkuchen, wie sie gesagt und wo sie eingebaut wird, ist der Anstoß zum Radikalen Konstruktivimus.

Ideal zum Bloggen; ich denke daran, jede Zeile als eigene Kategorie zu definieren und den Schreibfluss mindestens so lange durchzuhalten, wie wir für Moby-Dick — Futur II: — gebraucht haben werden. Das hätte Tiefgang und wäre schlicht genug, dass die Menschen es haben wollen. — Vorsicht, die Händebreit Wasser unterm Kiel werden gleich ein letztes Mal für heuer seichter.

Wir lesen uns 2008.

Ansprache eines Fremden
an eine Geschminkte
vor dem Wilberforcemonument

Guten Abend, schöne Unbekannte! Es ist nachts halb zehn.
Würden Sie liebenswürdigerweise mit mir schlafen gehn?
Wer ich bin? – Sie meinen, wie ich heiße?

Liebes Kind, ich werde Sie belügen,
Denn ich schenke dir drei Pfund.
Denn ich küsse niemals auf den Mund.
Von uns beiden bin ich der Gescheitre.
Doch du darfst mich um drei weitre
Pfund betrügen.

Glaube mir, liebes Kind:
Wenn man einmal in Sansibar
Und in Tirol und im Gefängnis und in Kalkutta war,
Dann merkt man erst, daß man nicht weiß, wie sonderbar
Die Menschen sind.

Deine Ehre, zum Beispiel, ist nicht dasselbe
Wie bei Peter dem Großen L’honneur. –
Übrigens war ich – (Schenk mir das gelbe
Band!) – in Altona an der Elbe
Schaufensterdekorateur. –

Hast du das Tuten gehört?
Das ist Wilson Line.

Wie? Ich sei angetrunken? O nein, nein! Nein!
Ich bin völlig besoffen und hundsgefährlich geistesgestört.
Aber sechs Pfund sind immer ein Risiko wert.

Wie du mißtrauisch neben mir gehst!
Wart nur, ich erzähle dir schnurrige Sachen.
Ich weiß: Du wirst lachen.
Ich weiß: daß sie dich auch traurig machen.
Obwohl du sie gar nicht verstehst.

Und auch ich –
Du wirst mir vertrauen, – später, in Hose und Hemd.
Mädchen wie du haben mir immer vertraut.

Ich bin etwas schief ins Leben gebaut.
Wo mir alles rätselvoll ist und fremd,
Da wohnt meine Mutter. – Quatsch! Ich bitte dich: Sei recht laut!

Ich bin eine alte Kommode.
Oft mit Tinte oder Rotwein begossen;
Manchmal mit Fußtritten geschlossen.
Der wird kichern, der nach meinem Tode
Mein Geheimfach entdeckt. –
Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!

Das ist nun kein richtiger Scherz.
Ich bin auch nicht richtig froh.
Ich habe auch kein richtiges Herz.
Ich bin nur ein kleiner, unanständiger Schalk.
Mein richtiges Herz. Das ist anderwärts, irgendwo
Im Muschelkalk.

Joachim Ringelnatz: Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte vor dem Wilberforcemonument, in: Kuttel-Daddeldu, Seite 61f., 1923

Lied (Hold onto nothing as fast as you can — still: a pretty good year):
Tori Amos: Pretty Good Year, aus: Under the Pink, 1994;
Bild: Constantin Brancusi: Frontispiz aus James Joyce: Tales Told of Shem and Shaun, Paris 1929. Portrait von James Joyce ohne Antlitz.
Das untere ist eins von Gil Elvgren.

Schöne Restfeiertage von Gil Elvgren

Written by Wolf

29. December 2007 at 12:01 am

Miss You

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Update zu Rathjen geht aufs Mare:

Alle Bilder via ƒ€ñЀ®èLLÅ.

Written by Wolf

27. December 2007 at 1:05 am

Posted in Mundschenk Wolf

Das Land der Kuhjungen mit der Seele suchen

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Update zu Amiot! und Alle lieben Bartleby
(und Das Land der Deutschen mit der Seele suchen):

Manu Larcenet, Hundejahre. Die wundersamen Abenteuer von Sigmund Freud, 2001Sigmund Freud, Kind vom 6. Mai 1856, verlegte nach einer ausgiebigen Praxis der Psychoanalyse an neurotischen alten Wiener Schachteln den Schauplatz seiner Seelenforschung in den Wilden Westen.

Manu Larcenet, Kind vom 6. Mai 1969, macht die unbewussten Tatsachen dramaturgisch schlüssig. Vor allem auch die Nebenerscheinung, dass im Indianergebiet kaum jemand auf Verhaltensmuster seiner Kindheit festzunageln ist, vielmehr allzu bereitwillig Koriander gegen halluzinogene weiße Pilze, rote Kräuter aus den Hügeln und Maismehl eintauscht.

Die Weißen werden Krieg gegen die Inhaber echter Seelen führen. Nicht den mit Gewehren, das tun sie ohnedies, und es wird vorübergehen. Ihre schlimmste Waffe werden die Krötenhäute sein, Geldscheine, die ihnen erlauben, auf einem Boden zu marodieren, den ihre Füße nie kennen werden. Wenn die mit den Seelen eines Tages nichts mehr haben, werden auch sie diese Seelen annehmen, um noch eine Weile zu überleben. Dann haben die anderen gewonnen. “Ist es das, was du willst, Vetter Hund? Eine Siegerseele?” — Spot, der Hund auf der Suche nach seiner Seele, meint mit Seele etwas anderes als der angegraute Doktor seiner selbsterfundenen Disziplin mit Psyche.

Glaube mir, liebes Kind:
Wenn man einmal in Sansibar
Und in Tirol und im Gefängnis und in Kalkutta war,
Dann merkt man erst, daß man nicht weiß, wie sonderbar
Die Menschen sind.

Deine Ehre, zum Beispiel, ist nicht dasselbe
Wie bei Peter dem Großen L’honneur. —

Joachim Ringelnatz: Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte vom dem Wilberforcemonument in: Kuttel Daddeldu, 1923

Manu Larcenet, Hundejahre. Die wundersamen Abenteuer von Sigmund Freud, 2001, Seite 7

Bilder: Repodukt.

Written by Wolf

26. December 2007 at 12:01 am

Posted in Rabe Wolf

My Mouth Is Bleeding, or: Merry Christmas, Bedford Falls

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Update for Joachim Ringelnatz: Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu:

It’s A Wonderful Life by Frank Capra starring James Stewart and Donna Reed, 1946, is considered one of the best films ever made — by guess whom? Especially by those who have on the q.t. their heartstrings played by it year after year after year.

Nobody is watching you. Take your 130 minutes, switch to Frame, open your mind, close your head, and watch.

If you can read this on December 24, you are the right person to watch, since the film’s message is: Get a life; whilst our message to Mr. Jesus “Reason for the Season” Christ is: Happy birthday. — This service comes to you by Moby-Dick™ for free as long as you respect Liberty Films‘ and RKO‘s copyright, right?

Film:: Liberty Films, RKO Radio Pictures;
Image: Decodog.

Written by Wolf

24. December 2007 at 12:01 am

Posted in Mundschenk Wolf

Fast geschenkt: The Tales of the Wolf

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The Tales of Beedle the Bard waren ein Geschenk an Hermi(o)ne? Von wegen. The Tales of Beedle the Bard wurden gerade wo sonst als bei Sotheby’s von wem sonst als Amazon ersteigert.

Emma Watson as Hermione Jean Weasley, née GrangerFür lasche 2,75 Millionen Euro. Sieht auf den üppigen Bildern des stolzen Käufers gar nicht schlecht aus.

Was Sie jetzt noch haben können:

  • Das abgelegene Apokryphon Weihnachten für Wellensittiche von William Kotzwinkle, als Knaur-Taschenbuch in der Übersetzung von, jawollja, Harry Rowohlt, ab 2,39 Euro (nicht Millionen);
  • das btb-Taschenbuch Mardi, Herman Melvilles seemannsphilosphische Fingerübung zum Moby-Dick in der Übersetzung von Rainer G. Schmidt, rarer als das Hardcover, ab 25 Euro;
  • das Goldmann-Taschenbuch Dr. Katzenbergers Badereise von Jean Paul für 999 Euro.

Und wo doch jetzt an Weihnachten so viele Gutscheine verschenkt werden, mach ich’s wie Joanne K. Rowling und schreibe Ihnen exklusiv von Hand ein ganzes großformatiges blanko Moleskine mit Märchen, Gedichten, Schwänken, Travestien, Parodien, Bildern aller Größen und Stimmungslagen voll — 240 Seiten. Als Unikat, alles frisch für Sie selbst erfunden, mit blauschwarzer Kalligraphietinte aus der extrafeinen Goldfeder niedergeschrieben und mit Strichzeichnungen illustriert, einschließlich der Garantie, dass der gesamte Inhalt weder veröffentlicht ist noch wiederverwendet wird. Sie schließen einen Lieferantenvertrag mit mir in meiner Eigenschaft als Firma Gute Worte ab und können sicher sein, dass ich ungleich Frau Rowling nicht erst mal sechs Stück von Ihrem Unikat an meine Kumpels verschenke. Alles seriös, nichts Schwarzes. Mach ich einfach. Schlagen Sie zu, bevor ich mir’s anders überlege, und mehr als drei solche Aufträge werde ich nicht annehmen. Das kostet Sie 10.000 Euro, so viel wie ein gern genommener Geschenkgutschein für einen Diamantring — das entspricht einem Seitenpreis von gerade mal 41,67 Euro oder 0,36 % (!) eines vergleichbaren Rowling —, und ist versandkostenfrei! Wenn Sie bis 6. Januar 2008 bestellen, liefere ich pünktlich zum 23. März 2008, dann haben Sie was Feines zu Ostern.

Na?

Bilder: Emma Watson als Hermione Jean Weasley, geborene Granger: Public Domain (jaja, ich hab’s selber nicht geglaubt…);
Titelseite Joanne K. Rowling: The Tales of Beedle the Bard: The Guardian.

Written by Wolf

22. December 2007 at 12:01 am

Posted in Reeperbahn

Plan 12/24 From Outer Space

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Update zu That same image selves see in all rivers, in oceans, in lakes and in Welles:

Santa Claus Conquers the MartiansDer Plot von Santa Claus Conquers The Martians oder Santa Claus Defeats the Aliens, 1964 könnte ohne größere Eingriffe aus dem aktuellen Jahrtausend stammen: Die Marsianer kidnappen den Nikolaus oder jedenfalls etwas, das Amerikaner dafür halten, damit sie auf dem Mars auch endlich Geschenke kriegen. Ist das world-of-warcraft-fähig oder nicht?

War als typischer Weihnachts-“Film für die ganze Familie” gedacht, wird aber heute in eine Reihe mit Plan 9 From Outer Space 1959, dem vierten Weißen Hai 1987, Showgirls 1995 oder Catwoman 2004 als einer der objektiv schlechtesten Filme aller Zeiten gestellt und ist deshalb de facto nichts für Mimosen. Joe Gandelman hat das Ding zum Nikolaustag 2007 in The Moderate Voice endlich in der gebotenen Ausführlichkeit ernst genommen.

Pia Zadora, 1980erInsiderwissen: Wir können darin der 80er-Softporono- und Sangesmieze Pia Zadora mit ihren acht Jahren beim Debütieren als Jungmarsianerin “Girmar” zuschauen. Ihr nächster Film war erst wieder 1981 Butterfly — dafür jetzt gleich richtig mit Orson Welles. Auf Deutsch hieß er Der blonde Schmetterling und setzte für Frau Zadora einen Golden Globe als beste Newcomerin, für den selbst Meister Welles als beste Nebenrolle nur nominiert war, weil das 1964er Weihnachtsdebüt gnädig übergangen wurde, und eine Goldene Himbeere als schlechteste Newcomerin, und noch eine solche als schlechteste Schauspielerin.

Die Vollversion dauert 81 Minuten; ihre Zugänglichkeit in der Public Domain ist legal, wahrscheinlich weil dergleichen von soziologischem, nicht aber kommerziellem Interesse sein kann. Zum Anfixen und Eingewöhnen tut’s erst mal das zehnminütige Mashup, das keine gute Stelle auslässt.

Bilder: Wikimedia Commons, Taskboy.

Written by Wolf

21. December 2007 at 1:17 am

Posted in Moses Wolf

Verschwinde aus meinem Leben, Baby

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Update zu Ich habe euch immer gesagt, dass wir die Menschen fröhlich machen müssen:

Musik: Funny van Dannen oder SoKo.

Ich hab Keira Knightley abgesägt.
Mit mir geht manches nicht, und das wusste sie.
Eigentlich wollte ich nicht, dass sie sich so erschreckt.
Die Beziehung war tot, und sie nur noch geprägt
von Botox und Bulimie.

Es reicht eben nicht, das hat sie vergessen,
sich zu unterwerfen: Es kam nicht von innen.
Wie ihre Zehen lackiert sind, konnte ich in der Bunte nachlesen.
Unser Küchentisch taugte nicht mal mehr zum Essen
für Berufsbulimikerinnen.

(Wanderklampfensolo!!)

Jetzt säuft sie wieder und ich soll schuld sein, auch wenn sie
lallte: “Mach dir mal du keinen Kopp.”
Ich hatte schon wieder Dates mit MacKenzie.
“Mit den Hüftknochen”, sagte ich noch, “lass ich dich nicht ins Fernseh.” —
“Lass mich”, würgte sie. — Hey, so ist der Job.

(Fade out.)

Keira Knightley in Jane Austen, Pride and Prejudice

Bild: Keira Knightley als Elizabeth Bennet in Jane Austen: Pride and Prejudice (Stolz und Vorurteil), 2005, erste Einstellung.

Written by Wolf

19. December 2007 at 4:32 am

Posted in Vorderdeck, Wolfs Koje